Posts by camou

    Lieber Wal,


    ich teile Deine Auffassung vollständig, dass Marx' Bedeutung einerseits in der vollständigen und übersichtlichen Analyse der kapitalistischen Verhältnisse seiner Zeit besteht und dass er andererseits - wie kein anderer - das Wissen seiner Zeit aufgenommen und verabeitet hat. Davon zeugen die Londoner Exzerpthefte, die Marx 1851-1853 während seiner Studien im British Museum füllte.


    Das Zitat, das Du anführst, sollte man vollständig wiedergeben. Engels schreibt:

    "Das Marxsche Buch hat aber auch noch nach anderer Seite hin ein Interesse. Es ist die erste Schrift, in der die tatsächlichen Verhältnisse, die zwischen Kapital und Arbeit bestehen, in ihrer klassischen Form, wie sie solche in England erlangt haben, vollständig und übersichtlich geschildert werden. Die parlamentarischen Untersuchungen lieferten hierzu ein reichliches, einen Zeitraum von fast vierzig Jahren umfassendes und selbst in England so gut wie ungekanntes Material über die Verhältnisse der Arbeiter in fast allen Industriezweigen, über die Arbeit von Weibern und Kindern, über Nachtarbeit usw.; dies alles ist hier zum erstenmal zugänglich gemacht." Das Zitat passt also eher zu Deiner ersten Aussage. Und in der Tat hat Marx eine unglaubliche empirische Basis für seine wissenschaftliche Arbeit geschaffen.


    Was Marx über alle Theoretiker der bürgerlichen Ökonomie erhebt, ist die Tatsache, dass er als erster imstande ist, die konkreten Erscheinungen, in den sich die kapitalistische Entwicklung zeigt, aus deren Wesen zu erklären. Was der klassischen bürgerlichen Ökonomie nämlich nicht gelang, war die Erforschung und Darstellung der inneren Beziehung zwischen Mehrwert und Profit, oder zwischen Wert und Produktionspreis.

    "Alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen unmittelbar zusammenfielen". Das Kapital. Dritter Band, MEW, Bd. 25, S. 825Er schreibt 1858 an Lasalle: "

    Du wirst selbst bei Deinen ökonomischen Studien gefunden haben, daß Ricardo bei der Entwicklung des Profits in Widersprüche mit seiner (richtigen) Wertbestimmung gerät... Ich glaube, daß ich die Sache ins Reine gebracht habe."

    Marx an Lasalle v. 11.3.1858. MEW, Bd. 29, S.554



    Um die Methode von Marx zu verstehen, ist es völlig ausreichend, den Abschnitt 3 ("Die Methode der Politischen Ökonomie") aus der Einleitung zu den "Grundrissen" zu lesen.


    Die Botschaft von Marx an eine heutige Generation von Gesellschaftswissenschaftlern ist: Untersucht die realen Erscheinungsformen des Kapitalismus und weist nach, was die Ursachen für diese Entwicklung sind. Findet die Widersprüche heraus, die sich Bahn gebrochen haben und zu einer Weiterentwicklung des Kapitalismus geführt haben - ohne dass dieser seine grundlegende Qualität verloren hat. Denn:


    Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind.“ Grundrisse... Vorwort. 1859. In: Marx-Engels-Werke. Band 13, S. 9.


    M.E. ist einer der entscheidenden Widersprüche, deren Entwicklung den heutigen Kapitalismus ganz maßgeblich prägt, ist der Widerspruch von Kapital und Wissenschaft. Wir wissen, dass Marx bereits eine Ahnung davon hatte, wie die Auflösung dieses Widerspruchs das Kapital an seine Grenzen treiben würde.

    (Vgl. das "Maschinenfragment"). Aber Marx wusste natürlich nichts von Informationstechnik und künstlicher Intelligenz. Aber das wäre das Erste, was er untersuchen würde, wenn er heute noch wissenschaftlich arbeiten könnte.


    Gruß camou


    Hallo Wal,


    lass den Satz einfach mal so stehen.

    Das Problem ist nur, dass man versuchen muss, einander zu verstehen. Das dauert manchmal ein bißchen. Aber das macht doch nichts.

    Du musst Dich auch nicht in irgendeine Schublade stecken. Es ist doch gerade das Schöne, dass man sich gegenseitig verschiedene Sichtweisen öffnet.

    Mir haben die wenigen Beiträge, die ich bisher von Dir gelesen habe, schon sehr viel gegeben - eben weil es eine andere Sicht ist.

    Ich habe ja wirklich nachgedacht über das, was Du geschrieben hast, ich habs nur nicht verstanden - und ich möchte es gern verstehen. Und ich war in keiner Weise missgestimmt.


    Gruß camou

    Hallo Wal,

    Du hast recht, was meine Aussage zu Lenin betrifft. Es gab andere, die sich daran versucht haben, die Weiterentwicklung kapitalistischer Strukturen wissenschaftlich zu erklären. Das sollte eigentlich nur ein Beispiel sein.


    Ich habe Lenin deshalb gewählt, weil der sich intensiv mit der Methode von Marx zur Erforschung und Darstellung des "Bewegungsgesetzes der modernen Gesellschaft" beschäftigt hat. Das heißt nicht , dass ich dessen wissenschaftliche Leistung über die von Luxemburg oder Hilferding stelle.


    Ich zitiere übrigens ungern aus den frühen Schriften von Marx. Für mich beginnt Marx als Wissenschaftler mit den "Grundrissen" und den "Theorien über den Mehrwert".


    Was die Bescheidenheit von Marx angeht... Deinen ersten Satz habe ich nicht verstanden.:/


    Gruß camou

    Hallo Wal,

    ich habe im Marx-Jahr einige Vorträge gehalten (was in einer Stadt, die früher einmal Karl-Marx-Stadt hieß, vielleicht nichts besonderes ist). Dabei habe ich festgestellt, dass viele erstaunt sind, über welche Themen sich Marx damals schon Gedanken gemacht hat. Meine Botschaft ist aber, dass man, wenn man den Kapitalismus wissenschaftlich analysieren will, an der Methode von Marx nicht vorbei kommt. Das Verständnis der Widerspruchsdialektik ist m.E. die Grundlage für die Beurteilung der Perspektive kapitalistischer Entwicklung. Insofern ist Marx nie vollendet. Lenin hat es versucht mit der Schrift " Der Imperialismus....". Aber inzwischen sind schon wieder 100 Jahre vergangen. Sicher ist die empirische Analyse wichtig - aber was führt zu den aktuellen Erscheinungen, wie Du sie selbst so brillant beschreibst.

    Gruß camou

    Vorsicht ! Infektionsgefahr !

    Es war einmal ein Journalist aus dem Westen. Eigentlich sollte es eine naturwissenschaftliche Karriere werden, immerhin promovierte er zum Dr. rer. nat.

    Dann entdeckte er seine Leidenschaft für die schreibende Zunft. Er arbeitete als Reporter, Kolumnist und Korrespondent für den Spiegel. Nach einem kurzen Zwischenspiel bei der Max-PLanck-Gesellschaft widmete er sich Biografien bedeutender Wissenschaftler. Seine Biografie über Albert Einstein wurde von der Washington Post als "Book of the year" geehrt.

    Weitere Werke und Auszeichnungen folgten.

    Dann fasst er einen schwerwiegenden Entschluss: Er will eine Biografie über Karl Marx schreiben. 2017, ein Jahr vor dem 200. Geburtstag von Karl Marx erscheint "Karl Marx. Der Unvollendete". Der Autor : Jürgen Neffe.

    Ich glaube, dass man sich Marx leichter nähern kann, wenn man eine naturwissenschaftliche Vorbildung hat. Für die Physik oder die Biologie sind theoretische Abbildungen entstehungsgeschichtlicher Prozesse Normalität. Nichts anderes hat Marx in Bezug auf die Gesellschaft, spieziell die kapitalistische Gesellschaft, getan.

    Wer diese Biografie liest, versteht sofort, dass Neffe nicht nur über Marx und seine Familie schreibt. Neffe ist von der Logik der Marxschen Gesellschaftsanalyse infiziert. Er hat verstanden, dass es sich beim "Kapital" um eine brillante wisenschaftliche Analyse eines Systems handelt, das seinem Wesen nach zutiefst widersprüchlich aber auch extrem entwicklungsfähig ist. Die Wirtschaft, die auf dem Profitprinzip beruht, schafft immer wieder gesellschaftliche Spielräume und forciert mit rasender Geschwindigkeit den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt. Die Frage ist, wann die Auswirkungen dieser Entwicklung an existenzielle Grenzen der Menschheit stoßen.

    Und so schreibt Jürgen Neffe: "Raste ein Meteorit auf die Erde zu und mit vereinten Kräften ließe sich der Untergang noch aufhalten, würde die Menschheit dann nicht alles in Bewegung setzen, gemeinsam die Gefahr zu bannen? Müsste sie das nicht auch, da ihr eigenes Geschöpf, der Kapitalismus auf Zerstörungskurs gegangen ist, nur dass sich der Zeitpunkt des Impact nicht genauso vorhersehen lässt, wie bei einem Himmelskörper? Die Generation, die diesen Auftrag der Geschichte verspürt, ist vielleicht schon geboren. Falls ja, ist sie nicht schlecht beraten, Marx zu lesen…"

    In: Jürgen Neffe, Marx, der Unvollendete. Biografie, Berlin 2017, S.461

    "Der sympathische, aber verhängnisvolle Fehler Marxens bestand...im Grunde darin, dass er die Moral in der Wirtschaft etablieren wollte." Zit. aus: André Comte-Sponville: "Ist der Kapitalismus unmoralisch?", In: Tintenfass. Das Magazin für den überforderten Intellektuellen, Nr.33, S.90

    Die Rezeption des theoretischen Werkes von Karl Marx erfolgt oft einseitig und ahistorisch. Mit "einseitig" meine ich, dass oft nur auf die "Ausbeutungstheorie" abgestellt wird. Mit "ahistorisch" meine ich, dass die Aussagen von Marx, die er als junger Mann, zum Beispiel in den "Ökonomisch-philosphischen Manuskripten" aus dem Jahre 1844 gemacht hat, unkommentiert neben seine Auffassungen gestellt werden, zu denen er nach jahrelangem Studium und zahllosen theoretischen Auseinandersetzungen in den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts gelangt ist.


    In den "Ökonomisch-philosophischen Manuskripten" wird deutlich, dass die Kapitalismuskritik von Marx durchaus einen moralischen Aspekt hat. Vielleicht ist es überhaupt ein Vorrecht der Jugend, bei der Beurteilung kapitalistischer Verhältnisse von Grundsätzen der Moral, der Ethik, der Gleichheit und der Menschlichkeit auszugehen. Vor zwei Jahren hatte ich das große Glück, mit einem kleinen Kreis junger Leute den ersten Band des "Kapital" zu lesen. Ich musste immer wieder darauf hinweisen, dass es sich beim "Kapital" nicht um eine "Anklageschrift", sondern um eine wissenschaftliche Analyse der kapitalistischen Verhältnisse handelt. Natürlich indiziert der Begriff "Ausbeutung" im normalen Sprachgebrauch einen moralischen Aspekt. Vielleicht hat Marx deshalb auch den Begriff "Exploitation" gewählt, um den Sachverhalt der privaten Aneignung von Mehrwert als notwendige Existenzform und als Charakteristikum kapitalistischer Produktionsweise zu beschreiben.


    Wer den ganzen Marx im historischen Kontext, also im Zusammenhang mit der Genese der Marschen Theorie liest und begreift, der kommt nicht umhin, die Wissenschaftlichkeit seiner Analyse anzuerkennen. "Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, so sehr er sich über sie erheben mag." Vorwort zur ersten Auflage des ersten Bandes des "Kapital", Berlin 1953, S.8


    Im Übrigen stimme ich André Comte-Sponville in vollem Umfang zu: Für eine wissenschaftliche Analyse des Kapitalismus sind die Kategorien "moralisch" und "unmoralisch" ungeeignet. Ich hätte mich nur gefreut, wenn Comte-Sponville begriffen hätte, dass das Marx auch so sieht.

    D' abord il faut lire, puis on peut juger.