Posts by Pfreundschuh

    “Ein Schauspieler … ist ein produktiver Arbeiter, wenn er im Dienst eines Kapitalisten arbeitet …, dem er mehr Arbeit zurückgibt, als er in der Form des Salairs von ihm erhält, während ein Flickschneider, der zu dem Kapitalisten ins Haus kommt und ihm seine Hosen flickt, ihm einen bloßen Gebrauchswert schafft, ein unproduktiver Arbeiter ist. Die Arbeit des erstren tauscht sich gegen Kapital aus, die des zweiten gegen Revenue. Die erstre schafft einen Mehrwert; in der zweiten verzehrt sich eine Revenue.”
    (Marx-Engels-Werke Bd.13, S. 625)

    „die Forderung , nach … Produktionsfläche und Produktionsstätten usw. Ich würde gerne diskutieren, wie das gehen kann.“


    Ich denke, wenn die entsprechend Interessierten, die auch schon über gewisses "Fach"wissen verfügen, vorhanden sind, muss man an die Gemeinde-/Stadträte bzw. die Bürgermeister herantreten und sein Anliegen unterbreiten und begründen. Dann bekommt man in vielen Fällen, denke ich, Räume, Gelände und vielleicht sogar finanzielle Unterstützung. Insbesondere bei FABLABs stößt man, denke ich, auf Interesse von Seiten der Kommunen.

    Verstümmelte Zitierungen sind nicht hilfreich für eine Diskussion. Ich hatte geschrieben:


    "Dazu denke ich, muss die Eigentumsfrage endlich wieder an erster Stelle stehen, die Forderung nach kommunalem Mietraum, nach öffentlich verfügbarer Lebens- und Produktionsfläche und Produktionsstätten usw. Ich würde gerne diskutieren, wie das gehen kann."


    Es ging also nicht um irgendwelche lokale Einrichtungen für Freizeitaktivitäten, die in fast allen Städten schon bestehen (z.B. in München "Haus der Eigenarbeit" oder diverse FABLABs), die von Leuten genutzt werden, die ihren Lebensunterhalt tagsüber oder anderntags schon besorgt haben. Der gesellschaftliche Organismus, der alleine schon den Lebensunterhalt der Menschen zu besorgen hat, ist gewaltig. Und dem gegenüber stehen leider viele unglaublich naive Positionen, die eine Gesellschaftsveränderung wie eine Freizeitkultur betrachten oder als Puzzle "Wie bastel ich mir meine neue Gesellschaft?".


    edit Mod: Invektive entfernt

    Je entwickelter die gesellschaftlichen Bedürfnisse werden, um so weniger können sie von einer kleinen Elite festgestellt und berücksichtigt werden, selbst wenn diese Elite die besten Absichten hätte. Diese Erfahrung musste auch Lenin machen und zwang ihn zur Formulierung der Neuen Ökonomischen Politik: Mit der NÖP kehrten Lenin und die kommunistische Partei wieder zurück zur Marktregulierung und gestanden damit ein, dass sie nicht in der Lage waren, die sowjetische Wirtschaft und Gesellschaft zentral zu steuern.

    Das Problem der elitären Bedürfniserfassung hat nur ein staatsförmiger Sozialismus, wie ihn Lenin als angeeignete "Staatsmaschine" unter den damals gegeben Umständen in Russland entwickelt hatte. Es sind gänzlich andere Formen der Bedarfsermittlung möglich. Siehe hierzu z.B. unter Arbeitsorganisation im Kulturkritischen Lexikon:


    "In einer freien Kommunalwirtschaft von dieser Formbestimmung entlastet, könnte die Automation weitaus erfolgreicher den Menschen nützen, - nicht nur im unmittelbaren Produktionsprozess, sondern auch in der Lagerverwaltung, Bedarfsermittlung und Aufwandsminimalisierung (z.B. auch des Transport- und Verteilungssystems). So wie heute schon in besser gestellten Privathaushalten der Computer im Kühlschrank schon "weiß" was im Güterbestand fehlt und per Internet beordert wird, könnten sich auch die Verhältnisse der kommunalen und überregionalen Subsistenzindustrie einregeln lassen, die mit den Daten des politisch anerkannten Lebensstandards versehen sind und auch Neuentwicklungen einbeziehen können, selbst sogar Disfunktionen anzeigen und aussteuern würden. Wie alle menschliche Arbeit wäre auch die mit der Arbeitsorganisation minimalisiert und zunehmend der Kontrolle und dem politischen Willen der Kommune und ihren Ausführungen (siehe qualifizierte Delegation) überlassen. Sie könnte auch unmittelbar informell und arbeitstechnisch an das Netzwerk einer internationalen Kommunalwirtschaftangeschlossen sein."

    Nachfragen und Angebote sind die Pole der Preisbildung auf der Ebene des Marktes, die wiederum um die Wertrealisierung konkurrieren. Wenn das einzelne Auftreten von Nachfragen und Angeboten zufällig erscheint, heißt das doch nicht, dass es Zufall ist oder dass "König Zufall" herrscht. Ich finde auch nicht, dass Planung dasselbe ist wie die Kalkulation eines Bedarfs und dass diese wiederum überhaupt nichts mit Zentralismus zu tun hat. Verstehe also nicht, was du sagen willst.

    Die Frage der Erfassung von Bedürfnissen scheint mir im Übrigen DER Kernpunkt bei Debatten um eine geplante Ökonomie schlechthin zu sein, die von vielen linken Theoretikerinnen und Theoretikern meiner Meinung nach oftmals unbefriedigend beantwortet wird.

    Das ist wahrscheinlich deshalb so, weil sich am Bedürfnisbegriff die gegensätzlichstenen Strömungen eines linken Opportunismus treffen. Das geht vom "aufgeklärten Bürger", der die Befriedigung seiner Bedürfnisse selbstbewusst einfordert, jedoch jenseits der Sphäre bleibt, wo die dem entsprechenden Gegenstände und Mittel hergestellt werden müssen, bis hin zum aufrechten Sozialdemokrat, der für seinen Lohn einen gerechten Anteil am gesellschaftlichen Kuchen einklagt. Dem Inhalt nach lässt sich jedoch Bedürfnis und Arbeit nicht trennen. Woraus aber besteht ihre wirkliche Beziehung, woraus besteht ihre Vermittlung, was kommt zuerrst, was folgt? Nach Marx ist die Arbeit das Übergreifende, das Bedürfnis also das Bewährte, die Bewahrheitung und Bestärkung eines Fortschritts, den die Produktion vorangebracht hat.


    ""Die Produktion liefert dem Bedürfnis nicht nur ein Material, sondern sie liefert dem Material auch ein Bedürfnis. Wenn die Konsumtion aus ihrer ersten Naturroheit und Unmittelbarkeit heraustritt - und das Verweilen in derselben wäre selbst noch das Resultat einer in der Naturroheit steckenden Produktion -, so ist sie selbst als Trieb vermittelt durch den Gegenstand. Das Bedürfnis, das sie nach ihm fühlt, ist durch die Wahrnehmung desselben geschaffen. Der Kunstgegenstand - ebenso jedes andre Produkt - schafft ein kunstsinniges und schönheitsgenußfähiges Publikum. Die Produktion produziert daher nicht nur einen Gegenstand für das Subjekt, sondern auch ein Subjekt für den Gegenstand." (MEW 13, S.634)


    Für jede Wirtschaft besteht das Wohl und Wehe des gesellschaftlichen Fortschritt aus den Bestimmungen des Arbeitsprozesses. In einer kapitalistischen Wirtschaft ist es das Wertwachstum, das sich in der Produktion von Mehrwert bis in den Finanzmarkt hinein als gesellschaftliche Macht des Kapitals verwirklicht, in einer sozialistischen sollte es die Fortbildung der Lebens- und Produktionsmittel sein, die sich im gesellschaftlichen Verhältnis der Menschen bewahrheiten und bewähren können müssen.


    In beiden Systemen werden schon vor der Produktion Bedürfnisse kalkuliert, beim einen, um eine Wachstumserfolg des Mehrwerts einzuschätzen, beim anderen um den Erhalt des Lebensstandards zu sichern. Von daher sehe ich kein Problem bei der "Erfassung von Bedürfnissen". Schwieriger wird es sein, in einem Netzwerk von Kommunen die vielen möglichen Fortschritte zu ermöglichen und zusammen zu bringen. Das wäre für mich die Diskussion hierzu.

    Aufhänger ist für mich nicht Gerechtigkeit; frei sein.
    Wenn also zb. als elementarste Freiheit verstanden würde, daß zb. lebensnotwendiges Wasser für alle kostenlos erhaltbar sein muß, steht also die Frage, welche Ideen gibt es, von denen die das kostenlos entnehmen möchten, daß sie das kostenlos zustande bringen...


    Geht Deine Absicht zu diskutieren in diese Richtung?

    Ja, das meint ja Emanzipation. Doch Freiheit gibt es immer nur in der Aufhebung von Notwendigem, also nicht ohne dieses. Es muss der Aufwand bewältigt sein, der das Wasser an den richtigen Ort leitet, das Brot gebacken hat, die Butter .... usw. Und für die Beziehung der Aufwände auf die freie Befriedigung sehe ich als Grundlage eine in der Notwendigkeit zugleich freie Vereinbarung, wer dies und wer jenes zu seiner Sache machen will: Vertragswirtschaft, die zugleich Ergänzungswirtschaft ist.

    @ricardo
    Ja, da hast du natürlich völlig Recht, was die industrielle, landwirtschaftliche und wissenschaftliche Umstellung der Arbeitswelten und -kulturen betrifft. Soweit ich das hier in Bayern sehen kann, findet das überall großen Zuspruch und vor allem die Bauern würden das - wo ökonomisch möglich - gerne vorantreiben und es findet ja auch schon jetzt zumindest in einer besser verdienenden Schicht genügend Konsumenten (hier in München hat z.B. die Vorzeigelandwirtschaft Hermannsdorfer einige Verkaufsläden, die ständig überfrequentiert sind). Ganz anders als z.B. die Land- und Forstwirtschaft in den ärmeren Regionen und vor allem auch im Ausland, wo die Abholzung des Regenwalds zusätzliche Gefährdungen des Klimas usw. mit sich bringt und vor allem darin begründet ist, dass die Armut sich nur durch Monokulturen erhalten kann, die auch das Widerstandspotenzial minimieren. Ich denke, das sind zwei verschiedene Diskussionen, was dies im Verhältnis zum politischen Veränderungsprozess ausmacht. Dazu denke ich, muss die Eigentumsfrage endlich wieder an erster Stelle stehen, die Forderung nach kommunalem Mietraum, nach öffentlich verfügbarer Lebens- und Produktionsfläche und Produktionsstätten usw. Ich würde gerne diskutieren, wie das gehen kann.

    Im Gegensatz zu den (Zentral-)Planwirtschaftlern aber sollte aus meiner Sicht die leitende und bestimmende Methode kommunalistischer Reproduktion grundsätzlich das Prinzip der Permakultur sein. Durch die hier beschriebene zirkuläre Form des Produzierens können sich die Produktivkräfte nicht nur besser entfalten und deshalb weniger notwendige Arbeit erforderlich machen, sondern auch den Ausbeutungs- und Abfalleffekt zumindest stark absenken, wenn nicht ganz ausschalten. Außerdem ist nachgewiesen, dass diese Art der Produktion die menschliche Reproduktion stabil sichern kann, weshalb sich ihre Anwendung insbesondere und zuvörderst auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse ausgerichtet sein sollte, um von dieser gesicherten Basis aus die erweiterte Reproduktion mit eventuell anderen Produktionsmethoden zu gestalten. Die vordringlichste Aufgabe der Kommunalisten bestände m. E. also darin, finanziert über einen Fonds, hochtechnologische Landwirtschaftskommunen im Sinne der Permakultur aufzubauen. Damit wäre der Grundstein für die Ingangsetzung und Entwicklung eines neuen (revolutionären) Reproduktionssystems gelegt.

    Dieser Vorschlag wird ja inzwischen weitläufig verbreitet. Doch wo er zu Ende gedacht wird, da landet er im Nichts. Lies mal den Artikel, der z.Z. bei ATTAC die Runde macht:
    http://www.monde-diplomatique.…Text1.artikel,a0016.idx,5
    Du kannst da vielleicht diese Kreislaufargumentation des ewigen Ausgleichwillens erkennen, die den grünen Widerspruch deutlich macht: Anfangs totale ökonomische Krise, die als ebensolche ökologische Krise verfasst wird, und dann von der Kritik des „nachhaltigen Wachstums“ zur „wachsenden Nachhaltigkeit“ gut balancierter Verbrauchsgewohnheiten und schließlich zum „pragmatischen Trotzdem“ der biologischen Landwirtschaft mit Abfallvermeidung übergeht. Da ist nicht nur die Natur zur Kreisförmigkeit versteinert, sondern die ganze Argumentation, das verdrehte Bewusstsein nicht als Schere, sondern als Blei im Kopf.
    Das Problem sehe ich darin, dass
    1. nicht unterschieden wird zwischen Wertwachstum und Wirtschaftswachstum, und deshalb auch du die Ausbeutung und Abfälle der industriellen Produktion an sich, und damit nicht der kapitalistischen Industrie zuweist, und dass
    2. nicht erkannt wird, dass die politische Ökonomie unserer Tage den Kapitalismus durch einen Verschuldungszwang aufrecht zu halten sucht, der die Arbeit immer unsinniger macht, die Ausbeutung vervielfacht und Berge von Abfall und zerstörten Ressourcen und Produkte abwirft.
    Dieses Schuldgeldsystem muss wirklich mal gründlich durchdacht werden, denn das kann solange gehen, bis wir vollständig erstickt sind. Es existiert durch eine Kette potenzierter Zahlungspflichtigkeiten, worin die eine die folgende im Wert ihrer Zahlungsverpflichtung verdoppelt und die daraufhin folgenden Preisdiktate und Ausfälle die Menschen an ein tödlich gewordenes System ketten. Dem wird immer weniger zu entkommen sein, auch nicht durch die Fonds, die du vorschlägst um "hochtechnologische Landwirtschaftskommunen im Sinne der Permakultur aufzubauen".
    Solange mit Geldvorschuss hantiert wird, wird ein Schuldgeld bewegt, das seine Rückzahlung nur durch verdoppelte Ausbeutung betreiben kann, weil es seinen bestehenden Wert erwirtschaften muss und zugleich seine Verwertung an die Verhältnisse anpassen muss, also auch Zinsen zu bezahlen hat. Die Enteignung der Enteigner, die inzwischen zu fast 90% der Weltbilanzen mit Eigentumstitel per Verschuldung herrschen, ist immer noch der entscheidende Schritt. Alles andere wird sich darauf dann schon aufbauen lassen.

    Wenn wir eine Bestandsaufnahme machen, müssen wir allerdings sagen, dass sich im Kapitalismus bisher keine reproduktive Form entwickelt hat, aus der absehbar wäre, dass die Lohnarbeiter sich so vom Kapitalismus ablösen könnten, dass sie zumindest nicht schlechter gestellt würden als bisher. Das einzig Positive ist, dass es einen, wenn auch winzigen, Teil von Kommunalisten gibt, die sich zumindest darüber Gedanken machen.

    Das sehe ich nicht ganz so, wenn auch der Horizont der diesbezüglichen Überlegungen noch sehr beschränkt ist, wenn man es auf das Ganze der Reproduktion und Produktion bezogen sieht. In den verschiedenen Bewegungen wie z.B. Recht-auf-Stadt, Teile der Transition-Town-Bewegung (in Paris gibt es schon schöne Beispiele zur produktiven Nutzung des öffentlichen Raums) sind zumindest anfängliche Konzepte im Entstehen, wie aus den gegenwärtigen Installationen urbane Produktionsstätten werden können und wie z.B. die partiell verfügbare Automation (z.B. öffentliche Verfügbarkeit von Backmaschinen, Selbsthilfe-Technologien für Wohnungsbau und Handwerk, öffentliche Produktionsstätten wie z.B. 3D-Drucker usw.) kommunal verfügbar gemacht werden können. Klar: Die großen Entwicklungen sind damit nicht erfasst. Dazu gehört nach meiner Auffassung eben ein großes Netzwerk für kommunale Projekte, die interkommunal nur zu verwirklichen sind. Aber auch hier hält der Kapitalismus immerhin die Technik schon bereit, die nur noch durch die private Eigentumsform als Eigentumstitel auf gesellschaftliche Verkehrs- und Kommunikationsmittel den Menschen entzogen sind. Da fehlt das Bewusstsein, dass gerade dies als erstes und ganz wesentlich infrage gestellt und an die Kommunen übereignet werden muss.


    Du schreibst:
    "aber bei dem, denke ich, fehlt die Bewusstheit, dass sie ihr Anliegen stets unter den Bedingungen des reproduktiven Inhaltes der kapitalistischen Produktionsweise überlegen und besprechen. Also etwa: Eine kommunalistisch organisierte Gesellschaft soll dezentralisiert sein, der Bedarf soll so und so erfasst, die Distribution soll so und so erfolgen, die Produktion so und so organisiert sein usw., aber, alles gut und schön, das Ganze unter der Bedingung, keine wirkliche Bestandsaufnahme über den (weltweiten) Zustand unserer Reproduktionsbedingungen insbesondere hinsichtlich der Sicherstellung der robusten Ernährung und Gesundheit gemacht zu haben und bei den Überlegungen gleichwohl davon auszugehen, als liefe die ganze technische Produktion (wenn auch unter anderen Vorzeichen) in den gleichen technischen und organisatorischen Bahnen weiter wie bisher ab, halt nur dezentral und mit mehr Demokratie."


    Ich denke schon, dass die Reproduktion die Grundsicherheit ist, die sein muss, um weitere Entwicklungen zu schaffen. Die "Erfassung" von Bedarf und Distribution ist in meinen Augen mehr so ne Art Computerspiel, völlig unnötig vor Ort, wo alles zählt, was erreichbar ist. Es gibt so viele Bildschirme, an denen alles leicht und in endlosem Disput ausgesponnen werden kann. Aber der wirkliche Bestand muss die Basis aller Überlegungen sein und kann nur vor Ort den Anfang bilden - ganz vorrangig Rohstoffe, Wohnung und Lebensmittel. Die kommunale Übernahme (in Paris, Wien, München und Berlin z.B. bereits durch Rückkauf von PPP) wird letztlich nur durch die Änderung des Grundrechts auf Privateigentum gehen. Und hierfür ist die Arbeit am Bewusstsein der Menschen nicht zu unterschätzen und auch die Repräsentation durch eine radikale Opposition in den bestehenden Parlamenten, die sich Schritt um Schritt sozialisieren lassen müssen. Dafür allerdings ist ein gediegener wissenschaftlicher Sozialismus erforderlich, der die konkreten Argumente ausarbeitet und verfügbar macht.

    Deshalb bringt uns auch die Diskussion über technische Innovationen nicht weiter, solange sie nicht in die Überlegung einer stabilen Reproduktionsweise mit stetigem Überschuss eingebettet ist. Die Schwierigkeit so etwas hinzubekommen ist eine Riesenaufgabe, die bisher unter den Kommunalisten kaum in Erwägung gezogen, aber vor allem überhaupt noch nicht angegangen wurde. Darunter würden Diskussionen, wie sie gerade hier geführt werden, in eine ganz andere Richtung gehen, vor allem aber müsste die Diskussion, die die nichtkommunalistische Linke führt, als obsolet erscheinen. Die Diskussion einer stabilen Reproduktionsweise mit steigem Überschuss als Keimform und den damit verbundenen entsprechenden Themen, aber vor allem ihre Einrichtung, aus der sich quasi nach der Industrialisierung die vierte Keimfomrevolution ergäbe, wäre deshalb von der radikalen kommunalistischen Linken zu leisten. Dann würden sich viele Probleme der Linken, einschließlich der Kampfstrategien etc. von selbst und m. E. relativ leicht lösen.

    Was verstehst du genau unter "Keimformrevolution". Keimform heißt ja, dass etwas neues zu sähen und zu entwickeln sei, dass das Neue ohne das Alte entstehen könnte. Das ist schon was anderes als die Subversion im Bestehenden. Was ich von der Keimformtheorie bisher mitbekommen habe, ist in meinen Augen ein Nachgehinke hinter den sowieso schon laufenden Individualisierungen des technischen Fortschritts, der Selfmade-Funstorm, der sich als Beitrag zu einem "Commonismus" gibt. Die dahinter stehende Ideologie ist die des Individualismus, dass sich Gesellschaft unmittelbar aus dem Verhältnis von Individuen, alles auf der gleichen Ebene (Peer-to-Peer) ergeben würde, also nicht als Verhältnis von Individuum und Gesellschaft geschichtlich existiere. Die Diskussionen auf keimform.de zeigen inzwischen auch schon überdeutlich, dass auch die "Gleichen unter Gleichen" Regelmechanismen (neue Ethik, Mustertheorie) frei weg von jeder gesellschaftlichen Notwendigkeit nötig haben, um zwischen "Beitrag" und "Verteilung" klar zu kommen. Gesellschaft wird dort nicht zwischen notwendiger und freier Lebensform unterschieden und auf diese Weise unter der Hand zu einer zwischenmenschlichen Geste, derenWillkürlichkeit dann im Nachhinein wie eh und je durch einen Meister der Moral näher bestimmt werden muss.
    Die "stetige Überschussproduktion" läuft so oder so, egal wie wir das nennen. Und die wirklich sozialen Probleme (Kinder-, Jugend- und Altersarmut, die Ausweitung von Sucht und Depression, Brutalisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen, Renten- und Zinsbetrug usw.) sind im Problemhorizont der Keimformtheorie vollständig verdrängt. Kapitalismus ist nicht durch individualisierte Besserstellung auflösbar. Das betreibt er alles selbst und wer Geld genug hat, kann natürlich seine Welt durch 3D-Drucker und dergleichen auch interessanter machen und im Sharing "Gewinne" einziehen, die auch mal jenseits der Warenform zu sein scheinen, obwohl es meist eben doch Waren sind, die "geshared" werden.
    Um wirklich einzugreifen muss man an den Stellen parat sein, wo viele Menschen erkennen können, dass erstens der Börsenmarkt den Großteil ihrer Lebenszeit und Lebensarbeit kassiert und zweitens sie dem nur entgehen können, wo und wenn sie erst mal die vorhandenen Mittel sich aneignen und ihre kommunalen Verhältnisse durch andere Formen der gesellschaftlichen Beschlussfassung ersetzen können. Dieser Organisationsfrage, die an den vorhandenen Strukturen ansetzt, kann man nicht durch Illusionen von individuellen (Mehr-)Beiträgen entkommen, - zumal die Preise der sonstigen Lebenshaltung und Rohstoffe dann auch weiterhin letztlich davon abhängen werden, welche Future-Bunds (Fiktives Kapital) sie bestimmen. Und auch die nettere Überproduktion bleibt Mehrarbeit.

    Ja, die "Arbeiterräte" - besser Arbeitsräte - waren oben sehr unvermittelt eingebracht. Sie sollen aber nicht in dem Umfang gemeint sein, wie sie jetzt im Bezug auf eine Politik der Räte aufgefasst werden. Wir müssen uns klar sein, dass wir hier nur mit Vorstellungen hantieren, die vielleicht irgendwann erst abgerufen werden können, wo entsprechende Diskussionen in konkreten Auseinandersetzungen es erfordern. Bei meiner Vorstellung von einer funktionierenden Kommunalwirtschaft kommen sie als Bestandteil einer Qualifizierten Delegation vor, die ich im Kulturkritischen Lexikon vorerst als Brücke in der Bildung und Vermittlung von Beschlussfassungen dargestellt habe:


    "Wo die Besprechung oder Abstimmung eines Sachverhalts zu einer Beschlussfassung gebracht werden muss, die eine Person oder Personengruppe aufgrund äußerer Umstände oder Prinzipien nicht zustande bringen kann, ist eine Delegation als Abordnung nötig, die diese in ihrem Auftrag zu vertreten hat. Wie frei deren Errmessensraum hierbei ist, das macht die Art der Delegierung aus, die z.B. relativ unbestimmt nur repräsentativ (als Repräsentative Demokratie) oder beratend (als Gremien- oder Rätepolitik) oder quantitativ verfügend (Volksabstimmung) sein kann. Auch die Beziehungen in der Vermittung selbst unterscheiden sich in der Einbeziehung von Fachebenen, besonders von Wissenschaftler und Fachleute zur Mediation aus der Lebenswelt der zu entscheidenden Verhältnisse (z.B. Betriebsräte, Arbeitersräte, Verwaltungsräte). Eine qualifizierte Delegation ist durch einen Auftrag bestimmt, dessen Inhalte sowohl zur Beschlussfassung auf die entsprechende Ebene hochvermitelt, wie auch zur Diskussion zum Auftraggeber zurückvermittelt werden. Sie soll die Beschlussfassung in der Vermittlung von beiden Ebenen finden.


    Sie ist nötig, weil und sofern Menschen nicht einfach ohne den Bezug zu anderen ihnen unmittelbar äußerlichen Ebenen tun können, was nötig ist. weil und sofern Beschlüsse zu einer besonderen oder allgemeinen Notwendigkeit ihr übertragen werden, die Mittel erfordern, die noch nicht verfügbar sind, oder weil eine politische Bestimmung in einer Form gehalten oder fortbestimmt oder geändert werden muss, wenn sie ihren Verhältnissen nicht (mehr) genügt oder weil der Ort oder die Form der Verhältnisse es nicht zulassen, eine Not unmittelbar zu wenden."

    Die Frage wäre nur ob hier von Besetzungen auszugehen ist, oder ob es möglich wäre das Privateigentum schrittweise in kommunales Eigentum inklusive vermehrter direkt- und basisdemokratischer Einflussnahme durch die Lohnabhängigen-Klasse umzuwandeln. Denn gerade in Deutschland sind die Gemeinden ja stark von den Bundesländern und der staatlichen Administration gegängelt.

    Ja, wenn wir diese Einflussnahme in der Form bewirken, in der wir auch wirklich teilnehmen und nicht nur teilhaben. In den Gewerkschaften wird ja auch immer öfter der politische Streik diskutiert, also die Einflussnahme der Lohnarbeitenden auf das gesamte politische Verhältnis. Nicht nur die Lonhöhe steht dann dafür, sondern auch der Grund der Lohnarbeit. Es könnte zur Infragestellung dieser Form der Selbsterhaltung kommen, wenn z.B. die Gewerkschaften die kommunale Übernahme von insolventen Firmen fordern, in denen immer mehr Lohnarbeiter sich durch kommunale Subsistenzindustrien erhalten würden und wenn auch kommunale Arbeit (z.B. Straßen- und Wohnungsbau, Kommunikation, Kita, Bildung, Krankenhaus, Altenbetreuung, Gartenbau, Forstwirtschaft) immer weiter in kommunal kontrollierte Arbeit überführt wird, die von entsprechenden Arbeiterräten vertreten und mit geplant werden. Doch das ist im eigentlichen Sinn nicht so ganz eine "basisdemokratischer Einflussnahme", sondern eine Selbstvertretung im Anteil der Beteiligung. Das Geld hierfür gibt es natürlich nicht. Daher wird das Gelingen sehr davon abhängig sein, inwieweit zugleich die allgemeinere Reproduktion der Menschen durch Arbeitsanteile ohne Geld oder nur mit Rechengeld bewältigt werden kann. Mit zunehmendem Zusammenbruch der Kassen und Infrastrukturen wäre eine diesbezügliche Einmischung möglich und denkbar. Schließlich stellt das ja auch als Erstes eine Entlastung der Sozialkassen dar. Ich denke, dass man in dieser Richtung weiter denken kann, auch vom Standpunkt der Gesundheitsarbeit, der Transportarbeit, der Bildungsarbeit, der Kulturarbeit und, und ... So wie es aussieht ist nur noch solche Utopie wirklich konkret.

    Hallo Mario, hallo Wat,
    mit meinem Einwurf, dass das Kapital nicht im Kampf erobert wird, habe ich natürlich nicht gesagt, dass es keinen Kampf gibt. Den gibt es ja jetzt schon ständig und Besetzungen sind ein gutes Mittel, zumindest um Disfunktionen zu erzeugen und hieraus Konsequenzen zu schaffen. Auch wenn am Ende das Räumkommando der Polizei "siegt", so wird das Getriebe entweder in seinem Selbstverständnis oder im allgemeinen Bewusstsein brüchiger. Alle Formen der Entgegensetzung, die Appellationen, Störungen, Demonstrationen usw. können Sand im Getriebe sein. Es geht aber hier ja nicht um die alltägliche Mühe, sondern um Perspektiven, also darum, worauf sie allgemeiner verstanden hinauslaufen sollten, damit eben auch um eine Machtfrage, die sicherlich nicht erkuschelt werden kann. Das heißt: Kapital existiert nicht einfach durch ein paar Idioten und auch nicht durch Sachgüter. Es ist wesentlich ein politisches Verhältnis, ein Rechtsverhältnis, das sich ökonomisch durchsetzt und politisch zerlegt werden muss. Was das Kapital in den Lebensverhältnissen von Mensch und Natur durch seine Eigentumsmacht zerteilt, muss im Widerstand gegen dieses Recht und seiner ökonomischen Auswirkungen erst verbunden werden. Das verstehe ich unter Subversion.
    Zu viel wird derzeit vor allem mit der Bittstellung um oder der Forderung nach "Gerechtigkeit" verschleiert. Das ist eine Fiktion, eine Vorstellung, eine Idee. Da ist jeder Mensch schnell dabei, der "zu kurz gekommen" ist und im Grunde nur aus dem "Neid um das Bestehende" (Marx) heraus sich in Bewegung setzt. Aber es kann nicht um Gerechtigkeit als solche gehen. Die unterstellt eine Richtigkeit schlechthin, ein richtiges Leben, das alles Falsche ausgemerzt haben muss, um irgendwann zu obsiegen. Es geht daher nicht um DEN RICHTIGEN WEG und nicht um DIE BEWEGUNG ALS SOLCHE, und schon gar nicht um eine SOLIDARITÄT DER SELBSTGERECHTIGKEITEN. Es gibt inzwischen genügend linke Eitelkeiten, die sich missverstanden fühlen. Aber worum geht es eigentlich? Die Natur wird verseucht, die Landwirtschaft zerstört, das Klima aufgeheizt, die Gene manipuliert, die Fische werden abgefischt, Krieg und Terror bestimmt unser Weltbild ... alles, weil die Preisbildung im Weltmassstab durch das fiktive Kapital der Handelsderivate bestimmt ist, und damit nicht mal mehr die realwirtschaftlichen Märkte und Ausgleichsmechanismen innerhalb der Wertverhältnisse funktionieren. Die Marktwirtschaft der bürgerlichen Gesellschaft ist längst am Ende. Es herrscht die Fiktion, die Glaubensgemeinschaft des Kapitals, die Armut und Hunger vermehrt und die klassischen Klassenkämpfe in Bündnisse ums Überleben verwandelt.
    Marxisten könnten in der Lage sein, sich wieder aus den "Leidenschaften des Kopfes" zum "Kopf der Leidenschaften" zu entwickeln, wenn sie durch Bewusstsein und Organisation die Brücken bauen, in denen sich die partikularisierten Lebensansprüche verständigen und einigen können. Und wie das möglich ist, das ist eine tägliche Frage der Theorie und ihrer Praxis.

    Genau hier herrscht wohl Uneinigkeit. Aber ich finde es ist ein wichtiger Punkt, wenn man sich schon wagt Alternativen zu formulieren. Und meiner Erfahrung nach, gestern erst wieder im Gespräch erlebt, sind mehr Menschen unbewusste (libertäre) Kommunisten/Kommunalisten als man denkt. Es fehlt ihnen nur an einer Orientierung.

    Die "Uneinigkeit" müsste näher formuliert werden. Es sind eben nicht alle Kommunisten, die den Kapitalismus "abschaffen" wollen. Dennoch gibt es viele Verhältnisse und Positionen, die im Grunde schon gegen ihn - wenn auch orientierungslos - arbeiten, obwohl das früher oder später in blanken Revisionismus übergehen wird, wenn sie nicht seine Fundamente nicht aufs Korn nehmen. Aber das meine ich auch, dass die vielen kritischen Ansätze, die auch in ganz restaurativen Projekten schlummern (z.B. TransitionTownBewegung, Recht-auf-Stadt-Bewegung, Gewerkschaftliche Bewegungen, Alternativbewegungen usw.) daraufhin überdacht werden sollten, inwieweit sie sich in eine Subversion der Eigentumsverhältnisse durch zunächst partielle und schließlich allgemeine Widerstandsformen bringen lassen. Nötig dafür wird eine Organisation kommunaler Reproduktionsformen sein, die den kapitalimmanenten Reproduktionsformen entgegengestellt werden können.
    Das Kapital wird nicht im Kampf erobert. Es geht kaputt in dem Maße, wie es keine Menschen mehr binden kann, die sich ihm aus purer Existenznot unterwerfen müssen.

    Hallo Mario, hallo Wat,


    Ja, es sind viele Fragen zu klären, wenn Staat und Geld, Zentralismus und die Macht der Willkür überwunden werden sollen. Und da gibt es auch schon viele Vorstellungen dazu.
    Bei den Vorstellungen zu einer rein auf Bedürfnissen gründenden gesellschaftlichen Beziehung und Entwicklung wird so getan, als ob die Arbeit eine Art Wunscherfüllung aller möglichen Vorstellungen sei, die dann gesellschaftlich erfüllt werden, also abgearbeitet werden müssten. Statt dem Diktat des Kapitals wird eine Welt der Wünsche zum Befehlsgeber gesellschaftlicher Arbeit. Und das unterstellt eine neue Art von Zentralismus, weil die Vorstellung davon ausgeht, dass alle Wünsche von allen auch erfüllt werden können. Spätestens mit dem Wusch nach einer Reise auf den Mars wird es da Probleme geben. Das Verhältnis von Wunsch und Erfüllung könnte nur allgemein funktionieren, wenn die Bedürfnisse sich nach bestimmten Kriterien unterscheiden lassen, sich also Bedürfnisse gesellschaftlich dann durchsetzen, wenn sie allgemeineren Vorstellungen entsprechen. Es entstünde aber hieraus wieder eine Konkurrenz der Bedürfnisse, die eine Machtfrage von „hintenrum“ stellt (wer hat die besseren Worte, Beziehungen, Anreizungen usw.). Nein.
    Es muss ein Verhältnis von Arbeit und Bedürfnis bestimmend sein, worin der Aufwand maßgeblich ist und das Bedürfnis seinen Inhalt ausmacht und auch fortbilden kann. Und dabei ist notwendige Arbeit nicht unbedingt nützliche Arbeit, weil kulturelle Bildung nicht nützlich sein muss, und nützliche Arbeit nicht unbedingt notwendig, weil die menschliche Schöpferkraft über den vorhandenen Nutzen immer auch hinausgreifen kann, was oft erst sehr viel später erkannt wird.
    Wo die Bedürfnisse schon dem Lebensstandard der Menschen entsprechen, ist es nicht so schwer, notwendige Arbeit zu bestimmen, weil man dann sagen kann, ihn zu erhalten ist notwendig. Notwendige Arbeit wendet Not ab – so auch im Sprachgebrauch von Marx. Wenn etwas Bestehendes nicht funktioniert oder der Stoffwechsel es verlangt, so wendet eine Arbeit zur Bewältigung des Problems eine Not. Nicht aber die Arbeit, die wirklich Neues schafft. Eine Dampfmaschine zu erfinden war nicht notwendig, aber sehr nützlich. Umgekehrt, wenn sie nicht funktioniert. Da ist dann alles darauf eingestellt und es herrscht Not, die schnell behoben werden muss, weil sie gesellschaftliche Selbsterhaltung gefährdet. Dasselbe mit Computer, Internet, Verkehrsmittel usw. Die vielen Entwicklungen, die heute unseren Lebensstandard ausmachen, waren zum Teil wohl auch notwendig, um einen Engpass oder dergleichen aufzuheben. Der muss wissenschaftlich erkannt und gesellschaftlich bestätigt und damit als notwendige Arbeit angerechnet werden.
    Mit den Reservefonds, die zur notwendigen Arbeit gerechnet werden, können nur notwendige Planungen gemeint sein, die sich aus folgerichtiger Erkenntnis von Engpässen klar ergeben (z.B. Bevölkerungswachstum, Existenzsicherung, Altersicherung usw.). Von daher lässt sich der Lebensstandard auch darin klar bestimmen. Meist gehört all diese Arbeit eben auch zur Lebensgewohnheit und hat von daher auch die entsprechenden Arbeitswelten geschaffen, wofür es überflüssig ist, die Bedürfnisse zu erfassen und daraufhin erst die Arbeit zu planen. Das ist nicht einfach nur nützliche Arbeit, sondern Subsistenzarbeit. Diese muss im Großen wie im Kleinen organisiert und bewältigt werden, ohne dass Menschen damit erpresst werden dürfen, wie das Kapital es bisher macht.
    Zur Grundsicherung gehört alles, was die Notwendigkeit des gegebenen durchschnittlichen gesellschaftlichen Selbsterhalts erfüllt. In einer entsprechenden Beschlussfassung nach Diskussion wissenschaftlicher Vorlagen können die bestätigt oder abgewiesen oder neu beordert und dann umgesetzt, also auf eine erforderliche und also gesellschaftlich verbindliche Arbeitsleistung der arbeitsfähigen Menschen im Allgemeinen verteilt werden (nach heutigen Schätzungen könnte diese z.B. mit 2 Stunden pro Tag und arbeitsfähigem Menschen bewältigt werden). Aber meist waren Erfindungen, Bauvorhaben, Kulturgüter und dergleichen nicht konkret notwendig.
    Wirklichen Reichtum bildende Arbeit, also eine Arbeit, welche die menschlichen Verhältnisse durch neue Sinnbildungen und dergleichen anreichert, ist nicht unbedingt notwendig, oft nicht mal nützlich. Sie stellt eine Mehrarbeit dar, die entweder einzelne Individuen einbringen oder die auch von einer Gruppe gewollt sein kann. Wo eine Gruppe – z.B. eine Genossenschaft – diesen Willen teilt, muss das organisiert werden. Das gibt es heute z.B. schon durch das so genannte Crowdfunding, das noch auf Geld beruht. In einer Ergänzungswirtschaft könnte das auch vertragsmäßig mit Arbeitsversprechungen von einzelnen, von Kommunen oder Regionen machbar sein. So war mein Gedanke von einer „Sozialistischen Aktiengesellschaft“ entstanden. Schließlich soll es auch weiterhin große Projekte geben, die nicht individuell bewältigt werden können und doch nicht unbedingt notwendig – eben wirkliche Bereicherung sind.

    Ja gut. Dabei könnten wir es belassen. Ich denke aber, dass wir damit der Auflösung der dahinter stehenden Diskussionen nicht näher gekommen sind. Da geht es ja um sehr viel mehr. Vor allem die Frage, was will man erreichen und wo kann man hierfür ansetzen und wie kann man das organisieren und warum sollte man das tun? All das zusammen macht das Geschichtsverständnis aus, in welchem wir diese Gesellschaft ändern wollen.
    Für mich jedenfalls ist es sonderbar, warum mein umfassendes Diskussionsangebot hierzu auf diese Seite hier verwiesen wurde, als ich einen Teil des Mehrprodukts auf mehr arbeitende Individuen zurückvermittelt sehen wollte. Ich halte es gerade nach den „Erfahrungen“ mit dem Realsozialismus für unabdingbar, dass eine Grundsicherung für alle, also die Reproduktion des bestehenden Lebensstandards, von der Gemeinschaft geplant und als Subsistenzwirtschaft organisiert wird, und alle Fortbildungen der Gesellschaft dem freien Engagement und der Initiative von entsprechend begabten Menschen überlassen bleibt und auch der Bereicherung entsprechend durch Anteil am Fortschritt zukommen soll. Ein Aufrechnen und Verhaushalten von Bedürfnissen, wie sie in Wals Vorstellung der „Kommune Bochum“ vorgestellt wird, ist hierzu m.E. völlig irrwegig.

    Diese Zweiteilung kann ich gut nachvollziehen. Aber ich habe größte Bauchschmerzen den „schönen Teil“ des kommunistischen Tages mit dem Begriff "Mehrarbeit" und "Mehrprodukt" zu kennzeichnen, der in der gesamten bisherigen Menschheitsgeschichte wesentlich mit Ausbeutung und Unterdrückung verknüpft und verbunden war. Ohne Ausbeutung und Unterdrückung gab es in der bisherigen Geschichte der Menschheit noch niemals Mehrarbeit/Mehrprodukt.
    Das Mehrprodukt ... , das übrig bleibt, nachdem die Arbeiterklasse ihren Anteil von ihrer eigenen jährlichen Produktion erhalten hat, bildet die Substanz, von der die Kapitalistenklasse lebt. K. Marx, Theorien über den Mehrwert II, MEW 26.2, 419.“


    Es geht mir nicht um die Aufteilung von „schöner“ oder „unschöner“ Arbeit und nicht um eine Tageseinteilung in einer sozialistischen oder kommunistischen Gesellschaft, sondern um das Verhältnis von Notwendigkeit und Freiheit zwischen Individuum und Gesellschaft, das von der Wertform befreit ist, also kein Klassenverhältnis mehr zur Grundlage haben soll. Von daher erübrigen sich alle Zitierungen von Mehrproduktion in einer Mehrwert produzierenden Gesellschaft, worin natürlich die herrschende Klasse das Mehrprodukt als Mehrwert aneignet und darüber hinaus dessen Macht über den Arbeitsprozess dazu verwendet, die Menschen für die Geldvermehrung jenseits der Mehrproduktion arbeiten zu lassen.


    Bei einer Diskussion hierüber sollte die Kritik daran und auch die Bedingungen einer Aufhebung der gegenwärtigen Gesellschaft klar formuliert sein. Es geht bei einer Kritik der politischen Ökonomie implizit natürlich auch um Vorstellungen von einer klassenlosen Gesellschaft, die eine Geschichte überwunden haben soll, in welcher Klassenkämpfe die gesellschaftliche Triebkraft ausmachen. Im Hintergrund bleibt der Hinweis von Marx, dass es notwendige Arbeit und Mehrarbeit immer geben wird. Bei der Diskussion um die Frühsozialisten hat er auch deutlich gemacht, dass es überhaupt falsch ist, eine Gesellschaft wie ein Subjekt abzuhandeln, weil sie endlich als menschliche Objektivität begriffen werden muss, als Resultat und Ursprung der Verhältnisse von Menschen, die sich darin sowohl vergegenständlichen wie auch sich bilden und fortbilden. Es geht also um eine Umkehrung der bisherigen Geschichte, in der das Verhalten einer objektiven gesellschaftlichen Macht und ihrer Produktivkraft das Leben der Menschen bestimmt hat, indem die Produktivkraft von den Menschen angeeignet wird, um damit ihre notwendige Arbeit zu bewältigen und sie ansonsten gesellschaftlich freigestellt sein sollen, ihre darüber hinausgehenden Bedürfnisse und Arbeiten frei zu erfinden und zu entwickeln, so dass „die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben (kann): Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ (MEW 19, Seite 20*ff)


    Und wenn man aus der Kritik der politischen Ökonomie Vorstellungen hierzu entwickeln will, so hat sie Marx beispielsweise auch im Kapital zunächst mal als eine sozialistische Vereinigung erschlossen:
    „Stellen wir uns ... einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben. ...
    Das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt. Ein Teil dieses Produkts dient wieder als Produktionsmittel. Es bleibt gesellschaftlich. Aber ein anderer Teil wird als Lebensmittel von den Vereinsgliedern verzehrt. Er muss daher unter sie verteilt werden. Die Art dieser Verteilung wird wechseln mit der besonderen Art des gesellschaftlichen Produktionsorganismus selbst und der entsprechenden geschichtlichen Entwicklungshöhe der Produzenten.“ (MEW 23, S. 92)


    Da geht es nicht um einen Status der Produktion und der Verteilung ihrer Produkte, sondern um ein geschichtliches Verhältnis von Werden und Vergehen, worin das Nötige gesellschaftlich organisiert wird, um zur Bildung eigener Geschichte und Sinne frei zu sein und die Reichhaltigkeit der gesellschaftlichen Beziehungen und Sachen fortzubilden.


    Die Entfremdung der Menschen von ihrer Gesellschaft hat mit der Verarmung ihrer Lebensmöglichkeit extensiv und intensiv zugenommen und hat längst eine kritische Masse erreicht, die auch über die klassischen Bestimmungen der Klassenlagen hinausreicht. Um die darin entstandenen und entstehenden sozialen Bewegungen zu einem radikalen Bewusstsein ihrer Lebensverhältnisse anzustoßen, muss endlich der proletarische Narzissmus überwunden werden, der auf einem Ausbeutungsverständnis beruht, dass nur die Ausbeutung der unmittelbar produktiven Arbeitskraft diese Entfremdung betreibt. Von daher ist gerade heute Kulturkritik als Kritik der politischen Kultur nötig und eine Internationalisierung der Wirtschaft auf der Ebene der einfachsten Lebensverhältnisse: internationale Kommunalwirtschaft. (http://kulturkritik.net/index_allgem.php?code=pfrwol131)

    Dein Resümee: „Mehrarbeit und Mehrprodukt sind/waren überwiegend die Existenzgrundlage der herrschenden Klassen und sind insofern Merkmale der fremden Aneignung von Arbeit. Im Sozialismus/Kommunismus gehört das gesamte Arbeitsprodukt den Produzenten, die die gesamte Gesellschaft ausmachen. Mehrarbeit und Mehrprodukt, die jenseits der vorhandenen ("notwendigen") Bedürfnisse liegen, verschwinden.“


    Diese Auslegung hatten wir schon mal. Es war die Grundlage der Planwirtschaft des Realsozialismus, die daraus den Sozialismus als das Gesamtsubjekt, als „gesamte Gesellschaft“ eines Arbeiter- und Bauernstaats konstruiert hatte. Dein Resümee ist daher ein fundamentaler Rückschritt in der Diskussion hierüber.
    Mehrarbeit und Mehrprodukt sind nur „die Existenzgrundlage der herrschenden Klassen“, weil und sofern sie über deren Gesellschaftsform, den Mehrwert der Produkte verfügen. Daraus zu folgern, dass es keine gesellschaftlich freie Mehrarbeit im Kommunismus geben soll, stellt die Marx'sche Argumentation auf den Kopf, der ja gerade darauf hinweist, dass Jenseits des „Reichs der Notwendigkeit“ die freie menschliche Kraftentwicklung“ beginnt, „die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühen kann.“ (MEW 25, Seite 827) Dass der Realsozialismus dies nicht begriffen hat, war wohl ein wesentlicher Grund seines Scheiterns.


    Überhaupt lässt sich eine gesellschaftliche Revolutionierung nicht aus ihrem Organismus begründen, sondern nur aus der Form, aus der Aneignungsform ihrer Produkte. In der bürgerlichen Gesellschaft ist jeder Gebrauchswert Werträger und jede Arbeit Wertbildner, so die Mehrarbeit natürlich Bildner von Mehrwert, weil der Wert zwischen Produktion und Konsumtion vermittelt, also das wirklich abstrakte Bindeglied ist. Vorstellungen von einem Kommunismus sollten von der Freiheit ausgehen, in der die Notwendigkeiten auch wirklich und immer wieder aufgehoben werden. Das halte ich für fundamental. Dazu braucht es zwar eine Organisation der notwendigen Arbeit, nicht aber die Subsumtion einer Mehrarbeit unter deren Zweck. Dass Mehrarbeit immer sein wird, wie Marx bemerkt, heißt nicht, dass man dazu übergehen müsste, Bedürfnisse ob ihrer Notwendigkeit zu befragen und damit zu haushalten. Sie sind vielleicht genauso „notwendig“, wie die Reproduktion und Vermehrung der Menschen ist. Aber diese Notwendigkeit hat ja die Natur schon längst in Betrieb gesetzt und es sollte doch jedem Menschen frei stehen, wann und wie er dem Folge leistet und was er über das gesellschaftlich nötige hinaus erreichen und wofür er dann auch mehr arbeiten will, ohne dass ihm das von einem gesellschaftlichen Subjekt der Arbeit diktiert wird. Dieses Thema hat doch Marx auch zur Genüge in seiner Kritik an § 2 des Gothaer Programm des Ferdinand Lassalle abgehandelt:


    Zweiter Teil des Paragraphen: “Nutzbringende Arbeit ist nur in der Gesellschaft und durch die Gesellschaft möglich."
    Nach dem ersten Satz war die Arbeit die Quelle alles Reichtums und aller Kultur, also auch keine Gesellschaft ohne Arbeit möglich. Jetzt erfahren wir umgekehrt, daß keine "nutzbringende" Arbeit ohne Gesellschaft möglich ist.
    Man hätte ebensogut sagen können, daß nur in der Gesellschaft nutzlose und selbst gemeinschädliche Arbeit ein Erwerbszweig werden kann, daß man nur in der Gesellschaft vom Müßiggang leben kann etc. etc. - kurz, den ganzen Rousseau abschreiben können.
    Und was ist "nutzbringende" Arbeit? Doch nur die Arbeit, die den bezweckten Nutzeffekt hervorbringt. Ein Wilder - und der Mensch ist ein Wilder, nachdem er aufgehört hat, Affe zu sein - der ein Tier mit einem Stein erlegt, der Früchte sammelt etc., verrichtet "nutzbringende" Arbeit.
    Drittens: Die Schlußfolgerung: "Und da nutzbringende Arbeit nur in der Gesellschaft und durch die Gesellschaft möglich ist - gehört der Ertrag der Arbeit unverkürzt, nach gleichem Rechte, allen Gesellschaftsgliedern."
    Schöner Schluß! Wenn die nutzbringende Arbeit nur in der Gesellschaft und durch die Gesellschaft möglich ist, gehört der Arbeitsertrag der Gesellschaft - und kommt dem einzelnen Arbeiter davon nur soviel zu, als nicht nötig ist, um die "Bedingung" der Arbeit, die Gesellschaft, zu erhalten.“ (MEW 19, Seite 16)