Posts by pfeilregen

    Output x Verkaufspreis = Ertrag

    Input x Beschaffungspreis = Aufwand

    Ertrag – Aufwand = Erfolg (Gewinn)

    In den BWL-Einführungen wird der Gewinn einfach nach dem sog. „ökonomischen Prinzip“ als Ergebnis einer „effizienten“ Kostensenkung postuliert, mit der ein überschüssiger Geldbetrag über die Faktorkosten durch die Realisierung der Absatzpreise berechnet ist. Dabei werden die Preise als gegeben konstatiert, die eben in der Kalkulation zu einem Plus führen, so denkt es sich der Betriebswirtschafter aus seinem buchhalterischen Formalismus pragmatischer Borniertheit . Der Profit soll sich als bloße „Erscheinungsform“ einer technischen Effizienz ergeben, über die Kosten- und Ertragsrechnung hantiere eine Wirtschaftseinheit (Unternehmen) mit den Preisen eben wirtschaftlich optimal. Wie überhaupt Preise zustande kommen interessiert hier nicht, was aber wesentlich wäre allein für das rechnerische Ergebnis der Gewinnbilanz. Rein rechnerisch kann der Erlös jedenfalls durch Kostensenkung bei gleichbleibenden Verkaufspreisen – verringerte Einsatzmenge oder allgemein Senkung der Beschaffungspreise – oder durch direkte Erhöhung dieser Absatzpreise erzielt werden.


    Doch hier stellt sich überhaupt die Frage, wie sich allgemein der Preisaufschlag rechtfertigt, wo es sich laut bürgerlicher Wirtschaftslehre doch beim Unternehmen ausschließlich um die Aufgabe der Optimierung der Input-Output-Relation handeln soll? Sie hat sich dann bereits selbst widersprochen, indem sie als zweite Theorie des Gewinns anbietet, der sei ein „angemessener Gewinnaufschlag“ statt automatisches Resultat der Kostensenkung. Die moralische Legitimation dieser Wissenschaft lautet häufig, der Profit sei jenes „Entgelt“, „welches der Unternehmer für die Bereitstellung von Eigenkapital und für die Übernahme des Unternehmerrisikos erhält“ (Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, G. Wöhe, 2013 (25.), Vahlen, S. 485 zit. n. Kritik der Betriebswirtschaftslehre, A. Melčok, 2018, GegenStandpunkt, S. 27)


    Dabei wird prinzipiell darüber hinweggesehen, dass es sich um einen Zuwachs an Reichtum handelt, welcher das Betriebsvermögen der Kapitaleigner wertmäßig vermehrt. Dieses recht sonderbare „Einkommen“ des besitzenden Rentners erklärt die Neoklassik aus einer außerhalb der Produktion gedachten Prämie, ohne anzugeben woher das neu geschaffene Vermögen rührt. Irgendwie existiert nun einmal das leistungsgerechte Einkommen des „Produktionsfaktors“ Kapital (und Boden) in der Welt des Privateigentums, deshalb braucht sich der Bürgerverstand auch gar keinen großen Kopf um die Erklärung dieser menschennatürlichen Sache zu machen, die er eben gerade in seiner Gesellschaft und ihrer gültigen Rechtsordnung erblickt.


    - Kapitalbesitz überhaupt:

    Wie kann die bloße Investition eines Geldbetrags und der Kaufakt selbst von Produktionsfaktoren, nämlich ganz unabhängig vom realen Einsatz derselben in einem Betrieb, den Grund darstellen, dass ein Plus aus dem Verkauf der hergestellten Artikel die Betriebskosten übersteigt und das Vermögen bereichert? Die dumme Ideologie, dass „Geld für einen arbeiten“ würde – eben solange es als Kapital fungiert, also über die Produktionsfaktoren kommandiert und auf dem Markt erfolgreich ist –, wird getrost als wissenschaftliches Dogma unbegründet aufgestellt.


    - Konsumverzicht durch Kapitalanlage:

    Diese Theorie wird manchmal (in der Österreichischen Schule) moralisch abgewandelt, indem auf die Enthaltsamkeit des Kapitalisten verwiesen wird, seinen Besitz anzulegen statt direkt aufzuzehren, die der Markt belohnen würde. Der Wertzuwachs sei das Ergebnis davon, das Vermögen mit asketischer Vorbildlichkeit – natürlich zum Zwecke des Gemeinwohls – „produktiv“ als Kapital investiert zu haben, anstatt es direkt im Kauf von Konsumartikeln zu verbrauchen oder vielleicht risikofrei gleich einem Schatzbildner brachliegen zu lassen. Dass etwas unterlassen, nicht getan wurde, soll hier die Erklärung der tatsächlich realisierten Sache sein. Dieselbe Logik auf einen beliebigen theoretischen Sachverhalt angewandt nimmt sich dämlich aus: Warum oder wie kann sich ein Tier fortbewegen? Einfach weil es nicht bloß etwas anderes tut, nicht liegen bleibt, kann es das – fertig die Wissenschaft. Sich auszudenken, dass etwas anderes potenziell getan werden könnte, soll das Wesen der tatsächlichen Sache erklären.


    - Kapitalistisches Risiko

    Ähnlich von der Reichtumsproduktion abstrahiert ist die Erklärung des Zugewinns aus einem Anlagerisiko, das selbst übrigens die ganze Ideologie jeder bourgeoisen Wirtschaftswissenschaft widerlegen würde. Der Profit soll ausgerechnet als Risikoprämie für die eingegangene Gefahr gelten, dass das Unternehmen, in das privates Vermögen investiert wurde, womöglich keinen Gewinn erwirtschaften, sondern am Markt scheitern könnte. Wie soll mit dieser Profittheorie überhaupt ein Unternehmen jemals Bankrott gehen können, wenn sowieso Preiszuschlag für dieses Risiko einkalkuliert wurde – das damit gar keines mehr ist? Wird denn nicht von der Wirtschaftslehre gerade die Mystik des Wettbewerbs gelobt, der nur die effizienten Unternehmen bestehen und gedeihen und alle marktwirtschaftlich überflüssigen pleitegehen lässt?


    - Erfolgreiche Unternehmensführung
    Das Argument, das Management des Unternehmens würde den Gewinn rechtfertigen, erscheint selbst der Neoklassik weltfremd, denn solange Kapitalisten nicht mehr zu den kleinen Fischen gehören, überlassen sie „leitenden Angestellten“ selbst die innerbetriebliche Herrschaftsausübung, oder um in Marxens treffende Metapher in Anlehnung an das Militär zu reden: es werden also Offiziere selbst zum Kommando über die Arbeiterarmee geheuert. Das „leistungslose Einkommen“ kann damit nicht so leicht legitimiert werden. Das hindert bürgerliche Geister jedoch keineswegs daran, die kompetente Unternehmensführung für den Entstehungsgrund des Profits zu halten. Wenn umgekehrt das Geschäft in der chaotischen Konkurrenz misslingt, Arbeitsplätze gestrichen werden oder gar die Nationalökonomie in die Krise gerät, dann ist der Vorwurf eines schlechten Managements der entscheidenden Marktakteure schnell bei der Hand. Ganz so als würde der Markterfolg an der bourgeoisen Einbildung von „unternehmerischem Talent“ oder dem „Geschäftssinn“ abhängen, wie eben die plumpe Kommandomacht über Ressourcen und Arbeitsvolk exekutiert wird, damit der Kampf dieser besitzenden Eigentümer um den gesellschaftlichen Reichtum auf dem Markt gelingt. Diese voluntaristische, individualistische Einbildung ist überhaupt der breitgetretene ideologische Trumpf der BWL.


    - Finanzierung der Konkurrenzfähigkeit

    Der marktliberale Aktivist Stefan Molyneux erwähnt in einem Podcast eine weitere Rechtfertigung des Profits aus pragmatischer Sicht. Man solle sich die Tätigkeit eines Unternehmens vergegenwärtigen und entdeckt, dass dort dauernd laufende Kosten zu bewältigen sind, immer wieder neue Kredite aufgenommen werden, manchmal bevor die Amortisationszeit vergangener Aufrüstung vorüber ist. Und ohne Gewinn kann das Geschäft überhaupt nicht konkurrenzfähig sein und müsste auf dem Markt untergehen. Hier wird der Gewinn als Notwendigkeit von marktwirtschaftlichem Wachstum und entsprechendem technischen Fortschritt gedacht, der Wertzuwachs des unternehmerischen Eigentums als Bedingung für seine marktfähige Entwicklung, für die Entfaltung seiner Produktivkräfte. Das mag sogar alles zutreffen, nur verhilft dies auch hier nicht zur Erklärung der Plusmacherei am Markt. Es ist weiterhin unerfindlich woher der zusätzliche Reichtum selbst rührt, den ein Kapitaleigner benötigt, um sich in der Konkurrenz zu bewähren und seinen Besitz weiter anzuhäufen. Diese Notwendigkeit haben sich die Profitgeier selbst überhaupt im Vorhinein geschaffen, indem sie für ihr Bereicherungsinteresse mithilfe der staatlich eingerichteten Verfügungsgewalt über Land und Leute um Marktanteile konkurrieren.


    Überhaupt sollte einem auffallen, dass die allzu anstrengende Leistung der Couponschneiderei – erstens ihr vieles Geld für sich arbeiten zu lassen, zweitens das Risiko einzugehen, dass das Geschäft das Vermögen in der Konkurrenz verscherbeln könnte statt es (wie von selbst) zu vermehren oder drittens auf die fünfte Villa und den dritten Porsche zu verzichten – ein Privileg der besitzenden Reichen ist, die überhaupt in die Lage kommen, ihre Habe nicht bloß für den nötigen Lebensunterhalt aufwenden zu müssen, wenn sie vom gesellschaftlichen Reichtum wie alle anderen Lohnabhängigen gerade ausgeschlossen wurden. Das vom Arbeitgeber erteilte Einkommen andererseits reicht für die Mehrheit der Arbeitsdiener zu nicht mehr und nicht weniger – oftmals weniger – außer dafür aus, als ewige Habenichtse jeden Monat wieder für die Bereicherung der Kapitalherren unter deren ökonomische Kommandomacht zu malochen und mithilfe der kärglichen Brotkrumen des kapitalistischen Reichtums über die Runden zu kommen, um sich in der elenden Tretmühle für Kapital und staatliche Gewalt verschleißen zu lassen.

    Neben der allgemeinen Lebenserwartung, der Kindersterblichkeit u.a. ist die Selbstmordrate in einem Land auch ein Gradmesser für einen zunehmenden Erfolg oder für eine wachsende Krise einer Gesellschaft.

    Kannst du die Behauptung erklären, inwieweit die Selbstmordrate "ein Gradmesser" für den "Erfolg einer Gesellschaft" sei, und was ist mit letztem gemeint?

    Armutsbegriff

    Der bürgerliche Armutsbegriff selbst ist eine Verschleierung der kapitalistischen Ausbeutergesellschaft. Wer Armut nach durchschnittlichem Einkommen o. Ä. bemisst, der verfehlt den Begriff der Armut, der gewaltsame Bereicherung an dem Arbeitsprodukt anderer und damit Ausschluss einiger vom gesellschaftlichen Reichtum implizieren muss. Obendrein ist Einkommen selbst wieder in der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaft eine ausgesprochene Ideologie, indem das Kapitaleinkommen mit dem Lohn gleichgesetzt wird. Armut ist ein gesellschaftliches Phänomen, während Mangel an Ressourcen natürlich vorkommen kann. Auch die falsche Vorstellung von „absoluter Armut“ lebt immer vom genannten gesellschaftlichen Vergleich.

    Primitive Jäger-Sammler-Gesellschaften etwa der Vorgeschichte können nur von einer produktiveren Gesellschaft aus als arm definiert werden, doch sie selbst können unter sich in dem Sinne keinen Ausschluss von Reichtum, keinen Unterschied im Wohlstand ausmachen, damit entfällt ein Armutsbegriff. Ihre Produktionsweise kennt keine Entwicklung der Produktivkräfte und damit keinen Überschuss, der auszubeuten wäre; ihre nomadische Lebensweise keine Ansammlung von Reichtümern, keinen Ausschluss von ihnen, da die primitiven Güter ohnedies zumeist leicht an Ort und Stelle wiederhergestellt werden können.


    Armutsrisiko

    In dieser Gesellschaft erscheint es den Leuten als absolute Selbstverständlichkeit, dass die Geburt eines Kindes, ein höheres Alter, Krankheit, Erwerbslosigkeit oder geringe wie unbrauchbar gewordene Qualifikation sich gleich als Armutsrisiko erweisen, wo doch diese Probleme sich eigentlich erst einmal als ziemlich natürliche oder höchstens technische Tatsachen darstellen. Wahr ist die kapitalistische Verschleierung namens Armutsrisiko jedoch keineswegs, jedenfalls bereits nicht für alle Bürger. Die Verschleierung will implizieren, dass Armut eine natürliche Konsequenz des Sachverhalts sei, der da als Armutsrisiko definiert wurde – doch er ist gesellschaftlich produziert. Wenn berufstätige Professoren oder Erben millionenschwerer Unternehmen Kinder in die Welt setzen, alt oder krank werden usw., stellt sich im Allgemeinen nie Armut ein. Ganz anders verhält es sich für den durchschnittlichen Angestellten, der bei jedem üblichen Umstand, der sich in dieser Klassengesellschaft gleich als Defizit auswirkt, schon ganz unten landen kann in der reichsten aller Gesellschaften, da mit ihnen durch die Arbeitgeber entsprechend kalkuliert wird.


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    Wer arm ist, ernährt sich zwangsläufig ungesund, lebt unfreiwillig ungesünder, ist häufiger krank und stirbt früher.

    Arme Frauen sterben acht Jahr früher, arme Männer sterben fast elf Jahre früher als normale Lohnempfänger. Wer arm ist, kommt häufiger mit dem Gesetz in Konflikt und landet häufiger im Gefängnis.


    Es wäre doch sinnvoll, nicht nur Fakten zu übermitteln, die man auch selbst überall recherchieren kann, sondern die richtige Erklärung der Empirie darzulegen.


    Die Erklärung, warum Leute das Eigentumsrecht verletzen und Verbrechen begehen, ist offensichtlich. Dass arme Menschen stehlen und betrügen, um ihr Überleben zu bestreiten, ist seit es Klassengesellschaften gibt bekannt und selbstredend.


    „Poverty is the mother of crime.“ (Armut ist die Mutter des Verbrechens) Marcus Aurelius n. Robert D. Ramsey, Well Said, Well Spoken (Corwin Press, 2001), S. 30.


    „Crime and bad lives are the measure of a State's failure, all crime in the end is the crime of the community.“ (Verbrechen und schlechte Lebensverhältnisse stellen Maßstäbe des Versagens eines staatlichen Gemeinwesens dar, alle Verbrechen sind letztlich Verbrechen der Gesellschaft.) H. G. Wells, A Modern Utopia (1905), Kp. 5


    „Wenn also Verbrechen, sobald man sie in großer Zahl beobachtet, in ihrer Häufigkeit und Art die Regelmäßigkeit von Naturerscheinungen zeigen, … besteht da nicht die Notwendigkeit - statt den Scharfrichter zu verherrlichen, der eine Partie Verbrecher beseitigt, nur um wieder Platz für neue zu schaffen -, ernstlich über die Änderung des Systems nachzudenken, das solche Verbrechen züchtet?“ (MEW 8, 509)


    Ein modernes Beispiel: Wenn regelmäßig ein paar tausend notorische (erwischte) Schwarzfahrer die Gefängnisse Berlins füllen, sind darunter die gut versorgten Bürger? Würde ein Wohlhabender das Risiko einer Strafe eingehen, bloß um seinen Geldbeutel relativ minimal zu schonen, dass es seinem Lebensniveau kaum schmerzt? Als ob es nicht nur jene prekäre Unterschicht treffen würde, die schwerlich ihren Lebensunterhalt besorgen kann, dass sie kaum weiß wie sie die Fahrtkosten stemmen soll und gleichzeitig alle anderen Lebenshaltungskosten, erst recht nicht die zusätzliche Geldstrafe fürs Schwarzfahren.


    Warum leben Frauen im Kapitalismus eigentlich durchschnittlich länger als Männer, auch innerhalb derselben Schicht? Ich habe nicht Medizin studiert, es mag zutreffen, dass die Biologie tatsächlich eine Rolle spielt. Doch, auch heutzutage mit der Emanzipation der Frau, ist der männliche Prolet im Kapitalismus mehr den schädlichsten Arbeitsverhältnissen ausgesetzt, vorwiegend in der Industrie und dem Handwerk. Schwerwiegende „Arbeitskrankheiten“ und das Risiko von „Arbeitsunfällen“ – alles Ergebnisse der unternehmerischen Kalkulation mit den Arbeitsknechten, deren Arbeitssicherheit einen Kostenfaktor in der Gewinnbilanz darstellt – treffen den männlichen Lohndiener häufiger.

    Der bessere Zugriff auf medizinische Behandlungen hängt vom Einkommen des Patienten ab und ist nicht nach gesellschaftlichem Bedarf geregelt, weil auch hier die Geschäftswelt alles beherrscht. Und auch mag zutreffen, dass die Armen vorwiegend nur auf das billige Sortiment der Lebensmittel zugreifen können. Die Unternehmen produzieren regelmäßig ungesunde Lebensmittel, da sie so Kosten sparen – bezüglich der Wahl der Zutaten –, den Kunden mit dem Geschmack verlocken wollen und die Herstellung von nicht verpesteten Bioprodukten zusätzliche Produktionskosten verursachen, die die verarmte Masse in dem Maße kaum tragen kann. Daher rühren häufigere Krankheit und tendenziell verfrühter Tod der armen Bürger – ganz zu schweigen von den schädlichen Verhältnissen des im Kapitalismus mit Notwendigkeit sozial produzierten Lumpenproletariats, die ständig direkt an die Existenz gehen: Schutz und Wärme durch eine saubere, ordentliche Wohnung ist Obdachlosen nicht gesichert, genauso wenig ausreichend Nahrung usw. usf.


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    Armut in Deutschland wächst auch durch den Zuzug von Migranten, die ein doppelt so hohes Armutsrisiko haben wie Einheimische.

    Inwiefern soll Armut durch Zuzug von Migranten per se zunehmen? Ist das ein allgemeines gesellschaftliches Gesetz (im Kapitalismus)? Wenn eine Nationalökonomie ordentlich boomt und Fachkräftemangel gerade feststellt, dann kann es schon zutreffen, dass dieser entsprechende Nachschub auch vorerst den Migranten „Wohlstand“ besorgt, heißt halbwegs ausreichende Löhne zeitweise beschert.

    Also ist die Wachstumsrate die prozentuale Veränderung des Sozialprodukts/Neuwerts zum vorherigen Sozialprodukt? Man berechnet hier also nicht den Neuwert im Verhältnis zur bereits vorherigen Gesamtwirtschaftsleistung (inklusive Kapitalstock c und Sozialprodukt v+m), sondern den neu geschaffenen Neuwert zum alten Neuwert?

    Gut, dann denke ich, wurde für die Quartalsraten einfach die durchschnittliche Quartalsrate des Vorjahres gewählt, was ja das BSP geteilt durch 4 darstellt.

    Deshalb frage ich, auf was sich Quartalsraten ansonsten beziehen - auf den Kapitalstock oder das BIP des Vorjahres kann es dann nicht sein. Wieso sollte man in dem Fall einen Mittelwert der Quartalsrate bilden, um die Jahresrate zu erhalten? Wenn der Zuwachs in den Vierteljahren berechnet wird, dann müsste der Zuwachs im ganzen Jahr die Summe aus den Zuwächsen der Vierteljahre ergeben. Ansonsten hätte man nur den Zuwachs eines durchschnittlichen Quartals für das annuale BSP berechnet.

    Erklären könnte ich mir die Rechnung nur dann, wenn man als Referenz für die Quartalsraten das BSP des Vorjahres geteilt durch 4 wählt.

    Hallo Wal,

    ich verstehe es noch nicht recht.

    Angenommen, das Sozialprodukt (=Wirtschaftsleistung usw.) besteht grob aus dem neu geschaffenen Wert einer Periode, wie du in einem anderen Thread beschrieben hast, also aus v+m, einfach übersetzt aus neu geschaffenem Lohn und Gewinn. Um das Sozialprodukt anzugeben, ist der Wert des bisherigen Kapitalstocks c der Volkswirtschaft notwendig, um damit den Prozentwert, die Wachstumsrate (positiver Wert angenommen) angeben zu können.

    Die Quartalszahlen bestehen aus dem BSP des Quartals jeweils bezogen auf den Kapitalstock oder auf das BSP des vorherigen Jahres?

    Mit diesen Voraussetzungen müsste die Jahresrate die Summe aus den Quartalsraten ergeben.

    Vielleicht sollte ich noch anfügen, dass die bürgerliche Wissenschaft in ihrerer Pluralität von Theorien sowohl alle möglichen politischen Standpunkte rechtfertigt. Sie mag zwar grundsätzlich falsch sein, jedoch liefert sie auch zugegebenermaßen Material für den Pragmatismus in Politik und Wirtschaft. Dieser Pragmatismus, zu dem dann die akademischen Experten den Mächtigen verhelfen, "funktioniert" in dieser Gesellschaft trotzdem, jedoch eher aus der Erfahrung heraus und mehr schlecht als recht - denn irgendwie müssen die Herrschenden ja nun ihre Herrschaft ausüben. Entsprechende Techniken, konstruktive Handlungsvorschläge für's Zurechtkommen etwa in der unternehmerischen Konkurrenz oder in der staatlichen Unterdrückung rebellischer Arbeiter usw. liefert die Gesellschaftswissenschaft schon, zwar mit ausschließlich falschen Erklärungen, aber irgendwie funktionell.


    Ich finde das Bild, welches du von der Beamtenschaft zeichnest, ich nenne es einmal idealistisch. Die staatliche Bürokratie als einheitliches Abstraktum sei knöchternd, konservativ und ewig gestrig, würde sich schwerlich den dynamischen Ansprüchen der Wirtschaft oder auch den konstruktiven Begehren des Volks anpassen. Wahr ist das denke ich nicht, gerade mit der 68er-Gesinnung (ja, mag auch eine Abstraktion sein) haben immer wieder bestimmte ideologische Neuheiten den Weg in die Politik gefunden, allenthalben tauchen etwa "Gleichstellungbeauftragte", Ökofritzen oder sonstige Ideologen in den Staatsämtern auf.


    "Und was den Wissenschaftsbetrieb angeht, behaupte ich (ohne es überprüft zu haben), dass weniger als 5% der großen Forscher und Wissenschaftler der letzten 150 Jahre verbeamtet waren."


    Ich kann es ebenfalls nicht sicher beurteilen, wäre jedoch interessant. Soweit ich darüber in Kenntnis bin - auch unter Zuhilfenahme der Kenntnisse meines naturwissenschaftlich-technischen Studiums -, ist davon auszugehen, dass die meisten "großen Forscher und Wissenschaftler" wie Nobelpreisträger Beamte (womöglich an Universitäten) waren. Dies liegt daran, dass die "großen Entdeckungen" hauptsächlich im Rahmen der Grundlagenforschung stattfinden, die bekanntlich zum allergrößten Teil vom Staat organisiert wird. Da die Kosten für ungewiss lange Forschung mit ungewissem Ausgang ausgesprochen hoch ausfallen, die kaum ein Unternehmen auf sich nimmt, die bekanntlich immer nach schnellem Profit hecheln. Gleichzeitig ist zusätzlich ungewiss, inwieweit auf den Ergebnissen der Grundlagenforschung, die kapitalistische Anwendung findet, Patent vergeben wird. Wenn diese neuen Erkenntnisse wiederum verallgemeinert würden, weil sie nicht als patentierbare technische Anwendung anerkannt werden, kann sich die Konkurrenz kostenlos an dem Wissen bedienen, das einem Unternehmen oder einer Assoziation enorme Kosten verursacht hat. Zudem gibt es Bereiche der Wissenschaft, die ohnehin ausschließlich Staatsinteresse sind, wo das Gewaltmonopol auch kaum Kosten scheut - zumeist Militärtechnik, je nach dem Energie-, Raumfahrttechnik und was auch immer noch. Hier geht es sowieso nicht um die direkte Konkurrenz der Unternehmen, sondern sind Priorität der politischen Gewalt.


    Es ist übrigens doch gerade die gewisse Freiheit der Beamten, die bedingungslose Versorgung usw., die zumindest in den Naturwissenschaften die Voraussetzung für "schöpferisches und kritisches Denken" besorgt. Dies ist gerade kein Hindernis, eher noch sind die Wissenschaftler unter unternehmerischer Ägide von Befangenheit befallen, wenn sie parteiliche Studien zur verherrlichten Darstellung des Markenprodukts usw. abliefern müssen.

    Ich glaube in einem anderen Thread hatten wir eine ähnliche Debatte, in der du darauf bestanden hast, die Grundlagenforschung würde gar nicht wesentlich vom Staat organisiert. Da lagst du wirklich falsch, darüber kann man sich in einschlägiger Literatur o. Ä. relativ schnell erkundigen.

    Es ist schon erstaunlich wie übertrieben ideologisch und moralisch dieser Text des deutschen Historikerverbandes ist - er erinnert nirgends an objektiver Analyse, sondern an einer Knigge-Liste moralischer Anstandsregeln. Ein einziger methodologischer Vorschriftskatalog für die Geschichtswissenschaft im Namen von Markt und deutscher Nation - in Verbindung mit dem Weltmachtsprojekt Europa. Ziemlich merkwürdig zum Beispiel dieser Satz dazu:

    "Nicht zuletzt im Lichte der kolonialen Gewalt, die Europäer (?) in anderen Teilen der Welt ausgeübt haben, gilt es, der gemeinsamen Verantwortung für die Folgen unserer Politik im außereuropäischen Raum gerecht zu werden." ("Europäer": Die Leibeigenen oder sonst wer Zuhause sind wohl nicht das Subjekt der Kolonisation gewesen!)


    Im Namen der Schäden, die europäische Kolonialmächte so mit der Eroberung der Kolonien angetan haben, gilt es dafür sich wieder umso mehr in die Angelegenheiten dieser Staaten in der Welt einzumischen bzw. heuchlerisch ausgedrückt "Verantwortung" zu übernehmen - fehlte nur noch die Anfügung "nicht nur aufgrund seiner ökonomischen (und militärischen) Potenz". Am Ende gilt die Weltmachtsbestrebung Europas noch wie "Migration" als "historische Konstante".


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    Der Beamtenstatus der Professoren allein sichert schon, dass sich wissenschaftliche Kritik nicht gegen Staat und Wirtschaft richtet.

    Sehr richtig, in Bildungsinstitutionen, theoretisch natürlich vorwiegend in den Geistes- und Sozialwissenschaften, ist die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ der offiziell höchste Wert; und nicht umsonst sind Argumente etwas anderes als Werte, weshalb dieser über die ganze Welt goldig schimmernde Wert ohne weiteren Grund also für sich selbst spricht und damit sogar etwa laut Schulverordnungen gar nicht zur Kritik oder Debatte stehen darf. So nimmt es nicht Wunder, dass alle Lehrer hierzulande wie Soldaten einen Treueeid auf das deutsche Vaterland und seine kapitalistische Verfassung ablegen müssen – von Unparteilichkeit des einzig existenten ausgebildeten Lehrpersonals aller jungen Bürger kann allein daher mitnichten die Rede sein.


    Und auch ein Blick ins deutsche Grundgesetz mag lehrreich sein: „Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.“ (Art. 5 Abs. 3). Es ist schon merkwürdig, ausgerechnet der Bereich der Bildung, in dem es um die Erklärung der Objektivität der Welt geht, womit subjektive Vorurteile diesem Vorhaben im Wege stehen, ausgerechnet hier schreibt die höchste Gewalt voreingenommene Weltanschauung vor – welche das loyalitätspflichtige Beamtentum jedoch ausgezeichnet befolgt. Noch bevor der Student sich mit der Analyse der (sozialen) Wirklichkeit befasst, soll am Ende totsicher ein Ergebnis herauskommen: das gute verherrlichte Bild von der kapitalistisch-demokratischen Grundordnung und die Parteilichkeit für die eigene Nation (und die Verbündeten, die sie sich selbst gibt). Verdächtig ist diese autoritäre, verstandesbeleidigende „Treue“ in der Wissenschaft schon, denn würde eine wissenschaftliche Erklärung der bürgerlichen Verhältnisse sowieso ergeben, dass die Leute in ihnen gerade gut oder am besten bedient sind, dann bedarf es keiner gewaltmäßigen Anordnung dafür, dass dieser treuepflichtige wissenschaftliche Schluss gelingt. Wenn das Endergebnis der gesamten Sozialwissenschaften bereits vorher nach außerwissenschaftlichen Kriterien festgelegt ist, dann liegt der Verdacht nahe, dass all diese bürgerlichen Theorien falsch sind; und weiter nicht nur falsch, sondern einen Grund haben, den die Obrigkeiten ihren Bildungsinstitutionen auferlegt: die Rechtfertigung der Klassengesellschaft.

    Die kapitalistische Hoheit handhabt andererseits die andere Abteilung der Wissenschaft wiederum anders, etwa hat der moderne Staat die Treue zur christlichen Weltanschauung oder anderen Religionen in den Naturwissenschaften abgeschafft. Dies nur deshalb, weil der Erfolg des kapitalistischen Wirtschaftsstandorts von der korrekten und möglichst ausgiebigsten Naturbeherrschung abhängt.


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    Freiheit der Wissenschaft heißt vor allem Freiheit von staatlicher Einmischung und von kapitalistischen Zwecksetzungen. Von beidem ist die verbeamtete Wissenschaft meilenweit entfernt. [...] Und die Zwecke der Forschung werden von denen gesetzt, die für Forschungsprojekte bezahlen.

    Man müsste hier schon die MINT-Disziplinen von den Sozialwissenschaften unterscheiden. Die STEM fields sind erst einmal tatsächlich in sich wertfrei und sorgen für korrektes Wissen. Dabei ist klar, dass nur liquide Geldgeber eben Forschungsaufträge stellen können, d.h. nur Staat und Kapital. Es ist gerade die Freiheit dieser Wissenschaft, welche sie zum Handlanger der herrschenden Interessen formt. In der Grundlagenforschung muss man sogar behaupten, dass hier eine außerordentliche Autonomie herrscht, weil die Ergebnisse und ihre Nutzanwendung oft kaum vorhersehbar sind. Wobei natürlich auch hier besonders dort, zumindest vorausahnend, geforscht wird, wo der Staat ein Interesse hat: Wenn er an Atomenergie oder an regenerativen Energien für seine Nationalökonomie interessiert ist, dann werden wohl viele Kapazitäten in solchen Bereichen aufgewendet.


    Die Gesellschaftswissenschaften liefern hingegen grundsätzlich falsches Wissen, sind dabei genauso Büttel der herrschenden Interessen. Egal welche Politik man konkret vertritt, für jeden Standpunkt gibt es eine rechtfertigende Theorie oder Schule - oder sie wird dann entsprechend gebildet und finanziert. Es ist auch bekannt, dass die Politik sich ihre Statistiken finanzieren kann, wie sie es sehen will usw. Dies setzt Pluralismus in den Gesellschaftswissenschaften voraus, was in einer Wissenschaft jedoch ihre Unfähigkeit beweist korrektes Wissen herauszubekommen und daraufhin auf den richtigen Grundlagen weiterzuentwickeln. In den Naturwissenschaften ist das längst bekannt und nur an den Rändern setzt Forschung ein, wo noch verschiedene Erklärungen als Hypothesen aufgestellt werden und strittig sind usw. Der bürgerliche Staat schreibt übrigens bewusst (nur) in den Sozialwissenschaften einen Pluralismus vor und setzt diesen aktiv durch. Wenn sich in einer Disziplin in einer Universität eine Schule o. Ä. durchsetzt, mischen sich höhere Instanzen und schreiben den Verantwortlichen vor, auch Wissenschaftler mit anderen Ansätzen je nach Konjunktur einzusetzen.

    „Italien privatisierte seine Autobahnen 1999. Nur 950 von insgesamt 6500 Kilometern blieben im Besitz der staatlichen Straßengesellschaft Anas. Die war in den vergangenen Jahren tief in einem Sumpf aus Korruption und Misswirtschaft versunken. Das Vertrauen in die staatliche Anas war noch geringer als in private Betreiber.“ (sueddeutsche.de, "Sind private Autobahnen unsicherer?" 15.08.18)


    Soweit muss es ein Staatsbetrieb erst einmal bringen, das Vertrauen in diesem sei „noch geringer als in private Betreiber“. Den Vergleich zieht nur jemand, der genau weiß wie diese reichen Herren unserer Klassengesellschaft kalkulieren und sich um das Wohl der Leute scheren.


    „Die italienische Regierung erhebt bereits am Tag nach dem Einsturz schwere Vorwürfe gegen den Betreiber. Von Vertragsbruch und mangelhafter Wartung ist die Rede … Dem Unternehmen Atlantia, das auch in Brasilien, Indien, Chile und Polen Autobahnen betreibt, wurde allerdings immer wieder vorgeworfen, trotz (!) hoher Einnahmen zu wenig in die Infrastruktur zu investieren. Der Betreiber reichte die Kritik unter Verweis auf lange Genehmigungsprozesse der staatlichen Anas weiter.“ (ebd.)


    Der geschulte Bürgerverstand bleibt da bei seinen metaphysischen Dogmen, der Profit entsteht natürlich infolge des unternehmerischen Talents und wächst auf den Bäumen der Fantasie – und nachdem dieser Profit eingestrichen wurde, sind die Kapitalisten gar so geizig ein paar Pfennig für die Wartungskosten aufzubringen. Als wären die Einnahmen nicht gerade deshalb so hoch, weil die privaten Betreiber an den Kosten für Wartung und sonstige Sicherheiten sparen, welche den Gewinn wiederum schmälern würden. Dieses Prinzip jedes kapitalistischen Unternehmens ist allgemein bekannt, weil dies alles Kosten in der Gewinnbilanz der besitzenden Klasse sind, wird daran gespart, was das Zeug hält: Umweltverträglichkeit, Lohn, Arbeitsbedingungen und -sicherheit, Produktqualität wie Gesundheit, Sicherheit oder Nachhaltigkeit der Waren und Dienstleistungen usw. usf.


    „Allerdings wächst der Ärger über die hohen Preise für die Autobahnnutzung.“ (ebd.)


    Da darf sich der Bürger wieder zusätzlich für die Bereicherungsinteressen von Geschäftsleuten ausnehmen lassen, die ihm die Privatisierung in den letzten Sektoren der Volkswirtschaft beschert – wenn man dafür nicht seiner Herrschaft danken soll...


    https://www.sueddeutsche.de/pa…der-mautstation-1.4093409

    Interessant, dass laut Untersuchung mittlerweile über die Hälfte der Chinesen den Kapitalismus präferieren. Wobei der ja von der KP als nützliches Werkzeug im Namen des Kommunismus dargestellt wird. Trotzdem soll das letztlich nicht verwundern, wenn man mit dem Standpunkt des Marxismus-Leninismus durch die Welt läuft.

    Ich will ein paar Prinzipien zur Debatte stellen, von denen ich meine, dass sie für die Gleichbehandlung der Frau im Kapitalismus gelten. Wenn etwas unstimmig erscheint, bin ich an Kritik daran interessiert oder an Textverweisen o. Ä.:


    Zu der Tatsache, dass das einzelne Einkommen der Arbeiter oftmals nicht genügt, um eine Familie durchzubringen, hat die Gleichberechtigung der Frau beigetragen – Grund dafür ist sie andrerseits nicht, denn um die Lohnhöhe müssen die abhängig Beschäftigten sowieso gegen ihre Geldherren kämpfen. Da das Gehalt in einem erfolgreichen Kapitalismus dahin strebt für den nötigsten Lebensunterhalt des Arbeiters und seiner Familie plus kulturellem Zusatz je nach Gesellschaft und Schicht zu sorgen, muss sich etwas an dieser Tatsache ändern, wenn die Frauen gleichberechtigt und in großer Zahl ebenso auf den Arbeitsmarkt um einen Arbeitsplatz konkurrieren, der sie und gegebenenfalls eine Familie ernähren soll. Es tritt aus mehreren Gründen ein allgemeines Sinken des Lohnes ein. Durch mehr Nachfrage nach einem Arbeitsplatz haben die Unternehmer mehr Macht in der Hand, um den Lohn zu senken und schlechtere Konditionen einzuführen. Zweitens arbeitet nun auch die Frau, die neben dem Mann zum Haushalt von Lebensgemeinschaft oder Familie beiträgt. Weil beide Haushaltsmitglieder Einkommen beschaffen, kann der Lohn durchschnittlich reduziert werden, und der Unternehmer beutet die doppelte Arbeitszeit (je nach dem auch die Hälfte kostenlos bei Teilzeitarbeit der Mutter) für das ehemalige Gehalt eines einzelnen Arbeiters aus. Da die Frau drittens ein kapitalistisches Defizit in ihrer Natur aufweist, das ganz ähnlich anderer Defizite wie Alter oder Krankheit von Geschäftsleuten diskriminiert wird, ist ihr Einkommen gerade wegen der Gleichbehandlung geringer – in Deutschland verdienen Frauen durchschnittlich etwa 20 % weniger als Männer, der Wert liegt etwas über der „Gender Pay Gap“ der EU. Die Potenz wegen Schwangerschaft und Kinderpflege für Arbeit und Karriere (Qualifikation) auszufallen oder weniger leisten zu können, ist der Grund, warum Arbeitgeber der weiblichen Belegschaft geringeres Gehalt auszahlen. Unternehmen kalkulieren längst mit dieser Billigkeit und richten für dieses Angebot entsprechende Arbeitsplätze ein, bspw. Teilzeitarbeitsplätze, die ja bekanntlich nicht für Vollzeittätigkeit ausbezahlt werden, ganz gleich ob der Bedarf vorliegen mag, aber zum Beispiel wegen der Haushaltsarbeit nicht ausreichend Zeit besteht, um vollzeit zu arbeiten. Und gerade wenn viertens Frauen als günstigere Arbeitskraft mit den Männern um einen Arbeitsplatz konkurrieren, mag dies besonders im Falle prekärer Stellen Grund für den Kapitalisten sein, die billige Variante zu präferieren und dadurch einen weiteren Machthebel in der Hand zu halten, den Verdienst der männlichen Anwerber zu drücken. Nützlich ist die Gleichberechtigung weiter darin, dass besonders die emanzipierte Frau in Familien je nach konjunkturellem Bedarf der Wirtschaft als Reservearmee dienen kann, wobei früher nur ausschließtlich auf ausländische Proleten und sonstige Arbeiter zurückgegriffen werden konnte. Und wo vorher die Frau kostenlos den Haushalt für den Mann und gegebenenfalls die Kinder erledigt hat, damit dieser möglichst lange und ausgiebig vom Kapital ausgebeutet werden kann und seine Freizeit nicht selbst für die Reproduktion aufbringen muss, da herrschen mit der vollendeten Gleichstellung der Frau zunehmend Verhältnisse ihrer gerechten marktwirtschaftlichen Diskriminierung, tendenziellen Prekarisierung und allgemeinen Doppelbelastung in der Familie.


    Mit der Gleichstellung der Frau entsteht Lohnsenkung also durch:

    1. die erhöhte Arbeitsplatz-Nachfrage,

    2. das gemeinsame Bestreiten der Haushaltskosten mit Lohnarbeit,

    3. die unternehmerische Diskriminierung der Frau als potenzielle Mutter (inklusive geringere Qualifikation und Teilzeitarbeit) und

    4. daraus folgend bei Konkurrenz beider Geschlechter entsprechende Verbilligung der männlichen Arbeitskraft.

    Punkt 1 relativiert sich natürlich immer an der nationalen Expansion oder dem Verfall einer Branche oder der Nationalökonomie gesamtgesellschaftlich betrachtet; an ihrer Produktivität, der durchschnittlichen Arbeitszeit usw. und damit dem Bedarf an Arbeitskräften.

    Erst einmal ist zu erwähnen, dass (für mich soweit) nicht aus dem Artikel hervorgeht, was die Untersuchten genau angekreuzt oder sonstiges mitgeteilt haben. Wenn sich jemand in einem Unternehmen "richtig wohl fühlt", lässt das noch lange keinen Schluss über die politische Einstellung zu - immerhin gibt es sogar Unternehmen, die sich als ziemlich links verstehen und als bereits praktische Alternative einer besseren Gesellschaft verstehen (SoLaWi/Konsumgenossenschaften, Tauschringe, Mitarbeiterunternehmen und andere armselige Versuche, dem Kapitalismus zu entkommen). Solche Ideen sind dann wohl nicht weit weg von dem Geldsozialismus der ML-Parteien im 20. Jahrhundert.

    Umgekehrt ist der Gedanke ebenso falsch. Es ist nirgendwo der Fall, dass die objektiven Bedingungen und Lebensumstände die Gedanken und politischen Einstellungen der Leute determinieren würden. Ein schlimmes Arbeitsverhältnis, das damit zu einem schlechten Lebensverhältnis wird, schreibt keinem Arbeiter vor, was er sich zu dem System einbildet - genauso wenig können dies gute Lebensverhältnisse. Ob arme Arbeiter Revolutionäre, Faschisten oder dümmste Opportunisten sind, ist an deren materiellen Bedingungen nicht abzusehen, sondern abhängig von deren Willen und Wissen. Genauso kann ein wohlhabender Akademiker oder Unternehmer zu einem starken Kommunisten werden - Engels als Kapitalist etwa oder die vielen sozialistischen Revolutionäre der "Avantgarde" haben sich bisher vornehmlich aus wohlsituierten Kreisen der Gelehrten und Kleinbürger gebildet.


    "Alle anderen spüren den Frust ihrer fremdbestimmten Existenz als Lohnabhängige. Sie alle sind mehr oder minder für Solidarität und Aufklärung empfänglich." (Wal)
    Richtig sind diese Aussagen nicht. Man kann auch in schlechten Arbeitsverhältnisse etwa "mehr Respekt" von Unternehmen wünschen oder sich auf den Titel "als anständige Lohnabhängige" berufen und den Staat anbetteln, doch ein paar Reformen zu veranlassen. Was die schwammigen Phrasen von "Solidarität und Aufklärung" bedeuten sollen, ist ebenso unerfindlich, erst recht die verdächtige Relativierung "mehr oder minder".



    "Ja, deswegen hoffe ich, dass sich die Lebensumstände der Arbeiter(aristokraten) erheblich verschlechtert. Die Arbeiter hier haben ein kleinbürgerliches Bewusstsein, weil es ihnen schlicht zu gut geht." (nikotin)


    Ich habe den gedanklichen Fehler von nikotin bereits mehrfach wiederlegt, aber noch einmal: Es wird ernsthaft behauptet die Arbeiter hätten ein falsches Bewusstsein, "weil es ihnen schlicht zu gut geht" - und nicht, weil sie die falschen Erklärungen für diese Gesellschaftordnung vertreten; nicht, weil sie eben ihr falsches Bewusstsein zur sozialen Ordnung gerade vertreten. Ihre Gedanken zur gesellschaftlichen Realität seien laut Zitat einfach vorgegeben durch diese Wirklichkeit selbst, so wird die Fähigkeit zum Nachdenken vollständig geleugnet. Die Erklärungen der Leute sind jedoch völlig unabhängig von der konkreten Lage etwa eines Arbeiters.

    Bei dieser deterministischen Theorie geht nikotin ernsthaft soweit, sich die Verelendung der Arbeiter zu wünschen. Wenn das nicht überzeugend ist! Es ginge den Ausgebeuteten hierzulande "zu gut", dafür nämlich, dass ihr Hirn automatisch dann bei schlechten Lebensverhältnissen zu revolutionären Gedanken kommt oder gar zum richtigen Bewusstsein. Eines muss man ihm lassen, schwer wird er es nicht haben bei seiner kommunistischen Aktion: die Arbeiter einfach noch mehr ausbeuten lassen, da wird er viele Freunde in dieser Gesellschaft finden, die dies schon längst veranstalten. Und dann kann der nikotin zusehen und warten, bis sich bei den verelendeten Arbeitern von selbst ihre sozialistischen Gedanken einstellen. Marxistische Agitation braucht es dafür offensichtlich nicht. So hat Marx wahrscheinlich erst dann seine korrekten Gedanken im Kapital niederschreiben können, weil er erst im Exil ein richtiges Armutsleben verbringen musste.


    PS (besonders nikotin): Regt euch bitte nicht wieder so auf, wenn euch jemand widerspricht. Ist doch alles nicht so dramatisch. ^^

    Bei den Ökosozialisten, von denen ich bisher in Kenntnis bin, ist mir ebenso das große Problem aufgefallen, das sich mit einer falschen Kapitalismuskritik umschreiben lässt. Wie kommt man überhaupt auf die Idee, ausgerechnet die kapitalistischen Institutionen von Ware, Geld, Gewinn, Kredit usw. - welche man in Das Kapital wirklich erklärt und kritisiert findet - für taugliche Hilfsmittel einer bedarfsbasierten Planwirtschaft zu halten? Es müssen lauter falsche Erklärungen dieser Gegenstände vorliegen, die sich von den alten Sozialdemokraten über den realen ML-Sozialismus bis ins 21. Jahrhundert hinübergerettet haben. Am Staatssozialismus des 20. Jahrhunderts kann man die Gegensätze analysieren, die die ML-Parteien mit einem absichtlich zusätzlich eingerichteten Tauschwert in ihrer Kommandoplanung der Gebrauchsgüter veranstaltet haben. Wo man den Unsinn bei Marx nachlesen oder schlussfolgern könnte, soll mir jemand einmal verklickern. Die Ökosozialisten müssten mit ihrer Realisierung eben dieselben Widersprüchen produzieren, und sind mit ihrer mangelhaften Herrschaftskritik auch auf genau der richtigen Bahn - soweit mir bekannt. wollen sie nicht den Staat abschaffen, trotz aller bürgerlichen Ideale einer "echten, partizipatorischen Demokratie"; bürgerlich, weil ihnen die echte Demokratie wohl nicht solidarisch genug ist, aber als ein guter Anfang erscheint.

    Eine korrekte Kritik an einer "Hebelwirtschaft" wie sie im Staatssozialismus zu finden war, ist hier zu entdecken:

    Oktoberrevolution 1917 - Marxistische Gruppe - 1987 (Vortrag auf Youtube, leider etwas stimmenverzehrt)

    Mit Hebeln geplant (Artikel der MSZ)

    Und auch in Wals Buch "Was Marx am Sowjetsystem kritisiert hätte" finden sich ein paar korrekte Kritikpunkte an der Sowjetökonomie.

    @Wal

    Naja, ich habe mich ja einzig auf die Kernthese des "Histomat" bezogen, die ich in der Kürze dargestellt habe. Darin (!) sind sich beide, Marx in den entsprechenden Zitaten und der ML, einig.


    "Deine angeführten Zitate sagen über die Voraussetzungen des Managersozialismus gar nichts (und basal interessierte sich nur dafür) ..."

    Basal hat gar nicht geschrieben, dass er Zitate über "die Voraussetzungen des Managersozialismus" suchen würde.


    Ich habe vermutet, dass eben diese Theorie des Histomat gesucht wird, weil ich in der Frage die "entwickelte", reife Etappe der Produktionsweise herauslese, die erst den Übergang zur nächsten erlauben soll. Mag ja genauso nützlich sein, Zitate zu finden, die dann noch speziell auf den Übergang zum Sozialismus hinweisen.


    "Meine obige Antwort für basal (und meine gesamte geistige Arbeit der letzten 20 Jahre zu den Theorien von Karl Marx) wandte sich gegen die Vorstellung, dass es eine ununterbrochene Linie von "Marx zu seinen Nachfolgern des ML" gebe."

    Hast du da etwas Konkretes geschrieben? Habe dein online gestelltes Buch "Was Marx am Sowjetsystem kritisiert hätte" gelesen, jedenfalls entsinne ich mich nicht - mag ja sein, dass ich mich nicht mehr erinnere -, dass darin etwas über dieses Thema steht.


    Gruß

    Du spielts wohl auf den sog. Historischen Materialismus an, der ein "objektives Entwicklungsgesetz der Gesellschaftsformationen" behauptet. Da würde der Stand der Produktivkräfte die Produktionsverhältnisse mit Notwendigkeit bestimmen. Davon nicht genug, das ganze Etappenmodell würde gleichzeitig einen notwendigen Fortschritt bedingen - zum Ende hin also Kapitalismus -> (ggf. Sozialismus ->) Kommunismus. Da würden dann soziale Revolitionen und Klassenkämpfe dafür sorgen, dass immer genau die richtige Gesellschaftsordnung dem Niveau der Produktivkräfte entsprechen. Warum diese Theorie falsch ist, darüber kann man noch diskutieren - wonach du aber nicht gefragt hast.

    Das Argument von Wal mit der Freizeit nimmt sich dagegen noch rationell aus, worüber man diskutieren könnte. Gemeint war da aber von Marx und erst recht von seinen Nachfolgern des ML also etwas anderes.

    Hier noch ein paar Zitate:


    „Mit der Erwerbung neuer Produktivkräfte verändern die Menschen ihre Produktionsweise, und mit der Veränderung der Produktionsweise, der Art, ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, verändern sie alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.“ (MEW 13, 130)

    „Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit (?) immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind.“ (MEW 13, 9)

    Wo sich je "die Menschheit" eine Aufgabe gestellt hat, ist ziemlich unerfindlich - ausgerechnet dann, wenn man jede historische Gesellschaft als Klassenherrschaft interpretiert hat.


    „In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen.“ (Zur Kritik der politischen Ökonomie, 13)

    nikotin

    Jo, ich habe nichts dagegen einzuwenden, wenn du Dinge nicht lesen willst, weil du weißt welche Grundposition dort vertreten wird und deine Zeit für anderes aufwenden willst.

    Aber Aufsätze bestehen meist aus mehr als die immer gleiche Grundposition, weshalb ich es unsachlich finde, unbekannte Texte als Schrott, damit wohl von vornherein als falsch und unsinnig, zu bezeichnen.

    Wal Buchenberg  

    „Natürlich gibt es auch Differenzen und Grauzonen zwischen dem Marxschen Neuprodukt und der Messzahl BSP.“


    Ja, da kann man gerne idealisieren, das wäre also nicht meine Kritik.


    „… ich behaupte, dass Aufstieg und Niedergang der Kapitalnationen vor allem von dem Faktor Arbeitsproduktivität bestimmt ist.“


    Da will ich gar nicht widersprechen.


    „Man kann also die wirtschaftliche Leistungskraft verschiedener Kapitalnationen anhand des BSP vergleichen…“


    Es kommt nun darauf an, was unter „wirtschaftlicher Leistungskraft“ verstanden wird.


    Du behauptest, diese Geldsumme des BSP gäbe „ausreichend Auskunft“ über die Arbeitsproduktivität. Erkläre mir doch einmal, wie man von Größen des Werts auf physische Einheiten umrechnen kann. Denn die Arbeitsproduktivität beschreibt Produktmenge pro Arbeitszeit, gegeben jedoch ist sogar nur die addierte Summe von v+m wie du schreibst.

    Völlig unbekannt bleibt im BSP pro Kopf die addierte Arbeitszeit der Arbeiter – nebenbei auch der Anteil der Arbeiter an der Gesamtpopulation, da du das „pro Kopf“ so betont hast. Du weist sogar darauf hin, dass man für die Bestimmung der nationalen Arbeitsproduktivität wissen müsste, wie viel Output (mengenmäßig und nicht wertmäßig) an Produkten national erzeugt und wie viel Arbeitszeit dafür aufgebracht wurde. Vernünftigerweise müsste man die einzelnen groben Branchen separat betrachten, weil man so die verschiedenen Qualitäten verschiedener Werte von Produktivität einfach mittelt.
    Eine „wertmäßige“ Arbeitsproduktivität hingegen wäre im Grunde die Mehrwertrate, und selbst für diese fehlt die Angabe der Arbeitszeit für den Wertzuwachs (Output).

    Du liegst folglich mit deiner Behauptung „Arbeitsproduktivität (größerer output je Arbeiter)“ auch falsch, da dann mindestens die durchschnittliche Arbeitszeit bekannt sein müsste.


    „Daran zu kritisieren, dass diese Zahl nicht zeigt, welche Produkte und Gebrauchswerte hergestellt wurden, ist ziemlich lächerlich.“


    Das sehe ich anders. Denn was VWLer und Bürger von der Aussage dieser Zahl halten und ideologisch hineindeuten, ist offenzulegen und zu kritisieren. Das macht übrigens der verlinkte Text – obgleich ein paar wesentliche Aspekte fehlen.

    Es sollte nun deutlich geworden sein, was ich damit meine, dass diese Zahl wie manch andere über rationelle Qualitäten und Quantitäten hinwegsieht.

    Ich denke meinen Punkt zum Sozialprodukt habe ich schon recht ausführlich dargestellt. Ich wollte jedenfalls gerade deshalb einem neuen Thread öffnen, weil ich auch mehr Neues zu diesem Thema als zu dem Thema deines Posts schreiben wollte.

    Eine Anmerkung zu den Statistiken in dem Beitrag Chinas Weg zur Weltmacht:


    Es ist zu hinterfragen, was gerade Marxisten mit der ziemlich bourgeoisen Kategorie des Sozialprodukts (oder auch Nationaleinkommen) anfangen sollen. Noch brisanter wird es, wenn von Wachstum gesprochen wird, was wohl den Bürgerverstand zu einigen Verdrehungen bringt. Darunter denken sich Leute also vieles, bspw. eine ansteigende Menge stofflichen Reichtums, Erhöhung des Produktivitätsniveaus oder irgendwie kapitalistisches Wachstum in Geldbeträgen ausgedrückt.

    Erst einmal ist hier kritisch zu betrachten, wie der Wirtschaftsexperte dieser Statistik das BIP für vorkapitalistische Gesellschaften berechnet hat. Welche Währungen man im Inkastaat, welche „Wirtschafsleistungen“ in nomadischen Hirtenvölkern man da mit welchen Geldsummen belegt oder welcher Wechselkurs zwischen dem Reichtum von Wildbeuter-Gemeinschaften und dem Aztekenreich ausgemacht wurde – das alles ist gänzlich schleierhaft.


    Das BIP ist eine gleichgültige Abstraktion, die sich weder um den Gebrauchswert noch um die ökonomischen Verhältnisse schert. Unsere bürgerlichen Wirtschaftsexperten haben gleich drei Methoden erfunden, mit denen sie meinen das Volkseinkommen berechnen zu können (Entstehungsrechnung, Verwendungsrechnung und Verteilungsrechnung). Da wundert es wenig, dass die ganzen wichtigen Institute aller Welt dauernd verschiedene Geldsummen für das jeweilige Land zusammengerechnet haben wollen. Dann sei laut einem Verein Australien jahrzehntelang in der Krise, während der andere dort einen dicken Boom ausgemacht haben will.


    An einer Zahl jedenfalls erkennt man nimmermehr wie viele Güter welcher Art hergestellt wurden, was für Produktionen vorliegen oder welchem Produktivitätsniveau sie angehören. Mit solchen Abstraktionen, die über jede Qualität und vernünftige Quantität hinwegsehen, ist die bürgerliche Welt jedoch reichlich vertraut. Mit den Noten in den staatlichen Bildungsinstitutionen wird insinuiert, dass man mit einer Ziffer auch nur irgendetwas über abgelieferte Fähigkeiten eines Schülers ausgesagt hätte – womit der Korrektur falscher Gedanken und angemessenen Erweiterung seines Wissens irgendwie gedient wäre. Stattdessen kann man mit dieser eigensinnigen Leistungsbemessung wunderbar die Bürger in der eingerichteten Bildungshierarchie selektieren und letztlich für die Berufshierarchie der Klassengesellschaft vorsortieren. Dass der Staatssozialismus des 20. Jahrhunderts weder Zensuren in den Bildungsapparaten noch Geldbeträge als Maßstab für die Wirtschaftsleistungen der Gesellschaft verworfen hat, sollte kein gutes Licht auf diese Veranstaltung werfen – die Fratzen ihrer großen sozialistischen Vorbilder haben sie sich noch gleich auf ihre Geldscheine drucken lassen.

    Aber auch mit dem vollkommen nutzlosen Konzept des „ökologischen Fußabdrucks“ meinen kritische Wissenschaftler etwas über Umweltruinierung und Nachhaltigkeit zu erklären, während mit dieser Zahl („Globaler Hektar“) nichts über irgendwelche konkreten Umweltschäden, Übernutzungen oder Kapazitäten von Senken ausgesagt ist.


    Ein kleiner Beitrag zum Sozialprodukt. Wobei ein Gedanke im verlinkten Text zu verwerfen ist, denn dass das BIP „nicht die geringste praktische Bedeutung“ hätte, ist nun auch nicht wahr. Es spielt wohl besonders international eine Rolle, etwa für Kreditgeber, wenn sie die Kreditwürdigkeit eines Staates bewerten – was natürlich allein schon nichts Objektives ist, sondern von vornherein spekulativer Natur.

    Eine Anmerkung zu deiner anfänglichen Erklärung in dem Post:


    Quote

    „Mehr Einwohner bedeutet mehr wirtschaftliche und militärische Kapazitäten“ bei ähnlichen technischen Mitteln der Staatsgebilde.


    Dies kann erstens nur gelten, solange Mehrprodukt produziert wird, wohl die Produktivität der – vorerst vornehmlich – agronomischen Arbeit ausreichend hoch ist. Ohne Überschuss kann es keine Herrschaft, damit keine Ausbeutung geben, sondern höchstens Raub von notwendigen Produkten und Arbeitskräften (Sklaven) durch kriegerische Völker.

    Zweitens wird nicht erklärt, warum der behauptete Schluss gilt. Auch wenn es für geschulte Marxisten schnell einleuchtend ist, lohnt es sich doch für alle anderen kurz zu erläutern: Wenn durchschnittlich und relativ also gleich viel Ernteüberschuss pro Bauer hergestellt wird, ist für eine Staatsgewalt absolut mehr Reichtum durch Steuern aus dem Landvolk ausgebeutet je mehr Untertanen sie beherrscht. Ein volksstärkerer Staat kann mit diesem Reichtum mehr Armeen halten und ausrüsten als eine Herrschaft geringerer Population.

    Ich vermute hier, dass mit „mehr wirtschaftlichen Kapazitäten“ etwa urbane und montane Produktion gemeint ist – was bspw. der Rüstung von Militär oder allgemein der Entwicklung von Technik dient. Wie du dann bereits schreibst, gilt, dass die Reinvestition des Surplus in die Steigerung der Produktivkraft der Arbeit (hier die Industrialisierung Europas) diese Lage gleichen Produktivitätsniveaus natürlich verändert.


    Wenn der Wal es erlaubt, will ich hier für Interessierte die Autorin Renate Dillmann mit ihrem China-Buch wärmstens empfehlen, von der man auch ein paar anregende Vorträge bspw. auf Youtube kostenlos findet (einfach ihren Namen in die Suchleiste eingeben).

    Ich meine, Patriotismus dient der Arbeiterklasse gerade nicht. Wenn es dem Kommunismus um eine rationelle Planwirtschaft zu tun ist, also eine Organisation der Arbeit, die den Arbeitern möglichst beliebt und angenehm ist, und eine Produktion zum Zwecke der Befriedigung der Bedürfnisse der Leute - dann ist nicht ersichtlich, warum die Parteinahme für das eigene Land, die eigene separate Herrschaft zu befürworten wäre. Staaten sind erst einmal nichts als das Ergebnis von Klassengesellschaften, die als Herrschaftsapparate organisiert sind - daran finde ich nichts, worauf Marxisten stolz sein könnten.
    Mir gefällt da der alte Spruch von Marx: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Der Wille eines internationalen Proletariats zur kommunistischen Planwirtschaft impliziert den Willen, jede Internationalität, jede Nation, jede Grenze und schlussendlich jeden sachfremden Gegensatz aufzuheben, der nicht der rationellen Planung der Ökonomie dient.


    Mir gefällt da der alte Spruch von Marx: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Der Wille eines internationalen Proletariats zur kommunistischen Planwirtschaft impliziert den Willen, jede Internationalität, jede Nation, jede Grenze und schlussendlich jeden sachfremden Gegensatz aufzuheben, der nicht der rationellen Planung der Ökonomie dient. Engels beschreibt die Besitzergreifung der Produktionsmittel im Namen der Gesellschaft so: "Das Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche Verhältnisse wird auf einem Gebiete nach dem andern überflüssig und schläft dann von selbst ein. An die Stelle der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen. Der Staat wird nicht "abgeschafft", er stirbt ab." (MEW 19, S. 224)

    Die Befürwortung von Patriotismus erscheint von diesen Überlegungen meilenweit entfernt. Deshalb denke ich, jeder sozialistische Staat, der mit Nationalismus reüssiert, weist damit keinerlei Herrschaftskritik auf, und tut gut daran, sich wieder die kapitalistische Ordnung anzugewöhnen - denn mit dieser mag die Nation mehr aufblühen, also die Staatsmacht wachsen, weil dafür das Volk besser ausgepresst wird. Macht der Nation und das Wohl der Arbeiterklasse sind Gegensätze, die der Kommunismus aufheben und gerade nicht forcieren will.

    Wenn man sich kritische Sachbücher und Populärliteratur durchliest, die auf soziale Missstände stoßen, deren Ursache sogar einmal auf die hiesige Wirtschaftsweise zurückgeführt wird, dann fällt den besorgten Autoren auf, dass daraus der logische Schluss folgt, erst durch die Abschaffung dieser gesellschaftlichen Verhältnisse ist die Behebung des festgestellten Missstands möglich. Dieser Schluss wird aber nicht gemacht, sondern weil er gegen die Parteilichkeit bürgerlicher Heuchler verstößt, werden sich immer gleiche Argumente ausgedacht, die mit der Sache gar nichts zu tun haben, aber dafür um so mehr die Alternativlosigkeit des Kapitalismus sekundieren sollen. Im Folgenden exemplarisch zwei Auszüge derart geistreicher Verteidigung.


    Kommunismus tot…

    Nachdem der Autor Hariri in „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ die üblichen Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaft beklagt, Armut vor lauter Überfluss usw., fallen ihm diese schlagkräftigen Argumente für den Erhalt einer solch schädlichen Ordnung ein:


    „Auf diese Kritik hat der Kapitalismus zwei Antworten. Erstens hat der Kapitalismus eine Welt geschaffen, die nur noch von Kapitalisten beherrscht werden kann.“ (S. 406, „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, Y. N. Hariri, 2013, Pantheon)


    Eine schöne Tautologie, wenn überall Kapitalismus herrscht, dann ist es eine Welt, in der die Kapitalisten herrschen. Zudem erfindet der Autor ein Subjekt, denn „der Kapitalismus“ ist kein Verein, sondern bezeichnet ein Wirtschaftssystem, in dem so manche Akteure agieren – vor allen Dingen eine der zwei Klassen, die die kapitalistische Produktionsweise erzeugt hat.


    „Der einzige ernstzunehmende Versuch, die Welt anders zu organisieren – der Kommunismus –, war in fast jeder Hinsicht so viel schlechter, dass kaum jemand ein Interesse daran hat, ihm eine zweite Chance zu geben.“ (ebd.)


    Worin „der Kommunismus“ des 19. Jahrhunderts bestand, ist Hariri da völlig gleichgültig. Ob das nur ein Versuch war, dem Volk eine kommandierte Gewinnwirtschaft zum Erfolg der Staatsmacht zu verordnen, an der diese Kommunisten Maßstäbe gesetzt haben, die dummerweise von der Geldwirtschaft im Westen abgeschaut wurden, davon abstrahiert der Autor, um dadurch gleich jede Planwirtschaft abzutun. Worin seine „Hinsichten“ bestehen, die den Geldsozialismus „so viel schlechter“ aussehen lassen, kann man sich schnell erschließen. Für nötig befindet er es nicht, diese zur Debatte zu stellen – denn „kaum jemand hat ja Interesse daran“. Wahrscheinlich sind diese Maßstäbe wohl unbrauchbar, vom Warenfetisch befangen und durchdrungen von bourgeoiser Voreingenommenheit, die gar nichts mit den Bedürfnissen des arbeitenden Fußvolks am Hut haben.

    Mit der Behauptung, einer anderen Gesellschaftsordnung keine zweite Chance mehr zu geben, ist eine gedankliche Dummheit vollzogen worden. Wer so unüberlegt vorgeht, der lässt ernsthaft gesellschaftliche Ordnungen als praktische Versuche laufen, um zu schauen wie sie sich so in der Realität machen. Anstatt die aktuellen Verhältnisse zu studieren, um die Gewissheit zu haben, die Widersprüche und Ursachen der gesellschaftlichen Schäden erkannt zu haben, damit sie mit deren Erkenntnis bewusst durch eine gesellschaftliche Veränderung beseitigt werden.


    „Vor 12000 Jahren konnte man bittere Tränen über die landwirtschaftliche Revolution vergießen, doch es war zu spät, um das Ruder noch einmal herumzureißen. Genauso verhält es sich mit dem Kapitalismus: Wir mögen ihn noch so sehr hassen, aber wir können nicht mehr ohne ihn leben.“ (ebd.)


    Noch besser, den Kapitalismus einfach als Naturgesetz behaupten.


    … und die sozialen Ideale leben!

    Eine zweite Expertin, die ganz viel Elend im Kapitalismus feststellen will, aber sich trotz allem so ziemlich ohne irgendein Argument für den Fortgang ausspricht, findet sich in dem Buch „Die Einkaufsrevolution – Konsumenten entdecken ihre Macht“ von Busse.


    „Vielleicht sollte man die Beantwortung der Grundsatzfrage, die sich ohnehin niemand mehr ernsthaft stellt, vertagen und dafür sofort mit den kleinen Schritten beginnen, ganz systemimmanent, und statt sich vergeblich ums Ganze zu kümmern, lieber erfolgreich die Details verändern.“ (S. 31, „Die Einkaufsrevolution – Konsumenten entdecken ihre Macht“, T. Busse, 2006, Blessing)


    Wenn sich „niemand mehr“ die „Grundsatzfrage“ stellt, dann ist das für die Autorin Busse ein ausreichender Grund, es gleich bleiben zu lassen – zu tun und zu denken, was andere für richtig halten, das dürfte einer hervorragend ausgebildeten Journalistin ohnehin vertraut sein.

    Die raffinierte Philosophin will „die Grundsatzfrage“ „vertagen“ – ziemlich merkwürdig, nachdem sie in ihrem schönen Buch lauter Elend, Hungertod, Krieg und sonstige Schönheiten der modernen Welt anprangert. Mit diesen Argumenten ist gar nicht erst die Erklärung dieser gesellschaftlichen Schäden angesprochen worden. Doch wenn die Analyse dieser Übel ergeben würde, dass das kapitalistische System Ursache ist, kann man sich wieder auf seine unbegründete Ablehnung einer gesellschaftlichen Systemalternative berufen, die man in zwei Sätzen locker hinklatschen kann. Dann natürlich bleiben leider nur noch die „kleinen Schritte“. Das passt Busse so richtig in den Kram, erst einmal die Analyse der kapitalistischen Gesellschaft beiseiteschieben, und dann überall erfundene Ideale entgegenhalten, wo etwas „falsch läuft“. Es sind wunderlicherweise die immer gleichen systematischen Schäden und Gegensätze, die nie den philiströsen Idealen von Sozialromantikern Platz machen wollen. Bloße „Details erfolgreich zu verändern“ bedeutet übersetzt in ihrer Sprache gar nichts bewirken zu wollen.

    Die parteiliche Position a priori für die kapitalistische Weltherrschaft und ihre erfolgreiche Durchsetzung muss hingegen notwendig zur falschen Erklärung derselben führen, ansonsten bräuchte man gar nicht vor einer Analyse extra die Alternative zum Kapitalismus ausschließen. Aber das hat die Autorin schon ganz richtig von ihrer Herrschaft gelernt, denn nicht umsonst gilt hierzulande: „Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue (!) zur Verfassung.“ (GG, Art. 5, Abs. 3) Argumentieren und kritisch sein braucht man gegen diese kapitalistische Ordnung nicht, der hat man unbegründet und kritiklos zu dienen.

    Unter demokratisch verbildeten Untertanen gilt dann wohl eine Gesellschaftsanalyse für ertragreich und lesenswert, die bereits in der Einleitung erklärt, „die Beantwortung der Grundsatzfrage zu vertagen“. Solch einen Blödsinn sollte sich einmal ein Naturwissenschaftler erlauben…

    Das Buch stellt eine ordentliche und bunte Ansammlung von den Widerlichkeiten dar, die man in der kapitalistischen Welt nicht dreimal suchen muss. Aber das liefert für überzeugte Untertanen noch lange keine hinreichenden Gründe, die kapitalistische Wirtschaft abzulehnen, geschweige denn sich einer eingehenden Analyse dessen zu verschreiben, was einen so sehr stört. Das Buch erscheint als einzige Klageschrift einer Idealistin, die allenthalben feststellen will, was „eigentlich“ getan werden sollte, müsste, hätte usw. Solche Moralisten verstehen es, die wirkliche Welt einfach nicht zu untersuchen und stets ihr Ideal auf eine Realität zu stülpen, in der nirgends dieses Ideal herrscht oder gar von den maßgeblichen gesellschaftlichen Instanzen vertreten würde. Eine negative Feststellung der Wirklichkeit, ihre Moral, weigert sich jedweder Erklärung derselben. Anstatt zu betrachten, was die handelnden Agenten tun, und was sie nicht selten auch sagen, findet die Moralistin Busse überall den Verstoß gegen ihre erfundenen Maßstäbe wie „Gerechtigkeit“, „unternehmerische Verantwortung“, „Selbstverständlichkeiten“ usw.

    Der Positivismus behauptet, der Erfolg eines verwirklichten Experiments sei der Beweis der zu prüfenden Theorie. Aus der empirischen Wirklichkeit der Natur etwa ergeben sich jedoch nicht von selbst ihre Gesetzmäßigkeiten und Zusammenhänge, man muss sie schon richtig deuten. Denn „[alle] Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen.“ (MEW 25, 825)


    „Die Empirie der Beobachtung allein kann nie die Notwendigkeit genügend beweisen. Post hoc |nach diesem|, aber nicht propter hoc |wegen diesem|. Dies ist so sehr richtig, daß aus dem steten Aufgehn der Sonne des Morgens nicht folgt, sie werde morgen wieder aufgehn, und in der Tat wissen wir jetzt, daß ein Moment kommen wird, wo die Sonne eines Morgens nicht aufgeht.“ (MEW 20, 497)


    Die Feststellung von Phänomenen, ihrer objektiven Korrelation, ist also keine Erklärung von Ursachen und Zusammenhängen.

    Ein Experiment ist, wenn auch eine gemachte, „Erscheinung“ und gilt richtig interpretiert zu werden. Sowohl ein verfehltes als auch ein erfolgreiches Experiment kann Schlüsse über die Gesetze der Natur zulassen, und doch kann man auch jedes Experiment falsch deuten. Man muss ohnehin überprüfen, ob die jeweilige Überlegung stimmig ist, die die Theorie mit einem erfolgreichen Experiment bewiesen wissen will. In der Industrie war und ist es immer wieder der Fall, dass die vollständige Funktion der Technik, die Erklärung der darin enthaltenen Naturgesetze, gar nicht bekannt sein müssen und trotzdessen der Apparat "erfolgreich" angewendet wird. Bsp. war Jahrtausende lang den Matellarbeitern die Chemie der Metalle unbekannt oder besser noch sie vertraten falsche Theorien, die so dann auch erfolgreich schienen.
    Aber ohne Frage, mit Experimenten lassen sich wohl auch neue Erkenntnisse gewinnen und bisherige naturwissenschaftliche Fragen beantworten – mit Experimenten, die nach dem Stand von Wissenschaft und Technik bis dato unmöglich waren oder nicht gefördert wurden. Experimente präzisieren und erweitern die Erfahrung, indem etwa der Zusammenhang zwischen konkreten Größen separat in vitro variiert und untersucht wird.

    Marx schreibt im Kapital:


    „Bei der Analyse der ökonomischen Formen kann außerdem weder das Mikroskop dienen noch chemische Reagenzien. Die Abstraktionskraft muss beide ersetzen.“ (MEW 23, 12)


    Als wäre nicht „Abstraktionskraft“ nötig, um die Forschung mit dem Mikroskop und Reagenzien zur Theorie zu bringen, denn immerhin „wäre alle Wissenschaft überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen.“ Hier widerspricht sich Marx, denn die Beobachtung isolierter und beeinflusster Natur enthält in keiner Weise an sich die richtige Theorie, weil es ihr nur um die Erscheinung zu tun ist.

    Man muss hier anmerken, ausgerechnet so manch ein Marxist will die Gewissheit propagieren, die mit dem Experiment geliefert werden soll. Doch im Kapital ist nichts von einem Experiment zu lesen, die Erkenntnis, dass Kapitalismus Ausbeutung ist, wurde nicht experimentell bewiesen. Wer nun vermeldet, in den Gesellschaftswissenschaften sei das so auch gar nicht möglich, der muss entweder Wissen über Gesellschaft leugnen oder kann auch einfach die Verherrlichung des Positivismus per se unterlassen.

    Zum Thema "Coaching, Mediation und Supervision" habe ich letztens noch einen schönen Vortrag gehört, der die Sache sehr gut trifft: Die totale Therapie

    Der Referent Magnus Klaue scheint neben ein paar vernünftigen Standpunkten marxistischer Kapitalismuskritik relativ viel in die idealistische Ecke zu tendieren, was sich bekanntlich dann gern "Kritische Theorie" nennt.

    Unter dem Video habe ich den Inhalt, wie ich ihn verstanden habe, zusammengefasst:


    Quote

    Ich habe die Essenz des Vortrags so verstanden: Mit der sog. Allparteilichkeit der Mediation usw. wird sie zum Parteigänger der Mächtigen. Es ist gerade die Gleichgültigkeit gegenüber dem Inhalt des Konflikts, die die Mediation zum Instrument der Herrschaftslegitimation macht. Indem die Geknechteten (Lohnarbeiter, Schüler/Studenten, Gefangene, Privatbürger usw.) die Perspektive ihrer Herrschenden (Kapitalist, Kindersortierer/Lehrer, Gefängnisdirektor, Staatsgewalt usw.) einnehmen sollen, wird ihnen das konstruktive Denken gelehrt, dann verschleiern sie die gesellschaftlichen Interessengegensätze, die Gewaltverhältnisse der freien Konkurrenz - da sie viel "Verständnis" für "Bedürfnisse" der Herren, Funktionäre und Ausbeuter entwickeln. Zu allem Überfluss wird der Unsinn noch mit Psychologisierung und Emotionalisierung gepfeffert: Man soll "reflektionsfähig" und "selbstkritisch" werden, also seine eigenen Ansprüche herunterschrauben - alle "Bedürfnisse" sollen zur Geltung kommen - und sich selbst als Person problematisieren, wo es sich um soziale Konflikte handelt. Und man soll eine emotionale Verbindung zum Konkurrenten und zur Autorität entwickeln, eine persönliche "zwischenmenschliche" Beziehung aufbauen, die durch das Psychoverfahren allzu lächerlich konstruiert ist - da seien falsche Worte schlimmer als reale Gewalt. Doch die Wertschätzung von Feinden und Mächtigen ist Sklavenmoral. Die Erkenntnis und das Aufheben gesellschaftlicher Widersprüche wird mit Strategien konstruktiver "Konfliktlösung" nie verfolgt, sondern stattdessen deren Stabilisierung durch Verschleierung und bloßer Affirmation.


    Die weitere Diskussion mit dem Kommentator liefert auch ein paar Erklärungen zur Sache, nur will ich den Thread damit jetzt nicht überfüllen.

    Hallo nikotin.


    Mir fällt dazu gerade noch spontan die Sache mit dem AD(H)S ein. Schüler, die einfach kein Interesse am Unterricht haben - lieber Sport machen würden bspw. - oder sowas nicht mehr aushalten, stören oder vor lauter Langeweile dauernd mit den Gedanken abschweifen, die bekommen eine klinische Diagnose gestellt. Pädagogen kommt nie in den Sinn, dass ja Schüler einfach nur desinteressiert sind, das würde den guten Zweck der Schulpflicht infrage stellen. Deshalb erfindet man eine Krankheit für Kinder, die den Betrieb der Lernkonkurrenz stören, und pumpt sie so gerechtfertigt mit Ritalin und anderen Betäubungsmedikamenten zu - die obendrein noch ihre Nebenwirkungen zeigen.

    In die psychologische Rechtfertigung der Hierarchien und Klassen passt wohl auch gut die bürgerliche Theorie der Intelligenz, indem die Bildungs- und Berufshierarchie mit Unterschieden einer angeblichen kognitiven Leistungsfähigkeit legitimiert wird (vgl. zum Beispiel Absatz "Was misst ein Intelligenztest?" in Intelligenztheorie). An sich schon eine ziemliche Selbstvergewaltigung des Verstandes, denn selbst wenn manche Leute in irgendwelchen Fächern von Natur aus langsamer wären - wie auch immer -, das sich als Grund für den Ausschluss weiterführender Bildung und damit hier Verdammung eines Lebens als totaler und billiger Arbeitsdiener einleuchten zu lassen, ist kaum nachvollziehbar - außer als dümmste sozialdarwinistische Affirmation der Gewaltverhältnisse.


    Die Psychologie beschäftigt sich hauptsächlich damit, die Härten der Gesellschaft auf die Problematisierung der einzelnen Person zu übertragen. Wer sich nicht einordnen kann, wer in der Realisierung der schönen Freiheit versagt, der wird von der bourgeoisen Psychologie gleich als gestört, krank oder dysfunktional diagnostiziert - eigentlich ist dies ihr Kriterium für Krankheit. Derjenige, der das Lohnarbeiter-Leben nicht mehr aushält oder tatsächlich unbrauchbar ist für die Zwecke des Kapitals, soll mithilfe des Psychotherapeuten oder Psychiaters wieder funktional für den reibungslosen Gang der bürgerlichen Gesellschaft werden. Angebote für diese Selbsttäuschung bietet diese Psychologie dann zuhauf - aber genauso gut dient da die christliche Seelsorge, die Trost, Kraft und ganz viel Sinn für die Unterwerfung unter schlechte Verhältnisse spendet.

    Wal, die Überprüfung der Daten ist ja auch für mich interessant, deshalb nichts zu danken. ;D

    Quote

    An meiner Einschätzung ändert die Zahl 53.000 nichts. Du Vergleichszahl von 416.000 Naturwissenschaftlern in direkten kapitalistischen Diensten ...

    Hier irrst du wieder. In dem Link wird nicht nur von Naturwissenschaftlern, sondern auch Ingenieuren usw. gesprochen ("für Forschung und Entwicklung"). Das Verhältnis von Forschern im Staatsdienst und im Kapitaldienst mag trotzdessen geringer sein, aber statt 1:4000 eher 1:5 oder ähnlicher Größenordnung.

    Hallo Wal,

    viel Dank für deinen längeren Kommentar.


    Quote

    ... dein Text zur Wissenschaftskritik ist gut gemeint, trifft die Sache aber nur im Ungefähren und Abstrakten.

    Das hast du nun wirklich nicht mit deiner Kritik nachgewiesen, die zwei, drei Gedanken, die du aus meinem Text herausnimmst, sind ja nun nicht alles gewesen, was ich mitzuteilen hatte.


    1)


    Quote

    Zwar räumst du in einer Fußnote ein: „Natürlich ist der Gegenstand der Naturwissenschaft im weiteren Sinne in Teilen historisch...“- aber du selbst gehst an deinen Gegenstand ahistorisch und überzeitlich heran.


    Deine Kritik daran, wie ich Naturwissenschaft per se behandle, leuchtet mir nicht ein. Du zeigst gar nicht auf, worin mein Urteil über sie falsch sein soll?


    Quote

    Deine Aussagen kommen daher nicht wie eine Beschreibung der Wirklichkeit daher, sondern wie abstrakte Definitionen von Begrifflichkeiten

    Wenn die Begriffe die wirkliche Sache treffen, dann wäre deine Unterscheidung von Begriff und Beschreibung auch überflüssig. Und zudem, ob Erklärungen abstrakt allgemein oder sehr konkret sind, sagt nichts über deren Richtigkeit aus.

    Mit dem (bürgerlichen/kapitalistischen) Staat bezeichne ich wohl entwickelte, funktionstüchtige Staaten, eben mit einer ziemlich vollständigen kapitalistischen Wirtschaft. Ich denke, das ergibt sich schon aus der Erklärung, was der Begriff bezeichnen soll (etwa allgemeine Schulbildung als mehr oder minder verwirklichte Grundlage von halbwegs funktionierenden und entwickelten kapitalistischen Herrschaftsapparaten usw.). Dass ich auch falsch liegen kann, mag sein, dann korrigiere ich Fehlurteile.


    2) 2.1

    Also naturwissenschaftliche Grundlagenforschung findet nun wirklich nicht in der Hand privater Unternehmen statt, das leitet der Staat. Ich habe auch erklärt warum Naturgesetze und grundlegendes naturwissenschaftliches Wissen weder Patent verliehen bekommt noch im Auftrag von privaten Unternehmen erforscht werden. In deinem Link steht noch selbst Wissenschaftler in Unternehmen "forschen für die Praxis und können die Umsetzung Ihrer Ideen verfolgen." - ob neue Kenntnisse über den Aufbau von Hefezellen zu brauchbarer kapitalistischer Innovation führt, das ist weitaus ungewisser als Anwendung neuer EDV-Technik für eine "moralisch verschließene" Fabrik, die auf Vollautomatisation umstellen will.

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    Das Statistische Bundesamt vermeldet in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften an deutschen Hochschulen für das Jahr 2016 gerade mal 722 Professoren plus 5454 Assistenten und wissenschaftliche Mitarbeiter, macht knapp 6.200 Personen. Dass Naturwissenschaft in Deutschland überwiegend oder gar völlig staatlich organisiert sei, geben diese Zahlen nicht her.


    Wal, du hast hier die Daten von S. 8 gewählt, dort ist klar angegeben, dass 1. nur Baden-Württemberg erfasst wurde und 2. nur Universitäten. Daneben hast du nur hauptberufliches Personen einbezogen - was du auch selbst angibst. Auf S. 92 kann man entnehmen, dass allein im Bereich "Mathematik, Naturwissenschaft" an Universitäten das "Haupt- und nebenberufliche wissenschaftliche (und künstlerische) Personal" bei 53.000 liegt (die mittlere Zeile), auf S. 98 an Hochschulen insgesamt 56.000 - und jeweils "Verwaltungs-, technisches und sonstiges Personal" nicht zugeordnet. Das macht insgesamt knapp 110.000 Berufstätige allein in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften an deutschen Hochschulen für das Jahr 2016, darunter 24.000 nebenberufliche. Laut meiner bescheidenen Interpretation der Daten. Ingenieurwissenschaft (wären noch einmal etwa 117.000), Medizin, Ökotrophologie usw. sogar ausgelassen.

    Bei der Angabe 416.000 müsste man ohnehin schauen, wer überhaupt darunter gezählt wurde.

    Und ja wahrlich, darunter fällt wohl ein größerer Teil der Lehrtätigkeit zu. Während die Wissenschaftler im Betrieb wohl auch ein bisschen Unternehmerisches tun müssen.

    Ich könnte jetzt deine Tour auffahren und behaupten, deine Aussage sei entweder sehr unaufmerksam oder "böswillige Verleumdung". (Wal, ich mache hier nur einen Scherz, keine Aufregung :D )

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    Wie viel Forschung wird zum Beispiel aktuell für Künstliche Intelligenz (AI) an Hochschulen und wie viel in Unternehmen betrieben? Ich denke, wer Wissenschaftskritik auf seine Fahnen schreibt, müsste solche Fragen beantworten können.


    Das würde gar nicht gegen, sondern für meine Behauptung sprechen. Als ob Künstliche Intelligenz unter naturwissenschaftlicher Grundlagenforschung fiele.

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    Frage nebenbei: Wie viele der Wissenschaftler, nach denen unsere Unis heute benannt sind, betrieben denn ihre Studien an einer Hochschule? - Leibnitz? Humboldt? Darwin? Einstein? Heisenberg? Wer?


    Allesamt haben ein entsprechendes Studium an einer Hochschule genossen, das die nötige Basis ihrer forscherlichen Studien bilden musste. Es tut auch nichts zur Sache, ob manche großen Entdeckungen außerhalb von Universitäten gemacht wurden.

    In meinem ursprünglichen Artikel bin ich auf andere Punkte noch näher eingegangen, besonders auf die Bildungsinstitutionen. Wollte aber den Post hier nicht überladen mit Inhalt.


    2.2

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    Ich bezweifle, dass man die pauschale Aussage machen kann, dass „Naturwissenschaft ... korrektes Wissen ermittelt“. Ich selbst bin zwar Historiker und kein Naturwissenschaftler, aber trotzdem bekomme ich ziemlich viel Schrott mit, der von Naturwissenschaftlern verbreitet wird. Angefangen damit, dass die Naturtheorie von Einstein bis Stephen Hawking nicht ohne Gott auskommt, - über die von Wissenschaftlern betriebene Kontaktsuche mit „Außerirdischen“ - bis hin zu „christlichen“ Naturwissenschaftlern und Kreationisten.


    Da liegst du wirklich falsch Wal. Ich befinde mich gerade in einem solchen naturwissenschaftlich-technischen Studium und kann dir versichern, dass ich weder etwas mit Gott noch mit Außerirdischen zu tun bekomme, sondern mir lauter Materialismus und korrekte Erklärungen begegnen. Wenn Wissenschaftler etwas öffentlich verbreiten, das theologisch und Schrott ist, dann wissen sie ganz genau, dass sie das neben ihrer Berufstätigkeit tun müssen. Aber auszuschließen ist nicht, dass in Fächern wie Astronomie oder Quantenmechanik auch Unsinn untergeschoben wird. Nicht zuletzt hat sich ja der Unsinn des Positivismus - der nichts an der nicht-positivistischen Wissenschaft und ihren korrekten Urteilen ändert - vor allem in den Vorworten der Lehrbücher verbreitet. Daneben ist kapitalistische Ideologie dort auch verbreitet, Warenfetisch und erfundene Zusammenhänge von Gebrauchs- und Tauschwerte - die in der Wirtschaft ohnehin niemanden interessieren - findet man zuhauf. Du kannst doch nicht ernsthaft bestreiten, dass in den Naturwissenschaften überwiegend korrekter Wissen fabriziert wird, dagegen spricht schon allein die Technik des Kapitalismus - obwohl ich nichts vom Positivismus halte, du wahrscheinlich jedoch schon, wenn ich mal vermuten würde.


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    Und es gibt unzählige Berichte darüber, wie sehr im Alltag der Wissenschaft geschoben, geschummelt und getrickst wird. Wie häufig Wissenschaftler ihre Ergebnisse Fälschungen verdanken, darüber wird überall diskutiert, nur nicht von dir.

    Ja Wal, das kommt davon, wenn man mal wieder nur die Hälfte des Posts liest - bei meinem Ökobeitrag hast du es dort jedenfalls angemerkt. Ich wiederhole, also "auch von mir": "Jedoch bestehen Ausnahmen wegen der gesellschaftlichen Ordnung: Unternehmen können für Werbezwecke oder die Umgehung rechtlicher Beschränkungen usw. Interesse an verfälschten wissenschaftlichen Ergebnissen hegen. Und auch wird so mancher Forscher rechtlich belangt, weil er, um seinen Lebensunterhalt in seinem Beruf bzw. seiner Karriere zu bewahren, für ihn günstige Studienergebnisse zurechtgedreht hat und aufgeflogen ist."

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    All das wird in deiner Wissenschaftskritik ausgeblendet. Was übrig bleibt, ist der Glaube an die Unfehlbarkeit und Unersetzlichkeit der bürgerlichen Wissenschaft.

    Weiter unten, wenn man es gelesen hätte, habe ich daneben auch noch ein Urteil über die Sozialwissenschaften gefällt. Deine Kritik ist ziemlich verfehlt. Es geht sowieso in keiner Weise aus meinem Post hervor, dass ich den "Glauben an die Unfehlbarkeit und Unersetzlichkeit der bürgerlichen Wissenschaft" propagieren würde. Warum sollte ich als Kommunist überhaupt die "Unersetzlichkeit der bürgerlichen Wissenschaft" behaupten?


    Danke für die Links, werde sie mir noch einmal durchlesen oder vielleicht Gedanken noch einmal einbauen in meinen kleinen Artikel.

    Gruß

    Naturwissenschaft und Technik


    Die Naturwissenschaft erforscht die Natur, ihr Gegenstand ist die Erklärung von Naturgesetzen und -zusammenhängen. Die Kenntnis der Naturgesetze wird besonders deshalb betrieben, da sie das Potenzial birgt, aus ihr Methoden zur Beherrschung der Natur für die Zwecke des Menschen herzuleiten. Die Technologie ist die Wissenschaft, die mithilfe dieser Kenntnisse die Natur nach Maßgabe der Bedürfnisse der Menschen manipuliert. Die Disziplinen der Naturwissenschaft sind nach der vorhandenen natürlichen Wirklichkeit systematisiert, ihr Objekt ist unabhängig von der menschlichen Gesellschaft und mithin ahistorisch (1). Die Technologie hingegen besteht aus Fachrichtungen, die vom Stand der Kultur abhängig sind und im Besonderen die Stufe des Produktionsniveaus erfasst, dessen Entwicklung sie erzeugt hat. Die Technologie stellt sich als eine Forschung eigener Art dar, sie beschäftigt sich mit Erfindungen zur Beeinflussung der Natur und verbindet verschiedene Fachgebiete der Naturwissenschaft.


    Quote

    „Die Natur baut keine Maschinen, keine Lokomotiven, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, selfacting mules etc. Sie sind Produkte der menschlichen Industrie; natürliches Material, verwandelt in Organe des menschlichen Willens über die Natur oder seiner Betätigung in der Natur. Sie sind von der menschlichen Hand geschaffene Organe des menschlichen Hirns; vergegenständliche Wissenskraft. Die Entwicklung des fixen Kapitals [Technologie, Maschinerie, Gebäude etc.] zeigt an, bis zu welchem Grad das allgemeine gesellschaftliche Wissen zur unmittelbaren Produktivkraft geworden ist und daher die Bedingungen des gesellschaftlichen Lebensprozesses selbst unter die Kontrolle des allgemeinen Verstandes gekommen und ihm gemäß umgeschaffen sind.“ (MEW 42, 602)


    Wie Wissenschaft unter der Obhut vom Staat und seiner Marktwirtschaft stattfindet


    Der bürgerliche Staat übernimmt in seinem Interesse die naturwissenschaftliche Forschung, dies aus verschiedenen Gründen. Sie würde für den einzelnen Kapitalisten zu hohe Kosten verursachen, da die bloße Kenntnis naturwissenschaftlicher Zusammenhänge kein unmittelbares Anliegen der Unternehmen ist. Denn mit dem basalen Wissen wie bspw. das Gravitationsgesetz oder dem Gen als Bestandteil aller Zellen lässt sich kein Profitchen gewinnen.

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    „Einmal entdeckt, kostet das Gesetz über die Abweichung der Magnetnadel im Wirkungskreise eines elektrischen Stroms oder über die Erzeugung von Magnetismus im Eisen, um das ein elektrischer Strom kreist, keinen Deut.“ (MEW 23, 407)


    Ob sich aus dem erweiterten Wissen etwa „Innovationen“ (Produktinnovation – neuartige, marktfähige Produkte; Prozessinnovation – Entwicklung von rentableren Produktionsverfahren) entwickeln lassen, aus denen ein rentables Geschäft gemacht werden kann, ist stets ungewiss. Insbesondere die Grundlagenforschung birgt also das Problem, dass grundlegendes naturwissenschaftliches Wissen schwerlich privatisiert werden kann, um als Konkurrenzvorteil einzelner Unternehmen zu dienen. Naturgesetze sind keine Ware. Hier bricht sich der Widerspruch Bahn, Wissen als gesellschaftlicher Gegenstand in Form von „geistigem Eigentum“ für private Zwecke zu verhüllen und geheim anzuwenden. Somit besteht zum einen das hohe Risiko, falls das Unternehmen für seinen Wettbewerbsvorteil forschen lässt, dass die Forschung aus dem Zufall der Erkenntnis überhaupt erst keine Innovationen produziert, die die Kosten der Forschung gar wettmachen würden. Und zum anderen würden die allgemeinen Naturkenntnisse gleich verbreitet werden, sodass sie nicht mehr einzelnen Wettbewerbsvorsprung darstellen.


    Der Staat will durch die „Freiheit der Wissenschaft“ zum einen die Objektivität derselben gewährleisten, statt dass private Interessen wissenschaftliche Ergebnisse zu deren momentanen Vorteil verfälschen. Zum anderen erlaubt die Staatsgewalt damit die freie Ausweitung der Fachgebiete, um möglichst große Potenziale auszuschöpfen. Dies kann für den gesamten nationalen Wirtschaftsstandort nützlich sein, insbesondere wenn er gegen andere Staaten und ihre Ökonomien auf dem Weltmarkt antreten muss. Die Freiheit dient also dieser gesellschaftlichen Produktion, die auf Naturbeherrschung angewiesen ist.


    Wissen wird dabei zu einer selbständigen Produktionspotenz und seine Schöpfung ist gleich nur bestimmten Berufsständen vorbehalten, in der kapitalistischen Klassengesellschaft mit starrer Arbeitsteilung. Damit wälzt der Staat die Kosten der Wissenschaft auf die ganze Gesellschaft ab, um das Kapitalwachstum, dessen Zwang eine funktionierende Marktwirtschaft unterliegt, auf seinem Binnenmarkt zu gewährleisten. Vor allem müssen naturwissenschaftliches Grundlagenwissen und gefundene Naturgesetze öffentlich und frei zugänglich werden, damit die entsprechende Ausbildung der Fachkräfte gelingt und auch nötige Forschungsarbeit. Demgegenüber steht am offensichtlichsten die Technologie im Dienst der Kapitalisten, da ihr Wissen unmittelbar eigenständige Produktionspotenz ist für die private Kapitalvermehrung, die damit insgesamt auch Staatsinteresse ist und sich somit ausschließlich unter die Kriterien der ökonomischen Akteure beugen muss – dies impliziert die Notwendigkeit der einkalkulierten Schäden an Verbraucher, Arbeiter und Umwelt, wenn einzig hohe Rentabilität den Zweck der technischen Anwendung darstellt. Der bürgerliche Staat als „ideeller Gesamtkapitalist“ will „Wachstum“ in seiner Nationalökonomie produziert sehen, der Herrschaftsapparat will so möglichst viel Reichtum aus seinem Volk abschöpfen, um seine Macht zu speisen.


    Das Ingenieurwesen selbst ist vorwiegend dazu berufen, durch Prozessinnovation die Produktivität zu steigern, was zur Konsequenz hat, dass man weniger Arbeitszeit für dasselbe Ergebnis an produzierten Waren benötigt. Die technische Steigerung der Produktivkraft der Arbeit aber führt in dieser Gesellschaft nicht zur Aufteilung der geringeren Arbeitszeit unter der Belegschaft, sondern zur Entlassung eines Teils in die Arbeitslosigkeit und die Entledigung ihres Lebensunterhalts, und umgekehrt zur gleich langen und intensiven Ausbeutung der übrigen Arbeiter. Die Produktivität wird also nicht zum Wohle der Arbeitenden entwickelt, damit diese weniger arbeiten müssen für dieselbe Masse an Produkt, sondern um die Kapitalproduktivität zu steigern – kurz: um die Lohnkosten zu senken, indem weniger Arbeitskraft angestellt und entlohnt werden muss.

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    „Wahrhaft reich eine Nation, wenn statt 12 Stunden 6 gearbeitet werden. Reichtum ist nicht Kommando von Surplusarbeitszeit (2)“ (realer Reichtum), „sondern verfügbare Zeit außer der in der unmittelbaren Produktion gebrauchten für jedes Individuum und die ganze Gesellschaft.“ („The source and remedy of the national difficulties...“, London 1821, p.6 nach MEW 42, 602)


    Die Produktpreise wiederum senkt ein Unternehmen jedoch nicht im Interesse der Kunden, sondern um deren Kaufkraft mit billigeren Preisen auf sich zu locken und gleichzeitig die Konkurrenz auf dem Markt auszustechen.


    Jede neue Erfindung und technische Entwicklung muss sich letztlich an der geldwirtschaftlichen Verwertbarkeit der Anwendung bewähren und damit dem Interesse von Unternehmen und dem bürgerlichen Staat - der wohl auch die gesellschaftlichen Bedingungen ("Infrastruktur") für das nationale Wachstum bereitstellt ohne darin nur total den Standpunkt Rentabilität gelten zu lassen. Die staatlich organisierte technologische Forschung geschieht in Zusammenarbeit mit den Unternehmen, mittels Auftragsforschung wollen sie Recht auf Patente erlangen und mit diesen ein Geschäft machen. Zum Beispiel haben Unternehmen wie erwähnt einen Konkurrenzvorteil durch Steigerung der Produktivität mit verbesserten Produktionsverfahren, erzielen Einnahmen durch die Lizenzvergabe der entwickelten Verfahren an andere Unternehmen, indem sie das Monopol an diesen weiterhin behalten. Ebenso können sie durch Weiterentwicklung der Produkte die Konkurrenz ausspielen oder gar durch neuartige Artikel Marktnischen erschließen. Hier kommt wieder der Widerspruch von „geistigem Eigentum“ zum Ausdruck, weshalb Industriespionage und Wirtschaftsspionage im Kapitalismus auftritt, wobei letzte im Auftrag eines Staates gegenüber anderen Nationen organisiert wird und in seinem Interesse steht, dem nationalen Wirtschaftsstandort.


    Es soll noch einmal der Unsinn betont werden, statt allen Wissenschaftlern die Entwicklung von Produkten und Prozessen zu ermöglichen, damit sie organisiert gemeinsam die bestmöglichen Fortschritte machen, um die Arbeit zu erleichtern, Material einzusparen, schöne neue Erfindungen zu entwickeln usw. usf. – stattdessen konkurrieren einzelne Unternehmen mit diesem Wissen, für das sie privat ein Monopol für sich veranschlagen und in eigener Initiative ein paar Forschungen nach ihren kapitalistischen Gesichtspunkten beauftragen.

     

    Naturwissenschaft und Technik neben den bürgerlichen Sozialwissenschaften


    Naturwissenschaft und Technologie („MINT“-Disziplinen) in der bürgerlichen Gesellschaft unterscheiden sich von den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften dadurch, dass Erste korrektes Wissen ermitteln, wohingegen die bürgerlichen Sozialwissenschaften dieses Ziel ausdrücklich nicht verfolgen oder gar erreichen. Letzte sind zur Produktion von Ideologie zuständig, zur Rechtfertigung der Ausbeutergesellschaft, und ihr ohnehin plurales Wissen dient den Mächtigen vorwiegend zur moralischen Apologie (3). Da der Staat mit dem Zweck Wachstum auf seinem Wirtschaftsstandort auf tatsächliche Naturerkenntnisse angewiesen ist und ebenso die Industrie wesentlich keinen Nutzen aus falschen Erkenntnissen zieht, deshalb strebt diese Wissenschaft in der bürgerlichen Gesellschaft nach Richtigkeit ihrer Kenntnisse und Erklärungen. Jedoch bestehen Ausnahmen wegen der gesellschaftlichen Ordnung: Unternehmen können für Werbezwecke oder die Umgehung rechtlicher Beschränkungen usw. Interesse an verfälschten wissenschaftlichen Ergebnissen hegen. Und auch wird so mancher Forscher rechtlich belangt, weil er, um seinen Lebensunterhalt in seinem Beruf bzw. seiner Karriere zu bewahren, für ihn günstige Studienergebnisse zurechtgedreht hat und aufgeflogen ist. Daneben tauchen insbesondere in der Technologie sog. empirische Formeln auf, sprich für die praktische Anwendung nützliche Gesetze oder Annäherungen, die jedoch theoretisch nicht gerechtfertigt bzw. erklärt werden können – was oft auch gar nicht notwendig ist, solange man mit den Formeln die entsprechenden Apparate funktionstüchtig bauen kann.


    Ursache der Schäden: Nicht Wissen (Mittel), sondern nur ein entsprechendes Interesse (Zweck), das Wissen entsprechend anwendet (!), kann schädlich sein

    Die kapitalistische Anwendung von Naturerkenntnissen erzeugt notwendig so allerlei Schäden für Arbeiter, Umwelt und Verbraucher. Die höchste Gewalt setzt diesen Standpunkt des wirtschaftlichen Kapitalwachstums gesellschaftlich durch und ernennt ihn zu ihrem Zweck, damit zum Zweck aller Untertanen, aller Bürger, die sich in dieser freien Konkurrenz ums Eigentum bewähren müssen. Dabei tauchen verschiedene falsche Vorstellungen der Bürger unter der Pauschalisierung namens „Fortschritt“, „die Technik“, „die Industrie“, „technisch-rationales Denken“ oder gar „die Zivilisation“ usw. auf. Ist „Fortschritt“ Fluch oder Segen? Die besagten Schäden sind jedoch notwendiges Ergebnis der kapitalistischen Verwertungslogik, die ein bürgerlicher Staat als festen Rahmen seiner Wirtschaft mit der Institution des Privateigentums herrschaftlich durchsetzt, schützt und fördert. Die Wissenschaft der Natur, bloße Naturerkenntnisse, bedingt jedoch mitnichten eine zwangsläufige Anwendung, die als Schaden und Gefahr des menschlichen Lebens betrachtet werden kann. Es ist ein Zweck und ein entsprechender Wille nötig – und die Unterordnung gegenüber diesen –, der gefundenes Wissen zu einer bestimmten Anwendung bringt, denn korrektes Wissen über die Welt kann nur ein Mittel sein. Wissen über brennbare Stoffe und Ballistik oder Radioaktivität und Atomtheorie lässt noch lange nicht den einzigen Schluss zu, Kriegs- und Atomwaffen sowie AKW zu konstruieren. Dazu sind etwa Staatsgewalten nötig, die ihre internationale politische Machtstellung beweisen wollen und mit diesem Interesse die Forscher beauftragen, die das naturwissenschaftliche Wissen für die ingenieurstechnische Planung von Kriegsgerät einsetzen und dieses durch entsprechend organisierte Produktionen herstellen lassen. Ebenso sind die sog. „Maschinenstürmer“ im 18. und 19. Jahrhundert teilweise dem Irrtum verfallen, die technische Entwicklung an sich würde Folgen höherer Arbeitslosenzahlen zeitigen – wobei im Kapitalismus Erwerbslosigkeit mit Mittellosigkeit gleich noch einhergeht solange man zur besitzlosen, unterdrückten Klasse gehört –, oder einseitige, unangenehme und schädliche Arbeit bedeuten – wie sie in der kapitalistischen Klassengesellschaft in starre Hierarchien unter dem Kommando des Kapitals und der Staatsgewalt organisiert ist usw.


    Fußnoten:


    1 Natürlich ist der Gegenstand der Naturwissenschaft im weiteren Sinne in Teilen historisch, da die Biologie nur betrieben werden kann, solange Lebewesen existieren, wohingegen jedoch Wissenschaft per se ein selbstbewusstes intellektuelles Lebewesen wie den Menschen voraussetzt. Und ganz konkret verändert sich der biologische Sachgegenstand wegen der Evolution, Lebewesen sterben aus, werden verändert von der Natur oder gar durch den bewussten Eingriff von Menschen. Die Welt der Lebewesen oder Arten ist in historischen Momenten eine verschiedene, wobei mögliche Fossilien nur eingeschränktes wissenschaftliches Objekt darstellen. Jedoch lassen sich trotz dessen allgemeine Gesetze der Evolution aufstellen oder der Biologie der Lebewesen prinzipiell.


    2 Mehrarbeitszeit, Überschussarbeitszeit über das technisch und sozial Notwendige; also jede Arbeitszeit über solche hinaus, die die Reproduktion der Gesellschaft betreffen, d. i. Lebensunterhalt des Arbeiters, Produktionskosten, notwendige gesellschaftliche Aufgaben usw.


    3 Um diese Kritik an den bürgerlichen Sozialwissenschaften von dem Phänomen, das man als Verschwörungstheorie bezeichnen könnte, abzugrenzen, soll erwähnt sein, dass nicht die empirische Sachlage bestritten werden soll, auf die auch die Gesellschaftswissenschaft zurückgreifen mag. Staaten führten und führen Kriege dann und dort, so viele Leute sind dabei umgekommen, diese und jene Gesetze existieren in einem Staat, so und so hart darf ein Straffälliger demnach bestraft werden usw. usf. Die Verschwörungstheorie will die Informationen über eine Sachlage bestreiten, die demokratische Sozialwissenschaft und demokratische Öffentlichkeit usw. verbreiten. Hier soll jedoch um die Erklärung dieser empirischen Wirklichkeit gestritten werden, um die Gesellschaftstheorie.


    Literaturverzeichnis:


    „Der bürgerliche Staat“, K. Held (Hrsg.), 1980, Resultate Verlag, §5 b)


    „Die Leistungen der Naturwissenschaft (2. Teil)“ in Marxistische Streit- und Zeitschrift Heft 87/02

    (Beides zu finden unter http://www.dearchiv.de; „zum Archiv“, „Archiv Marxistische Gruppe“)


    Wichtiger umfassender Vortrag zum Thema: „Hochschule+Wissenschaft für Kapital+Nation - Peter Decker – 2004“

    https://www.youtube.com/watch?v=IfhPkFe7FMU

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    Aber dieser Schlüssel ist nicht so leicht zu entziffern. Ein paar Sätze über Konkurrenz reichen dafür nicht.


    Richtig, 2, 3 Bücher, welche sich Das Kapital nennen, sind da schon eher ein Anfang. :D



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    Und natürlich gab es Krieg (= blutiger Kampf einer Menschengruppe gegen eine andere Menschengruppe) lange vor Sesshaftigkeit.

    So definiert kann ich dir schon recht geben.

    Mir ging es darum die Vorstellung zu bestreiten, die die Aussage "Der Krieg war früher ausgebildet wie der Frieden" suggeriert. Besser kritisiere ich eine deiner Aussagen in der Kartei "Friede" unter 1.2:

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    Sesshafte Stämme und Völker waren alle kriegerisch organisiert.


    Ich wollte behauptet haben, dass es wohl Orte und Zeiten gab, in denen "primitive" Völker "friedlich" lebten, also keine kriegerischen Konflikte kannten, keine Gewalt und deshalb auch jeglicher Ausbildung zum Krieg ledig waren. Das muss sich bspw., wie du beschreibst, wohl ändern je dichter eine Region besiedelt ist und je weniger Ressourcen vorhanden sind im Verhältnis zum Bedarf/zur Produktionsweise der dortig lebenden Gruppen.

    Dass es auch (!) jahrtausende existente sesshafte Völker gab, wahrscheinliche ohne kriegerische Organisation und Erfahrung, sollte eigentlich mittlerweile bekannt sein (vgl. meinen Verweis oben).

    Btw: Wie man vom GSP lernt, Frieden kennt nur der, der von Krieg weiß. In der Staatenwelt ist er überhaupt der Zustand der Kriegsvorbereitung einer Staatsmacht.


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    Die Ausbreitung der Menschen "Out of Afrika" geschah in mehreren Wellen. In Europa trafen die modernen Menschen z.B. auf die Neandertaler. Dass deren Verdrängung (Genozid?) ohne kriegerische Konflikte abging, ist nicht vorstellbar.


    Ich bin kein Experte in der Prähistorie, habe aber mal von einer Theorie gelesen, die Umweltkatastrophen für das (weitestgehende) Aussterben der Neanderthaler in Erwägung zieht (vor allen Dingen Vulkanausbruch und dessen zerstörerische Rauchwolken). Da die Neanderthaler vorwiegend in Europa lebten und der Homo sapiens sapiens nachgezogen ist, könnte derselbe die Sache überlebt haben, weil er über die Erde verteilt war. Wollte hier nur auf den Aspekt eingehen, das Aussterben des Neanderthalers sei nicht anders "vorstellbar".

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    Und es handelt sich um Religion, wo jemand an das verlorene Paradies glaubt, weil er meint, nur so an der Hoffnung auf den künftigen "Himmel auf Erden" festhalten zu können.


    Das ergibt nun wirklich keinen Sinn. Selbst wenn ich darauf beharren würde, die Vorgeschichte sei völlig gewaltfrei gewesen, ergibt sich daraus gar kein Schluss dafür, wie man es hier gerade besser machen könnte. Ob die Geschichte gewaltfrei oder -sam war, soll mich nicht weiter sonderlich stören, weil sie gar nicht erklären kann, warum die diese kapitalistische Gesellschaft gewaltsam ist, wie sie gewaltsam ist und was man zur Beseitigung von Gewalt und Armut tun müsste.
    Zwischen dem Schluss vom "verlorenen Paradies" auf ein "künftiges Himmelreich auf Erden" fehlt noch eine Theorie, wo sonst ein Zusammenhang fehlte. Und die gibt es jedoch: Die Menschennatur. Von dieser moralischen Erfindung halte ich aber nichts, deshalb besteht hier wohl kein Diskussionsbedarf.


    Gruß

    Ja Wal, da stimme ich dir zu - falls das ein Einwand sein sollte, behauptet habe ich derlei nicht.

    Doch meine ich sportlicher oder musischer Wettbewerb, und ganz besonders das Bildungswesen taugen zu einer Kapitalismuskritik - Kapitalismus meint ja gemeinhin die ganze Gesellschaft mit der kapitalistischen Produktionsweise. Worin die Kritik besteht, haben wir hier ja bereits angedeutet.


    Dass es Krieg gab, seit es Menschen gibt, ist eine falsche Vorstellung, worauf etwa Chris Harman hinweist und Engels kritisiert (vgl. Engels and the Origins of Human Society oder sein Buch "A People's History of the World: From the Stone Age to the New Millennium") - immerhin konnte in den 150 Jahren viel Archäologie betrieben und viele "Naturvölker" untersucht werden. Krieg ist schon etwas anderes als die Konflikte, die entstehen, wenn Wildbeuter um wirtliches Revier streiten - und immerhin hat der Mensch das Gros seiner Existenz als Jäger und Sammler gelebt. Erst wenn das (wirtliche) Land der Erde zu knapp wird für die Wildbeuter, dann gibt es auch kein Ausweichen und Weiterziehen mehr. Krieg und Herrschaft entstehen erst mit der Sesshaftigkeit - obgleich etwa in der berühmten Stadt Catal Hüyük (Begründung etwa 7500 v. Chr.) wahrscheinlich überhaupt gewaltsame Konflikte für 2 Jahrtausende unbekannt waren, was man etwa den über 100 Wandbildern und anderen Funden entnehmen kann (vlg. Von Cayönü nach Catal Hüyük - Entstehung und Entfaltung einer egalitären Gesellschaft von B. Brosius).

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    Dadurch erfüllt der Fußball den Traum von sozialdemokratischer Chancengleichheit und Gerechtigkeit. Das macht die Faszination des Fußballs aus.

    Die Regeln des Fußballs sind so einfach, dass (fast) alle mitreden können. Im Grunde genommen könnte man auf Schiedsrichter verzichten und nach dem Videobeweis die Zuschauer entscheiden lassen.


    Da alle Teams unter äußerlich gleichen Bedingungen antreten, haben im Fußball auch Teams aus armen und rückständigen Ländern gute Chancen. Das macht Fußball sympathisch.


    Klar, der Bürgerverstand fährt voll darauf ab, dass hier eine gerechte Konkurrenz abgeliefert wird und kann aus Erfahrung in dieser Logik mitdenken. Wie jeder Schüler noch sich der Heuchelei annimmt, eine bessere Klausurnote zu fordern, nachdem er die verlausten Antworten bei seinen Klassenkameraden gesehen hat, und zwar nicht wie in Wahrheit zum Zwecke seines privaten Schulerfolgs, sondern im Namen der Gerechtigkeit. Doch würde er es ernst meinen mit der Gerechtigkeit, so müsste er sich auch einmal beim Lehrer beschweren, dass er zu gut weggekommen wäre und bitte eine schlechtere Note einkassieren will - das wahrlich passiert nie. Genauso können jetzt Nationalisten wieder die Niederlange ihrer Nation beklangen, indem sie im Namen der Gerechtigkeit die Schuld auf parteiliche Schiedsrichter oder sonst etwas schieben. Umgekehrt: Einen parteiischen Schiri auf der Seite seiner Nation würde ein solche Patriot nur als allzu gerecht und gewissenhaft beurteilen.


    Huisken bringt zum Thema Konkurrenz unter Gleichbehandlung aller Individuen im bürgerlichen Bildungswettbewerb gerne den Vergleich mit Sportwettkämpfen. In der Schule und im Studium ist das Ergebnis der fairen Konkurrenz gleich festgeschrieben und bestimmt offiziell die Laufbahn des Konkurrenzsubjekts in Bildunginstitutionen und damit Beruf. Im Sport oder Spiel besteht immer die Möglichkeit der Revanche, man kann gar vom besseren Gegner lernen und es noch einmal probieren. Jedoch mag das in diesem Fall etwas anders sein, da der Lebensunterhalt der Spieler und der Berufstätigen im Verein usw. vom Erfolg der Mannschaft abhängt.

    Mario Ahner


    Abgesehen von der Tatsache, dass "Peak Everything" erstens nur endliche Rohstoffe einschließt, und zweitens unter bürgerlichen Wissenschaftlern nicht "Ressourcen" einbezieht - im Gegensatz zu Reserven -, solange sie nicht kapitalistisch verwertbar sind, obgleich technisch zugänglich. Wobei man natürlich untersuchen müsste, ob die Extraktion tatsächlich mehr Energie benötigen würde als gewonnen würde.


    "Im Gegenteil tritt oftmals ein Rebound-Effekt ein, bei dem bei erhöhter Effizienz woanders wiederum mehr Energie verbraucht wird und die Ökobilanz sogar schlechter als vor der technologischen Neuerung ausfallen kann."

    Der sog. "Renound"-Effekt ist eine Kategorie der VWL und allenfalls auf die Marktwirtschaft anzuwenden, in einer Planwirtschaft erscheint er mir merkwürdig. Du behauptest einfach "bei erhöhter Effizienz [würde eher/könnte] woanders wieder mehr Energie verbraucht" werden. In einer rationellen Planwirtschaft ist es ein unsinniger Gedanken, weil man bei festgestelltem Bedarf durch die erhöhte Energieeffizienz logischerweise wegen dieser Energie gespart hat. Wollen die Leute mehr konsumieren, dann ist das eine neue gesellschaftliche Entscheidung und der festgelegte Bedarf erhöht worden.


    Bei dir fällt mir auf, dass du stark Begriffe der VWL anwendest, was m. E. zu lauter idealistischen Abschweifungen führt. Was meinst du z. B. mit "Effizienz"? Meinst du damit Produktivkraft der Arbeit, die Arbeitsproduktivität? Oder Ressourceneffizienz?


    "Denn auch Vollautomatisierung durch Techniken wie Vertical Farming bedürfen immenser Energie."

    Ja wenn eine verbesserte Automatisierung im Endeffekt mehr Energie(träger) bedürfe als vorher (halbautomatisiert oder sonst was), dann ist nicht von einer Steigerung der Arbeitsproduktivität zu sprechen - das war keine Kritik an dich, sondern eine Anmerkung dazu.


    "Ich spreche mich damit nicht gegen die Entwicklung dieser Techniken aus, möchte nur meine Skepsis anmelden was weit verbreitete Effizienz-Perspektiven angeht."


    Jetzt hast du deine Aussage schon relativiert. In dem Zitat bin ich auf deine Aussage: "Eine nachkapitalistische Gesellschaft wird jedenfalls kaum noch produktiver sein können als der heutige Kapitalismus in den hochindustrialisierten Gesellschaften des "globalen Nordens"." eingegangen, wollte bloß behauptet haben, dass es eine steile These ist. Spekulieren kannst du oder können andere Wissenschaftler von mir aus darüber, was noch alles in Jahrzehnten oder Jahrhunderten erfunden wird. Wie du auch zugibst, ist eine stetige Steigerung der Arbeitsproduktivität im Kapitalismus - oder hoffentlich im Kommunismus - absehbar. Richtig ist dein Einwand, dass die Beschaffung der Energie wohl ein Problem wird, denn die fossilen Energieträger gehen irgendwann aus und momentan sehen die Alternativen dürftig aus. Aber was soll man jetzt groß spekulieren?


    "Wenn ich sage, dass eine nachkapitalistische Ökonomie nicht produktiver sein kann als der Kapitalismus, dann meine ich damit den Güterausstoß."


    Okay, dann gab es ein Missverständnis zwischen uns. Die absolute Menge des Güterausstoßes ist aber nicht mit einer Produktivität beschrieben? Du hast also einen verfehlten Begriff gewählt und ich deshalb nicht das kritisiert, was du meinstest.


    "Abgesehen vom ökologischen Argument sehe ich keinen Grund darin weshalb eine nachkapitalistische Wirtschaftsweise den Kapitalismus darin überflügeln sollte, wenn der Fokus auf andere lebensqualitative Kriterien gelegt wird. Die übrigens durchaus mit Hochtechnologien vereinbar sein können. Wo und wie diese ökologisch und menschlich sinnvoll anwendbar sind, das muss dann eben nach Umstand konkret diskutiert und herausgefunden werden."


    Ja, das ist ja die übliche Diskussion. In einer rationalen Planwirtschaft kann man eben absprechen, ob man für mehr Konsumgüter auch mehr arbeiten will oder lieber weniger konsumiert, dafür mehr Freizeit genießen kann usw. Oder inwiefern man meint, ein erhöhtes Ressourcenwachstum der Wirtschaft sei umweltschädlich usw. In dieser Gesellschaft jedenfalls herrschen bekanntlich ganz andere "Kriterien" als die Lebensqualität und Wünsche der Leute.


    "Die übrigens durchaus mit Hochtechnologien vereinbar sein können."


    Fortgeschrittene Technologie ist in einer rationellen Wirtschaft eben deshalb anzuwenden - wesentlich nur deshalb -, weil sie die Arbeitsproduktivität steigert und man deshalb weniger Arbeit für dieselbe Menge Produkt aufbringen muss. Im Kommunismus würde die Produkivkraft gesteigert, um Arbeitszeit zu sparen, damit man die Freizeit - und mitunter die Früchte der Arbeit überhaupt - genießen kann. Marx zum "Reich der Freiheit und der Notwendigkeit":


    " Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen muss, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muss es der Zivilisierte, und er muss es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse sich erweitern; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehen, dass der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehen. Aber es bleibt dies immer in Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühen kann." (MEW 3, 828)


    Hier deutet Marx übrigens das an, was du dir vielleicht beim Rebound gedacht hast. Die Bedürfnisse der Leute werden vwohl größer und vielfältiger, wenn die Technologie immer weiter voranschreitet. Das gilt es natürlich zu bedenken.


    "Schließlich verweist du noch auf die Möglichkeit mit den bereits heute bestehenden Mitteln alle Menschen, und sogar noch mehr, ernähren zu können. Das mag hinhauen. Die Frage wäre jedoch auf welchem Niveau."

    Was soll "Niveau" schon heißen? Die Mäuler kriegt man jedenfalls mehr als allemal satt! Da die "bestehenden Mittel" kapitalistisch sind, also weder für möglichst angenehme Arbeit noch für Umweltverträglichkeit eingerichtet sind, und zudem nicht weltweit die modernste Technik verteilt ist, stelle ich mir nicht die überflüssige Frage, ob die Lebensmittelprodukte der kapitalistischen Weltwirtschaft alle Menschen auf hohem Niveau bei einer erdachten menschengerechten Distribution versorgen könnte oder nicht.


    "Die Kritik an einer zu hohen Weltbevölkerung als Malthusianismus abzutun greift m.E. zu kurz."

    Da stimmte ich dir zu. Falls ich das getan habe, kannst du mir das ankreiden. Ich meine jedoch, dass ich nicht jede Kritik an einer hohen Weltbevölkerung abgetan habe, sondern eben eine besondere, womöglich eine, die diese Kritik als feststehend behauptet - im Gegensatz zu spekulativ -, und somit auf Glaubenssätzen beruhen muss, die etwa die technische Entwicklung in Jahrzehnten oder -hunderten voraussehen könnte.


    "Der beste Garant dafür dies zu erreichen ist die Bildung und Arbeitstätigkeit der Frauen, die Verbreitung von Verhütungsmitteln und die Erosion bis Auflösung patriarchaler Clanstrukturen."

    Die Eigentumsverhältnisse sind dir da nicht interssant oder gar ausschlaggebend?

    Mario Ahner und nikotin


    Um das Ganze noch einmal anders auszudrücken:

    Es ist ein willkürliches Vorurteil, einfach zu behaupten, in einer umweltverträglichen Wirtschaft müssten die Leute der Ersten Welt aber ganz schön an Lebensstandard einstecken. Überhaupt ist es nicht einfach so, dass Menschen einen Rohstoff verbrauchen, der bei nachhaltiger Wirtschaft weniger Ertrag abwerfen würde und damit zum Verzicht zwingt. In welcher Form überhaupt gewisse Produkte stark reduziert werden müssten, kann man nur am konkreten Fall aufzeigen. Dabei müssen zusätzlich noch die Fragen gestellt werden: Lohnt sich die intensive Suche nach neuen Vorkommen? Wie entwickeln sich die technischen Möglichkeiten des Recyclings? Können mit neuer Technik künftig mehr Ressourcen erschlossen werden? Oder sollte man an Ersatzprodukten sowie Alternativen forschen bzw. dementsprechend die Produktion umstellen? Von dem allem will jemand völlig abstrahieren, der behauptet, Verzicht der konsumgeilen Bürger sei von vornherein notwendig für eine umweltverträgliche Wirtschaft. Ich verweise bspw. noch einmal auf die Tatsache, dass man technisch längst die Weltbevölkerung zweifach ernähren kann, und doch hungert eine Milliarde und verhungern zig Millionen jedes Jahr. Hiermit zeigt sich, dass es Unsinn ist, etwa ein Schrumpfen der Weltbevölkerung zu fordern, denn die Armut von Leuten rührt gerade nicht von einem materiellen Mangel. So wird das Ammenmärchen der VWL vertreten, alle Ressourcen und Güter seien zu knapp, um die unermesslichen Bedürfnisse des Gierschlunds Mensch zu erfüllen. Die Umwelt als Lebensgrundlage wird aber durch die Wirtschaftsweise ruiniert und nicht durch die Größe einer Wirtschaft, die erst einmal nur die gegebenen Naturverhältnisse zur Produktion von Gütern benutzt. Die kapitalistische Produktionsweise durch das herrschende Prfoitinteresse der Besitzenden verschmutzt und zerstört die Naturbasis auch in einer kleineren Gesellschaft, eine rationale Wirtschaft muss dies gar nicht, weil kein Interesse an solch einer Selbstschädigung besteht.

    Ich kann nur zustimmen, dass der Staat die öffentlichen Medien natürlich nutzt, um seine Propaganda, seine Legitimation und Ideologie ans Volk zu bringen. Die Nachrichten müssen natürlich mit dem richtigen moralischen Filter aufbereitet werden. Aber umgekehrt ist es ja auch nicht so, dass die Journalisten in den freien Medien nicht auch in Schule und ihren eigenen Reihen die üblichen nationalistischen und prokapitalistischen Ideologien richtig "verstanden" haben und nun für die Masse reproduzieren.

    Es erscheint mir zudem eher noch dumm für den Staat, dass er den Beitrag nicht gleich über Steuern bei seinen Bürgern einkassiert; hat ja seinen Grund, warum er die Steuern selbst direkt "an der Quelle" der besitzlosen Masse abkassiert. Man könnte aber auch fast denken, es wäre eine Schwäche - im Sinne seiner Legitimation - des Staates, dass er der ideologischen Stütze der freien Medien nicht vollständig traut; die sich ohnehin aus der Elite seiner Bürger rekrutiert, die die richtige Ideologie mehr als ausführlich im Studium gelernt haben sollten.

    Sich darüber Gedanken zu machen, ob einem der Rundfunkbeitrag passt oder nicht, fällt mir nicht ein. Was sollte das nützen? Wenn Linke sowas auf ihr Programm schreiben, dann kann ich nur mangelte Herrschafts- oder Kapitalismuskritik vermuten, dann sind es wohl bürgerliche Parteien und Einstellungen.