Posts by Wal Buchenberg

    In seinem „Startup“ beschrieb Marx mit 26 Jahren seine Rolle in der Revolution so: „Wie damals der Mönch (Martin Luther, w.b.), so ist es jetzt der Philosoph (Karl Marx, w.b.) in dessen Hirn die Revolution beginnt“. (MEW 1, 385) Und weiter: „Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat.“ (MEW 1, 391).

    Man darf ohne Übertreibung sagen, er meint damit: der Kopf der Emanzipation ist der einzelne Philosoph in Gestalt von Karl Marx.

    Diese Vorstellung, dass einzelne Theoretiker „Kopf“ der Emanzipation von Leuten seien - von Leuten, denen offenbar der eigene Kopf zum Denken fehlte, und die nur dadurch zum Denken kommen, dass sie sich alle die Gedanken dieses einen Kopfes aneignen, diese Vorstellung hat etliche Anhänger gefunden und ist eines der Grunddogmen des Parteimarxismus geworden.

    Hätte aber Marx an dieser Meinung festgehalten, hätte er seinen eigenen Erkenntnissen widersprochen.


    1. Woher kommen die richtigen Ideen?

    Schon zwei Jahre später, in der „Deutschen Ideologie“ kritisierten Marx und Engels diese Vorstellung, als könne ein Philosoph oder ein Theoretiker das Bewusstsein anderer Leute verändern:

    „Die wirkliche, praktische Auflösung dieser Phrasen, die Beseitigung dieser falschen Vorstellungen aus dem Bewusstsein der Menschen wird, wie schon gesagt, durch veränderte Umstände, nicht durch theoretische Deduktionen bewerkstelligt.“ K. Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 40.

    Noch klarer ist das im „Kommunistischen Manifest“ formuliert:

    „Bedarf es tiefer Einsicht, um zu begreifen, dass mit den Lebensverhältnissen der Menschen, mit ihren gesellschaftlichen Beziehungen, mit ihrem gesellschaftlichen Dasein, auch ihre Vorstellungen, Anschauungen und Begriffe, mit einem Worte auch ihr Bewusstsein sich ändert? Was beweist die Geschichte der Ideen anderes, als dass die geistige Produktion sich mit der materiellen umgestaltet? ... Man spricht von Ideen, welche eine ganze Gesellschaft revolutionieren; man spricht damit nur die Tatsache aus, dass sich innerhalb der alten Gesellschaft die Elemente einer neuen gebildet haben, dass mit der Auflösung der alten Lebensverhältnisse die Auflösung der alten Ideen gleichen Schritt hält. K. Marx, Kommunistisches Manifest, MEW 4, 480.

    Das ist eine klare Absage an der Position, die Marx anfangs vertreten hatte. Diese Absage mündete in die Erkenntnis, „dass die Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Arbeiterklasse selbst erobert werden muss;“ (Statuten der IAA, MEW 16, 14).


    Lenin behauptete, das Klassenbewusstsein der Lohnarbeiter hätte seinen Ursprung bei den Intellektuellen, deren Lebensweise sich vom Proletariat unterscheidet.

    Marx widersprach dem. Es seien nicht die Intellektuellen, von denen das richtige Bewusstsein ausgehe, es ist die „Klasse, die die Mehrheit aller Gesellschaftsmitglieder bildet und von der das Bewusstsein über die Notwendigkeit einer gründlichen Revolution, das kommunistische Bewusstsein, ausgeht, das sich natürlich auch unter den anderen Klassen vermittels der Analyse der Stellung dieser Klasse bilden kann.“ K. Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 69.


    Und über die Kommunisten heißt es bei Marx und Engels: „Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung." K. Marx, Kommunistisches Manifest, MEW 4, 474f.


    Der "materialistische" Grundgedanke der Marxschen Theorie heißt: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ K. Marx, Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, 9. Diesen Grundgedanken in einfachem Deutsch formuliert heißt: Das Denken folgt dem Tun. Die Menschen handeln erst und denken dann. Alle richtigen Ideen entstammen dem (gesellschaftlichen) Tun und dienen dem Tun.

    „... Ehe die Menschen argumentierten, handelten sie.“ F. Engels, Entwicklung des Sozialismus, MEW 19, 296.


    2. Zur Rolle der Individuen

    Wir haben uns angewöhnt, bestimmte Gedanken einzelnen Denkern zuzuordnen. Aber in der Menschheitsgeschichte wurden wichtige Entdeckungen und Erfindungen häufig mehrmals zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten gemacht. Eine ähnliche Praxis der Menschen zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten führte notwendig zu ähnlichen gedanklichen Lösungen. Selbständig gefundene, aber mehr oder minder identische Lösungen begannen mit dem Töpfern, Kochen und Häuserbauen bis hin zur Infinitesimalrechnung, die der Engländer Newton und der Deutsche Leibniz zur gleichen Zeit, aber voneinander unabhängig entdeckten und entwickelten.


    So wie das menschliche Tun eine kollektive, gesellschaftliche Angelegenheit ist, so ist das menschliche Denken auch keine individuelle, sondern eine kollektive Angelegenheit:

    „Eine kritische Geschichte der Technologie würde überhaupt nachweisen, wie wenig irgendeine Erfindung des 18. Jahrhunderts einem einzelnen Individuum gehört.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 392 Anm. 89.

    „Allgemeine Arbeit ist alle wissenschaftliche Arbeit, alle Entdeckung, alle Erfindung. Sie ist bedingt teils durch Kooperation mit Lebenden, teils durch Benutzung der Arbeiten Früherer.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 114.

    „Was aber die souveräne Geltung der Erkenntnisse jedes Einzeldenkers angeht, so wissen wir alle, dass davon gar keine Rede sein kann, und dass nach aller bisherigen Erfahrung sie ohne Ausnahme stets viel mehr Verbesserungsfähiges als ... Richtiges enthalten. Mit anderen Worten: die Souveränität des Denkens verwirklicht sich in einer Reihe höchst unsouverän denkender Menschen; die Erkenntnis, welche unbedingten Anspruch auf Wahrheit hat, in einer Reihe von relativen Irrtümern; weder die eine noch die andere kann anders als durch eine unendliche Lebensdauer der Menschheit vollständig verwirklicht werden.“ F. Engels, Anti-Dühring, MEW 20, 80.


    Es gab und gibt immer noch Leute, die wollten den Theorien und Erkenntnissen von Karl Marx eine "souveräne Geltung" zubilligen, die wir ungeprüft übernehmen könnten. F. Engels hat das offenbar nicht gemacht.

    In aller Regel war diese Berufung auf den "souveränen Einzeldeniker Marx" gepaart mit grober Unkenntnis seiner Schriften und Gedanken.

    Die Erkenntnisse von Marx sind für uns heute nicht deshalb wertvoll, weil er eben ein Genie, also ein "souveräner Einzeldenker" gewesen wäre. Die Erkenntnisse von Marx sind für uns heute wertvoll, weil sie erstens aus einer Zeit stammen, in der sich der Kapitalismus (unser Kapitalismus!) noch stürmisch entwickelte, und seine Entwicklungsgesetze vielleicht deutlicher sichtbar waren - heute "verschwindet" einiges hinter Staatstätigkeiten -, und zweitens sind die Erkenntnisse von Marx für uns heute deshalb so wertvoll, weil Marx sich eben auf die Erfahrungen und die Intelligenz vieler Tausender Menschen gestützt hatte, die Erfahrungen und die Gedanken vieler Tausender Menschen aufgenommen und verarbeitet hatte - sowohl beim jahrelangen Studium in der Londoner Bibliothek, als auch bei seiner politischen Praxis während eines ereignisreichen Lebens mit drei europäischen Revolutionen: Der ersten Arbeiterrevolution in Paris 1830, der europäischen Revolution von 1848 und der zweiten Arbeiterrevolution in Paris, der Pariser Kommune von 1871. Karl Marx repräsentiert für uns das komprimierte Denken sehr vieler, auch vieler kluger Menschen, die in einer ereignisreichen Zeit gelebt hatten.

    Auch die Entdeckung der Ausbeutung der Lohnarbeit durch das Kapital war keine individuelle Leistung von Marx, sondern eine Verarbeitung der Arbeitswertlehre von Smith, Ricardo und anderen, deren Erkenntnisse Marx „in ihrer klassischen Form ... vollständig und übersichtlich“ schilderte (F. Engels, ‚Karl Marx‘ 1869, MEW 16, 365).


    Wal Buchenberg, 21. Juni 2019


    Siehe auch:

    Warum Marx?

    Hallo camou,

    lass den Satz einfach mal so stehen.

    Wenn wir uns bis ins letzte Detail gegenseitig kritisieren oder "korrigieren" wollten, endet das notwendig in unfruchtbarer Missstimmung. Wir schreiben ja nicht an einem "allgemeingültigen" Programm, sondern stellen unsere jeweiligen Ansichten zu Fragen vor, die uns durch den Kopf gehen.


    Natürlich nehme ich Wissenschaft wichtig, aber sie sehe mich nicht als Wissenschaftler, sondern als Übersetzer. (Das ist auch eine Arbeit, die ich zeitweilig ausgeübt hatte.)

    Ich sehe mich als Übersetzer der Marxschen Theorie in heutige Sprache und in heutige Verhältnisse. Ich sehe mich als Praktiker, nicht als Theoretiker.


    Gruß Wal


    P.S. Es hat auch einen Sinn, dass meine Website "Marx-Forum" und nicht "Marxistisches Forum" heißt. Das umgrenzt den Bereich, in dem ich mich einigermaßen kompetent fühle.

    Das Verständnis der Widerspruchsdialektik ist m.E. die Grundlage für die Beurteilung der Perspektive kapitalistischer Entwicklung. Insofern ist Marx nie vollendet. Lenin hat es versucht mit der Schrift " Der Imperialismus....".

    Hallo camou,

    Marx war wohl bescheidener, was seine "Mission" oder "Aufgabe" angeht, und hat die Emanzipation der Lohnabhängigen niemals von seiner Person abhängig gemacht.

    Was die Imperialismustheorie von Lenin (eigentlich von Hilferding und Luxemburg - Lenin hat deren Arbeiten aufgegriffen und popularisiert) angeht, gibt es dazu im Marx-Forum etliche recht kritische Stellungnahmen von mir, von Robert Schlosser und von anderen.

    Wenn du im Menü oben rechts außen die LUPE anklickst, kannst du als Stichwort zum Beispiel "Imperialismus" eingeben und bekommst alle bisherigen Texte im Forumzu diesem Thema.


    Die imperialistische Stufentheorie (Monopol als Endpunkte des Kapitalismus) stammt gar von Proudhon, über dessen Theorie Marx spöttisch schrieb:

    „... Wir wissen alle, dass die Konkurrenz aus dem feudalen Monopol hervorging. So war die Konkurrenz ursprünglich das Gegenteil des Monopols ... Das moderne Monopol ist somit nicht eine einfache Antithese, sondern im Gegenteil die wahre Synthese.

    These: das feudale Monopol, Vorgänger der Konkurrenz.

    Antithese: die Konkurrenz.

    Synthese: das moderne Monopol ...“ K. Marx, Elend der Philosophie, MEW 4, 163.


    Gruß Wal

    Hallo camou,

    mein Eindruck ist, dass nur Leute Marx-Biografien lesen, die längst "infiziert" sind - abgesehen mal von den Misfits, die bei allen Großen nach unehelichen Kindern suchen.

    Und wer schon mal eine Biografie des alten Herrn gelesen hat, fragt sich natürlich, was erfahre ich in der nächsten Lebensbeschreibung Neues?


    Noch eine Frage: Was findet J. Neffe eigentlich an Marx "unvollendet"? Ist "unvollendet" nicht eine Kategorie, die als Maßstab für irgendein Individuum vollkommen verkehrt ist? Wer ist schon ein "vollendeter Mensch"?! Laut Hegel ist ein neugeborenes Baby ein "vollkommener Mensch" und mit jedem Tag und jedem Jahr, das dazu kommt, wird dieser vollkommene Mensch einseitiger und beschränkter. ?(


    Gruß Wal

    Annette Ramelsberger von der „Süddeutschen“ fragt nach der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten: „Aber was muss noch passieren, bis Polizei, Staatsanwälte und Verfassungsschützer erkennen, dass der gefährlichste Feind nicht links steht, sondern rechts? Und manchmal steht er sogar mitten unter ihnen.“


    Das ist eine Argumentation, die von Linken gerne aufgegriffen wird: Der Feind steht rechts! Wir Linke sind gar keine Gefahr. Wir morden nicht, wir beseitigen nicht das heilige Grundgesetz. Wir tun euch ja nix, wir wollen nur spielen!

    Von dieser Leier: Wir tun euch nix! ist es dann nur noch ein kleiner Schritt in die Leiden-Christi-Pose: Wir werden grundlos überwacht! Wir werden ohne Rechtsgrundlage bespitzelt! Wir sind politisch Verfolgte wie einst die Hitlergegner! Wir verdienen nicht staatliche Verfolgung, sondern (staatliche) Unterstützung. Verleiht uns Bundesverdienstkreuze und einen Friedensnobelpreis – Oppositionelle im Ausland sind doch auch eure Freunde! (Zitat-Ende)


    Der Vergleich von rechtem Terror mit linkem Terror hat eine lange Tradition. Linke, die was erreichen wollen, müssen diesen Vergleich aushalten können. Linke, die sich was zutrauen, weisen diesen Vergleich von Rechts und Links nicht einfach von sich, sondern lassen sich argumentativ darauf ein.

    Es reicht auch nicht, wenn wir Linke darauf hinweisen: Die Rechten morden missliebige Personen, wir Linke kämpfen nicht gegen Individuen, sondern gegen ein „System“. Gewalt gegen Personen haben historische Linke allzu oft angewendet und waren in der Wahl ihrer Mittel nicht immer zimperlich.


    Es reicht nicht, wenn wir Linke nur darauf hinweisen: Die Rechten wollen eine Diktatur, wir wollen eine (richtige) Demokratie. Die Begriffe „Demokratie“ und „Diktatur“ sind polemische Schlagtotwörter ohne viel Inhalt. Wenn radikale Linke die Interessen der lohnabhängigen Mehrheit vertreten (wollen), dann lässt sich das nicht einfach mit der politischen Hülse „Demokratie“ fassen.


    Die unterschiedlichen Ziele, die Rechte und Linke anstreben, sind jedoch in der Tat der wesentliche und nachprüfbare Unterschied zwischen Rechts und Links.


    Da ist es ein sichtbarer Mangel, wenn zum Beispiel so intelligente Linke wie die von der früheren „Marxistischen Gruppe“ es grundsätzlich ablehnen, über ihre Ziele zu sprechen und darüber Auskunft zu geben, was sie wie erreichen wollen.

    Auch andere Linke sagen häufig, was sie NICHT wollen, aber bleiben merkwürdig undeutlich, wenn sie sagen sollen, was sie denn positiv anstreben.

    Ich denke, Menschen engagieren sich für einsichtige Ziele. Solange sie nicht wissen, wohin die linke Reise geht, machen sie sich nur ungern mit auf den Weg.





    Siehe auch:

    Rechte und Linke


    Uns Linken fehlt der Antikapitalismus


    Good bye, Linke!


    Die Krise der (Staats)Linken ist unheilbar


    Wer ist heute links?


    Was manche Linke mit den Boston-Attentätern gemein haben

    Der VW Käfer begann 1948 mit einem Gewicht von 600 kg und erreichte 1978 ein Gewicht von 800 kg. Ein heutiger VW Golf wiegt 1350 kg.

    Hätte der VW-Konzern das Gewicht bei 800 kg belassen, könnte man einen Golf mit heutigem Motor mit rund 3 Liter Benzin oder 2,5 Liter Diesel pro 100 km mit einem CO2-Ausstoß von 76 g bzw. 63 g pro km fahren. Statt die Autos kleiner und leichter zu machen, werden sie immer größer und schwerer.

    Ressourceneffizienz spielt für die Automobilindustrie keine Rolle.

    Ressourceneffizienz spielt schon deshalb keine Rolle, weil zwei Drittel aller Neuwagen in Deutschland gewerblich zugelassen werden. Ein Großteil davon wandert in die „Dienstwagen“ der Firmenflotten. Ein Dienstwagen ist seit langem zum Statussymbol der „Führungskräfte“ geworden. Sie werden üblicherweise für drei Jahre gemietet („geleast“) und dann auf dem Gebrauchtwagenmarkt verscherbelt. Für die Benutzer der Dienstwagenflotte zählt weder der Spritverbrauch, noch der Schadstoffaustoß, noch die Reperaturfreundlichkeit. Das alles wird über die Firmenkosten abgerechnet.

    Erst durch zivilgesellschaftliche Initiativen wurde das Ausmaß der Kumpanei zwischen Regierung und Autokonzernen aufgedeckt. Nun sollen es vollelektrische Autos richten. Die Umstellung auf E-Autos bringt einen weiteren Preissprung nach oben: Einmal durch die Umstellungskosten auf die andere Technologie, dann durch die immer noch niedrigen Fertigungszahlen, zum dritten, weil die Autokonzerne wieder für das obere Preissegment planen: Die gewerblichen Kunden – Firmenflotten und Gewerbetreibende. Für einen Elektroauto muss der Käufer rund 10.000 Euro mehr hinblättern als für das Vergleichsfahrzeug mit Verbrennungsmotor.


    Spitze Zungen machen noch eine weitere Rechnung auf: Bisher wog der Treibstofftank bei herkömmlichen PKWs rund 50 kg. Bei einem E-Auto wiegt der „Tank“ (die Batterie) gut 1000 kg. Bisher konnte man mit einer Tankfüllung rund 600 km weit fahren, mit dem E-Auto sind es vielleicht 300 km. Bisher konnte man in rund 5 Minuten sein Auto volltanken. Mit dem E-Auto benötigt man in der Regel 5 Stunden.

    Allerdings fallen auch schwergewichtige Teile beim E-Auto weg: das gesamte Getriebe und die Auspuffanlage samt Abgasnachbehandlung. Der Motor ist wesentlich leichter und kleiner. Ein Verbrennungsmotor besteht aus über 1000 Einzelteilen, ein Elektromotor hat weniger als 20 Teile.

    In Summe sind E-Autos dennoch schwerer als vergleichbare herkömmliche PKWs.



    In das Thema, ob ein Elektroauto klima- und umweltfreundlicher ist als ein herkömmliches Auto, will ich gar nicht erst einsteigen. Der Individualverkehr ist – gemessen an seiner Personen- und Sachtransportleistung – weder klima- noch umweltfreundlich, ganz egal, welchen Treibstoff er benutzt.


    Als gegenwärtiger Trend wird jedoch sichtbar: Der weltweite Boom für private PKWs geht seinem Ende zu. Ein Neuwagen wird für immer mehr Lohnabhängige unerschwinglich. Immer weniger Gebrauchtwagen lassen sich einfach und preisgünstig reparieren und fahren. Autofahren wird wieder zum Luxus, so wie ein privater PKW zwischen 1900 und 1950 in Deutschland ein Luxus der Reichen gewesen ist. Beschleunigt wird dieser aktuelle Trend weg vom privaten PKW noch durch die Überalterung. Noch gibt es für 80- oder gar 90jährige keinerlei Fahrbeschränkung in Deutschland. Auch das ist ein Skandal. Selbstfahrende Autos für Senioren sind jedoch noch lange nicht serienreif, und wenn sie es einmal sind, werden sie für die meisten von uns unerschwinglich bleiben.

    Der Individualverkehr ist und bleibt eine kapitalistische Sackgasse.









    Siehe auch:


    Auto, Auto, Au, Au


    Wohin geht die US-Autoindustrie?


    US-Autoindustrie 1960 bis 2014

    Mietenwahn oder Mietenwahnsinn?


    Heute werden die Unterschriften zur Enteignung großer Wohnungsbaugesellschaften in Berlin übergeben. Das ist keine unwichtige Sache. Wäre ich Berliner, ich hätte da auch unterschrieben.

    Aber selbst in Medien, wo man Besseres erwarten könnte, werden die Wohnkosten in Deutschland separat von den Lebenshaltungskosten und die Lebenshaltungskosten separat von der (normalen) Höhe der Lohneinkommen behandelt. Viel Worte über teure Mieten, kein Wort über stagnierende Löhne und zu niedrige Transferzahlungen (Renten, Stütze etc.).


    Damit verschwindet der Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital hinter einer – wenn auch wichtigen – Detailfrage.

    Dieses Verschwindenmachen der Lohnfrage muss nicht, es kann aber auch böse Absicht sein: Wo die Stadtverwaltungen dafür verantwortlich gemacht werden, bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen, dort können sich die Unternehmen jede Lohnerhöhung sparen.

    Tatsache ist: Die „Einzelfragen“, die eine wachsende Armut sichtbar machen, nehmen ständig zu.

    Zu steigenden Mieten kommen steigende Verkehrs- und Kommunikationskosten, zu steigenden Kommunikationskosten kommen steigende Energiekosten, zu steigenden Energiekosten kommen steigende Lebensmittelkosten usw.

    Alle diese „Einzelfragen“ haben aber eine gemeinsame Wurzel: stagnierende Lohneinkommen – und daneben stagnierende Transferzahlungen, die ja vom allgemeinen Lohnniveau abhängen.


    Zeitleiste zur deutschen Revolution Teil 2:

    Die ersten Tage der Revolution:


    Datum

    Ereignis

    14. August 1918

    Die Oberste Heeresführung erklärt dem Kaiser und Regierungsvertretern, dass nach dem Misserfolg der deutschen Westoffensive von März 1918 die Fortführung des Krieges „aussichtslos“ sei. Die Öffentlichkeit erfährt davon nichts.

    4. Oktober 1918

    Ein deutsches Waffenstillstandsangebot wird von den Aliierten abgelehnt, weil Deutschland den U-Bootkrieg fortführt und die besetzten Gebiete nicht räumen will.

    29. Oktober 1918

    Als die Matrosen in den Seehäfen erfahren, dass sie die Kriegsschiffe zum „letzten Gefecht“ bereitmachen sollen, beginnt in Kiel die Meuterei.

    2. November 1918

    Die Revolutionären Obleute beraten in Berlin mit Spartakus und USPD über einen bewaffneten Aufstand, können sich aber nicht einigen.

    3. November 1918

    Die Kieler Matrosen verweigern die Befehle. Sie werden bei einer Demonstration in der Stadt von Offizieren beschossen. Es gibt 30 Tote und Verletzte. Die Werftarbeiter treten in Streik. Die Stadtverwaltung Kiels wird von den Aufständische übernommen.

    5. November 1918

    Eine Arbeiterdemonstration in Hamburg wird angegriffen.

    6. November 1918

    Hamburg in der Hand der Aufständischen. Die Bewegung greift auf Bremen und Lübeck über.

    9. November 1918, 3 Uhr

    Morgens um 3 Uhr sollte das 4. Jägerbattaillon gefechtsbereit antreten, um die Revolution in Berlin zu unterdrücken. Teile der Soldaten weigern sich. Die Truppen verlassen die Kasernen nicht.

    9. November, 9 Uhr

    Unter Führung der Revolutionären Obleute verlassen bewaffnete Demonstrationszüge die Berliner Fabriken und marschieren ins Stadtzentrum. Es werden Gefängnisse gestürmt und Waffen aus den Kasernen geholt. Die Aufständischen hatten dabei 15 Tote zu beklagen.

    9. November 1918, 11 Uhr

    Da sich Kaiser Wilhelm II. weigerte, abzudanken, wurde er – während die Streikenden Arbeiter auf dem Weg zum Regierungsviertel waren – von Reichskanzler Max von Baden per Erlass um 11 Uhr morgens „abgedankt“. Erst am 28. November unterschrieb der Kaiser dann seine Rücktrittsurkunde. Nachmittags um 1 Uhr übergab der Reichskanzler die Regierungsgeschäfte an den Sozialdemokraten Fritz Ebert. Ebert bot am Abend der USPD an, sich an seiner Regierung zu beteiligen, was diese zunächst ablehnten.

    Um 4 Uhr Nachmittags kam Karl Liebknecht zu den Demonstranten vor dem Berliner Schloss und sagte: „...Der Tag der Freiheit ist angebrochen. ... Ich proklamiere die freie sozialistische Republik Deutschland, die alle Stämme umfassen soll, in der es keine Knechte mehr geben wird, in der jeder ehrliche Arbeiter den ehrlichen Lohn seiner Arbeit finden wird. Die Herrschaft des Kapitalismus, der Europa in ein Leichenfeld verwandelt hat, ist gebrochen. ...“

    Um dem Aufruhr eine Richtung zu geben, schlug Richard Müller vor, am nächsten Tag überall in Berlin Arbeiter- und Soldatenräte zu wählen und dann am Nachmittag eine Vollversammlung der gewählten Räte abzuhalten.

    10. November 1918

    Die Mehrheitssozialdemokratie beteiligte sich an der Wahl der Räte und war damit besonders unter den in Berlin stationierten Soldaten erfolgreich. Gleichzeitig rief der „Vorwärts“ dazu auf: „Kein Bruderkampf!“

    Rund 3000 Arbeiter- und Soldatenräte kamen zu der Versammlung.

    Die Führer der drei Richtungen (Obleute und Spartakus, USPD, MSPD) hielten Ansprachen auf der Räteversammlung und Ebert erhielt den meisten Beifall. Die Obleute scheitern mit dem Versuch, einen Aktionsausschuss nur mit Revolutionären zu besetzen. Ebert forderte „Parität“ und bekam dafür eine große Mehrheit. Der „paritätische“ Aktionsausschuss wählte dann in die provisorische Regierung (genannt: "Rat der Volksbeauftragten"): Ebert, Scheidemann und Landsberg (SPD) - Haase, Dittmann (USPD) und Barth (Obleute). Eine Resolution wurde verabschiedet, in der die Arbeiter- und Soldatenräte als „Träger der politischen Macht“ bezeichnet wurden. Der Aufruf wurde im „Vorwärts“ nicht abgedruckt. Ebert und die Mehrheitssozialdemokratie besaß nun einen doppelten Regierungsauftrag: sowohl von Marx von Baden und den alten Mächten, als auch von der Revolution durch die Berliner Räteversammlung.

    Die Revolutionäre blieben überall eine Minderheit.

    12. November 1918

    Proklamation des „paritätischen“ Rats der Volksbeauftragten

    „An das deutsche Volk ...

    1. Der Belagerungszustand wird aufgehoben.

    2. Das Vereins- und Versammlungsrecht unterliegt keiner Beschränkung...

    3. Eine Zensur findet nicht statt. ...

    4. Meinungsäußerungen in Wort und Schrift sind frei.

    5. Freiheit der Religionsausübung...

    6. Für alle politischen Straftaten wird Amnestie gewährt...

    9. Die bei Beginn des Krieges aufgehobenen Arbeiterschutzbestimmungen werden hiermit wieder in Kraft gesetzt. ...

    achtstündiger Maximalarbeitstag ... Die Regierung wird .... das Eigentum ... schützen ... gleiches, geheimes, direktes und allgemeines Wahlrecht ... für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen...“

    (Ebert, Haase, Scheidemann, Landsberg, Dittmann, Barth)

    Das blieb das unmittelbare Resultat der Deutschen Revolution: Vorkriegszustand plus (Frauen)Wahlrecht und 8-Stunden-Arbeitstag.


    Die Wohnungs- und Mietkosten sind ein wichtiger Bestandteil der Lebenshaltungskosten und müssen daher zunächst durch unseren Lohn/Gehalt und durch die staatlichen Transfers, die vom Lohnniveau abhängen, abgedeckt werden. Fakt ist, dass die Miet- und Wohnungskosten über Jahre hinweg schneller gestiegen sind als das Lohnniveau.


    Der Anteil der Mietkosten an unseren Einkommen ist zwischen 1990 und 2010 von unter 15% auf über 25% gestiegen. In den unteren Einkommen machen die Wohnkosten sogar über 40% (Siehe Grafik 1) Mietanteil am Einkommen)



    Dabei geht der Preis für Grund und Boden mit 20 bis 50 % - je nach Lage und Bebauung mit 100 bis 1000 Euro pro Quadratmeter in die Baukosten und damit in den Mietpreis ein. Das ist ganz unabhängig davon, ob der Bauträger ein Privatmann, ein Unternehmen oder eine Stadtverwaltung ist.

    Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung schreibt:

    „Entscheidender Engpassfaktor für mehr bezahlbaren Wohnungsneubau ist in vielen Regionen und Städten der Mangel an geeigneten Flächen und fehlendes Baurecht für vorhandene Grundstücke. Dabei geht es sowohl um die quantitative Verfügbarkeit als auch um das vielerorts sehr hohe Preisniveau. Hohe Grundstückspreise lassen einen freifinanzierten Wohnungsneubau zu bezahlbaren Mieten vielfach nicht mehr zu.“



    Die „Mietpreisbremse“ hat nichts außer Verwaltungsaufwand gebracht. Wer große Wohnungsunternehmen verstaatlichen oder kommunalisieren will, der greift zwar in die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse ein, aber wohl an der falschen Stelle. Wer privatwirtschaftliche Unternehmen durch gemeinwirtschaftliche Unternehmen ersetzt, der spart maximal einen kapitalistischen Profit von rund 5 Prozent. Eine Verstaatlichung (Kommunalisierung) des Grund und Bodens könnte demgegenüber eine flächendeckende Senkung der Wohnkosten um mindestens 10 bis 15 % erreichen. Und der Boden wäre als uns aller Existenzgrundlage der privaten Verfügung und kapitalistischen Verwertung entzogen. Das wäre eine große, zukunftsweisende Maßnahme.


    Bundesamt für Bauwesen über Bodenpreise: baulandpreise.pdf


    Siehe auch:

    Wohnungsnot: Bürgerliche Köpfe werden wach


    H.-D. von Frieling: Städtische Wohnungsnot und Profitlogik


    Wohnungsnot: Bürgerliche Köpfe werden wach


    Kapitalistischer Wohnungsmarkt


    Zur Miete in Deutschland 1992-2012


    Verelendung auf dem Wohnungsmarkt


    Wohnungen für Obdachlose


    Doku: Sebastian Gerhardt: Daten zum Berliner Wohnungsmarkt


    Kapitalistischer Wohnungsmarkt


    Profite am Wohnungsmarkt

    Favelas gelten als „Elendsviertel“. Der Name „Favela“ kommt von einer brasilianischen Kletterpflanze. So ähnlich kleben und klettern die spontan entstandenen Siedlungen an den Bergenhängen von Rio de Janeiro hoch.

    In anderen Erdteilen nennt man sie „Slums“. Favelas oder Slums sind sichtbare Zeichen verbreiteter Armut.

    Slums entstehen überall da, wo den Landbewohnern die Existenzgrundlage entzogen wird, ohne dass den Zuzüglern in die Städte genügend Arbeitsplätze in der kapitalistischen Industrie geboten werden. Slums sind ein Produkt des Kapitalismus. Sie sind aber nicht nur das. Favelas und Slums sind auch Modelle prekären städtischen Lebens, die nicht von den Herrschenden kontrolliert werden. Sie zeigen in konzentrierter Form Lebensweisen, die überall, in jeder Stadt – auch in Deutschland ständig neu entstehen.



    Über mehrere Jahre hinweg hatten zwei NGOs in Brasilien den Complexo da Mare, mit 140.000 Bewohnern Rio de Janeiros größte Favela, besucht und untersucht.

    Die freiwilligen Helfer fanden heraus, dass die Favela da Mare keineswegs nur ein Wohngebiet ist. Die Helfer entdeckten in der Favela 8 Zahnkliniken, 21 Eiscremläden, 69 Computerläden, 138 Supermärkte, 307 Schönheitssalons und 660 Bars.

    Diese kapitalistische Schattenwirtschaft umfasste insgesamt 3.180 Shops mit 9.370 Angestellten unterhalb der staatlichen brasilianischen Aufsicht.

    Ich denke, man kann die Schlussfolgerung daraus ziehen, dass bloße Selbstorganisation – und die Favelas sind in Selbstorganisation entstanden –nicht das Entstehen kapitalistischer Strukturen verhindern. Kapitalistische Strukturen entstehen auch ohne staatliches Zutun spontan überall dort, wo die Menschen nicht nach gemeinsamen Lösungen suchen. Kapitalismus ist der Default, der quasi von selbst immer wieder neu entsteht, wo reguläre kapitalistische Strukturen noch gar nicht vorhanden sind oder wo reguläre Strukturen in einer großen Krise oder in einer kommenden Katastrophe zusammenbrechen.

    Slums sind nicht nur Produkte des Kapitalismus, sie sind auch ein Nährboden des Kapitalismus.

    Im Kleinen beginnt dieser „selbstorganisierte Kapitalismus“ in jedem Gefängnis und setzt sich „Draußen“ fort bei der Mafia, der Indrangetha oder bei arabischen Clans. Diesen selbstorganisierten Kapitalismus gab es in der Sowjetunion, in der DDR und überall in China. In China sind viele dieser „selbstorganisierten Kapitalisten“ inzwischen hochangesehene Mitglieder der KP.

    Mit staatlicher Gewalt und Unterdrückung ist diesem spontanen Kapitalismus nicht beizukommen. Man kann diesem Kapitalismus nur das Wasser abgraben, indem man den Leuten hilft, ihre Probleme und Bedürfnisse auf ein breiteres, funktionierendes Kollektiv zu gründen, als es eine Gang oder ein Clan bietet. Wo große Kollektive nicht funktionieren, entstehen notwendig viele kleine Kollektive, die miteinander und mit der „Macht“ konkurrieren.

    Lange Zeit hatten linke Theoretiker behauptet, der Unterschied zwischen den Ländern des Nordens und des Südens werde ständig zunehmen, die Länder der kapitalistischen Peripherie könnten niemals die Länder der kapitalistischen Kernzone wirtschaftlich einholen.

    Diese linke Unterentwicklungstheorie ist von den Fakten widerlegt.



    Trotzdem sind die Ergebnisse widersprüchlich. Gemessen an den USA haben Südeuropa und vor allem Südostasien wirtschaftlich aufgeholt. Südeuropa erreichte 2010 über 50% des Lebensstandards der USA, Südostasien 40% des US-Lebensstandards. Die Länder südlich der Sahara haben ebenso wenig Boden gut gemacht wie Lateinamerika. Lateinamerika hatte in den 1930er Jahren 40 % des US-Lebensstandards erreicht und kommt 2010 nur noch auf knapp 30 %.


    For a long time left-leaning theorists had argued that the difference between the countries of the North and the South would increase steadily, that the countries of the capitalist periphery could never catch up economically with the countries of the capitalist core zone.

    This left underdevelopment theory is refuted by the facts. Nevertheless, the results are contradictory. Compared to the USA, southern Europe and above all Southeast Asia have caught up economically. Southern Europe reached over 50% of US living standards in 2010, Southeast Asia 40%. Latin America in general has lost ground like sub-Saharan Africa.



    Siehe auch:


    ... und tschüss Imperialismus!


    Es geht mit dem "Imperialismus" zu Ende


    Chinas Weg zur Weltmacht


    Weltwirtschaft - 2 Vorurteile, 1 Ignoranz

    Du liebst das Wort "Herrschaft"?

    Die Notwendigkeit der Reproduktion ist keine Herrschaft, sondern ein äußerer Zwang, der durch einen Streik auch nicht verschwindet.

    Falls wir sagen: Das Kapital herrscht über alle, dann bewirkt die Kapitalherrschaft Zwänge, denen die Menschen unterworfen sind. Die Herrschaft des Kapitals übersetzt sich nicht in eine "Herrschaft Aller", sondern allenfalls in ein "Unterworfensein Aller".

    Die Herrschaft des Kapitals ist jedoch extrem assymetrisch und daher sind die Zwänge auch höchst assymetrisch. Schau mal in den Text "Armut und Reichtum in Indien"!


    "Herrschaft Aller gegen Alle" ist doppelt Nonsense. "Herrschaft Aller" ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wo "alle herrschen" existiert keine Herrschaft. Und: Menschen können "über jemanden herrschen". Aber Herrschaft "gegen jemanden" ist eine Vergewaltigung der Sprache.

    Es gibt (unter Warenproduzenten) einen Kampf aller gegen alle. Eine "Herrschaft aller gegen alle" ist origineller Unsinn.

    Gruß Wal

    Jedenfalls meine ich, dass der Kapitalismus nicht einfach nur die Herrschaft der Kapitalisten über die Arbeiter ist, sondern die Herrschaft Aller gegen Alle durch das Kapital.

    Hallo Karl Friedrich,

    niemand behauptete, der Kapitalismus sei "einfach nur die Herrschaft der Kapitalisten", soweit kann ich dir zustimmen. der Inhalt des folgenden Halbsatzes "sondern die Herrschaft Aller gegen Alle durch das Kapital", folgert jedoch keineswegs aus der Verneinung des ersten Halbsatzes und er folgert auch keineswegs aus den Texten von Karl Marx.


    Das Kapital schafft Sachzwänge, das ist ganz richtig. Aber diese Sachzwänge wirken ganz unterschiedlich je nach den Eigentumsverhältnissen, in denen sich die Menschen befinden.

    Ein Kapitalist besitzt entweder Geldmittel oder produktive Sachmittel. Er muss diese Geld- und Sachmittel kapitalistisch einsetzen, um sie zu verwerten. Er kann sein Kapital nur erhalten, indem er es vermehrt.

    Ein Lohnarbeiter besitzt nur seine Arbeitskraft. Die Arbeitskraft allein schafft ihm keine Lebensmittel. Deshalb muss er seine Arbeitskraft an einen Kapitalisten verkaufen, um zu Geld zu gelangen, und über das Geld zu Kleidung, Nahrung, Wohnung etc.

    Andere aktive Klassen (traditionelle, selbstarbeitende Kleinbesitzer oder unproduktive Lohnarbeiter wie Staatsdiener etc.) lasse ich erstmal beiseite. Sie spielen auch im ersten Band des Kapitals keine Rolle.


    Kein Lohnarbeiter herrscht über irgendetwas. Ein Kapitalist kann sich immerhin in seiner Firma als König fühlen, der seine "Mitarbeiter" nach Belieben einsetzt, auch wenn er nur ein konstitutioneller König ist, der durch Arbeitsgesetze in seinem Handeln beschränkt ist.


    Dein Spruch "Herrschaft Aller gegen Alle" ist eine gedankenlose Leerformel - weit weg von unserer sozialen Realität und weit weg von allen Gedanken eines Marx.

    The May 15, 2019 ban against Huawei is the starting signal for a new Cold War. This new Cold War will (for the time being) not be fought with numbers of nuclear warheads and missile systems, but with license refusal, delivery bans and trade hurdles.
    The short “Globalized Age” is over. There will be a new division of the world – initially an economic redistribution, but military threats remain active in the background.



    Als Donald Trump mit viel Getöse aus dem Iran-Abkommen ausstieg, konnte man das noch als PR-Maßnahme zur Aufmunterung seiner Anhängerschaft missverstehen. Dass der US-Präsident den chinesischen Technologie-Riesen Huawei am 15. Mai mit Bann belegte, war kein Spontaneinfall eines irrationalen Präsidenten, sondern eine mit den amerikanischen Unternehmensverbänden abgesprochene und von den US-Eliten lange geplante Eskalation der Rivalität zwischen USA und China.

    Das 1987 gegründete Huawei mit derzeit 180.000 Lohnarbeitern ist weltweit erfolgreich im Konsumentenmarkt (Smartphones, Tabletts) wie im Investitionsbereich (industrielle Hardware für Kommunikationstechnologie).


    Es gibt für den US-Bannfluch gegen Huawei eine Ouvertüre und einen Modellfall.

    Die Ouvertüre war der ähnliche Bann gegen das chinesische Technologie-Unternehmen ZTE, dem alle Geschäftsbeziehungen mit amerikanischen Firmen und Banken verboten wurde, weil ZTE angeblich die Iran-Sanktionen der USA umgangen hatte. Der US-Bann brachte ZTE innerhalb von Tagen an den Rand des Bankrotts.

    Modellfall für die Sanktionen gegen Chinas Wirtschaft war der Plaza Accord von 1985, als die florierende japanische Exportindustrie nachhaltig geschwächt wurde, indem die USA im Konzert mit Deutschland, Frankreich und Großbritannien durchsetzten, dass der japanische Yen gegenüber dem Dollar massiv aufwertete. Der Wechselkurs des Yen stieg fast um 50%, und die japanische Exportindustrie erholte sich nicht mehr von diesem Schlag. 1990 brach die japanische Wirtschaft zusammen, was folgte, waren 30 Jahre japanische Stagnation.



    Die damalige westliche Argumentation gegen Japan war ganz dieselbe wie heute gegen China: Der Staat würde die Exportunternehmen großzügig subventionieren, die Firmen würden westliche Technologie stehlen und kopieren, der Inlandsmarkt sei gegen die westliche Konkurrenz abgeschottet.

    Die Zielsetzung von damals gegen Japan gilt auch heute gegen China: In Bereichen, in denen ausländische Konkurrenten die US-Industrie überholen und auskonkurrieren, wehren sich die USA mit außerökonomischen Mitteln.


    Chinesische Kommentatoren ziehen deshalb nicht ganz zu Unrecht Parallelen zu den ungleichen Verträgen, zu denen das China im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert durch die Kanonenbootpolitik der europäischen Kolonialmächte gezwungen wurde.

    Die chinesischen Reaktionen zeigen: China nimmt den Angriff auf Huawei nicht auf die leichte Schulter. In China hat der Konzern, dessen Name sich ungefähr mit „China bewerkstelligen“ übersetzen lässt, ein öffentliches Ansehen wie in Deutschland Mercedes, die Deutsche Bank und Siemens zusammen. Nationalistische und militaristische Reaktionen auf die antichinesischen Maßnahmen der USA ziehen in China sogar Vergleiche zum Koreakrieg. https://de.wikipedia.org/wiki/Koreakrieg


    Auch für die USA ist der Handelskrieg mit China nicht ohne Kosten:


    Selbst wenn die Sanktionen gegen den Huawei-Konzern kurzfristig wieder aufgehoben würden, die Drohung gegen Chinas Wirtschaft bleibt bestehen. Der Konflikt zwischen der alten Supermacht USA und der aufstrebenden Supermacht China tritt in eine neue Phase. Der 15. Mai 2019 ist der Startschuss für einen neuen „Kalten Krieg“. Dieser neue Kalte Krieg wird (vorerst) nicht mit Atomsprengköpfen und Raketensystem ausgetragen, sondern mit Lizenzverweigerung, mit Liefersperren und Handelshürden.

    Das kurze „Globalisierte Zeitalter“ ist vorbei. Es kommt zu einer neuen Aufteilung der Welt – zunächst eine wirtschaftliche Neuaufteilung, aber militärische Drohungen bleiben im Hintergrund aktiv.


    Wal Buchenberg, 27. Mai 2019


    Siehe auch:


    China und die USA


    Chinas Weg zur Weltmacht


    Verlierer Europa - Gewinner China


    China und die Welt

    Hallo FS,

    nein, du hast gegen keine Regel verstoßen. Die einzige Regel, die hier gilt, heißt: Nicht über andere Menschen herziehen, nicht pöbeln, nicht beleidigen.

    Du hattest aber schon an deinem ersten Tag im Marx-Forum soviel Text hinterlassen, dass ich das ein bisschen verlangsamen wollte. Das war keine Sperre, sondern eine (Denk)Pause. Nimm es mir nicht übel, aber Hektik sind wir nicht gewohnt. :saint:

    Karl Liebknecht und die Novemberrevolution:

    Am Vormittag des 9. November zogen bewaffnete Demonstrationszüge der Arbeiter, die von den Revolutionären Obleuten organisiert waren, von den Fabriken in die Berliner Innenstadt. Sie wussten nicht, ob sie auf militärischen Widerstand stoßen würden, aber in der Nacht zuvor hatten die Soldaten des 4. Jägerbatalions, sich dem Befehl widersetzt, auszurücken und die drohende Revolution niederzuschlagen und waren in den Kasernen geblieben. Die Aufständischen stürmten das Depot der Straßenbahnen, die Maikäferkaserne und die Blücherkaserne. Sie öffneten die Gefängnistore von Moabit und des Strafgefängnisses in Tegel, dann versammelten sie sich in der Innenstadt vor dem Berliner Schloss. Dort hielt Karl Liebknecht eine Rede, in der er sagte: „Ich proklamiere die freie sozialistische Republik Deutschland, die alle Stämme umfassen soll, in der es keine Knechte mehr geben wird, in der jeder ehrliche Arbeiter den ehrlichen Lohn seiner Arbeit finden wird. Die Herrschaft des Kapitalismus, der Europa in ein Leichenfeld verwandelt hat, ist gebrochen.“ (zitiert nach: Richard Müller, Eine Geschichte der Novemberrevolution, Nachdruck 2011, S. 242.)


    Karl Liebknecht behauptete hier, "die Herrschaft des Kapitals sei gebrochen", aber gleichzeitig versprach er, dass in Zukunft die Lohnarbeit weiterbestehen werde. Für mich macht das keinen Sinn. Lohnarbeit ist das Grundelement des Kapitalismus. Wir können nicht den Kapitalismus beseitigen wollen, aber die Lohnarbeit bestehen lassen.

    Davon abgesehen: Die Revolution in Berlin war gerade mal wenige Stunden alt, der Kaiser hatte noch nicht abgedankt. Die amtierende Regierung hatte sich zwar verkrochen, aber war noch nicht gestürzt und durch eine Revolutionsregierung ersetzt worden. Und da meinte Liebknecht, "die Herrschaft des Kapitals sei gebrochen"? Die Herrschaft des Kapitals liegt nicht in einem Regierungsamt, sondern in der Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel, also in ihrer Leitung der Produktion.

    Ich frage mich, ob Karl Liebknecht tatsächlich verstanden hatte, was an diesem Tag in Berlin vorsichging.


    Wal Buchenberg, 24.Mai 2019

    Eine Norm ist ein Sollen, ein Gebot, ein Befehl. Ein Norm setzt uns unter Druck, aber sie beherrscht uns nicht.

    Jeder von uns hat schon gegen Normen verstoßen. Als Kind, in der Schule, im Job, im Privatleben. Entweder wird man nicht erwischt - wenn man doch erwischt wird, bekommt man halt eine "Strafe", eine Sanktion, eine Rache.

    So ist das halt. Damit muss man sich abfinden. Damit kann man sich abfinden. Aber: Wer sich immer an Normen hält, wird keineswegs immer belohnt. Es geht halt im Leben nicht "gerecht" zu.

    Aber kein Mensch ist schon dadurch im Recht, dass er gegen Normen verstößt. Kein Mensch ist automatisch dadurch im Recht, wenn er "nach eigenem Ermessen" handelt.

    Als soziales Wesen kann und muss sich jeder Mensch mit seinen Mitmenschen arrangieren und vereinbaren. Auch das ist eine Selbstverständlichkeit. Man kann sich die Leute suchen, die zu einem passen.

    Hallo Neuer!

    Ich habe ein Problem mit deiner uferlosen Verwendung des Begriffs „System“.


    Wenn du in die Suchfunktion in diesem Forum „System“ eingibst, wirst du keine Treffer finden – außer in deinen bisherigen Beiträgen.

    Ich habe deshalb keine Ahnung, warum du dich im Marx-Forum angemeldet hast und hier über "System" textest.

    Ich habe ein Problem mit der Verwendung des Begriffs „System“, weil das Wort eine Klarheit vortäuscht, die gar nicht da ist. System ist eine inhaltsleere Abstraktion, die auf Alles und Nichts anwendbar ist.


    Hat eine Krankheit ein System? Hat unser Wetter ein System? Ist es System, wenn wir uns mal schlecht gelaunt fühlen? Ist es System, wenn meine Nachbarn mich nicht grüßen? Ist es System, wenn ich arbeitslos oder krank werde?


    Mit dem Wort System tut man so, als hätte man eine Erklärung für alles. In Wikipedia heißt „System“ "eine aufgaben-, sinn- oder zweckgebundene Einheit“. Das meiste, was uns im Leben widerfährt, ist aber gar nicht „sinn- oder zweckgebunden“, sondern ganz ohne Sinn und ganz ohne Zweck.

    Dann sprichst du davon, dass das "System aufpasst", dass das System "etwas will". Da tust du, als wäre "System" ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen. Ein System ist bestenfalls eine Sache, hat aber keine Augen und keinen Willen. Du machst aus "System" einen handelnden Dämon. Von diesem Dämon gilt, was auf alle Götter zutrifft: Erst schaffst du dir selbst diesen Dämon, und anschließend macht dir dieser selbstgeschaffene Geist noch Angst.


    Ich glaube an kein System. Ich glaube an keinen Dämon und an keinen Gott.


    Dann sprichst du noch von „Systemmenschen“. Menschen in Kategorien einsortieren, das gefällt mir gar nicht.

    Auch dein Nick „Friedenssystem“ verstehe ich nicht. Frieden ist etwas, das zwischen Menschen geschieht, die sich nicht schaden und nicht verletzen wollen. Ein „System“ des Friedens gibt es nicht, und kann es nicht geben.


    Ich glaube, wenn hier zwischen uns und anderen ein Gespräch zustande kommen soll – und ich wäre schon an diesem Gespräch interessiert, dann solltest du probehalber erst mal auf das Wort „System“ verzichten und konkret sagen, was dich stört, und was dich behindert und konkret sagst, was dir gefällt, und was du dir wünschst.


    Gruß Wal

    In Indien verfügt das reichste 1 Prozent der Bevölkerung über 51 Prozent des Nationaleinkommens.



    Im Vergleich mit Indien macht sich unser heimisches Elend in Deutschland rosig aus.

    In Indien verfügen die oberen 10 Prozent über 77 % des jährlichen Nationaleinkommens,

    in Deutschland verfügen die obersten 10 Prozent über 40 % des Nationaleinkommens.

    In Indien verfügen die unteren 60 Prozent über ganze 5% des Nationaleinkommens.

    In Deutschland verfügt die untere Hälfte (50%) über gut 15% des Nationaleinkommens.


    Zu diesen „sanfteren“ Verteilungsverhältnissen in Deutschland kommt noch, dass der zu verteilende Kuchen (Bruttonationaleinkommen) in Deutschland in jedem Jahr viermal so groß ist wie in Indien.


    Hallo Berthold,


    Ich glaube nicht, dass man rassistischen Vorstellungen mit Logik beikommt.

    Welche positiven Erfahrungen hat denn Hilmarson mit seiner Logik-Methode gemacht?


    Außerdem:

    Wer einen anderen als „Rassist“ klassifiziert, der macht selber das, was er dem "Rassisten" vorwirft: nämlich andere Menschen in (ab)wertende Klassifikationen einzusortieren.


    Und wer einen anderen als "Rassist" klassifiziert, der beendet damit die Kommunikation mit ihm – mit oder ohne Logik-, denn er spricht dann über diesen Menschen und nicht mit ihm.


    Zum Thema Rassismus im Marx-Forum:


    Abstiegsangst in Deutschland


    Nimmt Rassismus zu?


    An unsere Ausländerfeinde in Deutschland


    Zur Politischen Ökonomie der Immigration



    Übrigens:

    Die Moderationskriterien des Marx-Forums („Interesse an sachlicher Klärung und Respekt vor den Menschen“) sollen/wollen Werturteile über andere Personen möglichst verhindern oder unterbinden – und „Rassist“ ist ein Werturteil über eine Person.

    Wenn ich also den Eindruck habe, jemand kann nicht ohne Aburteilung von Personen zur Sache diskutieren, dann sperre ich ihn. Er kann dann hier (nach Löschung seiner Cookies) noch mitlesen, aber nur noch als Gast (moderiert) kommentieren.

    Letzter Fall: basal


    Gruß Wal

    Hallo renée,

    wie willst du denn 5 Millionen Luxusvillen, Jahrhundertweine, Yachten und Ferraris auf 70 Millionen lohnabhängige Bevölkerung "gleichmäßig verteilen"??

    Den Reichen ihre goldenen Spielsachen wegzunehmen, produziert nur Bitterkeit und Hass, löst aber keineswegs die Existenzprobleme der anderen.

    Verena Bahlsen sagt: „Ich bin Kapitalistin. Mir gehört ein Viertel von Bahlsen...“ Ein Viertel von Bahlsen sind rund 75 Millionen Euro.

    In normalen Statistiken zur Vermögensverteilung in Deutschland tauchen diese 75 Millionen Euro von Frau Bahlsen nie auf, denn es handelt sich um Produktivvermögen.

    In gängigen Statistiken über die Vermögensverteilung wird nur das privat konsumierbare Vermögen gezählt. Nach dieser Zählung gehört Verena Bahlsen zu den reichsten 10 Prozent der deutschen Bevölkerung mit einem durchschnittlichen (Konsum)Vermögen von 661.240 Euro.



    Am mageren linken Ende dieser Aufstellung befinden wir uns: Die ärmsten 10 Prozent der deutschen Bevölkerung (8,2 Millionen Menschen) besitzen (nach Abzug ihrer Schulden) Güter und Bargeld im Wert von 60 Euro, die zweiten 10 % (ebenfalls 8,2 Millionen Menschen) besitzen Güter und Bargeld im Wert von 3.490 Euro, die dritten 10 % (wieder 8,2 Millionen Menschen) einen Wert von 11.580 Euro. Der Median, der die arme Hälfte von der reicheren Hälfte in Deutschland trennt, liegt bei 55.000 Euro. Diese Werte von 55.000 Euro beinhalten das Auto, die Kleidung, die Möbel, das Gesparte minus alle Schulden.

    Zeitleiste zur Deutschen Revolution

    Teil 1: von August 1914 – Februar 1918

    Datum

    Ereignis

    28. Juli 1914

    Mit der bedingungslosen deutschen Unterstützung im Rücken erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg.

    30. Juli 1914

    Serbiens Bündnispartner Russland bereitet seine Armee auf Krieg vor (Generalmobilmachung)

    1. August 1914

    Kriegserklärung von Deutschland an Russland

    3. August 1914

    Kriegserklärung von Deutschland an Frankreich

    4. August 1914

    Alle 92 sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten stimmen für neue Kriegskredite. Intern hatten sich 14 Abgeordnete dagegen ausgesprochen.

    Wilhelm II, deutscher Kaiser, verkündet einen „Burgfrieden“. Streiks und politische Versammlungen werden verboten.

    4. - 23. August 1914

    Deutsche Truppen marschieren durch das neutrale Belgien gegen Frankreich. Es folgen Kriegserklärungen von Großbritannien, Frankreich, Russland und Japan gegen Deutschland und Österreich.

    2. Dezember 1918

    Karl Liebknecht stimmt als einziger Reichstagsabgeordneter gegen die Bewilligung der zweiten Kriegskredite.

    20. März 1915

    Liebknecht und Rühle stimmen als einzige Reichstagsabgeordnete gegen die Bewilligung des Wirtschaftsetats der kaiserlichen Regierung. Vor der Abstimmung hatten 30 Sozialdemokraten den Saal verlassen. Die Kriegsgegner können sich nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. Hier beginnt die Spaltung der Regimegegner in Linksradikale (Spartakusgruppe) und Unabhängige Sozialdemokraten (USPD).

    23. Mai 1915

    Italien erklärt Österreich den Krieg. Im August 1916 folgte die Kriegserklärung an Deutschland. Die Kriegsgegner verbreiten das Flugblatt „Der Hauptfeind steht im eigenen Land“ und sammeln Unterschriften unter den Gewerkschaftsmitgliedern unter einer Resolution gegen den Krieg. Die Leipziger Volkszeitung veröffentlicht den Aufruf linker Sozialdemokraten „Das Gebot der Stunde“.

    September 1915

    In Zimmerwald (Schweiz) treffen sich linke Sozialisten der kriegführenden Staaten und verabschieden das Antikriegs-Manifest „Proletarier Europas!“- nur England war nicht vertreten.

    11. Januar 1915

    Die freie Wahl des Arbeitsplatzes wird abgeschafft. Lohnabhängige werden Eigentum ihres Unternehmens. Im Einzelfall entschied eine „Arbeitsgemeinschaft“ von Unternehmer und Gewerkschaftsvertretung. Wegen allgemeinen Preiserhöhungen kam es immer wieder zu Arbeitsniederlegungen mit der Forderung nach Lohnerhöhungen.

    18. März 1915

    Der Spartakusbund führt einige hundert Frauen zu einer Antikriegsdemonstration vor den Reichstag.

    1. Januar 1916

    Franz Mehring, Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Klara Zetkin lösen sich von der USPD und gründen den „Spartakusbund“, um auf eine Beseitigung des Kapitalismus in Deutschland hinzuarbeiten. Für die anderen Oppositionellen galt: „Alle waren der Auffassung, dass die kapitalistische Regierung Deutschlands den Krieg überstehen würde. Die Kriegslage Deutschlands nach eineinhalb Jahren war so, dass auch in den Kreisen der Opposition mit einem Sieg, oder doch mit einem Vergleichsfrieden gerechnet wurde.“ Richard Müller, Geschichte der Novemberrevolution, 71.

    März 1916

    2000 Vertrauensleute der Berliner Metallbetriebe verabschieden auf der Generalversammlung eine Resolution gegen die Kriegspolitik der Regierung.

    24. März 1916

    Weil 20 SPD-Abgeordnete im Reichstag den Notetat ablehnen, werden sie nach tumultartigen Szenen aus der SPD-Fraktion ausgeschlossen. Die SPD-Zeitungen dürfen keine Artikel von den „Spaltern“ publizieren.

    1. Mai 1916

    Einige tausend Demonstranten folgen dem Aufruf des Spartakusbundes zu einer Antikriegsdemonstration. Der Reichstagsabgeordnete Liebknecht wird während der Demo verhaftet. Die Berliner Metallarbeiter, bei denen Liebknecht Unterstützung genießt, beraten, wie sie auf seine Verhaftung reagieren sollen. 30 Berliner Arbeiterverreter treffen sich heimlich mit dem Spartakusbund und verabreden einen politischen Streik zur Prozesseröffnung gegen Karl Liebknecht.

    28. Juni 1916

    Prozesseröffnung gegen Karl Liebknecht wegen „Hochverrats“. An diesem Tag streiken in Berlin 55.000 Metallarbeiter aus Solidarität mit Liebknecht. Sie verlassen die Betriebe. Am Folgetag schließen sich weitere Betriebe an. Die Militärbehörden verboten alle Meldungen über diesen ersten politischen Streik in Deutschland. Die Betriebsleitungen suchen nach den „Rädelsführern“. Richard Müller wird für drei Monate zum Militär eingezogen. Liebknecht wird zu 2,5 Jahren Zuchthaus verurteilt. Zu Liebknechts zweitem Prozess wollten und konnten die Arbeiter keine Aktionen mehr durchführen.

    Sommer 1916

    Die linken Sozialdemokraten und der Spartakusbund suchen Kontakt zu den Streikführern in Berlin. Auf dem geheimen Treffen zoffen sich Ledebour (USPD) und R. Luxemburg (Spartakus). Darum entsteht keine Zusammenarbeit zwischen diesen Parteivertretern und den „Revolutionären Obleuten“, wie sich die Streikführer nennen.

    Juni 1916

    Rosa Luxemburg wird in „Schutzhaft“ genommen und kommt erst während der Novemberrevolution in Freiheit. Während der Haft schreibt sie die „Junius-Broschüre“ als grundsätzliche Kritik an der Sozialdemokratie.

    Januar 1917

    Das Jahr 1916 hatte eine schlechte Ernte gebracht – statt 47 Mio t nur 23 Mio t. In vielen Städten wurden die Kartoffelrationen von 10 auf 3 Pfund herabgesetzt. Die Kohlrübe wurde zum ungeliebten Hauptnahrungsmittel. Die Lebensmittelknappheit wurde noch durch Schleichhandel und Schwarzmarkt verstärkt. Es kam zu ersten Plünderungen von Bäckereien und Schlachtereien.

    März 1917

    In Petersburg wird der Zar gestürzt. Das führte zu erregten politischen Diskussionen in den Betrieben. „Die Frage, ob es genüge, den Kampf nur für die Beendigung des Krieges zu führen, oder ob es möglich sei, auch in Deutschland den Sturz der Monarchie zu erkämpfen, wurde nunmehr erörtert.“ (Richard Müller, 109).

    15. April 1917

    Auf der jährlichen Generalversammlung der Berliner Metallarbeiter bereiteten die Revolutionären Obleute eine Abstimmung über einen politischen Streik gegen den Krieg vor. Zwei Tage zuvor wurde ihr Führer, Richard Müller, von Militärbehörden verhaftet. Auf der Versammlung konnte die Gewerkschaftsführung die Forderungen auf die Lebensmittelversorgung reduzieren und politische Forderungen fernhalten. Aber die sofortige Freilassung von Richard Müller wurde gefordert.


    An dem nachfolgenden Streik beteiligten sich über 200.000 Streikende aus 300 Betrieben in Berlin, Halle, Braunschweig und Magdeburg. Es wurden Demonstrationszüge in die Innenstadt organisiert. Die Polizei hielt sich zurück. Rund 50.000 Streikende wollten den Streik nicht nach zwei Tagen beenden und streikten einige Tage länger. Dann setzte eine Verfolgungswelle ein, mit der „Streikführer“ zum Militärdienst beordert wurden.

    Ostern 1917

    Die Kriegsgegner in der SPD gründen in Gotha die „Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands“. Die USPD ist vor allem auf die schnelle Beendigung des Krieges orientiert, der Spartakusbund nicht nur auf den Sturz der Monarchie, sondern auch auf eine soziale Revolution. Die oppositionellen Kräfte bekämpfen sich untereinander mit persönlicher Gehässigkeit. Die oppositionellen Strömungen in der Gesellschaft sammeln sich hinter der USPD, nicht um den Spartakusbund.

    Sommer 1917

    Die militaristische Disziplin wurde zuerst nicht an der Front, sondern auf den Kriegsschiffen in Frage gestellt, die schon drei Jahre mit Gefechtsbereitschaft in den Häfen Norddeutschlands vor Anker lagen. Das enge Zusammenleben von Matrosen und Offizieren förderte die Meinungsbildung unter den Matrosen und schürte auch die Konflikte mit den Herrenallüren der Offizieren. Für den Kontakt untereinander sorgten vor allem die „Menagekommissionen“ – von den Mannschaften gewählte Vertreter zur Aufsicht der Verpflegung.

    Etliche Matrosen traten der USPD bei und suchten den Kontakt zur den Reichstagsabgeordneten der USPD.

    31. Juli 1917

    400 Matrosen des Kriegsschiffes „König Albert“ unterzeichnen eine Resolution für sofortigen Friedensschluss.

    6. Juni 1917

    Hungerstreik auf der „Prinzregent Luitpold“ gegen Dörrgemüse zu Mittag.

    19. Juli 1917

    2. Hungerstreik auf der „Prinzregent Luitpold“.

    20. Juli 1917

    140 Mann verlassen unter Protest das Schiff „Pillau“, weil ihnen der Urlaub verweigert worden war.

    2. August

    400 Mann verlassen die „Prinzregent Luitpold“ ihr Schiff und demonstrieren an Land. Wegen dieser „Meuterei“ in der Flotte wurden von Kriegsgerichten im Schnellverfahren 10 Todesurteile gefällt und insgesamt 360 Jahre Haft verhängt.

    August 1917

    In Braunschweig kommt es noch einmal zu einem Proteststreik gegen die katastrophale Versorgungslage. Dabei wurden auch politische Forderungen erhoben: Aufhebung des Belagerungszustandes, Versammlungsrecht, Freilassung aller politisch Inhaftierten, Frieden ohne Annexionen. Nach vier Tagen brach der Streik zusammen.

    5. September 1917

    Die aufmüpfigen Matrosen Reichpietsch und Köbes werden als „Meuterer“ erschossen.

    Januar 1918

    Als Vertreter der Berliner Metallarbeiter trifft sich Richard Müller mit USPD-Reichstagsabgeordneten, um die Regierung durch einen allgemeinen Streik zu stürzen. Die USPD ist nur bereit, für einen sofortigen Friedensschluss einzutreten.

    Sonntag, 27. Januar 1918

    Richard Müller beruft eine geheime Versammlung der Dreher aus vielen Berliner Betrieben ein. Es kommen rund 1.500 Arbeiter und beschließen für den nächsten Tag den Streik.

    Montag, 28. Januar 1918

    400.000 Berliner Arbeiter treten in Streik. Gut 400 Streikdelegierte treffen sich am Nachmittag im Gewerkschaftshaus. Sie verabschieden eine Friedensresolution. Es werden 11 Arbeitervertreter in die Streikleitung gewählt und mit je drei Vertreter der USPD (Haase, Ledebour, Dittmann) und der SPD (Ebert, Scheidemann, Braun) ergänzt. Polizeikräfte erscheinen und lösen die Versammlung auf.

    29. Januar 1918

    Das Oberkommando des Heeres verbietet alle Versammlungen und Streiks. Die Polizei macht Jagd auf Demonstranten. 500.000 Arbeiter in ganz Deutschland sind im Streik. Die Regierung lehnt es ab, eine Delegation der Streikenden zu empfangen.

    30. Januar 1918

    Es gibt Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten. Der „Vorwärts“ wird verboten, weil er über den Streik berichtet hatte.

    31. Januar 1918

    Das Oberkommando des Heeres verhängt in Berlin den „verschärften Belagerungszustand“ und setzt Kriegsgerichte ein. „Das war der kritische Punkt, wo eine Massenbewegung zum Bürgerkrieg umzuschlagen droht.“ (R. Müller, 118) Der Reichskanzler lehnte erneut ab, mit der Streikleitung zu verhandeln.

    1. Februar 1918

    Das Oberkommando droht damit, über die Metallbetriebe das Kriegsrecht zu verhängen, wenn die Arbeit nicht am Montag, 4. Februar wieder aufgenommen wird. In anderen Städten (Köln, Mannheim, Hamburg, Danzig, Braunschweig, Leipzig, Nürnberg, München) hatten die Streikenden die Arbeit wieder aufgenommen. Der Spartakusbund hatte keinen Vertreter in der Streikleitung und forderte eine Eskalation der Proteste. Die Arbeitervertreter beschließen den Abbruch des Streiks ohne Verhandlungen, um der SPD und der Gewerkschaftsführung keine Gelegenheit zu geben, sich als „unabkömmliche Verhandlungsführer und Retter“ zu präsentieren. Die drei SPD-Vertreter hatten vorzeitig die Streikführung verlassen. Dittmann (USPD) war verhaftet worden, die anderen beiden USPD-Abgeordneten hatten den Streik bis zuletzt unterstützt. Die Streikenden und Demonstranten beklagten sechs Tote und eine Anzahl zum Teil schwer Verletzter. Anschließende Kriegsgerichtsverfahren verhängten lange Gefängnisstrafen. Die meisten revolutionären Obleute wurden zum Militärdienst eingezogen.

    Dieser Streik und die Proteste der Matrosen wurden zur Generalprobe der Revolution in Deutschland – mit unveränderter Problemlage und mit denselben Akteuren auf beiden Seiten.




    Siehe auch:

    Lehren aus der deutschen Revolution

    Wohnen sei ein Menschenrecht, wird landauf, landab von linker Seite gepredigt.

    Wenn Wohnen ein Menschenrecht ist, warum müssen wir dann dafür zahlen? Ein Menschenrecht kommt uns doch zu, weil wir Menschen sind, nicht weil wir Geld in der Tasche haben?!

    Die Berufung auf „unveräußerliche Menschenrechte“ verliert ihren Sinn, wenn gleichzeitig erwartet wird, dass wir dafür bezahlen sollen. Wie sieht es denn mit anderen „Menschenrechten“ aus? Müssen wir für „freie Meinungsäußerung“ bezahlen? Müssen wir für „Gleichberechtigung“ bezahlen? Müssen wir für „Menschenwürde“ bezahlen?

    Solche Menschenrechte sind nichts wert, wenn es uns am Nötigsten fehlt. Aber ein „Menschenrecht“, das uns noch Geld kostet, ist ein Witz.

    Kein Witz ist, dass Wohnungen eine Ware sind. Wie jede andere Ware werden Wohnungen für Profit hergestellt und für Profit verkauft oder vermietet. Damit der Eigentümer Profit macht, muss für die Wohnung Geld bezahlt werden. Wie Essen, Kleidung, Transport usw. gehört Wohnen zum dringendsten Lebensunterhalt. Die Kosten für den Lebensunterhalt müssen wir uns verdienen, indem wir uns als Lohnarbeiter verdingen. Würde unser Lohn (oder unser staatlicher Lohnersatz) zum Leben reichen, dann könnten wir auch die Mieten bezahlen, die von uns verlangt werden, das ist aber nicht der Fall.

    Steigende Mietpreise sind nur ein Teil der steigenden Lebenshaltungskosten. Diese steigenden Kosten müssen und können wir uns vor allem durch steigende Lohneinkünfte erträglich machen. Das müssen wir (zusammen mit den Gewerkschaften) schon selber tun.

    Da hilft es wenig, den Staat gegen steigende Mietpreise zu Hilfe zu rufen.


    Siehe auch:

    H.-D. von Frieling: Städtische Wohnungsnot und Profitlogik


    Wohnungsnot: Bürgerliche Köpfe werden wach


    Kapitalistischer Wohnungsmarkt


    Wohnungen für Obdachlose


    Doku: Sebastian Gerhardt: Daten zum Berliner Wohnungsmarkt

    Es gibt in der Marxologie so viele Bücher und Artikel über den Marxschen Wertbegriff, dass sie einen großen Bibliothekssaal füllen.

    Die meisten dieser Texte beschäftigen sich nur oder hauptsächlich mit dem einleitenden Kapitel „Die Wertform oder der Tauschwert“ im Kapital Band I. Marx nennt solche Autoren „Unglückliche“, die nicht sehen, „dass, wenn in meinem Buch gar kein Kapitel über den ‚Wert‘ stünde, die Analyse der realen Verhältnisse, die ich gebe, den Beweis und den Nachweis des wirklichen Wertverhältnisses enthalten würde.“ (Marx an Kugelmann, 1868, MEW 32, 552.)

    Kaum einer dieser Flut von Wertkritik-Texten befasst sich jedoch mit der Analyse der realen kapitalistischen Verhältnissen. Statt dessen wird vorwärts und rückwärts Exegese betrieben. Solcher Bibelwissenschaft hielt Marx entgegen: „Die Wissenschaft besteht eben darin, zu entwickeln, wie das Wertgesetz sich durchsetzt.“ (Marx an Kugelmann, 1868, MEW 32, 553.)


    Ein anderer Saal marxistischer Bibelwissenschaft wird über den Zusammenhang von Preis und Wert gefüllt – das berüchtigte „Transformationsproblem“ .

    Bei Marx gibt es kein Transformationsproblem. Ein Transformationsproblem hat nur der, der nach einem direkten und einfachen Zusammenhang zwischen dem Preis einer Einzelware und „ihrem Wert“ sucht. All diesen Transformationssuchern sagte Marx: Sie hätten „... nicht die geringste Ahnung davon, dass die wirklichen, täglichen Austauschverhältnisse (d.h. Preise, w.b.) und die Wertgrößen nicht unmittelbar identisch sein können. ... Das Vernünftige und Naturnotwendige (i.e. der Wert, w.b.) setzt sich nur als blindwirkender Durchschnitt durch.“ (Marx an Kugelmann, 1868, MEW 32, 553.)

    Anders gesagt: Ein Transformationsproblem hat nur der, der meint, es gäbe eine Eins-zu-Eins-Entsprechung zwischen Warenwerten und Marktpreisen.


    Ich denke, das Transformationsproblem hat drei Arten von Liebhaber:

    Erstens sind da die „reinen Wissenschaftler“, die behaupten: Was ich nicht berechnen kann, das existiert nicht!

    Sie erwarten, dass zwischen der Preisoberfläche und der Werttiefe der Waren mechanische Verbindungen bestehen müssen, gleichsam Zahnräder und Hebel, so dass eine Veränderung der einen Ebene eine berechenbare Veränderung der anderen Ebene verursacht.

    Nun ging Marx zwar von der Preisebene aus, um die Wertebene aufzudecken, aber er ging nie von bestimmten Preisen aus, um zu bestimmten Wertgrößen zu kommen. Die Verhältnisse von Preis und Wert sind nicht mechanisch bestimmt. Wer diese „Undeutlichkeit“ Marx zum Vorwurf macht, der muss auch die Quantenphysik dem Einstein zum Vorwurf machen.

    Zweitens sind da die kapitalistischen Nutzanwender.

    Sie suchen nach einer kapitalistischen Nutzanwendung der Marxschen Werttheorie und finden keine. Die Marxsche Kapitalkritik ist nicht betriebswirtschaftlich zum Beispiel für die „korrekte“ Preisfindung anwendbar. Was für diese Nutzanwender keinen betriebswirtschaftlichen Nutzen hat, hat in ihren Augen überhaupt keinen Nutzen.

    Drittens sind da die sozialistischen Nutzanwender a la Paul Cockshott und DDR.

    Diese Leute suchen nach einer sozialistischen Nutzanwendung der Marxschen Werttheorie und müssen eben dafür einen mechanischen Zusammenhang zwischen Werten und Preisen unterstellen, damit sie sich bei ihrer willkürlichen Preisbestimmung für Produkte zentralwirtschaftlich gesteuerter Produktion auf die Theorie von Karl Marx berufen können, und damit ihren bürokratischen Willkürentscheidungen ein wissenschaftliches Mäntelchen umhängen können.


    Zwischen diesen drei Sorten von Transformationsdenkern entsteht dann eine Diskussion auf zwei Ebenen:

    Erstens eine verstohlene Diskussion zwischen den kapitalistischen und den sozialistischen Nutzanwendern, die voneinander abschreiben ("von einander lernen") wollen .

    Zweitens eine uferlose Diskussion zwischen den „reinen Wissenschaftlern“ und den sozialistischen Nutzanwendern von Karl Marx. Bei dieser Diskussion zwischen müssen notwendig die sozialistischen Nutzanwender immer den Kürzeren ziehen, was sie aber nicht anficht, weil sie ja auf der „richtigen Seite der Geschichte“ stehen, und weil Marx nicht irren kann. :D


    Die Bibelwissenschaft der Marxologie könnte man als pure Zeitverschwendung abtun. „Aber die Sache hat hier noch einen anderen Hintergrund. Mit der Einsicht in den Zusammenhang stürzt, vor dem praktischen Zusammensturz, aller theoretischer Glauben in die permanente Notwendigkeit der bestehenden Zustände. Es ist also hier absolutes Interesse der herrschenden Klassen, die gedankenlose Konfusion zu verewigen.“ (Marx an Kugelmann, 1868, MEW 32, 553f.)

    Und gedankenlose Konfusion ist das, was marxistische Bibelforscher anrichten.


    Wal Buchenberg, 9. Mai 2019


    Siehe auch:

    Problematische Aussage bei Marx (Wertbestimmung)


    Transformationsproblem


    Werte und Preise im Sozialismus

    Die linke Skala zeigt den Prozentanteil der Leute, die nach eigenen Angaben täglich beten.

    Die Basislinie zeigt das BSP pro Kopf in Kaufkraftparitäten.



    Die Verteilung legt nahe:

    Viel gebetet wird in Ländern, in denen die Landwirtschaft und daher Naturverhältnisse dominieren, viel gebetet wird in Ländern, in denen die Leute geringen Einfluss auf die Machtverhältnisse haben, die sie beherrschen.

    Die USA sind der betende Schwan: Trotz Wahlzirkus und trotz eines BSP bei 55.000 Dollar sagen mehr als die Hälfte der US-Bürger, sie würden täglich beten.

    In Deutschland sagen nur rund 10% der Befragten, sie würden täglich beten.

    Die Umfrage umfasste 105 Länder der Welt zwischen 2008 und 2017.

    Ich hatte in meinen Jahren als Werkzeugmacher an drei Streiks teilgenommen und einen davon mitorganisiert, womit ich mir eine Abmahnung "verdiente". In diesen Streiks ging es nicht um viel, um eine Lohnerhöhung oder um ein paar Millionen Neu-Investitionen. Erfolg oder Misserfolg dieser Streiks hatten wir daran gemessen, wie viele Kollegen daran teilnahmen, und was noch wichtiger war, ob die „wichtigen“ Kollegen, die Maschinenführer, sich beteiligten oder nicht.


    Im neuen Film (2018) von Stéphane Brizé „En Guerre“ (dt. Titel: Streik) geht es um mehr. Ein Zulieferer der Autoindustrie mit 1100 Lohnarbeitern soll geschlossen werden, obwohl der Betrieb noch Gewinn abwirft. Die Leute kämpfen um ihren Arbeitsplatz in einer Region, wo sie kaum andere Arbeit finden können. Die Arbeiter besetzen den Betrieb, der Besetzungsstreik zieht sich über zwei Monate hin. Die Handkamera ist immer nahe an den Gesichtern und Personen, von denen nur Vincent Lindon Berufsschauspieler ist. Die Spannung und Dynamik bezieht der Film aus den Dialogen, die weitgehend keinem Drehbuch folgen, sondern sich aus der Situation herausentwickeln. Es wird viel gesprochen, und das ist gut so, denn in und mit den Dialogen, werden die Standpunkte deutlich, die gegeneinander Krieg führen: Die Vertreter der Streikenden sprechen häufig mit der Geschäftsführung, sie sprechen mit Journalisten von Presse und Fernsehen, sie treffen sich mit einem Staatssekretär in Paris, sie fordern während eines Sit-ins im französischen Unternehmerverband dessen Chef zum Gespräch, sie dringen in ein Zweitwerk des Unternehmens ein, 600 km entfernt, um die dortigen Kollegen zum Solidaritätsstreik aufzurufen und sie verlangen immer wieder, dass der deutsche Konzernchef mit ihnen direkt verhandelt.

    Diese Eskalation des Streiks führt schließlich dazu, dass die Solidarität innerhalb der Kollegen auseinanderbricht. Auch unter den Kollegen gibt es viel zu diskutieren.

    Besonders gut gefallen hatte mir dabei, dass in all diesen hitzigen Diskussionen die Leute immer wieder beruhigt wurden, die unbeherrscht wurden und Gegenüber und Gegner persönlich angriffen und beleidigten. Dieses ständige Bemühen um Sachlichkeit und Besonnenheit unterscheidet den Film vom billigen Agit-Prop-Kino der 1970er Jahre.

    Während die Streikenden in ihren Aktionen immer heftiger werden, wird deutlich, dass sich an den Argumenten der Kapitalseite und der Regierungsvertreter kein Bisschen verändert. Die Empörung darüber führt dann dazu, dass der deutsche Konzernchef fluchtartig den Verhandlungsort verlassen will und dabei ein paar blutige Schrammen abbekommt.

    Hier in Deutschland wäre eine solche Klimax undenkbar, für französische Verhältnisse ist auch hier die Darstellung noch realistisch und nachvollziehbar.

    Dass sich der hervorragende Streikführer am Ende theatralisch umbringt, ist eine filmische Antiklimax, die sowohl die Glaubwürdigkeit dieser Figur wie auch den dokumentarischen Charakter des Films untergräbt. Insgesamt: Der Film ist unbedingt sehenswert. Hier in Hannover lief er gestern im Programmkino vor nur einem Dutzend Zuschauer.


    Wal Buchenberg, 1. Mai 2019

    Hallo renée,

    Das Buch von Franz-Josef Land kenne ich nicht, ich lese Marx nur im Original. Aber gut ist schon, dass er nicht nur den 1. Band des „Kapitals“ behandelt. Der reicht nämlich nicht aus, um den Kapitalismus zu verstehen. Wenn dir das Buch was sagt, dann ist es auch richtig für dich.


    Wal

    Wer herrscht bei Amazon?


    Dass der US-Konzern alle Lagerarbeiter, die den Versand vorbereiten und organisieren auf die Sekunde und den Meter mit QPS überwachen, das ist schon lange bekannt. Nun hat das US-Magazin „The Verge“ enthüllt, dass Computersysteme nicht nur die Arbeitsleistung jedes Lagerarbeiters überwacht und auswertet. Der Algorithmus verfasst auch gleich einen Produktivitätsbericht über jeden Einzelnen und verschickt die Kündigung, wenn ein Lohnarbeiter die vorgeschriebenen Leistungsnormen nicht erreicht. Amazon erklärte dazu, dass der Algorithmus das nicht alleine entscheidet, denn der Vorgesetzte des Mitarbeiters könne gegen eine automatische Kündigung noch sein Veto einlegen.


    Hier erreicht der anonyme Kapitalismus seine äußerstes Maß an Gesichtslosigkeit und Anonymität.

    Im 19. Jahrhundert herrschten die Kapitalisten in ihren Unternehmen wie ägyptische Pharaonen. Im 20. Jahrhundert delegierten sie immer mehr Leitungsfunktionen an angestellte Manager, und diese Manager stützten sich zunehmend auf externe, lohnabhängige Berater. Jetzt ist ein Stadium erreicht, wo die Kapitalisten einen Algorithmus in Auftrag geben, der in ihrem Namen und ihrem Interesse die maßgeblichen Entscheidungen trifft.

    Quelle

    Hallo Wal,


    Geschichte war leider nicht so mein Ding (Schulunterricht war ein bisschen unterirdisch ...), dieses wäre aber eh nicht zur Sprache gekommen.

    Hallo renée

    bei Geschichte ist Nichtwissen weniger schlimm als verkehrtes Wissen. Ich habe Geschichte studiert, aber in dieser "Wissenschaft" fast nur nichtssagendes, unnützes Wissen gefunden.

    Wie weit war denn schon die kapitalistische Produktionsweise in Russland und China zur Zeit derer Revolutionen entwickelt? Gibt es da irgendwas Sinnvolles dazu im www? Ich möchte mich da nicht unbedingt auf wikipedia verlassen.

    In China 1911 gab es Kapitalismus nur als ausländische Einsprengsel im Land. Die chinesische Revolution war eine Revolution, die den Boden bereiten sollte für die inländische Ausbreitung des Kapitalismus ("Modernität", "Ansehen" (=Macht) in der Welt, "Wohlstand für Chinesen"). Die heutige KP ist der würdige Testamentsvollstrecker dieser Wünsche von 1911.


    In Russland gab es 1917 schon einheimische Kapitalisten, aber auch hier waren die modernen Großbetriebe (Rüstung, Eisenbahn etc) in ausländischer Hand. Das spielte eine gewisse Rolle in der damaligen antikapitalistischen Propaganda. "Bourgeois" (burzhuaznyy) war ein Schimpfwort, in dem Ausländerfeindlichkeit mitschwang.

    Zur (Wirtschafts)Geschichte kann ich dir immer noch das empfehlen: Was Marx am Sowjetsystem kritisiert hätte.


    Gruß Wal


    P.S. Zu deiner Frage im Feynsinn-Forum:

    "Hat jemand schon die noch unveröffentlichten Papierberge (von Marx) in einen stimmigen Zusammenhang gebracht? ."

    Der erste und wichtigste Nachlassverwalter von Marx, F. Engels, hat genau das gemacht: alle noch unveröffentlichten Manuskripte durchgesehen, in einen stimmigen Zusammenhang gebracht und veröffentlicht, was ihm davon wichtig schien..

    Von Marx (und Engels) gibt es mehr Gedrucktes, als ein einzelner Mensch verdauen kann, und das reicht dir noch nicht?! ;)

    Es mag ja sein, dass der eine oder andere noch unveröffentlichte Gedanke im heutigen Umfeld neue intellektuelle Funken schlägt. Aber das Mammutwerk MEGA hat doch gegenüber der alten MEW keinen Flohsprung neuer Erkenntnisse gebracht (meine Meinung!).

    Ich denke, wer im Werk von Marx einen inneren Zusammenhang sieht, dessen Teile alle aufeinander bezogen sich und sich gegenseitig ergänzen und erklären, der vermisst nicht das fehlende, aber erhellende Zitat.

    Die einen vermissen (im "Kapital"!) eine Staatstheorie, obwohl Marx eine ausführliche Abhandlung nach der Pariser Kommune über Staat und Staatsorganisation verfasst hatte. Andere vermissen eine ausgearbeitete Krisentheorie, obwohl für Marx nicht die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus, sondern die Ausbeutung der Lohnarbeit im Fokus stand.

    Wieder andere vermissen eine Parteitheorie und konkrete Anleitungen für die revolutionäre Arbeit, obwohl Marx während der Revolution 1848 eine Tageszeitungleitete, die zu jeder Kartoffelfrage Stellung bezog, und obwohl er erst im Kommunistischen Bund und dann in der Internationalen Arbeiterassoziation über Jahre hinweg praktische revolutionäre (Leitungs)Arbeit machte.

    Hunderttausend Leute haben an Marx was zu mäkeln. Lass sie mäkeln! Wir werden jedenfalls diese Mäkelei nicht los durch die Entdeckung von bisher unveröffentlichen "Zitaten".



    Radikale Linke glaubten, das 20. Jahrhundert sei das Jahrhundert der sozialistischen Revolutionen. Das stellte sich als Irrtum heraus. Tatsächlich setzte sich im 20. Jahrhundert weltweit die bürgerlich-kapitalistische Herrschaft durch.
    Auch die Erfolge der Russischen Revolution bestanden letztlich nur darin, dass sie den russischen Zar Alexander gestürzt und den deutschen Zar über Europa (Hitler) niedergerungen hatte.



    Zu Beginn des 20. Jahrhunderts regierten noch knapp 160 Monarchen in der Welt, heute sind es noch 44. Einige Monarchien sind unbedeutend (Tonga, Lesotho, Liechtenstein, Monaco etc.), einige Monarchien sind mehr oder minder zu Kostümträgern geschrumpft (Großbritannien, Dänemark, Niederlande, Japan, Spanien, Thailand), aber vor allem im Nahen Osten agieren noch Herrscher wie in vorkapitalistischen Zeiten.

    Zur Rolle der USPD in der deutschen Revolution:


    Während des Krieges wandten sich sowohl pazifistische Kräfte wie auch Strömungen, die an den sozialistischen Traditionen der Arbeiterbewegung festhielten, von der SPD-Führung und ihrem rein „parlamentarischen Weg“ ab. Wachgerufen durch die Russische Revolution organisierte sich auch eine Gruppe von rund 300 in Berliner Metallbetrieben aktiven Gewerkschaftsführern, die „Revolutionären Obleute“, mit der Perspektive einer sozialen Revolution und organisierten ab Januar 1918 politische Streiks . Auch die Vertrauensleute der Matrosen in den Seehäfen schlossen sich der USPD an oder orientierten sich an ihr.

    Im November 1918 betrachtete die USPD die Arbeiter- und Soldatenräte als die einzig legitimen Träger der politischen Gewalt. Damit standen sie auf revolutionärem Boden. Aber sie akzeptierten gleichzeitig, dass die große Mehrheit der Arbeiter weiter Vertrauen in die Mehrheits-SPD setzten und waren deshalb immer bestrebt, mit der SPD-Führung zu kooperieren.

    Während die radikalen Linken in der USPD (einschließlich Spartakus und Revolutionäre Obleute) für eine dauerhafte Übertragung der Staatsmacht auf Räte eintraten, sahen die Führer der USPD die Räte als einen nur zeitweiligen revolutionären Übergang zu einer „sozialistischen“, aber parlamentarischen Republik, in der die Arbeitervertreter eine dominante Rolle spielen sollten.

    Weil den USPD-Führern klar war, dass mit der Wahl einer Nationalversammlung, die Zeit der Räte und damit die Zeit der Revolution vorbei sein würde, wollten sie diese Wahlen möglichst weit in die Ferne schieben, um vorher den Staatsapparat weitgehend von reaktionären Kräften zu befreien. Die SPD-Führung beherrschte die Partei- und Gewerkschaftsapparate und setzte im Bunde mit den reaktionären Kräften alles daran, die USPD-Leute auszumanövrieren, und die Wahlen zur Nationalversammlung möglichst schnell abhalten zu lassen, um damit die Revolution (friedlich) zu beenden.

    Für die revolutionäre Übergangszeit forderte z.B. der Linkssozialdemokrat Hilferding eine vollständige „Demokratisierung der Verwaltung“ und „sozialistische Übergangsmaßnahmen“: „Wo ... Verwaltung Macht bedeutet, da gehört sie in unsere Hand.“ (Hilferding am 23. November 1918 in ‚Die Freiheit‘). Sein Parteifreund Heinrich Ströbel hatte schon am 12. November in den Städten und Gemeinden sofortige Wahlen für alle kommunale Körperschaften gefordert.

    Daraus wurde nichts, weil die USPD nur über geringe organisierte Kräfte verfügte und die SPD und ihre Anhängerschaft alle revolutionären Maßnahmen offen oder heimlich boykottierten. Die Anhänger der USPD wandten sich zunehmend nach links.

    Unter dem doppelten Druck – einem Ultimatum der Mehrheits-SPD auf der einen Seite und der wachsenden Unzufriedenheit mit der untätigen „revolutionären Regierung“ andererseits - stimmten die USPD-Vertreter in der Regierung der frühen Terminierung der Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar noch vor dem Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte zu.

    Indem der nationale Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte (16. bis 21. Dezember 1918 in Berlin) dieses Datum bestätigte, beendete dieses oberste Rätegremium seinen eigenen Machtanspruch und beendete die Erfolgsaussichten der Revolution in Deutschland.

    Die folgenden revolutionären Aktionen bis zum Zusammentritt der Nationalversammlung („Januarunruhen“) , waren aus Unbesonnenheit oder gar aus Verzweiflung geboren und hatten kaum Erfolgsaussichten. Aus Angst vor den Revolutionären tagte die Nationalversammlung dann nicht in Berlin, sondern in Weimar ("Weimarer Republik").


    Die Wahlen zur Nationalversammlung brachten folgendes Ergebnis:

    Nationalversammlung-19-Januar-1919.jpg


    16, 574 Millionen Wählerinnen und Wähler unterstützten mit ihrer Stimme bürgerlich-antirevolutionäre Parteien.

    Für die Sozialdemokratie wurden 11,51 Millionen Stimmen abgegeben, für die USPD 2,3 Millionen. Allenfalls diese 7,6 % waren Stimmen für eine Fortsetzung der Revolution.


    Wal Buchenberg, 27. April 2019

    Vor einiger Zeit sah ich ein Youtube-Fragment, in dem Slavoj Zizek auf einen entscheidenden Faktor hinwies , der zum Erfolg der Oktoberrevolution fuehrte: Trotzky organisierte damals die Besetzung essenzieller Infrastruktur in Petrograd (Wasserwerke, Telegraphen, etc.) durch revolutionaere Soldaten und (Fach-) Arbeiter.

    Deutet irgendetwas darauf hin, dass man sich damals in Deutschland dessen bewusst war?

    Hallo vaccaro,

    Ja, es gab solches Bewusstsein in der USPD. Vielleicht komme ich in einem weiteren Beitrag darauf zurück.

    Das Problem aber damals war, dass der Einfluss der Mehrheits-SPD in der Arbeiterbewegung noch ungebrochen war, obwohl die SPD mit den reaktionären Kräften paktierte.

    Die USPD zog daraus die Schlussfolgerung, dass man ohne die SPD-Leute nichts reißen könne, und arbeiteten deshalb mit der Mehrheits-SPD zusammen. In dieser Kooperation wurde die USPD jedoch ausgebootet und ausgetrickst und erreichte kaum etwas.

    Die Spartakisten zogen den gegenteiligen Schluss und lehnten jede Zusammenarbeit zunächst mit der Mehrheits-SPD ab, im Dezember lehnten sie dann auch noch jede (offene) Zusammenarbeit mit der USPD ab. Dadurch isolierten sie sich komplett von der Arbeiterbewegung und konnten nicht einmal die revolutionären Metaller-Obleute, die in Berlin die eigentlichen Träger der Revolution waren, für ihre Politik gewinnen.

    Die Revolutionäre hätten dringend mehr Zeit benötigt.

    In Russland gab es Arbeiterräte in Petersburg mindestens seit Februar 1917. Im Juli hatten die Bolschewiki eine geplante Machtübernahme abgebrochen. Erst im Oktober 1917 fanden Lenin und Trotzki eine Mehrheit unter den Räten für ihre Politik. Und diese Politik trat offiziell ganz "zahm" und populär mit der Parole auf "Land, Brot und Frieden!". Das war auch wirklich mehrheitsfähig.


    Die Revolutionäre in Deutschland hätten im November 1918 eine Taktik benötigt, die nicht die SPD frontal angreift, sondern gegen die offene und versteckte Reaktion gerichtet ist, die sich in den Revolutionstagen und -wochen hinter der SPD versteckten.


    Und ja: Wenn die Revolutionäre nicht die Grundversorgung (Strom, Wasser, Lebensmittel etc.) in den Kommunen sicherstellen können, dann ist ihre Macht auf Sand gebaut.

    Zur Rolle der Spartakusgruppe in der deutschen Revolution:


    Die Spartakusgruppe war zunächst innerhalb der USPD (linke Sozialdemokraten) organisiert, trat dort erst aus, als die USP-Führer in die Regierung der Mehrheitssozialdemokraten eintraten.

    Die Politik der Spartakusgruppe war direkt gegen die SPD-Regierung gerichtet, nicht gegen die Reaktionäre in Armee und Beamtenschaft, die sich hinter der Mehrheits-SPD versteckten. Das isolierte die Spartakisten von der Masse der Lohnabhängigen, die zwar mit der Monarchie, aber noch nicht mit der Sozialdemokratie abgeschlossen hatten.

    Außerdem hatte die Spartakusgruppe keine Organisation, keine Führungsstruktur. Ihre Führer machten Aufrufe an die Arbeiterklasse, konnten aber nichts Eigenes außer Straßendemonstrationen in Bewegung setzen. Rosa Luxemburg hatte ein detailliertes Programm entwickelt, was geschehen solle, aber alles sollte quasi „von selbst“ geschehen.

    („Programm des Spartakusbundes“ vom 14. Dezember 1918")

    Ihre praktischen Vorschläge bezogen sich jedoch nur auf Propaganda: Herausgabe einer Tageszeitung, einer Wochenschrift, einer Jugendzeitung, einer Frauenzeitung, einer Soldatenzeitung. Aber die Spartakisten hatten allergrößte Mühe Druckereien nur für ihre Flugblätter zu finden.

    Rosa Luxemburg und die Spartakisten unterstützten wie die Revolutionären Obleute und die USPD die Macht der Arbeiter- und Soldatenräte. Aber die Spartakisten hatten kaum Vertreter unter den Räten, und die vorhandenen Räte arbeiteten wenig effektiv und zeigten zunehmend weniger Initiative. Anlässlich des deutschlandweiten Rätekongress am 16. Dezember in Berlin kritisierte Rosa Luxemburg die bestehenden Arbeiter- und Soldatenräte: „... wäre Stand und Bedeutung (dieser in Berlin versammelten Räte, w.b.) Gradmesser für Stand und Bedeutung der Revolution, so wäre es um die Revolution schlimm bestellt.“ (R. Luxemburg, Ges. Werke 4, 452)

    R. Luxemburg wollte jedoch nicht sehen, dass es – sechs Wochen nach Beginn der Revolution in Deutschland – um diese Revolution tatsächlich „schlimm bestellt“ war. Die Losung der Spartakisten „Alle Macht den Räten“ hatte sich als zahn- und wirkungslos erwiesen, weil sich die Räte an vielen Stellen als zahn- und wirkungslos erwiesen hatten. Luxemburg flüchtete sich in überzeitliche Geschichtsphilosophie „Aber die Schwäche der Räte ist nicht die Schwäche der Revolution. SIE ist mit allen Mittelchen nicht zu fassen und zu vernichten.“

    „DIE Revolution“ wurde von Luxemburg nicht als Selbsttätigkeit konkreter Menschen und Menschenklassen, sondern als übermenschliche und überzeitliche Macht gesehen, die auch wirkt, wenn die konkreten Menschen nicht handeln (wollen) oder verkehrt handeln, weil sie sich Illusionen machen.

    Auf dem Gründungsparteitag der KPD glaubte die Mehrheit der Genossen noch an einen raschen und leichten Sieg der Revolutionäre. Die SPD-Regierung könne innerhalb von 14 Tagen von ihnen aus dem Amt gejagt werden.

    Statt auf die bisherigen Erfahrungen und Fehler der Revolution in Deutschland einzugehen, hielt R. Luxemburg in ihrem Grundsatzreferat einen langatmigen Rückblick auf frühere Revolutionen und deren Einschätzung durch Marx und Engels. Ihr nur schwer nachvollziehbares Resümee: „Parteigenossen, wir stehen also heute, wie ich schon erwähnt habe, geführt durch den Gang der historischen Dialektik und bereichert um die ganze inzwischen zurückgelegte 70jährige kapitalistische Entwicklung, wieder an der Stelle, wo Marx und Engels 1848 standen, als sie zum erstenmal des Banner des internationalen Sozialismus aufrollten.“ (R. Luxemburg, Ges. Werke 4, 493.)

    Die Entwicklung der deutschen Revolution seit dem 9. November zeichnete sie – wider besseres Wissen? - in einem ganz rosigen Licht:

    „Die erste Phase vom 9. November bis zu den letzten Tagen (sic!) ist charakterisiert durch Illusionen nach allen Seiten hin. Die erste Illusion des Proletariats und der Soldaten, die die Revolution gemacht haben, war: die Illusion der Einigkeit unter dem Banner des sogenannten Sozialismus. Was kann charakteristischer sein für die innere Schwäche der Revolution des 9. November als ihre erstes Ergebnis, dass an die Spitze der Bewegung Elemente getreten sind, die zwei Stunden vor Ausbruch der Revolution ihr Amt darin erblickten, gegen sie zu hetzen. ... Sämtliche Illusionen sind zerronnen. ... Wohin kann sich der Kurs der sogenannten sozialistischen Regierung bewegen, nachdem, wie ich gezeigt habe, sämtliche Illusionen verschwunden sind? Diese Regierung verliert mit jedem Tag mehr den Rückhalt in den großen Massen des Proletariats, es sind neben dem Kleinbürgertum noch Reste, traurige Reste der Proletarier, die hinter ihr stehen, von denen es aber sehr unklar ist, wie lange sie noch hinter Ebert-Scheidemann stehen werden.“ (R. Luxemburg, Ges. Werke 4, 496-499).


    Luxemburgs Beschreibung der Illusionen, mit denen die Novemberrevolution geboren wurde, war ganz richtig gesehen. Die Behauptung, dass diese Illusionen zur Jahreswende 1918/19 schon verschwunden waren, hat sich als tragischer Irrtum erwiesen. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 erhielt die SPD knapp 38 % der Stimmen, die USP nur 7,6 %. Die KPD war nicht zur Wahl angetreten.


    Unterstützt von dem revolutionären Pathos der R. Luxemburg glaubte die Mehrzahl der Delegierten auf dem Gründungsparteitag der KPD, sie könnten innerhalb weniger Wochen die SPD-Regierung aus dem Amt jagen. In ihrer revolutionären Euphorie lehnten sie alle besonnenen taktischen Vorschläge von Luxemburg und Liebknecht ab.

    R. Luxemburg gründete 1919 mit der KPD eine Partei, in der Besonnenheit in der Minderheit blieb, während die Mehrheit von blindem Aktionismus beherrscht war.


    Wal Buchenberg, 25. April 2019

    Wer aus Geld mehr Geld machen will, ohne den mühseligen Weg über die Produktion von Waren zu gehen, der wird gerne poetisch. So jagen Spekulanten gerne nach „Einhörnern“ – seltene Unternehmen mit wunderbaren Profitaussichten, weil sie mit viel Schwung ("blitzscaling") einen neuen Markt erobern und dort eine Marktbeherrschung erringen.

    Die ersten Einhörner der Internetwelt waren Amazon, Google und Facebook. Heute glauben gut 150 Unternehmen deren Erfolg kopieren zu können. Ein repräsentatives Dutzend dieser Möchtegern-Einhörner werden aktuell mit einem Aktienwert von insgesamt rund 350 Milliarden Dollar gehandelt und hoffen noch in diesem Jahr auf einen Marktwert von insgesamt einer Billion Dollar zu kommen.

    Eine Billion Dollar – das überträfe die gesamte Jahreswirtschaftsleistung (BIP) der Türkei oder der Niederlande im Jahr 2017.


    Gemeinsam ist allen diesen Firmen, dass alle ihren Markt im Internet suchen und dass sie kaum konstantes Kapital benötigen - ihre fixed Assets erreichen insgesamt nur 6 Milliarden Dollar. Mit vergleichsweise wenigen Lohnarbeitern und 6 Milliarden konstantem Kapital einen Wert von 1 Billion Dollar zu schaffen, das ist das märchenhafte an diesen Firmen. Das macht sie zu Einhörnern.

    Diese Einhörner sind:

    - Tencent Music (China, Musikstreaming)

    - Meituan Dianping (China, Online-Handel)

    - IQIYI (China, Unterhaltungsmedien)

    - Sea (Singapore, Onlinespiele, Online-Handel)

    - Pinduoduo (China, Online-Handel)

    - Uber (USA, Personentransport)

    - Snap (USA, social Media)

    - WeWork (USA, Büroflächen)

    - Lyft (USA, Personentransport)

    - Spotify (Schweden, Musikstreaming)

    - Dropbox (USA, Cloudspeicherplatz)

    - Pinterest (USA, social Media)


    Die Märchenhaftigkeit der kapitalistischen Gewinnerwartung wird erst deutlich, wenn man sich die „Gewinne“ der letzten vier Jahre dieser Einhörner anschaut. Da hat nur Tencent Music überhaupt ein mageres positives Ergebnis erzielt, alle anderen elf haben wachsende Verluste eingefahren.



    Was macht den Geldkapitalisten solche Hoffnung? Es gibt zuviel Kapital, das nach profitablen Anlagen sucht. In einer kapitalistischen Welt, in der die Wachstums- und Profitmöglichkeiten chronisch niedrig sind, und in der für Kredite kaum Zinsen gezahlt werden, weichen die Kapitaleigner ins Märchenhafte aus.


    „Der Zweck der kapitalistischen Produktion ist aber Verwertung des Kapitals, d. h. Aneignung von Mehrarbeit, Produktion von Mehrwert, von Profit. ... Wo also das gewachsene Kapital nur ebenso viel oder selbst weniger Mehrwertmasse produziert als vor seinem Wachstum, so fände eine absolute Überproduktion von Kapital statt; d. h. das gewachsene Kapital C + deltaC produzierte nicht mehr Profit, oder gar weniger Profit, als das Kapital C vor seiner Vermehrung durch deltaC.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 261f.

    „Die Masse der kleinen zersplitterten Kapitale wird dadurch auf die Bahn der Abenteuer gedrängt: Spekulation, Kreditschwindel, Aktienschwindel, Krisen.

    Der krankhafte Überfluss des Kapitals bezieht sich immer wesentlich auf den Überfluss von Kapital, für das der Fall der Profitrate nicht durch seine Masse aufgewogen wird – und dies sind immer die neu sich bildenden frischen Kapitalableger – oder auf den Überfluss, welche diese, für sich selbst zur eigenen Aktion unfähigen Kapitale den Leitern der großen Geschäftszweige in der Form des Kredits zur Verfügung stellt.

    Dieser Überfluss des Kapitals erwächst aus denselben Umständen, die eine relative Überbevölkerung (Arbeitslosigkeit) hervorrufen, und ist daher eine diese letztere ergänzende Erscheinung, obgleich beide auf entgegengesetzten Polen stehen, unbeschäftigtes Kapital auf der einen und unbeschäftigte Arbeiterbevölkerung auf der anderen Seite.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 261.


    Und noch etwas lässt sich daraus ablesen:

    Kapital fließt dorthin, wo Profit winkt. Es ist daher ein Märchenglaube, das Kapital ließe sich mit Vernunftgründen in „gesunde“ oder „wünschenswerte“ Felder dirigieren: in Friedensproduktion statt Rüstung, in erneuerbare Energiesträger statt fossile Verbrennung, in nachhaltige Produkte statt Plastik, in Klimaschutz statt Profit etc.


    Wal Buchenberg, 24. April 2019

    Wem Mieterhöhungen an der Backe vorbeigehen:

    Laut Statistischem Bundesamt besitzen 31% der Bewohner Deutschlands ein Einfamilienhaus - vom Reihenhäuschen bis zur Stadtvilla, 5% besitzen ein Zweifamilienhaus - erzielen also neben ihrem Lohneinkommen noch Mieteinnahmen, und 14% besitzen eine Eigentumswohnung. Bleiben noch 50% die unter den steigenden Mieten leiden.

    Angestoßen durch die Proteste der Gelbwesten hatte der französische Staatspräsident eine "Große Debatte" angeregt. Man sammelte 1,9 Millionen Postings in dem offiziellen Debatten-Forum, wertete über 10.000 städtische Meetings mit Politikern, gut 16.000 Bitt- und Protestresolutionen und fast 30.000 Emails und Zuschriften aus.


    Erste Auswertungen (durch staatliche Stellen) zeigen gemeinsame, aber nicht neue Problemfelder: Die Mehrzahl der Protestierenden stufen den Klimaschutz als "dringend" ein, sie beschweren sich über die hohe Steuerlast, die die Lohnabhängigen belastet, sie wenden sich gegen die Macht der Zentralgewalt und wollen mehr Entscheidungsmacht auf kommunaler Ebene und sie sind sich einig in der Kritik an der "komplizierten, inkompetenten, rücksichtslosen und verschachtelten" Bürokratie in Frankreich.


    Quelle: The Economist