Posts by Robert Schlosser

    Die folgenden Zeilen wenden sich an LeserInnen wie TeilnehmerInnen. Ich versuch es kurz zu halten.


    Mit jeder Zeile, die hier gerade zum neues Selbstverständnis des Marxforums geschrieben wird, wird mir klarer, dass ich mich erneut verlaufen habe.
    Mit welchen Illusionen bin ich hierher gekommen und habe mich so stark engagiert?


    Marxforum hieß für mich, anknüpfend an der materialistischen Geschichtsauffassung und der Kritik der Politischen Ökonomie die radikale Kapitalkritik weiterzuführen.
    Marxforum hieß für mich auch – anknüpfend an der Pariser Kommune, den Erfahrungen der Genossenschaftsbewegung und in Abgrenzung zum Staatssozialismus – bestimmte politisch-programmatische Konsequenzen aus einer solchen radikalen Kapitalkritik zu ziehen.
    Letzteres war überhaupt der Anlass für meinen Einstieg hier. Letzteres war auch mit bestimmten praktischen Illusionen darüber verbunden, was man mit dem Bochumer Programm heute möglicherweise bewirken könne.


    Bestätigt sehe ich meine Skepsis in Bezug auf den Zustand der heutigen Linken, was überhaupt die Voraussetzungen und Fähigkeit zur Bildung einer „neuen antikapitalistischen Organisation“ anbetrifft. Mit dieser Skepsis hatte ich mich in die Diskussion um NAO eingeklinkt und mit dieser Skepsis entstand auch der Kontakt zu Wal und seinem Forum.
    Mein Engagement im Forum führte dazu, dass ich vieles von dem, was ich eigentlich machen wollte, liegen ließ. Was ich vor allem machen wollte und will, das ist: einen Beitrag zu leisten, der in Anlehnung an Marx, untersucht, wie das Wertgesetz sich heute durchsetzt, wie sich die Klassenverhältnisse verändert haben … jenseits dieser unsäglichen „Imperialismustheorie“ von Lenin. Dazu habe ich vieles angearbeitet und manche These steckt in den Manuskripten und Arbeitspapieren, die auf meiner Homepage stehen. Das alles habe ich angearbeitet nach einer oft harten Lohnarbeit und unter oft schweren persönlichen Belastungen. Mit meiner Rente sah ich die Chance und hatte die Hoffnung, wenigstens einiges halbwegs systematisch ausarbeiten zu können. Forum und Bochumer Programm sind mir dazwischen gekommen.


    In den jüngsten Beiträgen von Wal und dem neuen Team schält sich heraus, dass das Forum etwas ganz anderes sein soll. Hier können und sollen jetzt Menschen im Interesse von Emanzipation diskutieren und sich zusammenraufen, die extrem gegensätzliche theoretische Positionen haben. (Ich halte das wiederum für eine Illusion, der ich mit Sicherheit nicht mehr aufsitzen werde!) Menschen, die an der marxschen Kapitalkritik anknüpfen wollen und Menschen, die sich eine grundlegende Kritik derselben erarbeitet haben. Für mich ist das kein „Marxforum“! Gäbe es im Marxforum eine ausreichende Zahl an theoretisch arbeitenden Leuten, dann wäre es sinnvoll, in einer besonderen Rubrik sich auch mit solchen grundsätzlichen Kritiken an der marxschen Kapitalkritik zu befassen. Diese Leute gibt es aber nicht und ich denke nicht daran, die vielleicht nur noch kurze Zeit meines Lebens damit zu vertun, grundlegende theoretische Fragen zu klären, die für mich geklärt sind! Das sage ich bei allem Respekt vor Franziska und ihren Anstrengungen in Sachen Kritik an Marx!


    Ich war in den vergangenen ca. 40 Jahren nie nur theoretisch aktiv, sondern immer auch praktisch … die meiste Zeit als „Einzelkämpfer“ im Betrieb. Auch da habe ich rigoros sortiert, mit wem und worüber ich diskutiere und mit wem nicht! Was die Theorie anbetrifft haben die Autoren und Richtungen, die ich bisher kritisiert habe, das auch so gehalten und – weil sie meine Kritiken als bedeutungslos einschätzen – hat sich niemand mit meinen Kritiken auseinandergesetzt. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich das akzeptiert habe. Sollen sie!


    Speziell mit Wal möchte ich Fragen der Kritik der Politischen Ökonomie gerne weiter diskutieren! Aber nicht in diesem Forum, mit dieser Ausrichtung! (Er hat sowieso schon vieles von mir per Mail bekommen, was andere nicht lesen konnten.) Da gibt es viele grundsätzliche Gemeinsamkeiten! In anderen Fällen nicht, die ich aber weder ihm mitgeteilt habe, noch sie hier mitteilen will. Das würde überhaupt nur spruchreif, wenn ich meine Sachen etwas mehr ausgearbeitet habe.


    Internet-Diskussionsforen, in denen man sich Meinungen mitteilt, sind überhaupt nicht mein Ding. Sie mögen nützlich und notwendig sein, aber sie sind nicht mein Ding. Ich möchte einen Beitrag zur wissenschaftlichen, theoretischen Klärung bestimmter Fragen leisten. Das mag vermessen sein, aber es bleibt meine persönliche Ambition.
    Im Forum wollte ich auch testen, inwiefern hier eine theoretische Diskussion über theoretische Fragen geht. Das Ergebnis ist aus meiner Sicht sehr ernüchternd. Einige meiner Beiträge haben zwar ordentliche Zugriffszahlen, aber Diskussion darüber fand fast nie statt … auch dann wenn ich ausdrücklich dazu aufforderte. Ich weiß aber – und gebe mich auch damit zufrieden – dass da draußen Leute sind, denen meine Beiträge helfen, sich in ihrer Praxis gegen die Sektierer und gegen wirklichen „Reformismus“ zu wehren.


    Wenn ich dazu eingeladen werde – wie gerade passiert - vor KollegInnen und Kollegen von Daimler Benz und Opel über die Frage zu referieren, warum sich die heutigen LohnarbeiterInnen etwa in Deutschland so schwer tun mit Fragen sozialer Emanzipation, dann ist mir das zehnmal wichtiger als bestimmte Debatten hier im Forum … und ich bedauere es sehr, wenn ich die Gelegenheit nicht beim Schopf ergreifen konnte.
    Was ich da gesagt hätte, wäre auch wieder ein Beweis für meine „Bolschewismus-Parnoia“ gewesen. (Hier findet ihr die Thesen, die ich den KollegInnen trotz allem zugesandt habe: http://www.rs002.de/Soziale_Em…%20Arbeiterbewegung-1.pdf )


    Und damit wäre ich abschließend beim Thema „Polemik“. Der Mattis hat mich sehr gut verstanden und das polemisch zugespitzt. Ich habe eine „Bolschewismus-Paranoia“! Will sagen, der Bolschewismus ist – aus meiner Sicht - eine der wichtigsten Krankheiten des heutigen Linksradikalismus! Wenn Mattis dann empört darauf regiert, dass ich ihm „Staatssozialimus“ vorwerfe, dann drückt das aus meiner Sicht aus, dass er nicht weiß, was er schreibt, und sich nicht darüber im Klaren ist, wie weit ihn solche Einstellungen prägen! (Das werde ich hier nicht anhand von Zitaten belegen! Der Zug ist abgefahren!)
    Polemik soll jetzt im Forum verboten werden! Ich wünsch euch viel Glück dabei! Für mich ist Polemik des Salz in der Suppe. Zuwenig Salz produziert eine fade Suppe! Zu viel Salz macht die Suppe in der Regel ungenießbar! Das richtige Maß findet man durch Abschmecken, also in der Praxis! Kochen ohne Salz ist nicht mein Ding. Wer das tun will, soll es tun! Ich bin nicht dabei, weil ich das prinzipiell nicht kann und auch nicht will!
    Wal und Franziska haben hier ziemlich lange „kommunikationstheoretische“ Beiträge zur „Polemik“ geschrieben. Ich könnte darauf antworten mit doppelt so vielen Zeilen. Das mach ich aber nicht mehr, sondern wende mich meinen Sachen zu. Jetzt bin ich auch als Teilnehmer weg, was ja nicht auf immer sein muss. :S


    In diesem Sinne ein letztes Mal viele Grüße an alle
    Robert


    p.s.: Soweit mein "Ausrasten" nicht nur die Teamer sondern auch das Forum erreicht hat, entschuldige ich mich auch an dieser Stelle noch einmal. Wenn Illusionen platzen, scheint das aber unvermeidlich ... bei mir zumindest.

    Hallo Wal,
    vom Gefühl her wollte ich mit einer heftigen Polemik auf deine Stellungnahme reagieren.
    Stattdessen folgendes in Kürze und möglichst ohne viel Polemik:
    Irmi hat in ihrer Stellungnahme schon das Wesentliche benannt, woran ich anknüpfe. Einerlei wie man zur inhaltlichen Ausrichtung der Blockupy-Demo steht, wie man sie im Detail kritisiert, ob man daran teilgenommen hat oder nicht: die Reaktion des Staatsapparates auf diese Demo bedeutete teils brutale Repression mit dem Ziel die Versammlungsfreiheit faktisch aufzuheben. Damit wurden Tatsachen geschaffen, die auch unabhängig von ihrem konkreten Anlass, eine politische Reaktion rechtfertigen und verlangen. Ob man für Versammlungsfreiheit im Kampf gegen Kapital und Staat eintritt, darf nicht davon abhängig gemacht werden, ob die Versammlung selbst „eine richtige Linie“ verfolgt!!! Das liefe darauf hinaus, das bestehende Sektierertum auf die Spitze zu treiben!


    Die Demonstration an der ich teilnahm und über die ich kurz berichtete, fand statt, weil viele gegen diese faktische Aufhebung der Versammlungsfreiheit durch brutalen Polizeieinsatz Widerstand entwickeln wollten. Unter den Teilnehmern waren nicht wenige, die selbst im Kessel eingeschlossen waren. Womit sollten sie Mitleid haben? Mit sich selbst?
    Aus deinen Worten spricht eine Unkenntnis und gleichgültige Überheblichkeit, die mich erschreckt! Offenbar ist dein Bekenntnis zu den entsprechenden demokratischen Forderungen im Bochumer Programm, die ich wohl kaum zitieren muss, ein reines Lippenbekenntnis. Eine Demonstration, deren wichtigster gemeinsamer Nenner eine Forderung ist, die keinesfalls ausschließlich, aber eben auch im Bochumer Programm steht, eine Demonstration, die breite Solidarität ausdrückt, als „Mitleids-Demo“ zu bezeichnen, das ist aus meiner Sicht eine weit schlimmere Denunziation als die, die ich im meinem Bericht aufs Korn genommen hatte. Du schreibst dabei - wie leider häufig - so, als seist du der Sprecher der sprachlosen Mehrheit der LohnarbeiterInnen. Doch auch du kannst dich, wie alle KommunistInnen heute nur auf deine Kritik der objektiven Lebensumstände berufen. Der Sprecher der LohnarbeiterInnen bist du damit nicht. Auch du bist nur einer unter vielen - oft mit recht guten Argumenten - die Interessen von LohnarbeiterInnen, wie sich sich aus deren Lebensumständen ableiten lassen, "vertreten".


    Deine Denunziation (für mich eine Feststellung und keine Polemik) der Demo vom Samstag – sozusagen im Namen der LohnarbeiterInnen - ist für mich eine so gravierende Sache, dass unser praktische Zusammenarbeit hier im Forum beendet ist. Ab heute bin ich kein Moderator und kein Administrator mehr!! Ob und wann ich hier weitere Beitrage einstelle, wird sich finden, vorausgesetzt, du schmeißt mich jetzt nicht komplett raus.


    Dass nicht einmal wir beide in einer so grundlegenden Frage praktischer Politik eine selbstverständliche Übereinstimmung haben, sondern sich abgrundtiefe Differenzen auftun, bestätigt erneut meinen tiefen Pessimismus in Bezug auf alle bestehenden linksradikalen „Projekte“. Auch das Marxforum ist nicht die Lösung des Problems, sondern ebenfalls Teil des Problems und spiegelt – wie andere Diskussionsseiten auch – den unsäglichen Zustand. Deine Art der Moderation ist zwar besser geworden, aber sie bringt das Sektierertum immer wieder schlagend zum Ausdruck. Zuletzt deine „Verwarnung“ (Verwarnung bedeutet Androhung von Strafe!) in Richtung Mattis, weil er mir polemisch „Bolschewismus-Paranoia“ vorwarf. Warum nicht? Da ist ja ein Kern Wahres dran! Ich hätte das möglicherweise auch noch begründet, wie verheerend meiner Ansicht nach der Bolschewismus wirkt und hätte das anhand von Mattis Beträgen möglicherweise sogar noch konkret aufgezeigt. Zitate hab ich da genug gesammelt.


    Auf bestimmte - aus meiner Sicht – absurde und unproduktive Debatten habe ich aber schon so lange keine Lust mehr. Auch nicht im Marx-Forum. Werde mich daher jetzt ganz auf mein Buchprojekt konzentrieren, meine Homepage mal etwas besser pflegen und ansonsten unterstützen, was ich für unterstützenswert halte. Wer meine Sachen lesen will, wird sie finden .... und, wenn es nicht anders sein soll - überlasse ich das Ganze auch der nagenden Kritik der Mäuse.


    Viele Grüße
    Robert

    Mit rund 300 Leuten hatten die Organisatoren der Demo von Occupy Frankfurt gerechnet. Die Polizei gab die Zahl der TeilnehmerInnen später mit 6500 an. Seit 1967/68 habe ich an vielen Demonstrationen teilgenommen und bilde mir ein – auch ohne abzuzählen – ganz gut einschätzen zu können. Ich würde sagen, es waren 10.000 plus x. Die Organisatoren nannten später die Zahl von 12000. Das kommt wohl der tatsächlich Zahl sehr nahe.
    Da demonstrierten jung und alt, Menschen aus den unterschiedlichsten politischen Zusammenhängen und Organisationen und Menschen, die sich keinem dieser Zusammenhänge und Organisationen zuordnen lassen.
    Ohne lange „Aktionseinheitsverhandlungen“, ohne „politische Führung“ hat man sich versammelt, um für Versammlungsfreiheit und gegen deren Einschränkung durch reaktionäre Politik und Polizei zu demonstrieren.
    Der „Kessel von Frankfurt“, die brutalen Übergriffe der Polizei, waren u.a. mit der „Vermummung“ der Demonstranten mittels Regenschirmen und Sonnenbrillen begründet worden. Wir versammelten uns daher auch, um uns massenhaft zu „vermummen“, mit Regenschirmen und Sonnebrillen. Demonstranten verlangten ferner eine Kennzeichnungspflicht von zu Kampfmaschinen vermummten Polizisten, damit man sie für die Übergriffe zur Rechenschaft ziehen kann! (Zum Thema "Vermummung" gab es allerhand nette Einfälle: z. B. ein Bild von Heino mit Sonnenbrille und darunter der Text "Seit 50 Jahren vermummt." Ferner gab es einige "schwarze Blöcke" in Gestalt von Plakaten oder Kostümierung.)


    Es war eine jener 1-Punkt-Bewegungen, die es ermöglichen, dass so viele Menschen daran teilnehmen und dass viele politische Differenzen in den Hintergrund treten. Man sah eine breites und buntes Sammelsurium an Organisationfahnen (Ver.di, IGM, GEW, IG Bau, Attac, Piraten, MLPD, FAU, Naturfreunde, Jusos, usw. usf.). „Reformisten“ und „Revolutionäre“ (in allen möglichen Varianten) marschierten Seite an Seite … ohne übereinander herzufallen, verbunden nur in dem genannten Ziel, Versammlungsfreiheit zu fordern, und soweit durch Recht zugestanden, auch zu verteidigen.
    Niemand wurde daran gehindert, etwa für seine weitergehenden antikapitalistischen Ziele die Werbetrommel zu rühren und andere politische Richtungen zu kritisieren. Aber diese Abgrenzungen voneinander spielten praktisch keine Rolle! Sie standen hinten an!


    Selbst Leute mit einem dramatischen Realitätsverlust konnten ungehindert ihre Denunziation von Demonstrationen für „demokratische Rechte“ verteilen. So erhielt ich ein Flugblatt unter dem Titel „Gegen die demokratische Sehnsucht“, das – wie so oft - mit der Phrase endete „Für den Kommunismus“. Dass die Freiheit der Organisation, der Meinung und der Versammlung eine Bedingung für Kommunismus ist, gegen deren Einschränkung, Außerkraftsetzung etc. durch den bürgerlichen Staat sich der Kampf schon auf der Grundlage der kapitalistischen Produktionsverhältnisse entwickelt und entwickeln muss, davon hat der sektiererische Kommunismus keine Ahnung und davon will er nichts wissen. Solche Sekten verstehen nicht einmal, welchen Umständen sie es zu verdanken haben, dass sie ihre Positionen weitgehend ungehindert verbreiten können. Sie verdanken das nämlich den in der Form des Rechts eingeschränkt zugestandenen Freiheiten im bürgerlichen Staat …. und vor allem solchen breiten Bewegungen, die sich gegen die konkreten Einschränkungen durch den bürgerlichen Staat zur Wehr setzen! Die einzelnen Sekten selbst können in ihrer Bedeutungslosigkeit und Einflusslosigkeit gar nichts!! Der bürgerlich-demokratische Staat, den sie so „schonungslos“ kritisieren, könnte jede einzelne dieser Sekten von heute auf morgen „mundtot“ machen … und kein Hahn würde danach krähen. Sie alle verdanken ihre Existenz, die Möglichkeiten ihrer Meinungsäußerung, gerade solchen Bewegungen!!!


    Füŕ mich gehört die Demonstration in Frankfurt zu den seltenen Ereignissen, die mir Mut machen und Hoffnung wecken, Hoffnung auf mehr. Auf der kurzen Auftaktveranstaltung zu Beginn der Demonstration hielt einer der Mitorganisatoren, eine ebenso kurze und klare wie interessante Rede, die hoffentlich alle, die hier im Forum das Bochumer Programm unterstützen, mit Freuden gehört hätten. (Falls ich irgendwie an diese Rede komme, werde ich sie später noch dokumentieren.)
    Während der Demonstration habe ich immer wieder bedauert, dass ich nicht wenigstens 100 und 200 Exemplare des Programms kopiert, mitgenommen und verteilt habe. Wahrscheinlich ist mein gegen Null tendierendes „Sendungsbewußtsein“ - gerade wenn man allein auf weiter Flur ist - der entscheidende Grund dafür; denn grundsätzlich gehe ich immer davon aus, dass solche 1-Punkt-Bewegungen das Zeug haben zu einer relativ breiten Bewegung, die auch ein Feld ist, das Diskussionsbereitschaft und „Öffnung“ fördert.
    Das Internet kann die Begegnung der Menschen im Kampf nicht ersetzen; es kann nur ein Mittel sein, sie zu fördern!!


    Viele Grüße
    Robert


    p.s. Übrigens nahm Urban Priol an der Demo teil und machte ein paar gekonnte kabarettistische Anmerkungen … und: ich werde noch ein paar Bilder hochladen.

    Anlass zu diesem kurzen Beitrag, sind 2 Artikel aus der FR vom 06.06.2013. Darin heißt es u.a.:


    Mieten, statt besitzen, ist auch das Motto vieler Unternehmen. Sie können gut auf eigene Gebäude und sogar Maschinen verzichten. Immer öfter specken sie jetzt auch ihre Rechenzentren ab, und mieten Computerleistung. Statt im eigenen Keller lassen sie bei spezialisierten Dienstleistern rechnen, auf deren Servern auch die notwendige Software installiert ist. Gesteuert werden die Prozesse über das Internet. Cloud-Computing, Rechnen in der Wolke, nennt sich das.“
    („Die Himmelsstürmer“, FR vom 06.06.2013)


    Neue EU-Datenschutzregelung sieht u.a. folgendes vor:
    So soll laut der Beschlussvorlage die Pflicht für Datenschutzbeauftragte in großen Unternehmen, wie sie Deutschland bislang kennt, fallen.“
    („Der Datenschutz im Web wird löcherig“, FR vom 06.06.2013)



    Der Personal Computer war eine geniale Erfindung, gerade auch weil er eine sehr individuelle Konfiguration in Hard- und Software ermöglichte; also Freiheiten eröffnete durch Nutzung eines unversell einsetzbaren Werkzeugs. In den kapitalistischen Unternehmen wurde dieser Personal-Computer sehr schnell zu einer „Arbeitsstation“ im Netzwerk. Er blieb jedoch zunächst ein Zwitter zwischen frei konfigurierbarem individuellen Werkzeug und Arbeitsstation im Netzwerk. Diese Zeiten neigen sich rapide dem Ende oder sind bereits vorbei. Vom Personal Computer bleibt nichts außer seiner Funktion als Workstation. Aus dem Universalwerkzeug PC wird – der Tendenz nach - eine Vielzahl von „Einzweckmaschinen“


    Für die Kapitalisten und die Systemadministratoren in den einzelnen Betrieben vor Ort, waren die Freiheiten, die der Personalcomputer bot immer ein Ärgernis. Spielten doch die Leute damit rum, installierten eigene Software etc. Man versuchte mit allen Mitteln der „Einschränkungen von Rechten der Benutzer“ diese Freiheiten zu beschneiden.
    Heute sind „wir“ einen Schritt weiter. Im letzten Betrieb, in dem ich arbeitete, konnte ich auf Grund meiner engen Zusammenarbeit mit der EDV-Abteilung „hautnah“ erleben, was da abgeht. Unsere Systemadministratoren wurden dabei selbst immer stärker von Kontrolleuren zu Kontrollierten. In dem Maße wie Rechnerleistung zu den zentralen Servern der Dienstleister verlagert wird, wird ihr Aufgabenbereich eingeschränkt. In dem Maße, wie Softwareinstallationen über eine spezielle Netzwerkanwendung von einer Zentrale aus vorgenommen wird, verstärkt sich diese Tendenz. Usw. Erfolgt der nächste Schritt - „Cloud-Computing“ - dann fallen auch diese von einer Zentralen gesteuerten lokalen Softwareinstallationen weg. Es bleibt ein zentrales Rechenzentrum, indem der größte Teil von Hard- und Software installiert ist, sozusagen ein riesiges Universal-Werkzeug und eine Vielzahl „dummer“ Workstations mit eingeschränkten, genau spezifizierten Aufgaben …. und entsprechend eingeschränkten Rechten und Aufgaben der Benutzer.


    Das ist sozusagen die rein technische Seite der zentralisierenden Tendenz des Kapitals. Sie wird vorangetrieben unter „Kostengesichtspunkten“. Es gibt noch eine zweite Seite der Medaille und dabei geht es um Kontrolle durch eine Zentrale. In jedem „guten“ Qualitätshandbuch, das sich an der DIN EN ISO 9001 orientiert – für 2 Unternehmen musste ich solche Handbücher redigieren – steht geschrieben worum es vor allem geht: um „Kontrolle der Prozesse durch die oberste Leitung“.
    Der Zunahme an technischer Zentralisierung entspricht die Zunahme an Kontrolle durch die oberste Leitung. Das steht nicht im Widerspruch zu flachen Hierarchien, sondern steht in direktem Zusammenhang damit. Was auf der einen Seite als Wegfall von Hierachie vor Ort erscheint, wird begleitet durch Zunahme durch Kontrolle seitens der obersten Leitung. Kurze Wege von den Entscheidungen ganz oben zu den Ausführenden ganz unten!! An die Stelle der Kontrolle durch unmittelbare Vorgesetzte tritt die Kontrolle durch Technik (Hard- und Software). Diese Kontrolle wird sozusagen durch die IT, mit Hilfe der IT, realisiert.
    Fährt man morgens den Rechner hoch, dann dauert es mitunter erstaunlich lange, bis der Rechner hochgefahren ist. Alle möglichen Dienste und Anwendungen werden gestartet, bis es losgehen kann. Mit Hilfe dieser Dienste und Anwendungen kann alles Geschehen an der Workstation von einer Zentrale kontrolliert und gesteuert werden. Daran hat „die oberste Leitung“ großes Interesse, damit die Arbeitskraft auch ja „effizient“ eingesetzt wird. (Manche linke Ökonomen sind ganz begeistert davon und preisen es als Fortschritt. Vergl. meinen Blog-Beitrag zum „effizienten Arbeitskräfteeinsatz“ in privatisierten Krankenhäusern.) Diese Tendenz zur möglichen und gewollten Kontrolle jedes Tastenanschlags an der Workstation hat schon lange eine Gegenbewegung hervorgerufen: Datenschutz und Datenschutzbeauftragte. Solche Datenschutzbeauftragte, sind nicht allein dem Kapital verpflichtet, sondern eben dem Schutz „persönlicher Daten“ von „Arbeitnehmern“. Das ist ein Ärgernis und ein Hindernis für das Kapital. Daher jetzt das Bestreben der EU-Kommission, die Datenschutzbeauftragten in den größeren Unternehmen zu beseitigen! Alles, was „Big Brother“ hinderlich ist, muss beseitigt werden, „Bürokratieabbau“ ist das Schlagwort dafür.


    Abschließend:
    Das Wort „Cloud-Computing“ ist ein Blendwort oder eine miese Beschönigung dessen, was vorgeht. Die scheinbare Wolke besteht in Wirklichkeit aus mehr oder weniger gigantischen, zentralisierten Serverstationen. Die stehen sozusagen in der Wolke und man sieht sie nicht. Aus den Servern (Dienern) werden Herren über menschliche Arbeitskraft, die nur dem Kapital dienen.
    Die technologische Entwicklung heute eröffnet viele neue Möglichkeiten für dezentralisierte Produktion und damit für mehr Autonomie und Freiheit. Im Kapitalismus können diese Möglichkeiten nur sehr begrenzt oder gar nicht wahrgenommen werden. Dort, wo sie auf Zeit dominieren, werden sie über kurz oder lang vom Kapital eingefangen, eingebunden und seinen Zwecken in wohl organisierten und zentralisierten Netzwerken untergeordnet. Überall setzt sich die Tendenz zu ökonomischem und politischem Zentralismus durch. Die Möglichkeiten von dezentraler Produktion, von mehr Autonomie und Freiheit können nur dann wahrgenommen werden, wenn die Macht des Kapitals gebrochen wird.
    Was sich im Bereich der EDV und mit Hilfe der EDV heute durchsetzt, erinnert mich sehr an die Fließbandproduktion des Taylorismus. Auch hier wurde die Kontrolle über die LohnarbeiterInnen durch Technik vorangetrieben. An die Stelle von Überwachung durch Vorgesetzte trat die Überwachung und Einbindung durch das Fließband. Die Herrschaft von Menschen über Menschen wurde scheinbar ersetzt durch die Herrschaft von Technik/Maschinen über Menschen. Tatsächlich war die Technik nur Mittel zum Zweck, um die Herrschaft des Managements perfekter zu machen, im Interesse der Verwertung von Wert. Und so ist es auch heute.


    Robert Schlosser

    Zitat Franziska:
    Und nicht, sobald beim Benennen der "bestimmten Voraussetzungen, wie die Probleme von morgen in einer anderen Praxis gelöst werden" erste Schwierigkeiten auftauchen (und zwar solche, die jeder Adressat, den mangewinnen möchte, auf Anhieb sieht), gleich sich ins Ignoranz-Asyl flüchten: Ich hab zwar was gesagt, aber ALLES kann ich doch nicht vorwegnehmen. Nein.. eben bloss die "bestimmten Voraussetzungen, wie die Probleme von morgen in einer anderen Praxis gelöst werden." Die aber schon.“

    Hallo Franziska,
    neben verschiedenen Differenzen zwischen uns gibt es vor allem eine, die die Verständigung besonders schwer macht und kaum angesprochen ist. Das werde ich jetzt – für mich - abschließend nachholen. Du willst innerhalb des Kapitalismus, am liebsten sofort, in überschaubaren Zusammenhängen eine andere Produktions- und Lebensweise einführen. Wer das will, muss natürlich eine Utopie entwickeln, die ins Detail geht. Wer das will muss einen ähnlichen Plan verfolgen, wie etwa Fourier oder Cabet, um 2 große Utopisten mal zu erwähnen.
    Das hältst du für eine realistischen Perspektive. Der Klassenkampf, also Massenbewegungen von Lohnabhängigen, und deren spontane Kreativität spielen darin absolut keine Rolle. Du hast beiläufig sehr deutlich gemacht, dass du darin keine Perspektive siehst. Ich halte dagegen wenig von solchen Utopien, bin misstrauisch gegen alle „Modelle“ - selbst die Kommune von Wal, mit dem mich so viel verbindet - und vertraue und hoffe auf die spontane Kreativität, die sich in Massenbewegungen gegen das Kapital entwickelt. Ich vertraue also auch darauf, dass in solchen Bewegungen, in der Praxis, Lösungen gefunden werden. Könnte ich darauf, auf diese Kreativität, nicht vertrauen, dann könnte ich auch nicht vertrauen auf die Fähigkeit zur Selbstorganisation, Selbstverwaltung etc. Das eine geht nämlich aus dem anderen hervor und nicht aus den klugen Überlegungen von Utopisten. Wir können hier bis zum jüngsten Tag diskutieren und uns einbilden, wir könnten dadurch die praktischen Probleme einer kommunistischen Produktions- und Lebensweise oder die Fragen des Übergangs zu ihr lösen. Mir wäre es leicht möglich – auf sagen wir 50 DIN A4 Seiten – ein utopisches Modell zu entwickeln und kurz zu begründen, ausgehend von meinen Erfahrungen und meinen Kenntnissen in Geschichte und Kritik der Politischen Ökonomie. Für wenige Leute wäre das sicher ganz interessant, aber ich halte das für reine Zeitverschwendung und verzichte deshalb auf einen solchen „Beitrag“:
    1. Weil sich das – im Unterschied zu deinen Überlegungen – auf die gesamtgesellschaftliche Reproduktion beziehen würde, aber wegen eines solchen Modells – und mag es noch zu gut ersonnen sein – keine Revolution erzeugt wird!!!
    2. Weil Massenbewegungen grundsätzlich nicht entstehen, um irgendwelche Gesellschaftsmodelle umzusetzen. Solche Bewegungen werden vielmehr durch die Umstände und die Kritik an diesen Umständen erzeugt.
    Darum konzentriere ich mich lieber auf die Kritik des Kapitals und bemühe mich, aus dieser Kritik bestimmte grundlegende und naheliegende Ziele abzuleiten, um einen Beitrag zu leisten zur emanzipatorischen Orientierung der sozialen Bewegung, die das Kapital als Widerstand gegen sich unvermeidlich erzeugt.
    Dass du eine solche Haltung als „Ignoranz-Asyl“ betrachtest, ist klar und ich kann darüber nur lächeln. Wer den durch die Produktionsverhältnisse unvermeidlich erzeugten Klassenkampf und seine schöpferische Kraft vollständig ausblendet, und ganz vertraut auf die folgerichtig ersonnene Utopie mag immerhin von anderer Leute „Ignoranz-Asyl“ sprechen. Ich denk mir auch mein Teil dabei! :S


    Abschließend:
    Klügere Leute als ich haben erkannt, worin die Ursachen der sozialen Misere bestehen. Sie haben erkannt, dass diese Misere unvermeidlich sozialen Widerstand erzeugt, der sich bis zum Klassenkampf steigert. Sie haben erkannt, dass dieser Klassenkampf ein „Motor der Geschichte“ ist, eine große Kraft zur Gesellschaftsveränderung. Dieser Klassenkampf wird dann die gesamte Gesellschaft umwälzen, wenn er sich gegen die Ursachen der Misere selbst wendet.


    Ich zieh mich jetzt mal ganz in mein „Ignoranz-Asyl“ zurück, schließlich will ich ja aktuell keine kommunistische Kommune gründen, sondern allenfalls etwas beitragen zu einem „Parteibildungsprozess des Proletariats“ im Sinne des Kommunistischen Manifests. Was ich in dieser Absicht aus der Kritik des Kapitals herleiten kann ist:

    • Gemeineigentum statt Privateigentum
    • Selbstverwaltung statt Kommando über fremde Arbeitskraft
    • Kontrolle sozialer Produktion durch soziale Ein- und Vorsicht

    Damit sind wesentliche programmatische Punkte benannt, nämlich der neuen sozialen Form der Gesellschaft und dem Zweck, dem das dienen soll. Das sind Eckpunkte sozialer Emanzipation, die sich aus der Kritik der Verhältnisse gut ableiten lassen.


    Mit solchen Allgemeinplätzen kann man natürlich nichts anfangen, wenn man hier und heute kommunistische Kommunen gründen will und Leute sucht, die dabei mitmachen. Dann muss schon ein richtiges Modell her, und ich muss mir alles mögliche einfallen lassen, wie das wohl gehen soll.
    Wenn ich jedoch darauf setze, dass Kommunismus nur das Produkt von Aneignung in Klassenkämpfen, großen Massenbewegungen sein kann und davon ausgehe, dass diesen Massenbewegungen eine große Kreativität innewohnt, dann muss ich heute nicht viel konkreter werden. Dann kann ich darauf vertrauen, dass die konkreten Formen von Gemeineigentum, Selbstverwaltung etc. in der Aneignungsbewegung durch die breite Masse selbst gefunden werden. Dann kann ich ferner davon ausgehen, dass "kollektiv" dann Lösungen gefunden werden, wenn die praktischen Probleme anstehen. Gibt es diese Kreativität in Massenbewegungen nicht, dann bedeutet dass, dass die Leute der "Führung" bedürfen, also soziale Emanzipation unmöglich ist. (Da helfen dann auch keine "konkreten" Utopien.) Die soziale Umwälzung selbst wird so oder so ein großes Experimentierfeld sein, wenn sie nicht durch Bolschewisten "verdorben" wird.


    Ich habe mich ein ganzes Stück weit auf Diskussionen um deine konkreten Fragestellungen eingelassen. Jetzt wird es mir zu bunt bei all den wenns und abers und der Vorablösung von Konflikten, mit denen sich revolutionäre Kommunen und selbstverwaltete Betriebe zweifellos herumschlagen müssen.


    Wer meint, mit seiner Bezweifelung der Fähigkeiten zur Selbstverwaltung immer wieder auf eine unverzichtbare zentralstaatliche Macht hinweisen zu müssen, der soll das tun.(damit meine ich dich natürlich nicht.) Wer meint, Kommunismus verlange, dass wir uns mit Waschtrog, manueller Kartoffelernte, Holzbestecken und „selber singen“ usw. begnügen müssten und das keinesfalls als Beschränkung oder Verzicht empfindet, weil alles andere auf die Selbstzerstörung der Menschheit hinausliefe, der soll das tun … und er oder sie kann das auch heute schon – im Kapitalismus – realisieren! (damit meine ich dich ausdrücklich!) Prima und viel Glück dabei.


    Das habe ich jetzt noch einmal zugespitzt und polemisch formuliert, aber ich bin dabei ganz relaxed und ohne alle Aufregung. Ich kann und will aber nicht ständig dagegen an argumentieren und meine Postion rechtfertigen. Es sind sehr verschiedene Ansätze von Kritik und Vorschläge zu verändernder Praxis, die sich nicht vereinbaren lassen, was punktuelles zusammengehen ja nicht ausschließt … wenn man sich eben trifft. In diesem Sinne vielleicht mal auf bald ...


    Viele Grüße
    Robert


    p.s.: Es mag dir genauso gehen, aber ich habe oft den Eindruck, dass du meine Sachen entweder nicht richtig gelesen hast oder einfach komplett daran vorbei argumentierst. Ich könnte viele Beispiele bringen aus deinen vielen Beiträgen, wähle aber nur eins aus, deine Verteidigung von Mattis gegen meine Kritik. Da schreibst du u.a.:
    „Mattis empfahl, die Ungleichheit überregional-"politisch", wenn auch räte-demokratisch – anzugehen...“


    Ich habe mich überhaupt nicht mit Mattis Empfehlungen auseinandergesetzt, sondern mit dem, was ihm „wichtiger“ ist:
    „Für mich ist die Gleichheit (z.B. Gleichverteilung der Produktivitätsfortschritte) als Grundsatz wichtiger als das Mittun bei jeder Art von Entscheidung und Koordination. Kontrolle freilich muss schon sein, aber das ist ein anderer Aspekt und kein Einwand gegen etwas "Zentrales".

    Gleichverteilung von Produktivitätsfortschritten ist ihm also wichtiger als „das Mittun bei jeder Art von Entscheidung und Koordination.“ Damit ist er nicht weit weg, von der oft gescholtenen Masse der LohnarbeiterInnen, meinen lieben KollegInnen, mit denen ich soviel diskutiert habe. Denen ist auch die „Gleichverteilung“ wichtiger als das „Mittun bei Entscheidungen“. Deshalb wird ja allenthalben verlangt, dass der Staat gerechter verteilen soll, dass der Chef mal gerechter verteilen soll. Im Unterschied zu den KollegInnen verlangt Mattis aber eher einen anderen Staat, der es dann richten soll. Offenbar sieht Mattis nicht den Zusammenhang zwischen der Möglichkeit von „Gleichverteilung“ und dem „Mittun“. Die von ihm erwünschte Gleichverteilung wird eben nur möglich durch das „Mittun“ bei vielen Entscheidungen. Ich will das nicht weiter aufführen, aber es ist eine sehr grundsätzliche Frage. Das Streben nach „Mittun“ ist Voraussetzung für die „Gleichverteilung“!! Die größte Barriere für soziale Emanzipation, ist die Hoffnung, dass „Gleichverteilung“ sozusagen möglichst ohne oder mit wenig „Mittun“ möglich ist. Das läuft immer auf die eine oder andere Variante von „Sozialstaat“ hinaus.
    Bolschewisten rechtfertigen bis heute Unterwerfung unter den Zentralstaat, staatlichen Terror und Entmündigung mit dem Hinwies auf größere "Gleichheit bei der Verteilung von Produktivitätsfortschritten". Das ist kein "Kavaliersdelikt" und ich will und kann daher die subjektive Meinung von Mattis, was ihm "wichtiger" ist, nicht unwidersprochen durchgehen lassen!
    Das nochmal zur Erläuterung zu meinem kurzen Einwurf Richtung Mattis. Und so könnte ich an manchen Stellen zeigen, das du ziemlich komplett an meinen Argumenten, meiner Position vorbei argumentierst ... obwohl du mich meinst.
    Zu all dem, was du da über die Position von Mattis sagst, habe ich keinerlei Kommentar abgegeben. Du hast dir einfach das rausgepickt, was in dein Koordinatensystem passt und in welche Richtung du die Diskussion führen möchtest. Für mich ist jetzt also mal gut.

    Dialogausschnitte im Interkommunalen Rat: "ihr kriegt bloss, wenn..., X können wir uns nicht leisten, wenn nicht...; alle wollen unser Y, wir können uns doch nicht zerreissen... uswusw

    Hallo Franziska,
    sollte es einen modernen Kommunismus jemals geben, dann wird das mit Sicherheit keine Welt sein, in der sich alle Widersprüche aufgelöst haben und eine Zeit angebrochen ist, in der Probleme konfliktfrei gelöst werden. So oder besser so ähnlich, wie du hier den "interkommunalen Rat" zitierst dürfte da diskutiert und gestritten werden. Diese praktisch auftretenden Probleme zwischen Kommunen, zwischen selbstverwalteten Betrieben können jedoch nur in einer entsprechenden Praxis gelöst werden. Wir werden Probleme, die mit weiterhin bestehenden Interessenkonflikten zu tun haben nicht heute im theoretischen Streit lösen können. Du benennst das Problem und erklärst im Grunde den Konflikt für nicht lösbar durch Kommunikation und Verständigung. Wie du das Problem benennst und aufwirfst, wäre schon die Selbstverwaltung eines Betriebes nicht möglich. Auch in einem einzelnen Betrieb wird Arbeit verteilt ... heute sehr ungleich und von einer Zentrale, von oben bestimmt. (Das geschieht ganz ohne Markt und Tauschbeziehungen im Betrieb.) Die KollegInnen streiten untereinander, wer am meisten arbeitet, wer am wenigsten dafür erhält etc. Solche Probleme gibt es selbstverständlich in ähnlicher Form auch unter den Bedingungen von Selbstverwaltung, wenn die Belegschaftsversammlung das höchste Organ ist und dort entschieden wird, wie man die Arbeit untereinander verteilt. (Beispiele dafür gäbe es genug.) Solche Probleme müssen einvernehmlich durch Diskussion und Entscheidung gelöst werden. Wenn wir diese Probleme für unlösbar erklären und den Menschen - unter anderen gesellschaftlichen Veraussetzungen!! - nicht zutrauen solche Probleme durch Kommunikation zu lösen, dann erübrigt sich meiner Meinung nach jede weitere Diskussion über soziale Emanzipation. Das gilt für einzelne selbstverwaltete Betriebe, für Kommunen wie für den Verbund, die großräumige gesellschaftliche Organisation.
    Das alles heißt: wir können die auftretenden Probleme von morgen nicht heute lösen. Wir können nur bestimmte Voraussetzungen benennen, wie die Probleme von morgen in einer anderen Praxis gelöst werden. Streit wird es mit Sicherheit im Kommunismus geben. Den wird es umso mehr geben, als noch die alten Verhältnisse nachwirken und die Menschen von Einstellungen geprägt sind, die aus der allgemeinen Konkurrenz entspringen.
    Ich gehe also davon aus, dass der "interkommunale Rat" im Stande sein wird, deine angesprochenen Probleme zu lösen. :thumbsup: Wie er sie lösen wird, kann ich aus heutiger Sicht nicht sagen und schon gar nicht entscheiden.


    Viele Grüße
    Robert

    Für mich ist die Gleichheit (z.B. Gleichverteilung der Produktivitätsfortschritte) als Grundsatz wichtiger als das Mittun bei jeder Art von Entscheidung und Koordination. Kontrolle freilich muss schon sein, aber das ist ein anderer Aspekt und kein Einwand gegen etwas "Zentrales".

    Hallo Mattis,
    was du uns da vorschlägst ist nichts anderes als eine Variante von "Staatssozialismus", der nichts anderes ist ein als eine Variante des Sozialstaates. Aufgabe diese Staates ist es dann für die Gleichheit der Verteilung zu sorgen. Diese Gleichheit der Verteilung ist dir wichtiger, als Mittun bei Entscheidungen etc. Das genau ist kein Kommunismus und das hatten wir schon. Aus meiner Sicht hat das nichts mit Emanzipation zu tun, sondern allenfalls mit "sozialem Ausgleich".


    Grüße
    Robert

    Hallo zusammen,
    mir wurde heute von einem Freund der nachfolgende Bericht geschickt, mit der ausdrücklichen Bitte um weitere Verbreitung. Ein eindrückliches Dokument!! ... anhand dessen sich auch manch politische Frage wieder sehr grundsätzlich diskutieren ließe. (Gewaltfrage - setzt man perspektivisch auf direkte Konfrontation und "Angriff" oder eher darauf "Zersetzung"? Der Bericht zeigt sehr konkret, dass die Polizei kein monolithischer Block ist!)


    Blockupy Frankfurt
    Getreten, geprügelt, mit Giftgas bekämpft


    Ein Erlebnisprotokoll
    Name: Axel Köhler-Schnura
    Alter: 64 Jahre
    Beruf: Ökonom
    Engagement: Coordination gegen BAYER-Gefahren, Stiftung ethecon, Kritische AktionärInnen, Gewerkschaft, DKP


    Frankfurt, Basler Platz
    Samstag 01. Juni 2013


    Um10 Uhr noch recht leer, strömen bis ca. 12 Uhr zig Tausende zusammen. Wie man es von der letzten Blockupy-Großdemonstration 2012 her kennt: Bunt, laut, phantasievoll. Kinder, Jugendliche, Grauhaarige.


    Von nah und fern. Sprachgewirr aus ganz Europa.


    Transparente wie: "S21 - bei Brand effizienter als jedes Krematorium". Oder: "Gegen Bankenmacht und Profitgier!" Während verdi- und IG-Metall-Fahnen neben attac, Linkspartei- und anderen Fahnen gut sichtbar waren, habe ich nicht eine einzige Fahne der Grünen gesehen und auch die SPD glänzte durch Abwesentheit.


    Die Medien berichteten über Blockupy am Vortag (31.05.2013). Es ging um Aktionen der "Anti-Kapitalisten", wie das Etikett lautete, das jedem, der gegen Machtmissbrauch und Verbrechen der Banken und Konzerne in Frankfurt protestierte, aufgepappt wurde.


    Nachdem die Stadt Frankfurt und das Land Hessen bereits bei den vorjährigen Blockupy-Aktionen wegen ihres rüden Umgangs und ihrer mit den Grundrechten in Widerspruch stehenden Haltung zum Demonstrationsrecht aufgefallen waren, gab es im Vorfeld der diesjährigen Aktionstage ab dem ersten Tag ein zähes Ringen zwischen den VeranstalterInnen von Linkspartei, attac, verdi und anderen und den Behörden:


    Das Verwaltungsgericht musste entscheiden. Und hat entschieden: Ja, es darf natürlich auch im Flughafen demonstriert werden. Ja, es darf natürlich eine Großdemonstration am Samstag an der EZB vorbei stattfinden.


    Doch das scherte das Innenministerium und die Polizei einen Dreck! Offen und unverhohlen wurden die Urteile missachtet. Die Demonstrationen am Freitag im Flughafen wurden durch Polizeimacht unterbunden, in der Innenstadt gab es bei kleineren Aktionen jede Menge Polizeireporession.


    Und dann kam der Samstag. Und mit ihm die zig Tausenden aus ganz Europa und ganz Deutschland, die sich auf dem Basler Platz versammelten und gemeinsam ihrem Unmut - je nach politischer Gesinnung - über Abzockerei, Umverteilung, kapitalistische Ausbeutung, Bankenrettung und Troika-Diktate zum Ausdruck bringen wollten.


    Um 12 Uhr herum setzte sich der Zug in Bewegung. Nur 20 Minuten später und lediglich dreihundert Meter weiter, ging nichts mehr. Die Demonstration stand in einer öden Hochhausschlucht.


    Was war passiert? Eine Armada von hochgerüsteten und vermummten Polizeikriegern hatte im ersten Teil der Demonstration den Block der Interventionistischen Linken aus dem Nichts heraus brutal überfallen und eingekesselt. Mit FreundInnen stand ich unmittelbar an der Nahtstelle. Vor mir fünf dichtgedrängte Reihen schwarzer Repressionskräfte. Dahinter der Kessel mit vielen hundert DemonstrantInnen und einem Lautsprecherwagen. Links und rechts vielgeschossige Häuserwände, davor schließlich das Ende der Demonstrationswelt in Form einer massiven Wand von furchterregend mit Helm, Schlagstöcken, Chemiesprayern, Pistolen etc. bewaffneten Hundertschaften.


    In einer Art Putsch hatten Innenministerium und Polizeiführung mit einem Gewaltakt die Verfassung gebrochen, die nach Recht und Gesetz gefassten Gerichtsurteile zu Klopapier degradiert und das Grundrecht auf Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit unter klobige Polizeikampfstiefel getreten.


    Hinter uns knapp zwanzigtausend DemonstrantInnen. Die etwa zweihundert Streitkräfte, die ohne jeden Grund und ohne jede Rechtsgrundlage mit brutaler Gewalt den Kessel von den zig Tausenden der Rest-Demonstration trennen mussten, waren von ihrer Führung wissentlich in allerhöchste Gefahr gebracht worden. Eine unbedachte Reaktion in der durch Polizeigewalt aufgeheizten Stimmung, der kleinste Ärger hätte eine Katastrophe auslösen können.


    Auge in Auge standen wir zwei Stunden wandelnden Kampfmaschinen gegenüber, von denen unter Helm, Schutzvisier und Sturmhaube lediglich ein Augenpaar zu sehen war. Ab und zu ein verunsichertes, hin und wieder ein hilfloses. Zumeist jedoch aggressive, hochmütige, brutale Blicke. Aber: Es geschah nichts. Alles blieb zum Zerreißen gespannt, aber friedlich.


    Unterhalb der Augen mächtige Kampfmonturen. Die berüchtigt-hochgefährlichen Tonfa-Schlagstöcke und das lebensbedrohlich Chemiegas griffbereit. An den Händen die als Waffe eingestuften Quarzsandhandschuhe. An den Beinen schwere Kampfstiefel. Zusätzlich an Beinen, Armen, Oberkörper zentimeterdicke Hartplastikschienen, mit denen jeder Schlag schwere Verletzungen auslösen kann. Bürgerkriegssoldaten gegen unbedarfte Bevölkerung in T-Shirts und Freizeitkleidung.


    Neben mir und hinter mir Jugendliche, aber auch zahllose Grauhaarige, manche deutlich älter als ich. Männer und Frauen. Wir hätten Eltern und auch Großeltern der vor uns stehenden Kampfmaschinen sein können.


    Die Demonstration blieb besonnen. Im Kessel verweigerten die Menschen ihre Festnahme (mit Personalienfestellung und erkennungsdienstlicher Behandlung), die Rest-Demonstration verweigerte die Trennung vom Kessel und die Umleitung auf eine andere Demo-Route. Die DemonstrantInnen ließen sich nicht spalten und beharrten auf der genehmigten Route.


    Das passte nicht in den Plan der Verfassungsbrecher. Eskalation und vor allem "Straßenschlacht" waren gewünscht, um das zuvor von ihnen an die Wand gemalte Szenario zu bestätigen; um friedlich demonstrierende Menschen als "anti-kapitalistische Gewalttäter" diffamieren und verteufeln zu können; um in den Medien die Bevölkerung abzuschrecken, für ihre Rechte auf die Straße zu gehen.


    Doch dann plötzlich. Die friedliche Spannung explodierte. Allerdings nicht durch Hitzköpfe in der Demo, nein durch die Staatsgewalt. Die Kampfgasflaschen wurden gezückt, die Tonfas zum Einsatz gebracht. Wahllos wurde auf Alte und Junge eingedroschen. Ich bekam - glücklicherweise nur gering - Pfefferspray ab. Den weitausholenden Tritt mit dem Kampfstiefel sah ich kommen - allein, in dem Massentumult um mich herum gab es kein Entkommen. Durch die Kleidung hindurch bekam ich einen Stiefelabdruck auf dem Linken Oberschenkel verpasst (12 cm lang, vier cm breit). Auf Nase und Oberkörper wurde ich geschlagen. (Das ärztliche Attest zu allem steht noch aus.)


    Meine PartnerInnen und FreundInnen wurden mir gewaltsam und brutal von der Seite gerissen - weg waren sie. Sie berichteten von der gleichen Gewalt, wie ich sie erlebte. Aber auch: Ein junger Polizist brachunter seinem Visier in Tränen aus - er stammelte, "das geht doch nicht, das sind doch alte Menschen". Ein anderer junger Polizist hat Christiane (meine Frau) gerettet, indem er sie hinter sich riss und so vor dem Chemiegas und den Prügeln seiner geradezu im Gewaltrausch befindlichen KollegInnen - jawohl, jede Menge Frauen waren dabei! -schützte.


    Ich drängte mich aus der Kampfgaswolke und der Gewaltorgie in die Grünzone am Straßenrand. Kurz darauf tauchten wie ein Wunder meine FreundInnen auf. Auch sie von Tonfas und Kampfgas verletzt Wir drängten weiter zum Rand, dorthin, wo auch die Verwundeten sich schleppten oder geschleppt wurden. Junge und Alte. Knallrot entzündete Gesichter, verquollene Augen, Hustenkrämpfe mit Schleimauswurf, unkontrollierte spastische Zuckungen, Zittern von Kopf bis Fuß. Meine Humpelei, die Schlagstock-Prellungen meiner FreundInnen und auch unsere nur gering gereizten Augen, erschienen uns als Bagatellen im Vergleich dazu, was sich vor unseren Augen an Schmerz und Leid abspielte.


    Auch dort - etwa acht Meter abseits der Straße - hochgerüstete Kampfkräfte, die auf einer Länge von etwa 150 Metern die Demonstration - wie auch auf der anderen Straßenseite - hermetisch abriegelten und niemanden hindurch ließen. Eine gigantische, am Ende noch offene Kesselbedrohung. Wohlgemerkt zusätzlich zum bereits geschlossenen. Dadurch war esden Zigtausenden u.a. nicht möglich, auszutreten, zu den von der Demoleitung bereitgestellten Dixi-Toiletten oder anderswohin, um z.B. Essen und Trinken zu besorgen, wurden sie nicht durchgelassen.


    Meine FreundInnen und ich forderten angesichts der vielen Verletzten in der kleinen Grünanlage und der fehlenden medizinischen Versorgung der Reihe nach etwa ein Dutzend der RepressionssoldatInnen auf, ärztliche Hilfe zu rufen. Keinerlei Reaktion. Kollektiv und noch dazu im Amt unterlassene Hilfeleistung! Aber keine Möglichkeit zur Strafanzeige, denn alle trugen ihre Einsdatznummer für uns unsichtbar auf der Rückseite ihrer Monturen. StraftäterInnen mit staatlich geschützter Anonymität.


    Überhaupt die Identifikation! Ich habe bei dem Polizisten, der mich vorsätzlich verletzt hat, klar die abfällig und höhnischen blickenden Augen im zentimeterbreiten Sturmhaubenschlitz gesehen, allein die Einsatznummer war auch in diesem Fall für mich uneinsehbar auf seinem Rücken.


    Die immer zahlreicher werdenden Verletzten mussten sich selber helfen. In solidarischem Miteinander wurden die Augen mit allen verfügbaren Trinkwasserflaschen gespült. In einem Fall konnte ich beobachten, wie eine junge Polizistin zwei ihrer eigenen Wasserflaschen an die Verletzten weiterreichte. DemonstrantInnen brachten die Opfer weiter nach hinten in sichere aber dennoch links und rechts mit Wasserwerfern und polizeilichen Streitkräften bedrohte Demo-Bereiche, wo sie von ÄrztInnen und Krankenpersonal, die sich unter den DemonstrantInnen befanden und zur Hilfe einfanden, versorgt wurden.


    Und dann erneut ein Angriff ohne Vorwarnung. Hinter uns die anhaltende Prügelei der Einsatzkräfte an der Spitze des Demonstrationszuges und auf der anderen Seite der Barriere die Kampfgaswolken in den Kessel hinein. Zu unseren Füßen die Verletzten. Da wurden die Absperrgitter vor uns schlagartig auf etwa fünf Meter geöffnet, und ein frontaler Angriff auf uns, die wir Schutz suchten, geführt. Erneut keinerlei Chance zurückzuweichen oder sonst irgendwohin in Sicherheit zu kommen.


    "Ich prügle dir die Birne zu Matsch" flüsterte der vor mir stehende Robo-Cop klar und deutlich vernehmbar im Adrenalin-Rausch mit gezückter Tonfa. Daneben seine KollegInnen wieder mit den Kampfgas-Geräten im Einsatz. Zu den Verletzten neue Verletzte. Ein weiteres Mal Verantwortungslosigkeit der Polizeiführung gegenüber ihren Untergebenen. Auch hier hätten die brutalen Angriffe der gerade einmal etwa zwei Dutzend in blinde Gewaltattacke geschickten Kräfte gegen Tausende in Mord- und Totschlag enden können.


    Doch die Rechnung der Herrschenden ging nicht auf. Von 14 Uhr mittags bis 20 Uhr abends wurde kontinuierlich weiter geprügelt und Unmengen von Kampfgas über die DemonstrantInnen ausgesprayt. Die Flut der Verletzten riss nicht ab. Nichts konnte die Einsatzkräfte stoppen. Nicht die im Kessel befindlichen Bundestagsabgeordnete, nicht die eingekesselten Kinder. Einzeln wurden nacheinander über die vielen Stunden hinweg unter brutaler Gewaltanwendung hunderte von DemonstrantInnen im Kessel festgenommen, der Personalienfestellung und erkennungsdienstlichen Behandlung unterzogen und mit Platzverweisen entlassen. Sie durften nicht mehr an der Demonstration teilnehmen und sich teilweise in ganz Frankfurt nicht mehr aufhalten


    Schließlich sogar die gewaltsame Übernahme des im Kessel befindlichen Lautsprecherwagens durch ein Spezialkommando. Offenbar sollte so die Kommunikation mit der Rest-Demonstration - erneut ohne jeden Anlass und ohne jede Rechtsgrundlage - unterbunden werden.


    Doch nichts, aber auch nichts!, konnte die Ruhe und Friedlichkeit der Demonstration ins Gegenteil kehren. Tausende harrten bis in die Nacht aus, bis auch der allerletzte aus dem Kessel festgenommen war. Die Blockupy-Demonstration in Frankfurt am 01. Juni 2013 ließ sich nicht spalten. Die von der Staatsgewalt in willkürlicher Repression Festgenommenen wurden zu keiner Zeit alleingelassen. Die den ganzen Tag über andauernden in brutaler Gewalt geführten Angriffe blieben ohne das gewünschte Ergebnis - niemand aus der Demonstration von zig Tausenden tappte in die gestellte Kriminalisierungsfalle.


    Offener Verfassungsbruch, unverhohlen offene Degradierung der Justiz durch die Exekutive buchstäblich zu Idioten, bürgerkriegsähnliche Gewalt gegen friedliche Menschen, grundlose Beraubung der Grundrechte: Ein wahrhaft schwarzer Tag in der Geschichte der Bundesrepublik!


    Das alles im Schatten der glitzernden Türme der Banken und Konzerne, vor deren Türen sozusagen. Die Herrschenden - auch in Deutschland, denn in der Türkei, in Griechenland, Italien, Spanien, Irland und anderswo zeigen sie es bereits seit langem - haben gezeigt, wozu sie bereits sind: Profit und Kapitalismus, die zusammengeplünderten Vermögen der Ultra-Reichen werden sie mit aller Gewalt - auch unter offenem Verfassungsbruch - schützen. Die auf ihren Rechten und Interessen beharrende Bevölkerung, die für die Verbesserung ihrer Lage eintretenden arbeitenden Menschen werden sie unverhohlen auch mit bürgerkriegsähnlicher Repression bekämpfen.


    Dagegen steht die kraftvolle Solidarität der Tausenden in Frankfurt und der Millionen in Europa und der Milliarden in aller Welt. Noch am Nachmittag gingen in mehreren Städten Menschen mit Soli-Demonstrationen mit den Eingekesselten auf die Straße. Herausragend auch die über an Schnüren und Seilen befindlichen Körbe, die von AnwohnerInnen auf beiden Seiten des Kessels von Fenstern herab mit Wasser und Lebensmitteln zu den gefangenen Menschen herabgelassen wurden.


    Frankfurt hat in aller Deutlichkeit erneut die Richtigkeit dessen bewiesen, was bereits Thomas Müntzer im 16. Jahrhundert in den Deutschen Bauernkriegen feststellte: "Die Herren machen es selber, dass ihnen der arme Mann feind wird!"


    Auch mit allergrößter Gewalt und Repression wird sich der wachsende Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung nicht aus der Welt schaffen lassen. Im Jahr 1990 wurde das "Ende der Geschichte" verkündet, der Kapitalismus entfesselt und zum Heil der Menschheit erklärt. Seit Beginn der 2000er Jahre erleben wir, wie weltweit sich der Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdrückung entwickelt, wächst und wächst. Wer kann die Demonstrationen der letzten 10 Jahre noch zählen?! Wer kann noch überblicken, wo tagtäglich neu der Widerstand aufflammt?! Die Menschen nehmen nicht hin, dass auf Kosten von Milliarden einige wenige Tausend Ultra-Reiche und deren Konzerne die Welt plündern; dass Not und Elend immer weiter um sich greifen und zugleich die Millionäre zu Milliardären werden und die verbrecherischen Konzerne und Banken mit Billionen am Leben gehalten werden. Die Welt nimmt sehr wohl zur Kenntnis, dass die Bundeskanzlerin Merkel dem verbrecherischen Abzocker Hoeneß in London - erneut unverhohlen - freundlich lächelnd die Hand schüttelte. Sie erkennt die Allianz zwischen Kapital und Politik.


    Es gilt der Satz der 70er und 80er: Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht!


    Ich schreibe und verbreite diese Zeilen, weil die herrschenden Medien die Medien der Herrschenden sind und dort das, was ich als Augenzeuge schmerzlich miterleben musste, falsch falsch oder gar nicht berichtet werden wird. Weil der Lüge die Wahrheit entgegen gestellt werden muss.


    Pfefferspray ist ein lebensgefährliches Kampfgas. Friedliche DemonstrantInnen sind keine "Gewaltäter". Die bei der Demonstration eingesetzte Polizei war eine mit gefährlicher Passiv- und Aktivbewaffnung hochgerüstete Bürgerkriegsarmee. Sie überfiel über Stunden hinweg auf befehl "von oben" immer wieder ohne jeden Anlass die friedliche Demonstration und mit ihr Zehntausende von gewaltfrei demonstrierenden BürgerInnen. Den DemonstrantInnen wurden ihre nach Verfassung und Gerichtsbeschluss zustehende Demonstration und ihre ebenfalls nach Verfassung und Gerichtsbeschluss zustehende Demonstrationsroute gewaltsam verweigert. Es gab nicht "mehrere Verletzte", sondern Hunderte von der Polizei verletzte Menschen. Innenministerium und Polizeiführung brachen ohne Skrupel und öffentlich die Verfassung und die Grundrechte. Bezeichnenderweise unmittelbar vor der Europäischen Zentralbank (EZB). Bereits vor Gericht hatten sie versucht, die Demonstrationsroute zur EZB zu unterbinden. Wie sagt die englische Vereinigung des Hosenbandordens? "Ein Schelm, wer Böses dabei denkt."


    Mit herzlichen Grüßen
    Axel Köhler-Schnura

    Hallo zusammen,
    wir sind jetzt an einem Punkt, der mich ziemlich aufwühlt, aber ich werde mich bemühen, ebenso sachlich wie unmissverständlich darauf einzugehen.


    Zunächst:


    @Wal
    Du schreibst:
    "Hallo Robert,ich weiß nicht, wer hier für Wirtschaftsautarkie auf Kommune-Ebene eingetreten ist."

    Es war Franziska, die von „einer weitgehend autarken Reproduktion in einer betehenden Umgebung“ sprach (Beitrag vom 29. Mai, 11 Uhr 41 Min, sie hat mittlerweile einiges einschränkend dazu ausgeführt, schreibt aber erneut in ihrer Antwort auch an dich von dem „Autarkie-Zweck“.);
    Es war Kim, der dann von einer „Autarkie der Kommunen“ sprach (Beitrag vom 30. Mai, 10 Uhr 01 Min.)
    Vielleicht habe ich ja was missverstanden, aber mir schien diese Vorstellung von Autarkie wurde hier als ein mögliches und erstrebenswertes Ziel gehandelt. Daher meiner grundsätzlich Einmischung.
    Ich halte das – ganz sachlich, und zunächst ohne jede Wertung - für eine nach rückwärts gerichtete, also eine reaktionäre Utopie! Eine Utopie, die uns was zurückgeben soll, was verloren wurde. Autarkie ist jedenfalls aus meiner Sicht überhaupt kein emanzipatorisches Ziel! Aus meiner Sicht ist Emanzipation nur zu erreichen mittels arbeitsteiliger Kooperation, gerade auch auf gesellschaftlicher Ebene!!

    Du schreibst weiter:
    „Ich denke jedoch, es ist hier unbestritten, dass wir derzeit zu geringe Fertigungstiefen und zuviel Outsourcing haben, und dass dieser Trend u.a. dazu führt, dass Qualifikationen verloren gehen, die eigentlich jede Kommune benötigte.“
    Dem kann ich im Großen und Ganzen so zustimmen, aber das reicht mir nicht und das stimmt auch nicht durchgängig.
    Ich werde dazu gleich anhand einer ganz konkreten aktuellen Frage Stellung nehmen. Vorab aber will ich nochmals kurz kennzeichnen, was mein Ausgangspunkt ist, der sich mir auf Grund meiner Erfahrung und meiner Kenntnisse aufdrängt:
    Heute haben wir es mit einer ungeheuren Diversifikation, Ausdifferenzierung von Arbeitsprozessen, Produkten und Bedürfnissen im gesellschaftlichen Maßstab zu tun. Ein einzelner Mensch, schon gar nicht ein kleiner Depp wie ich, kann das alles Überblicken. Aber jeder, der sich ernsthaft mit der Frage beschäftigt – etwa ausgehend von dem, was uns in der Wohnung so umgibt, womit wir tägliche Umgang haben – muss zu diesem Ergebnis kommen. Die Frage, wie wir uns als überzeugte „Kommunarden“ dazu verhalten ist schon heute – im Kapitalismus – wichtig.


    Zum Beispiel:
    Momentan wird in Bezug auf die Krankenhäuser eine Diskussion darüber geführt, was denn ein einzelnes Krankenhaus vor Ort alles können muss. Überspitzt ausgedrückt: Muss jedes kommunale Krankenhaus eine Neurochirurgie für komplizierte Gehirnoperationen haben? Muss jedes kommunale Krankenhaus in der Lage sein Organtransplantationen durchzuführen? Usw. usf.
    Die Chirurgie, die Behandlung von Krankheiten ist enorm ausdifferenziert; es gibt hier - wie in allen anderen Bereichen auch - eine riesige Fülle von sehr spezialisierten Qualifikationen – darauf komme ich noch zurück – und man wird immer wieder mit der Frage konfrontiert sein, was denn „jede Kommune“ wirklich benötigt.
    Heute wird die Frage gestellt und beantwortet unter „Kostengesichtspunkten“, unter den Gesichtspunkten von Ökonomisierung und Kapitalverwertung. Will man als „Kommunarde“ konkret in die Auseinandersetzung eingreifen, dann reicht es nicht, die Kommunalisierung der Krankenhäuser zu verlangen. Man kann sich der Frage nicht entziehen, welche „Standardleistungen“ jedes kommunale Krankenhaus auf jeden Fall erbringen muss, und was man am besten Spezialkliniken überlässt, die eben nicht in jeder Stadt vorhanden sein müssen. Wenn man sich gegen den von dir angesprochenen, drohenden Verlust an Qualifikationen wenden will, und verlangt, dass Qualifikationen auf kommunaler Ebene verbleiben, dann muss man eben mit Grund angeben können, was „eigentlich jede Kommune benötigt“.
    Wenn heute bestimmte Krankenhäuser in den Kommunen darum kämpfen, bestimmte Fachabteilungen zu behalten, sich gegen Verlust an Qualifikationen wehren, dann hat auch das was mit Ökonomie und Kapitalverwertung zu tun; sie wollen alles behalten und anbieten, was ihnen Geld einbringt.
    Wer sich jedenfalls vor Ort mit seinen Kolleginnen und Kollegen über solche Fragen unterhält und streitet, wird um in der Sache nachvollziehbare Begründungen nicht herum kommen. Nur „subjektive Revolutionäre“ - wie wir sie zur Genüge kennen gelernt haben – brauchen das nicht. Denen reicht immer eine „ideologisch einwandfreie“ Position.
    Aus meiner Sicht lassen sich solche Fragen jedenfalls nicht sozial vernünftig lösen im Rahmen einer Kommune, sondern nur gesellschaftlich, d.h. aus unserer Position heraus, im Verbund der Kommunen.


    @franziska
    Du schreibst u.a:
    „Mir sind diese drei Punkte wichtig. Singen können wir selber, und über perfektes Konservieren ohne Kühlschrank gibts eine Menge zu lernen. Mein Metallbesteck hab ich im Keller liegen, mir schmeckts eh nur noch mit Holzbesteck und -geschirr. Metall, Keramik, Holz bearbeiten, um wesentliche Arbeitsmittel selbst (zur Not!) herstellen oder wenigstens reparieren können, war von mir als dritter Ausbauschritt benannt. Ein weites Feld. Aber im Baumarkt muss ab dann nur noch wenig gekauft werden (oder geschenkt, solang man auf Aussenbeziehungen angewiesen ist...)“


    Das habe ich als Antwort auf meinen Rundgang durch die Wohnung verstanden. Einerseits erschrecken mich die begrenzten kulturellen Perspektiven („Singen können wir selber“) andererseits handelt es sich aus meiner Sicht nur um ein Ausweichen, dass wir mal etwas konkreter angehen müssen:
    Ich habe nichts gegen Holzbestecke und -geschirr. Damit hast du in Bezug auf einzelne Gebrauchsgegenstände eine Alternative zum Werkstoff Metall für dich geklärt. (Du willst offensichtlich partout weg vom Metall.) Ich bin kein Fachmann für Holzbearbeitung, aber ich habe einiges schon aus Holz gefertigt (kleine Möbel, Drechseln von Schachspielen etc.) Die Frage, die ich aufgeworfen habe, stellt sich hier erneut: welche Produktionsschritte sind nötig und was setzen sie voraus?
    Auch Holzbestecke und -geschirr wachsen nicht auf Bäumen. Die Bäume müssen vielmehr gefällt werden, zerteilt werden etc. um daraus Bestecke und Geschirr zu machen. Wenn wir das Baumfällen nicht den Bibern überlassen wollen, dann muss „Hand angelegt“ werden und wir brauchen Werkzeuge. Die Schneiden dieser Werkzeuge müśsen härter sein, als das Material, dass man damit bearbeitet. (Das gilt für alle spanenden Bearbeitungsverfahren! Auch Metall kann man nur mit härterem Metall zerspanend bearbeiten. Dazu muss Stahl gehärtet werden, worüber ich wieder viel zu berichten wüsste, um die unterschiedlichen Verfahren des Härtens – je nach Zweck des Einsatzes – zu beschreiben. Für all das gibt es jede Menge Spezialwissen und spezielle Technologien! Die Produktionen erfolgen in gesellschaftlicher Arbeitsteilung.)
    Wenn du also glücklich etwa Messer und Gabel aus Metall durch Messer und Gabel aus Holz ersetzt hast, dann frage ich dich jetzt, wie du die Messer und Gabel aus Holz fertigen willst …. ohne Metall!! Womit soll der Baum gefällt werden, womit zerteilt werden, womit des Holz weiter verarbeitet werden? Mit welchen Werkstoffen, ohne Metall?? Ich bin wirklich neugierig, das zu erfahren!!!
    Wenn du andererseits Metall grundsätzlich durch Holz ersetzen möchtest, dann wirft das wieder eine Reihe sehr grundsätzlicher Fragen der "Holzbewirtschaftung" auf ... selbst wenn es möglich wäre, was es nicht ist.


    „Zur Not“ willst du selbst Metall bearbeiten. Aber wie willst du es „zur Not“ herstellen, ohne moderne, industrielle Prozesstechnologie??? Wie willst du ihn walzen? Welche Qualitäten von Stahl werden wohl dabei herumkommen? Nichtrostend, säurebeständig, HSS-Stahl etc. etc. ??????
    Wenn das von dir erträumte Projekt mit ausreichend Leuten und Kapital Gestalt annehmen sollte und ihr euch an solche Herausforderungen macht, dann bin ich gespannt, ob ihr weiterkommt, als die Volkskommunen in China während des „großen Sprungs nach vorn“. Das war eine Super-Stahlproduktion!


    Dann schreibst du plötzlich folgendes:
    „Wenn moderne, lernfähige und ständig lernbereite Leute, international vernetzt, die über Daten- und Saatenbanken, Materialien, Verfahren, Wissens- und Könnens-Ressourcen verfügen, die den bornierten Hinterwäldlern im Leben nie zugänglich waren (obwohl auch die schon eine Menge wussten) - wenn also dies Potential sich mit dem Autarkie-Zweck verbindet, sollte doch etwas Brauchbares herauskommen.“
    Du sprichst da von Datenbanken und internationaler Vernetzung. Vernetzung? Wie bringst du die Kabel ins Meer, die Sateliten in die Umlaufbahn usw. usf.? Woher kommen die großen Server, die Prozessoren etc.? Aus welchen Produktionen kommen die? Wie stellst du das alles her??? Wie soll das „zur Not“ auf Grundlage handwerklicher Produktion in naher Umgebung funktionieren??? usw. usf. Das und manch anderes würde ich gern von dir erfahren.


    Eigentlich hatte ich vor, jetzt noch einmal einen Durchgang durch eine moderne, hochkomplexe Prozess- oder Verfahrenstechnische Anlage zu starten. (Keine Angst, das unterbleibt.) Egal, was ich tat, ob ich eine Werkzeugmaschine zerlegte, eine Vakuumverpackungsmaschine baute oder eine solche Anlage dokumentierte, ich habe immer aufmerksam hingeschaut, was da alles drinsteckt und wo und wie das produziert wird. Dabei kann einem fast schwindelig werden und du lässt jeden Gedanken sausen, ein einzelner Mensch könnte für all das qualifiziert sein, oder eine kleine überschaubare Gemeinschaft könne das alle selbst erledigen. Alle Vorstellung von sozialer Emanzipation konzentriert sich dann auf Kooperation und Kommunikation!! Heute Jäger morgen Sammler, das ging zweifellos. Heute Zahnarzt, morgen Neurochirurg und übermorgen Ingenieur, der das Detailengineering für eine Brauerei erledigt, das geht zweifellos nicht!!! Nicht einmal eine solcher Ingenieur kann heute eine Brauerei und morgen eine Molkerei im Detail entwerfen. Zu unterschiedlich und komplex sind die Verfahren und ich habe es gelernt Respekt für den Leuten und ihren speziellen Kenntnissen aus Erfahrung zu haben.) Eine möglichst breite polytechnische und handwerkliche Grundausbildung ist gut. Das ermöglicht relativ leichten Wechsel zwischen verschiedenen Tätigkeiten, keinesfalls allen Tätigkeiten!!!! Aber in jeder einzelnen Tätigkeit beginnt das Lernen erneut, weil das mittlerweile erforderliche Spezialwissen enorm ist. Ich habe einiges in meinem Leben gelernt, mehr als fast alle Leute, die ich im Laufe meines Lebens kennen gelernt habe; aber es hat auch ein ganzes Leben gedauert und ich habe auch nur einen minimalen Bruchteil all dessen gelernt, was man heute an nützlichen Dingen lernen kann!!


    Also abschließend, damit es kein Roman wird:
    Bin gerade aus dem Heim gekommen, in dem ich fast täglich meine Mutter besuche. „Just in time“ hat die alte Dame (92) sich mal wieder richtig vollgekotet. Eine ¾ Stunde war ich damit beschäftigt sie selbst und das Bad zu reinigen, in dem sie den Kot gut verteilt hatte. Wie ich hier vor längerer Zeit im Forum lesen konnte, überlassen unsere fourieristischen Freunde sowas gern der „Neigung“ einzelner Personen. Da findet sich schon wer. Das Größte, was ich zu diesem Thema bisher fand, lässt sich bei H. Morris „Utopische Kommunen in den USA“ nachlesen; Arbeiten mit Kot und Schmutz überlässt man am besten Kindern zwischen 10 und 12 Jahren, weil die eine „Neigung“ dazu haben:


    „Diese kleinen Horden (von Kindern, R.S.) bestehen aus Kindern im Alter zwischen 10 und 12 Jahren, welche die Ausführung aller schmutzigen und unangenehmen Arbeiten auf sich nehmen, wie z. B. die Reinigung von Ausgüssen und Kanälen, die Düngungarbeiten usw. Diese Arbeit wird von Fourier den Kindern dieses Alters deshalb zugewiesen, weil sie, wie er bemerkt, eine ausgesprochene Leidenschaft für Schmutz und Kot zeigen; diese Leidenschaft ist ihnen, wie jede andere, zu einem nützlichen Zweck verliehen, der am besten durch Einrichtung der kleinen Horden erfüllt werden kann.“ (Utopische Kommunen in den USA, Paperback Nr. 8, S. 69)

    Bravo! Diese Kids eignen sich danach vorzüglich für die Pflege etwa demenzkranker alter Menschen. Die Arbeit muss ihnen nur noch „zugewiesen“ werden. Ein „Kommunismus“ von dem ich träume! (Ich verkneife mir weitere Ausführungen dazu und habe mich aus guten Grund in die damalige bis ins absurde gesteigerte Auseinandersetzung nicht eingeklinkt. Möglicher Weise hätte das bei mir einen Infarkt ausgelöst! ;-))
    Ich bring das hier deshalb zum Abschied, weil die Frage der Vorsorge für das Alter und die Pflege alter Menschen letztlich - wie vieles andere auch - eine Frage der Überflussproduktion ist. Es handelt sich dabei nicht nur um eine Frage des Überflusses an Lebensmitteln, sondern auch des Überflusses an Zeit. Andere müssen von produziernder Arbeit freigestellt werden, um sich der Pflege widmen zu können. Das gelingt bei endsprechend großer Anzahl alter Menschen, die nicht mehr produzierend Arbeiten können, nur auf der Basis industrieller Produktion mit der entsprechenden Arbeitsproduktivität!


    In den 1980iger Jahren habe ich mich bei 3 alternativen Projekten/Kommunen beworben. Schon als Industriemeister wurde ich in dem einen Fall misstrauisch begutachtet! Man wollte einen Handwerksmeister! Klar! Was aber sollte mit der Altersvorsorge und der Pflege alter Menschen sein, fragte ich? Das spielte überhaupt keine Rolle. (Die Beiträge, die zur Rentenversicherung abgeführt werden konnten/sollten, waren lächerlich.) Da hab ich dann letztlich doch lieber bei einem „Manchester-Kapitalisten“ angefangen.
    Solche grundlegenden Fragen des sozialen Lebens lassen sich meiner Meinung nach im Rahmen kleiner Kommunen auf der Basis handwerklicher Produktion überhaupt nicht lösen!! Oder sie werden gelöst, auf eine Weise, wie ich sie in meinem Heimatdorf kennen lernte (auch ich kenne diese alte ländliche „Idylle“ noch mit einiger Subsistenzproduktion). Der Bäckermeister, der nie Altersvorsorge betrieben hatte, kippte im Alter von 74 (soweit ich mich erinnere) vor seinem Backofen um und war tot. Auch eine Form von „Karoshi“ (Tod bei der Arbeit), die mich wenig reizt! Das noch zu dem „Rest an regionalen Handwerkern“ und den damit verbunden Resten an lokaler Autarkie auf der Basis handwerklicher Produktion!


    Alle mir bekannten „Alternativen“ im Kapitalismus verlangen ohne wenn und aber eine Abkehr von der bestehenden Produktions- und Lebensweise. In ihren Ansprüchen erscheinen sie radikal-emanzipatorisch. In ihrer Praxis waren und sind sie allesamt sehr beschränkt und bieten keine gesellschaftliche Perspektive! Was im Kapitalismus geht, das ist zweifellos „Arbeit ohne Patron“, also genossenschaftliche Produktion in Selbstverwaltung, ein Schritt zur Aneignung. Was nicht geht im Schoße des Kapitalismus, das ist eine wirklich andere Produktions- und Lebensweise, die soziale Emanzipation verheißt. Das verlangt eine politische Revolution, die die Machtverhältnisse ändert als Voraussetzung für eine langwierige und komplizierte Umwälzung. Was die Langwierigkeit und Kompliziertheit dieser Umwälzung anbetrifft, da sind wir uns offensichtlich wohl einig. Sonst sehe ich da nur grundsätzliche Differenzen. Das schließt nicht aus, dass ich mich immer dafür interessiere, was an Alternativen im Kapitalismus so versucht wird.
    (Von unseren bolschewistischen Freunden will ich mich jetzt in diesem Kontext von politischer Revolution hier nicht noch einmal abgrenzen.)


    Wie es im Kopf des Marxforums so schön heißt: es geht darum, „die vorhandene Totalität der Produktivkräfte anzueignen. Aber das können wir gerade nicht als vereinzelte Individuen, sondern nur als gesellschaftliche Individuen oder als Individuen in ihrer Gesellschaftlichkeit, also (großräumige) Gemeinschaft. Die Kommune ist für mich keine „Autarkie-Projekt“ der Selbstgenügsamkeit. Es geht um Aneignung, die zugleich Enteignung bedeutet! Und da unser elemanterer Lebenszusammenhang eben die Kommune ist, wie der Betrieb unseren elemantaren Arbeitszusammenhang ausmacht, kann eine Aneignung in freier Assoziation eben nur da ihre Basis haben und ihren unmittelbaren Ausdruck finden. Das schließt nicht aus, sondern erfordert den Verbund, die Vernetzung, weil sowohl Betrieb als auch Kommune eingebunden sind in eine gesellschaftliche Arbeitsteilung, die im wesentlich einen gesellschaftlichen Fortschritt darstellt, oder ohne die kein gesellschaftlicher Fortschritt möglich ist.


    Viele Grüße
    Robert

    wenns in Technik-Debatten übergeht, müsssen wir doch alle zusammen hier passen, wer denn auch nicht?

    Hallo Franziska,
    ich kann und will dabei nicht passen, weil ich die meiste Zeit meines Lohnarbeitslebens damit sehr intensiv zu tun hatte, als Maschinenschlosser (später noch mit der Ausbildung zum Industriemeister) und vor allem als Technischer Redakteur!!! Ich finde es sehr erstaunlich, wie du hier über die Kenntnisse anderer Menschen urteilst. Weil dir selbst etwas vollkommen fremd ist, weil vielen in linken Zusammenhängen etwas vollständig fremd ist, deshalb muss es nicht allen fremd sein. Wenn ich manche Dinge hier nur sehr kurz anspreche und angesprochen habe, dann liegt das in der Tat aber daran, dass ich befürchte, so sehr ins Detail gehen zu müssen, dass andere dem nicht mehr folgen wollen. Ich verspüre wenig Lust hier als Technischer Redakteur anderen Technik zu erklären. Schon gar nicht, wenn auf der anderen Seite vorab geklärt ist, ich könne ja auch gar keine Ahnung haben!!!!


    @ wat.

    wie oft brauchst Du denn wieviel Türklinken, Verblendungen und Schlösser - und warum ;-)

    darauf könnte ich sehr polemisch antworten, versuche es aber mal ganz sachlich: genau das ist das Problem, dass man in einer Kommune, im relativ kleinen gesellschaftlichen Zusammenhang eben bestimmte Dinge nicht sehr viel und sehr oft braucht. Muss dann aber trotzdem alle Produktionsanlagen vorhalten und über alle Qualifikationen verfügen, um die Dinge herstellen zu können.


    Nur soviel heute ganze kurz. Zu den hier angeschnittenen Punkten, werde ich aber morgen noch einmal ausführlicher Stellung nehmen. Vermutlich für mich abschließend. Was hier gerade abgeht, berührt einen ziemlichen empfindlichen Nerv bei mir!
    Die Diskussion ist und bleibt aus meiner Sicht in einem ganz schlechten Sinne abstrakt.


    Grüße
    Robert

    Hallo zusammen,
    wie das bisher mit der Arbeitsteilung im Anschluss an franziskas "Ausnahmezustand" diskutiert wird, gefällt mir gar nicht; zu viele Schlagworte, so wenig konkret, zu „ideologisch“.


    In den großen gesellschaftlichen Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land, zwischen den Geschlechtern und zwischen Kopf- und Handarbeit manifestiert sich unmittelbar Herrschaft, Herrschaft von Menschen über Menschen. Die Unterwerfung von Menschen unter diese Arbeitsteilung und die damit verbundene Hierarchie muss überwunden werden! Darin besteht die große soziale Revolution, die überhaupt nur als ein langwieriger gesellschaftlicher Prozess vorstellbar und möglich ist.
    Diese Verbindung zwischen Arbeitsteilung und Herrschaft gilt aber nicht für jede gesellschaftliche Arbeitsteilung und auch nicht für jede Arbeitsteilung etwa in der industriellen Produktion, den einzelnen Fabriken etc..


    I. Nicht jede Aufhebung von Arbeitsteilung bedeutet Aufhebung der Herrschaft von Menschen über Menschen
    Ich fange mal mit einem kleinen, ganz einfachen Beispiel an, der Fertigung eines Flansches, wie er als lösbare Verbindung zwischen Rohrleitungen benötigt wird. Zwei elementare Fertigungsschritte zur Herstellung eines solchen Flansches sind Drehen und Bohren. Zu Zeiten der Dominanz von Einzweck-Werkzeugmaschinen , noch in den 1980iger Jahren (NC-gesteuerte Drehbänke, Bohrautomaten), waren das zwei getrennte Produktionsschritte, die Menschen arbeitsteilig erledigten. Die Arbeitsteilung konstituierte jedoch keinerlei Herrschaft des einen Lohnarbeiters über den anderen. Noch in den 1980iger Jahren erlebte ich als Reparatur- und Umbauschlosser (Einrichtung von Bohrautomaten) die Einführung CNC-gesteuerter Werkzeugmaschinen. Für ein CNC-gesteuertes Bearbeitungszentrum ist es kein Problem Bohren und Drehen zu erledigen. Die Arbeit wurde nicht mehr auf verschiedene Lohnarbeiter an verschiedenen Einzweckmaschinen verteilt. Statt zwei angelernter Lohnarbeiter für die Einzweckmaschinen erledigte jetzt eine qualifizierte Fachkraft (ausgebildeter Zerspaner mit CNC-Programmierkenntnissen) am Bearbeitungszentrum die Arbeit. Eine zuvor bestehende Arbeitsteilung wurde mit Hilfe einer neuen Technik aufgehoben. Diese Aufhebung von Arbeitsteilung hob jedoch keine Herrschaft auf, sie ersetzte allerdings eine relativ unqualifizierte Arbeit durch eine relativ qualifizierte Arbeit. (Aus meiner Sicht ein kleiner Fortschritt.) Es viel auch ein Stück arbeitsteilig erzwungener Kooperation weg. Arbeitsteilung verlangt und produziert immer Kooperation und Kommunikation.


    II. Nicht jede großräumige gesellschaftliche Arbeitsteilung - jenseits der Kommune - kann und soll aufgehoben werden.
    Um das zu verdeutlichen, komme ich auf die gesellschaftliche Arbeitsteilung zu sprechen, durch die die Produktion unterschiedlichster Gebrauchsgegenstände geprägt ist.
    Alle sollten einfach mal durch ihre Wohnung gehen, sich anschauen, von welchen Gebrauchsgegenständen sie umgeben sind, und sich überlegen, welche Fertigungstiefe, welche arbeitsteiligen Produktionsketten nötig sind, um diese Gebrauchsgegenstände herzustellen. Ich werde das im folgenden nur beispielhaft – keinesfalls vertiefend - ansprechen und lasse sowieso die Produktion von Produktionsmitteln außen vor.


    Wir treten in unsere Wohnung ein durch eine Tür. Die besteht in der Regel aus dem Türblatt aus Holz, dem Griff, den Beschlägen, dem Schloss und den Scharnieren. Verarbeitete Materialien sind Holz, Leichtmetall und Stahl. Allein die Herstellung eines so simplen Gegenstandes wie einer Tür setzt allerhand Fertigungstiefe, arbeitsteiliger Produktion und Kooperation voraus. Soll jede Kommune all das selber machen, alle dafür erforderlichen Produktionen beheimaten? Angefangen beim Sägewerk über das Stahlwerk bis ….
    Wir betreten die Wohnung und treten auf Teppich, Laminat oder Parkett. Soll jede Kommune über alle Produktionen verfügen, die Teppiche, Laminat oder Parkett herstellen?
    Wir gehen weiter und schauen durch ein Fenster. Ähnliche Situation wie bei der Tür, nur das jetzt auch noch Glas dazu kommt. Soll jede Kommune auch über alle Produktionen, inkl. Glaserzeugung, verfügen, die es ihr ermöglichen sich selbst mit Fenstern zu versorgen?
    Wir betreten das Bad, stoßen auf verchromte Armaturen, Fliesen, den „Pott“ aus Keramik, Siphon unter dem Waschbecken und noch einiges mehr. Soll jede Kommune über alle Produktionen verfügen, die erforderlich sind, um all das selbst zu produzieren?
    Wir gehen weiter in die Küche. Der Blick fällt auf den Kühlschrank. Oh je, da wird es schon kompliziert, was da so alles an technischen Details drin steckt, angefangen bei so banalen Dingen, wie Mutter, Schraube und Unterlegscheibe. (Mal einen komplett zerlegen und sich bei jedem Detail fragen, wie das eigentlich entsteht, wäre nicht schlecht. Schon da gehen einem die Augen über.) Das klammern wir mal ganz aus, ziehen stattdessen mal Schubladen auf und sehen Messer, Gabeln, Töpfe, Pfannen, Geschirr und allerhand andere Küchenwerkzeug, dass für die Essenszubereitung nötig ist. Soll jede Kommune über alle Produktionen verfügen, die sie mit diesen nützlichen Dingen versorgt?
    usw.
    Wenn man das konsequent fortsetzt (über die Lichteinstallation, die Bücher, die Musikanlage usw. usf. ), dann einen Schritt weitergeht und sich das ganze Haus mit all seinen Installationen vornimmt, wird man feststellen, dass wir allein in einer Wohnung und im Haus mit so vielfältigen nützlichen Dingen umgeben sind, dass es ganz und gar unmöglich ist, so etwas in einer einzelnen Kommune – und sei es eine größere Stadt von 200.000 Einwohnern – in seiner ganzen Fertigungstiefe herzustellen. Das ist aber nicht nur unmöglich, sondern überhaupt nicht wünschenswert!!!
    (Ich betone nochmals, dass mit diesem Bezug auf elementare Gebrauchsgegenstände in der Wohnung nur ein kleiner Ausschnitt all dessen angesprochen ist, was an Gebrauchsgegenständen in allen Bereichen des kommunalen Lebens zur Anwendung kommt!!)
    Nötig und wünschenswert ist dagegen eine vernünftige, mit Willen und Bewusstsein eingerichtete Arbeitsteilung auf gesellschaftlicher Ebene und eine entsprechende Kooperation und Kommunikation zwischen den Kommunen. Gesellschaftliche Arbeitsteilung und damit verbundene Kooperation und Kommunikation sind also notwendig und wünschenswert!! Die heutige, teils absurde Tiefe der gesellschaftlichen Arbeitsteilung mit dem teils irrsinnigen Aufwand an Transport (nach Marx ist das Mehrwert produzierende Arbeit!! und nur deshalb in diesem Ausmaß für den Kapitalismus sinnvoll und „tragbar“) zu reduzieren, ist etwas anderes, als sie im Sinne der „Autarkie“ von Kommunen aufzuheben.
    In diesem Sinne einer Reduzierung gesellschaftlicher Arbeitsteilung verstehe ich den folgenden Satz des Bochumer Programms:
    „Durch Kommunalisierung wird die Verwaltung, Produktion und Verteilung möglichst vieler gesellschaftlicher Aufgaben auf lokaler Ebene organisiert.“


    Wer sich ernsthaft daran macht zu hinterfragen, wie all diese nützlichen Gebrauchsgegenstände produziert werden, der kann diesbezüglich über Worte wie „Selbstversorgung“ oder gar „Autarkie“ einzelner Kommunen nur den Kopf schütteln. (Ich weiß im Detail manches darüber und könnte viele Seiten vollschreiben. Dazu habe ich weder die Lust noch die Zeit. Wer drankommt, der kann sich ja mal sowas wie die „kleine Enzyklopädie“ TECHNIK aus der ehemaligen DDR reinziehen. Da wird schon etwas deutlich, worum es sich dreht.)
    Wer „Selbstversorgung“ und „Autarkie“ einzelner Kommunen zum zentralen Inhalt der sozialen Umwälzung macht, der wird in der Praxis Zug um Zug die Dinge aussortieren müssen, die wir „nicht brauchen“, weil wir sie tatsächlich auf Ebene jeder einzelnen Kommune nicht produzieren, also nicht haben können. … oder er wird unhinterfragt mit dem fortfahren, was wir haben und sich die fehlende Dinge mal eben im Supermarkt, Baumarkt etc. kaufen. Denn kaufen können wir alle. Das ist kein Problem. Begleiten lässt sich das prima mit allgemeinen Diskussionen über „Autarkie“ und „Selbstversorgung“.
    Eine relativ weitgehende „Selbstversorgung“ von Kommunen wäre hierzulande überhaupt nur möglich in Bezug auf die landwirtschaftliche erzeugten elementaren Lebensmittel. Und selbst da müsste man genau hinschauen, was sinnvoll und möglich wäre. Mit tatsächlicher „Selbstversorgung“ im Sinne einer weitgehend autarken Kommune, die alles, was sie konsumiert auch selbst produziert, hätte das allerdings wenig zu tun.


    Robert

    In Deutschland gibt es die “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” (www.insm.de), eine Lobbyorganisation des Kapitals (“der Wirtschaft”), welche sich öffentlichkeitswirksam für einen Abbau des Sozialstaats (“schlanker Staat”) einsetzt, um das Land international “konkurrenzfähig” zu machen bzw. zu halten.
    Diese Initiative verteilte vor einigen Jahren in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung kostenlos ein Buch, in dem in sehr gut verständlicher Form die wichtigsten Denker der Volkswirtschaftslehre und ihre Theorien vorgestellt werden. Von Adam Smith, über John Maynard Keynes bis Milton Friedman sozusagen (Klassiker der Ökonomie, ISBN 3-89331-759–7).
    Auf Seite 237f findet man eine aus meiner Sicht plausible Antwort auf die Frage nach den Gründen! Dort heisst es unter der Überschrift Liberalismus in Zeiten des kalten Krieges u.a.:
    “Angesichts kommunistischer Propaganda sah man sich im Westen selbst im konservativen Lager genötigt (!), auch der Masse der Bevölkerung Vorteile aus der kapitalistischen Ausrichtung des eigenen Systems zu verschaffen (!!). Entsprechende staatliche Regelungen wurden getroffen, um so in der Konkurrenz der Systeme die breite Bevölkerung für die eigene Weltsicht zu gewinnen.” usw. (Die Ausrufezeichen wurden von mir hinzugefügt!)


    Und da das nun heute ja offensichtlich nicht mehr gilt ...! Den Rest kann sich jeder denken …

    Hallo Jens,
    sollte dich hier noch niemand begrüßt haben, dann tu ich das jetzt mal! (Hoffentlich habe ich da nichts übersehen. :S )
    Das von dir angeführte Zitat der berüchtigten "Initiative ..." finde ich sehr interessant und es deckt sich ganz mit meinen Untersuchungen und meinem Kenntnisstand. Z.B. hat Adenauer die große Rentenreform von 1957 - die der CDU die absolute Mehrheit brachte - öffentlich ausdrücklich mit der "Systemkonkurrenz", der Notwendigkeit "dem Kommunismus" entgegen zu wirken begründet.
    Allerdings halte ich diesen Staat trotzdem nicht für einen "Sozialstaat". Wäre er das, würde er sich gegen seinen "Abbau" wehren. Sofern dieser Staat "soziale Leistungen" erbringt, sind das in aller Regel Zugeständnisse an soziale Kräfte, die sie einfordern und keinesfalls Produkte eines Staates, der sich als "soziales" Subjekt versteht. Das soziale bleibt immer dem ökonomischem Interesse "der Wirtschaft" untergeordnet. Der Staat, soweit er als Subjekt funktioniert, versteht sich immer als Subjekt der bestehenden Gesellschaftsordnung, die auf kapitalistischem Privateigentum und kapitalistischer Produktionsweise beruht. Er verdankt ja auch seine "materielle Existenz" ganz dieser "Wirtschaftsordnung" bezieht er doch seine "Einkommen" aus Steuern, die "die Wirtschaft" abwirft. Seine "sozialen Leistungen" sind immer abhängig von der "Wirtschaftsleistung". Wächst die kapitalistische Wirtschaft rasch und gibt es genügend Kräfte auf Seiten der Lohnabhängigen, die Berücksichtigung ihrer Interessen verlangen, dann dehnt er im Interesse des "sozialen Friedens" seine "sozialen Leistungen" aus. Wächst "die Wirtschaft" kaum, oder schrumpft sie gar, dann spart er eben vor allem an diesen "sozialen Leistungen".
    Sofern er sie noch gewährt, ist das mit immer mehr "Auflagen" verbunden; bürokratische Kontrolle ob "tatsächlich Bedarf" vorliegt, Drangsalierung und Repression, um "sozialen Missbrauch" zu reduzieren. "Sparen" heißt das dann, damit "die Wirtschaft" wieder wächst. Am krassesten erleben wir das momentan in Ländern wie Griechenland. Aber auch die Entwicklung in Schweden oder Deutschland spricht Bände. Die Zukunft des "Sozialstaates" ist der Repressionstaat mit privatisierten Sozialversicherungen. So sehe ich das mal zugespitzt ausgedrückt. Ein wirkliches Gegengewicht dagegen könnte nur eine neue selbständige Bewegung von Lohnabhängigen bilden, die z.B. tatsächliche Selbstverwaltung der Sozialversicherungen anstrebt. Weg vom Staat, weg von der bürokratischen Kontrolle durch den Staat. Der bürgerliche Staat selbst ist kein "soziales" Subjekt und wird es nie sein. Sofern der Staat Gestaltungsmacht gegenüber den Produktionsverhältnissen hat, richtet er diese nicht so ein, dass sie sozialen Interessen genügen, sondern er richtet die sozialen Verhältnisse so ein, dass sie den Kapitalinteressen genügen.


    Viele Grüße
    Robert

    Hallo Kim, hallo Franziska,
    beide sprecht ihr von Autarkie. Die halte ich weder für möglich noch für wünschenswert.


    Z. B.:


    1. Alle Metalle, die man für Stahlproduktion und die Legierung von Stahl braucht (Eisen, Chrom, Nickel, Mangan etc.) sind über den Erdball verstreut. Autarkie würde bedeuten, dass die meisten Kommunen ohne Stahl auskommen müssten. Ohne Stahl aber auch nicht einmal "Handwerkzeuge" mit denen man etwa Holz etc. bearbeiten könnte. usw. Das alles geht gar nicht!


    2. Warum sollten sich autarke Kommunen überhaupt vernetzen??? Eine großräumige Vergesellschaftung der Produktion fände nicht statt. Aus meiner Sicht keine wünschenswerte Perspektive.


    Soweit, so kurz fürs erste und heute.


    Viele Grüße
    Robert

    PS: Gegenüber dem, was wir alle zusammen können und kennen sollten, sind wir allesamt blutige Laien und haben einander nichts wesentliches voraus, egal was wir im einzelnen (schon) draufhaben oder auch nicht.

    Hallo Franziska,
    dem letzten Satz stimme ich schon mal uneingeschränkt zu! :S ...
    Deinen anderen Überlegungen weitgehend.
    Das "bestenfalls" Handwerks- und Manufakturaufgaben auf kommunaler Eben gelöst werden können, sehe ich nicht so. Und im übrigen hängt der "fortgeschrittene technische und wissenschaftliche Sachverstand" mit der industriellen Produktion zusammen, hat hier seine Basis. Der bloße Handwerks- und Manufakturbetrieb führt aus meiner Sicht zwangsläufig zum Verlust an technischem und wissenschaftlichem Sachverstand. Das ist aus meiner Sicht nicht Zukunft, sondern Vergangenheit.


    Viele Grüße
    Robert

    Ausgangspunkt der marxschen Analyse ist nicht die Arbeit, sondern die Ware. Er beschreibt sie zunächst in ihrer Widersprüchlichkeit von Gebrauchswert und Tauschwert und als Produkt menschlicher Arbeit. Den Tauschwert der Waren kennzeichnet er zunächst wie folgt:


    „Der Tauschwert erscheint zunächst als das quantitative Verhältnis, die Proportion, worin sich Gebrauchswerte einer Art gegen Gebrauchswerte anderer Art austauschen, ein Verhältnis, das beständig mit Zeit und Ort wechselt. Der Tauschwert scheint daher etwas Zufälliges und rein Relatives, ein der Ware innerlicher, immanenter Tauschwert (valeur intrinseque) also eine contradictio in adjecto.“ MEW Bd. 23 S. 50, 51


    Dann betrachter Marx die Sache näher und kommt zu folgendem Ergebnis:


    „Eine gewisse Ware, ein Quarter Weizen z. B. tauscht, sich mit x Stiefelwichse oder mit y Seide oder mit z Gold usw., kurz mit andern Waren in den verschiedensten Proportionen. Mannigfache Tauschwerte also hat der Weizen statt eines einzigen. Aber da x Stiefelwichse, ebenso y Seide, ebenso z Gold usw. der Tauschwert von einem Quarter Weizen ist, müssen x Stiefelwichse, y Seide, z Gold usw. durch einander ersetzbare oder einander gleich große Tauschwerte sein. Es folgt daher erstens: Die gültigen Tauschwerte derselben Ware drücken ein Gleiches aus. Zweitens aber: Der Tauschwert kann überhaupt nur die Ausdrucksweise, die „Erscheinungsform" eines von ihm unterscheidbaren Gehalts sein.“ (ebenda S. 51)


    Was also ist der von seiner Erscheinungsform unterscheidbare Gehalt von Tauschwert, also „zunächst“ (!!!) dem quantitativen Verhältnis, „worin sich Gebrauchswerte einer Art gegen Gebrauchswerte anderer Art austauschen“?


    Marx fährt fort:


    „Dies Gemeinsame kann nicht eine geometrische, physikalische, chemische oder sonstige natürliche Eigenschaft der Waren sein. Ihre körperlichen Eigenschaften kommen überhaupt nur in Betracht, soweit selbe sie nutzbar machen, also zu Gebrauchswerten.“ (ebenda S. 51)


    „Sieht man nun vom Gebrauchswert der Warenkörper ab, so bleibt ihnen nur noch eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten.“ (ebenda S. 52)


    und kommt zu dem Ergebnis:


    „Betrachten wir nun das Residuum der Arbeitsprodukte. Es ist nichts von ihnen übriggeblieben als dieselbe gespenstige Gegenständlichkeit, eine bloße Gallerte unterschiedsloser menschlicher Arbeit, d.h. der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ohne Rücksicht auf die Form ihrer Verausgabung. Diese Dinge stellen nur noch dar, daß in ihrer Produktion menschliche Arbeitskraft verausgabt, menschliche Arbeit aufgehäuft ist. Als Kristalle dieser ihnen gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Substanz sind sie Werte – Warenwerte.“ (ebenda S. 52)

    Ich finde, dass diese Unterscheidung von Tauschwert und Wert ebenso klar wie einsichtig ist. Was unserem Vorstellungsvermögen solche Schwierigkeiten bereitet, ist die „gespenstige Gegenständlichkeit, eine bloße Gallerte unterschiedslos menschlicher Arbeit“ zu sein.


    Nachdem er die den Waren immanenten Werte als Kristalle einer „gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Substanz“ (unterschiedslos menschliche Arbeit) identifiziert hat, geht er den nächsten Schritt:


    „Es könnte scheinen, daß, wenn der Wert einer Ware durch das während ihrer Produktion verausgabte Arbeitsquantum bestimmt ist, je fauler oder ungeschickter ein Mann, desto wertvoller seine Ware, weil er desto mehr Zeit zu ihrer Verfertigung braucht. Die Arbeit jedoch, welche die Substanz der Werte bildet, ist gleiche menschliche Arbeit, Verausgabung derselben menschlichen Arbeitskraft. Die gesamte Arbeitskraft der Gesellschaft, die sich in den Werten der Warenwelt darstellt, gilt hier als eine und dieselbe menschliche Arbeitskraft, obgleich sie aus zahllosen individuellen Arbeitskräften besteht. Jede dieser individuellen Arbeitskräfte ist dieselbe menschliche Arbeitskraft wie die andere, soweit sie den Charakter einer gesellschaftlichen Durchschnitts-Arbeitskraft besitzt und als solche gesellschaliche Durchschnitts-Arbeitskraft wirkt, also in der Produktion einer Ware auch nur die im Durchschnitt notwendige oder gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit braucht. Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist Arbeitszeit, erheischt, um irgendeinen Gebrauchswert mit den vorhandenen gesellschaftlich-normalen Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität der Arbeit darzustellen.Nach der Einführung des Dampfwebstuhls in England z.B. genügte vielleicht halb so viel Arbeit als vorher, um ein gegebenes Quantum Garn in Gewebe zu verwandeln. Der englische Handweber brauchte zu dieser Verwandlung in der Tat nach wie vor dieselbe Arbeitszeit, aber das Produkt seiner individuellen Arbeitsstunde stellte jetzt nur noch eine halbe gesellschaftliche Arbeitsstunde dar und fiel daher auf die Hälfte seines frühern Werts.….Es ist also nur das Quantum gesellschaftlich notwendiger Arbeit oder die zur Herstellung eines Gebrauchswerts gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, welche seine Wertgröße bestimmt. Die einzelne Ware gilt hier überhaupt als Durchschnittsexemplar ihrer Art.“ (Ebenda S. 53, 54)


    Damit hat er nach der Wertsubstanz bestimmt, was die Wertgröße ausmacht. Bleibt noch die Entwicklung der Wertform, die dem „gesunden Menschenverstand“ ebenfalls viel Kopfzerbrechen bereitet. Die Überschrift des Abschnittes über die Wertform heißt: „Die Wertform oder der Tauschwert“.
    Der Tauschwert der Waren wird jetzt also nicht mehr betrachtet als quantitatives Austauschverhältnis, in der er zunächst erscheint, sondern als bloße Form des Wertes. Marx entwickelt darin Schritt für Schritt die Wertform von der einfachen Wertform bis hin zur Geldform.


    „Wir gingen in der Tat vom Tauschwert oder Austauschverhältnis der Waren aus, um ihrem darin versteckten Wert auf die Spur zu kommen. Wir müssen jetzt zu dieser Erscheinungsform des Wertes zurückkehren.“ ebenda S. 62


    Im Gegensatz zu manch modernen Interpretationen sind für Marx Waren etwas „Doppeltes“, nämlich „Gebrauchsgegenstände und zugleich Werttäger“ und besitzen schon als Waren „Wertform“, nämlich in der einfachen Wertform.


    Sie erscheinen daher nur als Waren oder besitzen nur die Form von Waren, sofern sie Doppelform besitzen, Naturalform und Wertform.“ (ebenda S.62)


    Um Unterschied zu manch moderner Interpretation spricht Marx in diesem Zusammenhang ausdrücklich von der „Wertgegenständlichkeit der Waren“:


    „Im graden Gegenteil zur sinnlich groben Gegenständlichkeit der Warenkörper geht kein Atom Naturstoff in ihre Wertgegenständlichkeit ein. Man mag daher eine einzelne Ware drehen und wenden, wie man will, sie bleibt unfaßbar als Wertding. Erinnern wir uns jedoch, daß die Waren nur Wertgegenständlichkeit besitzen, sofern sie Ausdrücke derselben gesellschaftlichen Einheit, menschlicher Arbeit, sind, daß ihre Wertgegenständlichkeit also rein gesellschaftlich ist, so versteht sich auch von selbst, daß sie nur im gesellschaftlichen Verhältnis von Ware zu Ware erscheinen kann.“ (Ebenda S. 62)


    Daraus, das die Wertgegenständlichkeit der einzelnen Ware nicht an ihr selbst erscheinen kann, machen nun manche Leute, dass die einzelnen Waren gar keine Wertgegenständlichkeit besäßen, keine Träger von Wert seien. Die sei erst vorhanden mit der höchsten Entwicklung der Wertform, dem Geld. Im Gegensatz zu Marx spielt die einfache Wertform, die sich ausdrückt im Verhältnis einer Ware zu einer anderen, darin keine große Rolle. Für Marx jedoch bestand gerade in der Analyse der einfachen Wertform, das zu lüftende Geheimnis:


    „Das Gemeimnis aller Wertform steckt in dieser einfachen Wertform. Ihre Analyse bietet daher die eigentliche Schwierigkeit.“ (ebenda S. 63)


    Worin also besteht diese einfache Wertform:


    „Es spielen hier zwei verschiedenartige Waren A und B, in unsrem Beispiel Leinwand und Rock, offenbar zwei verschiedene Rollen. Die Leinwand drückt ihren Wert aus im Rock, der Rock dient zum Material dieses Wertausdrucks. Die erste Ware spielt eine aktive, die zweite eine passive Rolle. Der Wert derersten: Ware ist als relativer Wert dargestellt, oder sie befindet sich in relativer Wertform. Die zweite Ware funktioniert als Äquivalent oder befindet sich in Äquivalentform.“ (ebenda S. 63)


    In der einfachen Wertform drückt also eine einzelne Ware (zufälllig) den Wert einer anderen aus. Eine einzelne Ware ist in diesem Verhältnis „Wertform“. Es ist diese Äquivalentform, deren Entwicklung zu einem allgemeinen Äquivalent und schließlich zum Geld führt. Mit seiner Geldanalyse ist für Marx die Wertformanalyse dann abgeschlossen.
    Ich will die logischen Entwicklung von Marx nicht im einzelnen darstellen, sondern hier nur noch einmal erwähnen, dass es mittlerweile viele Bücher von Marxisten über dieses Thema gibt, die neuerdings aber nicht den Marxschen Ansatz weiter verfolgen, sondern schnurstracks von im weg führen, etwa in Gestalt der „monetären Werttheorie“ von M. Heinrich. Vieles, was da entwickelt wird, erscheint mir als bloße Begriffsakrobatik im Wissenschaftsbetrieb.


    Abschließend:
    Was Marx in seinen Abschnitten über „Ware und Geld“ entwickelt hat, ist die Grundlegung seiner Kapitalkritik, der von ihm in der Darstellung gewählte Ansatz. Was da geschrieben steht, erklärt uns nicht, wie das konkret funktioniert in der kapitalistischen Ökonomie. Es ist nur der erste Schritt, der Einstieg in die Kritik des Kapitals. Z. B.: In einer kapitalistischen Ökonomie wird nicht Ware gegen Ware getauscht, sondern Ware gegen Geld. Wie das Wertgesetz sich durchsetzt, das Hauptanliegen von Marx, wird erst schlüssig entwickelt und verständlich im Rahmen der Gesamtarbeit, die in Kapital Bd. 1 bis 3 steckt. Wer also in der marxschen Theorie und in der Wirklichkeit danach sucht, in welchem Verhältnis sich Ware gegen Ware tauscht, wird nicht fündig werden. Er oder sie hat Marx missverstanden und mehr noch das, was in der kapitalistischen Wirklichkeit vorgeht. Man sollte jedenfalls nicht erwarten, dass in den ersten Abschnitten des Kapital uns präsentiert wird, wie kapitalistische Ökonomie funktioniert.


    Robert

    Hallo Kim,
    weil ich mich mit den Kreisläufen von industriellem und fiktiven Kapital momentan recht intensiv beschäftige, hier noch eine kurze Anmerkung.


    In Kapital Bd. 2 schreibt Marx (Abschnitt: Kreislauf des produktiven Kapitals)
    „Was die andren Formen betrifft, wo dies latente Geldkapital in der Zwischenzeit selbst in Gestalt von Geld heckendem Geld existiert, z.B. als zinstragendes Depositum in einer Bank, in Wechseln oder Wertpapieren irgendeiner Art, so gehören sie nicht hierher. Der in Geld realisierte Mehrwert verrichtet dann besondre Kapitalfunktionen außerhalb des Kreislaufs des industriellen Kapitals, dem er entsprungen; Funktionen, die erstens mit jenem Kreislauf als solchem nichts zu tun haben, zweitens aber von den Funktionen des industriellen Kapitals unterschiedne Kapitalfunktionen unterstellen, die hier noch nicht entwickelt sind.“ Mew 24, S. 89


    Wertpapiere sind vom Standpunkt des industriellen Kapitals also „latentes Geldkapital“. Im Kapital Bd. 2 behandelt Marx zwar die besondren Funktionen dieses fiktiven Kapitals nicht, aber soviel sollte aus dem gesagten deutlich werden:
    Analog zu den Metamorphosen des industriellen Kapitals, das abwechselnd die Formen des produktiven Kapitals, des Warenkapitals und des Geldkapitals annimmt, macht auch das fiktive Kapital seine Metamorphosen durch; es nimmt abwechselnd die Form von Wertpapieren und Geld an. Als Wertpapier ist es "gebunden" und bleibt auf jeden Fall in der Sphäre des fiktiven Kapitals. In der Form des Geldes aber kann es jederzeit wieder den Kreislauf eines industriellen Kapitals eröffnen, wie umgekehrt der in Geld realisierte Mehrwert des industriellen Kapitals in Wertpapieren angelegt werden kann, also in die Sphäre des fiktiven Kapitals wechseln kann. Die Form des Geldes macht es möglich. In dieser Form stehen dem Kapital sozusagen grundsätzlich alle Möglichkeiten offen.


    Welche Kapitalfunktion erfüllen die Wertpapiere? In dieser Form soll aus Geld mehr Geld werden, ohne Produktion, ohne Verwandlung in die Warenform (Produktionsmittel, Arbeitskraft)! Die dazu erforderlichen Wertveränderungen der Wertpapiere werden durch Angebot und Nachfrage auf den Märkten für Wertpapiere – der Sphäre des fiktiven Kapitals – hervorgerufen.


    Was nun den Wechsel zwischen der Sphäre des fiktiven Kapitals und des industriellen Kapitals („Realwirtschaft“) anbetrifft, so hängt der Weg des Geldes (Anlage) ab von der Rentabilität, den "Verwertungsbedingungen" (in der Sphäre des fiktiven Kapitals findet ja keine wirkliche Verwertung von Wert statt, weil hier keinerlei Wert erzeugt wird), in der jeweiligen Sphäre.
    In deinen bisherigen Ausführungen hast du den Schwerpunkt der Argumentation darauf gelegt, dass du zeigst, auf Grund welcher Verwertungsbedingungen das Anlage suchende Geld aktuell in der Sphäre des fiktiven Kapitals bleibt und bleiben muss. Ich habe betont, dass die Wertpapiere „latentes Geldkapital“ bleiben und sich damit die Möglichkeit eröffnet, wieder in den Kreislauf des industriellen Kapitals zu wechseln.
    Meiner Meinung nach schließen sich die beiden Argumentationen wechselseitig nicht aus. Beides gilt es zu berücksichtigen und konkret zu untersuchen.
    Als Geld - in der Form des Geldes - kann das Kapital jedenfalls zwischen den Kreisläufen ("Sphären") des industriellen Kapitals und denen des fiktiven Kapitals wechseln und man kann die Frage, ob es das tatsächlich tut nur konkret beantworten.


    Ich hoffe, ich konnte meine Gedanken in der nötigen Kürze einigermaßen klar machen.


    Viele Grüße
    Robert

    Meine Erwiderung geht (ich wiederhole es) dahin, dass die bestehende industrielle Produktionsweise in eine ökologische Katastrophe führt (da sind mindestens die Korrekturen mit Blick auf AgrarINDUSTRIE LebensmittelINDUSTRIE Chemie (im allgemeinsten Sinne, also auch Bergbau- und Hütten-, Erdöl-verarbeitende) INDUSTRIE EnergieINDUSTRIE TransportINDUSTRIE und Verwendung von deren Produkten in anderen INDUSTRIEbranchen fällig, die ich angedeutet habe; die Gründe dafür sind nicht politischer sondern TECHNISCH-WISSENSCHAFTLICHER Natur.) Des weiteren ist diese Produktionsweise immer noch arbeitsaufwendig in einem Mass, die die emanzipatorische Selbstorgansiation (und vor allem Auseinandersetzung ihrer als Minderheit mit ihrer andersgearteten Umgebung) der Produzenten unmöglich macht. Viele "Bedürfnisse" in einer Industriegesellschaft sind Notwendigkeiten zur Kompensation von Schäden und/oder Meisterung von Herausforderungen (Transport, Energie-Aufwendigkeit)), die aus der (marktwirtschaftlich noch zugespitzten, aber prinzpiell nur in relativ engen Grenzen "verbesserbaren") industriellen Produktionsweise selbst herrühren: Immer mehr Technik wird nötig, um Technikfolgen zu eliminieren. Die technisch definierten Notwendigkeiten der Industrieproduktion widersprechen elementaren Bedürfnissen nach einer menschengemässen Lebensführung, sie schreiben zugunsten einer angeblich Konsum-begünstigenden Produktivität extrem vereinseitigte Arbeitsformen fest - was sich die Leute an Konsum dabei schenken, haben sie sich - meist im Übermass - vorher durch bedürfnis-ignorierende Produktionsweisen genommen. Das industrielle Elend setzt sich dann in die sog. Freizeit fort - dort darf ja dann wieder nichts "ernstzunehmendes" stattfinden, weil alles wirklich Ernsthafte weil Produktive bekanntlich Selbstverleugnung und Verausgabung bedeutet.

    Hallo Franziska,
    meiner Meinung nach gibt es ja jetzt schon ein Vielzahl ökologischer Katastrophen. Damit meine ich nicht nur Unfälle, die schon allgemein als Katastrophen wahrgenommen werden (Atomkraftwerke, Öltanker, Chemieunfälle etc.) sondern auch die Folgen der „normalen“ ökonomischen Entwicklung. Es gibt also keinen großen Widerspruch zwischen uns, was das Bedrohungspotential der bestehenden industriellen Produktion anbetrifft.
    Wie mir scheint, gibt es 2 wichtige Widersprüche zwischen uns:
    1. Im Unterschied zu dir gehe ich davon aus, dass die Umwälzung der bestehenden industriellen Produktion eine soziale Revolution voraussetzt, die Enteignung und Aneignung bedeutet. Nur dann werden jene "Korrekturen" möglich, die du "mindestens" verlangst. Ich glaube weder, dass die bestehende industrielle Produktion in Summe einfach „abgeschaltet“ werden kann, wie jetzt AKWs abgeschaltet werden, noch dass in Summe alternative Produktionsweisen sich neben der bestehenden industriellen Produktion im Kapitalismus etabliereren und durchsetzen lassen (etwa vergleichbar der Energiegewinnung aus Windkraft, Sonneneinstrahlung etc., die jetzt in Deutschland die Atomenergie verdrängt). Selbst das Beispiel der „Energiewende“ zeigt, dass diese nicht möglich war, ohne zähen und energischen Widerstand und eine politische Bewegung mit breiter gesellschaftlicher Unterstützung! Den neuen „Königsweg“ des „Seiteneinstiegs“ (Joscha Schmierer zu Beginn der 1980iger Jahre) halte ich für eine Illusion!
    2. Du zählst da eine ganze Palette von Industrien auf, deren Produktion unter ökologischen Gesichtspunkten verheerend und deren Produkte eigentlich überflüssig seien. Mit so einem allgemeinen Rundumschlag bin ich nicht einverstanden! Da muss die Auseinandersetzung konkreter werden. In Auseinandersetzungen vermisse ich oft die notwendigen „technischen-wissenschaftlichen“ Kenntnisse (und welche wären das? auch die „technisch-wissenschaftlichen“ Erkenntnisse sind umstritten! Ein allgemeiner Bezug darauf ist wenig hilfreich!) von denen du da sprichst. In den 1980iger Jahren habe ich mich intensiv mit Mumford, Ullrich etc. auseinandergesetzt (Ergebnis war eine kleine Broschüre unter dem Titel „Arbeit, Automation und soziale Emanzipation“). Die Kritik, die da am „Industriesystem“ geführt wurde, halte ich jedenfalls über weite Strecken für falsch und sie weist konsequent den Weg zurück in eine (idealisierte) handwerkliche Produktionsweise. Auch du siehst - wie die genannten Autoren - offenbar das Grundübel in der industriellen Produktion und nicht in den Produktionsverhältnissen. Gleichgültigkeit, Rücksichtslosigkeit gegenüber Mensch und Natur ist aber vor allem ein soziales und kein technisches Problem! Eine soziales Problem, dass in Entwicklung und Anwendung bestimmter Technik allerdings einen seiner Ausdrücke findet. Auch die Industrie ist von Menschen gemacht ... unter ganz bestimmten gesellschaftlichen Voraussetzungen, bestimmten Verhältnissen, die die Menschen bei der Reproduktion ihres Lebens eingehen.
    Du erwähnst da auch die „Hüttenindustrie“ und das betrifft die gesamte Metallverarbeitung und deren Produkte, in der ich mich einigermaßen auskenne. Das wäre so ein Beispiel, dass wir konkret diskutieren könnten. Da ich aus der Vergangenheit weiß, dass manche „Alternativen“ zum "Industriesystem" glatt auf den Verzicht von Stahlerzeugung hinauslaufen, würde ich von dir gern wissen, wie du dir welche Veränderungen vorstellst … mit welchen Konsequenzen.


    Soweit, so kurz.


    Viele Grüße
    Robert


    p.s.: Du sprichst von „Bedürfnissen“ die nur der Kompensation dienen, um das alles aushalten und mitmachen zu können. Die kompensatorische Wirkung gilt aber für jede erfolgreiche Bedürnisbefriedigung im Kapitalismus, auch jener Bedürfnisse, die auch im Kommunismus befriedigt sein wollen!!
    Wenn Menschen im Kapitalismus erfolgreich ihr Bedürnis z.B. nach Nahrung oder Wohnung befriedigen können, dann hat das eine „kompensatorische Wirkung“. Will sagen, diese Menschen sind eher bereit, das System der Lohnarbeit, das fremde Kommando über ihre Arbeitskraft, die enormen Belastungen in dieser fremdbestimmten Arbeit etc. - mit einem Wort: die Produktionsverhältnisse - zu akzeptieren. Solange das einigermaßen funktioniert, sind sie auch eher bereit das Risiko zu tragen, etwa die Wohnung in der Krise zu verlieren usw. Solange das für die große Masse der Lohnabhängigen einigermaßen funktioniert, sind sozialrevolutionäre, kommunistische Bestrebungen auf Minderheiten beschränkt, die ihre Kraft vor allem aus radikaler theoretischer Kritik ziehen (dabei ist es zunächst unerheblich, ob diese theoretische Kritik richtig oder falsch ist. "Papier ist geduldig!" Die bunte Vielfalt solcher Kritiken heute zeugt aber von der geringen Überzeugungskraft, die von den verschiedenen Ansätzen ausgeht.)
    Der "große Aufbruch" der Arbeiterbewegung in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts - die Stärke kommunistischer Tendenzen in einer sich stürmisch entwickelnden Arbeiterbewegung - hat eben ihre gesellschaftliche Grundlage in Zuständen, wie sie Engels etwa in der "Lage der arbeitenden Klasse in England" oder Marx in Kapital Bd. 1 beschrieben haben (Wenn du das nochmals liest - was ich gerade wieder mache -, wirst du feststellen, dass Mangel an so ziemlich allem die Situation prägte). Einer kompensatorische Wirkung erfolgreicher Bedürfnisbefriedigung (Wohnung, Ernährung etc.) fehlte damals so ziemlich jede Grundlage. Daraus schlussfolgere ich keinen Automatismus eines neuen "großen Aufbruchs", wenn die Arbeits- und Lebensverhältnisse für LohnarbeiterInnen heute immer bedrückender werden. Aber eine solche "Präkarisierung" dieser Verhältnisse ist eine notwendige objektive Bedingung für einen neuen Aufbruch. Von der subjektiven Seite muss eine überzeugende Kritik und Programmatik hinzukommen ... und darum ist es nicht gut bestellt.)
    Die Kompensation hängt also weniger an der Art des Bedürfnisses, sondern vielmehr an der Frage, ob das Bedürfnis erfolgreich befriedigt werden kann oder nicht. Im Kapitalismus wirkt ein gutes Essen oder eine nette Wohnung genauso kompensatorisch wie exzessive Besäufnisse etc. So sehe ich das jedenfalls mit meinem naiven Materialismus.

    Hallo Kim,
    du schreibst:


    "Die Variante direkt ein ganzes Unternehmen zu kaufen und wieder zu verkaufen, ist nur eine Spielart dieses Prinzips der Geldvermehrung, denn die Finanzkapitalisten sind nur an dem Prozess G – G’ interessiert, die Geldvermehrung über den Produktionsprozess selbst, interessiert sie, wie im Normalfall, nicht im geringsten."


    Das sehe ich nun ganz und gar nicht so! Mindestens schöpfen jene Hedgefonds, die sich ihren Kaufpreis für das Unternehmen aus den laufenden Profiten des Unternehmens zurückerstatten lassen, direkt Mehrwert ab. (Sie halten diese Unternehmen ja schon eine ganze Weile. Beispiele bringe ich jetzt mal nicht.) Dieser Teil des Hedgefond-Kapitals ist zweifellos nicht "fiktiv". Ich werde darauf aber jetzt nicht weiter eingehen und breche hier erstmal ab. Trotzdem danke für deine Einwände, weil sie mir helfen, meine Untersuchung zu dem Thema gezielter weiter zu betreiben und meine Ausgangsüberlegung zu überprüfen.


    Viele Grüße
    Robert

    Der Mangel an Kapital ist dabei im Augenblick NICHT der entscheidend limitierende Faktor, im Gegenteil, ich deute ja ständig an, dass nach meiner Erfahrung die Bereitschaft (gerade auch unter älteren Linken, für die "Revolution" nicht der einzige Punkt auf der Tagesordnung ist) sogar erfreulich gross ist, in zukunftsweisende Projekte mit Schenkungen zu "investieren" - wenn da welche wären.

    Hallo Franziska,
    wahrscheinlich gibt es da ein Missverständnis zwischen uns. Wenn ich von selbstverwaltet-genossenschaftlichen Experimenten spreche, dann meine ich damit weniger die Gründung kleiner Alternativbetriebe als die Aneignung bestehender Betriebe durch die lohnabhängige Belegschaft, wenn diese stillgelegt werden. Um ein Beispiel zu bringen:
    Als in der Krise zu Beginn der 1980iger Jahre in Bochum und Hattingen eine Firma der Metallverarbeitung (Gesenkschmiede, Fertigung von Flanschen) dicht machte, für die ich als Maschinenschlosser arbeitete, wurde die Firma besetzt und es gab in Belegschaft und IGM Diskussionen über eine Weiterführung der Produktion "in eigener Regie". Die IGM ersann eine "Belegschaftsmodell", dass dann auch mit den Banken verhandelt wurde. Die Banken verweigerten eine Unterstützung und damit war die Sache gestorben.
    Die Produktionsmittel der Firma bestanden vor allem aus riesigen Schmiedehämmern, Bohr- und Drehautomaten. Mögen Linke auch noch so "investitionsfreudig" (Schenkungen) sein, sie dürften weder in der Lage sein solche Maschinen zu kaufen, noch die Kreditlinien für das laufende Geschäft eines solchen Betriebes sicher zu stellen. Aus meiner Sicht geht es aber wesentlich um die Aneignung und Veränderung der bestehenden industriellen Produktion, wenn man den Kapitalismus überwinden will. Ich glaube nicht an die Möglichkeit/Perspektive einer breiten gesellschaftlichen Bewegung zur Gründung von Alternativbetrieben neben der industriellen Produktion. Ich bin überzeugt von Möglichkeit und Notwendigkeit einer breiten gesellschaftlichen Bewegung von Lohnabhängigen, die Aneignung bestehender Betriebe bezweckt. Die kann sich meiner Meinung nur entwickeln in einer tiefen ökonomischen Krise, wenn massenhaft Betriebe stillgelegt werden. Als einzelne Experimente sind solche selbstverwaltet-genossenschaftlichen Betriebe aber auch schon vorher möglich. Pleiten gibt es ja genug.
    Einigermaßen überlebensfähig sind sie aber nur, bei entsprechender gesellschaftlicher Unterstützung, wie ich sie in meinem vorigen Beitrag kurz angesprochen habe. Damit sowas aber überhaupt passieren kann, muss es natürlich zu entsprechenden Diskussionen unter den Lohnabhängigen kommen, muss in der selbstverwaltet-genossenschaftlichen Produktion eine emanzipatorische Perspektive erkannt werden. ... und wer sollte solche Diskussionen anregen und fördern, wenn nicht die KommunistInnen?
    Meine Vorstellungen und Erwartung sind also auf der einen Seite sehr viel bescheidener als deine (was da tatsächlich als Veränderung erstmal möglich ist) und auf der anderen Seite gehen sie weit über das hinaus, was dir offenbar vorschwebt (gesellschaftliche Unterstützung und Bewegung).


    Viele Grüße
    Robert

    Aber im fiktiven Bereich bleibt Geldvermehrung immer fiktiv, denn es wird ja kein Wert bzw. Mehrwert erzeugt und mit dem vermehrten Geld werden im allgemeinen keine Fabriken gebaut, sondern es wird wieder in Schuldpapieren angelegt.


    Hallo Kim,
    ich kann nur betonen, dass ich im Grundsatz mit dir übereinstimme! Aber eine Frage möchte ich dir (mangels hinreichender Untersuchung und hinreichenden Materials) noch stellen: wie siehst du das denn mit den Hedgefonds, die sich als "Heuschrecken" betätigen, Unternehmen aufkaufen, sie "filetieren" damit die Profitrate steigt und anschließend wieder verhökern?? Ist das nicht ein solche Schnittstelle zwischen fiktivem Kapital und wirklichem Kapital???


    Viele Grüße
    Robert

    Hallo Mattis,
    ich bilde mir ein, keine Rosinen im Kopf zu haben, über die Möglichkeiten selbstverwalteter, genossenschaftlicher Experimente in einer kapitalistischen Gesellschaft. Sie stoßen auf jeden Fall an objektive und subjektive Schranken. Der „Mangel an Kapital“, den du ansprichst zählt aus meiner Sicht zu den objektiven Schranken. Die subjektiven Schranken bestehen in allem, was die Personen, die an solchen Experimenten teilnahmen, so an erlernten Verhaltensweisen/Gewohnheiten und Einstellungen mitbringen.
    Aus meiner Sicht können sich selbstverwaltete, genossenschaftliche Experimente nur solange und insofern halten, als sie gesellschaftliche Unterstützung erfahren. Was heißt das im Kapitalismus, in dem solche Projekte kaufen und verkaufen müssen? Es muss eine oder mehrere Banken geben, die solche Projekte bewusst fördern und unterstützen! Es muss „kaufkräftige Nachfrage“, also Konsumenten geben, die bewusst Produkte von solchen selbstverwalteten, genossenschaftlichen Unternehmungen kaufen. Es muss also eine gesellschaftlichen Bewegung geben, die solche Bestrebungen unterstützt.
    Als Beispiel bringe ich mal die alternativ-ökologische Bewegung und Produktion. Sie konnte sich nur etablieren, weil eine wachsende Zahl von Menschen eine Bedürfnis nach ökologisch produzierten Waren entwickelte. Das sicherte den Betrieben das Überleben, gestützt auf die Bewegung und die von ihr getragene kaufkräftige Nachfrage. Auf dieser Basis entwickelten sich auch Banken, die sowas bewusst förderten. Die Entwicklung zeigt auch, dass auf diese Weise das Industriekapital die Chancen des Marktes für ökologische Produktion erkannte und sich allmählich „der Sache annahm“, mit den bekannten Konsequenzen. Der Fortschritt, den die Produktion unter Berücksichtigung ökologischer Erkenntnisse bedeutet, stelle ich trotzdem nicht in Frage!


    Aus meiner Sicht haben selbstverwaltete, genossenschaftliche Experimente nur dann eine Perspektive, wenn sie sich auf eine vergleichbare „Konsumentenbewegung“ stützen können, die bewusst Produkte/Waren aus solchen Betrieben kauft … in den Grenzen ihrer Möglichkeiten auch dann, wenn sie teurer sind. Es müsste dann, ein dem „Bio“ vergleichbares Qualitätssiegel geben: in selbstverwalteten Betrieben produziert! Nur auf der Basis eines ökonomischen Markterfolgs hätten die Selbstverwaltungsexperimente den Raum, sich zu entwickeln (hierarchisch-festgefügte innerbetriebliche Arbeitsteilung überwinden etc.)
    Soweit mir bekannt hält sich Zanon in Argentinien nur gestützt auf eine solche gesellschaftlich-politische Unterstützung. Und ähnliches gilt auch für die große Kooperative Cecosesola in Venezuela. Im Fall Cecosesola ist ebenfalls von Bedeutung, dass dieses Projekt in einer Situation existentieller Bedrohung durch den Staat finanzielle Unterstützung erhielt.


    Etwas unterscheidet natürlich ökologische Produktion von selbstverwalteter, genossenschaftlicher Produktion: erstere zielt nur auf das „alternative Produkt“ letztere zielt auf andere Produktionsverhältnisse! Gäbe es also eine „Konsumentenbewegung“, die nach Produkten, die selbstverwaltet-genossenschaftliche produziert werden, verlangt, dann wäre das eben mehr als eine „Konsumentenbewegung“! Eine solche Bewegung kann überhaupt nur entstehen, wenn die Menschen nach selbstverwalt-genossenschaftlicher Produktion verlangen. Dass es keine solche Bewegung in genügender Breite gibt, hängt auch damit zusammen, dass große Teile der linksradikalen Bewegung in der selbstverwalteten, genossenschaftlichen Produktion kein Projekt sozialer Emanzipation sehen, sich lieber um Fragen der politischen Revolution streiten und am Aufbau einer bolschewistischen Partei oder vergleichbarer Kaderorganisationen abarbeiten.
    Der von dir verlangte „bewusste Prozess der Verarbeitung gemachter Erfahrungen“ findet leider sehr wenig statt. Darin gebe ich dir recht! Aber dem verweigern sich gerade auch die Kritiker selbstverwaltet-genossenschaftlicher Betriebe, die unbeirrt dem Weg der III. Internationalen folgen. Neben der Frage, ob wir es verstehen aus gemachten Erfahrungen zu lernen, bleibt die Frage, ob wir soziale Emanzipation grundsätzlich mit dem „Ideal“ selbstverwaltet-genossenschafllicher Produktion verbinden oder nicht, entscheidend. Von diesem „Ideal“ sollten KommunistInnen nicht lassen, auch wenn sie sich dabei blaue Flecken einhandeln.


    Grüße
    Robert

    Das überflüssige Geld von dem ich, und ich denke auch Wal, spreche, ist von diesem Prozess abgetrennt. Es sucht aber findet keine produktiven Anlagemöglichkeiten mehr und führt deshalb neben dem gesellschaftlichen normalen Reproduktionsprozess (Realwirtschaft) ein Eigenleben auf den Kapital- und Finanzmärkten. Es sind die Billionen, die sich in Händen von Banken, Fonds, Versicherungen, Gläubigerstaaten und einzelnen Großinvestoren angesammelt haben. Diese Geld repräsentiert sich als fiktives Kapital, dessen Zahlungsversprechen sich nicht einlösen lassen, weil über den normalen Reproduktionsprozess die versprochenen Werte (W’, G’) nicht eingelöst werden können. Dieses Geld bewegt sich also immer nur in der fiktiven Sphäre und richtet (anders als die Kritiker des „Finanzkapitalismus“ meinen) solange keinen Schaden an, solange es sich durch die Notenpresse und Kurssteigerungen munter vermehrt.

    Hallo Kim,
    sofern es hier einen Widerspruch gibt, besteht er darin, dass ich nicht von dieser grundsätzlichen Trennung ausgehe. Ich glaube nicht, dass das Geld, von dem du hier sprichst "immer nur in der fiktiven Sphäre" verbleibt. Werden Wertpapiere verkauft, dann kann das Geld auch wieder für Investition in industrielle Produktion verwendet werden. Voraussetzung natürlich: rentable Anlagemöglichkeit. Dass es um die in den hochentwickelten alten Zentren der Kapitalakkumulation nicht zum besten bestellt ist, ist klar. Der Finanzmarkt ist aber international organisiert und international gibt es durchaus rentierliche Ziele für Investitionen in industrielle Produktion (China etc.) Ein Teil des aufgehäuften Geldes verbleibt aber zweifellos "in der fiktiven Späre", weil auch die sich stürmisch entwickelnden kapitalistischen Länder der "Peripherie" diese riesigen Summen nicht aufnehmen können.
    Das ist jetzt erstmal so eine grobe Überlegung und ich habe nicht genügend empirischen Material, um das belegen zu können.


    Ich möchte hier aber noch ein paar erklärende Bemerkungen machen, die mich überhaupt zu meinen Überlegungen führen. Es nervt mich kollosal, wenn die Kritik am Kapital auf eine Kritik am "Casinokapitalismus" reduziert wird. Da wird ständig so getan, als würde die gigantische Aufhäufung von Geld, dass als Kapital fungieren soll, nur noch zum Zweck der "Zockerei" passieren. Spekulation und sonst nichts. Folgerung ist dann: her mit dem Geld für Investition und Konsum! (Natürlich in der "richtigen" Nationalökonomie, also hier erstmal in Deutschland.) Dann würde schon alles in Ordnung gehen. Dabei wird ja vergessen, dass die Anhäufung dieses Geldes selbst ein Produkt der Investition/Akkumulation und der daraus resultierenden sinkenden Profitraten ist. Dabei wird auch übersehen, dass diese Anhäufung von Geld notwendig ist für erweiterte Reproduktion von Kapital, dass das eine Funktion hat innerhalb des Systems etc.. Ich habe versucht, 2 dieser Funktionen kurz zu benennen (Überwindung der Störungen im Reproduktionsprozess abwarten können, Geld für die Industrialisierung ganzer Länder und Regionen anhäufen). Damit wollte ich nicht sagen, dass "die rein fiktive Späre" nicht existiert oder keinerlei Bedeutung hätte. Wenn dieser Eindruck entstanden ist, dann nehme ich das zurück und schwöre auf das Gegenteil! :S
    Mir geht es also darum, die Kritik an der "Zockerei" etwas zu "ergänzen", sie einzuordnen, einzubinden in eine ebenso verständige wie radikale Kritik am Kapital. :S Darüber hinaus sind das Überlegungen, die in meinem Buchprojekt eine Rolle spielen. Und da Wal mich ausdrücklich aufgefordert hat, solche Überlegungen hier zur Diskussion zu stellen, mach ich das ab und zu einfach mal. Mal sehen, was Wal dazu meint, wenn er wieder richtig einsteigt.


    Viele Grüße
    Robert

    Die Süddeutsche schreibt:


    "Die Bedeutung von Steueroasen lässt
    sich an drei Beispielen gut erklären: Das Land, aus dem das meiste
    Kapital nach China fließt, ist die Steueroase Britische
    Jungferninseln. Indiens größter Geschäftspartner ist: der
    Inselstaat Mauritius. Und Deutschlands größter Investor? Viele
    Jahre die Schweiz."


    http://www.sueddeutsche.de/wir…ren-steueroasen-1.1640744


    Es wird ja allenthalben beklagt, dass das überschießende Geldkapital "unproduktiv" in "Steueroasen" geparkt würde und es der viel gepriesenen, uns allen gleichermaßen dienenden "Realwirtschaft" entzogen würde. Ganz so einfach ist die Sache aber offensichtlich nicht, wenn z.B. von den Britischen Jungferninseln (!!!) das meiste ausländische Kapital in die chinesische Wirtschaft fließt ....
    Kapital ist nur nicht halb so national, wie manche eifrigen Sozialreformer es sich wünschen.


    Viele Grüße
    Robert

    Bei Wikipedia steht:
    "Seitdem haben sowohl sozialdemokratische und sozialistische als auch
    kommunistische Gruppen, Parteien und Regierungen den Begriff
    „Demokratischer Sozialismus“ für unterschiedliche Politik beansprucht.
    Er wird in der SPD seit 1959 mit der sozialen Marktwirtschaft verbunden.[5] Er wurde seit etwa 1970 im Reformkommunismus Osteuropas, im Eurokommunismus Westeuropas, in manchen Staaten Lateinamerikas sowie 1989 von Teilen der DDR-Opposition verwendet. Dort wurde er zuweilen auch als „Dritter Weg“ zwischen Kapitalismus und Staatskommunismus bzw. „real existierendem Sozialismus“ bezeichnet."


    Offensichtlich ein besonders weites Feld, dass zumeist "sozialen" Kapitalismus meint. "Dritte Wege" wurden auch schon allerhand ersonnen. Literatur zu all diesen Varianten von "demokratischen Sozialismus" gibt es in Summe unendlich, sowohl zur Begründung als auch zur Kritik. Empfehlen kann ich dir nix, bzw. die Liste würde zu lang, wenn ich allein an kritische Literatur zur SPD und zur "sozialen Marktwirtschaft" denke.
    Vielleicht helfen dir ja andere weiter.
    Bis dahin
    Robert


    p.s. Das mit dem Unterschied zwischen Sozialismus und Kommunismus kann man so sehen wie du. Ich seh das etwas anders, aber möchte jetzt keine längere Diskussion darüber beginnen.

    Hallo Leser,
    was neuere Literatur anbetrifft, so kennen sich da möglicherweise andere Leute hier aus. Meine Lektüre solcher Texte liegt schon eine Weil zurück. Mit einigem Gewinn habe ich folgendes gelesen:
    "Vorläufer des modernen Sozialismus" von Karl Kautsky
    "Sozialrebellen" (Archaische Bewegungen im 19. und 20. Jahrhundert) von Eric Hobsbawn
    "Vormarxistischer Sozialismus" von Manfred Hahn (Herausgeber) / ein kleiner Sammelband von Texten


    Zum Thema "Demokratischer Sozialismus" kann ich dir keine Texte angeben. Ehrlich gesagt weiß ich hier wieder nicht, was du da meinst????? Alles mögliche nennt sich "Demokratischer Sozialismus".


    Grüße
    Robert

    Hallo Wal, hallo Kim,
    ich würde gern noch etwas ergänzen und euch fragen, ob ihr das genauso seht.


    Zitat Wal:

    Diese Einheit von Zirkulation und Produktion ist in der gegenwärtigen Krise vor allem in den Kernländern des Kapitalismus gestört und unterbrochen. Das Geldkapital wächst und wächst, aber bleibt in der "Warteschleife" der Zirkulation ohne sich in Produktionskapital zu verwandeln. Die Warteschleifen werden immer länger und immer größer. Neuer Reichtum entsteht dadurch nicht. Alles Geld, was in der "Warteschleife" steckt, ist "unfruchtbar" und nur fiktives Kapital. Sofern an der Börse Gewinne gemacht werden, dann nur so viel, als andere Börsenteilnehmer Verlust machen.

    In Kapital Bd. 2, dem Abschnitt über „Die drei Figuren des Kreislaufprozesses“ der industriellen Kapitals schreibt Marx:


    "...je größer die Störungen, um so größres Geldkapital muß der industrielle Kapitalist besitzen, um die
    Ausgleichung abwarten zu können; und da im Fortgang der kapitalistischen Produktion sich die Stufenleiter jedes individuellen Produktionsprozesses, und mit ihm die Minimalgröße des vorzuschießenden Kapitals erweitert, so kommt jener Umstand zu den andren, die die Funktion des industriellen Kapitalisten mehr und mehr in ein Monopol großer Geldkapitalisten, vereinzelter oder assoziierter, verwandeln.“ (S. 111)

    Das „Ausschwitzen“, Anhäufen und „Parken“ von Geldkapital ist also auch ein Erfordernis, eine Notwendigkeit, damit das industrielle Kapital „abwarten“ kann, bis Störungen in seinem Reproduktionsprozess ausgeglichen werden. Der Prozess ist also nicht nur Ausdruck der Störung selbst, sondern zugleich Mittel, um „überwintern“ zu können. Das so als für die Kapitalreproduktion überflüssig erscheinenden Geld, erfüllt im Kapitalismus eine notwendige Funktion. Es „abzuschöpfen“, von oben nach unten umzuverteilen, würde es dem industriellen Kapital nicht möglich machen „abzuwarten“. Das wäre aus ökonomischer Sicht kein Programm zur Überwindung der Krise, sondern würde die Krise verschärfen.
    Dass „die Funktion des industriellen Kapitalisten mehr und mehr in ein Monopol großer Geldkapitalisten, vereinzelter oder assoziierter“ verwandelt wird, erscheint dann den Kritikern des „Finanzkapitalismus“ wieder als Bestätigung ihrer Herrschaftstheorie. Bei Marx bleibt das immer bestimmt und abhängig von der Verwertung und Erweiterten Reproduktion des industriellen Kapitals.


    Betrachtet man die Banken mit Marx als eine verselbständigte Funktion des Industriekapitals, die sie im Interesse der Reproduktion des Gesamtkapitals wahrnehmen, dann erfüllt ihre Anhäufung von Geld, dass als Kapital fungieren soll, auch die oben von Marx genannte Funktion. Für die Banken selbst stellt sich das so dar, dass sie Rücklagen bilden müssen, für den Ausfall von Krediten. Bei Störungen des Reproduktionsprozesses des industriellen Kapitals, die sich nicht zuletzt in einer steigenden Zahl von Pleiten ausdrücken – für die Banken bedeutet das jeweils Kreditausfall – müssen sie über genügend Reserven verfügen, um den Kreditausfall verkraften zu können und für den Konjunkturaufschwung gerüstet zu sein. Ihr eigenes „Überwintern“ liegt also im Interesse des Gesamtkapitals. Das größere Geldkapital, über das der industrielle (Gesamt-) Kapitalist verfügen muss, um die Ausgleichung abwarten zu können, liegt also tatsächlich in der Verfügung der Banken oder anderer "großer Geldkapitalisten".
    Wenn die Politik die Banken dazu drängt, größere Rücklagen für den Fall der Kreditausfälle zu bilden – worüber in den Wirtschaftsteilen der Presse berichtet wird – dann drückt sich darin das Interesse des Gesamtkapitals aus.


    Was das fiktive Kapital anbetrifft, so sehe ich seinen "Reproduktionsprozess" etwas widersprüchlicher. Wenn DowJones, Dax etc. kontinuierlich steigen, dann ist das Ausdruck einer allgemeinen Zunahme des Wertes der notierten Aktien. Ich sehe nicht, dass da immer wer verlieren muss, wenn in dieser Aufschwungphase der Börse Papiere gekauft und verkauft werden. Die Ausgleichung verläuft auch hier in einer zyklischen Bewegung von auf und ab. Der Verlust stellt sich ja vor allem dann ein, wenn die Börsenkurse einbrechen und er stellt sich für die Besitzer von Wertpapieren ein, die es versäumt haben, durch rechtzeitigen Verkauf „Gewinne mitzunehmen“. Die wiederkehrenden Börsencrashs zeigen auch, dass diese Entwertungsprozesse/Wertkorrekturen ganz unvermeidlich sind. Sie verlaufen teils unabhängig vom Reproduktionsprozess des industriellen Kapitals, teils werden sie direkt durch die Störung seines Reproduktionsprozesses ausgelöst.


    Soweit so kurz. Meckert da doch bitte mal dran rum. :S


    Viele Grüße
    Robert


    Viele Grüße
    Robert

    Hallo Leser,
    deine Frage ist so allgemein gestellt, dass sie sich kaum weiterhelfend beantworten lässt. Es gibt eine kaum überschaubare Fülle an Literatur dazu.
    Mir ist vor allem nicht klar, ob du eher Literatur suchst, die dir einen Überblick verschaffen soll, oder eben "die Klassiker" selbst, die Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus begründet haben ???
    Du unterscheidest ferner zwischen Kommunismus und Sozialismus. Meinst du mit Sozialismus das, was als "realer Sozialismus" gescheitert ist??


    Wenn du "Klassiker" zum Thema Anarchismus suchst, dann musst du Leute wie Bakunin, Kropotkin etc. lesen. (Der Anarchismus hat im Laufe seiner Geschichte ähnlich viele Richtungen hervorgebracht, wie der Kommunismus)
    Wenn du "Klassiker" suchst, die den "realen Sozialismus" begründet haben, dann musst du Leute wie Lenin, Stalin etc. lesen.


    Eine allgemein anerkannte Schrift, die eine brauchbare Übersicht über die Entwicklung von Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus liefert, gibt es aus meiner Sicht nicht. Es gibt aber eine Fülle von Schriften unterschiedlichster Autoren, die sich mit den Entwicklung von Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus beschäftigt haben ... und es kommen ständig neue dazu. Eine konkrete Empfehlung von bestimmten Büchern kann ich nicht geben. Wie mir scheint, hast du dir allerhand vorgenommen. :S Deinen Wunsch nach einem Überblick kann ich gut verstehen, aber den bekommst du nicht so leicht.


    Viele Grüße
    Robert

    "Tauschwert" ist ein Synonym zu "Wert"?

    Hallo Leser,
    schau nochmals nach in Kapital Bd.1 S. 62. Der Abschnitt heißt:
    "Die Wertform oder der Tauschwert".


    Darin schreibt Marx gleich zu beginn:


    "Erinnern wir uns jedoch, daß die Waren nur Wertgegenständlichkeit besitzen, sofern sie Ausdrücke derselben gesellschaftlichen Einheit, menschlicher Arbeit, sind, daß ihre Wertgegenständlichkeit also rein gesellschaftlich ist, so versteht sich auch von selbst, daß sie nur im gesellschaftlichen Verhältnis von Ware zu Ware erscheinen kann. Wir gingen in der Tat vom Tauschwert oder Austauschverhältnis der Waren aus,um ihrem darin versteckten Wert auf die Spur zu kommen. Wir müssen jetzt zu dieser Erscheinungsform des Wertes zurückkehren."


    Die Begriffe Wert und Tauschwert drücken also durchaus unterschiedliche Sachverhalte aus. Der Tauschwert ist die Erscheinungsform des Wertes, eben Wertform. Soweit erstmal.


    Viele Grüße
    Robert

    Ist mit "gesellscahftlichen Durchschnitt benötigte Arbeitszeit" die Durchschnittliche Arbeitszeit allgemein oder die Duchschnittliche Arbeitszeit zur Produktion einer bestimmten Ware gemeint?

    Hallo "Leser",
    auf der Abstraktionsebene von Kapital Bd. 1 ist damit zunächst einmal die durchschnittliche Arbeitszeit für die einzelnen Waren gemeint. Es dürfte allerdings klar sein, dass eine Ware nicht allein dadurch verkäuflich wird, des sie der durchschnittlichen Arbeitszeit entspricht, die für die Herstellung einer solchen Ware erforderlich ist. Sie muss auch ein reales Bedürfnis befriedigen, Würden alle Kapitalisten sich auf die Produktion von Stahl werfen, so würde der Stahl unverkäuflich, egal, wie hoch die Arbeitsproduktivität wäre, die diesen Stahl erzeugt. Auch in der Reproduktion von Kapital müssen bestimmte Notwendigkeiten der Verteilung von Produktion (allgemein: Verteilung der Arbeit auf die Erzeugung von Produktionsmitteln und die Erzeugung von Konsumtionsmitteln) eingehalten werden. Wird an elementarem gesellschaftlichen Bedarf vorbei produziert, dann wird die Produktivität, mit der produziert wird, belanglos. Wert könnte nicht realisiert werden. Die meiste Arbeit wäre vergeudete Arbeit, nicht nur, aber eben auch im kapitalistischen Sinn. Eine Ware ist durch ihren widersprüchlichen Charakter von Gebrauchswert und Tauschwert bestimmt. Ihr Tauschwert kann aber nur realisiert werden, wenn sie ein tatsächliches Bedürfnis befriedigt! Dazu müssen bestimmte Proportionen in der gesellschaftlich arbeitsteiligen Produktion eingehalten werden. Dies ist jedoch nicht Gegenstand von Kapital Bd. 1. Marx geht auf diese Fragen erst konkreter ein bei der Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals (Ende Kapital Bd.2 und im 3. Band.)


    Viele Grüße
    Robert

    Hallo "Leser",
    nach Marx ist der Wert bestimmt durch die im im gesellschaftlichen Durchschnitt benötigte Arbeitszeit. Gesellschaftlich "anerkannt" (durch erfolgreichen Verkauf und Realiserung des Preises der Ware) wird nur die Arbeit, die dieser durchschnittlichen Produktivität von Arbeit entspricht. Auf dem Markt werden Waren, deren Herstellungszeit über diesem Durchschnitt liegt, zu höheren Preisen angeboten als vergleichbare Waren, die mit durchschnittlicher oder überdurchschnittlicher Arbeitszeit hergestellt wurden. Waren, deren Herstellung mehr Arbeiszeit erforderte, als im gesellschaftlichen Durchschnitt dafür nötig ist, werden zu Preisen angeboten, die diese Waren unverkäuflich machen. Waren, die unverkäuflich sind, realisieren keinen Wert. Die Arbeit, die dafür verausgabt wurde, ist nach Marx vergeudete Arbeit.


    Soweit so kurz.


    Viele Grüße
    Robert

    (Da der Blog zu wenige Zeichen erlaubt, schreibe ich hier ein paar Anmerkungen.)


    „Nicht nur der Strom kommt aus der Steckdose...
    .. die Milch kommt aus dem Tetrapak...
    .. und der Salat aus der Gemüsetheke.
    Leute wissen nichts über die Materialien, aus denen die Wände ihrer Wohnungen bestehen... mit denen ihre Möbel konserviert sind... was mit Plastiktüten geschieht, die sie wegwerfen. Sie kennen ihre Produkte nicht, nicht die Technik ihrer Herstellung; und wer Spezialist für eine Produktgruppe ist, ist es für 100Tausende andre nicht.“


    Hallo Franziska,
    da ist was dran. Ich würde es aber anders ausdrücken:
    Was die Individuen zu ihrer materiellen Reproduktion brauchen, das kaufen sie. Die notwendigen Lebensmittel sind "Fundsachen" auf den Märkten, in den Supermärkten. Alle kaufen Milch, Kleidung etc.; aber nur wenige produzieren das … je höher die Arbeitsproduktivität und die je entwickelter die Arbeitsteilung in der kapitalistischen Gesellschaft (spontane Arbeitsteilung zwischen den Privatproduzenten und bewusst hierarchisch eingerichtete Arbeitsteilung zwischen den Individuen in der Produktion.)


    Je weniger Menschen mit der unmittelbaren Produktion des materiellen Reichtums zu tun haben, desto geringer das allgemeine Bewusstsein über Art und Voraussetzungen dieser Produktion. Je entwickelter die hierarchische Arbeitsteilung zwischen den Menschen, desto mehr ist das Wissen verteilt auf verschiedene TeilarbeiterInnen und desto hierarchischer ist das Wissen verteilt. Der Zweck des Gelderwerbs, einmal als Selbstzweck der Verwertung von Wert (G-W-G') und einmal als Mittel des individuellen Konsums, um die eigene Reproduktion zu ermöglichen (W-G-W), bestimmt Denken und Handeln und lässt einen Wunsch nach „Aneignung der eigenen allgemeinen Produktivkraft“ (Marx) kaum aufkommen.


    Das ist die Ausgangssituation für soziale Emanzipation, eine Ausgangssituation, die deutlich macht, dass ein Übergang zu einer emanzipierten Gesellschaft nur möglich ist, wenn die erzwungene, durch hiercharchische Arbeitsteilung gekennzeichnete Kooperation in eine bewusste, von Hierarchie befreite Kooperation umgewandelt wird. Die Arbeitsteilung z.B. zwischen Ingenieuren, Facharbeitern und angelernten Arbeitern kann nicht von heute auf morgen „abgeschafft“ (eine linkes Lieblingswort) werden. So wie heute das Kapital die Leute bewusst für ihren Platz in der arbeitsteiligen Hierarchie qualifiziert, so muss die Selbstverwaltung bewusst einen Prozess in Gang setzen, die die Menschen dazu qualifiziert zwischen verschiedenen Produktionsprozessen, sowie Arbeiten, die unterschiedliche Qualifikationen voraussetzen und erfordern, zu wechseln. Das kann nur in einem langen Prozess erreicht werden, der davon abhängt, ob die Selbstverwaltung mit egalitärer Kommunikation klappt.


    Wenn du schreibst, dass nichts klar sei, so kann ich dem nicht folgen. Es ist ungeheuer viel klar, aber es ist nichts geklärt. :S Woran es vor allem mangelt, das ist eine Kommunikation, die Klärung ermöglicht. Sollte die heutige Art der Kommunikation unter radikalen Linken die Kommunikation in der Selbstverwaltung antizipieren, dann können wir gleich einpacken. Klären lässt sich so nichts! Nicht, wie man ein Produkt mit gewünschter Qualität produziert, nicht, wie man die Arbeit am besten unter sich verteilt und was es sonst noch zu klären gibt.


    Ob ich deine knappen Anmerkungen zum Widerspruch zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften richtig verstanden habe, das weiß ich nicht. Ich verstehe das so, dass du seine Bedeutung leugnest. Kurz dazu folgendes:


    1. Den handgreiflichsten Ausdruck findet dieser Widerspruch in den zyklisch wieder kehrenden Krisen. Das offensichtliche, zum Himmel schreiende Phänomen der Krisen aus Überfluss, das Phänomen, dass mit gegebener Arbeitsproduktivität zu viel produziert wird und daher Menschen in Armut und Elend leben, dass das zu viel produzierte vernichtet werden muss, damit „die Wirtschaft“ wieder anspringt und überhaupt wieder produziert wird. Einen solchen Zustand zu überwinden, um den Überfluss an Produktions- und Lebensmitteln im Interesse aller Menschen zu nutzen oder um die Arbeitsproduktivität zu nutzen, um mehr Muße zu haben, ist aus meiner Sicht ein wesentliches Motiv für soziale Revolution.
    2. Aus meiner Sicht geht es im Kern um die Frage der Arbeitsproduktivität, ob diese genutzt wird, um neue Mehrarbeit zu setzen, oder Mittel zum Zweck der Verwirklichung emanzipatorischer Ziele wird. Die Arbeitsproduktivität selbst ist bestimmt durch die „Produktivkräfte“. Dazu zählt neben der gegenständlichen Technik, den umgesetzten Kenntnissen, diese Kenntnisse und bestimmte Fertigkeiten selbst; also die subjektiven Fähigkeiten von Menschen. Da diese Kenntnisse und Fertigkeiten innerhalb der sozialen Hierachie zugewiesen werden, werden sie auch dem Herrschaftszweck entsprechend verteilt und die Menschen zugerichtet. Und insofern ist Befreiung der Produktivkräfte nur ein anderer Ausdruck für soziale Emanzipation. Das bedeutet eine Befreiung der (subjektiven) Produktivkräfte von den Schranken der jetzigen Produktionsverhältnisse, eben "Aneignung der eigenen allgemeinen Produktivkraft".


    Viele Grüße
    Robert

    Im NAO-Blog weiß man erfreuliches zu berichten: Am 1. Mai gab es in Berlin eine revolutionäre Demonstration mit ca. 20.000 Menschen ... unter Führung der Berliner NAO-Gruppen? Hört sich fast so an!
    "Die Berliner NaO-Gruppen waren auf allen Ebenen präsent. Im Bündnis, mit
    5000 eigenen Mobilisierungsflyern und in der Vernetzung insbesondere
    mit griechischen Kollegen. Dass wir solidarisch mit den Freunden von
    ARAB und den internationalen 50 Genossinnen und Genossen die Demospitze
    stellen konnten zeigt das Potential einer radikalen antikapitalistischen
    Politik nicht nur in Berlin.
    "

    http://www.nao-prozess.de/blog…n-20000-leuten-in-berlin/
    Ja, das ist schön, dass es die MLPD nicht geschafft hat, die erste Reihe zu bilden! ;( Die legen auch immer großen Wert drauf, auf solche Führung. Wenn man niemanden führen kann, weil niemand danach verlangt, dann möchte man doch wenigstens vorne weg laufen, damit man sich Führung wenigstens einbilden kann. Das deutet wirklich auf enormes Potential hin, "nicht nur in Berlin"!
    Man stellt ferner fest, "dass alle Ziele erreicht wurden". Tatsächlich? So leicht geht das? Welche Ziele hatte man denn?


    "Die Genossinnen von ARAB und den NaO-Gruppen konnten sich aber in einem
    intensiven Diskussionsprozeß durchsetzen. Die Orientierung auf ein
    politisches und organisatorisches Ziel, nämlich das so genannte “Myfest”
    links liegen zu lassen und den Weg ins Zentrum der herrschenden Klasse
    zu suchen hat sich als richtig und erfolgreich erwiesen
    . Das so genannte
    “Myfest” in Kreuzberg ist eine völlig verkommene Freß und Saufparty
    erlebnishungriger Touristen und unpolitischer Berliner. Das Fest, das ab
    1997 als selbstorganisiertes Fest linker Gruppen begann wird inzwischen
    von der Berliner Regierung mit 100’000 Euro bezuschusst. Ziel: die
    Leute sollen saufen und sich ansonsten um nichts kümmern. Wir können
    also mit Genugtuung feststellen, dass alle Ziele erreicht wurden."

    Aha! Klare Ziele also, mit denen man sich "durchgesetzt" hat:
    1. "den Weg ins Zentrum der herrschenden Klasse" suchen
    2. die Leute vom Saufen abhalten, damit sie sich um was kümmern


    Alle diese Ziele wurden erreicht: der "Weg ins Zentrum der herrschenden Klasse" wurde gefunden (Bravo!), statt auf dem Myfest zu saufen nahmen ca. 20.000 an der Demo teil. Ja, wenn in Berlin 20.000 tatsächlich "den Weg ins Zentrum der herrschenden Klasse" finden, sich dabei nicht verlaufen und nüchtern bleiben, weil ARAB und NAO-Gruppen sich durchsetzen konnten und vorne weg marschierten, dann zeugt das von enormem Potential: ein Meilenstein im Kampf um soziale Emanzipation ... nach intensiver Diskussion, versteht sich. Wenn man nach intensiver Diskussion "den Weg ins Zentrum der herrschenden Klasse" in Berlin gesucht und gefunden hat, dann erscheinen die Perspektiven doch glänzend. Die "Proletariar aller Länder" freuen sich natürlich über diesen Erfolg! ?(
    Die Maßstäbe für Fortschritte im NAO-Prozess sind beeindruckend schlicht. Hauptsache die auserwählten "subjektiven Revolutionäre" können "mit Genugtuung" feststellen, dass "alle (taktischen) Ziele", die sie sich für eine Demo am 1. Mai gesetzt haben, erst mal erreicht sind. Uff!!! Wie schön! X(


    Natürlich erlaube ich mir mit diesen boshaften Zeilen keine Einschätzung der Demonstration selbst. Dazu fehlen mir die nötigen Informationen. Es geht hier nur um den Text und den Geist, der aus ihm spricht. Gewichtung und Sprache versprechen, dass da eine neue, wahrhafte "Avantgarde der Arbeiterklasse" beeindruckende Gestalt annimmt.


    Robert


    p.s.: Gepredigt wird in dem wegweisenden Text übrigens der "unbefristete Generalstreik", sozusagen als Wunderwaffe im Kampf gegen das Kapital:


    "Den Kapitalismus bekämpft man nicht indem man sich in einen
    Kleinkrieg mit den bürgerkriegsmässig aufgerüsteten Polizeiarmeen
    einlässt, sondern in dem mensch in Richtung unbefristete Generalstreiks
    arbeitet. Das gilt in Deutschland gleichermassen wie in Griechenland."


    Welch eine Alternative!! Eine Alternative eben, die ausdrückt, dass man keine Perspektive sozialer Emanzipation zu bieten hat und sein Heil in "unbefristetem" Streik aller Lohnabhängigen sucht; in der Hoffnung, dass das dann "die (eigene) Partei" wenigstens an die Macht bringt! "Revolutionäre" Sprüche, "Radikalität", die sich im Wunsch nach Unbeugsamkeit eines "Proletariats" erschöpft, die es nicht geben kann! Es gibt weder dieses "Proletariat", von dem man da träumt, noch eine "historische Mission", die es durch "unbefristeten Streik" erfüllen könnte!
    Ein "unbefristeter Generalstreik" ist nicht möglich! Es ist eine lächerliche Phrase! Das gilt für Griechenland, Deutschland und alle Länder! Einen "unbefristeten Generalstreik" kann nur jemand für möglich halten, der den Zusammenhang zwischen Arbeit und Reproduktion jeder menschlichen Gesellschaft nicht verstanden hat. (Heute gibt es ja genügend subjektive Revolutionäre, die die Arbeit abschaffen wollen und meinen es ginge auch ganz ohne.) Ein Generalstreik kann immer nur eine bestimmte Zeit durchgehalten werden! Ein "unbefristeter Generalstreik" überwindet nicht materielle Not, sondern treibt sie auf die Spitze! Sofern ein Generalstreik durchgeführt wird, kann er immer nur ein Mittel auf Zeit sein, um bestimmte Ziele durchzusetzen; Reformziele im Kapitalismus oder Einleitung der sozialen Revolution durch Aneignung der Mittel zur materiellen Reproduktion durch die Lohnabhängigen!!! Nicht Aneignung durch Partei und nicht durch Staat! Dass der Streik nur ein zeitlich begrenztes Mittel zu Durchsetzung von Zielen ist, gilt im übrigen für jeden Streik! Wahrhaft subjektive revolutionäre Avantgarden interessiert sowas jedoch nicht! Die können sich glatt über jede materialistisch begründete Erkenntnis hinwegsetzen! Hauptsache "revolutionär", am besten "unbefristet" und gewaltsam! Mit Grausen wende ich mich ab!