Posts by Wal Buchenberg

    Angestoßen durch die Proteste der Gelbwesten hatte der französische Staatspräsident eine "Große Debatte" angeregt. Man sammelte 1,9 Millionen Postings in dem offiziellen Debatten-Forum, wertete über 10.000 städtische Meetings mit Politikern, gut 16.000 Bitt- und Protestresolutionen und fast 30.000 Emails und Zuschriften aus.


    Erste Auswertungen (durch staatliche Stellen) zeigen gemeinsame, aber nicht neue Problemfelder: Die Mehrzahl der Protestierenden stufen den Klimaschutz als "dringend" ein, sie beschweren sich über die hohe Steuerlast, die die Lohnabhängigen belastet, sie wenden sich gegen die Macht der Zentralgewalt und wollen mehr Entscheidungsmacht auf kommunaler Ebene und sie sind sich einig in der Kritik an der "komplizierten, inkompetenten, rücksichtslosen und verschachtelten" Bürokratie in Frankreich.


    Quelle: The Economist

    In China wurden im letzten Jahr mit 23 Millionen PKWs mehr Autos hergestellt als in irgend einem anderen Land der Welt. Auch bei den Elektrofahrzeugen ist China Spitze: 2018 wurden in China fast so viele E-Autos (Batterie, Hybrid und Plug-in) verkauft wie in allen anderen Ländern zusammen.

    Zur Zeit bewegen sich 325 Millionen Autos auf Chinas Straßen – die meiste Zeit bewegen sie sich nicht, sondern stehen. Von 20 Städten mit überfüllten und verstopften Straßen liegen 8 Städte in China.

    Was dabei oft übersehen wird: Der öffentliche (Fern)Verkehr wurde in China ebenfalls ausgebaut. Der Rückweg aus der Sackgasse Individualverkehr ist aus Zeit- und Kostengründen, aus Klimagründen und aus Gesundheitsgründen gleich unvermeidlich.

    Aber dieser Rückweg aus der PKW-Sackgasse ist besonders schwer und langwierig in den USA und in Europa.


    Unter Linken ist es üblich, von einer „deutschen Hegemonie über Europa“ zu erzählen – ein linkes Narrativ. Tatsächlich wurden bisher in der EU-Kommission und bei europäischen Regierungstreffen alle Entscheidungen im Konsens gefällt. Trotzdem bieten sich die EU-Behörden als Projektionsfläche für Kritik aus den Mitgliedsländern an, weil es innerhalb der EU die Notwendigkeit und den Zwang gibt, einheitliche Lösungen zu finden. Das gestaltet sich schwieriger, seit es im Gefolge der Krise von 2008, und erst recht seit der Flüchtlingskrise von 2015 es nicht mehr nur um die Verteilung von Subventionen geht, sondern zunehmend um die Zuteilung von Krisenfolgen. Vor allem aus bisherigen Subventionsempfängern wie Griechenland, Umgarn, Spanien und Portugal oder Italien wurde seit 2008 die Kritik an der EU genutzt, um von dem Versagen der eigenen Machteliten abzulenken. Auch in England wurde der wirtschaftliche Niedergang mit zunehmender Verschuldung der Privathaushalte und Kleinbetriebe den Brüsseler Behörden in die Schuhe geschoben. Auch in England wurde mit der Kritik an der EU von dem Versagen der britischen Machteliten abgelenkt.

    Nun stehen diese britischen Eliten vor einem selbstgeschaffenen Dilemma: Sie behaupteten, sie könnten durch den Austritt aus der EU für mehr Wohlstand sorgen. Das entlarvt sich als große Lüge. Falls die EU als Sündenbock wegfällt, müssen die Politiker untereinander neue Sündenböcke finden. Das erschwert jede Kompromisslösung. Die ehemals verschworene Gemeinschaft der politischen Klasse in Großbritannien zerfällt.


    in English:

    It is common among leftists to talk about a "German hegemony over Europe" - a left narrative. In fact, so far in the European Commission and at European government meetings, all decisions have been taken by consensus. Nevertheless, the EU authorities offer themselves as a projection screen for criticism from the member states, because within the EU there is the necessity and the compulsion to find uniform solutions. This has become more difficult since, in the aftermath of the 2008 crisis, and even more so since the 2015 refugee crisis, it is no longer just about distributing subsidies, but increasingly about allocating a shortage.

    Since 2008, criticism of the EU, in particular, has been used by former recipients of subsidies, such as Greece, Ungarn, Spain and Portugal or Italy, to distract attention from the failure of their own power elites. In England too, the economic decline was blamed on the Brussels authorities with increasing indebtedness of households and small businesses. Even in England, the criticism of the EU intended to distracted from the failure of the British power elites.

    Now these British elites are facing a self-created dilemma: they claimed that they could provide more prosperity by leaving the EU. This exposes itself as a big lie. If the EU disappears as a scapegoat, british politicians must find new scapegoats among themselves. This makes any compromise solution difficult. The once-sworn community of the British political class is falling apart.

    Spiegel:"Wenn Immobilien in attraktiven Städten so viel teurer geworden sind, liegt das Schätzungen zufolge zu 80 Prozent daran, dass die Bodenpreise gestiegen sind ..."


    Wo der Boden zum äußerst knappen Gut geworden ist – wie überall in den Großstädten, dort hilft kein vermehrter Wohnungsbau gegen immer höher steigende Mietpreise.

    Wo der Boden zum Spekulationsobjekt geworden ist, da hilft nur noch die Kommunalisierung des Bodens, so dass der Preis des Bodens nicht mehr Teil der Mietkosten ist.


    Siehe auch:


    Zur Miete in Deutschland 1992-2012']


    H.-D. von Frieling: Städtische Wohnungsnot und Profitlogik

    Zur Zeit befasse ich mich mit der Vorgeschichte der Revolution in Deutschland und welche Lehren wir aus dieser Revolution ziehen können.

    Welche Erfolge hat sie erzielt, welche Niederlagen hat sie erlitten? Was sind daher die Besonderheiten, die künftige Revolutionäre in Deutschland berücksichtigen sollten?

    Für diese Studien habe ich bisher sämtliche politischen Schriften von Rosa Luxemburg exzerpiert und als alphabetisches Stichwortverzeichnis veröffentlicht.


    Als eine der vorläufigen These gebe ich schon mal Folgendes zu bedenken:

    „Beobachter innerhalb und außerhalb Deutschlands ... haben seither (seit der Novemberrevolution 1918, w.b.) nicht aufgehört, die deutsche Arbeiterbewegung für ihre ängstliche Ordnungsliebe und ihren Mangel an revolutionärem Feuer zu verspotten. Nur wenige Historiker .... haben bemerkt, ... dass die Sorge um die Aufrechterhaltung der ‚Ordnung‘ in einer nationalen Krise, d.h. um die Kontinuität der Verwaltung, des Transportwesens, der Lebensmittelversorgung und des Gesundheitsdienstes, zu den Begleiterscheinungen komplizierter industrieller Zivilisation gehört.“ (Willy Brandt, 1957, zit. n. Eberhard Kolb, 100.).


    Hinter dieser Behauptung von Willy Brandt steht die Meinung dass die zentralisierte staatliche Verwaltung mindestens so wichtig sei wie die Lebensmittelversorgung und die Energieversorgung der Haushalte und der Betriebe: „Ein Aussetzung des Verwaltungsapparates auch nur für einige Tage muss in einem verstädterten Land zum Zusammenbruch der Lebensmittel- und Energieversorgung führen.“ Eberhard Kolb, Die Arbeiterräte in der deutschen Innenpolitik 1918-1919; S. 99.


    Ich schließe daraus: Der Erfolg einer jeder Revolution in Deutschland hängt davon ab, ob die Revolutionäre die Lebensmittel- und Energieversorgung der Städte ohne die bisherige staatliche Verwaltung aufrechterhalten und organisieren können. Revolutionäre - wie die von 1918, die sich auf den bestehenden Staatsapparat stützen wollen, haben schon verloren.


    Gruß Wal

    Den Einwand freilich möchte ich zu entkräften suchen. ... Nach der stofflich-gegenständlichen Seite hin, also der Produktionsprozeß als konkreter Arbeitsprozeß betrachtet, muß der Arbeiter über die Produktionsmittel verfügen, indem er sie sachgerecht und souverän einsetzt und beherrscht ...

    Du willst also deinen ganz subjektiven Sprachgebrauch rechtfertigen und verteidigen und sprichst von einer "Herrschaft der Lohnarbeiter über die Produktionsmittel", obwohl der Duden (und Marx) das Gegenteil sagen - ganz zu schweigen von der Arbeitserfahrung von Millionen Lohnabhängigen (einschließlich meiner eigenen).

    "Herrschaft" heißt eben nicht nur, dass man die Mittel bedienen kann wie ein angestellter Chauffeur , der umgangssprachlich (!) das ihm nicht gehörende Auto "beherrscht", sondern notwendig gehört zur Herrschaft, dass der Herrschende die Zwecke und Ziele setzt, die andere für ihn ausführen und erledigen müssen.

    Von dieser freien Ziel- und Zwecksetzung über und für die Produktionsmittel sind wir Lohnarbeiter durch eben die Abhängigkeit von und der Unterordnung unter das Privateigentum der Kapitalisten getrennt und ferngehalten.


    Marx zum Vergleich:
    „In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine. Dort geht von ihm die Bewegung des Arbeitsmittels aus, dessen Bewegung er hier zu folgen hat. In der Manufaktur bilden die Arbeiter Glieder eines lebendigen Mechanismus. In der Fabrik existiert ein toter Mechanismus unabhängig von ihnen, und sie werden ihm als lebendige Anhängsel einverleibt.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 445.


    „Selbst die Erleichterung der Arbeit wird zum Mittel der Tortur, indem die Maschine nicht den Arbeiter von der Arbeit befreit, sondern seine Arbeit vom Inhalt.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 446.


    „Durch seine Verwandlung in einen Automaten tritt das Arbeitsmittel während des Arbeitsprozesses selbst dem Arbeiter als Kapital gegenüber, als tote Arbeit, welche die lebendige Arbeitskraft beherrscht und aussaugt. Die Scheidung der geistigen Potenzen des Produktionsprozesses von der Handarbeit und die Verwandlung derselben in Mächte des Kapitals über die Arbeit vollendet sich, wie bereits früher angedeutet, in der auf Grundlage der Maschinerie aufgebauten großen Industrie. Das Detailgeschick des individuellen, entleerten Maschinenarbeiters verschwindet als ein winzig Nebending vor der Wissenschaft, den ungeheuren Naturkräften und der gesellschaftlichen Massenarbeit, die im Maschinensystem verkörpert sind und mit ihm die Macht des Kapitalisten bilden.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 446.


    „Der Fabrikkodex, worin das Kapital seine Autokratie über seine Arbeiter, ohne die sonst vom Bürgertum so beliebte Teilung der Gewalten und das noch beliebtere Repräsentativsystem, privatgesetzlich und eigenherrlich formuliert, ist nur die kapitalistische Karikatur der gesellschaftlichen Regelung des Arbeitsprozesses, welche nötig wird mit der Kooperation auf großer Stufenleiter und der Anwendung gemeinsamer Arbeitsmittel, namentlich der Maschinerie.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 447.


    An der Spitze der Arbeitshierarchie sieht die Unterordnung unter die Zwänge des Kapitals etwas rosiger aus, als bei der Mehrheit der Lohnarbeiter. Marx beschreibt und analysiert aber die Schicksale der Mehrheit.


    Für mich macht eine Fortsetzung der Debatte darüber ob, wo und wie wir Lohnabhängige "herrschen" keinen Sinn.


    Gruß Wal

    Einspruch!

    Ja das Eigentum kann von der Verfügungsgewalt getrennt sein. Duden: Verfügungsgewalt = die Macht, über etwas zu bestimmen, zu herrschen.

    Wenn zum Beispiel ein Dieb ein Auto oder ein Fahrrad entwendet, dann sind Eigentum und Verfügungsgewalt von einander getrennt. Der Eigentümer kann das Fahrzeug nicht nutzen, aber der Dieb kann damit machen, was er will.


    Dass Kapitalisten die privaten Eigner der Produktionsmittel sind, das gestehst du zu. Dass aber die Lohnarbeiter die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel hätten, - wie du behauptest - , dass sie damit machen könnten, was ihnen beliebt, das ist eine Vergewaltigung der Sprache und eine Verzerrung der Wirklichkeit.


    Gruß Wal


    P.S. Du kannst die kapitalistische Wirklichkeit in der Sprache beschreiben, die dir gefällt.

    Wenn da aber hier im Marx-Forum in einen sinnvollen Dialog (Multilog) treten willst, dann halte dich bitte an die normalen Bedeutungen des Deutschen, wie sie von der Dudenredaktion oder in einem anerkannten Fachwörterbuch (juristisches Wörterbuch etc.) beschrieben werden.

    Hallo Renée,

    Ich habe amerikanische Meinungsumfragen von PEW abonniert, aber seit Trump Präsident sind, bringen die kaum noch interessante Umfragen (Immer nur Republikaner-Demokraten, Demokraten-Republikaner) Am besten, du guckst dort selbst mal rein:

    https://www.pewresearch.org/follow-us/


    Und wenn du in einer Antwort hier ein Zitat einfügen willst, kannst du entweder unter dem Posting, auf das du antwortest auf die """ (Gänsefüßchen) klicken - dann hast du das gesamte ursprüngliche Posting in einer Textbox und musst da rauslöschen. Falls du nur einen Satz zitieren willst, kannst du diesen Satz im Original markieren und kopieren, dann in deiner Antwort im Menü auf die Sprechblase in der zweiten Reihe ganz links klicken. Dann öffnet sich eine Zitatbox, in die du den kopierten Satz ein einkopieren kannst.


    Gruß Wal

    Ich interpretiere das ganz grob so, dass Polizei und Justiz mit "Schutz der Bevölkerung", Militär mit "Schutz der Nation" (aber auch Krieg) in Verbindung gebracht wird.

    Ja, darauf läuft es wohl hinaus.

    Bei Mehrfachnennung <10 % Zustimmung zu Militärausgaben ist ziemlich gering. 2 verlorene Weltkriege haben wohl Auswirkungen auf die Psyche der Deutschen, neben anderen Faktoren natürlich.

    Das ist zu hoffen. Aber es ist auch zu hoffen, dass die verlorenen Kriege nachhaltige Auswirkungen auf die herrschenden Klassen in Deutschland haben.

    Die Ergebnisse anderer Länder wäre noch interessant, Frankreich, GB, USA als "Sieger", aber auch weitere, vor allem Anrainerstaaten und die "neutrale" Schweiz.

    Wurde die USA eigentlich seit ihrer Unabhängigkeit jemals auf ihrem Staatsgebiet von außen militärisch angegriffen? Das Gefühl in der Bevölkerung, von außen bedroht zu sein, steht in diametralem Verhältnis zur militärischen Übermacht der USA.

    Keine Ahnung, wie hoch die Militärausgaben der Schweiz sind. Aber bei den alten und jungen Kolonialmächten, zu letzteren zählen ja die USA, ist Krieg immer noch mit "Beute machen und seinen Willen durchsetzen" verbunden, also eher positiv besetzt.

    Nochmal zur Grafik, Schule und Bildung ist den Deutschen am wichtigsten. Bei Feynsinn hatte ich in meinem Post http://feynsinn.org/?p=11354#comment-88549 verlinkt: "Etat für Bildung und Forschung soll 2020 um 533 Millionen gekürzt werden ". Sollte es so kommen, wird das - überspitzt gesagt - nicht in Riesenlettern vorne auf der BILD bekannt gegeben. Und so ist es doch mit allem, Informationen, welche die Lebenssituation der Bevölkerung betreffen, werden entweder gar nicht veröffentlicht oder so, dass man nur mit ausreichend Grund- und Hintergrundwissen erkennen kann, welche Auswirkungen es auf ihr Leben hat.

    Ich glaube, so sehr ins Detail gehen die Kenntnisse der Leute gar nicht. Oder kannst du auf Anhieb sagen, wieviel Prozent vom gesamten Bildungsetat die 533 Millionen machen? Ich weiß das nicht.


    Ich bringe aber immer wieder mal Meinungsumfragen - weniger wegen Orientierung in Einzelfragen - als vielmehr um zu zeigen, dass die Mehrheit der Leute nicht so bekloppt sind, wie viele Linke denken.

    Meinungsumfragen im Marxforum


    Gruß Wal

    Dass ein Donald Trump fordert, die Bundesregierung solle mehr Geld für Militär rauswerfen, ist bekannt.

    Weniger bekannt ist, dass mehr als 90 Prozent der Bundesbürger zusätzliche Ausgaben für das Militär ablehnen.


    Sollen wir gespannt sein, wessen Meinung bei der Bundesregierung zählt?

    Hallo renee,

    In den Warenkorb gehen Waren ein, die wir täglich kaufen (Lebensmittel) und Waren, die wir monatlich kaufen (Kleidung) und Waren, die wir Jährlich oder in noch größeren Abständen (Waschmaschine, Haushaltsgeräte) kaufen. Die Preise für Milch etc. hat jeder von uns im Kopf, die Preise für Haushaltsgeräte kümmern uns erst, wenn wir was neu brauchen. Die Preissteigerungen für Lebensmittel werden daher von uns wahrgenommen, Preissenkungen z.b. bei Fernseher nicht. Die Inflationsrate ist aber die gewichtete Summe aus allen Konsumgütern, die in den durchschnittlichen Verbrauch eingehen.

    Das heißt aber auch, dass die tatsächliche Inflation für Arme IMMER höher ist, als es die offizielle Rate ausweist, weil sie mehr für Essen und weniger für hochwertige Geräte ausgeben.

    Gruß Wal

    Hallo renée,

    mitteilen kannst du dich hier. Für solchen Gedankenaustausch ist das Marx-Forum da.

    Ob du dabei Leute findest, die ähnlich denken wie du, das lässt sich nicht vorhersagen. ;)


    Falls du solche Leute findest, gibt es technisch auch die Möglichkeit, dass du hier dein eigenes Unterforum einrichtest, in dem du selbständig die Moderation machst und in dem du entscheidest, wer mitdiskutieren darf und wer nicht.

    Ich muss nur darauf bestehen, dass auch diese Diskussion öffentlich, also auch für Gäste einsehbar ist.


    Gruß Wal

    Hallo renée
    Tut mir leid, wenn dir meine Antwort nicht gefallen hat.

    Ich weiß auch nicht, wo ich dir empfohlen hätte, über das Wetter und andere Belanglosigkeiten zu diskutieren.

    Du sagst: Du sprichst mit Leuten, die "wegen irgend einer Sache 'empört'" sind. Das ist schon mal ein guter Anfang.


    Meine Meinung ist: Die Leute sollen ihre Empörung praktisch machen und das bekämpfen, was sie stört.

    Ich bin der Letzte, der sagen würde: Empörung und Kampf gegen einzelne Misstände würden sich nicht lohnen. Ganz im Gegenteil, der Kampf gegen viele einzelne Kleinigkeiten ist die Form, in der sich die Emanzipation vom Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten fortbewegt hat.

    Irgendwann und irgendwo auf diesem Weg suchen die Leute dann auch nach dem Geheimnis, was den Kapitalismus scheinbar so unüberwindlich macht. Einen "Königsweg" (eine leichte Abkürzung) dorthin sehe ich nicht.


    Gruß Wal

    Hallo Renee,

    die Hauptfrage ist da wohl, was denn als das Grundübel des Kapitalismus angesehen wird.

    - Es gibt Leute, die sehen in der Trennung von Arm und Reich das Grundübel und fordern deshalb "Umverteilung". Falls man die "Umverteilung" in die Tat umsetzen könnte, wäre das Übel weg.

    - Es gibt auch Leute, die sehen im "Imperialismus" (Großkonzerne, Globalisierung, Krieg) das Hauptübel des Kapitalismus und fordern deshalb Kleinunternehmertum, Nationalökonomie und Abrüstung. Falls man das umsetzen könnte, wäre das Übel "Imperialismus" weg.

    - Es gibt Leute, die sehen im "Finanzkapital" das Grundübel des Kapitalismus. Kapitalisten, die ihren Reichtum durch Auspressung der Arbeiter in der Industrie machen, sind diesen "Antikapitalisten" lieber, als Geldhaie, die ihren Reichtum durch bloße Geldgeschäfte machen, ohne Umweg über die Schweißauspressung der Proletarier. Höchst putzig ist dabei der revolutionäre Vorschlag, diese Geldhaie unter die "Kontrolle der Arbeiter" zu stellen.

    - Es gibt Leute, die sehen in den Krisen das Hauptübel des Kapitalismus und fordern deshalb Keynianismus und Modern Money-Theorie (MMT) und ähnliches. In Japan wird das seit Jahrzehnten ohne Erfolg probiert.

    - Es gibt Leute, die sehen in der Umweltzerstörung des Hauptübel des Kapitalismus und fordern deshalb Konsumverzicht und "grüne Investitionen". Falls damit ein "grüner Kapitalismus" erreicht würde, dann wäre dieses Übel weg.

    - Dann gibt es Leute, die sehen alle diese Übel und sehen, dass nichts funktioniert, und entwickeln daraus eine Verschwörungstheorie, dass eine kleine Clique böser Kapitalisten und Imperialisten die Menschheit daran hindert, all die (bisherigen) kapitalistischen Übel zu beseitigen. Diese Leute (Anarchisten, Blanquisten und MLer) setzen auf Pulver und Blei, um den Kapitalismus zu beseitigen, und meinen, um den Kapitalismus zu beseitigen, benötige man nur eine kleine, entschlossene Minderheit ("Avantgarde")


    Die Kritik von Marx am Kapitalismus ist eine andere. Marx (und seine Schüler) sagen: Das Hauptübel am Kapitalismus ist die Trennung der großen Mehrheit von den Produktionsmitteln, was sie dazu zwingt, sich bzw. ihre Arbeitskraft tagaus, tagein an die Produktionsmittelbesitzer zu verkaufen. Kurz: Die Eigentumsverhältnisse sind das Hauptübel des Kapitalismus. Dieses Übel kann nur dadurch beseitigt werden, dass die heutigen (aktiven und passiven) Lohnabhängigen Schritte tun zu einer umwälzenden Veränderung der Eigentumsverhältnisse.

    Deshalb betonte Marx: Die Befreiung von Kapital und Lohnarbeit können die Lohnarbeiter nur selber tun.


    Mein Resümee: Leute sind aus ganz unterschiedlichen Gründen gegen den Kapitalismus. Daraus ergeben sich ganz unterschiedliche Lösungsansätze. Mit "Missverständnissen" oder fehlenden Argumenten hat das wenig zu tun.

    Aber für alle halben antikapitalistischen Lösungsansätze gilt, dass sie Eingriffe in das kapitalistische Eigentum verlangen (also die gesamte Kapitalistenklasse samt politischen und sozialem Anhang als Gegner haben), aber sie haben nicht die gesamte Lohnarbeiterklasse als Unterstützer hinter sich, weil sich deren Lebensverhältnisse durch all die halben Sachen nicht oder nur wenig verbessert.


    Das ist dann die Schwierigkeit bei der Marxschen Methode: Entweder machen da (fast) alle Lohnabhängigen mit, oder es wird nicht funktionieren. Leider haben diese Schwierigkeit die wenigsten Linken bisher begriffen.:rolleyes:


    Gruß Wal

    Hallo renée,


    Die Kapitalismuskritik bei Marx bezieht sich vor allem auf den gesellschaftlichen Gesamtkörper oder auf sein Kreislaufsystem (des Geldes).

    Wenn ich dich recht verstehe, willst du eine konkrete Krankheitsdiagnose für jedes einzelne Glied des kapitalistischen Gesamtkörpers. So etwas wurde (systematisch) noch nicht versucht.

    Vielleicht helfen dir diese beiden Übersichten über den kapitalistischen Gesamtkörper einen Schritt weiter:





    Gruß Wal

    Danke für die schnelle Antwort.


    Meine Gedanken gehen aber darüber hinaus. Mir geht es nicht nur darum, dass durch die Produktivitätssteigerungen die (mehr oder weniger) notwendigen Waren weniger Arbeitszeit benötigen. Es geht auch um die Arbeiten, die nur deswegen anfallen, dass das System „floriert“, die in einem entwickelten kommun(al)istischen System größtenteils oder vollständig entfallen würden. Als Stichpunkte fallen mir erst einmal der Finanzsektor, der „Verwaltungswasserkopf“ (welcher meiner Empfindung nach derzeit u.a. durch immer neue Verordnungen immer schneller wächst), die Werbebranche oder auch die dem Kapitalismus geschuldete Verwaltungsarbeit in Betrieben bis hin zur Exekutive der Staatsmacht. Ob sich auch noch solche Auswüchse wie z. B. geplante Obsolenz oder „Unfugproduktion“ im Sinne einsparbarer Arbeitszeit quantifizieren lassen?

    Ernsthafte Frage, gibt es noch andere, die sich in der Richtung Gedanken machen?

    Hallo Renée,

    natürlich gibt es solche Leute, und auch Marx gehörte dazu, der sich im "Kapital" mehrfach Gedanken machte, welche Bereiche des Kapitalismus in einer emanzipierten Gesellschaft wegfallen können und auch wegfallen müssen.
    Ja, dazu gehört erst einmal alles, was mit Geld zu tun hat Banken, Finanzen ect.. Daneben auch große Bereiche der Zirkulation - du weißt auf die Werbebranche hin. Ja, dazu gehören auch viele Managementetagen in Unternehmen und in der Gesellschaft (Staat).

    Du hattest aber nach Daten, nach Quantifizierung gefragt. Die Quantifizierung ist sicherlich möglich, wenn auch nicht einfach. Eine Quantifizierung würde wohl in die Richtung gehen, dass man diese Bereiche genauer abgrenzt (das ist die Schwierigkeit), um dann zu sehen, um wie viel arbeitsfähige Personen dann der kommunististische Arbeitszeitfonds anwächst, sobald diese Leute aus den unnötigen Branchen in den Pool mit einsatzfähigen Personal wechseln (müssen).

    Nehmen wir mal an, all diese entfallenden, weil nach dem Kapitalismus unnützen Arbeiten machen 25 Prozent aller Arbeiten aus, dann würden nach deren Arbeitswechsel der kommunistische Arbeitszeitfonds um 25 Prozent größer werden, das bringt für die Gesellschaft eine mögliche Arbeitszeitersparnis von 25 Prozent.

    Das andere wäre, der „Utopie“ zumindest vorläufig in der Vorstellung Leben einzuhauchen und anhand von belastbaren Daten die potenziellen Vorteile aufzuzeigen. Vielen geistert doch noch immer das Gespenst der Sowjetunion im Kopf herum oder aber die Beispiele von „Selbstausbeutung“ in manchen Alternativbetrieben. Bis vor einigen Jahren ging es mir genauso. Warum soll man ein anderes System wollen, wenn man da mindestens genau soviel schuften muss für ein bisschen mehr Gerechtigkeit und Emanzipation. Dann bin ich über das „Zeitgeist-Movement“ gestolpert, die unter einer Menge Mist aber auch einige (Denkanstoß-)Perlen zu bieten hatten. Für mich war ein Augenöffner die Sache mit dem Geld. Seitdem sind alle Ideen von Alternativgeld, Arbeitszeitkonten und Zettelwirtschaft obsolet geworden.


    Etliche Diskussionen drehen sich ja auch darum, was das ganz richtig Richtige wäre, natürlich dann für alle. Finde ich müßig, abgesehen von einigen Grundstandards sollen die Leute doch selbst entscheiden. Wenn sie in Kleinklickersdorf meinen, es geht nicht ohne Arbeitszeitüberwachung – sollen sie es halt machen. Aber nicht den anderen vorschreiben, die müssten das dann auch.


    Sinnvoller erscheint mir, soweit möglich mit Daten unterlegt, die „Utopie“ aus dem Diffusen herauszuholen. Ein bisschen könnte man da ja von den Werbetreibenden abgucken (abgesehen von den Märchen natürlich), mehr das „Zielgruppengerechte“. Jemand aus der Friedensbewegung interessiert sich für andere Aspekte als z.B. ein Umweltschützer, ein Schüler für andere als ein Arbeiter. Die Frage, wie der Weg in ein anderes System aussehen wird/soll/kann bewegt sich jedoch ziemlich im luftleeren Raum, solange sich nur ein paar Leute darum die Köpfe zerbrechen. Propagandaaktionen, wie ich sie noch von den K-Gruppen her kenne, lehne ich aber ab. Interesse wecken sehe ich als angebracht, vor allem da ich weiß, dass viele, vor allem junge Menschen, das bisherige nicht mehr wollen und manche sogar schon verzweifeln. Die immer tolleren Versprechen treffen auf das diffuse Erkennen einer immer bedrohlicher erscheinenden – sowohl individuellen als auch globalen – Zukunft und hinterlässt oft seelische Scherbenhaufen. Die wollen keine bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Konzepte – wie das dann irgendwann „gelebt“ wird, werden die entscheiden, die dann leben – und auch nicht mit den MEW erschlagen werden.

    Was ich in dieser Richtung anbieten kann, ist folgendes:

    1) In der nachkapitalistischen Gesellschaft tragen die Produkte keine Preisschilder, wie die kapitalistischen Waren, aber jedes einzelne Produkt und jede einzelne Dienstleistung trägt (möglichst) die Arbeitszeit mit sich herum, die zu ihrer Herstellung nötig ist. (Genau genommen hat jedes Produkt dann mehrere Herstellungszeiten, je nach dem Herstellungsort und der jeweiligen Zusammensetzung des Arbeitskörpers. Die Gesellschaft kann ihre Arbeitszeit nur sinnvoll planen, wenn sie weiß, wieviel Arbeitszeit dieses oder jenes Produkt, diese oder jene Dienstleistung nötig macht. Das ist nicht einfach, aber mit etwas Erfahrung machbar.

    Natürlich fließen in jedes Produkt und auch in jede Dienstleistung Natur- und Rohstoffe. Ich setze der einfacheren Darstellung zuliebe mal voraus, dass für die Beschaffung dieser Natur- und Rohstoffe gesorgt ist.


    2) Die zweite Größe, die von Belang ist, ist der vorhandene Arbeitsfonds, das Arbeitszeitkonto der Gesellschaft Das hängt einmal von der Zahl der arbeitsfähigen Personen und zweitens von ihrer individuellen Bereitschaft ab, einen Teil ihrer Lebenszeit als Arbeitszeit für die Gesellschaft zur Verfügung zu stellen.

    Nehmen wir mal an, eine Kommune hat 25.000 Einwohner. Davon sind 10.000 arbeitsfähig, und die melden im Durchschnitt pro Person 3 Stunden gesellschaftliche Arbeit an. Dann verfügt diese Kommune über ein Arbeitszeitkonto von 30.000 Arbeitsstunden am Tag.

    Das sind die materiellen Voraussetzungen für die Wirtschaftsplanung. Jetzt darf gewünscht werden:


    3) Nun melden die Kommunemitglieder ihre Bedürfnisse und Wünsche an. Sie können quasi beliebig verschiedene und beliebig viele Produkte und Dienstleistungen aus der Liste der produktionsfähigen Güter und Dienstleistungen "bestellen", aber ihre Gesamtbestellung kann und darf die Herstellungszeit von 30.000 Arbeitsstunden am Tag nicht übersteigen. Ist ein gewünschtes Produkt nicht auf der Liste vorhanden, dann muss/kann ein entsprechendes Arbeitszeitkonto für die Neuentwicklung dieses Produkts erstellt werden. Ich gehe dabei immer davon aus, dass die Kommunemitglieder über alle gemeinschaftlichen Fragen auch gemeinschaftlich beraten und entscheiden. Nur der individuelle Arbeitseinsatz ist freiwillig, das heißt, über den Umfang der Mitarbeit entscheiden die Individuen selbst.


    Das ist nach meiner Ansicht das Grundmodell einer nachkapitalistischen Wirtschaft, einer Wirtschaft, die selbstbestimmt ist, und ohne Geld und ohne Lohnarbeit auskommt.

    Eine Einschränkung habe ich allerdings anderswo gemacht: Die Doppelwirtschaft. Heißt: Im Austausch mit dem kapitalistischen Ausland muss eine kommunistische Region noch soviel exportierbare Waren produzieren, wie sie wertmäßig an (Rohstoff)Importen aus dem kommunistischen Ausland benötigt.

    Die Produktion dieser Waren (15%? 20%?) geht dann noch von dem obigen Arbeitszeitkonto ab.

    So, jetzt sind wieder mal die Ideen-Gäule mit mir durchgegangen, aber hier ist es so ruhig, da stört das hoffentlich nicht. Schön, dass es kein Monolog ist, Dialog ist schon ganz gut, eine Diskussion in einer kleinen Gruppe wäre super.


    renée

    PS:

    Hallo Wat, falls du noch hier reinschneist. Sorry dass ich nichts mehr von mir hören ließ, aber mir ging es ziemlich besch..., Tochter mit Depression und weiterer Mist.

    P.S.

    Du kannst dich an Wat. per Email wenden, wenn du in ihren Account gehst.

    Die Bearbeitungszeit habe ich von 30 auf 40 Minuten hochgesetzt.

    Arbeit ist ein Stoffwechsel zwischen Menschen und Natur, mit dem wir Menschen uns Naturstoff in einer für unser Leben brauchbaren Form aneignen. Insofern ist Arbeit eine „ewige Naturnotwendigkeit“ (Marx) „Wie der Wilde mit der Natur ringen muss, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muss es der Zivilisierte, und er muss es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 828.


    Für alle Klassengesellschaft ist bezeichnend, dass die freie Zeit der Reichen und Gebildeten durch die Überarbeit derjenigen erkauft wird, die zur Arbeit verdammt sind. Für die Überwindung der heutigen Klassengesellschaft (Kapitalismus) ist eine radikale Verkürzung der allgemeinen Arbeitszeit eine notwendig Vorbedingungen.

    „Intensität und Produktivkraft der Arbeit gegeben, ist der zur materiellen Produktion notwendige Teil des gesellschaftlichen Arbeitstags umso kürzer, der für freie, geistige und gesellschaftliche Betätigung der Individuen eroberte Zeitteil also umso größer, je gleichmäßiger die Arbeit unter alle werkfähigen Glieder der Gesellschaft verteilt ist, je weniger eine Gesellschaftsschicht die Naturnotwendigkeit der Arbeit von sich selbst ab- und einer anderen Schicht zuwälzen kann. Die absolute Grenze für die Verkürzung des Arbeitstags ist nach dieser Seite hin die Allgemeinheit der Arbeit.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 552.


    Für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts forderte Marx eine Halbierung der damaligen Arbeitszeit von 12 Stunden:

    „Wenn alle arbeiten müssen, der Gegensatz von Überarbeiteten und Müßiggängern wegfällt – und dies wäre jedenfalls die Konsequenz davon, dass das Kapital aufhörte zu existieren, ... – und außerdem die Entwicklung der Produktivkräfte, wie das Kapital sie hervorgebracht hat, in Betracht gezogen wird, so wird die Gesellschaft den nötigen Überfluss in 6 Stunden produzieren, mehr als jetzt in 12, und zugleich werden alle 6 Stunden ‚Freizeit‘, den wahren Reichtum haben; Zeit, die nicht durch unmittelbar produktive Arbeit absorbiert wird, sondern zum Genuss, zur Muße, so dass sie zur freien Tätigkeit und Entwicklung Raum gibt.“ K. Marx, Theorien über den Mehrwert III. MEW 26.3, 252.


    Renée hatte nun im Blogthema Klimastreik angefragt: „Außerdem habe ich letztens wieder gelesen, dass 2 Stunden Arbeit am Tag ausreichen würden, leider finde ich keine handfeste Begründung dafür (Zahlen etc.), aber es deckt sich mit meiner bauchgefühlten Einschätzung. Harte Fakten wären mir aber lieber, weißt du was darüber? Das würde evtl. das Thema Kommu(nal)ismus viel interessanter machen, dass man 3/4 seiner Arbeitszeit dafür aufwenden soll, ein dysfunktionales und schädliches System aufrecht zu erhalten.“


    Ja es gibt solche Berechnungen und sie stützen sich alle auf die Entwicklung der Arbeitsproduktivität.


    Im Kapitalismus wird die Arbeitsproduktivität berechnet als produzierte Wertsumme pro Kopf (am Tag oder im Jahr) oder als Wertsumme pro Arbeitsstunde. Die kapitalistische Wertsumme repräsentiert jedoch auch eine bestimmte Menge an Waren und Dienstleistungen. Steigt die Arbeitsproduktivität, dann steigt die Anzahl der Waren und Dienstleistungen je Zeiteinheit (Stunde oder Jahr).


    Die gelbe Linie zeigt den allgemeinen Produktivitätszuwachs in Deutschland seit 1991:


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    Quelle: Bundesfinanzministerium 2017


    Wenn wir hier die gelbe Linie verfolgen, so steigt sie seit 1991 von 100 auf ca. 125.

    Was heißt: In einer Arbeitsstunde wurden im Jahr 2015 25% mehr Güter und Dienstleistungen produziert als 1991.

    Umgekehrt heißt das aber auch: Die Summe der Güter und Dienstleistungen des Jahres 1991 könnten heute in drei Viertel der Zeit hergestellt werden.

    In Zahlen: Die Güter und Dienstleistungen des Jahres 1991 wurden damals von der Gesellschaft in einem 8stündigen Arbeitstag erarbeitet, heute könnte man diese Güter und Dienstleistungen des Jahres 1991 in einem 6stündigen Arbeitstag geschaffen werden (bei gleichbleibender Zahl der Arbeitenden).


    Diese Rechnung kann man noch weiter rückwärts führen. Die Güter und Dienstleistungen von 1947 (in den USA) sind durch die Steigerung der Arbeitsproduktivität um 300% heute in einem Drittel der Zeit herstellbar, also in einem 3stündigen Arbeitstag statt der 9 Stunden.


    Das ist eine nützliche, aber auch sehr grobe Rechnung. Zu beachten ist nämlich, dass die Arbeitsproduktivität in der Industrie viel schneller steigt als im Bereich Dienstleistungen. Wenn wir (was wahrscheinlich und vernünftig ist) in der nachkapitalistischen Gesellschaft auf einen Teil der großindustriellen Produktion verzichten, dann ergeben sich notwendig geringere Produktivitätszuwächse. Das machen die verschiedenen Linien in der obigen Grafik deutlich. Verzicht auf Großindustrie zugunsten von mehr und besseren Dienstleistungen würde also unsere notwendige Arbeitszeit verlängern.


    Gruß Wal


    Siehe auch:

    Buch "5 Stunden sind genug" von Darwin Dante empfehlenswert oder Alternativvorschläge?


    Lebenszeit ist (Lohn)Arbeitszeit


    Warum Marx?

    Und das sagte Rosa Luxemburg im Mai 1914:

    „Heute ist der Imperialismus ... die Religion der bürgerlichen Gesellschaft. Ein imperialistischer Taumel hat die ganze bürgerliche Gesellschaft gepackt. Deshalb ist auch jede Opposition gegen die Regierung und gegen die Junker und Scharfmacher verschwunden. ... Vor allen Dingen ... ist es erforderlich, die Aktionsfähigkeit der Massen zu steigern. .... Wir dürfen auf keine Hilfe des Bürgertums bauen. Zweitens ist auch eine gewisse Korrektur auch in den Organisationsverhältnissen erforderlich. Es muss eine stärkere Demokratisierung des ganzen Parteilebens und auch des Gewerkschaftslebens eintreten. Drittens müssen wir wieder etwas mehr Selbstkritik üben und nicht wie unser Zentralorgan ewig in Zufriedenheit uns gefallen. Die oberste Aufgabe auch im Kampfe gegen den Imperialismus ist die Steigerung der Aktionsfähigkeit der Massen.“ R. Luxemburg, Ges. Werke 3, 451.


    Das ist von Rosa Luxemburg völlig richtig gesehen, aber sie stand mit ihrer Meinung ziemlich allein in der SPD. Der Parteivorstand hatte faktisch über sie ein Publikationsverbot in allen SPD-Zeitungen und -Zeitschriften verhängt.




    Bei meinen Recherchen zur Vorgeschichte der deutschen Revolution bin ich auf folgendes Fundstück gestoßen: Was der theoretische Kopf der SPD im beginnenden 20. Jahrhundert vom einfachen Volk hielt.

    „Was weiß uns Kautsky ... über die ‚deutsche Methode‘ des Massenstreiks zu sagen? Hier lehnt er vor allem mit Entrüstung jeden Hinweis auf die ausschlaggebende Wirkung der Nichtorganisierten ab. Wer bildet denn diese unorganisierte Masse? ruft er. Sie setzt sich zusammen aus kraftlosen, gedrückten, isolierten, verkommenen Elementen, aus unwissenden, gedankenlosen, in Vorurteilen befangenen oder gesinnungslosen Subjekten.“ R. Luxemburg, Ges. Werke 3, 308 (1913).

    Kurz: Wer kein beitragszahlender Sozialdemokrat ist, ist ein Arschloch.

    Im vergangenen Jahr hatten Polizeibehörden in Deutschland fast 2000 Straftaten gegen Immigranten registriert. Das reicht von Bedrohung und Beleidigung über Sachbeschädigung bis zu Körperverletzung und Mord. Insgesamt 315 Menschen wurden verletzt. Gegenüber den Vorjahren gingen die Zahlen nur geringfügig zurück.

    Nicht erfasst sind in dieser Statistik Gewalt und Unrecht von Staatsorganen und Behörden gegen Immigranten. Im Jahr 2017 stiegen die Klagen gegen Entscheidungen der deutschen Flüchtlingsbehörden auf über 300.000. (Neuere Zahlen liegen noch nicht vor.) Die Klagequote lag bei fast 50 Prozent der abgelehnten Anträge. 2018 wurde über 23.000 Menschen mit mehr oder minder großer Gewaltanwendung aus Deutschland abgeschoben. Quelle

    Darüber hinaus gibt es eine große Zahl von Klagen und Beschwerden gegen Übergriffe der Heimverwaltungen gegen Bewohner. Die Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft in Schwelm klagten in einem offenen Brief gegen Schikanen der Heimverwaltung, Verstößen gegen das Briefgeheimnis und gegen krankmachende Zustände im Heim. In Ellwangen klagten Heimbewohner gegen einen rechtswidrigen Polizeieinsatz mit 500 Beamten.


    Die Integrationspraxis für Flüchtlinge und Asylbewerber in Deutschland heißt: Du wirst so lange von Rechtsradikalen bedroht und von den Behörden schikaniert, bis du ein „anständiger Bürger“ mit Lohnarbeitsplatz geworden bist, der ökonomisch ausgebeutet werden kann und dadurch „Nutzen für die Gesellschaft“ bringt. Dann erst ist das Integrationsziel erreicht.


    Immigranten in Deutschland


    Zur Politischen Ökonomie der Immigration


    Dienstjahr für Flüchtlinge


    AfD-Hasspostings und Angriffe auf Flüchtlinge


    Flüchtlinge von heute sind die Illegalen von morgen


    (Kriegs)Flüchtlinge in Deutschland

    Gestern und Vorgestern hatte ich zwei Nachmittage lang die Unterhausdebatte in London verfolgt und bin zu dem Schluss gekommen, dass das Urteil der Rosa Luxemburg, - in der Parlamentsarbeit stecke „aber auch gar nichts..., was die normalen geistigen Kräfte eines ganz gewöhnlichen Sterblichen übersteigen würde“ – gar nicht mehr zutrifft.


    Diese Leute, die da über Formulierungen stritten, und sich auf nichts einigen konnten, - diesen Leute fehlen nicht nur die „normalen geistigen Kräfte“ der ganz gewöhnlichen Sterblichen, nein, diese Leute haben nicht die geringste Ahnung, welche Auswirkungen ihr Tun wie ihre Nichtstun auf die gewöhnlichen Sterblichen haben werden oder haben können. Diese Leute streiten um Worte und um Paragrafen, verschwenden aber über jeweiligen praktischen Folgen keinen Gedanken. Diese Leute sind mit der Parole angetreten: „TakeControl - Wir wollen die Kontrolle zurück!“ Diese Leute sind jedoch nicht in der Lage irgendwas zu kontrollieren.

    Für Häme ist dennoch kein Platz. Die Parlamentarier in London sind nichts als Klone und Kopien unserer Parlamentarier in Berlin oder Brüssel.

    Der marxistische Ökonom Michael Roberts zitiert zustimmend Statistiken, wonach in China in den letzten 20 Jahren millionenfach Menschen von Armut befreit worden sind.


    Meine Antwort dazu:

    Ich lebte von 1985 bis 1996 in China. Mich überzeugt die These vom Abbau der Armut in China nicht. Armut wird hier gemessen als Geldeinkommen. Eine Bauernfamilie, die weitgehend selbstversorgend gelebt hat, gilt in dieser Statistik als ärmer, als eine Familie von Lohnabhängigen, die von einem Hungerlohn leben müssen.

    Genau das ist aber in China zwischen 1985 und 2005 geschehen: Millionen von selbstversorgenden chinesischen Bauern wurden teils in die Produktion für den Markt, teils in die Lohnabhängigkeit getrieben. Das verwandelte selbständige Produzenten-Konsumenten ohne Geldeinkommen in Lohnarbeiter, deren Arbeitskraft ausgebeutet wird, und die für den enormen Zuwachs an Kapital und Reichtum in China gesorgt haben und die in der Landwirtschaft verbliebenen Bauern steigerten die Produktivität in der Landwirtschaft.

    Das entspricht der ursprünglichen Akkumulation im 17. und 18. Jahrhundert in Europa. Die chinesischen Kommunisten haben in meinen Augen das Verdienst, dass sie diesen Prozess weitgehend unblutig organisiert haben. Sozialistische Vorstellungen und Ziele hatten sie dabei nicht.


    commentary In English:

    I lived in China from 1985 to 1996. I am not convinced by the thesis of “reduced poverty” in China. Poverty is measured here as money income. A peasant family that has lived largely self-sufficient, is in this statistic poorer as a wage earner, who must live on a pittance.

    But this is exactly what happened in China between 1985 and 2005: millions of self-sufficient Chinese farmers were driven partly into production for the market, partly into wage dependency. This transformed independent producer-consumers without money into wage-earners whose labor is exploited, and who provided for the enormous increase in capital and wealth in China, and the peasants who remained in agriculture increased agricultural productivity.

    This corresponds to the primitive accumulation in the 17th and 18th centuries in Europe. The Chinese Communists have the merit, in my eyes, that they have organized this process largely bloodless. But they were not guided by socialist ideas and goals.


    Siehe auch:


    Chinas Weg zur Weltmacht


    Verteilung des Reichtums in der Welt


    Verlierer Europa - Gewinner China

    Wer oder was ist die revolutionäre Linke?

    Es sagen viele Linke, sie wollten den Kapitalismus beseitigen, und meinen mit "Kapitalismus" mal dieses und mal jenes. Sie meinen Großkonzerne oder Multis, Miethaie, Finanzhaie oder Banken – aber so gut wie nie meinen sie die Ausbeutung der Lohnarbeit. Wer nicht die Abschaffung der Lohnarbeit will, der reformiert den Kapitalismus, beseitigt aber nicht seinen Kern: die Ausbeutung fremder Arbeit. Diese Linke hält sich für revolutionär, ist es aber nicht.

    Was ist mit der reformistischen Linken? Die wollen Verzicht auf Kernkraft, Verzicht auf Kohle, Verzicht auf Glyphosat, Verzicht auf Plastik, Verzicht auf Diesel, Verzicht auf Flugreisen, Verzicht auf Massentierhaltung, Verzicht auf Globalisierung. Sie wollen statt dessen Rettung der Bienen, Schutz des Waldes und der Wiesenblumen, Grundeinkommen für alle, ökologische Landwirtschaft usw. usf. Diese reformistischen Linken wollen nicht den Kapitalismus beseitigen, sie rauben aber den Kapitalisten die Seele, d.h. ihren Profit und die Kontrolle der Produktionsmittel. Die reformistische Linke ist gegenwärtig der Maulwurf, der den Kapitalismus unterhöhlt.

    Die Ziele der revolutionären Linken zu Ende gedacht – landen wir im Nirgendwo.

    Die Ziele der reformistischen Linken zu Ende gedacht – landen wir bei der Selbstbestimmung der Gesellschaft über ihre eigenen produktiven Mittel.

    Diese Linke hält sich nicht für revolutionär, ist jedoch revolutionär ohne es zu wissen.

    Claas Relotius räumte alle Journalistenpreise ab, weil er den Journalismusnerv unserer Zeit getroffen hatte. Der Journalismus bis in unsere Zeit vermeldete, was WIMs (wichtige Männer) sagten, dachten oder machten. Der Relotius-Journalismus ist ein Blogger-Journalismus. Relotius flocht ins WIG (wichtige Geschehen) ein, was ULs (unwichtige Leute) sagten, dachten oder machten. Das passt hervorragend in unsere populistische Epoche. Wir ULs haben es satt, nur von hohen Herren zu hören. Wir wollen endlich wissen, was unsere Nachbarn und die Leute auf der anderen Straßenseite denken und sagen!

    Pech nur, dass Relotius außerhalb der Lebenswelt der ULs lebt und arbeitet. So musste er unser Denken, Sprechen und Tun (nach)erfinden.

    Erfolgreich war Relotius mit seinen Bento-Lügen deshalb, weil die anderen Herren Journalisten ebenfalls außerhalb unserer Lebenswelt leben, und weil Relotius seine Lügengeschichten so erfand, dass sie in die Vorstellungswelt passten, die sich die feinen Journalistenherren von uns ULs so machen.

    Beim erstmaligen Lesen des Beitrags von Thomas Weiss konnte ich nicht erkennen, was an Marx´Aussage problematisch sein soll.

    Es wäre für mich hilfreich gewesen, wenn Thomas Weiss diese angebliche Problematik selbst erörtert hätte.

    Hallo basal,

    Die Arbeitswertlehre von Marx wird im allgemeinen so verstanden, dass jede einzelne Ware nicht nur mit fertigem Gebrauchswert (praktischem Nutzen), sondern auch mit einem fertigen Quantum Wert aus dem Arbeitsprozess herauskommt. Dieser populären Vorstellung wird von Marx widersprochen, wenn er sagt: "nicht die Lohnarbeit (ist) wertbestimmend". Vielmehr gehen in die Wertbestimmung Verhältnisse ein, auf die weder die einzelnen Arbeiter, noch die Klasse der Arbeiter insgesamt Einfluss haben. An diesem Ort nennt Marx die Gesamtarbeitszeit und der Anteil der Gesamtarbeitszeit, der auf einzelne (Branchen) und Produkte fällt. In diesen Zusammenhang gehören auch die normale Intensität der Arbeit und die (durchschnittliche) Arbeitsproduktivität, die durchschnittliche Umlaufszeit und Umschlagszeit etc.
    Heißt: Die Wertgröße, die auf einzelne Waren(gruppen) entfällt, hängt keineswegs von der aufgewendeten Arbeitszeit einzelner Arbeiter oder einzelner Betriebe ab.

    Genau das ist aber die falsche Voraussetzung für alle Sozialisten, die mittels vorausberechneter Preise die Produktion steuern wollen.


    Marx definiert m.E. sehr präzise was er unter "Wertbestimmung" versteht, nämlich: "Die Substanz des Werts ist und bleibt nichts außer verausgabter Arbeitskraft...".

    Die Wertbestimmung zielt auf das Resultat verausgabter Arbeitskraft.

    Ganz wörtlich genommen, ist deine Wertbestimmung mindestens unvollständig, wenn nicht gar falsch.

    Nicht alle "verausgabte Arbeitskraft" (richtig: "Arbeitszeit"!) ist von vorneherein wertbildend. Gerade im Staatsssozialismus wurde viel Arbeitszeit verausgabt, die aber nicht "wertbildend" wirkte. Nämlich immer dann, wenn es Planänderungen gab, oder die Pläne in einzelnen Betrieben über- und untererfüllt wurden, so dass der gesamte Austausch der Vorprodukte und Produkte durcheinandergeriet. Oder ein Betrieb wartete auf seine Zulieferer - alles verschwendete Arbeitszeit.

    Auch im Kapitalismus ist alle eingesetzte Arbeitskraft und Arbeitszeit verschwendet, deren hergestellten Waren keinen Käufer finden. Auch diese eingesetzte Arbeitszeit geht nicht in die Wertbildung ein.


    Gruß Wal

    Hallo Thomas,

    ich habe dein Thema separiert, weil es wenig mit der Sklavenarbeit zu tun hat (wo du es platziert hattest), und weil das Thema auch eine eigenständige Behandlung verdient.


    Und Ja, es gibt bei Marx viele, viele „problematische Aussagen“. ;-)


    Das 51. Kapitel, aus dem du die Aussage von Marx genommen hast, heißt: „Distributionsverhältnisse und Produktionsverhältnisse“ – es handelt also nicht von einzelnen Kapitalisten oder einzelnen Lohnarbeiter, sondern um die Kapitalisten und Lohnarbeiter insgesamt, es ist eine gesamtgesellschaftliche Betrachtung.


    In den Textabschnitten vor deinem Zitat ist von den spezifischen Verteilungsverhältnissen des Kapitalismus die Rede:

    „Jene Verteilungsverhältnisse ....geben den Produktionsbedingungen selbst und ihren Repräsentanten eine spezifische gesellschaftliche Qualität. Sie bestimmen den ganzen Charakter und die ganze Bewegung der Produktion.“ (S. 886).

    „Erstens. Sie produziert ihre Produkte als Waren...

    Das zweite, was die kapitalistische Produktionsweise speziell auszeichnet, ist die Produktion des Mehrwerts als direkter Zweck und bestimmendes Motiv der Produktion.“ (S. 886-7).

    Dann folgt dein Zitat:

    "Obgleich die Form der Arbeit als Lohnarbeit entscheidend für die Gestalt des ganzen Prozesses und für die spezifische Weise der Produktion selbst, ist nicht die Lohnarbeit wertbestimmend. In der Wertbestimmung handelt es sich um die gesellschaftliche Arbeitzeit überhaupt, das Quantum Arbeit, worüber die Gesellschaft überhaupt zu verfügen hat und dessen relative Absorption durch die verschiednen Produke gewissermaßen deren respektives gesellschaftliches Gewicht bestimmt." (S. 889)


    Wie löst sich nach meiner Meinung das Problem?

    Ich denke, wir müssen unterscheiden zwischen WERTBILDEND und WERTBESTIMMEND.


    Produktive Lohnarbeit ist selbstverständlich wertbildend, aber Marx sagt hier (und anderswo auch): Die (einzelne, individuelle) Lohnarbeit ist nicht wertbestimmend. Wertbestimmend ist laut Marx „die gesellschaftliche Arbeitszeit überhaupt, das Quantum Arbeit, worüber die Gesellschaft überhaupt zu verfügen hat“.

    Diese, die Wertgröße bestimmende Arbeitszeit, ist also nicht die verbrauchte Arbeitszeit eines einzelnen Arbeiters oder eines einzelnen Produktionsbetriebes. Es ist die verbrauchte (Normal)Arbeitszeit, die in die Gesamtmenge der hergestellten Güter und Dienstleistungen geflossen ist.


    Nehmen wir ein Beispiel:

    Die Gesamtarbeitszeit einer Gesellschaft in einem Jahr erbringe einen Gesamtwert von 100.

    Im Laufe eines bestimmten Arbeitsjahres stellte sich heraus, dass die gesamte Arbeitszeit, die für die Produktion des Airbus 380 aufgewendet wurde, umsonst war, weil die produzierten Airbusse nicht verkauft werden können. Die Gesamtjahreswert dieses Gesellschaft bleibt 100, aber dieser Gesamtwert 100 verteilt sich auf WENIGER Produkte. Die unverkäuflichen Airbusse gehen nicht in die Wertproduktion ein. Die anderen Waren sind im Wert gestiegen.

    Dasselbe passiert bei Kriegen oder Naturkatastrophen, die die gesellschaftliche Produktionsleistung vermindern. Und umgekehrt kann durch ein besonders fruchtbares Jahr die Produktionsleistung steigen, dann steigt die Gesamtproduktion und auf die einzelnen Waren entfällt weniger Wert.


    Ein Beispiel aus der Physik:

    Nehmen wir an, ein Auto bleibt im Schlamm stecken. Nun packen 10 Leute rings um das Auto mit an, um den Wagen aus dem Morast zu ziehen. Einige ziehen hinten, mehrere an der Seite. Ihre eingesetzte Gesamtkraft sei 150. Die Kraft, die zur Überwindung der Haftreibung des Wagens nötig ist, sei 100. Die wirkende Kraft hängt jedoch von Einsatzwinkel jeder einzelnen Kraft ab. Eine schräg oder seitlich wirkende Zugkraft geht nur teilweise in das Kräfteparallelogramm ein. So kann es sein, dass die Ziehenden 150 als Kraft einsetzen, wovon aber nur 100 wirkt. Die subjektiv eingesetzte Kraft ist 150. Die objektiv erreichte Kraft ist 100.

    "Wertbestimmend" ist die wirkende Kraft, nicht die subjektiv eingesetzte Kraft.


    Als Anhang:

    Produktive Lohnarbeit ist wertbildend:

    „Die Substanz des Werts ist und bleibt nichts außer verausgabter Arbeitskraft – Arbeit, unabhängig von dem besonderen nützlichen Charakter dieser Arbeit –, und die Wertproduktion ist nichts als der Prozess dieser Verausgabung.

    So gibt der Leibeigene während sechs Tage Arbeitskraft aus, arbeitet während sechs Tagen, und es macht für die Tatsache dieser Verausgabung als solcher keinen Unterschied, dass er z. B. drei dieser Arbeitstage für sich auf seinem eigenen Feld und drei andere für seinen Gutsherrn auf dessen Feld verrichtet. Seine freiwillige Arbeit für sich und seine Zwangsarbeit für seinen Herrn sind gleichmäßig Arbeit; soweit sie als Arbeit mit Bezug auf die von ihr geschaffenen Werte oder auch nützlichen Produkte betrachtet wird, findet kein Unterschied in seiner sechstägigen Arbeit statt. ...

    Ebenso verhält es sich mit der notwendigen und der Mehrarbeit des Lohnarbeiters.“ K. Marx, Kapital II, MEW 24, 384f.

    „Der Wert der Ware ... stellt menschliche Arbeit schlechthin dar, Verausgabung menschlicher Arbeit überhaupt.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 58f.

    „Alle Arbeit ist .... Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn, und in dieser Eigenschaft gleicher menschlicher oder abstrakt menschlicher Arbeit bildet sie den Warenwert....“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 61.


    „Der Produktionsprozess erlischt in der Ware. Dass in ihrer Herstellung Arbeitskraft verausgabt worden ist, erscheint jetzt als dingliche Eigenschaft der Ware, dass sie Wert besitzt; die Größe dieses Werts ist gemessen durch die Größe der verausgabten Arbeit; in ein weiteres löst sich der Warenwert nicht auf und besteht aus nichts anderem.“ K. Marx, Kapital II, MEW 24, 384f.

    Die Größe der Warenwerte wird allerdings nicht auf der Ebene des einzelnen Arbeiters oder eines einzelnen Arbeitstages entschieden. Die Größe der Warenwerte entscheidet sich auf der Ebene der Gesamtgesellschaft und innerhalb des gesamten Produktionsprozesses der Gesellschaft (meist gerechnet als ein Arbeitsjahr).


    Nur die gesellschaftlich notwendig (Gesamt)Arbeitszeit ist wertbestimmend:

    „Es ist also nur ... die zur Herstellung eines Gebrauchswerts gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, welche seine Wertgröße bestimmt. ... Waren, worin gleich große Arbeitsmengen enthalten sind oder die in derselben Arbeitszeit hergestellt werden können, haben daher dieselbe Wertgröße.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 54.

    „Wir kennen jetzt die Substanz des (Tausch-)Werts. Es ist die Arbeit. Wir kennen sein Größenmaß. Es ist die Arbeitszeit.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 55 Anm. 1.

    Aber dieses Größenmaß ist nicht die Arbeitszeit eines einzelnen Arbeiters oder eines einzelnen Produktionsbetriebes. Wertbestimmend ist auch nicht die Summe aller individuell eingesetzten Arbeitsstunden. Das Größenmaß aller Werte, die „Arbeitszeit“, ist die notwendige Arbeitszeit der ganzen Gesellschaft, die nicht nur abhängt von der Gesamtdauer der aufgewendeten Arbeitszeit, sondern auch der aktuellen Arbeitsproduktivität und der normalen Intensität der aufgewendeten Arbeit.


    Gruß Wal


    P.S. Dieser Unterschied zwischen wertbildend und wertbestimmend ist tatsächlich höchst "problematisch" und produzierte zwei gewichtige Strömungen innerhalb des Marxismus:
    Die eine Strömung, deren hervorragender Vertreter derzeit Michael Heinrich ist, stützt sich vollständig auf die gesamtgesellschaftliche Wertbestimmung und leugnet die Wertbildung während der Lohnarbeit. Nach ihrer Auffassung ist "Wert" etwas, das sich erst in der Zirkulation herausbildet.

    Die andere Strömung begann mit der Losung: "dem Arbeiter seinen ganzen Arbeitsertrag!" und mündete in die Preisbestimmung des Staatsssozialismus. Nach ihrer Auffassung ist Wertbildung und Wertbestimmung ein und dasselbe. Man könne deshalb die Werte und Preise der Waren auf der Ebene der Betriebe bestimmen und festsetzen. Die moderne Variante dieser Strömung ist der "Zettelsozialismus", der die Lohnarbeit nicht abschaffen will, aber mittels Zettelwirtschaft dem Lohnarbeiter seinen "gerechten Anteil" an dem von ihm produzierten Wert oder Produkt ausbezahlen will. Dazu habe ich mich unter anderem hier geäußert: Wert und Preis im Sozialismus.

    Die Schlagzeile „8 Prozent mehr“ ist ein Fake, trotzdem ist es der beste Tarifabschluss seit Jahren.


    Das Ergebnis im Detail: Rückwirkend zum 1. Januar 2019 wird es eine Lohnerhöhung von 3,2 Prozent mit mindestens 100 Euro geben, zum 1. Januar 2020 weitere 3,2 Prozent mit mindestens 90 Euro und zum 1. Januar 2021 noch einmal 1,4 Prozent mit mindestens 50 Euro. Für die Auszubildenden steigen die Vergütungen insgesamt um 100 Euro in zwei Schritten von 50 Euro, rückwirkend zum 1. Januar 2019 und zum 1. Januar 2020.
    Wie auch schon beim Abschluss mit der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeber (VKA) erhalten sie zudem einen zusätzlichen Urlaubstag und werden nun auch 30 Urlaubstage haben. (Quelle: Verdi)


    „8 Prozent mehr“ ist Unsinn, weil sich diese 8 Prozent auf drei Jahre Laufzeit verteilen. Die jährliche Erhöhung liegt also nur bei 2,66 Prozent. Das ist bei einer Inflationsrate, die 2018 bei knapp 2 Prozent lag, eine miserabel geringe reale Erhöhung.

    Trotzdem ist der Abschluss besser als alle Abschlüsse der letzten Jahre, weil deutliche Mindesterhöhungen gezahlt werden, die vor allem den unteren und mittleren Lohnempfängern zu Gute kommen.

    Gerade die unteren und mittleren Gehaltsgruppen sahen in den letzten 10 bis 15 Jahren kaum eine reale Verbesserung ihrer Einkommen.

    Die unterste Stufe 1 der 15 Entgeltgruppen wird durch die Mindesterhöhung von 100 Euro nicht nur um 3,2 Prozent, sondern um 4,5 Prozent monatlich erhöht. Das vermindert ein wenig die Entgeltschwere, die über die Jahre hinweg durch lineare Prozenterhöhungen immer weiter geöffnet wurde. Auch bei dem jetzigen Abschluss bekommt die unterste Lohngruppe 100 Euro, die oberste Entgeltgruppe aber über 200 Euro im Monat mehr.

    Diese Lohnschere kann nur Festgeldbeträge für alle gleich gemildert werden.

    Die Arbeitgeberseite beziffert das Gesamtvolumen der drei Jahre für die 15 Bundesländern (ohne Hessen) auf 7,3 Mrd Euro. Würden diese 7,3 Mrd. an die rund 1 Million Landesbediensteten als Festgelderhöhung verteilt, dann könnte jeder von ihnen eine Erhöhung von 200 Euro im Monat (enthält auch die Arbeitgeberbeiträge) erhalten.


    Andere Stellungnahmen bei Labournet


    Siehe auch:


    Einkommensentwicklung seit dem Jahr 2000


    Lohnatlas Deutschland 2018


    Einkommensverteilung in Deutschland 1871-2013


    Einkommensverteilung im Kapitalismus


    Schere zwischen Arm und Reich. US-Einkommensteilung zwischen 1917 und 2012

    In ihren politischen Anfängen beschäftigte sich Rosa Luxemburg intensiv mit der Frage, ob es für Polens dreigeteilte Sozialisten sinnvoll sei, für eine Loslösung der polnischen Gebiete aus den russischen, deutschen und österreichischen Kaiserreichen einzutreten. Sie schrieb u.a.:

    "In der Tat, eine Bestrebung, in den gegebenen Staatsgrenzen die politischen Einrichtungen zu demokratisieren, und die andere Bestrebung, aus den gegebenen Staatsgrenzen zu entkommen, schließen einander aus. Daher bedeutet auch der (polnische) Sozialpatriotismus den inneren Zwiespalt zwischen den proletarischen Kräften in Russland und folglich die Schwächung des Kampfes gegen den Zarismus." (R. Luxemburg, Gesammelte Werke, 1/1, S. 55.)


    Ich denke, das damalige Argument R. Luxemburgs gegen die Lostrennung Polens aus dem Zarenreich lässt sich unverändert auf heute nationale bzw. nationalistische Bestrebungen in Spanien wie in der Türkei anwenden:

    Ein Kampf für nationale Unabhängigkeit Kataloniens bzw. Kurdistans schließt den Kampf für Demokratisierung in Spanien bzw. in der Türkei aus.

    Hinzu kommt: Der katalanische wie der kurdische Nationalismus verstärken den inneren Zwiespalt zwischen den proletarischen Kräften in Spanien bzw. in der Türkei und bedeuten folglich die Schwächung des Kampfes gegen die spanische Monarchie und gegen den türkisch-islamischen Despotismus.

    Die letzten zwanzig Jahre hatten deutsche Kapitalisten mit China gutes Geld verdient. Sie importierten billige Konsumprodukte und verkauften nach China teure Maschinen und Autos.

    Der Handel mit China wuchs in den letzten Jahrzehnten schneller als mit jedem anderen Land und übertrifft nun sogar den Handel mit Frankreich oder mit den USA.



    Mit dem Optimismus, der im deutschen Chinahandel herrschte, ist es nun vorbei. Chinas Unternehmen werden in Deutschland nicht mehr als Juniorpartner, sondern als gefährliche Konkurrenten eingestuft. Aber das gute Geschäft mit ihnen, möchte man auch nicht stören. Deshalb hat sich Deutschland (noch?) nicht dem amerikanischen Boykott des chinesischen Technologie-Giganten Huawei angeschlossen. Vorerst glauben Industrieverbände und Regierung in Deutschland, die chinesische Konkurrenz mittels zusätzlichen Staatsgeldern ausstechen zu können. Die chinesischen Firmen sollen quasi mit ihren eigenen Mitteln geschlagen werden. Weit wird das nicht helfen.


    Siehe auch:


    Chinas Weg zur Weltmacht


    China und die Welt


    Verlierer Europa - Gewinner China


    China und die USA






    Gerichtliches Nachspiel zur Besetzung des Hambacher Forstes.

    Dem RECHTSstaat muss Folge geleistet werden. Deshalb sind rabiate Richter die notwendige und logische Ergänzung zu sanften Bullen. Wären die Richter sanfter, bliebe das Eingreifen der Polizei im Hambacher Forst ohne Folgen.


    Es geht auch anders: In den USA schießen die Bullen erst und verhaften, was übrig bleibt. Das harte Durchgreifen der Polizei macht Richter dann überflüssig.

    Dem RECHTSstaat muss Folge geleistet werden – so oder so. Das ist die Logik des bürgerlichen Staates, vornehmer genannt: "Staatsräson".

    Entweder sind die Bullen rabiat oder die Richter. Wurde uns jemals was anderes versprochen?


    Siehe auch:

    Waffenkult in den USA


    Was mir auffällt:

    1) Die Profitraten in der kapitalistischen Peripherie sind dauerhaft rund doppelt so hoch wie die Profitraten in der Kernzone. Das steht im Einklang mit den Beobachtungen von Karl Marx, der schrieb:

    „In einem europäischen Land sei die Rate des Mehrwerts 100 %, d. h., der Arbeiter arbeite den halben Tag für sich und den halben Tag für seinen Beschäftiger; in einem asiatischen Land (oder einem anderen Land der Dritten Welt mit einheimischem Kapital) sei sie = 25 %, d. h., der Arbeiter arbeite 4/5 des Tages für sich und 1/5 für seinen Beschäftiger.

    In dem europäischen Land aber sei die Zusammensetzung des nationalen Kapitals 84 c + 16 v, und im asiatischen Land, wo wenig Maschinerie etc. angewandt und in einer gegebenen Zeit von einer gegebenen Menge Arbeitskraft relativ wenig Rohmaterial produktiv konsumiert wird, sei die Zusammensetzung 16 c + 84 v.

    Wir haben dann folgende Rechnung:

    Im europäischen Land

    Produktwert = 84 c + 16 v + 16 m = 116; Profitrate = ... 16 %.

    Im asiatischen Land

    Produktwert = 16 c + 84 v + 21 m = 121; Profitrate = ... 21 %.

    Die Profitrate ist also im asiatischen Land um mehr als 25 % größer als im europäischen, obgleich die Mehrwertrate in jenem viermal kleiner ist als in diesem.
    Die Careys, Bastiats und alle anderen werden gerade auf das Umgekehrte schließen.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 160.

    2) Ebenso im Einklang mit den Theorien von Marx steht die Tatsache, dass die Profitraten in der Peripherie bis auf die Jahre zwischen 1982 bis 1991 ständig gesunken ist.

    Was mich jedoch verwundert: Während die Profitraten in der kapitalistischen Kernzone bis 1982 gesunken, aber zwischen 1982 und 2007 – dem „Zeitalter der Globalisierung“ gestiegen sind. Dieses Steigen der Profitraten gilt es noch zu erklären.


    In English:

    What strikes me:

    1) The average rate of profit of the capitalist core zone is permanently twice as high as the profit rates in the core zone. This is consistent with the observations of Karl Marx. He said:

    “This is particularly important in comparing rates of profit in different countries. Let us assume that the rate of surplus-value in one European country is 100%, so that the labourer works half of the working-day for himself and the other half for his employer. Let us further assume that the rate of profit in an Asian country is 25%, so that the labourer works 4/5 of the working-day for himself, and 1/5 for his employer.

    Let 84c + l6v be the composition of the national capital in the European country, and 16c + 84v in the Asian country, where little machinery, etc., is used, and where a given quantity of labour-power consumes relatively little raw material productively in a given time. Then we have the following calculation:

    In the European country the value of the product = 84c + 16v + 16s = 116; rate of profit = 16/100 = 16%.

    In the Asian country the value of the product = 16c + 84v + 21s = 121; rate of profit = 21/100 = 21%.

    The rate of profit in the Asian country is thus more than 25% higher than in the European country, although the rate of surplus-value in the former is one-fourth that of the latter. Men like Carey, Bastiat, and tutti quanti, would arrive at the very opposite conclusion. Karl Marx, Capital III, 115.


    2) The theory of Marx also agrees with the fact that the rate of profit on the periphery (with the exception of the years between 1982 and 1991) has steadily declined. While the rate of profit in the capitalist core zone declined until 1982, but increased between 1982 and 2007 - the "age of globalization". This increase in the rate of profit still needs to be explained.


    Wal Buchenberg, Hannover

    Die entscheidende Frage ist aber: SIND denn die derzeit herrschenden Kreise der Nato-Staaten zum Krieg entschlossen? Das Bild ist uneinheitlich; und das mag ja IHRER Realität durchaus entsprechen: Zum aggressiven US-Militarismus nehmen sie vielleicht alle, angefangen bei den Angehörigen des US Foreign Policy Establishments, ganz verschiedene Positionen ein.

    Ich glaube, wer jährlich gut 40 Milliarden für Kriegsrüstung (Bundesmilitär) ausgibt, der ist auch zum Krieg entschlossen. Nicht umsonst haben die Grünen, sobald sie in der Regierung waren, am Balkankrieg mitgemacht. Nicht umsonst ist/war ein Hindernis für eine Regierungsbeteiligung der Linkspartei ihre Ablehnung der Nato. Die (grundsätzliche) Entschlossenheit zum Krieg ist notwendiger Bestandteil bürgerlicher Regierungspolitik.

    Das Kapital wendet zwar selber keine Gewalt an, aber seine Rückwirkungen auf Mensch und Natur sind so tiefgreifend und seine „friedliche“ Konkurrenz so umfassend, dass kein Kapital ohne bewaffneten Schutz auskommt. Deshalb gibt es den staatlichen Gewaltapparat nach Innen und nach Außen.

    Gab es jemals in einem kapitalistischen Land eine pazifistische Regierung? Ich kenne keine.


    Eine andere Frage ist, wer heutzutage im Jahr 2019 einen Krieg will oder vorbereitet. In Deutschland sehe ich da außer AfD-Leuten, Neonazis und einigen wenigen Verrückten bei Polizei und Bundeswehr sowie den Geheimdiensten niemanden, den wir als Kriegstreiber ernst nehmen oder fürchten müssten.

    Gegen die „Sicherheitskonferenz“ haben wenige tausend Leute in München demonstriert – von der Zahl her die „üblichen Verdächtigen“.

    Es klafft ein riesiger Widerspruch zwischen einer allgemeinen Friedenssehnsucht und dem aktiven Widerstand gegen die Kriegsgefahr. Diesen Widerspruch gilt es zu erklären.


    Wenn sich eine Regierung oder die Machtelite für Krieg entscheidet, dann nur, weil sie glauben, durch den Krieg etwas gewinnen zu können. Die große Mehrheit kann durch einen Krieg nur verlieren, nichts gewinnen. Die Entscheidung der Machthaber für Krieg ist gleichzeitig eine Entscheidung gegen die Machtlosen und die Untergebenen. Hinzu kommt, dass in jedem Krieg und für jeden Krieg die Herrschenden fast ihr gesamtes Gewaltpotential konzentrieren. Gegen diese Richtungsentscheidung und gegen diese konzentrierte Gewalt richten wir einfachen Leute nur dann etwas aus, wenn wir wirklich zum Umsturz entschlossen sind.

    Wo die Machthabenden zum Krieg entschlossen sind, ist der Krieg nur zu verhindern, wenn die Machtlosen ihre Herren stürzen wollen und stürzen können. Mit Friedenssehnsucht, Unterschriftensammlungen und Bittgesuchen ist da nichts auszurichten. Die Kriegsverhinderer müssen nicht minder zur Gewaltanwendung entschlossen sein wie die Kriegsbetreiber.

    Wo diese Zuspitzung nicht gegeben ist, werden sich die Kriegsbetreiber mit Leichtigkeit durchsetzen. Das war so vor dem ersten Weltkrieg, es war so vor dem zweiten Weltkrieg und auch bei allen nachfolgenden Stellvertreter- und deutschen Beteiligungskriegen.

    Zum 1. Weltkrieg: Damals stellte sich die oppositionelle Arbeiterschaft in Deutschland erst im März 1917 "die Frage, ob es genüge, den Kampf nur für die Beendigung des Krieges zu führen, oder ob es möglich sei, ... den Sturz der Monarchie zu erkämpfen..." (Richard Müller, Eine Geschichte der November-Revolution, 5. Aufl. 2012, S. 109; Nachdruck der 1924 u. 1925 erschienenen Bücher). Erst diese radikale Infragestellung des Herrschaftssystems in Deutschland führte im Januar 2018 zum großen politischen Massenstreik mit den Forderungen nach „Frieden ohne Annexionen“ und „Durchgreifende Demokratisierung der gesamten Staatseinrichtungen in Deutschland“. (Richard Müller, S. 217)


    Auch wenn es fast alle wollen: Einen drohenden Krieg zu verhindern, ist kein bisschen leichter als ein gewaltsamer Umsturz. Genauer: Um einen drohenden Krieg zu verhindern, braucht es einen gewaltsamen Umsturz.

    Das erklärt, warum die Verhinderung eines Krieges eine so verdammt schwierige und eine verflixt seltene Sache ist.


    Siehe auch:

    Machtdreieck im Nahen Osten


    Waffenexport


    Die Nordkorea-Drohung


    China und die Welt


    Konfliktzone Südchinesisches Meer


    Trump und die NATO


    Kurze Geschichte des heutigen Russland

    Es gibt eine neue Idee, wie Linke ihre schönen Ideen zur Beseitigung von Armut und zur Rettung unserer Umwelt finanzieren können. Bisher behaupteten Linke tapfer:„Die Kapitalisten sollen zahlen!“


    Jetzt gibt es scheinbar eine noch elegantere Methode: Die „Schaffung von Geld aus dem Nichts“, auf Englisch „Modern Money Theory“ (MMT).

    Der aktuelle “Economist” schreibt: „Adherents of MMT note the lack of inflation seen since the financial crisis, despite big deficits and governments printing money to buy bonds through ‚quantitative easing‘.“ QUELLE


    Ich glaube nicht, dass die Anhänger der MM-Theorie verstanden haben, wovon der Wert des Gelds abhängt. Aber sie sind davon fasziniert, dass das Quantitative Easing der US-Notenbank (wie auch in Japan und der EU) nicht zu einer allgemeinen Inflation geführt haben.

    Die Erklärung dafür ist einfach: Dieses zusätzliche Geld ist gar nicht in der Realwirtschaft angekommen. Das zusätzliche Geld von QE erreichte nicht die Realwirtschaft und löste deshalb keine Inflation aus. Ohne Zugang zur Realwirtschaft endete dieses Geld in den Büchern von Banken und Unternehmen und landete weder im Staatssäckel noch in unseren Geldbeuteln.

    Weder ist durch QE die Staatsverschuldung in irgendeinem Land zurückgegangen, noch sind die Investitionen und die privaten Konsumausgaben nennenswert gestiegen.

    Das Quantitative Easing ist in die Aktienmärkte geflossen, und hat dort eine Inflation (Preisanstieg) bewirkt, und es ist in die Aktiva der Banken geflossen, so dass die Banken ihre faulen Bilanzen sanieren konnten.

    Weder der Staat noch die Lohnabhängigen sind durch QE reicher geworden. Weder der Staat noch die Lohnabhängigen können durch QE reicher werden. Das ist die simple Schlussfolgerung aus der Geldflut der Notenbanken.


    Noch wichtiger ist aber, dass die Anhänger dieser „moderne Geldtheorie“ meinen, sie könnten ohne zusätzliches Kapital und ohne zusätzliche Produktion „aus dem Nichts“ zusätzliches Geld und zusätzliche Werte schaffen.


    Damit löst die Modern Monetary Theory das Geld vollständig vom Wert und glaubt, der Staat könne den Wert des Geldes willkürlich festlegen.


    Für Marx ist Geld eine bestimmte Form des Wertes. Geld hat Wert, weil Geld Warenwert repräsentiert, und Geld hat soviel Wert, wie viel Warenwert es tauschen oder kaufen kann.

    Karl Marx: "Aber was ist Geld? Geld ist keine Sache, sondern eine bestimmte Form des Werts..." K. Marx, Kapital III, MEW 25, 870.

    Karl Marx: „Der Austauschprozess produziert eine Verdopplung der Ware in Ware und Geld, ... In diesem Gegensatz treten die Waren als Gebrauchswerte dem Geld als Tauschwert gegenüber. Andererseits sind beide Seiten des Gegensatzes Waren, also Einheiten von Gebrauchswert und Wert.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 119.

    Es stimmt, dass Karl Marx im 1. Band des Kapitals nur mit Goldwährung rechnet. Aber er machte das aus Gründen der Vereinfachung, nicht weil Papiergeld ganz neue Verhältnisse in die Sache bringen würde.

    „Ich setze überall in dieser Schrift (dem ,Kapital I‘), der Vereinfachung halber, Gold als die Geldware voraus.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 109.

    Das Papiergeld bringt keine wesentliche Änderung:

    „Papierzettel, denen Geldnamen ... aufgedruckt sind, werden vom Staat äußerlich in den Zirkulationsprozess hineingeworfen. Soweit sie wirklich an der Stelle der gleichnamigen Goldsumme zirkulieren, spiegeln sich in ihrer Bewegung nur die Gesetze des (Metall-)Geldumlaufs selbst wider. Ein spezifisches Gesetz der Papierzirkulation kann nur aus ihrem Repräsentationsverhältnis zum Gold entspringen. Und dies Gesetz ist einfach dies, dass die Ausgabe des Papiergelds auf die Quantität zu beschränken ist, worin das von ihm symbolisch dargestellte Gold (resp. Silber) wirklich zirkulieren müsste. ... Nur sofern das Papiergeld Goldquanta repräsentiert ... ist es Wertzeichen. K. Marx, Kapital I, MEW 23, 141f.


    Wenn die VW-Kapitalisten Autos für 15.000 Euro verkaufen, dann ist das ein Austausch zwischen zwei Besitzern von Wert: Der Verkäufer besitzt einen Wert von 15.000 Euro in Ware, der Käufer besitzt einen Wert von 15.000 Euro in Geld. In diesem Austausch steht auf beiden Seiten dieselbe Wertgröße und nach dem vollzogenen Verkauf, besitzen beide Akteure immer noch dieselbe Wertgrößte. Was wechselte, war nur die Form des Wertes.

    Falls nun die Geldmenge in der Zirkulation verdoppelt würde, dann würde VW für seine PKW nicht 15.000, sondern 30.000 Euro verlangen. Der gestiegenen Geldmenge stünden keine gestiegenen Warenwerte gegenüber. Das Resultat ist Inflation. Durch bloße Vermehrung von (Papier)Geld entstehen keine zusätzlichen Waren- und Dienstleistungswerte. Die vorhandenen Waren- und Dienstleistungswerte verlangen dann nach zusätzlichem Geld. Das Geld verliert an Wert.


    Aber schaffen nicht Banken „Geld aus dem Nichts“?

    Eine Bank verwaltet, sammelt und verteilt und vermehrt so die ungenutzten Sparguthaben aller Kapitalisten - Sparguthaben, die je für sich zu unbedeutend sind, um als (industrielles) Kapital zu wirken.

    Die Bank schafft kein Geld, sondern sammelt und verwaltet fremdes Geld, das im kapitalistischen Produktionsprozess entstanden ist. Nur dieser Produktionsprozess schafft und vermehrt Werte, die teils die Gestalt von Waren und auch die Gestalt von Geld annehmen.

    Könnte eine Bank Geld aus dem Nichts schaffen, dann gäbe es Millionen Banken und jeder von uns würde sich zum Banker erklären.

    Ja, die Bank vergibt mehr Kredite als die Summe Geldes, die sie verwaltet. Aber dieses "mehr" ist keineswegs beliebig. Alle Kredite, die eine Bank vergibt, stehen im bestimmten Verhältnis zu den Geldern, die eine Bank verwaltet. Dieser "Hebel" liegt bei gutgeführten Banken bei 1 : 10, bei Spekulationsbanken bei 1 : 20.

    Dieser "Hebel" errechnet sich aus dem Zufluss der verwalteten Gelder und dem Rückfluss der vergebenen Kredite. Wenn eine Bank "zusätzliches Geld" verleiht, das sie noch gar nicht hat (angebliches "Geld aus dem Nichts"), dann tut sie das im Vorschuss und im Vorgriff auf die ihr in Zukunft voraussichtlich zufließenden Gelder. Kommt das Geld zurückgeflossen, wie vertraglich versprochen, dann bleibt die Bank solvent. Kommt das Geld nicht zurückgeflossen, wie vertraglich zugesichert, dann hat die Bank Probleme und geht schließlich pleite. Hat eine Bank keinen Zugriff auf fremde Gelder, kann sie auch keine Kredite vergeben.

    Der Kredit, den die Banken an Kapitalisten vergeben, ist gleichsam ein Vorschuss aller "Sparer", also der gesamten Kapitalistenklasse, an einen einzelnen Kapitalisten, der bei Erhalt dieses Vorschusses zusichern muss, dass er das erhaltene Kapital zu einem bestimmten Satz verzinst und in bestimmter Frist zurückzahlt.

    Von jedem Kredit wird erwartet, dass er eine Gewinnbeteiligung abwirft. Der Konsumentenkredit, der an Lohnarbeiter, aber auch an den Staat gegeben wird, ist daher eine eigene Sache.


    Die Kapitalistenklasse als Ganzes kontrolliert und verwaltet alles Geld einer Volkswirtschaft. Die Banken sind nur Dienstleister des Kapitals, keinesfalls die Herren des Kapitals.



    Siehe auch:

    Horst Schulz: Geldschöpfung aus dem Nichts? (Doku)


    Die Zirkulation des Geldes


    Wie machen Banken Geld?


    Entstehung des Geldes im antiken Griechenland

    Die Diskussion darüber, ob Sozialismus in einem Land möglich sei oder nicht, ist eine Phantomdebatte.

    Es ist völlig ausgeschlossen, dass der Sozialismus/Kommunismus auf einen Schlag in allen Ländern der Welt gleichzeitig siegt. In jedem realistischen Fall wird es also nach einer teilweisen Beseitigung der kapitalistischen Produktion ein „sozialistisches Lager“ und ein „kapitalistisches Lager“ geben.


    Ökonomisch heißt das, dass innerhalb des sozialistischen Lagers die Produktion selbstverwaltet einerseits nach den Bedürfnissen und andererseits nach den vorhandenen Möglichkeiten ausgerichtet werden kann. Andererseits muss das sozialistische Lager aber noch eine bestimmte Menge marktfähige Waren produzieren für den Austausch mit dem kapitalistischen Lager. Ich nenne das „Doppelwirtschaft“.


    Mit „Doppelwirtschaft“ verstehe ich eine selbstverwaltete, geldlose Wirtschaft, in der die wirklichen Produzenten auch die wirklichen Herren der Produktion sind, die aber für den nötigen Austausch mit der kapitalistischen Welt noch so viel Warenwerte produzieren, wie sie als Warenwerte von dort importieren müssen.


    Zum Vergleich: Die EU importiert zur Zeit jährlich Waren im Wert von 2 Billionen Euro von außerhalb der EU. Das sind rund 12,5 Prozent des jährlichen Neuprodukts (BIP).

    Das bedeutet: Ein kommunistisches Europa müsste unter diesen Umständen 12,5 Prozent seiner Wirtschaft (= 12,5% seiner Arbeitszeit) in Form von Exportwaren produzieren, 87,5 Prozent seiner Wirtschaft (=87,5 % seiner Arbeitszeit) könnte unter diesen Umständen kommunistische d.h. selbstbestimmte Gebrauchsproduktion für den Bedarf der Bewohner sein.


    Diese Doppelwirtschaft (Gemeinwirtschaft mit einer begrenzten Menge Warenwirtschaft) ist vergleichbar den frühen Kulturen mit Gemeineigentum, die an ihren Rändern mit anderen Gemeinschaften Produkte austauschten, die sie jeweils im Überfluss hatten:


    „...Wie ich früher bemerkt, entspringt der Produktenaustausch an den Punkten, wo verschiedene Familien, Stämme, Gemeinwesen in Kontakt kommen, denn nicht Privatpersonen, sondern Familien, Stämme usw. treten sich in den Anfängen der Kultur selbständig gegenüber.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 372f.

    Was diese Gemeinschaften austauschten, war ihr Überschuss:

    „Auf der untersten Stufe produzierten die Menschen nur direkt für eignen Bedarf; die etwa vorkommenden Austauschakte waren vereinzelt, betrafen nur den zufällig sich einstellenden Überfluss.“ F. Engels, Ursprung der Familie... MEW 21, 160.

    „Die erste naturwüchsige Form des Reichtums ist die des Überflusses oder des Überschusses, der nicht als Gebrauchswert unmittelbar erheischte Teil der Produkte, oder auch der Besitz solcher Produkte, deren Gebrauchswert außerhalb des Kreises bloßer Bedürftigkeit fällt. Bei der Betrachtung des Übergangs von Ware zu Geld sahen wir, dass dieser Überfluss oder Überschuss der Produkte auf unentwickelter Produktionsstufe die eigentliche Sphäre des Warenaustausches bildet. Überflüssige Produkte werden austauschbare Produkte oder Waren.“ Karl Marx, MEW 13, 105.


    Auch in dieser Frühzeit bestand gemeinschaftliche Produktion und Warenproduktion nebeneinander. Die gemeinschaftliche Produktion betraf die gewöhnlichen Alltagsbedürfnisse. Die Warenproduktion betraf den begrenzten Überschuss, der „exportiert“ wurde, um von anderen Gemeinschaften Produkte zu erlangen, bei denen in der eigenen Kultur Mangel herrschte.