Posts by Konkordanz

    Hallo.


    Ich habe nur eine kurze Frage: Hat Marx pauschal angenommen, dass sich die ArbeiterInnen in zunehmenden schwieriger werdenden ökonomischen und Lebensverhältnissen solidarisieren, oder hat er auch erkannt, dass die KapitalistInnen durch bestimmte Politiken und Praktiken Spaltungen vorantreiben können?


    Gruß und Danke!

    Hallo.


    Folgende Frage ging mir heute durch den Kopf:


    Klar ist, dass die individuelle Profitrate die Geschicke eines Unternehmens leitet und ihr Handeln beeinflusst.
    Klar ist doch aber auch, dass ein kleines Friseurgeschäft aufgrund der geringen Kapitalisierung eine recht hohe Profitrate haben dürfte, wohingegen große Unternehmen mit entsprechend hohen Kapitaliserungsentwicklungen eine niedrigere Profitrate haben. Dadurch könnte man schlussfolgern, dass der Friseur (aufgrund der [auch: branchenfremden] Kapitalüberschüsse, die nach neuen Anlagen suchen) auf kurz oder lang so viel Kapital ansaugen würde, bis es den entsprechenden gesellschaftlichen Durchschnitt erzielen und entsprechend groß werden würde (vielleicht ist der Friseursalon ein schlechtes Beispiel, da es hier wohl kaum viele Möglichkeiten zur Kapitalisierung gibt).


    Der kleine Friseurbetrieb wird sich doch aber kaum anhand seiner Rendite orientieren als vielmehr darin, ob und wieviel Umsatz am Monatsende zur Verfügung steht; ob er seine Leute inkl. seiner weiteren Unkosten bezahlen und inwiefern er selbst davon leben kann.


    Ist in deren (also zwischen kleinem Friseurbetrieb und großem Unternehmen) Konkurrenz nicht die Höhe der Profitmasse ausschlaggebender als die Profitrate selbst, um die bestehenden Konkurrenzvorsprünge aufrecht zu erhalten und ausbauen zu können?

    Sehr interessant für beide Seiten, da hast du recht.
    Aber ich frage mich, ob die Ergebnisse denn wirklich verwunderlich sind. Ich denke, dass sie es nicht sind. Denn seit so vielen Jahren zeigen Studien, dass sich Rechtsextreme Einstellungen auch in der scheinbar politisch neutralen "bürgerlichen Mitte" finden lassen. Bis diese aber "aktiviert" werden (z.B. indem das Kreuz bei der NPD gesetzt wird), bedarf es bestimmte Impulse: eventuell jenen der wirtschaftlichen Abstiegsangst oder des tatsächlichen sozialen Abstiegs. Neu ist also nicht unbedingt, dass viele Menschen mit Abstiegsängsten mit der politischen Rechten sympathisieren [1, 2]

    Eine große Schwachstelle der Studie ist meiner Meinung nach zudem, dass die Forscher von rund 66% der Befragten keine Antwort erhielten [3]. Demnach zeigt ihre Studie vor allem die Antworten von jenen Menschen, die antworten wollten. Damit kann vermutet werden, dass die Ergebnisse nicht das widerspiegeln, was der Realität entspricht. Auch die "soziale Erwünschtheit" der Antworten spielt sicher eine Rolle; sich als politisch "rechter" zu outen kann trotz der Teilnahme an PEGIDA mit gewissen Hemmungen verbunden sein, wodurch die Antworten verzerrt sein könnten. Aber wie dem auch sei: Interessante Einsichten sind das allemal.


    [1] http://library.fes.de/pdf-files/do/07504-20120321.pdf
    [2] http://www.fes-gegen-rechtsext…-FeindseligeZustaende.pdf
    [3] http://www.spiegel.de/politik/…telschicht-a-1012913.html

    Hallo.


    Mich interessiert, wie man Einwanderung aus linker Perspektive thematisieren kann.


    Auf der einen Seite ist doch klar: Kapitalismus sorgt geografisch für starke Ungleichheiten und damit für stark unterschiedliche Lebensstandards. Daraus kann folgen, dass sich Menschen ärmerer Regionen auf den Weg zum besseren Leben - z.B. nach Westeuropa - machen. Selbstverständlich sollte man aus linker Perspektive für gleiche Lebensstandards und für die Möglichkeit einer lebenswerten Einwanderung kämpfen.


    Auf der anderen Seite jedoch kämpft doch auch das Kapital für eine Einwanderung; selbstverständlich in "geregelter" Form, d.h., dass vor allem für jene Menschen die eigenen nationalen Grenzen geöffnet werden, welche für die heimische Wirtschaft verwertbar sind. Wenn - wie neulich bei Jauch - gesagt wird, man brauche jährlich "200.000 Zuwanderer um unseren Wohlstand aufrecht zu erhalten", heißt das aus Unternehmersicht doch vor allem eines: Lohnsenkung aufgrund der größeren Konkurrenz unter den Lohnabhängen, um darüber hinaus die sinkenden Renditen der Unternehmen sicherstellen und das Kapital im Inland weiter halten/verwerten zu können.


    Existiert aufgrund dieser 2 Sichtweisen nicht die Gefahr, dass selbst Menschen mit linker antikapitalistischer Einstellung gegen Einwanderung kämpfen?
    Besteht zudem nicht die Gefahr, dass Linke im Sinne des Kapitals argumentieren wenn sie für Einwanderung eintreten?

    Danke für deine (wirklich sehr ausführliche) Antwort. Um ehrlich zu sein habe ich das, was du schreibst, mehrmals lesen müssen. Zwar bin ich schon länger dabei; dennoch finde ich, dass das Forum aufgrund der hier gängigen Sprache für Außenstehende recht schwer fassbar sein dürfte. Aber vielleicht ist das auch gar nicht unbedingt der primäre Zweck des Ganzen. Ich jedenfalls finde, dass das Fassbar-machen doch gerade notwendig ist, damit die Materie auch in heutiger Sprache irgendwie breit vermittelt werden kann. Aber natürlich dient das Forum vor allem der Kommunikation unter Kennern; also möchte ich es nicht kritisieren :)


    6.Export findet statt, weil er ein lohnendes Geschäft ist. Wieso vermutest du da einen ZWANG...?


    Naja, "Zwang", weil der rentable Absatz innerhalb der bisherigen (Staats-)Grenzen erschwert wird? Wenn das Anlagevermögen und die Produktivität stärker steigen als die Löhne und Gehälter, können doch die gesamt produzierten Waren/Dienstleistungen gar nicht durch die bisherige Lohnmasse verkauft werden. Natürlich konsumieren auch Unternehmen und deren Besitzer; betrachtet man aber das Volkseinkommen (was ja auch die Unternehmens- und Vermögenseinkommen [teilweise] enthält), so ist auch dieses kleiner als das BIP. Ist diese Nachfragelücke nicht die Ursache für den Drang, über die Eroberung neuer Märkte die innernationalen Probleme zu kompensieren?


    Mir ist das Problem zwischen Kausalität und Korrelation durchaus bewusst. Um die bürgerliche Ökonomie mit marxschen Rahmen zu hinterfragen, bleibt doch aber gar nichts anderes
    übrigt, als die bereits erhobenen Daten der VWL irgendwie zumindest ansatzweise zu nutzen. Welche sollte man sonst nehmen?
    Dass die Profitrate nach Marx nicht derart einfach bestimmt werden kann, wie ich es oben in der Grafik abgebildet habe, ist klar. Aber meine Frage war eigentlich, ob die Problematik so zumindest ansatzweise aufgegriffen wird?


    Eine weitere spannende (und die Profitratentheorie womöglich stützende) Korrelation ist doch, dass selbst die VWL mit steigender Kapitalintensität - also der zunehmenden Kapitalisierung der Arbeit - eine fallende Kapitalproduktivität sieht.


    Kapitalproduktivität vs Kapitalintensität.jpg

    Hallo.


    Nach Marx sinkt doch die Profitrate, sofern sich das Verhältnis zwischen variablen und konstanten Kapital zuungunsten des ersteren verändert. Ich habe mir mal die Veränderungen des Nettoanlagevermögens sowie die des Bruttolohn und -gehalts Deutschlands zwischen 1960 und 1997 angeschaut (mehr Daten, die gut miteinander vergleichbar sind, habe ich gerade nicht gefunden). Folgendermaßen sieht das Wachstum aus:


    Wachstum Konst. und var. kapital.jpg


    Hier ist zu sehen, dass das Anlagevermögen in absoluten Zahlen weit größer ist. Wenn ich mir die Relation zueinander anschaue, kommt folgendes heraus:


    Verhältnis Konst. und var. kapital.jpg


    Nach dieser Grafik hat sich das Verhältnis zwischen variablen und konstanten Kapital in diesen 40 Jahren um 10Prozentpunkte verändert. Kann man das so interpretieren, dass dieses Anlagevermögen der Grund für permanente Überproduktion ist? Auch wenn ich das BIP im Verhältnis zur Lohnsumme anschaue, stelle ich fest, dass diese geringen Löhne natürlich nicht die gesamt produzierten Waren und Dienstleistungen hätten kaufen können.


    BIP vs. Lohnsumme.jpg


    Verstehe ich das richtig, dass dies für eine Überproduktion spricht, welche z.B. durch permanenten Export "kompensiert" werden konnte?


    Wenn sich nach Marx die gesamtgesellschaftliche Profitrate (vereinfacht geschrieben) daraus ergibt, wenn man die Unternehmens- und Vermögensgewinne ins Verhältnis zum gesamt investierten Kapital (v+k) setzt, ergibt das mit den obigen Zahlen folgendes:


    Profitrate.jpg


    Meine Frage ist nun: Auch wenn es stark vereinfacht wurde und die Profitrate sicher nicht nur aus diesen Kennziffern berechnet werden kann; lässt sich so zumindest in etwa die Tendenz abbilden?

    Ah okay, danke. Warum hast du dich für diese entschieden? Weil sie aufgrund ihres stärkeren Falles aussagekräftiger ist oder weil die Abschreibungen mit gedacht werden müssen?


    "In der Investitionsrechnung wird der Begriff Nettoinvestition für denjenigen Wert benutzt, welcher nach Abzug von Vergünstigungen/Rabatten effektiv investiert wurde" (Wiki). Demnach enthält die Nettoinvestitionsquote die aussagekräftigere Datenbasis um ihren tendenziellen Fall darzustellen?

    In dem Link der Wirtschaftskammer Österreich jedoch auch wird die "Bruttoanlageinvestitionen in % des BIP" dargestellt. Also bezieht sich die Statistik, die 17,4% ausweist, auf den zweiten von dir gegebenen Vorschlag, oder nicht? Rainer Roth [1: 54] nutzt auch die Investitionsquote/BIP und stellt für 1960 24,3% fest. Mit 3% hingegen kann ich nichts finden.


    [1] http://www.linkes-oldenburg.de…013/12/Das-Kartenhaus.pdf

    Hallo Wal


    Eine Frage zu:


    5. Akkumulation von Kapital im Inland (Investitionen)
    Die Investitionsquote lag 1970 noch bei 18%. Sie sank – mit einer kurzzeitigen Ausweitung zur „Eingemeindung“ der DDR-Betriebe bis zum Jahr 2010 auf knapp 3%.


    Du schreibst, dass die deutsche Investitionsquote 2010 bei 3% lag. Was ich nicht ganz verstehe ist, warum ich die 3% sonst nirgendwo finden kann; im folgenden Dokument zB. liegt sie bei 17,4% [1]. Inwiefern unterscheidet sich hier die Berechnungsgrundlage?

    Hallo.


    Mich plagt wieder einmal eine Frage bzgl. der Profitrate.


    In Rainer Roths Buch "Nebensache Mensch" [1] lese ich, dass die Staatsquote unter Missachtung der Sozialversicherungen schon seit Jahrzehnten um die 30% pendelt (s. 476). Bezieht man sie mit ein, erkennt man, dass sie tendenziell steigt. Das bedeutet also, dass durch die wachsende Arbeitslosigkeit, zunehmenden Aufstocker usw. der Konsum durch Staatsschulden gestützt wird. Eine steigende Staatsquote hat doch zudem den Effekt, dass der Staat über die Staatsverschuldung gleichzeitig die Schaffung fiktiven Kapitals unterstützt und damit den Ansprüchen des Finanzmarktes nachkommt; also das Vermögen der Vermögenden zu vermehren hilft.


    Wenn nun aber z.B. die Industrie oder die EZB fordert, dass die Staatsquote sogar auf nur 20% [2] zurückgeführt werden soll,frage ich mich: Was hat das für einen Sinn? Wäre das wirklich vorteilhaft für die Profitrate? Ist eine hohe Staatsquote bzw. eine durch hohe Staatsverschuldung gestüzte soziale Stabilität (Konsum durch Aufstockungen etc.) nicht rentabel für das Kapital?


    Oder geht es nur wirklich nur darum - wie Roth schreibt - , dass das dadurch frei werdende Kapital zugunsten der Unternehmen genutzt werden könnte?


    [1] http://www.robert-schlosser.de…ate/Nebensache-Mensch.pdf
    [2] http://www.welt.de/print-welt/…quote-auf-20-Prozent.html

    Hallo.


    Im Buch von David Harvey "Das Rätsel des Kapitals entschlüsseln" auf Seite 96 schreibt er, dass sich an dem Punkt des Marxschen Profitratenfalls "kaum festhalten [lässt], da Innovationen in gleicher Weise Kapital oder Produktionsmittel einsparen können (z.B. durch einen effizienteren Energieverbrauch) wie Arbeit".


    Meint er damit, dass z.b. durch die gegenwärtig stark fallenden Strompreise der erneuerbaren Energien die Herstellungskosten für Maschinen fallen könnten und sich dies damit in der Kapitalzusammensetzung zugunsten der Arbeit ausfallen könnte (also zu einer steigenden Profitrate führt)? Was lässt sich hierzu aus Marxscher Sicht dagegen halten? Theoretisch ist es dann doch so, dass einfach mehr Maschinen für weniger Geld pro "Stück" hergestellt werden, es für den einzelnen Unternehmer sinnvoll und rentabel sein kann, sich gesamtwirtschaftlich aber trotzdem auf fallende Renditen auswirkt, oder? Denn werden die Maschinen günstiger, gehen sie zwar mit einem geringeren Wert in die Bilanzen ein, stellen dadurch vielleicht aber auch zunehmend viele Arbeitnehmer frei...oder habe ich hier einen Denkfehler?

    Hallo.


    Ich habe wieder einmal eine Laienfrage. Diesmal zum Thema "Abschreibgungen".


    Altvater schreibt: "Die Abschreibungen auf fixes Kapital verringen die Last des Kapitalstocks, so dass selbst geringere Profite eine Steigerung der Profitrate möglich machen" (Altvater)


    Ich verstehe, dass Unternehmen Abschreibungen durchführen um den Verschleiß ihres Kapitalstocks in ihren Bilanzen irgendwie darstellen zu können. Wieso aber kann es zur Steigerung der Profitrate führen? Also okay, wenn bilaniell der Maschinenwert Stück für Stück abgetragen und in einem anderen Konto übertragen wird, dann ist mir schon klar, dass das Verhältnis zwischen den Gewinnen im Verhältnis zu dem so bilanziell geschrumpften Kapitalstock zugunsten der Rendite wächst. Aber: Das Unternehmen hat doch dadurch nicht mehr Geld bzw. finanzielle Möglichkeiten für Investitionen, oder? Wurde es nicht einfach nur anders verbucht? Und welche Rolle hat der Staat dabei? Was hat er von der ganzen Geschichte?

    Hallo.


    Folgende Fragen habe ich:


    1. Auf folgender Grafik sieht man, dass ab 1980 die Kapitalintensität die Arbeitsproduktivität übersteigt. Wenn ich das richtig verstehe bedeutet das, dass die Kosten pro Arbeitsplatz die Produktionsmöglickeiten überstieg. Auch das Statistische Bundesamt schreibt: "Die Produktion wird immer kapitalintensiver, weil zunehmend Arbeit durch Kapital ersetzt wird. Also wächst der Kapitalstock schneller als die Produktion." [1]




    Was ich mich nun frage ist, wieso die Unternehmen den Kapitalstock erweitern, wenn sie diese Erweiterungen gar nicht mehr für Produktionen benötigen. Oder liegt hier genau ein Knackpunkt? Liegt der Grund des dennoch wachsenden Kapitalstocks in den wachsenden staatlichen Zuschüssen in Form von "Investitionsanreizen" (Steuernachlässe, wachsende Subventionen,...), weil dadurch die Kosten pro Stück weiter gesenkt und die Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleiben konnte?


    Bedeutet dies, dass es bereits in den frühen 1980er Jahren die noch heute ausstehende Krise gegeben hätte, sofern es die Kapitalverkehrsfreiheiten sowie alle mit Staatsschulden verbundenen Aktivitäten der Politik nicht gegeben hätte?...die Anreize der Politik also konnten die steigenden Kosten pro Arbeitsplatz (Kapitalintensität) über Staatsschulden aufhalten und die Unternehmerwelt weiter zum investieren animieren?
    Angenommen, das Kapital hätte den Weg in den Finanzmarkt nicht gefunden (z.B. indem die Politik die Entstehung von Investmentbanken verwehrt hätte)...was wäre geschehen? Wäre das Kapital nicht gezwungen gewesen in der Realwirtschaft selbst die minimalsten Renditen anzunehmen?


    2. Kann Kapitalismus ohne Wachstum funktionieren? Ich vermute, dass die nachlassenden Wachstumsraten auch gegen 0 sinken können und der Kapitalismus weiter laufen würde (sofern die politischen Kräfte das zulassen). Wieso wird die gesellschaftliche Abhängigkeit vom Wachstum dann so oft thematisiert? Liegt der Grund hierfür gerade in den Banken, die ja davon leben, dass Kapital nicht brach liegen bleibt? Wäre das der Fall, könnten sie ja keine für sie essentiellen Zinsen mehr erwirtschaften. Wieso scheint die gesellschaftliche Stabilität im Kapitalismus nur durch Wachstum gewährleistet? Die Frage kam mir bei folgenden Worten:
    "Wer wie Altvater oder die Autoren der Thesen den angeblichen "Wachstumszwang" des Kapitalismus beklagt und ihn bekämpfen will, findet sich - sicher ungewollt, aber auch unvermeidlich - ganz plötzlich auf der falschen Seite des Klassenkampfes wieder." [2]



    [1] https://www.destatis.de/DE/Pub…df?__blob=publicationFile : s. 1122
    [2] http://www.marx-engels-stiftun…ise_Wachstumskritiker.pdf: s. 6

    Mit "entgegenwirken" meinte ich, dass es doch (Industrie-)Bereiche gab und gibt, dessen Renditen im Verlauf der Zeit sanken und damit weitere Investitionen bremsten; wodurch weitere Bereiche mit höheren Renditenmöglichkeiten gesucht wurden, was evtl (zumindest temporär) der Dienstleistungssektor bieten konnte...

    Danke für eure Antworten!


    unproduktiv meint bei Marx immer vom Mehrwert zehrend


    Da zunehmende Maschinisierungen bei gleichzeitiger Arbeitskräftefreisetzungen zu zunehmenden Kapitalverwertungsschwierigkeiten führen, ist der Staat also geneigt, sich von diesen vom- Mehrwert- zehrenden- unproduktiven- Bereichen (staatl. Dienstleistungen) zu befreien, damit vom produzierten Gesamtkapital nicht noch mehr aufgezehrt wird (neben dem akuten Einsparpotentialen dieser Privatisierungen)? Damit wird also dem Profitratenfall entgegen gewirkt?

    Hallo.


    Zwar habe ich im Lexikon den Bereich der "Dienstleistungen" gelesen; dennoch aber verstehe ich nicht ganz:


    Wie hängt der Dienstleistungssektor strukturell mit der Industrie bzw. mit der Produktion zusammen? Ich habe gelesen, dass viele Dienstleistungen in der direkten Abhängigkeit vom produktiven Gewerbe stehen; wäre dieser produktive Sektor nicht vorhanden hieße das, dass der Dienstleistungssektor gar nicht produktiv genug wäre um im "Standortwettbewerb" bestehen zu können?


    Oder anders (ich merke, ich habe selbst in der Formulierung der Frage Probleme)


    Kapitalistisch strukturierte Gesellschaften funktionieren doch vor allem durch das Vermehren des Kapitals...Könnte eine kapitalistische organisierte Volkswirtschaft nur über Dienstleistungen funktionieren? Wäre der Dienstleistungssektor (angenommen, er könnte die wachsende Arbeitslosigkeit kompensieren) überhaupt in der Lage Mehrwert zu erzeugen? Scheinbar gibt es ja auch produktive Dienstleistungen, sofern dies in einem Lohnarbeitsverhältnis geschieht. Heißt das, dass Dienstleistungen unproduktiv sind, die z.B. von selbständig arbeitenden Menschen geleistet werden?

    Mag sein, dass nicht alle, die mittlerweile solidarische Ökonomien oder Gemeingüter für wichtig halten, den Kapitalismus bis zur Tiefe kritisieren oder begründen können. Ich sehe in der Zunahme der Forderungen und bloßen Sehnsüchten nach solchen Strukturen aber ein riesen Potential. Wenn genau diese Sturkturen weiter gefördert und umgesetzt werden...könnten sie dann nicht im Ansatz das wahrscheinlicher machen, was auch hier im Forum so oft angestrebt wird? Gemeinsam genutztes und verwaltetes Eigentum? Oder seht ihr wirklich mehr Gefahren darin, nur weil nicht jedeR LohnabhänigeR clever genug ist um Marx zu verstehen?

    Hallo.


    Ich beschäftige mich zur Zeit damit, inwiefern der wachsende Kapitalüberschuss bzw. die Ökonomie an sich das Gesundheitswesen verändert (hat).
    Meine Frage: Gibt es Daten über branchenfremdes (industrielles) Kapital, welches seit den 50er Jahren in den Gesundheitsmarkt/-sektor floss? Kann man das überhaupt direkt quantifizieren? Vielleicht mit der Bildung der Klinikkonzerne usw?


    Bin für Hinweise sehr dankbar :)

    Ich finde auch spannend, dass nun ein großer Antrieb, den Kapitalismus zu überdenken, aus gesellschaftlich völlig akzeptierten Bereichen wie der Klimaforschung kommt. Die Menschen werden vielleicht nicht Marx verstehen und das System dadurch umzuwälzen versuchen. Wenn der sog. "Wachstumszwang" aber unser Klima "zerstört", dann wird das plötzlich auf ganz anderer Art greif- und spürbar. Lohnarbeit als Ausbeutung zu begreifen ist komplex; den Wandel des Wetters mit dem Zwang zum Mehr zu verbinden ist scheinbar einfacher:


    Quote

    Die Klimawissenschaften entwickeln zunehmend revolutionäre Sprengkraft. Tatsächlich gibt es gute wissenschaftliche Gründe für zivilen Ungehorsam und Sabotage. Denn der Kapitalismus wird zur existenziellen Bedrohung. http://www.woz.ch/1345/aufruf-…cht-innerhalb-des-systems


    Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit (?) müssen sich Gesellschaften, die sich über Jahrzehnte an materiellen Reichtum und wachsender Produktivitäten gewöhnten, umdenken. Das heißt: Wie geht man mit sinkenden materiellem Wohlstand um? Wie organisiert man sich neu? Das Wissen und die Infrastrukturen sind ja theoretisch da. Ich vermute, dass Debatten starten werden um genau dies in die Gesellschaft zu tragen (in den Medien sehe ich immer häufiger Themen über alternative Ansätze, Zufriedenheit mit weniger usw). Das ist viel (linke) Arbeit. Aber die Alternative dazu ist vermutlich nur Barbarei. Theoretisch müssten wir als Gesellschaft das Wissen und das Geschick entwickelt haben um uns neu zu organisieren.

    Tipp: Zum Thema der Profitrate haben mir folgende kostenlose Bücher gute Hilfe geleistet:


    Rainer Roth: Das Kartenhaus - Ökonomie und Staatsfinanzen in Deutschland
    Ohne Marx zu erwähnen thematisiert er mit Daten des Statistischen Bundesamtes usw. die Problematik der Profitrate am Beispiel Deutschlands.
    http://frankfurterappell.de/bu…das_kartenhaus_screen.pdf


    Franz-Josef Land: Spurensuche - Teil 2 zu "Kapital" Band 3
    Mit verständlichen Worten und guten Erklärungen thematisiert auch er die Profitrate. Er bezieht sich direkt auf Marx, zitiert ihn und beschreibt mit eigenen Worten und aktuellen Bezügen Marx´ Gedanken.
    http://www.pol-oek.de/#spurensuche.html


    Die Profitrate bestimmt über Konkurrenzvorteile und steuert deshalb das Verhalten der Kapitalbesitzer.


    ...auch weil eine niedrige Profitrate aussagt, dass aufgrund der bereits recht hohen getätigten Investitionen im jeweiligen Bereich der notwendig aufzuwendende Profitanteil zum weiteren Investieren auch sehr hoch ist, oder? Rainer Roth schreibt: "Wenn ein wachsender Teil der Profite zuückgelegt werden muss, um den Ersatz der Produktionsmittel zu finanzieren, sinken tendenziell die Nettoinvestitionen" [1]. Die Konsequenzen, also sinkende Investitionsquoten, leuchten mir ein. Aber "Teil der Profite"? Hierbei ist ja scheinbar erstmal nicht das Verhältnis Profit/inv. Gesamtkapital gemeint. Wachsender Teil der Profite heißt dann, dass mit wachsender Maschinisierung die Preise für die benötigten Maschinen steigt und somit weitere Investition immer teurer werden?



    Zur Zeit geht der Streit unter den (Marx-)Linken darum, an welchem historischen Punkt der Entwicklung wir uns befinden.
    Die Mehrheit glaubt, die Profitrate und der Kapitalismus seien weltweit schon im historischen Abschwung.
    Ich sehe zwar einen unumkehrbaren Abschwung in den Kernzonen des Kapitalismus, aber die Peripherie boomt und hat gute Aussichten für weiteren Aufstieg. Global gesehen ist der Kapitalismus nach meiner Ansicht noch "gesund". Regional gesehen ist er am Siechen. Wie das sich weiterentwickelt, ist offen.
    Gruß Wal


    Ich bin letztens auf die Profitratenanalysegruppe (PRAG) der Uni Hamburg gestoßen; ich weiß nicht, ob sie die Profitrate "marxgerecht" berechnen. Sie jedoch kommen zu dem Schluss, dass sie bis in die 70er Jahre fiel und seitdem wieder leicht anstieg [2]; sie vermuten zu guter Letzt auf einen neuen Akkumulationstyp.
    Mit dem aufkommenden neoliberalen Strukturen macht das ja auch Sinn. Kapitalverkehrsfreiheiten, Kapitalexporte und sinkende Sozialstandards dürften dazu beigetragen haben, dass die Profitraten (in Dt) wieder leicht anstiegen.
    Die höheren Profitraten in der Peripherie dürften doch durch die globalen Kapitalüberschüsse und deren dortigen Investitionen auch irgendwann zum Erliegen kommen (und vermutlich schneller als dies im Westen der Fall war). Damit wachsen die Kapitalüberschüsse nur nur noch weiter und heizen die kommende Krise weiter an. Aber gut...zum systemischen Wandel muss das dann trotzdem nicht führen.



    [1] http://frankfurterappell.de/bu…das_kartenhaus_screen.pdf - Seite 30
    [2] http://www.wiso.uni-hamburg.de…konomie/zoess/PRAG_02.pdf - Seite 16f. bspw.

    Naja, weil ich frage mich eben, was Unternehmer bei einer sinkenden Profitrate konkret denken. Warum meint Marx sei diese für die Unternehmer wichtiger als die reine Profithöhe? Zeigt die Profitrate vielleicht die potentielle Überproduktion auf? Denn in ihr steckt ja bereits die Aussage, wieviel investiert wurde. So würden Unternehmer erkennen, dass sie diese Bereiche mit weiteren Investitionen eher meiden sollten, da der Profit nicht mehr im selben Maß wächst wie das konstante Kapital bereits gewachsen ist. Also konkret: Warum hat die Profitrate bzw. die Rendite eine so überaus starke Aussagekraft auf Unternehmer und ihre potentiellen Investitionen?

    Danke für deine immer sehr ausführlichen Arbeiten. Sie haben schon viele unserer Seminare bereichert und zu neuen Ansätzen verholfen!
    Folgende kurze Frage habe ich: Marx hat verschiedene Möglichkeiten gegeben um dem Fall der Profitrate entgegen zu wirken. Sie alle laufen doch im Endeffekt darauf hinaus, dass die Gewinne bzw. die Einnahmen aus Unternehmertätigkeit/Vermögen im bestimmten Verhältnis steigen. Würde der Profitratenfall theoretisch aufgehalten, sofern die Gewinne nur im selben Maß wachsen würden wie das konstante Kapital durch Investitionen ansteigt? Und dies jedoch ist daher nicht möglich, weil die wachsende Freisetzung von Arbeitskräften diese Gewinne nicht mehr einspielen können?...

    Hallo,
    Ich denke Werbung hat mit kapitalistischer Produktion im Allgemeinen, nicht mit
    Uberproduktion speziell zu tun.
    Werbung ist eine Waffe in der Konkurrenz der Kapitale.
    Gruß,
    mars


    Mag sein. Aber im Kontext der Überproduktion verändert sich sicher auch die Dimension der Werbung, mit welcher die Unternehmen Bedürfnisse schaffen (müssen) um die wachsenden Warenberge absetzen zu können, weiteres Kapital anzuziehen um es akkumulieren zu lassen. Werbung als Phänomen müsste sich historisch also stark verändert haben; selbst in den vergangenen 60 Jahren. Hierfür spannend finde ich die "Kritik der politischen Ökonomie der Medien" (http://www.medienoekonomie.at/pub_fachbereiche.htm). Prf Manfred Knoche hat einige seiner Arbeiten online gestellt und hinterfragt genaus dies; die Wechselwirkung zwischen Kapital und Medien.

    Guten Morgen.


    Im Buch "Das Ende der Arbeit" wird auf wenigen Seiten die Überproduktion thematisiert, durch welche schließlich auch die Werbung entstand um den ganzen Kram absetzen zu können; um Bedürfnisse zu schaffen, welche vorher nicht da waren; um die Menschen in ein Situation permanenten Vergleichs zu bringen.


    Meine Frage: hat sich auch Marx in seinen Werken mit der Werbung als notwendiges Phänomen des Kapitalismus beschäftigt?

    Hallo.


    Ich glaube es existiert ein Mangel an verständlichen Krisenerklärungen ursächlicher Art! Folge: "Die Griechen sind Schuld", "Die Banker sind schuld" und demnächst "Die islamistischen Hacker sind schuld" [1] [2].


    Wäre es nicht sinnvoll organisiert diesen Mangel zu beheben und "Aufklärung" unter die Menschen zu bringen? Klar gibt es massig Bücher die schon bereit ständen; aber wer will sich schon im Alltag mit wirtschaftsbezogenen Fachwörtern auseinander setzen und nach der 8-Stunden-Schicht durch 300 Seiten Fachliteratur quälen? Wäre es nicht hilfreich, wenn mit der Nutzung alltäglicher Wörter die Krise(n) auf möglichst geringen Zeilen ursächlich beschrieben wird?...als eine Art Flyer/Heftchen?


    Die Krise ist am Horizont bereits zu erkennen und die Gesellschaften
    schlittern mit affektuellen vorurteilsbehafteten Begründungen nach
    rechts.
    Ich wundere mich, warum sich zwar viele damit auskennen, den benannten Informationsmangel aber nicht angehen. Ich wundere mich auch, dass auch die LINKE zwar den Kapitalismus kritisiert, ihn aber nicht ursächlich zu beschreiben hilft. Gibt es einen Grund dafür, der mir nicht bewusst ist? Warum organisieren sich marxistische/linke/ökonomiekritische Menschen und Organisationen nicht, um die Essenz aufs Blatt zu bekommen, zusammen die Kosten zu tragen um endlich die durch die Ökonomie verursachten gesellschaftlichen Folgen am System verständlich zu begründen?



    [1] http://deutsche-wirtschafts-na…d-banken-crash-ausloesen/
    [2] http://www.n-tv.de/wirtschaft/…acken-article7287966.html

    Heyhey


    Meine VerständnisFrage bezieht sich auf den deutschen Kapitalexport nach Griechenland:


    Nun ist es doch so, dass Deutschland einen zu starken Exportüberschuss hat und demnach das Kapital (auch) aus Griechenland abzieht, um es im hiesigen Lande zu verbuchen, richtig? Der dadurch anwachsende Kapitalüberschuss sucht nach Renditen und findet sie nicht im ausreichenden Maße in Deutschland; daher wird Kapital exportiert. Das heißt, dass das Geld, was Griechenland für die aus Deutschland importierten Güter bezahlt hat und nun hier "rum liegt", als Kredite nach Griechenland zurück gehen werden. Diese werden natürlich mit Zinsen zurück gezahlt und die deutschen Unternehmen profitieren.


    Gibt es Statistiken die diese Annahmen untermauern?
    Welche Formen dieses notwendigen Kapitalexports gibt es?
    Ist es nicht so, dass dieser Kapitalexport auch deshalb erfolgen muss, weil ein Zuviel an Kapital in einem Land Druck auf die Währung ausübt und daher exportiert werden muss? Wie verhält sich dies denn dann im Euroland? Könnte es Deutschland dann nicht fast egal sein wieviel Euro es angezogen hat?
    Gibt Deutschland mit diesen Krediten auch Strukturanpassungsprogramme vor?
    Oder werden diese Strukturanpassungsprogramme ausschließlich über EU- Vorgaben gemacht?


    Besten Dank!

    @ Robert: Danke für den Tipp; werd mich reinlesen.
    @ Wal: Deine Worte sind nicht (nur) unberechtigt. Je nach Seminar sind ökonomische Zusammenhänge, Widersprüche und Zwänge als Begründung der jeweiligen Seminarthemen nicht sehr willkommen. Allerdings habe ich in den vergangenen 1,5 Jahren an unserer durch die frankfurter Schule mit- geprägten Uni auch viel Zuspruch dafür bekommen. Uni besteht nicht nur aus Hausarbeiten schreiben, bei welchen man in der Tat je nach Lehrende_r/m aufpassen muss welche Worte gewählt werden. Ich finde jedoch (vor allem da viele Kommilitonen negative Assoziationen haben), die Logik des Kapitals kann man im Notfall auch ohne den Namen Marx zu erwähnen, thematisieren; die Widersprüche des Kapitalismus und seine Auswüchse als Erklärung in Migrations-, „Finanzmarkt“- oder Arbeitslosigkeitsseminaren sind daher zumeist passend, auch ohne dass der Name Marx fällt und sich aufgrund kritischer SeminarleiterInnen damit irgendwie negativ auswirken kann. Die negativen Assoziationen umgehe ich also, trotzdem ich die Theorie versuche anzuwenden. Und das sollte das Ziel sein; den Inhalt der Theorie in die Köpfe der Menschen bekommen (ohne dass ich mir damit unterstelle jene Theorie komplett verinnerlicht zu haben).
    Gerade während Blockupy habe ich diese Beoachtung abermals gemacht; Marx- Buttons auf dem Rucksack, aber Neugründungen von marxnahen Parteien ablehnen? Na, irgendwas stimmt da nicht.
    Achja: Konkordanz ist nicht nur ein Text- oder Politikfeldvergleich sondern heißt einfach „Übereinstimmung“. Ich finde den Nick also keineswegs unpassend.

    Heyhey.


    Ich studiere Politik- und Gesellschaftswissenschaften und bin stark an marxistischen ökonomischen Theorien interessiert. Derzeit sitze ich an der Themengestaltung einer Hausarbeit und will im Bereich "Internationale Beziehungen" gern etwas im Kontext der marxistischen Ökonomie (o.ä.) schreiben (Bspw.: Wie wirtschaftliche Entwicklungen die intern. Beziehungen beeinflussen etc).


    Leider fehlt mir das Wissen in die Breite um spannende Theorien und Theoretiker aus der marxistischen Richtung zu kennen. Vielleicht hat hier jemand spontan eine Einfall und könnte mir ein paar Namen nennen, in deren Theorien ich mich mal reinarbeiten sollte um in dem genannten Bereich auf ein Thema zu kommen?


    Bin für Hilfe immer dankbar :)


    Schließlich: Wer meint, DIE GRIECHEN oder DIE ZYPRER hätten linke Solidarität verdient, der verfängt sich ebenso im rassistisch-nationalistischen Dorngestrüpp wie einer, der glaubt, er müsse "DIE DEUTSCHEN" auf die Anklagebank setzen,
    meint Wal Buchenberg

    Warum keine linke Solidarität? Was ist verkehrt daran, wenn ein Linker gegenüber jener ausgebeuteten Menschen solidarisch ist und sich gleichzeitig der Herkunft der Armut bewusst ist?

    Was ist nun das Fazit? Welcher der richtige Weg um diesem Problem zu begegnen? Ein Herunterfahren der Sozialleistungen und Konsumunterstützungen darf es ja wohl nicht sein.