Posts by Wal Buchenberg

    Der französische Präsident Macron hatte seit seinem Amtsantritt versucht, die Rolle Frankreichs in der EU zu stärken. Teils spielte er den Sprecher der europäischen Mittelmeerländer, teils betonte er die Achse Paris – Berlin. Gebracht hat beides nichts. Daran wird auch ein neuer „Vertrag von Aachen“ nichts ändern.

    Die Wirtschaftskrise von 2008 und auch der Flüchtlingszustrom des Jahres 2015 haben das Vertrauen in die EU-Organe erschüttert. Der Austritt Großbritanniens aus der EU und die kommenden Wahlen zum EU-Parlament werden die Kompromissfindung in Brüssel nicht leichter machen. Mit dem Anwachsen der EU ist der wirtschaftliche und politische Einfluss der beiden Kontinentalmächte in Europa zunehmend geschwunden.




    Bei Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft hatten Deutschland und Frankreich fast 70% der kombinierten Wirtschaftskraft (BIP) gestellt. Dieser Anteil sank mit jeder EU-Erweiterung bis auf heute 36 Prozent. Durch den Austritt Großbritanniens wird die Wirtschaftsleistung der EU um 16 % sinken, und das gemeinsame Gewicht von Frankreich und Deutschland in der EU wird wieder auf 43 % steigen.


    In der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft hatten Frankreich und Deutschland zusammen 8 von 17 Stimmen. 12 Stimmen genügten damals, um Gesetzesvorhaben im Europäischen Rat durchzubringen. Damals besaßen Frankreich und Deutschland zwei Drittel dieser qualifizierten Mehrheit. In der heutigen EU gilt eine „doppelte Mehrheit“: Gesetzeskraft erhält eine Initiative nur durch 16 Länderstimmen, die außerdem noch 65% der EU-Bevölkerung stellen müssen. Frankreich und Deutschland repräsentieren aber nur rund 30% der EU-Einwohner. Der Beitritt von Serbien und (Nord)Mazedonien wird die Mehrheitsverhältnisse für die Achse Paris-Berlin weiter verschlechtern und noch weiter nach Osten verschieben.

    Die europäischen Qualitätsmedien werfen den britischen Eliten ständig „Realitätsverlust“ vor, und geben ihnen trotzdem gute Ratschläge, was sie nun Besseres machen sollen.

    Der Realitätsverlust liegt auf beiden Seiten: Die britische herrschende Klasse hatte bis 1914 Europa und die Welt beherrscht und meinte dann, sie könnte mit dem Commonwealth die Welt auch ohne Europa beherrschen. Die französische Elite klammerte sich noch an ihr Kolonialreich, selbst als Paris von den Nazi-Horden besetzt war. Und nach dem verheerenden Weltkrieg glaubten die Mächtigen in Washington, London und Paris, sie könnten in (West)Europa einen Hort der Stabilität und eines „gemäßigten Kapitalismus“ aufbauen und erhalten, während in aller sonstigen Welt der „Raubtierkapitalismus“ losgeschickt wurde. Mit der gebändigten Kapitalkonkurrenz in Europa ist es vorbei. Die Wirtschaftskrise von 2008 hat die EU noch mit Müh und Not gemeistert. Das chronische Chaos im Nahen Osten und in Afrika, der drohende Niedergang in Südamerika und der Handelsstreit zwischen den Großmächten USA und China läuten nun die Sturmglocken für eine durch den Brexit dauerhaft geschwächte Europäische Union.


    In English:

    The European media are constantly throwing "loss of reality" to British elites, and still give them good advice on what to do better.

    The loss of reality lies on both sides: the British ruling class had dominated Europe and the world until 1914 and then thought that it could rule the world with the Commonwealth even without Europe. The French elite clung to their colonial empire, even as Paris was occupied by the Nazi hordes. And after the devastating World War, the powerful in Washington, London and Paris believed that they could build and maintain a haven of stability and "moderate capitalism" in (Western) Europe, while in all other world predatory capitalism was launched. The tamed capital competition in Europe is over. The EU has still overcome the economic crisis of 2008 with great difficulty. The chronic chaos in the Middle East and Africa, the imminent decline in South America and the trade dispute between the major powers USA and China are now ringing the bell for an EU that is permanently weakened by the Brexit.

    Britische Brexitdebatte:

    Jeder Amtsinhaber widerspricht jedem anderen Amtsinhaber, aber alle verkünden unisono: „Ich erfülle den Willen des Volkes!“. Sie richten damit das allergrößte Chaos an.

    So blamieren die britischen Staatsdiener das Konzept „Volkeswille“ und pflügen den Boden für das Alternativkonzept: Baut nicht auf Volkeswille, sondern auf Elitenvernunft!

    Das Chaos entstammt allerdings nicht dem Konzept "Volkswille", sondern dem Konzept "Volksvertreter".

    Am 7. Januar erstürmte eine Handvoll Soldaten in Gabun die Radiostation der Hauptstadt und riefen einen Putsch gegen den kranken Präsidenten Bongo Ondimba aus, der das kleine ölreiche Land von seinem Krankenbett in Marokko aus regiert. Nach ein paar Stunden gaben die von loyalen Soldaten umzingelten Putschisten auf.

    Im ausgehenden 20. Jahrhundert ereignete sich fast wöchentlich ein Putsch in einem der 54 Staaten Afrikas. Rund die Hälfte dieser Staatsstreiche stürzte die bisherige Regierung. Seit dem Jahr 2000 waren nur noch 15 Staatsstreiche erfolgreich – rund einer pro Jahr. Staatschefs in Afrika sterben nicht mehr durch Kugeln, sondern durch Altersschwäche – auch weil sie ihre Macht in Wahlen nicht abgeben wollen.




    Sieben der amtierenden Staatschefs in Afrika sind mehr als 20 Jahre im Amt. Auch Mister Bongo regiert in Gabun seit 1967. Nigerias Präsident Buhari errang zwar sein Amt 2015 durch Wahlen, ist jedoch schon 77 Jahre alt und hatte nach langer Krankheit mit Gerüchten zu tun, dass er verstorben und durch einen Doppelgänger ersetzt worden sei. Er steht dennoch zur Wiederwahl im kommenden Februar.

    Robert Mugabe, Unabhängigkeitskämpfer und langjähriger Regierungschef von Zimbabwe wurde erst im zarten Alter von 93 Jahren durch einen unblutigen Putsch aus dem Amt entfernt. Seit dem Jahr 2000 ließen 10 afrikanische Regierungschefs die Landesverfassung ändern, die ihre Amtszeit begrenzte, damit sie ganz legal länger im Amt bleiben können.

    Der Rückgang der Staatstreiche in Afrika ist jedoch keineswegs verbesserter Regierungspolitik geschuldet, als vielmehr der wachsenden Komplexität des wirtschaftlichen Alltags, die nicht mehr durch ein paar Gewehre beherrscht werden kann.

    Deshalb macht es auch keinen Sinn, von „Staatszerfall“ in Afrika zu sprechen. Moderne Staatsstrukturen sind in Afrika nicht „zerfallen“, sondern haben sich kaum ausgebildet.

    Moderne staatliche Strukturen, die neben dem Gewaltapparat (Polizei, Armee, Justiz) auch Dienstleistungsfunktionen zunächst für das Kapital (Infrastruktur, Verkehr, Energieversorgung etc.), dann auch für die Lohnabhängigen (Bildung, Gesundheit, Armutsfürsorge) übernehmen, bleiben in Afrika fast überall verkümmert und rudimentär. Gleichzeitig durchdringt der Kapitalismus den afrikanischen Kontinent und zerstört die traditionellen Bindungen und sozialen Netze von Familie und Clan. Das Alte stirbt, aber nichts tritt an seine Stelle. Das produziert die Hoffnungslosigkeit und das gegenwärtige Elend Afrikas.

    Mit dem rituellen Gedenken an R. Luxemburg und mit jedem SPD-Bashing wird ein linker Opfer-Mythos gepflegt.

    Die Tatsache, dass Menschen verfolgt werden, macht sie noch nicht zu Helden. Juden wurden nicht zu Helden durch den Holocaust. Polen und Pariser wurden nicht zu Helden durch die deutsche Besetzung. Linke werden nicht zu Helden durch den Antikommunismus. Verfolgung allein schafft keine gemeinsamen Ziele, Verfolgung schafft keine Solidarität. Durch Verfolgung allein findet niemand einen Ausweg.

    Der linke Opfermythos sieht die unvollendete Revolution von 1918 nicht als Auftrag an uns, sondern als bedauerliche, aber unwiderrufliche Weichenstellung, die sich ungebrochen bis heute fortsetzt. „Verfolgung! Verrat! Verfolgung!“ - es ist ein Altweibergesang.


    Siehe auch:


    Kurt Eisner und die Revolution 1918


    Nochmals zur Sozialdemokratie...

    Hallo V-P:

    nein, das Marx-Forum ist nicht nur für „Experten“. Die Experten, haben sich eigentlich alle aus dem Marx-Forum davon gemacht (Robert Schlosser, Kim/ricardo, Franziska, Pfeilregen). Es ist seitdem eigentlich ganz gemütlich hier, und wir können uns gut auch über Kellnerinnen und Kioskverkäufer unterhalten.


    Zunächst einmal berechnen Kapitalisten nicht den Wert einer einzelnen Ware oder einer einzelnen Dienstleistung. Es macht deshalb auch keinen Sinn, wenn Sozialisten das versuchen.


    Kapitalisten gehen in der Regel von Standard- oder Durchschnittswerten („Marktwert“) aus, die sie auf dem Markt vorfinden, aber nicht selbst berechnen. Wenn ein Restaurantbesitzer ein Gericht mit Schnitzel verkaufen will, dann liegt der Marktwert bei rund 12 Euro. Diesen Marktpreis findet er schon vor. Bei den meisten Restaurants kostet ein Schnitzel 12 Euro. Wenn ein Restaurant deutlich mehr für ein Schnitzel verlangt, dann verliert es vielleicht Kunden. Wenn ein Restaurant deutlich weniger für ein Schnitzelgericht verlangt, macht es vielleicht Miese.


    Mit den 12 Euro, die ein Wirt für ein Schnitzel bekommt, muss er alle seine Kosten decken: die Miete, die Küchengeräte, die Einrichtung, das Fleisch, die Lohnkosten für den Koch und die Lohnkosten für die Kellnerin. Darüber führt ein ordentlicher Kapitalist allerdings genau Buch.


    In der Terminologie von Marx, sind die Miete, die Gebäudekosten, die Geräte und das Fleisch „konstantes Kapital“. Sie heißen bei Marx konstantes Kapital, weil der Kapitalist diese Kosten unverändert auf den Preis seines Schnitzels (anteilig) anrechnet und wieder bekommt. Nehmen wir mal an, für ein Schnitzel macht das 8 Euro.

    Zahlt der Kapitalist nun an den Koch und den Kellner je zwei Euro Lohn pro Schnitzel? Auf keinen Fall.

    Er zahlt seinem Personal vielleicht je einen Euro pro Schnitzel. Diese Lohnkosten nennt Marx „variables Kapital“, weil der Kapitalist damit seinen Gewinn macht.

    In unserem Beispiel sind die gesamten Kosten für ein Schnitzel 10 Euro. Auf der Speisekarte steht das Schnitzel für 12 Euro. Bleiben für ihn als Kapitalist 2 Euro Gewinn. Diesen Gewinn streicht er nicht durch eigene Arbeit ein, sondern durch fremde Arbeit. Natürlich kann ein kleiner Kapitalist in der Küche auch mitarbeiten, dann ist er gleichzeitig Arbeiter und Kapitalist, aber das ist für den modernen Kapitalismus nicht typisch. Typisch für den modernen Kapitalist ist, dass die Lohnarbeiter durch ihre Arbeit fremden Reichtum anhäufen. Sie selber bleiben arm. Lohnarbeit macht nicht reich. Reich wird man nur, wenn man andere für sich arbeiten lässt.


    Bei dem Verkäufer in einem Kiosk ist es ein bisschen anders. Aber darüber können wir uns vielleicht später noch austauschen.


    Für den Anfang ist es mir wichtig, dass Marx alle Arbeit, die für Lohn für einen Kapitalisten geleistet wird und deren Arbeitsprodukt der Kapitalist verkauft, „produktive Arbeit“ ist – egal ob in der Produktion (in der Küche) oder in der Dienstleistung (am Tresen, am Tisch oder im Kiosk).

    Produktive Arbeit heißt, dass meine Arbeit meinen Kapitalisten reich macht, während der Lohn mehr oder minder für meinen Lebensunterhalt reicht – mehr nicht. Durch Lohnarbeit wird niemand reich.


    Soweit erst mal und Gruß!

    Wal

    Außer in China hat die Beteiligung der Frauen an Lohnarbeit in den letzten 50 Jahren deutlich zugenommen.

    Blaue Balken: Prozentsatz der 15- bis 64-jährigen Frauen in Lohnarbeit im Jahr 1970.

    Rötlicher Balken: Prozentsatz der 15- bis 64-jährigen Frauen in Lohnarbeit im Jahr 2017.




    Aus Lohnarbeit zieht das Kapital seinen Profit, aus privater Haus- und Pflegearbeit nicht.

    - Mehr Frauen in Lohnarbeit senkt für das Kapital die Lohnkosten.

    - Mehr Frauen in Lohnarbeit verdichtet den Arbeitsalltag für alle Lohnabhängigen – besonders aber für Frauen.

    - Mehr Frauen in Lohnarbeit vermehrt für das Kapital die Quellen für seinen Reichtum.



    Siehe auch:









    Indem die syrische Kurdenpartei YPG sich vor Jahren mit den US-Militärs verbündete, hoffte sie auf internationale Anerkennung durch die Nato-Mächte als Partner gegen die türkische Bedrohung und Unterdrückung. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Statt dessen ließ sich die YPG von den USA für den Kampf gegen den Islamischen Staat instrumentalisieren. Der Kampf gegen den IS lag mehr im Interessen der Westmächte als im Interesse der Kurden, denn der IS war nur stark in sunnitisch geprägten Regionen. Indem die Kurdenmiliz in solche Gebiete einmarschierte, wurde sie von der dortigen Bevölkerung als Aggressor gesehen. Was die Kurdenpartei in Syrien durch die lokalen Selbstverwaltungsorgane für das friedliche Zusammenleben aller Bevölkerungsteile in Syrien Positives durchsetzte, hat sie durch ihren Kampf gegen Sunniten und gegen den IS aufs Spiel gesetzt. Die YPG hat vielleicht die Kämpfer des IS besiegt, aber die Herzen der sunnitischen Syrer verloren.

    Nun hat US-Präsident Trump den Abzug aller (rund 2000) US-Militärs aus Syrien angekündigt. Die 200 französischen Soldaten im Land werden diesem Beispiel folgen müssen. Statt diesen Rückzug imperialistischer Armeen in Nahost zu begrüßen und auch den Abzug aller anderen fremden Soldaten zu fordern, verlangte die YPG mehr oder minder offen einen Verbleib der US-Soldaten in Syrien. Als jüngste Wendung rief die YPG sogar den Schlächter Assad in der Stadt Manbij zu Hilfe.

    Das kommt einem politischen Bankrott gleich.

    Jana Freilinghaus (Partei Die Linke) schrieb im „Neuen Deutschland“ : Sie sehe „die Bemühungen der Kurden um eine fortschrittliche Entwicklung hin zu einer sozialistischen, demokratischen Gesellschaft durch den Rückzug der US-Soldaten bedroht“. Wie wenig militärischer Machtpoker und nationalistische (Befreiungs)Kriege zu einer „sozialistischen, demokratischen Gesellschaft“ beitragen, das haben viele andere nationale Befreiungsbewegungen vorgemacht. Können wir nach diesen ernüchternden Erfahrungen immer noch solche idealistischen Hoffnungen und Parolen ernst nehmen?


    P.S. Man kann die von der YPG eingerichteten lokalen Selbstverwaltungsorgane in Syrien von ganzem Herzen unterstützen, ohne sich blindlings mit allen Winkelzügen der YPG-Führung "solidarisch" zu erklären. Das ist kritische Solidarität anstelle von unbedingter Solidarität.


    Siehe auch:

    Schlacht um Idlib


    Afrin und der Syrienkrieg


    Syrische Kurden: Kommunalismus mit internationalen Handelsrouten?


    Sind PKK-Forderungen für Kurden nationalistisch?

    In seinem verdienstvollen, marxistischen Blog befasst sich Michael Roberts diesmal mit der Frage, ob der Euro (und die EU) die nächsten 20 Jahre überleben werden.


    Mein Kommentar dazu lautet:

    The highest principle of the capitalist economy is: property is protected. This applies in particular to the creditors’ money. The debtor states in the EU (Spain, Italy, Portugal and Greece) felt this. Whoever pretends that in the EU this principle does not or should not apply, that borrowed money has to be repaid with interest, spreads illusions about the character of the EU and each of its individual states. The so-called “austerity” was not a “bad” policy measure, but was to ensure that money lent to governments flows back to creditors. The cancellation of this debt was never an option. Unfortunately this is seen differently in Michael’s article.

    The economic history of the EU shows nothing different from the economy of each EU country: the rich get richer and the poor stay poor or get even poorer.


    auf Deutsch:

    Das oberste Prinzip der kapitalistischen Wirtschaft lautet: Eigentum ist geschützt. Dies gilt insbesondere für das Geld der Gläubiger. Das haben die Schuldnerstaaten der EU (Spanien, Italien, Portugal und Griechenland) zu spüren bekommen.

    Wer vorgibt, dass in der EU dieser Grundsatz nicht gilt oder nicht angewendet werden muss, dass geliehenes Geld mit Zinsen zurückgezahlt wird, der verbreitet Illusionen über den Charakter der EU und ihrer Einzelstaaten. Die sogenannte "Sparpolitik" war keine "bösartige" politische Maßnahme, sondern sollte sicherstellen, dass den Regierungen geliehenes Geld an die Gläubiger zurückfließt. Die Annullierung dieser Schulden war niemals eine Option. Leider wird dies in Michaels Artikel anders gesehen.

    Die Wirtschaftsgeschichte der EU unterscheidet sich nicht von der Entwicklung jedes EU-Landes: Die Reichen werden reicher und die Armen bleiben arm oder werden noch ärmer.


    Siehe auch:


    Unser Kriseneuropa 2014/2015


    Woher kommt die Eurokrise?


    Verlierer Europa - Gewinner China


    Aufstieg und Niedergang des (europäischen) Kapitalismus


    EU raus aus Europa??


    Deutschland - Europas zögerliche Vormacht



    Linksregierung und Schuldenkrise - in Griechenland und anderswo


    Aktuelles zur Griechenlandkrise


    Lehren aus dem griechischen Drama

    Hallo Lukas,

    in meinen Augen ist der Negativzins ein weiteres Beispiel, wie sehr die kapitalistische Wirtschaft aus den Fugen gerät.

    Aus Sicht der Banken bestehen Zins und Negativzins friedlich nebeneinander.

    Der Zins ist die Belohnung für den Geldbesitzer, wenn er sein Geld kapitalisiert und verleiht. Der Zins ist ein Teil der kapitalistischen Ausbeute, des von der Lohnarbeit geschaffenen Mehrwerts.

    Der Negativzins ist eine Strafe für den Geldbesitzer, wenn er sein Geld nicht verleiht. Damit sollen die großen Geldbesitzer "veranlasst" werden, das Geld "in Umlauf zu bringen", es "arbeiten zu lassen". Die Notenbanken verlangen deshalb Negativzins auf Bankeinlagen und manche Banken verlangen Negativzins auf hohe Geldeinlagen von Privatkunden oder Firmen.

    Dass Geld "gehortet" wird, statt dass es investiert wird, ist ein Anzeichen der kapitalistischen Krise.


    Daneben gibt es noch Leute, die nicht im Kapital (private Produktionsmittel), sondern im Geld(kapital) alles Übel sehen. Diese Leute wollen den Geldbesitz durch Negativzins besteuern, um das "Finanzkapital" zu schwächen oder gar ganz zu enteignen. Darüber lohnt es sich nicht, weitere Worte zu verlieren.

    Gruß Wal

    Karl Marx rechnete Mitte des 19. Jahrhunderts mit einer Lebenszeit der Lohnarbeiter von 30 Jahren und einer Lebensarbeitszeit von 20 Jahren. Seither hat sich Vieles verändert: Die tägliche und wöchentliche Arbeitszeit ist – dank gestiegener Arbeitsproduktivität – gesunken.




    Gleichzeitig ist aber die Lebensarbeitszeit– die Jahre, die wir für das Kapital schuften müssen, stark gestiegen. Zu Marx Zeiten mussten Lohnarbeiter an 6 Tage 10 Stunden für 20 Jahren arbeiten, das machte rund 60.000 Lebensarbeitsstunden. Nach den Daten in der obigen Grafik arbeitete ein Lohnarbeiter in Deutschland im Jahr 2016 rund 1450 Jahresarbeitsstunden. In den 45 Sollarbeitsjahren, die wir für das Kapital schuften müssen, ergibt das über 65.000 Lebensarbeitsstunden.

    Die tägliche Arbeitszeit ist seit Marx' Zeiten kürzer geworden, unsere Lebensarbeitszeit wurde deutlich verlängert.


    Warum die Regierungen von Indonesien und Vietnam besonders hohes Vertrauen genießen, ist mir unerfindlich. Die nächste Gruppe mit Vertrauenswerten zwischen 60 und 70 Prozent reicht von den Niederlanden über Deutschland bis Japan. Das sind Länder, denen es wirtschaftlich vergleichsweise gut geht. Das unentschiedene (oder zerissene?) „Mittelfeld“ reicht von den USA bis Polen (50 bis 40%).

    Die Länder, in denen die Regierungen das geringste Vertrauen genießen, werden von Venezuela angeführt. In dieser Kategorie befinden sich auch vier europäische Staaten: Italien, Frankreich, Spanien und Griechenland.

    Der Autor oder seine Hilfskraft haben auf meine Kritik geantwortet:


    „Was zum Kuckuck mag Marx geritten haben, 4 Bände zum "Kapital" zu schreiben, wenn doch alles auf einen Bierdeckel paßt. Er hätte mehr Zeit gehabt Kinder zu machen, Geld anzulegen, Zigarren zu rauchen, sich dem geliebten Rotwein zu widmen, die Socken zu wechseln oder sich die Nüsse zu kraulen. Das wäre ein Leben gewesen, aber so! Und dabei war seine Arbeit völlig überflüssig.

    Man braucht nur das Niveau der ersten 3 Kapitel von Band 1 auf das Niveau einer historischen Klitterung eindampfen. Allerdings kann man dann nicht z.B. die Formen des Finanz- und Spekulation im Altertum, und schon gar nicht ihren konsistenten Zusammenhang zur Wertform, erklären, sowie anderes mehr. Aber wozu auch, ist ja schon so lange her, wen interessiert's. Ja doch, die Phase der vorkapitalistischen Warenproduktionsweise war viel länger als die kapitalistische, aber wir leben heute, da interessiert das nicht.

    Marx hat die kapitalistische Produktionsweise als Totalität in ihren komplexen Zusammenhängen als Kreisläufe des Kapitals dargestellt und der Anfang dieses in sich konsistenten logischen Zusammenhangs, sein Fundament, ist die Wertform, und die ist nicht als historischer Mischmasch zu vermanschen. Wer das nicht versteht, kann auch das "Kapital" nicht verstehen. Daß die Wertform schon vor der kapitalistischen Produktionsweise existierte, weiss jedes Schulkind, aber in welcher Form sie im Kapital dargestellt ist, wissen die Buchenbergs bis heute nicht, das Unverständnis für den Artikel zeigt dies deutlich.“


    Meine Antwort lautet:


    Hallo Oberst Meyer,

    da du den Artikel so vehement verteidigst, nehme ich an, bist sein Autor.

    Daß die Wertform schon vor der kapitalistischen Produktionsweise existierte, weiss jedes Schulkind, aber in welcher Form sie im Kapital dargestellt ist, wissen die Buchenbergs bis heute nicht, das Unverständnis für den Artikel zeigt dies deutlich.

    Mag sein, dass "die Buchenbergs" deinen Artikel nicht verstanden haben. Aber wie du an vielen Kommentaren hier sehen kannst, sind diese Nichtversteher-Buchenbergs ein ganz gemischtes und buntes Häuflein von Marxisten bis Antimarxisten. Nur deren Schuld?

    Ich kann auch nicht ausschließen, dass ich den Marx hie und da nicht verstanden habe. Ich weiß aber erstens, dass ich mich durch jede Marx-Lektüre (ich habe ihn oft und immer wieder gelesen) bereichert gefühlt habe und ich bin niemals wie du und deine Autoren auf die Idee gekommen, Marx "bereichern" zu wollen.

    Und ich weiß zweitens, dass Marx sich die "verdammte" Mühe (seine Worte), das Funktionieren des Kapitalismus zu analysieren, sich nur zu dem einzigen Zweck gemacht hat, um dabei zu helfen, die Ausgebeuteten und Unterdrückten dieses Systems von dieser schweren Last zu befreien. Marx' Mitstreiter Engels nannte das "Kapital": "Es ist die politische Ökonomie der arbeitenden Klasse..." F. Engels, ‚Karl Marx’, 1869. MEW 16, 365.

    Bei dir dagegen taucht das Wort "Lohnarbeit" oder "Lohnarbeiter" nicht einmal auf. Und du willst den Kapitalismus verstanden haben? Ich habe da meine Zweifel.

    Gruß Wal


    Seine Antwort darauf:


    Wenn ich der Autor wäre, würde ich es sagen, weil ich nicht wüßte, warum ich das verheimlichen sollte.

    Mich stört auch nicht, daß viele der Foristen den Artikel nicht verstehen oder können. Das wäre auch unredlich, das zu fordern, mache ich auch nicht. Aber die Art und Weise, wie einige ihre Unkenntnis als Maß von Klugheit dreist in die Welt krähen, verdient schon einen Dämpfer. Mit "Beiträgen", die nur auf Krawall gebürstet und, nicht nur hier zum Thema, nicht zu übersehen sind, mit ad-hoc-Urteilen wie "Schrott", "sollte man nicht lesen", "Shit" "Scholastik", hat man keinerlei Anspruch auf zivilisierten Umgang, Respekt oder Ernsthaftigkeit. Keiner der so ausgerichteten Disputanten hat auch nur im Ansatz irgendetwas inhaltlich zu den Thesen des Artikels von sich gegeben. Das ist ziemlich niedriges Niveau, und das sollte auch benannt werden.

    Gegen Beiträge, die auch fragend zur Thematik kommen, habe ich auch gar nichts. Solche, wie Ihrer sind jedoch Mangelware.

    "Lohnarbeit" oder "Lohnarbeiter"

    sind nicht Kriterium für's Marxverständnis allein, haben aber auch in den Zusammenhängen, die der Artikel darstellt, keinen logischen Platz, weshalb sie da nicht auftauchen können.


    Mein Schlusswort dazu:

    "Lohnarbeit" oder "Lohnarbeiter"

    sind nicht Kriterium für's Marxverständnis allein, haben aber auch in den Zusammenhängen, die der Artikel darstellt, keinen logischen Platz, weshalb sie da nicht auftauchen können.


    Das lasse ich mal unkommentiert so stehen.


    Gruß Wal Buchenberg

    Heinrich Harbach hat in einer großspurigen Buchanpreisung getitelt: Die Wertform: Das Fundament der kapitalistischen Produktionsweise. Wieder einmal haben Leute versprochen, das „unvollendete Kapital“ von Marx zu vollenden. Was sie anbieten, ist ein „5. Buch des Kapital“ mit dem Titel: „Die Wertform“. Sie behaupten, sie hätten damit das „Kapital“ von Marx „um einen wesentlichen, ja grundlegenden Aspekt mit genauer wissenschaftlicher Analyse bereichert".


    Ich habe dazu auf Telepolis folgenden Kommentar geschrieben:

    Wer will, kann auch mit verständlicheren Worten ausdrücken, was es mit der „Wertform“ auf sich hat.

    Karl Marx unterschied bei der Entstehung des Geldes aus dem Warenverkehr vier Entwicklungsstufen:


    Stufe I: Einfacher (zufälliger) Warentausch:

    Eine einzelne Ware wird zufällig mit einer anderen Ware getauscht.

    Das kam historisch bei isolierten Gemeinschaften vor, die nur für ihren Eigenbedarf produzierten und zufällig aufeinander trafen und dann einen einmaligen Tauschhandel vereinbarten. Davon berichtet u. a. der griechische Historiker Herodot (Buch IV, 152). Die Völkerkunde kennt davon auch Beispiele.

    Schon auf dieser Stufe des Warentausches zeigt sich in und mit der Ware eine Wertform: „Die einfache Wertform einer Ware ist enthalten in ihrem Wertverhältnis zu einer verschiedenartigen Ware oder im Austauschverhältnis mit derselben.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 74.


    Stufe II: Entfalteter (entwickelter) Warentausch

    Eine einzelne Ware wird mit vielen verschiedenen Waren getauscht.

    Das kam bei Produzenten vor, die ein einzelnes Hauptprodukt für den Austausch produzierten (z. B. Olivenöl oder Wein) und für dieses einzelne Produkt viele verschiedene Waren eintauschten. Auch dafür gibt es historische Beispiele und Beispiele aus der Völkerkunde.


    Stufe III: Allgemeine Wertform

    Auf dieser Entwicklungsstufe hat sich schon eine bestimmte Ware als Geldware abgesondert (z. B. Vieh oder Eisen).

    Jeder Tauschende beschafft sich erst für sein eigenes Überschussprodukt diese Geldware. Mit dieser tauscht er dann alle Waren ein, die er benötigt. Das ist die Entwicklungsstufe, wie sie uns in früher griechischer Zeit begegnet.


    Stufe IV: Geldform

    Die Geldform ist die Endstufe der Wertform.

    Eine Geldware (Edelmetall) scheidet aus dem normalen Gebrauch aus und fungiert hauptsächlich als allgemeines Tauschmittel und allgemeiner Wertausdruck für alle Waren. Diese Entwicklungsstufe wurde in klassischer griechischer Zeit erreicht.

    Jede Ware kann prinzipiell zur Geldware werden und als Geld fungieren. Historisch entwickelte sich dazu Edelmetall (Gold). Das moderne Papiergeld ist eine noch relative junge Entwicklung, die aber Marx schon entwickelt und analysiert hatte.


    Eine „Wertform“ gibt es also in allen Gesellschaften, die Warenaustausch betreiben.

    Wer feststellt, dass „die Wertform das Fundament der kapitalistischen Produktionsweise“ ist, der sagt nicht mehr, als dass der Kapitalismus auf dem Austausch von Waren basiert. Das ist keine große Entdeckung und diese Entdeckung reicht keineswegs aus, den Kapitalismus zu verstehen, weil sich der Warenaustausch schon lange vor dem Kapitalismus entwickelt hatte.


    Gruß Wal Buchenberg

    Bisher war Spanien eines der wenigen europäischen Länder ohne rechtsextreme Partei im Parlament. Das hat sich seit den Wahlen in Andalusien am 2. Dezember geändert, als die VOX 11 Prozent der abgegebenen Stimmen erreichte. In manchen Orten kam sie bis auf 30 Prozent der Stimmen.


    Im Oktober 2017 hatte ich geschrieben: „Kein Nationalismus kommt ohne Abgrenzung und Ausgrenzung gegenüber anderen Nationen aus. Jeder einzelne Nationalismus schürt also den Nationalismus in den angrenzenden Regionen und Staaten. Der katalanische Nationalismus fördert den spanischen Nationalismus und umgekehrt... Damit schürt jeder Nationalismus den Hass zwischen den Ethnien, Völkern und Nationalitäten und vertieft die bestehenden Unterschiede und Differenzen.“


    Die Auswirkungen des katalanischen Nationalismus sind nun im spanischen Süden zu beobachten.

    VOX war erst im Jahr 2013 mit wenig mehr als 3.000 Mitglieder gegründet worden. Die Sezessionsbewegung der Katalanen und die – nach der Sperrung italienischer Häfen – wieder zunehmende Migrationsbewegung nach Andalusien, bescherte der VOX Zulauf und Wahlstimmen.

    Das Programm der VOX ist regionenfeindlich, fremdenfeindlich und frauenfeindlich. Sie wollen alle regionalen Regierungen und Parlamente in Spanien abschaffen und zu dem zentralistisch regierten Franco-Spanien zurückkehren.




    Siehe auch:


    Neuanfang in Spanien?


    Spanischer und katalanischer Nationalismus


    Zur Vorgeschichte des katalanischen Nationalismus


    Nationalismus und Linke

    Wo ein Individuum für ein anderes Individuum einen Gebrauchswert schafft, befinden sich beide in vorindustriellen Verhältnissen. Anhand zweier Handwerker, die füreinander produzieren, aufzeigen zu wollen, wie eine Bedarfswirtschaft ohne Geld und ohne Lohnarbeit funktioniert, ist so unterkomplex, dass sich daran kein Planungs- und Entscheidungsprozess einer nachkapitalistischen Wirtschaft aufzeigen lässt.

    Der Kapitalismus hat es dazu gebracht, dass kaum ein Individuum mehr fertige, verwendbare Produkte herstellt und herstellen kann. Auf jeder Produktionsstufe sind eine Vielzahl unterschiedlicher, aber kooperativer Tätigkeiten nötig und jeder Produktionsstufe sind eine riesige Anzahl Vorstufen der Produktion (Lieferketten) vorgeschaltet.

    Alle Verteidiger der Marktwirtschaft behaupten, die moderne Produktion ist in ihrer Gesamtheit nicht überschaubar, daher auch nicht planbar. Wer eine Gebrauchsproduktion ohne Lohnarbeit und ohne Geld nicht nur für wünschenswert, sondern auch für möglich hält, muss aufzeigen können, wie die Komplexität industrieller (gemeinschaftlicher) Produktion für jeden von uns überschaubar werden kann.


    Ein Schritt, vorhandene Produktionsmittel und gewollte Produktionsziele überschaubar und entscheidbar zu machen, wäre natürlich, wenn jede einzelne Kommune erste und unterste Planungs- und Produktionseinheit wird. Dennoch bleibt dann immer noch eine hohe gesellschaftliche Komplexität, die durchschaubar gemacht werden muss, sonst ist sie nicht gemeinschaftlich planbar.


    Jede bedarfsgerechte Produktion hat Ausgangsbedingungen und eine Zielvorstellung. In einer Bedarfswirtschaft muss über die Produktionsziele im Vorhinein gemeinsam beraten und entschieden werden. In der Bestimmung der Zielvorstellung sind die Ausgangsbedingungen notwendig enthalten – je nachdem das Produktionsziel weiter oder näher von den Ausgangsbedingungen entfernt ist. Die gemeinsame Beratung und Beschlussfassung muss allerdings beides durchsichtig machen: Welche einsetzbaren Stoffe, Technologien, Fähigkeiten und freiwilligen (!) Arbeitsmengen sind vorhanden? Welche Stoffe, Technologien, Fähigkeiten und Arbeitsmengen benötigen wir zur Realisierung unserer Ziele?

    Auf diese beide Fragestellungen lässt sich der nachkapitalistische Planungs- und Entscheidungsprozess reduzieren.


    Womit wir es hier zu tun haben, lässt sich (cum grano salis) an einem neuen Forschungsbericht der IAB studieren, der die Folgen einer teilweisen Umstellung des Autoverkehrs auf E-Fahrzeuge analysiert. Dieser IAB-Bericht kann uns als grobes Modell dienen für eine Gesellschaft, die den Verbrennungsmotor abschaffen und durch E-Motorik ersetzen will - allerdings mit folgender grundsätzlicher Einschränkung: Was in dem IAB-Bericht als Schätzung oder als Prognose enthalten ist, wäre zu ersetzen durch bewusste und gemeinschaftliche Zielsetzung und Planung.

    Sorry, dass Wirtschaftsplanung nicht einfacher zu haben ist!

    http://doku.iab.de/forschungsbericht/2018/fb0818.pdf


    „Gemeinschaftliche Produktion vorausgesetzt, bleibt die Zeitbestimmung natürlich wesentlich. Je weniger Zeit die Gesellschaft bedarf, um Weizen, Vieh etc. zu produzieren, desto mehr Zeit gewinnt sie zu anderer Produktion, materieller oder geistiger. Wie bei einem einzelnen Individuum, hängt die Allseitigkeit ihrer Entwicklung, ihres Genusses und ihrer Tätigkeit von Zeitersparnis ab. Ökonomie der Zeit, darein löst sich schließlich alle Ökonomie auf.

    Ebenso muss die Gesellschaft ihre Zeit zweckmäßig einteilen, um eine ihren Gesamtbedürfnissen gemäße Produktion zu erzielen; wie jeder Einzelne seine Zeit richtig einteilen muss, um sich Kenntnisse in angemessenen Proportionen zu erwerben oder um den verschiedenen Anforderungen an seine Tätigkeit Genüge zu leisten. Ökonomie der Zeit, sowohl wie planmäßige Verteilung der Arbeitszeit auf die verschiedenen Zweige der Produktion, bleibt also erstes ökonomisches Gesetz auf Grundlage der gemeinschaftlichen Produktion. Es wird sogar in viel höherem Grade Gesetz.“ K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 89.



    Siehe auch:

    Eine hochentwickelte kapitalistische Produktionsweise als Voraussetzung für den Sozialismus?


    Was macht der Kommunismus mit Mehrarbeit und Mehrprodukt?


    Kommunismus und Bio


    Zum Ökosozialismus


    Kommune Bochum. Mein Modell einer solidarischen und bedarfsgerechten Planwirtschaft


    Rechnungswesen einer kommunistische Ökonomie (Update)


    Kommunistisches Rechnungswesen 2): Umweltcontrolling und Ökounternehmensbilanzen


    Kommunistisches Rechnungswesen 3) Ökologischer Rucksack und MIPS-Maßzahl

    Hallo Uwe,

    Der Ausstoß der Landwirtschaft von Kohlendoxid ist komplexer als der der Industrie. Die Emissionen der kapitalistischen Industrie verbleiben fast vollständig in der Natur. In der Landwirtschaft wird teils Kohlendioxid emittiert, teils auch wieder abgebaut oder gebunden. Außerdem gibt es in der Welt noch Regionen, in denen die Landwirtschaft nichtkapitalistisch (als Subsistenz) betrieben wird. Die Emissionen der Landwirtschaft können wir nicht insgesamt dem Kapitalismus anlasten. Es gibt jedoch so gut wie keine nichtkapitalistische Industrie.


    Der Text auf Telepolis steht hier.


    Gruß Wal

    Antworten auf Telepolis zu diesem Post:


    Ein P. Frei meinte (auf Telepolis) dazu:

    Haben Sie schon mal versucht herauszukriegen woher die dargestellten Zahlen kommen? Und was damit bezweckt wird?

    Wer Klimawandel und Umweltschutz trennt - ist leider weltweit Staatsdoktrin- hat das Problem nicht verstanden. Die Wirtschaft und der individuelle Verbrauch (Energie, Fläche, Natur - soweit nicht naturnah bewirtschaftet) muss drastisch schrumpfen. Da ist es mit 60% Strom aus Windktraftwerken in Deutschland nicht getan. Die Losung heißt Verzicht und durchschnittliches Verbrauchsniveau der 1930er Jahre. Alles andere ist Augenwischerei.

    Damit wäre der Kapitalismus tot. Es geht um die Umwandlung der kapitalistischen Strukturen in feudalistische Strukturen. Damit wird das Ressourcenproblem in Griff bekommen.


    Meine Antwort (auf Telepolis) dazu:

    „Damit wäre der Kapitalismus tot. Es geht um die Umwandlung der kapitalistischen Strukturen in feudalistische Strukturen. Damit wird das Ressourcenproblem in Griff bekommen.“

    Und dass soll ausgerechnet durch Staatshandeln erreicht werden??

    Das wäre so, als würde König Ludwig höchstpersönlich alle "feudalistische Strukturen" beseitigen.


    Ein Bitschnipser meinte (auf Telepolis) dazu:

    „Laut Marx hat der Kapitalismus ja auch naturgesetzlich die Unterdrückung der Arbeiter zur Folge. Dass die Arbeitgeber eben auch intelligente Menschen waren und in der Lage, Gewerkschaften, Streikrecht und anständige Bedingungen zuzugestehen, weil sie lieber das als Revolution hatten - Marx war halt ein besserer Volkswirtschaftler als Politologe. ...

    Aber, und das hätte Marx nie und nimmer geglaubt: ein Großteil der Forderungen wurde danach von den Regierenden umgesetzt. Die hatten gewonnen, wussten aber, dass es weiter Unruhen gibt. Die Arbeitszeit wurde beispielsweise drastisch gekürzt, und zwar bei unverändertem Lohn....“


    Meine Antwort (auf Telepolis) dazu:

    Danke für deinen Nachhilfekurs in politischer Geschichte. Meinst du, ich würde die Geschichte des Kapitalismus nicht kennen?

    Du meinst:

    „Dass die Arbeitgeber eben auch intelligente Menschen waren und in der Lage, Gewerkschaften, Streikrecht und anständige Bedingungen zuzugestehen, weil sie lieber das als Revolution hatten.“

    Es war genau umgekehrt: Nicht die Kapitalisten waren die intelligenten Menschen, die Kapitalisten hatten sich mit Händen und Füßen (einschließlich Faschismus) gegen jede humane Änderung des Kapitalismus zur Wehr gesetzt.

    Die intelligenten Menschen waren die Lohnabhängigen, weil sie sich auf konkrete Verbesserungen eingelassen haben, und für diese Verbesserungen ihrer Lebensverhältnisse auf den (noch unausgegorenen) Revolutionsaufruf der linken Radikalen verzichteten.

    Nur: Aus dieser für den Kapitalismus halbwegs erfolgreichen Vergangenheit kann niemand Optimismus für die Zukunft schöpfen.

    Der Kapitalismus hat die Lohnarbeit (bisher) erfolgreich gezähmt. Die Natur lässt sich nicht zähmen. Mit der Natur können die Kapitalisten keine Kuhhändel betreiben. Die Natur kennt keine Kompromisse. Die Natur ist ein unnachgiebigerer "Gegner" für das Kapital als die (bisherige) Arbeiterbewegung.


    Wal Buchenberg

    Sortiert nach Wirtschaftssektoren:


    Der Economist schreibt dazu: „The Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) estimates that, between 2016 und 2035, the annual cost of keeping the rise in temperature to 1,5 % would be about 2,4 Billionen Dollar, or roughly 2,5 % of world GDP.“ (Economist, 1.12.2018)

    Die International Energy Agency rechnet sogar bis zum Jahr 2050 mit jährlichen Kosten von 3,5 Billionen Dollar allein für die weltweite Umstellung auf saubere Energie. (Ebenfalls im Economist, 1.12.2018)


    Ganz egal, wie realistisch diese Zahlen sind: Kapitalismus beruht auf Gesetzmäßigkeiten, die diesem Ziel grundsätzlich im Wege stehen:

    Erstens: Kapital wird nur aktiv, wo Profit winkt. „... die Produktion von Mehrwert (ist) der bestimmende Zweck der kapitalistischen Produktion...“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 243. Steigende Kosten ohne gleichzeitig steigenden Gewinn verbietet die Kapitalanwendung.

    Zweitens: Kapital muss akkumulieren. „Alle Methoden zur Produktion des Mehrwerts sind zugleich Methoden der Akkumulation...“ Kapital I. MEW 23, 675. Jeder Produktionsrückgang, das heißt also negative Wachstumsraten stürzen den Kapitalismus in die Krise.


    Jede neue Naturkatastrophe, ob Dürre oder Hochwasser, ob Sturm oder Insektensterben zerstört ebenso wie jede neue Wirtschaftskrise die sozialdemokratische Illusion, dass Staatshandeln die Zerstörungskräfte des Kapitalismus aufhalten oder gar heilen könne.

    Eine Wirtschaft, deren hauptsächlicher Zweck es ist, Wert zu produzieren und Reichtum für Wenige zu schaffen, ist notwendig desinteressiert bis rücksichtslos gegenüber Mensch und Natur. Daher wird sich eine nachkapitalistische Menschheit gut überlegen müssen, was sie von der ererbten Technologie noch nutzen will oder nutzen kann. Heute schon ist die große Mehrheit gegen Atomtechnologie, Plastik und (Braun)Kohle. Diese Negativliste wird sehr viel länger werden.


    Wal Buchenberg, 3.12.2018


    Für Leute mit genügend freier Zeit: Mehr Daten und Grafiken stehen im "Emissions Gap Report 2018" der Vereinten Nationen.


    Sieh auch:

    Zum Ökosozialismus

    „Finanzialisierung“ ist wie „Neoliberalismus“ ein beliebtes Schlagwort unter Linken und alternativen Ökonomen. Dieses Schlagwort beherrscht linke akademischen Konferenzen und linke Kreise als ein Begriff, der angeblich Krisen erklärt, als auch als Ursachenbestimmung für die zunehmende soziale Ungleichheit in den entwickelten kapitalistischen Volkswirtschaften, insbesondere der letzten 40 Jahre. Die jüngste Manifestation dieser Finanzialisierungshypothese stammt von Grace Blakeley, einer britischen linken Ökonomin, die in Großbritannien ein aufstrebender Medienstar zu werden scheint. In einer kürzlich erschienenen Arbeit präsentierte sie alle Grundsätze der Finanzialisierungstheorie.


    Was bedeutet der Begriff "Finanzialisierung" und trägt er zu einem besseren Verständnis der Widersprüche des modernen Kapitalismus bei? Führt uns dieser Begriff zur richtigen Politik mit der wir die Verhältnisse ändern können? Ich glaube nicht. Ich glaube das deshalb nicht, weil der Begriff „Finanzialisierung“ entweder so weich und überdehnt ist, dass er wenig zusätzliche Einsichten bietet oder dieser Begriff ist so eng und spezifisch, dass er sowohl theoretisch als auch empirisch falsch wird.


    Die weite Definition, die hauptsächlich von der „Financialization School“ verwendet wird, wurde zuerst von Gerald Epstein angeboten. Die Definition Epsteins lautet: "Finanzialisierung bedeutet die zunehmende Rolle von finanziellen Motiven, von Finanzmärkten, Finanzakteuren und Finanzinstitutionen beim Betrieb der nationalen und internationalen Volkswirtschaften."

    Man sieht, das sagt uns wenig mehr als das Offensichtliche, das allen bei der Entwicklung des modernen, reifen Kapitalismus im 20. Jahrhundert in die Augen springt.


    Aber Epstein sagt weiter: „Manche Autoren verwenden den Begriff Finanzialisation, um den Aufstieg des Shareholder Value als Methode der Unternehmensführung zu bezeichnen. Einige verwenden den Begriff, um auf die wachsende Dominanz der Kapitalmarktfinanzsysteme gegenüber bankbasierten Finanzsystemen hinzuweisen. Einige folgen Hilferdings „Finanzkapital“ und verwenden den Begriff Finanzialisierung, um die zunehmende politische und wirtschaftliche Macht einer bestimmten Klassengruppe zu bezeichnen: die Rentiersklasse. Für andere bedeutet Finanzialisierung die Ausweitung des Kapitalhandels mit der Vielzahl neuer Finanzinstrumente. Schließlich bezieht sich der Begriff bei Krippner auf ein ‚Akkumulationsmuster, bei dem die Gewinnung von Profit zunehmend über Finanzkanäle statt durch Handel und Warenproduktion erfolgt‘".


    Der Begriff „Finanzialisierung“ mit diesen Bestimmungen führt uns in neue Bereiche, insbesondere der Ansatz von Krippner. Die Krippner-Definition führt uns über die Akkumulationstheorie von Marx hinaus in ein Gebiet, in dem der kapitalistische Gewinn aus anderen Quellen als aus der Ausbeutung von Arbeitskraft kommt. Das Finanzkapital ist der neue und vorherrschende Ausbeuter, nicht das Kapital an sich. Somit ist jetzt das Finanzkapital der wirkliche Feind aller Antikapitalisten, nicht der Kapitalismus als solcher. Weiter folgt angeblich daraus: Die Instabilität und spekulative Natur des Finanzkapitals sei die eigentliche Ursache für die kapitalistischen Krisen, nicht ein Rückgang der Rentabilität der Produktion von Waren und Dienstleistungen, wie Marx mit dem Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate argumentierte.


    Wie es Stavros Mavroudeas in seinem ausgezeichneten neuen Artikel formuliert , wird mit der These der Finanzialisierung davon ausgegangen , dass "Geldkapital völlig unabhängig von produktivem Kapital ist ..., und dass es die übrigen Kapitalanteile aufgrund seiner Privilegien umformt. “ Und wenn „finanzielle Gewinne keine Anteile des Mehrwerts sind, dann… ist die Theorie des Mehrwerts mindestens marginalisiert. Folglich verliert die Auspressung von Mehrwert (das Hauptunterscheidungsmerkmal der marxistischen Wirtschaftsanalyse gegenüber Neoklassik und Keynesianismus) ihre zentrale Bedeutung .... “


    Wie Mavroudeas sagt, ist Finanzialisierung tatsächlich ein postkeynianistisches Thema „basierend auf einer von Keynes geerbten Klassentheorie, die das Kapital in zwei getrennten Klassen aufspaltet: Industriekapitalisten und Finanzkapitalisten.“ Die Postkeynesianer sind scheinbar ‚radikale‘ Anhänger von Keynes in der Tradition der Keynes-Marxisten Joan Robinson und Michel Kalecki, die die auf der Ausbeutung der Lohnarbeit beruhende Werttheorie von Marx ablehnten und ebenso das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate. Stattdessen vertreten sie eine Verteilungstheorie: kapitalistische Krisen sind entweder das Ergebnis von zu niedrigen Löhnen (lohnbestimmt) oder von zu niedrigen Gewinnen (gewinnbestimmt). Krisen in der neoliberalen Epoche seit den achtziger Jahren seien „lohnbestimmt“ gewesen. Die erhöhte ("exzessive") Verschuldung sei ein Ausgleichsmechanismus für ein zu niedriges Lohnniveau gewesen. Das führte dann den Finanzcrash herbei. Die sinkende Profitabilität des industriellen Kapitals hätte mit der Krise nichts zu tun gehabt.


    Nach Mavroudeas lautet die These vom Finanzkapitalismus: „Das Aufkommen des Neoliberalismus in den 1980er Jahren hat den Kapitalismus radikal verändert. Die Liberalisierung und insbesondere die Liberalisierung des Finanzsektors führten zur Finanzialisierung, womit die Finanzmärkte gleichzeitig dereguliert und globalisiert wurden. Dies führte zu einem enormen Anstieg der finanziellen Hebel und der Finanzgewinne, jedoch auf Kosten einer zunehmenden Instabilität. Dies hat zu der Krise von 2008 geführt, die eine reine Finanzkrise war.“


    Diese Verknüpfung von Schulden mit der postkeynesianischen Verteilungstheorie folgt aus den Theorien von Hyman Minsky, ein radikaler keynesianischer Ökonom der achtziger Jahre. Dieser führte aus, dass der Finanzsektor von Natur aus instabil sei, denn „das Finanzwesen, das für die kapitalistische Energie und Vitalität notwendig ist, überträgt unternehmerischen Tatendrang in effektive Nachfrageinvestitionen. Das birgt das Potenzial für eine exzessive Expansion, angetrieben von einem Investitionsboom.“ Der moderne Anhänger von Minsky, Steve Keen, formuliert es so: „Kapitalismus ist von Natur aus fehlerbehaftet, neigt zu Boom, Rezession und Krisen. Diese Instabilität ist meiner Ansicht nach auf inhärente Eigenschaften des Finanzsystems zurückzuführen, das sich an den entwickelten Kapitalismus anpassen musste.“

    Auch Blakeley folgt damit genau der Minsky-Kalecki-Analyse und präsentiert diese Theorie als „Verbesserung“ oder als „Aktualisierung“ von Marx.


    Viele Vertreter der Financialization-School argumentieren weiter, dass die Finanzialisation eine neue Gewinnquelle, eine zweite Ausbeutung, geschaffen habe, die nicht auf die Ausbeutung von Lohnarbeit, sondern darauf zurückzuführen ist, dass den Lohnabhängigen wie den industriellen Kapitalisten durch Provisionen, Gebühren und Zinsen Geld entzogen wird ('Wucher').

    Ich habe in vielen meiner Beiträgen ausgeführt , dass dies den Ansichten von Marx klar widerspricht.


    Postkeynesianische Autoren und Befürworter der Finanzialisierungstheorie wie J.W. Mason stützen sich auch auf die Arbeiten von Mainstream-Ökonomen wie Mian und Siaf, um ihre Vorstellung zu unterstützen, dass moderne kapitalistische Krisen die Folge zunehmender Ungleichheit seien, dass die private Überschuldung zu finanzieller Instabilität führten und dass das alles nichts mit einem chronischen Rückgang der Profitabilität von produktiven Investitionen in der kapitalistischen Kernzone zu tun habe. Mian und Sufi veröffentlichten ein Buch namens „House of Debt“, das vom "offiziellen" Vertreter des Keynianismus, Larry Summers, als das beste Buch dieses Jahrhunderts bezeichnet wird! In diesem Buch behaupten die Autoren: „Krisen sind nicht unvermeidlich - sie sind keine geheimnisvollen Naturgewalten, die wir akzeptieren müssen. Stattdessen sind Krisen das Produkt eines Finanzsystems, das zu sehr die Verschuldung der privaten Haushalte fördert“.


    Aus meiner Sicht ist „Finanzialisierung“ eine Hypothese, die nur Oberflächenphänomene des letzten Finanzcrashs betrachtet und zu dem Schluss kommt, dass die Große Krise von 2008 das Ergebnis finanzieller Exzesse von unregulierten Banken oder einer "Finanzpanik" war. Marx erkannte durchaus die wichtige Rolle von Kredit- und Finanzspekulationen. Exzessive Finanzspekulationen sind in seiner Theorie jedoch eine notwendige Gegenreaktion auf eine sinkende Profitrate des industriellen Kapitals. Kredite sind im Kapitalismus immer notwendig, um die Abläufe des Handels zu beschleunigen. Doch immer wenn die Erträge aus der Ausbeutung der Lohnarbeit zu sinken beginnen, werden vergebene Kredite zu Schulden, die nicht zurückgezahlt oder bedient werden können. Diesen Vorgang kann die Financialization School nicht erklären: Wieso und wann entwickeln sich Kredite in eine exzessive Verschuldung?


    UNCTAD ist eine UN-Forschungsagentur, die sich auf Handels- und Investitionstrends spezialisiert. Sie veröffentlichte einen Bericht über den Prozess, durch den sich produktive Investitionen in finanziellen Vermögenswerten verwandeln. Der Bericht wurde von führenden postkeynesianischen Ökonomen geschrieben. Darin stellten sie fest, dass Unternehmen einen wachsenden Teil ihrer Gewinne für den Kauf von Aktien oder für die Zahlung von Dividenden an die Anteilseigner verwendeten, sodass weniger Geld für produktive Investitionen zur Verfügung standen. Aber diese Tatsache erklärt noch nicht, warum dieser Prozess ausgerechnet in den 80er Jahren begann.


    In der aktuellen Ausgabe des Real World Economics Review, ein Online-Journal, das vom Postkeynesianismus und der "Finanzialisation-Lehre" dominiert wird, erklärt John Bolder den Zusammenhang zwischen "produktiver und finanzieller Verwendung von Krediten" so: "Bis Anfang der 80er Jahre wurden Kredite hauptsächlich zur Finanzierung der Produktion von Gütern und Dienstleistungen verwendet. Das Kreditwachstum von 1945 bis 1980 war eng mit wachsenden Einkommen verknüpft. Die erzielten Mehreinkommen wurden dann dazu verwendet, Schulden abzuschreiben und letztendlich zu tilgen. Dies ist eine gesunde Verwendung von Schulden; es erhöht die Einkommen und führt nicht zu Instabilitäten im Finanzsektor.“ Aber seit den 1980er Jahren verlagerte sich, „die Kreditnutzung auf Wertpapier-Transaktionen (Immobilien, Aktien. Anleihen usw.). Diese Verlagerung wurde auch befördert durch rekordhohe, zweistellige Zinssätze zu Beginn der achtziger Jahre und die im Vergleich zu den damit verbunden Risiken zu geringen Renditen beim industriellen Kapital.“


    Diese Entwicklung kann man als „Finanzialisation“ bezeichnen. Dabei dürfen wir jedoch nicht vergessen, dass Bolder zugesteht, dass der Fall der Profitrate des industriellen Kapitals („zu geringe Renditen beim industriellen Kapital“) verbunden mit steigenden Zinsen zu diesen Veränderungen führte, die Marx „Investitionen in fiktives Kapital“ nannte. Daraus folgt jedoch keineswegs, dass das Finanzkapital jetzt der alles entscheidende Faktor für Krisen oder Rezessionen ist. Und es bedeutet auch keineswegs, dass die Große Krise von 2008 nur eine Finanzkrise oder nur ein "Minsky-Moment" war (um auf die Behauptung von Hyman Minsky zu verweisen, dass Krisen allein durch "finanzielle Instabilität" entstünden). In Krisen entsteht immer auch Geldpanik oder ein Finanzkollaps, weil der Kapitalismus eine Geldwirtschaft ist. Aber Geldpanik und Finanzkollaps sind nur Symptome für die tiefer liegende Ursache der Krise, vor allem der Rückgang der Profitproduktion!


    Guglielmo Carchedi sagt in seinem ausgezeichneten, aber oft ignorierten „Behind the Crisis“: „Der grundlegende Punkt ist, dass Finanzkrisen durch die schrumpfende produktive Basis der Wirtschaft verursacht werden. Dadurch wird irgendwann ein Punkt erreicht, an dem es zu einer plötzlichen und massiven Deflation in den Finanz- und Spekulationssektoren kommen muss. Auch wenn es so aussieht, als ob die Krise in diesen Finanzsektoren ausgelöst worden sei, liegt die eigentliche Ursache in der Produktionssphäre und einer sinkenden Profitrate in dieser Sphäre.“


    Im Gegensatz zu den Behauptungen der Financialization-School gibt es für ihre Theorie keinen empirischen Beleg. So behaupten Mian und Sufi, dass die Große Krise von 2008 unmittelbar durch einen vorgehenden Konsumeinbruch verursacht worden sei. Das ist die traditionelle keynesianische Sicht. Die Große Rezession von 2008 und die darauffolgenden einer nur schwachen wirtschaftlichen Erholung waren jedoch nicht das Ergebnis eines Konsumrückgangs, sondern das Resultat eines Rückgangs der Unternehmensinvestitionen (siehe meinen Beitrag https://thenextrecession.wordp…nvestment-not-consumption) / ).


    Vor kurzem hat auch Ben Bernanke, der frühere Chef der US-Notenbank während des großen Kreditbooms der frühen 2000er Jahre, seine Version der "Finanzialisierung" als Krisenursache wiederbelebt. Krisen sind für ihn das Ergebnis von „Finanzpanik“. Das heißt die Menschen verlieren den Kopf und verkaufen in Panik ihre Wertpapiere auf eine völlig unvorhersehbare Weise: „Obwohl die Panik als Ergebnis verschiedener struktureller und psychologischer Faktoren sicherlich kein von außen ausgelöstes Ereignis war, waren ihr Zeitpunkt und ihre Stärke weitgehend unvorhersehbar“ . In seinem Rückblick betrachtet Bernanke empirisch mögliche Zusammenhänge zwischen "finanziellen Variablen" wie Kreditkosten und "realer wirtschaftlicher Aktivität" und schließt daraus: „Der empirische Teil dieses Papiers hat gezeigt, dass die Finanzpanik von 2007-2009, einschließlich der Vorgänge bei der Finanzierung von Großkunden und dem Rückzug aus verbrieften Krediten, die Realwirtschaft sehr stark störte und das war wahrscheinlich der Hauptgrund für die ungewöhnliche Schwere der Krise."

    Wenn wir jedoch uns die von ihm vorgelegten Beweise ansehen, muss Bernanke jedoch zugeben, dass „mit den vorgeliegenden Bilanzdaten (z. B. Änderungen im Verschuldungsgrad usw.) die wirkliche Wirtschaftsentwicklung nicht gut prognostiziert werden konnte.“ Seine Schlussfolgerungen stützen sich also nicht auf seinen eigenen empirischen Ergebnisse . "Es mag sein, dass sich sowohl die Haushalts- als auch die Bankbilanzen zu langsam und zu ungestört entwickelten, als dass wir daraus die Auswirkungen bei der in diesem Beitrag vorgestellten Analyse zu erkennen können."


    Es gibt jedoch zahlreiche Belege für die marxistische Ansicht, dass erst die Profitraten und Profitmassen in den produktiven Sektoren einbrechen, was zu einem wirtschaftlichen Einbruch der „Realwirtschaft“ führt. Alle großen kapitalistischen Krisen waren auf einen Rückgang der Profitraten (insbesondere in den produktiven Sektoren) und dann auf einen Gewinneinbruch zurückzuführen. Das Lohnniveau ging weder vor den Krisen von 1870 und 1930 noch vor 2008 zurück. Der Lohneinbruch kam jeweils erst nach Ausbruch der Krise.


    In einem Kapitel unseres neuen Buches „World in Crisis“präsentiert G. Carchedi eine überzeugende empirische Unterstützung für das Marxsche Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate, was die enge Verbindung zwischen dem Finanzsektor und dem produktiven Sektor in kapitalistischen Krisen zeigt. Seit den frühen achtziger Jahren versuchten die Strategen des Kapitalismus, den Rückgang der Profitraten umzukehren. Die Rentabilität des industriellen Kapitals stieg wieder teils durch eine Reihe großer Einbrüche (1980, 1982, 1991, 2001 usw.), teils stieg die Profitrate auch durch sogenannte neoliberale Maßnahmen wie Privatisierungen, die Beschneidung von Gewerkschaftsrechten, Kürzung bei von Staatsausgaben und Renten usw.


    Es gab aber auch noch eine andere Reaktion auf sinkende Profite: die Umlenkung von Kapital in unproduktive Finanzsektoren. „Angesichts der sinkenden Rentabilität im produktiven Bereich verlagert sich das Kapital von einer niedrigen Rentabilität in den produktiven Sektoren hin zu einer hohen Rentabilität in den finanziellen (dh unproduktiven) Sektoren. Aber die Gewinne in diesen Sektoren sind fiktiv. Sie existieren nur in den Rechnungsbüchern. Diese Buchgewinne werden erst dann real, wenn sie wirklich zu Geld gemacht werden. Durch die Umlenkung von Kapital in den Finanzsektor schrumpfen erst recht die Gewinne, die in produktiven Sektoren gemacht werden können. Je mehr das Kapital versucht, höhere Profitraten durch Umstellung auf die unproduktiven Sektoren zu erzielen, desto größer werden die Schwierigkeiten in den produktiven Sektoren. Der Kapitalfluss in die Finanz- und Spekulationssektoren und die höheren Profite in diesen Sektoren - können die Tendenz zum Rückgang der Profitraten in den Produktivsektoren nicht aufhalten."


    Während der gesamten Phase nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein wachsender Anteil des industriellen Profits in die Finanzbereiche geflossen. „Das Wachstum der fiktiven Gewinne verursacht ein explosives Wachstum der globalen Verschuldung durch die Ausgabe von Finanzprodukten (z. B. Anleihen) und auch ein Wachstum der Formen dieser Finanzprodukte. Das führt zu einem Berg von miteinander verflochtenen Schuldtiteln. … .Aber Schulden verlangen Rückzahlung. Wenn der Schuldendienst nicht möglich ist, kommt es zu Finanzkrisen. Die enorme Zunahme der Verschuldung in ihren verschiedenen Formen führt zu Spekulationsblasen und zu Finanzkrisen – die nächste Krise eingeschlossen. So kann der Kapitalfluss in Finanzbereiche die sinkenden Profite des Industriekapitals immer nur vorübergehend ausgleichen. Das Wachstum der Profite durch fiktive Gewinne stößt notwendig an seine Grenzen: dann folgt die nächste Finanzkrise und damit auch der sichtbare und spürbare Einbruch der produktiven Sektoren.


    Carchedi stellt fest: „Finanzkrisen entstehen, wenn aufgelaufene Schulden nicht mehr bedient oder zurückgezahlt werden können. Und das geschieht, wenn das Wachstum sowohl bei finanziellen wie auch bei realen Gewinnen erlahmt.“
    Tatsächlich fielen die Finanzprofite der Nachkriegszeit erstmals in den Krisen von 2000 und 2008 sogar stärker als die Industrieprofite.


    Carchedi schreibt: Es wird gesagt, „dass Finanzkrisen den Wirtschaftskrisen vorausgehen, und dass Erstere die Letzteren bestimmen und umgekehrt. Aber darum geht es gar nicht. Die wichtige Frage ist, ob den Finanzkrisen ein Rückgang der industriellen Wertschöpfung und des volkswirtschaftlichen Mehrwerts vorausgehen. ... Die Rückgang der Profitabilität des Produktionssektors in den Jahren vor der Krise ist daher die gewöhnliche Ursache sowohl der Finanzkrisen als auch anderer Wirtschaftskrisen. Der entscheidente Punkt ist, dass der Rückgang der Profitabilität im Produktionssektor auch die Krisen im Finanzsektor bestimmt.“


    Nach Ablehnung des Marxschen Wertgesetzes und des Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate behauptet die postkeynesianische Finanzialisierungstheorie, dass die (falsche) Verteilung zwischen Gewinn und Lohn, die steigende Ungleichheit und die Verschuldung für eine inhärente Instabilität des Finanzwesens sorgen und damit die kapitalistischen Krisen verursachen. Es ist in der Tat lächerlich, dass diese radikalen Anhänger von Keynes die „Dominanz des Finanzsektors“ als eine neue Form der Kapitalakkumulation oder als neues Stadium der Kapitalakkumulation bezeichnen, wo doch Keynes der Meinung war, dass sich der Kapitalismus schließlich zu einer Freizeitgesellschaft entwickeln werde, und dass die Finanzkapitalisten durch die "Euthanasie des Rentiers" verschwinden würden. Es war allerdings Karl Marx, der den Anstieg des Finanzsektors mit zunehmender Zentralisierung und Konzentration des Kapitals vorhersagte.


    Nur ideologische Gründe können zu einer Ablehnung von sinkender Profitrate und von fallenden Profiten im Industriekapital als tiefere Ursache von kapitalistischen Krisen führen. Diese ideologische Sicht führt dann zu politischen Rezepten, die die kapitalistische Produktionsweise nicht beseitigen. Wer meint, das Finanzkapital sei unser aller Problem und nicht das Kapital als solches, dessen „Lösungen“ werden scheitern.


    Im Buch von Epstein werden verschiedene politische Rezepte gegen die "exzessive Finanzisierung" angeboten. Grabel wünscht sich (in Kapitel 15) „Steuern auf inländische Aktiva und Devisentransaktionen - sogenannte Keynes- und Tobin-Steuern - Mindestreserveanforderungen für Kapitalzuflüsse (sogenannte chilenische Vorschriften), Devisenbeschränkungen und so genannte Trip-wires und Speed-bumps als Frühwarnsysteme kombiniert mit temporären Maßnahmen, um die übermäßigen Zuflüsse und/oder Abflüsse von Kapital zu verlangsamen.“ Pollin ist der Ansicht, dass die Regierungen durch die „Besteuerung der Finanzexzesse und durch angemessene Kanalisierung der Einnahmen dazu beitragen können, öffentliche Dienstleistungen und Investitionen wiederherzustellen, die zu den ersten und schwersten Opfern der Finanzialisierung zählen.“ Dies ist nicht radikaler als die politischen Rezepte von Joseph Stiglitz, der ‚progressive‘ Nobelpreisträger für Wirtschaft, der von sich sagte: „Ich bin kein Linker, sondern ein Mainstream-Ökonom“ .


    Festzuhalten bleibt: Wenn nicht die Finanzialisierung die Krisenursache ist, werden solche Finanzreformen auch nicht dazu beitragen, die zunehmende soziale Ungleichheit oder immer wiederkehrende wirtschaftliche Einbrüche zu stoppen. Die „Finanzialisierungs-Schule“ sollte sich daran erinnern, was eine ihrer Heldinnen, Joan Robinson, einmal sagte: "Eine Regierung, die die Macht und den Willen hätte, die größten Mängel des kapitalistischen Systems zu beseitigen, hätte auch den Willen und die Macht, den Kapitalismus ganz abzuschaffen."


    Übersetzt von Wal Buchenberg. Originaltext in Michaels Blog: https://thenextrecession.wordp…isation-or-profitability/

    Unter "Erfolg einer Gesellschaft" verstehe ich hier, dass sich die Lebensverhältnisse einer großen Zahl von Menschen verbessert haben. "Erfolg" steht hier im Gegensatz zu "Krise", in der sich die Lebensverhältnisse einer großen Anzahl von Menschen verschlechtern.

    Eine allgemeine Verbesserung oder Verschlechterung der Lebensverhältnisse wirkt sich auch auf die Selbstmordraten aus.

    Der Rückgang der Frauensuizide der letzten Jahre in Indien und China können wir der Tatsache zuschreiben, dass in beiden Ländern sich die Lage der Frauen insofern verbessert hat, dass den jüngeren Frauen mehr wirtschaftliche und soziale Optionen offen stehen. Junge Frauen auf dem platten Land haben zunehmend die Möglichkeit aus halbfeudalen Verhältnissen auszubrechen, indem sie in die Städte wandern und dort Lohnarbeit annehmen. Die schlechte Lohnarbeit in der Stadt ist für sie leichter zu ertragen als die halbfeudalen Zwangsverhältnisse in ihrem Heimatdorf.


    In der Zunahme der Zahl von Selbstmorden von weißen Männern in den USA spiegelt sich wieder, dass sie frühere Privilegen verloren haben und ihr Lebensstandard weitgehend stagniert, während andere Bevölkerungsschichten ihre Lage etwas verbessert haben. Im Vergleich mit Frauen und anderen ethnischen Gruppen hat sich die Lage der weißen Männer in den USA verschlechtert.




    (Man beachte: die Anstiege sind besonders steil während der Wirtschaftskrisen in den USA.)


    Gruß Wal

    Neben der allgemeinen Lebenserwartung, der Kindersterblichkeit u.a. ist die Selbstmordrate in einem Land auch ein Gradmesser für einen zunehmenden Erfolg oder für eine wachsende Krise einer Gesellschaft.

    Seit 1997 sind die Selbstmorde weltweit um ein Drittel von rund 15 je 100.000 Einwohner auf 10 pro 100.000 Einwohner zurückgegangen.




    Dieser weltweite Rückgang ist vor allem drei Entwicklungen zu verdanken: Dem erheblichen Rückgang der Selbstmorde von russischen Männern und dem Rückgang der weiblichen Selbstmorde in China und Indien.

    Bemerkenswert ist jedoch, dass die Selbstmordrate im gleichen Zeitraum in den USA angestiegen ist.


    Siehe auch:


    Selbsttötungen



    Suizide von Frauen

    Zum nun vorliegenden Brexit-Vertragsentwurf:

    Was die EU ist und was sie ausmacht, kann exemplarisch an dem nun vorliegenden Brexit-Vertragsentwurf studiert werden.

    Der Vertragstext hat 585 Seiten (= 100 %). Davon betreffen:


    - Grenzverkehr von Arbeitskraft (einschließlich deren Strafverfolgung) = 75 Seiten = 13 %;

    - Grenzverkehr von Waren = 33 Seiten = 6,5 %.

    - Grenzverkehr von Kapital = 57 Seiten = 10 %,

    - Grenzverkehr von Daten = 5 Seiten = 1 %.


    - Kompetenzen und Finanzen der EU-Behörden = 61 Seiten = 10 %.

    - Nordirland u.a. Einzelfragen = 52 Seiten = 9 %.

    - Management des Brexit = 33 Seiten = 5,5 %.

    - Erläuterungen und Kommentare (Vorwort und Anhang) 267 Seiten = 45 %.


    Noch kürzer:

    - Grenzverkehr von Arbeitskraft, Waren und Kapital = 30,5%

    - damit verbundene Bürokratie = 24,5 %

    - Erläuterungen, Kommentare = 45 %


    Wem dieser bürokratische Aufwand übertrieben vorkommt, der sei daran erinnert, dass jedes einzelne EU-Land in der Vergangenheit für sich selbst und seine Staatsgrenzen diesen bürokratischen Aufwand treiben musste. Durch den Gemeinsamen Markt der EU entfallen diese staatlichen Aufwände für die einzelnen Mitgliedsländer. Sie teilen sich nur noch die Kosten für das gemeinsame Grenzregime an den Außengrenzen der EU.

    Die Brexiten wollen aber über "ihre" Grenzen „die Kontrolle zurück“. Viel Spaß dabei!


    Seit 1960 ist der gewerkschaftliche Organisierungsgrad (das heißt, die Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder als Prozentsatz aller Lohnarbeiter) von rund 30 oder 40 Prozent auf 10 bis 15 Prozent zurückgegangen.




    Die Gründe für diesen Rückgang können nicht in einem „Verrat“ einzelner Gewerkschaftsführer liegen, denn überall in der kapitalistischen Kernzone zeigt sich der gleiche Trend.

    Ich denke, die Entwicklungslinien zeigen folgendes:

    Unsere DGB-Gewerkschaften sind keine weltanschaulichen Organisationen, sondern eine Art Versicherung für Lohnabhängige. Gewerkschaften verbessern unsere Situation als Lohnarbeiter. Wie viel sie unsere Lage verbessern, das lässt sich an der folgenden Grafik ablesen:




    In deutschen Unternehmen mit Betriebsrat und mit Tarifbindung liegt der durchschnittliche Monatslohn um 850 Euro höher als in Betrieben, die weder Tarifbindung, noch eine Arbeitervertretung besitzen.

    Das liegt natürlich nicht allein an der Gewerkschaftsarbeit, sondern ebenso sehr an den Strukturen der kapitalistischen Wirtschaft. Dennoch zählt für Gewerkschaftsmitglieder vor allem der messbare Erfolg. Das bedeutet:

    So lange Gewerkschaften erfolgreich sind, und Verbesserungen für die Lohnabhängigen erkämpfen, so lange sind die Mitgliedszahlen hoch oder steigen. Wenn Gewerkschaften kaum Erfolge aufweisen, sinken die Mitgliedszahlen. Gewerkschaftliche Erfolge und Niederlagen folgen jedoch dem kapitalistischen Zyklus von Konjunktur und Krise. Die Entwicklungsschwäche der Gewerkschaften entstammt der Wachstumsschwäche des Kapitalismus in den Metropolen.


    Aber der gewerkschaftliche Organisierungsgrad ist nicht der einzige Gradmesser für den Einfluss von Gewerkschaften. Obwohl in den USA der Organisierungsgrad auf 11% gesunken ist, hat die deutliche Mehrheit der US-Bürger eine positive Meinung über ihre Gewerkschaften.

    In Frankreich liegt der aktuelle gewerkschaftliche Organisierungsgrad bei nur 7 Prozent, und dennoch sind die französischen Gewerkschaften in Machtfaktor in der französischen Innenpolitik.


    Siehe auch:

    Ein verlorenes Jahrzehnt





    Ein Rucksack, der uns viele Jahre auf unseren Pyrenäen-Wanderungen gedient hatte, ist immer noch in Polizeigewahrsam, weil ihn eine Aktivistin im Hambacher Forst trug.

    Das ist der Anlass, unsere verbliebene Wander-, Zelt- und Outdoorausrüstung an die Aktivisten des Hambacher Forstes zu verschenken. Das verleiht Dingen, die wir nicht mehr verwenden können, ein zweites Leben.

    Hier ein aktueller Gesamtüberblick über das Lohnelend des Jahres 2017 in Deutschland.


    Im Grundsatz sind alle Lohnarbeiter gleichermaßen arm, ganz gleich welches aktuelle Lohneinkommen sie gerade beziehen, weil ihr Lebensunterhalt von einem fremden Willen und von fremden Interessen abhängt. Ihre Existenz hängt davon ab, dass ein Kapitalist (oder der Staat) ihre Arbeitskraft kauft und damit ihren Lebensunterhalt zahlt.

    „In dem Begriff des freien Arbeiters liegt schon, dass er ein Armer ist, ein potenzieller und unsichtbarer Armer. Er ist seine ökonomischen Bedingungen nach bloßes lebendiges Arbeitsvermögen, ... Bedürftigkeit nach allen Seiten hin ... Als Arbeiter kann er nur leben, soweit er sein Arbeitsvermögen gegen den Teil des Kapitals austauscht, der den Lohnfonds bildet. Dieser Austausch selbst ist an für ihn zufällige, gegen sein organisches Sein gleichgültige Bedingungen geknüpft. Er ist also potenzieller, unsichtbarer Armer.“ K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 497.




    Mein Kommentar zu einzelnen Grafiken

    1.1.

    Die Lohnarbeiter des Verarbeitenden Gewerbes stellen 19% aller (aktiven) Lohnarbeiter. Zum industriellen Kapital sind aber auch andere Branchen zu zählen.

    Neben dem verarbeitenden Gewerbe die Unternehmensdienstleister, das Baugewerbe, Transport und Logistik, IT und Kommunikation, Bergbau, Energie, Wasser und Abfall. In diesem Industriebereich arbeiten gut 50% der aktiven Lohnarbeiter.

    1.2.

    Der heutige Kapitalismus ist kein Kapitalismus der Konzerne. Nur noch 30 % der Lohnarbeiter in Deutschland arbeiten in Großbetrieben. Durch Aufspaltung, Outsourcen und Kapitalexport sind die Unternehmensgrößen geschrumpft, aber die Flexibilität des Kapitals gestiegen.


    2.1. und 2.2.

    Die Ausbildungsstruktur des Gesamtarbeiters hat sich in Deutschland in den letzten 15 Jahren kaum verändert, obwohl die Studentenzahlen ständig steigen. Im Jahr 2017 arbeiteten 24 Prozent der Lohnarbeiter ohne Berufsausbildung. 58 Prozent arbeiteten in einem Facharbeiterberuf, 13 Prozent in einer Tätigkeit, die Hochschulbildung erfordert. Gerechnet wird hier nur das Tätigkeitsprofil, nicht die persönliche Ausbildung. Wer von der Uni kommt und als Taxifahrer arbeitet, zählt zu den 13 Prozent ungelernter Tätigkeiten. 5 Prozent stellen die Kapitalisten und Geschäftsführer.


    3.1. und 3.2

    Stark zugenommen hat die Teilzeitarbeit. Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten hat sich in den letzten 10 Jahren fast verdoppelt. Die meisten Teilzeitbeschäftigten arbeiten in der Gesundheitsbranche, nicht im Handel. Da werden dann Löhne gezahlt, von denen kein Mensch leben kann. Aber die Leute sind aus der Arbeitslosenstatistik raus.


    3.3. und 3.4.

    Zugenommen haben auch die Minijobber. Hier sticht das Hotel- und Gaststättengewerbe ins Auge. Wie in der Grafik 4.1 zu sehen ist, ist dieses Gewerbe auch Schlusslicht bei der Lohnhöhe. Populistisch gesprochen sind Hoteliers und Gastwirte die schlimmsten Ausbeuter in Deutschland.


    4.1.

    Die Lohnstatistik zeigt, dass sich die Staatsdiener selbst am besten versorgen. Die reale Lohnentwicklung (die Inflationsraten sind hier abgerechnet) ist seit 1997 nur um die Nulllinie geschwankt. Die Löhne in den Großbetrieben sind gerade mal um 1 Prozent gegenüber 1997 gestiegen.

    Siehe dazu: Was ist Lohn?


    5.

    Die Zahlen der Grafik 5 zeigen, dass sich sowohl Betriebsräte wie Tarifverträge bezahlt machen. Allerdings kann man die Daten auch so lesen, dass sich sozialdemokratische Arbeitervertreter zu wenig oder gar nicht um Klein- und Kleinstbetriebe kümmern. Dort gibt es kaum Betriebsräte und Tarifbindung. In diesen Klein- und Kleinstbetrieben ist aber das Lohnelend besonders groß. Die Betreiber der Klein- und Kleinstunternehmen bieten ihren Lohnarbeiter in aller Regel nur eine unsichere und schlecht bezahlte Existenz, kombiniert mit direkter, persönlicher Despotie.


    Quelle aller obigen Daten ist der IAB-Forschungsbericht 6/2018 von Steffen Müller, Eva Dettmann, Daniel Fackler, Georg Neuschäffer, Viktor Slavtchev u. Barbara Schwengler.


    Angemeldete User können den Bericht hier downloaden:

    lohnabhangigkeit2017.pdf


    Wal Buchenberg, 14.11.2018

    Armut in Deutschland wächst. Für einen allein lebenden Erwachsenen liegt die offizielle Armutsgrenze derzeit bei einem Netto-Einkommen von unter 1.000 Euro im Monat. Offiziell gelten rund 13 Millionen Menschen in Deutschland als arm.

    Armut wächst in Deutschland durch Rationalisierung und Export von Arbeitsplätzen ins billigere Ausland. Armut wächst durch steigende Lebenshaltungskosten in den Großstädten. Armut in Deutschland wächst auch durch den Zuzug von Migranten, die ein doppelt so hohes Armutsrisiko haben wie Einheimische.

    Wer unter Armut leidet, leidet nicht nur unter Mangel an Geld. Wer arm ist, leidet zunehmend unter Behördenwillkür, Schikanen und sozialer Ausgrenzung.


    Im letzten Jahr hatten HartzIV-Empfänger fast 640.000 Widersprüche gegen Strafbescheide der Sozialbürokratie eingelegt. In rund 35% der Fälle wurden vom Gericht die schikanösen Strafbescheide kassiert.

    Außerdem wurden Im letzten Jahr über 340.000 Haushalten in Deutschland der Strom abgestellt, weil sie eine Stromrechnung von mehr als 100 Euro schuldig waren. Da spielen sich private Energieversorger als Richter über andere Menschen auf und verhängen wegen vergleichsweise kleiner Geldbeträge Strafen, die tief in unser Alltagsleben eingreifen: Ohne Strom keine warme Wohnung, kein warmes Essen, keine Musik, ohne Strom keine saubere Kleidung.




    Wer arm ist, ernährt sich zwangsläufig ungesund, lebt unfreiwillig ungesünder, ist häufiger krank und stirbt früher.

    Arme Frauen sterben acht Jahr früher, arme Männer sterben fast elf Jahre früher als normale Lohnempfänger. Wer arm ist, kommt häufiger mit dem Gesetz in Konflikt und landet häufiger im Gefängnis.







    Karl Marx über Armut

    Jedes Jahr stellen Leipziger Wissenschaftler an eine repräsentative Stichprobe dieselben Fragen. Die Ergebnisse von 2018 füllen bei ihnen 328 Seiten. Hier sind sie auf einer Seite im Schaubild komprimiert:





    Rechtsextreme Einstellungen sind bei Männer höher als bei Frauen, im Osten etwas häufiger als im Westen, bei Älteren häufiger als bei Jüngeren, bei Arbeitslosen rund fast doppelt so häufig wie bei Arbeitenden.


    Befragte mit rechtsextremer Einstellung 2018 nach Erwerbstätigkeit

    Schüler/Studenten

    mit Job

    ohne Job

    Rentner

    3,7 %

    5,5 %

    9,6 %

    7 %


    Der Anteil der Befragten mit rechtsextremer Einstellung ist von knapp 10 % im Jahr 2002 auf 6 % im Jahr 2018 zurückgegangen.


    Quelle: https://www.boell.de/de/2018/1…rgebnisse-langzeitverlauf

    Hallo Tim,

    ich denke, man kann dir über die Schwierigkeiten, die dieses Kapitel macht, hinweg helfen.


    Ich schlage vor, du nimmst dir erst einmal meine kommentierte Kurzfassung dieses Abschnitts vor.

    Hier:


    https://marx-forum.de/das_kapital/kapital_1/1.062.html“ Kapital I, S. 62ff


    https://marx-forum.de/das_kapital/kapital_1/1.064.html“ Kapital I, S. 64ff


    https://marx-forum.de/das_kapital/kapital_1/1.077.html“ Kapital I, S. 77ff


    https://marx-forum.de/das_kapital/kapital_1/1.099.html“ Kapital I, S. 99ff


    Vielleicht hilft dir dieser von mir verkürzte und kommentierte Text schon über den Berg.

    Ansonsten fragst und bohrst du hier weiter nach.


    Gruß Wal

    Von verschiedener Seite wurde mir vorgeworfen, ich würde „unkritisch“ die Daten der bürgerlichen Statistik übernehmen.

    Diese Kritik trifft mich nicht.

    Mir geht es meist um eine Bestimmung von Trends oder um Ländervergleiche. Ein ökonomischer Trend lässt sich auch bestimmen, wenn eine Berechnung nicht exakt/korrekt vorgenommen wird, aber über einen längeren Zeitraum (oder im Vergleich mit anderen Ländern) konsistent/unverändert bleibt.


    Der von mir geschätzte marxistische politische Ökonom Michael Roberts hat nun in seinem Blog drei verschiedene Methoden vorgestellt, wie die US-Profitrate mittels der Marxschen  „Werkzeuge“  berechnet werden kann oder berechnet wird.

    Wer wissenschaftlichen Ehrgeiz hat, der kann sich an Michael Roberts orientieren.



    Meine Schlussfolgerung zu dem Thema heißt:

    Die jeweiligen Methoden machen keinen großen Unterschied. Alle Berechnungsmethoden zeigen ein langfristiges Sinken der US-Profitrate.

    Ich glaube außerdem, je mehr wir an den offiziellen, also bekannten Zahlen herumrechnen und abändern, desto mehr verlieren diese Daten an Durchsichtigkeit und Überzeugungskraft für alle Nichtmarxisten.


    Siehe auch:


    Kapitalkritik mithilfe bürgerlicher Statistik?



    Fall der Profitrate



    Probleme mit/bei dem tendenziellen Fall der Profitrate



    Wie berechnete Karl Marx die Profitrate und wie rechnet Peter Nowak?



    Firmenpleiten und Fall der Profitrate

    Brasiliens Kluft zwischen Arm und Reich zählt zu den größten der Welt. Die Hälfte der brasilianischen Bevölkerung muss mit einem Monatseinkommen von 130 Euro pro Kopf auskommen.

    Der sozialdemokratische Präsident Lula da Silva hatte mit seiner Sozialpolitik die Not der Armen spürbar verringert. Seine Regierung erwies sich jedoch hilflos angesichts der globalen Krise von 2008. Nach einer kurzen Erholung sank das Wirtschaftswachstum wieder. Seine Nachfolgerin Rousseff war in dieser Situation noch ratloser und hilfloser als er. „Korruption!“ ist der allgemeine Vorwurf, wenn eine herrschende Klasse ungeliebte oder unfähige Politiker schnell loswerden will. Dass Bolsonaro als Kandidat der Mittel- und Oberschicht gewählt worden ist, lag vor allem an der allgemeinen Enttäuschung über die Hilflosigkeit der sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Folge der Großen Krise von 2008.




    Der neue Präsident Bolsonaro trägt die Hoffnung, dass es mit der brasilianischen Wirtschaft wieder aufwärts und mit den gestiegenen Arbeitslosenzahlen von gegenwärtig 12 Prozent wieder abwärts gehen soll. Bolsonaro besitzt aber kaum politische und noch weniger wirtschaftliche Erfahrung und er muss mit einem zersplitterten Parlament regieren, in dem 30 konkurrierende Parteien vertreten sind. Das wird fast zwangsläufig zu einem autoritären Regierungsstil führen.

    Die anwachsenden Probleme überfordert zunehmend unsere politische Elite. Die anwachsenden Probleme werden auch alle Fallschirmjäger in Brasilien (Bolsonaro), in Deutschland (F. Merz) und anderswo überfordern.

    Damit bricht auch der allgemeine Konsens überall weg.

    Diesen verlogenen Konsens haben uns die Staatseliten vorgespielt, und bis hinein in alle Parteien und Bewegungen wurde nicht Inhalt, sondern Konsens zum allein erfolgreichen Musterverhalten. Was kommt, ist eine streitbare Gesellschaft, eine streitbare Zeit.

    Unsere 68er Generation kannte nur Streit, Streit, Streit. Dann kam in den 1980er die grüne Kuschelgeneration. Bloß Streit oder bloß Kuscheln war aber zuwenig.

    Die Kommentare von Links zu den Wahlergebnissen in Bayern und Hessen schwanken zwischen dem hohlen „Wahlen ändern nichts!“ und der 1001. Verabschiedung von der EsPeDe – Enttäuschung und Trauer vermischt mit Häme. Mit gleichem Recht können wir uns auch gleich von der Linkspartei verabschieden.

    Wahlen, in denen die großen Parteien 20 Prozentpunkte Wählerstimmen verlieren, ändern tatsächlich viel. Sie bringen die Selbstgewissheit unserer Politikvertreter zum Einsturz, dass sie gleichermaßen für das Wohl des Kapitals wie für die Interessen ihrer Stammwähler tätig sind. Das demokratische Versprechen, „Wohlstand für alle!“ stößt an seine Grenzen.

    Gleichzeitig brechen auch von Außen alle Stabilitätsanker weg: Die US-Macht lässt sich für europäische Kapitalinteressen nicht mehr instrumentalisieren. Die EU-Staaten lassen sich nicht mehr in den Zwangskonsens einbinden. Die ehemals „Dritte Welt“ macht sich zu Fuß und per Containerschiff auf den Weg nach „Old Europe“.

    Hinzu kommen die klimatischen und ökologischen Katastrophen, die ebenfalls die "Regierungsarbeit" nicht leichter machen. Das alles ist kein Weltuntergang, aber eine Epochenwende.



    Das sind Daten für die USA.

    Verstehen tu ich das nicht. Wer mit Mathe und Chemie zurechtkommt, warum scheuen sie dann Physik - weil die Berufsperspektive für PhysikerInnen dünn ist?

    (Ich fand Chemie langweilig, aber Physik spannend.)


    Und was ist nach 1985 mit all den Programmiererinnen passiert?


    Deutsche Daten über den Frauenanteil in MINT-Fächern findest du HIER

    Die britischen Brexitbefürworter tragen auf ihrem Banner die Losung: „Wir wollen unsere Grenzen kontrollieren!“ Die Kontrolle ihrer Grenzen bekommen sie tatsächlich zurück, aber zu einem hohen Preis.

    Zusätzliche Grenzen machen auch zusätzliche Kosten. Sie machen zusätzliche Kosten in Geld und sie machen zusätzliche Kosten in Arbeitszeit, selbst wenn an der Grenze kein einziger Cent Zollgebühren auf passierende Waren erhoben wird. Das zeigen die folgenden Zahlen:


    Jeden Werktag fahren 11.000 mit Waren beladene LKWs von und nach Großbritannien über Calais. Derzeit werden diese LKWs nur zwei Minuten lang kontrolliert – im wesentlichen deshalb, um versteckte Flüchtlinge zu finden. Falls Großbritannien nicht mehr zur europäischen Zollunion gehört, müsste die Ladung jedes einzelnen LKWs kontrolliert werden, um Schmuggelgüter zu konfiszieren und fällige Exportgebühren zu erheben. Würde die jetzige Abfertigungszeit dieser LKWs nur um zwei Minuten verlängert, dann würden sich auf beiden Seiten des Kanals tägliche Staus von 17 km Länge bilden. Es ist damit zu rechnen, dass zum Beispiel Salate und andere frische Lebensmittel oder Medikamente nicht mehr rechtzeitig ausgeliefert werden können. Vor allem im Winter kommen 95 Prozent des von Briten verzehrten Salates aus Spanien und den Niederlanden.


    Neben dem Verkehr auf der Straße werden jährlich noch knapp 500.000 Tonnen Fracht per Flugzeug und gut 150 Millionen Passagiere zwischen Großbritannien und dem Festland transportiert. Die Abfertigungszeit dieser Flüge wird sich zwangsläufig verlängern und verteuern.


    Die jetzige, europaweite Zollunion erspart jedem der beteiligten Staaten rund 10.000 Beamtenstellen für Zoll, Grenzkontrollen, Finanzämter, Visa und Führerscheine etc. Rechnet man eine Beamtenstelle nur mit 100.000 Euro pro Jahr, dann erspart die EU den Einzelstaaten 1 Milliarde jährlich an Personalkosten.


    Alle Dokumente, die beim Grenzübertritt von staatlicher Seite kontrolliert und geprüft werden, müssen vorher in den exportierenden und importierenden Unternehmen angelegt und ausgefüllt werden. Unterstellen wir, dass das Ausfüllen dieser neuen Dokumente rund dreimal so viel Zeit kostet wie ihre Überprüfung, dann benötigen die Unternehmen in Europa durch die neue Grenze eine zusätzliche Arbeitszeit von drei mal 100.000 Arbeitskräften. Rechnen wir für jede dieser zusätzlichen Stellen Arbeitskosten von 75.000 Euro, dann ergeben das zusätzliche Kosten von 2,25 Mrd. Euro auf Seiten der Unternehmen.


    Mein Resümee:

    Jede zusätzliche Grenze kostet zusätzliches Geld und zusätzliche Arbeitszeit für die Kontrolle der Grenze. Jede zusätzliche Grenze kostet zusätzliche Transportzeit im Grenzverkehr. Jede zusätzliche Grenze kostet zusätzliche Arbeitszeit und Geld für die Planung und Vorbereitung des Grenzübertritts für Waren, Dienstleistungen und Personen.

    Umgekehrt gilt: Je weniger Grenzen dem Waren- und Personenverkehr im Weg stehen, desto schneller und desto billiger verkehren Waren und Personen in diesem gemeinsamen Raum. Je größer also dieser gemeinsame Marktraum ist und je besser er verkehrstechnisch erschlossen ist, desto besser für das Kapital. Der größere und leicht zugängliche Marktraum vergrößert die Anzahl der Kunden, verkürzt die Zeit, in der das fertig produzierte Warenkapital auf Käufer wartet und verkürzt die gesamte Umschlagszeit, die das Kapital benötigt, um sich von der Warenform wieder zurück in die Geldform zu verwandeln. All das vergrößert die Produktivität und steigert den Profit.


    Anhand der Brexit-Verhandlungen können wir studieren, was Zweck und Nutzen der Europäischen Union ist: Die EU-Behörden sind die politische Verwaltung des gemeinsamen europäischen Marktes. Dieser gemeinsame Markt ohne Binnengrenzen dient und nützt vor allem den Kapitalisten in Europa.


    Wal Buchenberg, 20. Oktober 2018


    Dokumentenanhang:

    „Eine stetig wirkende Ursache in der Differenzierung der Verkaufszeit, und daher der Umschlagszeit überhaupt, ist die Entfernung des Markts, wo die Ware verkauft wird, von ihrem Produktionsplatz. Während der ganzen Zeit seiner Reise zum Markt befindet sich das Kapital gebannt in den Zustand des Warenkapitals; wenn auf Bestellung produziert wird, bis zum Moment der Ablieferung; wenn nicht auf Bestellung produziert, kommt zur Zeit der Reise zum Markt noch die Zeit hinzu, wo die Ware sich auf dem Markt zum Verkauf befindet. Verbesserung der Kommunikations- und Transportmittel kürzt die Wanderungsperiode der Waren absolut ab ....“ K. Marx, Kapital II, MEW 24, 252.


    „Gleichzeitig mit der Entwicklung der Transportmittel wird ... die Geschwindigkeit der Raumbewegung beschleunigt und damit die räumliche Entfernung zeitlich verkürzt. Es entwickelt sich ... die Masse der Kommunikationsmittel ... Es verteilt sich daher auch der Rückfluss (des Geldes) über kürzere aufeinander folgende Zeitperioden, so dass beständig ein Teil in Geldkapital verwandelt ist, während der andere als Warenkapital zirkuliert. Durch diese Verteilung des Rückflusses auf mehrere aufeinander folgende Perioden wird die Gesamtumlaufszeit abgekürzt und daher auch der Umschlag.“ K. Marx, Kapital II, MEW 24, 252f.


    „Wenn einerseits mit dem Fortschritt der kapitalistischen Produktion die Entwicklung der Transport- und Kommunikationsmittel die Umlaufszeit für ein gegebenes Quantum Waren abkürzt, so führt derselbe Fortschritt ... umgekehrt die Notwendigkeit herbei, für immer entferntere Märkte, mit einem Wort, für den Weltmarkt zu arbeiten.

    Die Masse der auf Reise befindlichen und nach entfernten Punkten reisenden Waren wächst enorm, und daher absolut und relativ auch der Teil des gesellschaftlichen Kapitals, der sich beständig für längere Fristen im Stadium des Warenkapitals, innerhalb der Umlaufszeit befindet.“ K. Marx, Kapital II, MEW 24, 254.


    „Umstände, welche den Durchschnittsumschlag des Kaufmannskapitals verkürzen, z. B. Entwicklung der Transportmittel, ... erhöhen daher die allgemeine Profitrate.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 322.

    Das c (Rostoffe, Energie, Maschinerie, was ja fertig produziert in den Warenwert eingeht) wIrd in der bürgerlichen Statistik als "Vorleistungen" aus dem BIP herausgerechnet.

    Was dann bleibt, ist - mehr oder minder - das in dem Zeitraum geschaffene und verkaufte Neuprodukt.

    In einem Zeitraum (Quartal oder Jahr) wird die Summe dieses verkauften Neuprodukts auf die Summe des Vorjahreszeitraums bezogen. Daraus ergibt sich eine prozentige Veränderung in plus oder in minus.

    Vier Quartalszahlen von einem Prozent ergeben ein Jahreswachstum von einem Prozent, weil Vier mal ein Viertel = 1.

    Dazu ein aktuelles Statement von Holger Wendt:


    „In der zweiten deutschen Ausgabe von 1872 heißt es: »Eine einzelne Waare, ein Quarter Weizen z. B. tauscht sich in den verschiedensten Proportionen mit anderen Artikeln aus. Dennoch bleibt sein Tauschwert unverändert, ob in x Stiefelwichse, y Seide, z Gold u. s. w. ausgedrückt. Er muss also einen von diesen verschiedenen Ausdrucksweisen unterscheidbaren Gehalt haben.« (Marx-Engels-Gesamtausgabe II.6, 71)

    Diese Aussage ist schief: Der Begriff Tauschwert wird im zweiten Satz, ähnlich wie in der klassischen Ökonomie, synonym zum Begriff Wert gebraucht. Marx hatte jedoch zwischenzeitlich eine wichtige Differenzierung eingeführt; der Wert als wesentliches Verhältnis ist vom Tauschwert als dessen Erscheinungsform zu unterscheiden. Insofern bleibt im Beispiel zwar der Wert des Weizens unverändert, als Tauschwert erscheint er jedoch in jeweils anderer Form – eben in Form von x Stiefelwichse oder von y Seide oder von z Gold.

    Marx erkannte diese Ungenauigkeit, strich in seinem Handexemplar den fehlerhaften Satz aus und zeigte mittels Einfügungszeichen an, dass er an seiner Statt eine Ergänzung plante. In der dritten und vierten deutschen Ausgabe lautet die entsprechende Passage sachlich korrekt: »Eine gewisse Ware, ein Quarter Weizen z. B. tauscht, sich mit x Stiefelwichse oder mit y Seide oder mit z Gold usw., kurz mit andern Waren in den verschiedensten Proportionen. Mannigfache Tauschwerte also hat der Weizen statt eines einzigen. Aber da x Stiefelwichse, ebenso y Seide, ebenso z Gold usw. der Tauschwert von einem Quarter Weizen ist, müssen x Stiefelwichse, y Seide, z Gold usw. durch einander ersetzbare oder einander gleich große Tauschwerte sein. Es folgt daher erstens: Die gültigen Tauschwerte derselben Ware drücken ein Gleiches aus. Zweitens aber: Der Tauschwert kann überhaupt nur die Ausdrucksweise, die ›Erscheinungsform‹ eines von ihm unterscheidbaren Gehalts sein.« (MEW 23, 51)“

    (Hervorhebung von w.b.)


    Anmerkung und HInweis:

    Es ist sprachlich und wissenschaftlich korrekt, Tauschwert und Wert zu unterscheiden. Tauschwert ist das an einer Einzelware Sichtbare und Messbare, "Wert" ist die zugrunde liegende gesellschaftliche Wirklichkeit. Eine Unterscheidung, die ich in meinen Texten nie gemacht hatte. Wo ich "Tauschwert" schrieb, meinte ich in aller Regel "Wert".

    Hallo Pfeilregen,

    üblicherweise beziehen sich Quartalszahlen auf den Vorjahreszeitraum. Die Jahresrate ist der Durchschnitt der vier Quartalsraten: Veränderung der gemessenen (Gesamt/"Volks")Wirtschaftsleistung in Prozent.

    Aber selbst wenn diese Zahlen irgendwie anders ("falsch") gemessen und berechnet wären: Da die Berechnungsgrundlage für alle gleich Länder ist, bildet sie in jedem Fall die wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse und deren Veränderung ab.