Kleinbürger (kleine Selbständige & Kleinkapitalisten)
Kleinbürger sind ökonomisch ein Mittelding zwischen Lohnarbeiter und Kapitalist. Mit dem Lohnarbeiter haben sie gemeinsam, dass sie von eigener Arbeit leben müssen, mit dem Kapitalisten haben sie gemeinsam, dass sie ihre eigene Produktionsmittel benutzen und ihr Arbeitsprodukt als ihnen gehörende Ware verkaufen. In ihrer Mehrheit sind es Einzelarbeiter.
Der Kleinbürger ist „ein Arbeiter, der sich vom modernen Proletarier dadurch unterscheidet, dass er noch im Besitz seiner Arbeitsmittel ist; also ein Überbleibsel einer vergangenen Produktionsweise.“ F. Engels, Bauernfrage, MEW 22, 488.

„Innerhalb der EU gibt es ca. 18 Millionen Selbständige, das entspricht 13 % der erwerbstätigen Gesamtbevölkerung.“ LitDokAB 99/2000-1, a-902.

In Deutschland gehören 9 % aller Erwerbstätigen zu den Selbständigen (Stat. Bundesamt, 2001). Im Jahr 1960 gab es rund 20 % und im Jahr 1880 noch rund 35 % Selbständige in Deutschland.
Die statistische Summe der Selbständigen in Deutschland (9 % aller Erwerbstätigen) enthält die Kapitalisten, die von fremder Arbeit leben (können) (= ca. 1 % aller Erwerbstätigen), die  Kleinkapitalisten und selbständige Handwerker, die teils selber produktiv arbeiten, teils fremde Arbeitskraft ausbeuten, (= ca. 3,5 % aller Erwerbstätigen) und zu 50 % die Einzelarbeiter, die nur sich selber ausbeuten (= 4,5 % aller Erwerbstätigen).
„Selbständige Einzelarbeiter ohne sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter machen 50 % aller Selbständigen aus.“ LitDokAB 99/2000-1, a-898.

1. Selbständige Einzelarbeiter sind keine Kapitalisten.
„Zersplitterte Produktionsmittel, die den Produzenten selbst als Beschäftigungs- und Subsistenzmittel dienen, ohne sich durch Einverleibung fremder Arbeit zu verwerten, sind kein Kapital.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 731.

„Wie verhält es sich aber dann mit selbständigen Handwerkern oder Bauern, die keine Arbeiter anwenden, also nicht als Kapitalisten produzieren? ...
Ihre Produktion ist nicht unter die kapitalistische Produktionsweise subsumiert. Es ist möglich, dass diese Produzenten, die mit eigenen Produktionsmitteln arbeiten, nicht nur ihr Arbeitsvermögen reproduzieren, sondern Mehrwert schaffen, indem ihre Position ihnen erlaubt, ihre eigene Mehrarbeit oder einen Teil derselben (indem ein Teil ihnen unter der Form von Steuern etc. weggenommen wird) sich anzueignen. ...
Der unabhängige Bauer oder Handwerker wird in zwei Personen zerschnitten. ... Als Besitzer der Produktionsmittel ist er Kapitalist, als Arbeiter ist er sein eigener Lohnarbeiter. Er zahlt sich also seinen Lohn als Kapitalist und zieht seinen Profit aus seinem Kapital, d.h. er beutet sich selbst als Lohnarbeiter aus und zahlt sich in dem Mehrwert den Tribut, den die Arbeit dem Kapital schuldet.
Vielleicht zahlt er sich noch einen dritten Teil als Grundbesitzer (Rente)...
Die Produktionsmittel werden nur Kapital, soweit sie als selbständige Macht der Arbeit gegenüber verselbständigt sind. Im angegebenen Fall ist der Produzent .... Besitzer, Eigentümer seiner Produktionsmittel. Sie sind also nicht Kapital, sowenig wie er ihnen gegenüber Lohnarbeiter ist. ...
Der Produzent schafft zwar im angegebenen Fall seinen eigenen Mehrwert (der Fall gesetzt, dass er seine Ware zu ihrem Wert verkauft), ... dass er aber das ganze Produkt seiner eigenen Arbeit sich selbst aneignen kann und es nicht von einem dritten Herrn angeeignet wird, ... verdankt er nicht seiner Arbeit - die ihn nicht von anderen Arbeitern unterscheidet -, sondern dem Besitz seiner Produktionsmittel. ...“ K. Marx, Theorien über den Mehrwert I., MEW 26.1, 382-384.

 „Die kapitalistische Produktion beginnt, wie wir sahen, in der Tat erst, wo dasselbe individuelle Kapital eine größere Anzahl Arbeiter gleichzeitig beschäftigt, der Arbeitsprozess also seinen Umfang erweitert und Produkt auf größerer quantitativer Stufenleiter liefert.“ K. Marx, Kapital I. MEW 23, 341.

Vorausgesetzt ein Arbeiter kann durch 6 Stunden täglicher Arbeit seinen Lebensunterhalt bestreiten. „Wäre dieser Arbeiter im Besitz seiner eigenen Produktionsmittel und begnügte er sich als Arbeiter zu leben, so genügte ihm die zur Reproduktion seiner Lebensmittel notwendige Arbeitszeit, sage von 6 Stunden täglich...
Der Kapitalist dagegen, der ihn außer diesen 6 Stunden sage 2 Stunden Mehrarbeit verrichten lässt, bedarf einer zusätzlichen Geldsumme... Unter unserer Annahme jedoch müsste er schon drei Arbeiter anwenden, um von dem täglich angeeigneten Mehrwert wie ein Arbeiter leben, d.h. seine notwendigen Bedürfnisse befriedigen zu können.
In diesem Fall wäre bloßer Lebensunterhalt der Zweck seiner Produktion, nicht Vermehrung des Reichtums...
Damit er nur doppelt so gut lebe wie ein gewöhnlicher Arbeiter und die Hälfte des produzierten Mehrwerts in Kapital zurückverwandle, müsste er zugleich mit der Arbeiterzahl das Minimum des vorgeschossnen Kapitals um das Neunfache steigern.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 326.
(Jeder Arbeiter liefert in dem Beispiel 2 Stunden Mehrarbeit. Das Doppelte eines Arbeitereinkommens wird dann in 12 Stunden von 6 Arbeitern geschafften; die Hälfte des Mehrwerts, nämlich das Produkt von 3 Arbeitern in 6 Stunden Mehrarbeit soll akkumuliert werden. Also sind insgesamt 9 Arbeiter nötig.)

„Ein gewisser Höhegrad der kapitalistischen Produktion bedingt, dass der Kapitalist die ganze Zeit, während deren er als Kapitalist ...  funktioniert, zur Aneignung und daher Kontrolle fremder Arbeit und zum Verkauf der Produkte dieser Arbeit verwenden könne.
Dann verwandelt sich „der Geld- oder Warenbesitzer ... erst wirklich in einen Kapitalisten.“ K. Marx, Kapital I. MEW 23, 326f.

„Allerdings kann er selbst, gleich seinem Arbeiter, unmittelbar Hand im Produktionsprozess anlegen, aber ist dann auch nur ein Mittelding zwischen Kapitalist und Arbeiter, ein Kleinkapitalist oder Kleinbürger.“ K. Marx, Kapital I. MEW 23, 326.

„Aus der bisherigen Betrachtung der Produktion des Mehrwerts ergibt sich, dass nicht jede beliebige Geld- oder Wertsumme in Kapital verwandelbar ist, zu dieser Verwandlung vielmehr ein bestimmtes Minimum von Geld oder Tauschwert in der Hand des einzelnen Geld- oder Warenbesitzers vorausgesetzt ist.“ K. Marx, Kapital I. MEW 23, 326.

„Das Minimum der Wertsumme, worüber der einzelne Geld- oder Warenbesitzer verfügen muss, um sich in einen Kapitalisten zu entpuppen, wechselt auf verschiednen Entwicklungsstufen der kapitalistischen Produktion und ist, bei gegebner Entwicklungsstufe, verschieden in verschiednen Produktionssphären, je nach ihren besonderen technischen Bedingungen.“ K. Marx, Kapital I. MEW 23, 327.

2. Aus den kleinen, selbständigen Warenproduzenten wuchs geschichtlich das große Kapital hervor. Andererseits werden die kleinen Warenproduzenten durch die Konkurrenz des großen Kapitals vernichtet.
„Das Privateigentum des Arbeiters an seinen Produktionsmitteln ist die Grundlage des Kleinbetriebs, der Kleinbetrieb eine notwendige Bedingung für die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktion und der freien Individualität des Arbeiters selbst. Allerdings existiert diese Produktionsweise auch innerhalb der Sklaverei, Leibeigenschaft und andrer Abhängigkeitsverhältnisse. Aber sie blüht nur..., wo der Arbeiter freier Privateigentümer seiner von ihm selbst gehandhabten Arbeitsbedingungen ist, der Bauer des Ackers, den er bestellt, der Handwerker des Instruments, worauf er als Virtuose spielt.
Diese Produktionsweise unterstellt Zersplitterung des Bodens und der übrigen Produktionsmittel. Wie die Konzentration der Produktionsmittel,  so schließt sie auch die Kooperation, Teilung der Arbeit innerhalb derselben Produktionsprozesse, gesellschaftliche Beherrschung und Reglung der Natur, freie Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte aus. Sie ist nur verträglich mit engen naturwüchsigen Schranken der Produktion und der Gesellschaft. ...
Auf einem gewissen Höhegrad bringt sie die materiellen Mittel ihrer eigenen Vernichtung zur Welt. Von diesem Augenblick an regen sich Kräfte und Leidenschaften im Gesellschaftsschoß, welche sich von ihr gefesselt fühlen. Die Produktionsweise der individuellen und selbständigen Warenproduzenten muss vernichtet werden, sie wird vernichtet.
Ihre Vernichtung, die Verwandlung der individuellen und zersplitterten Produktionsmittel in gesellschaftlich konzentrierte... daher die Enteignung der großen Volksmasse von Grund und Boden und Lebensmitteln und Arbeitsinstrumenten, diese furchtbare und schwierige Enteignung der Volksmasse bildet die Vorgeschichte des Kapitals.... Was jetzt zu enteignen ist, ist nicht länger der selbstwirtschaftende Arbeiter, sondern der viele Arbeiter ausbeutende Kapitalist.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 789.

„Die kleineren Kapitale drängen sich unter dem Konkurenzdruck des großen Kapitals ... in Produktionssphären, deren sich die große Industrie nur noch sporadisch oder unvollkommen bemächtigt hat. Die Konkurrenz rast hier im direkten Verhältnis zur Anzahl und im umgekehrten Verhältnis zur Größe der rivalisierenden Kapitale. Sie endet stets mit dem Untergang vieler kleinerer Kapitalisten, deren Kapitale teils in die Hand des Siegers übergehen, teils untergehen.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 654.

„Der Besitz der Produktionsmittel durch die einzelnen Produzenten verleiht heutzutage diesen Produzenten keine wirkliche Freiheit mehr... Seine Existenz ist unsicherer als die des Proletariers, der wenigstens dann und wann ruhige Tage erlebt....“ F. Engels, Bauernfrage, MEW 22, 492.

„Und der Handwerker oder Bauer, der mit seinen eigenen Produktionsmitteln produziert, wird sich entweder nach und nach in einen kleinen Kapitalisten verwandeln, der auch fremde Arbeit ausbeutet, oder er wird seiner Produktionsmittel verlustig gehen (dies mag zunächst geschehen, obgleich er ihr nomineller Eigentümer bleibt, wie beim Hypothekenwesen) und in einen Lohnarbeiter verwandelt werden. Dies ist die Tendenz in der Gesellschaftsform, worin die kapitalistische Produktionsweise vorherrscht.“ K. Marx, Theorien über den Mehrwert I., MEW 26.1, 382-384.

2.1. Auf dem Boden neuer Technologien entsteht jedoch das Kleinbürgertum immer wieder neu.
„Sofern eine einzelne Arbeitsmaschine an die Stelle der Kooperation oder der Manufaktur tritt, kann sie selbst wieder zur Grundlage handwerksmäßigen Betriebs werden.“ (K. Marx, Kapital I, MEW 23, 484) So eine einzelne Arbeitsmaschine, die die Kooperation vieler Arbeiter ersetzen kann, waren z. B. der Elektromotor, die Nähmaschine und jüngst der Computer.
Durch diese neuen Technologien können solche selbstarbeitenden Produktionsmittelbesitzer als
„Reproduktion des Handwerks auf Grundlage der Maschinerie“ (K. Marx, Kapital I, MEW 23, 484 Anm. 247) immer wieder neu entstehen.

„...Wie das Beispiel der modernen Heimarbeit zeigt, werden gewisse Zwitterformen auf dem Hintergrund der großen Industrie stellenweise reproduziert, wenn auch mit gänzlich veränderter Physiognomie.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 533.

„In den Vereinigten Staaten ist derartige Reproduktion des Handwerks auf Grundlage der Maschinerie häufig. Die Konzentration, bei dem unvermeidlichen Übergang in den Fabrikbetrieb, wird eben deswegen ... dort mit Siebenmeilenstiefeln marschieren.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 484 Anm. 247.
Einige dieser „modernen Handwerker auf maschineller Grundlage“ schaffen es, zum erfolgreichen Kapitalisten aufzusteigen wie ein Bill Gates, andere werden proletarisiert. Sie verlieren ihr Betriebseigentum und werden in Lohnarbeiter verwandelt.

„In den Ländern, wo sich die moderne Zivilisation entwickelt hat, hat sich eine neue Kleinbürgerschaft gebildet, die zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie schwebt und als ergänzender Teil der bürgerlichen Gesellschaft stets von neuem sich bildet, deren Mitglieder aber beständig durch die Konkurrenz in Proletariat hinabgeschleudert werden, ja selbst mit der Entwicklung der großen Industrie einen Zeitpunkt herannahen sehen, wo sie als selbständiger Teil der modernen Gesellschaft gänzlich verschwinden...“ K. Marx, Kommunistisches Manifest, MEW 4, 484.

3. Widerspruchsvoll wie sein gesellschaftliches Dasein ist die politische Stellung des Kleinbürgers.
„Widerspruchsvoll wie sein gesellschaftliches Dasein ist seine politische Stellung;“ F. Engels, Militärfrage, MEW 16, 67f.

„In einer fortgeschrittenen Gesellschaft und durch den Zwang seiner Lage wird der Kleinbürger einesteils Sozialist, anderenteils Ökonom, d.h. er ist geblendet von der Herrlichkeit der großen Bourgeoisie und hat Mitgefühl für die Leiden des Volkes. Er ist Bourgeois und Volk zugleich. Im Innersten seines Gewissens schmeichelt er sich, unparteiisch zu sein, das rechte Gleichgewicht gefunden zu haben...
Ein solcher Kleinbürger vergöttlicht den Widerspruch, weil der Widerspruch der Kern seines Wesens ist. Er selber ist bloß der soziale Widerspruch in Aktion.“ K. Marx an Annenkow, 1846, MEW 4, 557.

„Der Kleinbürger ist ... zusammengesetzt aus ein Einerseits und Andererseits. So in seinen ökonomischen Interessen, und daher in seiner Politik, seinen religiösen, wissenschaftlichen und künstlerischen Anschauungen. So in seiner Moral, so in allem.
Er ist der lebendige Widerspruch. ...
Wissenschaftlicher Scharlatanismus und politische Kompromissbereitschaft sind von solchem Standpunkt unzertrennlich. Es bleibt nur noch ein treibendes Motiv, die Eitelkeit des Kleinbürgers, und er sorgt sich, wie bei allen Eitlen, nur noch um den Erfolg des Augenblicks, um das Aufsehen des Tages.“ K. Marx, Über Proudhon, MEW 16, 31f.

 „Für den Kleinbürger, der in der Warenproduktion den Gipfelpunkt menschlicher Freiheit und individueller Unabhängigkeit erblickt, wäre es natürlich sehr wünschenswert, der mit dieser Form verbundenen Missstände enthoben zu sein...“ K. Marx, Kapital I., 82, Anm. 24.

„Aber der Demokrat, weil er das Kleinbürgertum vertritt, also eine Übergangsklasse, worin die Interessen zweier Klassen sich zugleich abstumpfen, dünkt sich über den Klassengegensatz überhaupt erhaben.“ K. Marx, 18. Brumaire, MEW 8, 144.

„Die demokratischen Kleinbürger, weit entfernt, für die revolutionären Proletarier die ganze Gesellschaft umwälzen zu wollen, erstreben eine Änderung der gesellschaftlichen Zustände, wodurch ihnen die bestehende Gesellschaft möglichst erträglich und bequem gemacht wird.
Sie verlangen daher vor allem Verminderung der Staatsausgaben durch Beschränkung der Bürokratie und Verlegung der Hauptsteuer auf die großen Grundbesitzer und Bourgeois. Sie verlangen ferner die Beseitigung des Drucks des großen Kapitals auf das kleine durch öffentliche Kreditinstitute und Gesetze gegen den Wucher...
Um dies alles durchzuführen, bedürfen sie einer demokratischen ... Staatsverfassung, die ihnen und ihren Bundesgenossen, den Bauern, die Majorität gibt. ...
Was die Arbeiter angeht, so steht vor allem fest, dass sie Lohnarbeiter bleiben sollen wie bisher, nur wünschen die demokratischen Kleinbürger den Arbeitern besseren Lohn und eine gesicherte Existenz und hoffen dies durch teilweise Beschäftigung von Seiten des Staates und durch Wohltätigkeitsmaßregeln zu erreichen, kurz, sie hoffen die Arbeiter durch mehr oder minder versteckte Almosen zu bestechen und ihre revolutionäre Kraft durch momentane Erträglichmachung ihrer Lage zu brechen....
Diese Forderungen können der Partei des Proletariats aber keineswegs genügen.“ K. Marx, Rundschreiben an den Bund der Kommunisten, 1850, MEW 7, 247.

„Was die Kleinbürger, Handwerksmeister und Krämer betrifft, so werden sie sich immer gleich bleiben. Sie hoffen in das Großbürgertum sich emporzuschwindeln, sie fürchten ins Proletariat hinabgestoßen zu werden. Zwischen Furcht und Hoffnung werden sie während des Kampfes ihre werte Haut schützen und nach dem Kampf sich dem Sieger anschließen. Das ist ihre Natur.“ F. Engels, Bauernkrieg, MEW 16, 398.

„Es sind die Repräsentanten des Kleinbürgertums, die sich anmelden, voll Angst, das Proletariat, durch seine revolutionäre Lage gedrängt, möge ‚zu weit gehen’.
Statt entschiedener politischer Opposition - allgemeine Vermittlung; statt des Kampfs gegen Regierung und Bourgeoisie - der Versuch sie zu gewinnen und zu überreden; statt trotzigen Widerstands gegen Misshandlungen von oben - demütige Unterwerfung und das Zugeständnis, man habe die Strafe verdient.
Alle historisch notwendigen Konflikte werden umgedeutet in Missverständnisse und alle Diskussion beendigt mit der Beteuerung: in der Hauptsache sind wir ja alle einig ...; der Sturz der kapitalistischen Ordnung (liegt) in unerreichbarer Ferne, hat also absolut keine Bedeutung für die politische Praxis der Gegenwart...“ K. Marx/ F. Engels, Rundschreiben an die SPD-Führung, 1879, MEW 19, 163.

„Im allgemeinen jedoch ist die ‚reine Demokratie’ ... korrektester Ausdruck des Kleinbürgers. Sein politischer Beruf ist der, die Bourgeoisie in ihrem Kampf gegen die Reste der alten Gesellschaft und namentlich gegen ihre eigene Schwäche und Feigheit voranzutreiben und diejenigen Freiheiten erkämpfen zu helfen - Pressefreiheit, Vereins- und Versammlungsfreiheit, allgemeines Wahlrecht, lokale Selbstregierung -, ohne welche ... eine schüchterne Bourgeoisie wohl auskommen kann, ohne welche die Arbeiter aber nie ihre Emanzipation erobern können.“ F. Engels, Militärfrage, MEW 16, 68.

4. Das Kleinbürgertum ist ein politischer Bündnispartner der Lohnarbeiterklasse.
(Dass es ein unsicherer Bündnispartner ist, besagt gar nichts. JEDER mögliche Bündnispartner der Revolution hat jeweils nur eine teilweise Übereinstimmung mit den Interessen der Lohnarbeiter.)
„Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen das große Kapital, um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, denn sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Sind sie revolutionär, so sind sie es im Hinblick auf den ihnen bevorstehenden Übergang ins Proletariat, so verteidigen sie nicht ihre gegenwärtigen, sondern ihre zukünftigen Interessen, so verlassen sie ihren eigenen Standpunkt, um sich auf den des Proletariats zu stellen.“ K. Marx, Kommunistisches Manifest, MEW 4, 472.

„Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein. Es ist selbstredend, dass sie sich weder von den Kapitalisten und Großgrundbesitzern, ihren Gegnern und Ausbeutern, befreien lassen kann, noch von den Kleinbürgern und Kleinbauern, die, von der Konkurrenz der großen Ausbeuter erdrückt, keine andere Wahl haben, als entweder diesen oder den Arbeitern Heeresfolge zu leisten.“ F. Engels, Kritik des Programmentwurfs von 1891. MEW 22, 240.

„Wer hat denn je bestritten, dass in der Reichstagsfraktion der SPD nicht nur, sondern auch in der ganzen Partei, die kleinbürgerliche Richtung ebenfalls vertreten ist? Einen rechten und einen linken Flügel hat jede Partei, und dass der rechte Flügel der Sozialdemokratie kleinbürgerlicher Art ist, liegt in der Natur der Sache. Wenn’s weiter nichts ist, wozu dann all der Lärm?“ F. Engels an P. Ernst, 1.10.1890. MEW 22, 84.

 „Das Kleinbürgertum (wird) ein integrierender Bestandteil aller sich vorbereitenden sozialen Revolutionen sein...“ K. Marx an Annenkow, 28.12.1846, MEW 4, 557.

Wo es dem Verständnis dient, habe ich veraltete Fremdwörter, alte Maßeinheiten und teilweise auch Zahlenangaben  modernisiert. Alle diese und andere Textteile, die nicht wörtlich von Marx stammen, stehen in kursiver Schrift.
Wal Buchenberg, 22.3.2002


Anhang:
Neue Selbständigkeit und Scheinselbständigkeit als sozialer Abstieg aus der Lohnarbeit
„Die ,neuen Selbständigen' finden sich zunehmend in Arbeitsbereichen, die traditionell von Arbeitnehmern ausgeführt wurden." LitDokAB 2000, a-1080.

„Insbesondere Engländer treten bevorzugt auf deutschen Baustellen als vorgeblich selbständige Unternehmer auf. Sie verrichten aber typische Tätigkeiten eines unselbständigen Arbeiters.“ LitDokAB 1998/99 a-1638.

„Die Zahl der selbständig Erwerbstätigen in Deutschland hat seit Beginn der 80er Jahre leicht und seit Beginn der 90er Jahre verstärkt zugenommen. ... Verstärkt wandten sich Frauen oder Ausländer dieser Erwerbsform zu.“ LitDokAB 99/2000-1, a-898.

„Freigesetzte Fach- und Führungskräfte - zu jung für die Pensionierung - müssen sich selbständig machen.“ LitDokAB 1998/99 a-1501.

„At the same time, going self-employed has become an increasingly common escape route from unemployment.“ LitDokAB 1998/99 b-1017.

„Im Jahre 1995 suchten in Deutschland mehr als 5,3 Millionen Personen eine neue Tätigkeit, davon 177.000 oder fast 3 % eine selbständige. Arbeitslose haben einen zunehmenden Anteil an der Zahl der Arbeitsuchenden, die selbständig werden wollen." LitDokAB 2000, a-513.

„Die Bereitschaft von Arbeitslosen, sich selbständig zu machen, ist in den alten Bundesländern ausgeprägter“. LitDokAB 1998/99 a-1509. vgl. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Hrsg.): Aus der Arbeitslosigkeit in die Selbständigkeit. Nürnberg 1997.  LitDokAB 1998/99

 „Im Arbeits- und Sozialrecht ist der Unterschied zwischen geschützter abhängiger Arbeit einerseits und ungeschützter selbständiger Tätigkeit andererseits so krass, dass der Anreiz, abhängige Beschäftigung in ‚neue Selbständigkeit’ umzuwandeln groß ist.“ LitDokAB 99/2000-2, b-1330.
Soweit nicht anders vermerkt, stammen diese Daten und Zitate aus: Literaturdokumentation zur Arbeitsmarkt und Berufsforschung, Hrsg. von der Bundesanstalt für Arbeit, div. Jhrg.