Posts by Wal Buchenberg

    (Deutsche Übersetzung der

    Buchrezension von Michael Roberts


    „Unser gesamtes Vermögen wurde von der Großfinanz gestohlen und diese Großfinanz hat unsere Wirtschaft in die Knie gezwungen. Also müssen wir uns vor der Großfinanz retten. Das ist die Kurzbotschaft eines neuen Buches von Grace Blakeley , Stolen – how to save the world from finanzialisation.


    Grace Blakeley ist ein aufgehender Stern am Firmament der radikalen Linken der britischen Arbeiterbewegung. Blakeley hat einen Abschluss in Politik, Philosophie und Wirtschaft an der Universität Oxford und einen Master-Abschluss in Afrikanistik. Damals war Blakeley Forscher am Institute of Public Policy Research (IIPPE), einem linken "Think-Tank", und ist jetzt Wirtschaftskorrespondent des linken New Statesman Journals. Blakeley ist eine regelmäßige Kommentatorin und Schlagwortlieferantin für linke Ideen in verschiedenen britischen Rundfunkmedien. Ihr Profil und ihre Popularität haben ihr Buch, das diese Woche veröffentlicht wurde, direkt in die Top 50 aller Bücher bei Amazon gebracht.


    „Gestohlen: Wie man die Welt vor der Finanzialisierung rettet“ ist eine ehrgeizige Darstellung der Widersprüche und Misserfolge des Nachkriegskapitalismus, genauer gesagt des angloamerikanischen Kapitalismus (weil der europäische oder asiatische Kapitalismus kaum erwähnt wird und die Peripherie der Weltwirtschaft nur am Rande abgedeckt wird) ). Das Buch soll erklären, wie und warum sich der Kapitalismus zu einem Diebstahlsmodell der "Finanzialisierung" entwickelt hat, das Wenigen nützt und Wachstum, Beschäftigung und Einkommen von Vielen zerstört (stiehlt?).


    „Stolen“ führt den Leser durch die verschiedenen Perioden der angloamerikanischen kapitalistischen Entwicklung von 1945 bis zur Großen Rezession 2008/09 und darüber hinaus. Und es endet mit einigen politischen Vorschlägen, um den Diebstahl mit einem neuen (Post-Financialisierungs-) Wirtschaftsmodell zu beenden, das der arbeitenden Bevölkerung zugute kommen soll. Das ist starker Tobak. Aber ist Blakeleys Bericht über das Wesen des modernen angloamerikanischen Kapitalismus und über die Ursachen wiederkehrender Krisen in der kapitalistischen Produktion richtig?


    Nehmen wir erst mal nur den Titel von Blakeleys Buch: "Gestohlen". Das ist ein eingängiger Titel für ein Buch. Dies impliziert jedoch, dass die Eigentümer des Kapitals, insbesondere das Finanzkapital, Diebe sind. Sie haben den Reichtum anderer "gestohlen"; oder sie haben denjenigen, die es geschaffen haben, Wohlstand "entzogen". Das ist Gewinn ohne Ausbeutung. In der Tat kommt der Profit jetzt nur noch vom Diebstahl von anderen.


    Marx nannte dies "Gewinn der Entwendung". Für Marx wird dies durch Händewechsel des Bestehenden erreicht - Wohlstand (Wert), der im Prozess der kapitalistischen Akkumulation und Produktion geschaffen wurde. Aber durch diesen Händewechsel („Diebstahl“) wird kein Wert geschaffen. Für Marx entsteht Gewinn oder Mehrwert, wie Marx es nannte, nur durch die Ausbeutung von Arbeitskraft bei der Produktion von Waren (Produkte und Dienstleistungen).

    Das Vermögen der Arbeiter wird nicht „gestohlen“, und das Vermögen, das sie schaffen, wird auch nicht gestohlen. Im Kapitalismus erhalten die Arbeitnehmer von den Arbeitgebern einen Lohn für die Zeit, die sie gearbeitet haben. Aber sie produzieren in der Zeit, in der sie arbeiten, mehr Wert als den Wert, den sie als Lohn erhalten. So erhalten die Kapitalisten einen Mehrwert aus dem Verkauf der Waren, die von den Arbeitern produziert werden, die sie als Eigentümer des Kapitals besitzen. Das ist kein Diebstahl, sondern Ausbeutung. (Siehe mein Buch, Marx 200, für eine ausführlichere Erklärung).


    Ist es wichtig, ob es sich um Diebstahl oder Ausbeutung handelt? Auf jeden Fall!, sagte Marx. Er argumentierte heftig gegen die Idee von Pierre-Joseph Proudhon, dem populärsten Sozialisten seiner Zeit, dass "Eigentum Diebstahl" sei. Das zu sagen, argumentierte Marx, heißt nicht zu verstehen, auf welche Weise der Wohlstand, der von den Vielen geschaffen wurde, und dann in die Hände der Wenigen gelangt. Es ging Marx nicht darum, Diebstahl zu beenden, sondern den Kapitalismus zu beenden.


    In „Stolen“ ignoriert Blakeley diese wichtigste wissenschaftliche Entdeckung (wie Engels es ausdrückte), nämlich den Mehrwert. Stattdessen schluckt Blakeley völlig die Ansichten der modernen Proudhonisten wie Costas Lapavitsas, David Harvey und anderer wie Bryan und Rafferty, die Marx' Ansicht ablehnen, dass Profit aus der Ausbeutung von Arbeit resultiert. Für sie ist das ein alter Hut.


    Heute sei der moderne Kapitalismus ein „Finanzkapitalismus“, der seinen Reichtum durch Diebstahl oder durch die Erzielung von "Rente" (eine Art Strafgebühr) von jedermann und nicht durch Ausbeutung der lohnabhängigen Arbeitskraft erzielt. ...


    Aber diese "modernen" Argumente sind genauso falsch wie die alten Thesen von Proudhon. Lapavitsas wurde vom britischen Marxisten Tony Norfield gut kritisiert; Ich habe David Harvey in eine Debatte über Marx 'Werttheorie verwickelt, und Bryan und Rafferty wurden vom griechischen Marxisten Stavros Mavroudeas als mangelhaft befunden. Nachdem Sie diese Kritiken gelesen haben, kann sich jeder selbst beantworten, ob Marx 'Wertgesetz bei der Erklärung der Widersprüche des modernen Kapitalismus ignoriert werden kann oder nicht.


    Dann gibt es den Untertitel von Blakeleys Buch: „Wie kann man die Welt vor der Finanzialisierung retten?“. Die Kategorie oder der Begriff „Finanzialisierung“ ist in der heterodoxen Wirtschaft überaus populär geworden. Die Kategorie stammte ursprünglich aus der Mainstream-Ökonomie, wurde von einigen Marxisten aufgegriffen und von postkeynesianischen Ökonomen gefördert. Ihr Zweck war es, die Widersprüche innerhalb des Kapitalismus und seine wiederkehrenden Krisen mit einer Theorie zu erklären, die Marx' Wertgesetz und Profitabilitätsgesetz beseite schob - Gesetze, die Post-Keynesianer ablehnen oder ignorieren.


    Blakeley nimmt die Definition des Begriffs „Finanzialisierung“ von Epstein, Krippner und Stockhammer und macht ihn zum Kernstück der Story des Buches (S. 11). Wie ich bereits in einem früheren Beitrag ausgeführt habe , trifft der Begriff „FInanzialisierung“ zu, solange er lediglich eine stärkere Rolle des Finanzsektors und einen Anstieg seines Gewinnanteils in den letzten 40 Jahren bedeutet - zumindest in den USA und in Großbritannien. Aber wenn dieser Begriff die „Entstehung eines neuen Wirtschaftsmodells… und einen tiefgreifenden Strukturwandel in der Funktionsweise der (kapitalistischen) Wirtschaft“ (Krippner) bedeutet, dann steht das auf einem ganze anderen Blatt.


    Wie Stavros Mavroudeas in seiner ausgezeichneten neuen Veröffentlichung ( 393982858-QMUL-2018-Financialisation-London ) ausführt , geht die "Financialization Hypothese" davon aus, dass "Geldkapital völlig unabhängig vom produktiven Kapital wird (da es Arbeit direkt durch Wucher ausbeuten kann). Damit formt es alle anderen Bruchteile des Kapitals nach ihren Vorrechten um. Wenn aber „ finanzielle Gewinne keine Bestandteile des Mehrwerts mehr sind, dann… wird die Theorie des Mehrwerts zumindest an den Rand gedrängt. Infolgedessen verliert die kapitalistische Profitrate (das Hauptunterscheidungsmerkmale der marxistischen Wirtschaftsanalyse gegenüber der neoklassischen und der keynesianischen Ökonomie) ihre zentrale Rolle, und das wissenschaftliche Interesse wird von der Profitrate abgelenkt.“


    Und genau so sieht es Blakeley. Die Annahme ihres Wirtschaftsmodells impliziert, dass das Finanzkapital unser Feind und nicht der Kapitalismus als Ganzes unser Gegner ist. Blakeley bestreitet zwar diese Interpretation in ihrem Buch. Finanzen seien keine separate Kapitalschicht, die über dem produktiven Sektor angesiedelt sei. Denn: das GESAMTE Kapital sei jetzt „finanzialisiert “: „ Jede Analyse, die Finanzialisierung als ‚Perversion‘ einer reineren, produktiveren Form des Kapitalismus betrachtet, kann den tatsächlichen Kontext nicht erfassen. Was sich in den letzten Jahrzehnten in der globalen Wirtschaft herausgebildet hat, ist ein neues Modell des Kapitalismus, das weitaus integrierter ist, als es einfache Dichotomien vermuten lassen . “ Blakeley: „Die heutigen Unternehmen sind durch und durch finanzialisiert, einige sehen eher wie Banken als wie produktive Unternehmen aus. “ Blakeley: „Was wir heute erleben, ist nicht der ‚Aufstieg der Rentenbezieher‘; Vielmehr sind alle Kapitalisten – Industrielle und Nichtindustrielle - zu Rentenbeziehern geworden. Tatsächlich engagieren sich nichtfinanzielle Unternehmen zunehmend selbst in finanziellen Aktivitäten, um die höchstmöglichen Renditen zu erzielen. “


    Wenn dies wahr wäre und der gesamte Reichtum aus Zinsen und Renten käme, die von allen "extrahiert" werden und nicht von der Ausbeutung der Lohnarbeit, dann würde wirklich Geld aus dem Nichts geschaffen und Marx hätte nur Unsinn geredet.

    Die empirischen Daten bestätigen jedoch keineswegs die These der "Finanzialisierung". Zugegeben, seit den 1980er Jahren sind die Gewinne des Finanzsektors als Anteil am Gesamtgewinn in vielen Volkswirtschaften gestiegen, wenn auch hauptsächlich in den USA. Aber selbst auf ihrem Höhepunkt (2006) erreichte der Anteil der Gewinne des Finanzsektors am Gesamtgewinn in den USA nur 40%. Nach der Großen Rezession von 2008 fielen die Finanzwerte stark und liegen nun im Durchschnitt bei 25% des kapitalistischen Gesamtgewinns der USA. Der Großteil dieser Gewinne erwies sich, wie Marx es nannte, als „fiktiv“, da Gewinne aus dem Kauf und Verkauf von Aktien und Anleihen (nicht aus Gewinnen aus der Produktion) in der Krise verschwunden waren.


    Auch die Behauptung, dass die Industriesektoren der kapitalistischen Wirtschaft zu Rentenempfängern oder zu Bankern geworden sind, wird durch die Fakten nicht bestätigt. Joel Rabinovich von der Universität Paris hat eine sorgfältige Analyse der Behauptung durchgeführt, wonach nichtfinanzielle Unternehmen den größten Teil ihres Gewinns aus der „Gewinnung“ von Zinsen, Renten oder Aktiengewinnen und nicht aus der Ausbeutung der von ihnen beschäftigten Arbeitskräfte ziehen. Er fand, dass:„Im Gegensatz zur Hypothese der finanziellen Rentieralisierung macht das finanzielle Einkommen seit den 80er Jahren im Durchschnitt (nur) 2,5% des Gesamteinkommens aus ...“


    Mit anderen Worten, nichtfinanzielle Unternehmen wie General Motors, Caterpillar, Amazon, Google, Microsoft, Big Tobacco und Big Pharma usw. erzielen weiterhin ihre Gewinne aus dem Verkauf von Waren auf die übliche Weise. Die Gewinne aus der „Finanzialisierung“ machen nur einen geringen Teil des Gesamteinkommens aus. Diese Unternehmen sind keineswegs "finanzialisiert".


    Blakely sagt, dass "die Finanzialisierung ein Prozess ist, der in den 1980er Jahren mit dem Abbau von Hindernissen für die Kapitalmobilität begann". Vielleicht ja, aber warum begann es in den 1980er Jahren und nicht früher oder später? Warum begann damals die Deregulierung des Finanzsektors? Warum entstand dann der sogenannte Neoliberalismus? Es gibt keine Antwort von Blakeley oder den Post-Keynesianern. Blakeley weist darauf hin, dass das "sozialdemokratische Nachkriegsmodell" gescheitert sei, aber sie liefert auch dafür keine Erklärung - außer ihrer Annahme, „dass der Kapitalismus es sich nicht länger leisten könne, die Forderung der Gewerkschaften nach Lohnerhöhungen im Kontext des zunehmenden internationalen Wettbewerbs weiterhin zu tolerieren und hohe Inflation. “ (S. 48). Blakeley deutet auf eine Antwort hin: "Konkurrenz aus dem Ausland begann, die Gewinne zu untergraben"(S. 51). Aber das wirft weiter die Frage auf, warum der internationale Wettbewerb erst damals Problem verursachte, aber nicht zuvor, und warum es plötzlich eine hohe Inflation gab.


    Die Politische Ökonomie, die Karl Marx folgt, kann darauf Antworten geben. Damals kam der Zusammenbruch der Profitrate des Kapitals in allen großen kapitalistischen Volkswirtschaften. Dies wird von Marxisten und Mainstream-Studien gleichermaßen gut dokumentiert. Dieser Blog enthält eine Vielzahl von Beiträgen zu diesem Thema und ich habe in meinem Buch „The Long Depression“ (kein Bestseller) eine klare Analyse geliefert . Der Rückgang der Profitrate zwang den Kapitalismus, nach entgegenwirkenden Kräften zu suchen: die Schwächung der Arbeiterbewegung..., Privatisierungen usw. und auch eine Umstellung auf Investitionen in Finanzanlagen (was Marx als "fiktives Kapital" bezeichnete), um den Rückgang der Profite auszugleichen. All dies zielte darauf ab, den Rückgang der gesamten Kapitalrentabilität umzukehren. Es gelang bis zu einem gewissen Grad.


    Aber Blakeley weist diese Erklärung zurück. Es hätte nichts mit der Profitrate des Kapitals zu tun, dass im Kapitalismus regelmäßig Krisen auftreten, und die allgemeine Profitrate hätte nichts mit der Großen Rezession von 2008 zu tun. Stattdessen folgt Blakeley sklavisch den Erklärungen postkeynesianischer Analysisten wie Hyman Minsky und Michel Kalecki. Inzwischen haben ich und andere viel Zeit darauf verwendet, zu zeigen, dass deren Analyse falsch ist, da sie den Haupttreiber der kapitalistischen Akkumulation, Profits und Rentabilität ausschließt. Infolgedessen können sie Krisen nicht wirklich erklären.


    Kalecki sagt, dass Krisen durch einen Mangel an "effektiver Nachfrage" im keynesianischen Stil verursacht werden und obwohl die Regierungen diesen Mangel an Nachfrage durch fiskalische und andere Interventionen überwinden könnten, werden sie durch den politischen Widerstand der Kapitalisten blockiert.... Für Kalecki werden Krisen von der Kapitalistenklasse verursacht, weil sie Reformen politisch ablehnen und bekämpfen. Offensichtlich würde der Sozialstaat im Kapitalismus funktionieren, wenn es nicht die politische Dummheit der Kapitalisten gäbe!


    Minsky hatte darin Recht, dass der Finanzsektor von Natur aus instabil ist und das massive Anwachsen der Verschuldung in den letzten 40 Jahren diese Verwundbarkeit erhöht - Marx hat dies vor 150 Jahren im „Kapital“ betont. Und in meinem Blog habe ich in vielen Posts darauf hingewiesen, dass „Schulden wichtig sind“. Finanzielle Zusammenbrüche führen jedoch nicht immer zu Produktions- und Investitionseinbrüchen. In der Tat gab es keine Finanzkrise (Bankrott, Börsencrash, Zusammenbruch der Immobilienpreise usw.), die zu einem Einbruch der kapitalistischen Produktion und Investitionen geführt hätte, es sei denn, die Rentabilität des produktiven Sektors der kapitalistischen Wirtschaft ist ebenfalls in die Krise geraten. Letzteres ist immer noch entscheidend.


    In einem Kapitel des Buches „World in Crisis“ , herausgegeben von G Carchedi und mir (leider wieder kein Bestseller) bietet Carchedi überzeugende empirische Unterstützung für die Verbindung zwischen dem Finanz- und dem Produktivsektor in kapitalistischen Krisen. Carchedi: „Angesichts der sinkenden Rentabilität im produktiven Bereich verlagert sich das Kapital von einer geringen Profitrate der produktiven Sektoren zu einer hohen Profitrate in den Finanzsektoren (dh. den unproduktiven Sektoren). Gewinne in diesen Sektoren sind jedoch fiktiv. Sie existieren nur in den Geschäftsbüchern. Sie werden erst dann zu echten Gewinnen, wenn sie eingelöst werden. In diesem Fall verringern sich die Gewinne, die den produktiven Sektoren zur Verfügung stehen. Je mehr Kapital versucht, höhere Profitraten zu erzielen, indem sie sich in die unproduktiven Sektoren begeben, desto größer werden die Schwierigkeiten in den produktiven Sektoren. Diese Gegenbewegung - Kapitalfluss in den Finanz- und Spekulationssektor und damit höhere Profitraten in diesen Sektoren - kann die Tendenz, dh den Rückgang der Profitrate in den produktiven Sektoren, nicht aufhalten.“


    Carchedi findet Folgendes heraus: „Finanzkrisen sind auf die Unmöglichkeit zurückzuführen, Schulden zurückzuzahlen. Sie entstehen, wenn die Wirtschaftswachstumsraten sowohl für finanzielle als auch für reale Gewinne sinken.“ In den Jahren 2000 und 2008 sanken erstmals die finanziellen Gewinne schneller als die realen Gewinne zum ersten Mal. Carchedi fasst zusammen: „Die Verschlechterung des Produktivsektors in den Jahren vor der Krise ist daher die häufigste Ursache sowohl für finanzielle als auch für nichtfinanzielle Krisen. Wenn sie einen gemeinsamen Grund haben, ist es unerheblich, ob einer dem anderen vorausgeht oder umgekehrt. Der Punkt ist, die (Verschlechterung des) produktiven Sektors bestimmt die (Krisen im) Finanzsektor.“




    Sie mögen sich fragen: Spielt es denn eine Rolle, ob die Einkommensunterschiede und die Krisen, die wir im Kapitalismus ständig erleben, durch Finanzialisierung oder durch Marx' Wert- und Profitabilitätsgesetze verursacht werden? Schließlich könnten wir uns alle darauf einigen, dass die Antwort darin besteht, das kapitalistische System zu beenden, nein? Nun, ich denke, es spielt eine Rolle, denn politische Maßnahmen ergeben sich immer aus der Theorie über die Ursachen. Wenn wir die Finanzialisierung als Ursache all unserer Leiden akzeptieren, heißt das, dass nur die Finanzkapitalisten der Feind der Lohnarbeiter und der Werktätigen sind, aber nicht die „netten produktiven Kapitalisten“ wie Amazon, die uns nur bei der Arbeit ausbeuten. Diese Schlussfolgerung wird uns nahegelegt. Nehmen Sie Minsky selbst als Beispiel. Minsky begann als Sozialist, aber seine eigene Theorie der Finanzialisierung in den 1980er Jahren veranlasste ihn, die Mängel des Kapitalismus nicht aufzudecken, und zu erklären versuchen, wie ein instabiler Kapitalismus "stabilisiert" werden kann.


    Zweifellos besteht Blakeley aus härterem Holz. Blakeley sagt, wir müssten die Bankiers in dem Maße rücksichtslos angehen, wie Thatcher und Reagan in der neoliberalen Zeit ab den 1980er Jahren die Arbeiterbewegung bekämpft haben. Blakeley sagt: „ Das Manifest der Labour Party liest sich wie eine Rückkehr zum Konsens nach dem Krieg. Wir können es uns heute nicht leisten, so defensiv zu sein. Wir müssen für etwas Radikaleres kämpfen ... weil dem kapitalistischen Modell die Straße ausgeht. Wenn wir es nicht ersetzen können, ist nicht abzusehen , welche Zerstörung der Zusammenbruch bringen könnte. “ (S. 229). Das klingt nach dem Gebrüll eines sozialistischen Löwen. Aber wenn es um die politischen Maßnahmen geht, die gegen das Finanzkapital eingesetzt werden soll, wird Blakeley zur sozialdemokratischen Maus.


    Erstens sagt Blakeley: „ Wir müssen eine politische Agenda verabschieden, die die Hegemonie des Finanzkapitals in Frage stellt, seine Privilegien widerruft und die Befugnisse für Investitionen wieder unter demokratische Kontrolle stellt. “ Inzwischen habe ich in vielen Beiträgen und in Sitzungen der Arbeiterbewegung argumentiert , in Großbritannien , dass der einzige Weg , die demokratische Kontrolle auszuüben, ist es, die fünf größten Banken, die 90% der Kredit- und Einlagen in Großbritannien steuern, in öffentliches Eigentum zu übernehmen. Die bloße Regulierung dieser Banken hat bisher nicht funktioniert und wird in Zukunft nicht funktionieren.


    Doch Blakeley ignoriert diese Option und fordert stattdessen, die bestehenden Banken "einzuschränken" und gleichzeitig eine öffentliche Retailbank oder Postbank im Wettbewerb mit einer Nationalen Investitionsbank zu errichten. "Privates Finanzkapital müsse angemessen eingeschränkt werden unter Verwendung international anerkannter Regulierungsinstrumente". S285 (Aber ohne Enteignung). An verschiedenen Stellen bezieht sich Blakeley auf Lenin. Vielleicht sollte sich Blakeley daran erinnern, was Lenin über den Umgang mit den Banken gesagt hat.„Die Banken sind, wie wir wissen, Zentren des modernen Wirtschaftslebens, die Hauptnervenzentren des gesamten kapitalistischen Wirtschaftssystems. Über "Regulierung des Wirtschaftslebens" zu sprechen und sich dennoch der Frage der Verstaatlichung der Banken zu entziehen, bedeutet, entweder die tiefste Unwissenheit zu verraten oder das "gemeine Volk" durch blumige Worte und großmütige Versprechen zu täuschen, mit der bewussten Absicht, diese Versprechen nicht zu erfüllen. "


    Eine Nationale Investitionsbank, ein Versprechen des Arbeitsmanifests, überlässt die Mehrheit der Investitionsentscheidungen und -ressourcen dem kapitalistischen Finanzsektor. Wie ich zuvor gezeigt habe, würde die NIB nur 1-2% des BIP für zusätzliche Investitionen in die britische Wirtschaft aufbringen, verglichen mit 15-20% für Investitionen, die vom kapitalistischen Sektor kontrolliert werden. Die "Finanzialisierung" würde also nicht gebremst.


    Blakeleys anderer Schlüsselvorschlag ist ein People's Asset Manager (PAM), der nach und nach Anteile an den großen multinationalen Unternehmen aufkauft, um „das Eigentum in der gesamten Wirtschaft zu sozialisieren“ und dann „Unternehmen unter Druck zu setzen“ , um Investitionen in sozial nützliche Projekte zu unterstützen. „Mit dem Entstehen und Wachsen eines öffentlichen Bankensystems neben einem Vermögensverwalter der Bürger wird das Eigentum kontinuierlich vom privaten Sektor auf den öffentlichen Sektor übertragen.“ (S. 268) „Mit dem Ziel, die Unterscheidung zwischen Kapital und Arbeit aufzulösen “ (S. 267) . Blakeleys Ziel ist es daher nicht, die kapitalistische Produktionsweise durch die Übernahme der wichtigsten Sektoren der kapitalistischen Investition und Produktion zu beenden, sondern die "Unterscheidung" zwischen Kapital und Arbeit schrittweise aufzulösen. Die Kapitalisten sollen nicht Arbeiter werden, sondern die Arbeiter zu Kapitalisten.


    Dies ist der ultimative utopische Gradualismus. Würden die Kapitalisten zuschauen, während ihre Kontrollbefugnisse allmählich oder stetig verloren gehen? Es würde zu einem Investitionsstreik kommen, und jede sozialistische Regierung würde vor der Aufgabe stehen, die ganze Wirtschaft vollständig zu übernehmen. Warum also nicht ein Programm für eine demokratisch kontrollierte Volkswirtschaft mit einem nationalen Plan für Investitionen, Produktion und Beschäftigung ausarbeiten?


    „Stolen“ zielt darauf ab, eine radikale Analyse der Krisen und Widersprüche des modernen Kapitalismus und der Politik zu bieten, die die "Finanzialisierung" beenden und den Vielen die Kontrolle über ihre wirtschaftliche Zukunft geben könnten. Da die Analyse jedoch fehlerhaft ist, sind ihre praktischen Vorschläge ebenfalls unzureichend.“

    Michael Roberts, 13. September 2019.


    Übersetzung von Wal Buchenberg


    Siehe auch: M. Roberts: Finanzialisierung und Finanzkapitalismus

    Das Klagen über mangelndes Klassenbewusstsein in der Lohnarbeiterklasse gehört zur Tradition der Linken. Aber noch nie habe ich bei Linken eine Definition von dem gefunden, was sie „Klassenbewusstsein“ nennen. Ich befürchte, jede linke Strömung versteht unter Klassenbewusstsein ihr eigenes politisches Glaubensbekenntnis.

    Und noch nie habe ich bei Linken eine Untersuchung auf breiter Basis gefunden, wie viel oder wie wenig Klassenbewusstsein zur Zeit in ihrem Land zu finden sei. Ich vermute, Umfang und Qualität des vorhandenen Klassenbewusstseins wird einfach am Erfolg der eigenen Partei oder Organisation gemessen. Mit diesem Maßstab sieht es natürlich dunkelschwarz aus mit dem Klassenbewusstsein in Deutschland.


    Karl Marx hatte mal innerhalb der Internationalen Arbeiterassoziation IAA eine Fragebogenaktion unter Arbeitern angeregt. Daraus wurde wohl nicht viel.

    Mangels eigener Fragebogen müssen wir wohl oder übel auf bürgerliche Umfragen zurückgreifen und dort die interessanteren Fragestellungen herauspicken.

    Das habe ich mit der neuesten Allensbach-Umfrage von Prof. Dr. Renate Köcher „Generation Mitte 2019“ gemacht. „Generation Mitte“ befragte die 30 bis 60jährigen in Deutschland. Das sind rund 35 Millionen Menschen, in der großen Mehrzahl die aktiven Lohnarbeiter.

    Ich habe aus den Umfrageergebnissen Fragestellungen ausgewählt, die mir interessant schienen, und ich habe manche Frage etwas umformuliert. Wer meiner Zusammenfassung misstraut, sollte sich auch das Original ansehen.


    1. Wie beurteilt das gemessene Bewusstsein der 30 bis 60jährigen die eigene Lage?


    Ich habe an dieser Lagebeurteilung wenig auszusetzen. Die klare Mehrzahl (51 %) sieht, dass sich Gesamtlage in Deutschland verschlechtert hat. Die Beispiele, an denen die Verschlechterung spürbar werden, ließen sich weiter fortsetzen. Dass sich viele Männer – auch linke Männer - mit der Frauenemanzipation noch schwer tun, ist nichts Neues.

    Allensbach bringt diese Lagebeschreibung auf den Begriff „Ellbogengesellschaft“. Das ist eine verharmlosende Umschreibung für unsere kapitalistische Konkurrenzgesellschaft. Und die "Ellbogengesellschaft" gibt es schon seit Jahrzehnten. Der Begriff bildet die tiefgreifenden Veränderungen nicht ab, die dann entstehen, wenn der Kapitalismus - wie derzeit - in eine Rezession oder gar eine Depression rutscht.


    2. Was liegt dem zugrunde?



    Auch an der Einschätzung, dass die Menschen nicht Religion, nicht Geschlecht, nicht die regionale Herkunft voneinander trennt, sondern vor allem anderen die soziale Schicht und das Einkommen, daran habe ich nichts zu mäkeln.


    3. Was erwarten die 30 bis 60jährigen von der Zukunft?



    Dass Deutschland und Europa gegenüber China und auch gegenüber den USA in der kapitalistischen Konkurrenz zurückfallen, dafür sammelte ich hier im Marx-Forum seit Jahren Belege und Daten.

    Auch das Risiko, spätestens im Alter in Armut leben zu müssen, wird von der großen Mehrheit ziemlich deutlich gesehen.


    Insgesamt sind die Ansichten und Einsichten, die diese Umfrage bei der Generation der 30 bis 60jährigen erbracht hat, ziemlich klar- und weitsichtig.

    Ich finde, es wäre die Aufgabe der radikalen Linken, nicht über mangelndes Klassenbewusstsein zu klagen, sondern die ökonomischen und politischen Zusammenhänge aufzuzeigen, die die vorhandenen Ansichten und Einsichten verbinden und erklären können.

    Wal Buchenberg, 15. September 2019

    Gallup fragte seit 2010 jährlich Menschen in 120 Ländern, ob sie aus auswandern wollten. Seit 2010 ist überall die Zahl der Auswanderungswilligen gestiegen. 2010 wollten 19 % der Bewohner Lateinamerikas ihr Land verlassen, 2018 waren es 31 %.


    Dabei fließen viele Gründe ein: hohe Kriminalität, korrupte und unterdrückerische Regierungen, eine stagnierende kapitalistische Wirtschaft mit hoher Arbeitslosigkeit, der Mangel an gesunder Umwelt.

    Aber auch in Europa und Nordamerika hat der Auswanderungswille zugenommen. Auswanderung ist eine Abstimmung mit den Füßen, es ist ein menschliches Grundrecht.

    Der Economist vom 7. September 2019 zitiert John Buchanan, Manager einer großen Restaurantkette, über die Preisfindung im Restaurantgewerbe:

    „Nimm die Kosten für alle Inhaltsstoffe eines Gerichts und multipliziere das mit drei. Dann frage dich, wie viele Kunden würden für das Gericht diesen Preis zahlen ... Zuletzt, überprüfe, was die Konkurrenz für dieses Gericht verlangt.“ Das ist die ganze Wissenschaft der Preisfindung.


    In die Sprache von Karl Marx übersetzt, ergibt das folgendes:

    - „die Kosten für alle Inhaltsstoffe eines Gerichts“ machen beim Essen den Großteil der Fixkosten bzw. des konstanten Kapitals;

    - „multipliziere das mit drei“ - ergibt den individuellen Kostpreis plus Durchschnittsprofit, also den Produktionspreis.

    - „dann frage, wie viele Kunden würden für das Gericht diesen Preis zahlen...“ - das zielt darauf, ob die zahlungskräftigte Nachfrage den individuellen Produktionspreis akzeptieren wird oder nicht;

    - „zuletzt, überprüfe, was die Konkurrenz für dieses Gericht verlangt“,- die Konkurrenz erzwingt die Angleichung der unterschiedlichen Produktionspreise zu einem mehr oder minder einheitlichen Marktpreis.

    „Im Marktpreis ist ... eingeschlossen, dass derselbe Preis für Waren derselben Art bezahlt wird, obgleich diese unter sehr verschiedenen individuellen Bedingungen produziert sein und daher sehr verschiedene Kostpreise haben mögen.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 209.


    Siehe dazu:

    Karl Marx über Preis und Wert

    Die WELT macht sich heute Gedanken, woher die Minuszinsen kommen und bringt

    folgende originelle Begründung:

    „Das Gros der Ersparnisse fließt in Anleihen und drückt damit die Zinsen. Gleichzeitig wird immer weniger Geld in der Wirtschaft benötigt. Die Digitalwirtschaft kommt mit weniger Kapital aus als etwa klassische Industrien: Investitionen in IT-Plattformen und Patente beispielsweise benötigen weniger Kapitaleinsatz als der Bau von Fabriken oder Großanlagen. Damit steigt das Angebot an Geld, während die Nachfrage zurückgeht.“


    Da wird aus dem Krankheitssymptom, dass die Kapitalisten immer weniger investieren, eine neue „Gesetzmäßigkeit“ entwickelt: Die Internet-Wirtschaft benötige weniger Kapital! Weil also (in Europa) die produktive Nachfrage nach Kapital fehle, gebe es Kapital im Überfluss.

    Diese originelle Theorie hält nicht lange vor. Jedem von uns fallen viele Bereiche ein, die marode und unterkapitalisiert sind: Straßen, Bahngleise, Bahnhöfe, Schulen, Brücken, Krankenhäuser, billiger Wohnraum, Nahverkehrssysteme usw. Dass in diese Bereiche nicht investiert wird, liegt nur daran, dass sie nicht profitabel genug sind.


    Die einfachste und überzeugendste Erklärung für die „Investitionsschwäche“ liefert immer noch Karl Marx: Das Kapital findet (in Europa) nicht genügend profitable Anlage. Deshalb gibt es einerseits Kapital im Überfluss und andererseits viele Lebensbereiche, die verarmen und verkommen.

    Hallo Konkordanz,

    aus sozialistischer/kommunistischer Sicht mag ein gleichmäßiges absolutes Wachstum genügen. Aus Sicht des Kapitals genügt das keineswegs.

    Im folgenden möchte ich das anhand eines Einzelkapitals aufzeigen. Ich setze voraus, dass etwas, das für ein Einzelkapital schlecht ist, auch für das Gesamtkapital schlecht sein muss.


    Zunächst also das absolute Wachstum eines Einzelkapitals:


    Folgendes hat sich ergeben:

    (vgl. die Spalten der Tabelle von links nach rechts)

    1) Das Gesamtkapital hat sich fast verdreifacht (von 1.000 auf 2.885).

    2) Das konstante Kapital hat sich mehr als vervierfacht (von 500 auf 2.340).

    3) Die Zahl der Arbeiter hat sich um knapp 10 % erhöht. (Bei unveränderter Lohnhöhe und Arbeitszeit stieg die Lohnsumme von 500 auf 545).

    4) Die Mehrwertmasse stieg um fast die Hälfte (von 500 auf 725). Gleichzeitig sank die relative Größe des Mehrwerts zum Gesamtkapital (= Profitrate) von 50 auf 25 (vgl. Tabelle 2).

    5) Der akkumulierte Mehrwert hat sich mehr als verdoppelt ( von 125 auf 310).

    6) Der Konsumtionsfonds (Revenue) der Kapitalisten ist um 10 % gestiegen (von 375 auf 415).

    7) Die Zusammensetzung des Kapitals hat sich von 50 c + 50 v auf 81 c + 19 v erhöht.


    In Summa lassen sich diese Zahlen so interpretieren, dass man sagen kann: "Ist doch noch alles im grünen Bereich!"


    Betrachten wir denselben Vorgang in relativen Zahlen:


    In relativen Zahlen ausgedrückt bedeutet das:

    8 ) Die Ausbeutungsrate stieg von 100 % auf 133 %.

    9) Die Profitrate halbierte sich von 50 % auf 25 %.


    Das alles zusammengenommen sind die Bedingungen und Umstände, die Karl Marx für den Fall der Profitratebeschrieb.


    Ein Sinken der Profitrate von 50% auf 25% ist für kein Kapital bedrohlich. Aber der Prozess setzt sich ja fort. Irgendwann sinkt die Profitrate auf 10%, auf 5% und dann auf Null Prozent. Da aber jedes Kapital sich verwerten muss, wird kein Kapitalist mehr sein Kapital investieren wollen.

    Deine Fragestellung, was denn am relativen Wachstumsrückgang so schlimm sei, entspricht ganz der Fragestellung des Mannes, der aus dem 20 Stockwerk springt und zwischen dem 18. und dem 4. Stockwerk meint: „Bisher isses jut gegange!“

    Der Rückgang der Profitraten setzt sich jedoch fort, bis es nicht mehr "gut geht".


    Der Überfluss von Kapital entsteht, wenn das Kapital nur noch Anlagemöglichkeiten findet, wo es sich schlechter verwertet als bisher. Der Überfluss von Kapital ist absolut, wenn sich neu investiertes Kapital zu einer Profitrate = Null verwertet.


    „Dieser Überfluss des Kapitals erwächst aus denselben Umständen, die eine relative Überbevölkerung (Arbeitslosigkeit) hervorrufen, und ist daher eine diese letztere ergänzende Erscheinung, obgleich beide auf entgegengesetzten Polen stehen, unbeschäftigtes Kapital auf der einen und unbeschäftigte Arbeiterbevölkerung auf der anderen Seite.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 261.

    „In der Wirklichkeit würde sich die Sache so darstellen, dass ein Teil des Kapitals ganz oder teilweise brachläge (weil es erst das schon fungierende Kapital aus seiner Position verdrängen müsste, um sich überhaupt zu verwerten) und der andere Teil durch den Druck des unbeschäftigten oder halbbeschäftigten Kapitals sich zu niederer Rate des Profits verwerten würde.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 262.


    Gegenüber einem Einzelkapital läuft der Prozess von sinkender Profitrate = sinkendes Wachstum = erlahmende Investitionsrate selbstverständlich viel langsamer ab, weil es dort noch expandierende Branchen geben kann. Aber die wirkenden Faktoren und Prozesse sind ganz die gleichen wie beim Einzelkapital.



    Dieser Punkt, wo Kapital keine profitable Verwertung mehr findet und dann in „Streik“ tritt, ist mindestens für Geldkapital schon erreicht, wenn die Geldkapitalisten für Staatsschuldpapiere Minuszinsen zahlen müssen.


    Dieser Punkt, wo Kapital (in Deutschland) keine profitable Verwertung mehr findet, führt einerseits dazu, dass immer mehr Kapital ins Ausland exportiert wird – damit werden auch die Arbeitsplätze ins Ausland exportiert. Und zweitens führt das dazu, dass in Deutschland immer weniger Kapital investiert wird. Die Investitionsrate sinkt, die Produktionsanlagen und die Infrastruktur in Deutschland wird zunehmend nicht ersetzt oder erneuert.

    Die Produktionsbedingungen in Deutschland werden zunehmen marode.





    Siehe zu dem Thema die ausführlichen und detaillierten Analysen von Michael Roberts (auf Englisch)


    https://thenextrecession.wordp…stment-and-profitability/


    https://thenextrecession.wordp…e-of-low-growth-surprise/


    https://thenextrecession.wordp…ty-investment-and-growth/


    https://thenextrecession.wordp…he-rate-of-profit-is-key/

    Die kolumbianische Pazifikküste galt lange als „Niemandsland“, um das sich nationale oder internationale Kapitalisten wenig kümmerten. Im 19. Jahrhundert flohen dorthin afrikanisch-stämmige Bevölkerungsteile, die der Sklaverei entkommen waren. Nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei in (Süd)Amerika im Jahr 1851 siedelten sich auch freigelassene Sklaven dort an.

    Im Jahr 1993 legalisierte Kolumbien ihren Landbesitz mit dem Gesetz Nr. 70.

    Mit diesem Gesetz können ihre kommunalen Räte Anspruch auf irgend ein Stück Staatsland erheben. Dieses Land darf nicht gekauft oder verkauft werden.

    60 Prozent der kolumbianischen Pazifikküste, rund 60.000 Quadratkilometer sind solches genossenschaftliches bzw. kommunal verwaltetes Land.

    Siehe die grünen Flächen auf der Karte.


    Auch wenn das genossenschaftliche Land nicht fruchtbar ist, konnten die Bewohner erfolgreich der Kapitalisierung der Wirtschaft und ihrer Verwandlung in Lohnarbeiter entgehen. Aus kapitalistischer Sicht sind diese Leute arm. Sie leben in selbstgebauten Hütten, pflanzen für den Eigenbedarf Gemüse und Kokosnüsse an und fischen und jagen auf ihrem Besitz. Diese Leute sind arm, aber nicht so arm wie Bauern, die ihr Land verloren haben und vergeblich in den Städten nach Lohnarbeit suchen.

    Aus kapitalistischer Sicht halten diese rund 1,5 Millionen Menschen die „Entwicklung“ auf – eine Entwicklung, die wenige reich macht und viele in absolute Armut stürzt.

    Sie halten die „Entwicklung“ auf, wenn sie sich erfolgreich gegen einen neuen Hafen mit Freihandelszone in Choco wehren. Sie halten die „Entwicklung“ auf, indem sie die Ausbau der Autobahn von Buenaventura nach Cali blockieren. Urplötzlich entstanden auf der geplanten Route hunderte von Holzhütten, für die die kommunalen Räte pro Hütte 10.000 Dollar „Entschädigung“ forderten. Dadurch schnellten die geplanten Kosten des Straßenbaus um mehr als 80% in die Höhe. Der Bau wurde abgeblasen.

    Überall in der Welt gab es früher gemeinschaftlichen Bodenbesitz. In den kapitalistischen Kernländern wurde diese Allmende fast vollständig vernichtet. Wer den Kapitalismus beseitigen will, sollte solche vorkapitalistischen Eigentumsformen unterstützen, auch wenn die Bewohner keine Kommunisten sind.

    Hallo Chris,

    ihr wollt "eure" Themen diskutieren, ich "meine" Themen. Das ist ganz normal.

    Ihr konntet "eure" Themen hier vorstellen und ich hoffe, ihr habt meine Anmerkungen und meine Kritik nicht persönlich genommen.

    Die Leser haben jedenfalls zwei Aspekte der Sache kennengelernt, und gut ist.


    Ihr könnt natürlich weiter "eure" Themen vorstellen, aber - wie gesagt - als Originalbeitrag. Und ich - oder andere - werden dann ihren Senf dazugeben. So läuft das hier.

    Gruß Wal

    Hi Wal (& alle MitleserInnen),


    hier mal ein (Zwischen?)Fazit von mir:


    Zunächst freut es uns, dass wir an diesem Ort unser Buch bewerben dürfen und es zu einer Diskussion gekommen ist. Da diese allerdings langsam auf der Stelle tritt ein Paar Anmerkungen und Fragen:

    Hallo Chris, hallo Philip,

    Das hört sich wie Ende der Diskussion an. Das kann ich akzeptieren, aber zufriedenstellend finde ich das nicht. Viel ist bisher nicht geklärt worden. Aber ich kann nochmals positiv darauf verweisen, dass ihr euch (gezwungenermaßen?) länger auf eine Infragestellung eurer Positionen eingelassen habt, als mancher anderer Linke - und auch als manche stille Leserin/stiller Leser hier.

    Wenn dies hier mittlerweile über 700 Leute angeklickt + vielleicht sogar ein bisschen was gelesen haben ist das natürlich toll. Ausser Wal und BKE hat sich aber leider niemand in irgend einer Form kenntlich gemacht. Nicht einmal ein müdes LIKE oder dergleichen. Das ist natürlich schade, weil man so nicht weiss wer hier eigentlich warum liesst. Was es in der Leserschaft für Fragen gibt usw.

    Das System hier zählt nicht Leute, sondern Textaufrufe. Jetzt sind es 800 Aufrufe. Da dieser Diskussionsstrang bisher 16 Beiträge hatte, und man annehmen muss, dass regelmäßige Leser jeden Beitrag gelesen haben, dann ergeben sich als Minimum 50 Leser. 50 bis 75 LeserInnen ist ungefähr die Größenordnung, die mehr oder minder regelmäßig ins Marx-Forum schauen. Dazu kommen noch einmal 50 bis 75 LeserInnen, die in größeren Abständen das Forum besuchen. Aller Rest, - und der Rest kann auch 10.000 übertreffen -, kommen über Suchmaschinen, um sich zu einem bestimmten Thema zu orientieren oder zu informieren. Siehe die Hitliste in dem Unterforum "Kapitalismuskritik".


    Meine Interpretation dieser Zahlen: Hier im Marx-Forum lesen mehr "normale" Lohnarbeiter als radikale Linke.

    Mein Ziel ist, mit dem Marx-Forum ein Lesepublikum (noch besser: Diskussionsteilnehmer) über den engen Kreis der radikalen Linken zu erreichen. Ich denke, die Zahlen deuten daraufhin, dass ich das mindestens im Ansatz erreiche.

    Das "Publikum" sollte euch aber weniger interessieren als die Sachargumente, mit denen ihr hier konfrontiert wurdet.

    Die Diskussion mit Wal hat uns zumindest eins gelehrt. Wir sollten in einer kurzen Werbedarstellung wie der obigen nicht „Geld und Arbeitszeitkonten“ in den Vordergrund stellen – wir geloben hier Besserung! Schliesslich scheint dies die Diskussion auf die eher unwesentliche Frage der Verteilung zu lenken. Oder, schlimmer noch, schwammige Fragen wie „Gerechtigkeit“ zu implizieren. In unserem Buch ist die Frage des Geldes nur Aufhänger und Ausgangspunkt, nicht der Kern. Deshalb heisst das Buch auch ganz bewusst „Goodbye Kapital“ und nicht „Goodbye Geld“. Die Frage nach dem Geld haben wir „nur“ deshalb als Ausgangspunkt genommen, weil sie im Zentrum der Massenproteste in Südeuropa stand und unseres Erachtens noch immer unbeantwortet im Raum steht.

    Euer Titel gibt auch gut die Differenz wieder, die in der Diskussion hier zu Tage trat. Ihr wollt vor allem das Kapital loswerden. Ich und "echte" Kommunisten wollen vor allem die Lohnarbeit loswerden. Das macht durchaus einen Unterschied. Selbst wenn klar ist, das das eine nicht ohne das andere möglich ist, macht das einen Unterschied. Der Unterschied besteht darin, wo jemand die revolutionären Hebel ansetzen will und wen man für diese ökonomische Revolution gewinnen will und gewinnen kann. (Siehe dazu den Dokumentenanhang)

    Andersherum ist es mühselig sich gegen Vorwürfe wehren zu müssen, die wir nirgends geschrieben haben und die dann nur in den Titel hineininterpretiert werden. Plan B wäre deshalb Marx Auseinandersetzung mit den „Stundenzettlern“ in den Grundrissen zu diskutieren. Wir könnte ggf eine neue Diskussion eröffnen und zunächst die entsprechenden Textstellen aus den MEW 42 angeben. Dann könnte man hier konkreter werden.

    Die Worte "Vorwürfe" und "sich wehren müssen" lese ich nicht gerne. Aber sei's drum. Ich war bemüht, sehr konkret und auf unsere heutigen Verhältnisse bezogen zu diskutieren. Wie wir "konkreter werden", wenn wir Marx-Texte diskutieren, erschließt sich mir nicht. Aber natürlich weiche ich auch dieser Diskussion nicht aus. Wenn ihr das startet, dann öffnet bitte einen neuen Thread.

    Plan C wäre es zu diskutieren, warum Klimakrise und ökologischer Kollaps nur jenseits von Kapitalismus, Warenproduktion, Geld und Lohnarbeit abgewendet werden können. Auf http://www.assoziation.info haben wir einige Artikel veröffentlicht, die versuchen die Kernthese unseres Buches mit der aktuellen Diskussion über die Klimakrise zu verbinden. Der längste und grundsätzlichste (Klimakrise, Reform & Revolution) ist auch Startartikel bei trend.infopartisan.net :

    http://trend.infopartisan.net/trd0819/t260819.html


    Vielleicht können wir diesen Artikel, oder auch einen der kürzeren hier als neue Diskussion posten?

    Chris

    Zur kapitalistischen Naturzerstörung steht schon einiges hier im Marx-Forum. Euren Text habe ich auf Trend-Online überflogen. Trend-online ist so etwas wie ein Schwarzes Brett, wo Texte aufgehängt werden, die auch irgendwo sonst stehen. Das Marx-Forum ist kein Schwarzes Brett, sondern ein Diskussionsforum. Ich darf also mindestens erwarten, dass hier nur originale Texte stehen, keine Kopien von Texten irgendwo im Netz. (Manchmal nehme ich mir das Recht, interessante Texte von anderen hierher zu kopieren. Ich möchte mir dieses Recht vorbehalten.)

    Also meine Bitte an Euch: Ihr könnt hier posten was und wie ihr wollt, aber bitte als selbständigen Originaltext, der genügend Inhalt enthält, dass er als Diskussionsangebot taugt. Noch schöner fände ich, wenn ihr die Gedanken die sich die Leute im Marx-Forum zur Umweltzerstörung gemacht haben, mal anseht und aus eurer Perspektive kommentiert und kritisiert.

    Eure Text können natürlich Links zu euren anderen Texten enthalten. Aber die Kenntnis fremder Texte kann und darf hier nicht Voraussetzung der Diskussion hier im Marx-Forum sein. Das gilt für Marx und auch für assoziation.info. ;)


    Ich denke, das sind faire Bedingungen oder?


    Gruß Wal


    Anhang:
    “... die ökonomische Unterwerfung des Arbeiters unter den Aneigner der Arbeitsmittel (liegt) ... der Knechtschaft in allen ihren Formen zugrunde ... – allem gesellschaftlichem Elend, aller geistigen Verkümmerung und politischen Abhängigkeit;“ (Statuten der IAA, MEW 16, 14)


    „Die deutsche Arbeiterpartei erstrebt die Abschaffung der Lohnarbeit und damit der Klassenunterschiede vermittelst Durchführung der genossenschaftlichen Produktion in Industrie und Ackerbau auf nationalem Maßstab.“ F. Engels an Bebel (1875), MEW 19, 6.


    „Die Aufgabe des Sozialismus ... ist vielmehr nur die Übertragung der Produktionsmittel an die Produzenten als Gemeinbesitz. ... Der Sozialismus richtet sich ganz speziell gegen die Ausbeutung der Lohnarbeit.“ F. Engels, Bauernfrage, MEW 22, 493.

    Hallo Philip,

    ich will dir und Chris wirklich nichts Böses. Ich teile euer Bemühen, eine gangbare (mehrheitsfähige) Alternative zu Kapitalismus, Warenproduktion, Geld und Lohnarbeit zu finden. Ich finde es auch toll, wenn in einem linken Forum kontrovers diskutiert werden kann, ohne dass sich die Beteiligten an die Gurgel gehen und jede sachliche Debatte unmöglich machen. Ich erlebe das zum ersten Mal! :thumbsup:


    Ich habe euren Ansatz so verstanden, dass ihr mithilfe der Arbeitszeitrechnung einerseits eine „gerechte Bezahlung“ (Bezahlung nach Leistung) und andererseits eine Produktionssteuerung oder Produktionsplanung erreichen wollt.

    Für beides habe ich meine Bedenken angemeldet.


    Die „gerechte Bezahlung“ ist gekancelt, sobald ein Einheitslohn gezahlt wird. Auf dem Einheitslohn will ich nicht herumreiten. Falls irgendwo nach Alternativen zum Kapitalismus gesucht werden (und ich halte es für sinnvoll, auch in einzelnen Betrieben (Genossenschaften) und in einzelnen Kommunen damit zu beginnen), falls also eine Alternative zum Kapitalismus in Sicht ist und die Leute dann Einheitslohn wollen, werde ich bestimmt keinen Stress machen. Meine Erfahrung in der Industrie (Chemie, Papier, Metall) sagt mir, dass das die wenigsten Leute wollen. Diesen Punkt können wir aber aus der Diskussion streichen. ;)


    Bleibt noch die Produktionsplanung und Produktionssteuerung mittels Arbeitszeitrechnung. Natürlich ist die Zeiterfassung da ein wichtiges Element. Aber die Zeiterfassung allein reicht nicht, wenn auf der anderen Seite nur mit Durchschnittszahlen operiert wird. Die Unterschiede in der Arbeitsproduktivität existieren nicht nur zwischen verschiedenen Branchen, sondern genauso innerhalb jeder Branche und an unterschiedlichen Produktionsstandorten und sogar zwischen verschiedenen Teams von ArbeiterInnen der gleichen Firma.

    Ja, in einer nachkapitalistischen Wirtschaft geht es um die Produktivleistung der konkret nützlichen Arbeit. Es geht darum, wie viele Produkte von welcher Sorte und von welcher Qualität in der verfügbaren Arbeitszeit hergestellt werden können. Das hängt einerseits von der Arbeitszeit, andererseits von der der Qualifikation der eingesetzten Arbeitskraft und drittens von der verwendeten Technologie ab. Alle diese drei Aspekte bestimmen Größe und Qualität des Arbeitsprodukts.

    Das heißt aber, man muss/wir müssen mit der konkret nützlichen Arbeit rechnen, die vor Ort (im jeweiligen Betrieb und in der jeweiligen Kommune) vorhanden ist. Darauf wollte ich hingewiesen haben. Die konkret nützliche Arbeit besteht eben nicht nur aus der Arbeitsdauer.


    Als drittes Problem bleibt die Frage, welchen Unterschied es macht, ob die Arbeiter mit normalem Geld oder mit Arbeitszeitgeld bezahlt werden. Ich sehe da erst mal keinen Unterschied.


    In Deutschland gibt es zur Zeit 45 Millionen Erwerbstätige, aber rund 83 Millionen Einwohner. Da bleibt noch die Frage, wie ihr die 50 Prozent der Bevölkerung, die nicht aktiv arbeiten, "bezahlen" und versorgen wollt? Und: Wieso kann die Bezahlweise für diese inaktiven Bevölkerungsteile (Junge, Alte, Kranke, Unwillige) nicht auch im Grundsatz für die ganze Bevölkerung gelten - egal ob im Arbeitsprozess aktiv oder nicht aktiv?


    Gruß Wal

    Hallo Chris, hallo Philip,

    schön, dass die Diskussion weiter geht und vorankommt! Und das Thema stößt ja auf Interesse: In der Rubrik „aktuelle Themen“ ist euer Thema heute mit 605 Zugriffen gelistet.


    Vorneweg: Ich ja bin kein grundsätzlicher Gegner der Idee „Arbeitszeitgeld“. Aber ich versuche, mir die Sache konkret vorzustellen und dann zu schauen, wo gibt es Probleme? Wo liegen die Vorteile, wo die möglichen Nachteile?


    1) Mein erstes Bedenken, dass mit der Arbeitszeitrechnung zwar Stunden notiert werden, aber eigentlich ein bestimmtes Maß an Produktion erfasst werden soll, das habt ihr auf individueller Ebene beseitigt, aber das Problem bleibt auf gesellschaftlicher Ebene bestehen.

    Wie ich in meinem Text „Arbeitszeit und Arbeitsleistung“ aufgezeigt habe, unterscheidet sich die Arbeitsproduktivität von Arbeiter zu Arbeiter, von Branche zu Branche und von Produktionsort zu Produktionsort.


    Eure Antwort darauf: Arbeiter mit unterschiedlicher Produktivität würden die gleiche Vergütung bekommen. In der Praxis läuft das auf einen Einheitslohn hinaus: Gleiche Bezahlung für Alle.

    Das ist ein neues Fass. Ich weise nur darauf hin, dass es unter den meisten Arbeiterinnen und Arbeitern einen (wie ich glaube: berechtigten) Widerwillen gegen gleiche Bezahlung für Alle existiert. Da liegen sie mit Marx auf einer Linie, der schrieb: „... Ich muss diese Gelegenheit zu der Feststellung benutzen, dass, genauso wie die Produktionskosten für Arbeitskräfte verschiedener Qualität nun einmal verschieden sind, auch die Werte der in verschiedenen Geschäftszweigen beschäftigten Arbeitskräfte verschieden sein müssen. Der Ruf nach Gleichheit der Löhne beruht daher auf einem Irrtum, ist unerfüllbarer, törichter Wunsch.“ K. Marx, Lohn, Preis und Profit, MEW 16, 131.


    Gleiche Bezahlung für Alle ist so ziemlich das Gegenteil von Kommunismus, wo jeder „nach seinen Bedürfnissen“ bekommen soll. Und ich kann mir nicht vorstellen, wieso solche „Gleichheit“ zu diesem ganz "ungleichen" Kommunismus führen soll oder führen kann.


    Das Problem der unterschiedlichen Produktivität pro Arbeitsstunde wird durch den Einheitslohn erstmal beseitigt, taucht aber sofort wieder auf, wenn es darum geht: Wie viel Produkt kann jeder Einzelne mit seinen Stundenzetteln ziehen?


    Ihr sagt:

    Quote


    Im Durchschnitt ist bekannt, wie viele Fahrräder in einer bestimmten Zeit produziert werden.

    Ein Kapitalist, der viele Fabriken an verschiedenen Standorten besitzt, kann sich mit Durchschnittswerten zufrieden geben – die gesamte Produktion wandert ja in einen einzigen Topf: seinen Geldsack.


    So eine Durchschnittsrechnung genügt jedoch keineswegs, um die Versorgung von ganz bestimmten Menschen mit ganz bestimmten Gütern an einem ganz bestimmten Ort (die eigene Kommune) zu bestimmen.

    Da, wo moderne Maschinen vorhanden sind, können vielleicht 100.000 Brote am Tag gebacken werden. Aber nicht jede Kommune hat solche Maschinen. Aber in jeder Kommune müssen die eigenen Einwohner Tag für Tag mit Brot versorgt werden.


    Wenn wir von kommunistischen Verhältnissen ausgehen, muss jede einzelne Kommune wissen, über welches Produktionspotential sie verfügt. Jede einzelne Kommune muss wissen, was sie selber an Nahrung, an Kleidung, Behausung, an Fahrzeugen und Maschinen etc. produzieren kann. Was eine Kommune nicht selber produzieren kann, das muss sie von anderen Kommunen beziehen. Dieses eigene Produktionspotential hängt aber von der Anzahl der (willigen) Arbeiter, von ihrer Qualifikation und von dem Stand der lokalen Technik ab.


    Auch wenn man wie ihr einen zentralistischen (?) Blick auf die Produktion richtet, muss man wissen, wieviel wird in der Kommune A, wieviel in der Kommune B und wieviel wird in der Kommune C von jedem einzelnen Produkt produziert werden kann und tatsächlich produziert wird – denn je nach dem muss Defizit und Überschuss zwischen den Kommunen transportiert werden. Da genügt keine Durchschnittsrechnung. Am Ort A kann Überschuss herrschen, während die Leute am Ort B verhungern. Warum? Weil der Ort A über eine höhere Produktivität verfügt als Ort B.

    „Und wenn wir dann fragen, welche Garantie wir haben, dass von jedem Produkt die nötige Quantität und nicht mehr produziert wird, dass wir nicht an Korn und Fleisch Hunger leiden, während wir im Rübenzucker ersticken und im Kartoffelschnaps ersaufen, dass wir nicht Hosen genug haben, um unsere Blöße zu bedecken, während die Hosenknöpfe millionenweise umherwimmeln – so zeigt uns Rodbertus (dt. Ökonom, 19. Jh.) triumphierend seine famose Rechnung, wonach für jedes überflüssige Pfund Zucker, für jedes unverkaufte Fass Schnaps, für jeden unannähbaren Hosenknopf der richtige Schein ausgestellt worden ist, eine Rechnung, die genau ,aufgeht‘, nach der ,alle Ansprüche befriedigt werden und die Liquidation richtig vermittelt‘ ist.“ F. Engels, Vorwort zu Marx’ Schrift, „Elend der Philosophie“, MEW 21, 182.


    2) Ich muss aber noch ein weiteres Fass aufmachen:

    Was ändert sich eigentlich für die Arbeiter durch das Arbeitszeitgeld? Inwiefern stellen sie sich besser als im Kapitalismus? Ja, ist das Arbeitsgeld nicht immer noch ein Lohnsystem? Wenn ja, dann ist die Lohnarbeit nicht abgeschafft, sondern nur verändert.

    Auch hier versuche ich mal, möglichst konkret zu werden:

    Für die Lohnarbeiter im Kapitalismus ist das Geld kein Kapital, sondern das Verteilungsmittel, das ihnen den Zugang zum Konsum erlaubt. Konsum ist für sie nichts anderes als Reproduktion = Erhaltung ihres Lebens.

    Es gibt da einen Geldbesitzer. Zu dem gehen die Arbeiter und verkaufen ihre Arbeit(skraft). Dafür erhalten sie Geld und von dem Geld kaufen sie sich ihre Lebensmittel (im weitesten Sinne). Also arbeiten die Arbeiter für Lohn.

    In der Formel von Marx:
    W (Arbeitskraft) - Geld. Geld - W (Konsum). Oder kurz: W (Arbeitskraft) - W (Konsum), wobei Geld nur der Vermittler ist.

    Und im Arbeitszettelsystem?

    W (Arbeitskraft) - Arbeitszettel. Arbeitszettel - W (Konsum). Kurz: W (Arbeitskraft) - W (Konsum), wobei die Arbeitszettel die Funktion von Geld haben, nämlich Vermittler zwischen den verschiedenen Warensorten W und W.

    Die Arbeiter bieten ihre Arbeitskraft an und erhalten dafür Arbeitszettel. Mit den Arbeitszetteln gehen die Arbeiter einkaufen. Damit sie wissen, was und wieviel sie davon kaufen können, muss dann auf jedem einzelnen Produkt der „Arbeitszeitwert“ stehen. Also Arbeiten die Arbeiter für "Arbeitswerte", denn nur durch Arbeitswerte können sie ihren Lebensunterhalt sichern. Die Arbeitswertzettel erfüllen für die Arbeiter alle Funktionen, die vorher das Geld erfüllt hat. Die Arbeitswertzettel sind tatsächlich der Arbeitslohn.


    Aus Sicht der Arbeiter finde ich keinen Unterschied zwischen dem Lohn in Gestalt des Geldes und dem Lohn in Gestalt von Arbeitszetteln. Die Arbeitszettel sind nur eine andere Form des Geldes, aber im wesentlichen sind sie Geld. Sie fungieren als Lohn – als Bezahlung der Arbeitskraft, die eine bestimmte Zeit angewandt worden ist.


    Den einzigen Unterschied zu kapitalistischem Geld finde ich darin, dass die Arbeitszettel nicht akkumuliert werden können, nicht verliehen werden können, und deshalb nicht als Kapital fungieren können.

    So gesehen ist das Konzept „Arbeitsgeld“ antikapitalistisch. Aber es ist eben nicht kommunistisch in dem Sinne, dass die Lohnarbeit beseitigt ist und ich sehe auch keinen Fortschritt für die Arbeiter in Richtung Kommunismus.


    Gruß Wal


    Siehe auch Karl Marx über Arbeitsgeld

    https://marx-forum.de/marx-lex…exikon_a/arbeitsgeld.html

    Die Vorstellung von der Arbeiterklasse die als einheitliche Größe dem Kapital gegenübersteht, betrifft nur eine Grundgemeinsamkeit: Als Lohnarbeiter besitzt du keine Existenzmittel. Um leben zu können, musst du deine Arbeitskraft verkaufen und über den Preis deiner Arbeit und über die Bedingungen deiner Arbeit mit den Kapitalisten feilschen.

    In der eigenen Erfahrung der Lohnarbeiter sind sie und ihre Kolleginnen und Kollegen alles andere als einheitlich. Es gibt da dutzende von Trennlinien: Nationalität, Geschlecht, Alter, Unternehmensgröße, Unternehmenszugehörigkeit, Teilzeit- oder Vollzeitvertrag und vieles mehr.

    Der erste Unterschied liegt immer in der Berufsausbildung, der Qualifikation. In Wikipedia heißt es dazu: „Gerade in Deutschland stellt die formelle schulische und berufliche Qualifikation ein zentrales Element in der Platzierung auf dem Arbeitsmarkt dar;“


    „Platzierung auf dem Arbeitsmarkt“ heißt: Mit hoher Qualifikation (Hochschulabschluss) hast du die Chance auf ein einigermaßen erträgliches Arbeitsleben mit einem Lohn („Entgeld“), der für ein bequemes Leben reicht.

    Mit mittlerer Qualifikation (Berufs- und Fachschulabschluss) sind deine finanziellen und sonstigen Möglichkeiten schon sehr beschränkt.

    Ohne eine Berufsausbildung hast du die Arschkarte gezogen. Selbst wenn du eine Arbeit findest, reicht dein Lohn kaum bis zum Monatsende.



    Die Übersicht zeigt:

    Arbeitsplätze, für die das Kapital Hochschulabschlüsse fordert, sind seit 1983 von 10% auf knapp 30% aller Arbeitsplätze gestiegen.

    Arbeitsplätze, für die das Kapital eine Lehre oder einen Fachschulabschluss fordert, stellen wie 1983 immer noch 50% aller Arbeitsplätze.

    Arbeitsplätze, die keine außerbetriebliche Ausbildung erfordern, wurden von den Kapitalisten in den letzten 30 Jahren um die Hälfte vermindert. Diese Arbeitsplätze wurden noch Osteuropa oder Asien exportiert.


    Und dennoch gibt es auch im Lohnarbeiteralltag elementare Gemeinsamkeiten:

    Trotz ständiger Konkurrenz der Lohnarbeiter untereinander sind alle Abteilungen der Lohnarbeit wie kommunizierende Röhren miteinander verbunden.

    Werden an einer beliebigen Stelle Löhne gekürzt, dann sinkt die gesellschaftliche Lohnsumme – der Preis der Lohnarbeit ist insgesamt gesunken. Spätestens nach einem Wechsel des Arbeitsplatzes ist jeder von einer solchen Lohnsenkung bedroht.

    Werden für irgendeine Gruppe von Lohnarbeitern die Arbeitsbedingungen verschlechtert oder ihre Rechte verringert, dann hat sich die Situation der Lohnarbeit insgesamt verschlechtert, dann wurden die Lohnarbeiterrechte verringert.


    Dass sich zum Beispiel Lohnabhängige in Deutschland für Textilarbeiterinnen in Bangladesch einsetzen, darin zeigt sich eine länderübergreifende Solidarität der Lohnarbeiter. Das ist Klassenbewusstsein und auch die Solidarität mit Flüchtlingen ist Klassenbewusstsein.

    Pro Arbeitsstunde schafft die Lohnarbeit ganz unterschiedliche Wertgrößen. Das hat wenig mit unterschiedlichen Löhnen, aber viel mit der unterschiedlichen Arbeitsproduktivität zu tun.


    „Das zur Produktion einer Ware notwendige Arbeitsquantum wechselt ständig mit dem Wechsel in der Produktivkraft der angewandten Arbeit. Je größer die Produktivkraft der Arbeit, desto mehr Produkt wird in gegebener Arbeitszeit verfertigt, und je geringer die Produktivkraft der Arbeit, desto weniger.“ K. Marx, Lohn, Preis und Profit, MEW 16, 126.


    Die Unterschiede in der Arbeitsproduktivität zeigen sich von Jahr zu Jahr in der Veränderung einer ganzen Volkswirtschaft. Die Unterschiede in der Arbeitsproduktivität werden auch sichtbar in der verschiedenen Produktivität einzelner Branchen.


    Siehe dazu die Tabelle:


    Branche in Deutschland

    Wertproduktion pro Stunde
    in Euro (Jahr 2000)



    Häusliche Dienste

    12,12



    Land- und Forstwirtschaft

    13, 56



    Hotel und Restaurants

    13,57



    Bau

    20,58



    Gesundheitswesen

    20,89



    Handel und KFZ-Reparatur

    22,55



    Bergbau

    27,46



    Logistik

    27,70



    Staatsdienst und Sozialversicherung

    29,46



    Bildung

    31,39



    Unterhaltung

    32,61



    private Dienstleister

    32,61



    Durchschnitt Gesamtwirtschaft

    32,94



    Verarbeitendes Gewerbe (Industrie)

    37,63



    Unternehmensdienstleistung

    38,21



    Finanzen und Versicherungen

    41,35



    Wasserversorgung

    47,65



    Kommunikation

    55,36



    Energieversorgung

    73,57



    Immobilien

    350,93




    Datenquelle: DIW Berlin 2019


    Im Durchschnitt der deutschen Wirtschaft lieferte im Jahr 2000 eine Lohnarbeitsstunde einen neuen Produktionswert von 32,94 Euro. Die Brutto-Arbeitskosten betrugen damals pro Stunde 15,75 Euro. Also blieben für das Kapital pro Arbeitsstunde 17,19 Euro Mehrwert oder Gewinn.*


    Diese Zahlen unterscheiden sich jedoch erheblich je nach den einzelnen Branchen in Deutschland.

    Die häuslichen Dienste basieren weitgehend auf Handarbeit und liefern deshalb auch nur ein Arbeitsprodukt von gut 12 Euro die Stunde. In der Industrie (verarbeitendes Gewerbe) liegt das Arbeitsprodukt pro Stunde dagegen bei 37,63 Euro.

    Den höchsten Einsatz von technischen Anlagen (konstantem Kapital) gibt es bei Kraftwerken und Stromnetzen. Deshalb ist dort die Wertproduktion pro Stunde am höchsten (73,57 Euro).

    In die Wertproduktion der Immobilienbranche gehen alle Baukosten ein, aber auch der Preis für Grund- und Boden. Sie enthält aber auch fiktive Gewinne („Wertsteigerung“).


    Die Entwicklung der Arbeitsproduktivität liefert ein größeres oder ein besseres Produkt. Diese Produktvermehrung fällt zunächst an den Kapitalisten.

    „Die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, innerhalb der kapitalistischen Produktion, bezweckt, den Teil des Arbeitstags, den der Arbeiter für sich selbst arbeiten muss, zu verkürzen, um gerade dadurch den anderen Teil des Arbeitstags, den er für den Kapitalisten umsonst arbeiten kann, zu verlängern.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 339f.

    Die Produktvermehrung kann aber auch zwischen Kapital und Lohnarbeit verteilt werden. Dadurch können reale Lohnsteigerungen bei gleichzeitigem Anwachsen des kapitalistischen Gewinns erreicht werden.

    Erhöhung der Produktivität der Arbeit geht in der Regel nur Einsatz von Maschinerie und modernere Technik.

    „Mit gegebenen Mitteln kann ein Schuster z. B. ein Paar Stiefeln in einem Arbeitstag von 12 Stunden machen. Soll er in derselben Zeit zwei Paar Stiefel machen, so muss sich die Produktivkraft seiner Arbeit verdoppeln, und sie kann sich nicht verdoppeln ohne eine Änderung in seinen Arbeitsmitteln oder seiner Arbeitsmethode oder beiden zugleich. Es muss daher eine Revolution in den Produktionsbedingungen seiner Arbeit eintreten, d. h. in seiner Produktionsweise und daher im Arbeitsprozess selbst.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 333.



    Die Steigerung der Arbeitsproduktivität führt im Kapitalismus zu einem Anwachsen des konstanten Kapitalteils (Maschinerie, Enregie, Rohstoffe etc.) auf Kosten des variablen Kapitalteils (Lohnsumme). Das führt zu massenhafter Arbeitslosigkeit und zum Sinken der kapitalistischen Profitrate (=Verhältnis des Gewinns zum investierten Gesamtkapital).


    „Kein Kapitalist wendet eine neue Produktionsweise, sie mag noch so viel produktiver sein oder um noch so viel die Rate des Mehrwerts vermehren, freiwillig an, sobald sie die Profitrate vermindert. Aber jede solche neue Produktionsweise verbilligt die Waren. Er verkauft sie daher ursprünglich über ihrem Produktionspreis, vielleicht über ihrem Wert. Er steckt die Differenz ein, die zwischen ihren Produktionskosten und dem Marktpreis der übrigen, zu höheren Produktionskosten produzierten Waren besteht. Er kann dies, weil der Durchschnitt der zur Produktion dieser Waren gesellschaftlich nötigen Arbeitszeit größer ist als die mit der neuen Produktionsweise nötige Arbeitszeit. Seine Produktionstechnik steht über dem Durchschnitt der gesellschaftlichen. Aber die Konkurrenz verallgemeinert sie und unterwirft sie dem allgemeinen Gesetz. Dann tritt das Sinken der Profitrate ein ..., das also ganz und gar unabhängig ist vom Willen der Kapitalisten.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 275.


    * Wer 15,75 Euro für die Lohnarbeit und 17,19 Euro für das Kapital pro Stunde nicht für Ausbeutung, sondern für eine fast gemütliche Teilung hält - jede Seite bekommt rund die Hälfte - der sei daran erinnert, dass die 17,19 pro Stunde an nur 10% der deutschen Bevölkerung, aber die 15,75 Euro an 90% der deutschen (lohnabhängigen) Deutschen geht, und dass das Kapital die 17,19 ohne eigene Arbeit und ohne eigene Kosten erhält.

    Hallo Philip,

    schön, wenn hier noch eine gründlichere Debatte in Gang kommt. Auf den Beitrag von bke hatte ich auch deshalb nicht geantwortet, damit das schmale Pflänzlein der Diskussion nicht durch zuviel Beiträge von meiner Seite erstickt wird.

    Jedenfalls stößt das Thema auf Interesse. In der Liste "aktuelle Themen" sieht man, dass euer Thema bis heute 480 mal angeklickt worden ist.


    Ich beginne mal mit deiner letzten Antwort und komme dann noch auf deinen ersten Beitrag zurück.

    An dem Mail-Link habe ich mal herumkorrigiert. Probier mal aus, ob er jetzt geht! Auch Chris kann als Autor des Textes Korrekturen anbringen.

    Hallo Wal, du schreibst

    Wal Buchenberg wrote:

    individuelle Zeiterfassung [ist] sehr aufwändig

    Da es um 'Stundenzettel' geht vermute ich, dass du das Erfassen der individuellen Gesamtarbeitszeit meinst!? Also die Zeit, die jemand in einer bestimmten Zeitspanne, beispielsweise an einem Tag, in der Woche oder im Jahr arbeitet. Warum hältst du das für sehr aufwändig? Der Zeitlohn ist doch eine gängige Methode zur Messung der Arbeitsleistung mit der Uhr. Warum sollte das in einer anderen Gesellschaft schwieriger sein?

    Nein, die Stundenerfassung halte ich nicht für schwierig. Das ist so einfach, dass es jeder Arbeitende auch selbst machen könnte, und dann am Ende des Tages oder der Woche die Menge seiner Arbeitszeit irgendwo eintragen oder melden könnte.

    Ich sehe die Schwierigkeit an ganz anderer Stelle. Nehmen wir mal den Stundenlohn als Beispiel: Da wird eine bestimmte Geldmenge pro Stunde vereinbart und das dann mit der Anzahl der Stunden malgenommen. Für kapitalistische Zwecke reicht das völlig aus.

    Dieser Stundenlohn ist im Kapitalismus sichtbar und berechenbar. Der Stundenlohn enthält aber nur die bezahlte Arbeitszeit. Der Stundenlohn enthält nur das, was der Arbeiter an Bezahlung (Bezahlung = Konsum) bekommt.

    Wie viel der Kapitalist pro Arbeitsstunde bekommt, das weiß der Arbeiter nicht. Er kennt nicht seine unbezahlte Arbeitszeit, deren Werte sich der Kapitalist als Mehrwert aneignet. Und der Arbeiter kennt im Kapitalismus nicht, wieviel Gesamtwert er an einem Tag, in einer Woche oder in einem Monat erarbeitet.


    Ihr sagt nun: Wir bieten den Arbeitern eine gerechtere Bezahlung. Aber wonach richtet sich eure gerechtere Bezahlung? Ihr sagt: Wir bezahlen nach individueller Leistung. Ich behaupte, das ist eine höchst komplizierte Angelegenheit - ob es gerechter ist, steht noch auf einem anderen Blatt. Darauf gehe ich erst mal nicht ein.

    Quote

    Der Zeitlohn ist doch eine gängige Methode zur Messung der Arbeitsleistung mit der Uhr.

    Das ist nicht richtig. Mit der Uhr kann man nur die Arbeitszeit messen, nicht die Arbeitsleistung. "Bezahlung nach Leistung" hat ja wenig mit der Anzahl der Arbeitsstunden zu tun, aber sehr viel mit der Geschicklichkeit, der vorhandenen Technologie, dem Einsatzwillen ("Fleiß") usw. Die Verteilung verteilt ja nicht Stunden oder Arbeitszeit, sondern ein Arbeitsprodukt. Die Menge und Qualität des Arbeitsproduktes kann nicht mit der Uhr gemessen werden.

    "Bezahlung nach Leistung" funktioniert eigentlich nicht bei Stundenlohn, sondern eher bei Akkordlohn. Wer "nach Leistung" bezahlen will, landet früher oder später beim Akkordlohn - das ist mein erstes Bedenken.


    Mein zweites Bedenken bezieht sich auf die Vergleichbarkeit von verschiedenen Arbeitsleistungen.

    Nehmen wir als Beispiel die Fahrradproduktion. Da gibt es einerseits eine Manufaktur, die in der Woche zwei Fahrräder herstellt, weil sie fast alles von Hand machen. Außerdem gibt es eine moderne Fabrik, die mit der selben Arbeiteranzahl in der Woche zehn Fahrräder herstellt.

    Wie werden nun die jeweiligen Arbeiter in eurem System entlohnt? Bekommen die Fabrikarbeiter fünfmal soviel Lohn wie die Manufakturarbeiter? Ihre Arbeitsleistung ist schließlich fünfmal höher.


    Mein drittes Bedenken: Man kann immer nur das verteilen, was vorher produziert worden ist. "Verteilung nach Leistung" ist eine Verteilung nach Menge oder, kapitalistisch gesprochen, eine Verteilung nach Wert. Der Wert oder die Gesamtmenge der gesellschaftlichen Arbeit ist aber nicht im vorhinein bekannt. In dem Beispiel von eben haben wir eine Gesamtproduktion von 12 Fahrrädern. Nur diese zwölf Fahrräder können verteilt werden. Sobald aber die Arbeiter der modernen Fabrik sehen, dass die Manufakturarbeiter ebensoviel von den Fahrrädern abbekommen wie sie - sie haben ja eben so lang gearbeitet, wird ihre Arbeitsleistung schnell sinken.

    Kurz: Die Gesamtproduktionsmenge muss bekannt sein, bevor es ans Verteilen geht. Man kann nur das Verteilen, was produziert worden ist. Die Gesamtproduktionsmenge ist aber nicht im vorhinein bestimmbar.

    Die Gesamtproduktionsmenge hängt vor allem von der gesellschaftlichen Arbeitsproduktivität ab. Und die Arbeitsproduktivität hängt von vielen Faktoren ab, die wir teils nicht kennen und auf die wir teils keinen Einfluss haben:
    „Die Produktivkraft der Arbeit ist durch mannigfache Umstände bestimmt, unter anderen durch den Durchschnittsgrad des Geschickes der Arbeiter, die Entwicklungsstufe der Wissenschaft und ihrer technologischen Anwendbarkeit, die gesellschaftliche Kombination des Produktionsprozesses, den Umfang und die Wirkungsfähigkeit der Produktionsmittel und durch Naturverhältnisse.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 54.


    Die individuelle Arbeitsleistung = Arbeitsstunden mal individuelle Arbeitsproduktivität.

    Die gesellschaftliche Arbeitsleistung = Gesamtarbeitszeit mal gesellschaftliche Arbeitsproduktivität.

    Die Arbeitszeit ist (auch nur als Absicht!) im Vorhinein bekannt und damit planbar. Aber die individuelle wie gesellschaftliche Produktion hängt eben nicht nur von der Arbeitszeit, sondern in entscheidenderem Maße von der jeweiligen Arbeitsproduktivität ab. Ein Verteilungssystem mit Stundenzetteln hat die Arbeitsproduktivität nicht oder zu ungenau "auf dem Zettel".


    Das sind erstmal meine Bedenken.


    Gruß Wal


    Siehe auch:

    Arbeitszeit und Arbeitsleistung

    Die Protestbewegung in Hongkong richtet sich nicht allein gegen ein neues Auslieferungsgesetz. Die Protestbewegung in Hongkong wird nicht allein von Studentinnen und Studenten getragen. Die Hongkonger haben Angst vor der Zukunft.


    Die britischen Kolonialisten hatten ursprünglich nur die Insel Hong Kong besetzt, aber 1898 noch die „New Territories“ im Norden für 100 Jahre gepachtet. Durch den ständigen Zuzug billiger Arbeitskräfte vom chinesischen Festland war Hongkong zu einem „asiatischen Tiger“ aufgestiegen.


    Als die Rückgabe der gepachteten Gebiete näher rückte, war längst klar, dass auch Hong Kong-Island für die britischen Kolonialisten nicht haltbar war. Sie gaben 1998 die gesamte britische „Kronkolonie“ an China zurück.

    Durch die Rückgabe an China tauschten die Hongkonger eine Kolonialmacht durch eine andere. Der Hongkonger Pass war wenig wert. Sowohl Großbritannien wie die VR China waren für sie Ausland, das nur mit Visum bereist werden durfte. Für die Hongkonger war die Übergabe an die VR China ungefähr so, als wenn im Jahr 1989 Westdeutschland nach dem Motto "Ein Land - zwei Systeme" unter Ostberliner Herrschaft geraten wäre.


    Durch das neue „Grundgesetz der Sonderverwaltungszone Hongkong“ bekamen die Hongkonger mehr demokratische Rechte, als sie unter den Briten besessen hatten und erst recht mehr, als die chinesischen „Mainlanders“ besaßen. Im Vertrauen auf ihren wirtschaftlichen Einfluss machten sich die Hongkonger zunächst wenig Sorgen um die Zukunft.


    In den 1980er und 1990er Jahren, als ich in China lebte, gab es kaum ein großes Hotel, in dem nicht Hongkonger die mittleren Führungsebenen besetzten, und zwei Drittel des Kapitals, das den kometenhaften Aufstieg Chinas seit der Politik der „Öffnung“ ermöglichte, kam aus Hongkong oder über Hongkong.


    1998 stellte Hongkong 15 Prozent der gesamten Wirtschaftskraft Chinas und mehr als die Hälfte aller Containertransporte von und nach China nahm ihren Weg durch Hongkong. Die Hongkonger fühlten sich nicht nur wirtschaftlich den „Mainlanders“ überlegen. Für die Hongkonger waren alle Chinesen Hinterwäldler, die sie ähnlich herablassend behandelten wie Ostdeutsche von Wessis behandelt werden.

    Aber mit dem Aufstieg von Guangzhou und von Shanghai verlor Hongkong immer mehr an Bedeutung.



    Heute erwirtschaften die Hongkonger nur noch 3 Prozent der Wirtschaftskraft Chinas und bewegen nur noch ein einziges Prozent der Container im chinesischen Außenhandel. Dieser relative Abstieg Hongkongs beruhte allein auf dem schnelleren Aufstieg Chinas, nicht auf einem wirtschaftlichen Rückgang Hongkongs.

    Das ist der Hintergrund, der den Hongkonger Sorgen bereitet. Weder stehen den Hongkonger Absolventinnen und Absolventen wie früher alle Firmentüren in China offen. Hongkonger werden nicht mehr wie seit den 1960er Jahren mit einem „goldenen Löffel“ im Mund geboren. Sie machen sich berechtigte Sorgen, dass sie nach dem Verlust ihrer wirtschaftlichen Privilegien auch ihre politischen Rechte verlieren werden.

    Um die Jahrtausendwende konnte man sich noch einbilden, dass Hongkong zum kapitalistischen Hefeteig wird, der das staatssozialistische China umformen und verwandeln wird. Heute wissen die Hongkonger, dass sie ohne Gegenwehr auch ihre politischen Sonderrechte verlieren werden. Dass die „Regenschirmproteste“ in Hongkong von den USA initiiert oder gesteuert würden, ist schlechte Propaganda. Das chinesische Festland ist ökonomisch so erfolgreich und politisch so gefestigt, dass die Mehrzahl der Festlandschinesen selbst den Einsatz von Militär gegen die ungeliebten und unbotmäßigen Hongkonger tolerieren dürfte.


    Außerhalb von China sieht die Sachlage völlig anders aus. Alle, die Chinas Aufstieg zur Supermacht beobachten, machen sich Gedanken, zu welchen Mitteln der neue Oberherr greifen wird. Anzunehmen ist: wer die eigenen Landsleute unterdrückt, der wird auch die restliche Welt nicht mit Samthandschuhen anfassen.

    Der „Economist“ sorgt sich, dass die demokratischen Staaten des entwickelten Kapitalismus unregierbar werden.

    In vielen westlichen Ländern haben die Regierungen nur eine knappe oder keine parlamentarische Mehrheit. Das zwingt sie entweder dazu, Neuwahlen auszurufen oder langwierige Koalitionsverhandlungen mit Parteien zu führen, die auch nur eine geringe Unterstützung bei Wahlen erhalten haben. Der Einfluss der großen „Volksparteien“ schwindet dahin. Sie verlieren sowohl Mitglieder wie Wählerstimmen. Und fast überall da, wo mit Mühe eine Regierung installiert wurde, lähmen sich die Regierungsmitglieder gegenseitig. Die Unfähigkeit des britischen Parlaments, zu tragfähigen Entscheidungen zu kommen, ist in vielen westlichen Parlamenten und Parteizentralen spürbar.

    All das trifft zu, aber macht das die Länder der kapitalistischen Kernzone „unregierbar“?

    Ich denke, all diese Merkmale beweisen höchstens eine Regierungsschwäche. Sie zeigen, dass unsere politischen Eliten unfähig zum Regieren geworden sind.


    In den 1970er Jahren, als ich und viele ältere Linke politisch sozialisiert wurden, war die Welt viel stärker in Bewegung. Es gab den bewaffneten Befreiungskampf in der Dritten Welt, es gab wilde Streiks in den Fabriken, und in den Straßen formierte sich Protest gegen Rassismus und Chauvinismus, gegen Atomkraft und gegen Aufrüstung.
    All diesen sozialen Bewegungen standen stabile Staatsorgane gegenüber. Bis auf wenige Tage in Paris während des Mai 1968 zweifelten die politischen Machthaber nicht an ihrem Regierungsauftrag. Und falls doch ein Regierungschef wie Willy Brandt ins Grübeln kam, konnte er schnell durch entschlossenere Figuren, durch einen Helmut Schmidt, ersetzt werden.

    Wir erleben heute in vielen westlichen Ländern unentschlossene und uneinige Regierungen, die aber kaum durch Massenbewegungen herausgefordert werden.


    Was heutige Regierungen verunsichert und ratlos macht, ist der Nebel, der über der künftigen wirtschaftliche Entwicklung liegt. Solange die Wirtschaftswachstumsraten hoch waren, war das Regieren einfach. Man wollte alles größer, man wollte von allem mehr: Die Produktion, die Löhne und Renten, die Profite – alles kannte nur eine Richtung: nach oben.


    Inzwischen sind die Wachstumsraten chronisch niedrig. Wir stehen plötzlich vor hunderten Scheidewegen: Entweder Atomkraft oder erneuerbare Energien, entweder mehr Kohle, mehr Autos, mehr Lebensmittelfabriken oder gesündere Umwelt. Entweder mehr (junge) Immigranten oder ein Wachstumsrückgang in der alternden Gesellschaft. Entweder noch höhere Schuldenberge oder Sparsamkeitspredigten. Entweder noch größere Steuergeschenke an Kapitalisten oder noch mehr Kapitalflucht in eine globalisierte Welt.

    In dieser chronisch kriselnden Welt gibt es keine einfachen Entscheidungen mehr. Davon können auch die Linksparteien ein Liedchen singen. Sie blamieren sich ein ums andere Mal genauso wie die Mainstream-Parteien.


    Die kapitalistische Welt ist von einer Lähmung befallen, die ihren Ursprung im geschwächten Kapitalkreislauf hat. Diese Lähmung zeigt sich in den politischen Schaltzentralen und in der staatlichen „Muskulatur“. Diese praktische Lähmung und politische Verunsicherung führt dann zu ständigen Gesetzesverschärfungen und zu dauernden Rufen nach staatlicher Aufrüstung und zu intensiverer Überwachung.


    Es ist eine Welt ohne Ausweg.


    Wal Buchenberg, 3. August 2019


    Siehe auch:



    Parteien sind out!


    Demokratie statt Diktatur - ja, und was dann?

    Kapitalismus und Demokratie


    Die kommende Krise


    Finale Krise des Kapitalismus?


    Die Krise der (Staats)Linken ist unheilbar

    In Großbritannien haben soeben 0,24 Prozent der Briten – nämlich die Mitglieder der Konservativen Partei - Boris Johnson als neuen Regierungschef bestellt. Bei einem so erlesenen Elektorat sollten wir eigentlich erwarten, dass der Erwählte ein typischer Vertreter der britischen Elite ist. Von seiner Herkunft passt das. Johnson „comes from a clever, pushy clan of journalists and politicians.“ (Economist).

    Aber Johnson ist ein so untypischer Vertreter der Elite, dass er gerade darum gewählt worden ist. Das Denkblatt der britischen Elite, der „Economist“ schreibt: „Mr. Johnson has become prime minister largely because he is an entertaining fellow hwo, on television and in print, makes people laugh.“

    Ansonsten halten sich seine Qualifikationen in Grenzen: “And although he is in great demand as an after-dinner speaker, his parliamentary performance have underwhelmed.”
    Was Comedians auf öffentlichen Bühnen sind, sind “after-dinner speakers” in privaten Gesellschaften. Sie werden dafür bezahlt, dass sie eine steife Gesellschaft mit unterhaltsamen Geschichten auflockern.

    Was erwarten also die Torys von ihrem Boris Johnson?

    Wie eine Umfrage unter den Mitgliedern gezeigt hat, ist ihnen eigentlich alles wurst. Boris Johnson soll bloß Wahlen gewinnen – vor allem gegen den Sozialdemokraten Jeremy Corbyn.

    Die steifen britischen Konservativen verstecken sich hinter einem Pausenclown.


    Die Wirtschaftsmeldungen stimmen mies. Die Autoindustrie gerät in den Abwärtssog. Die Umrüstung auf E-Autos wird das noch beschleunigen, weil in den „Stromern“ weniger Wertschöpfung in den Autowerken geschaffen wird und fast 10.000 Euro in den zugekauften Batterien steckt.
    Die Kunststoffindustrie befürchtet eine ähnlich säkulare Depression wg. der „Verteufelung“ von Kunststoffen.
    Auch die Maschinenbauer jammern – teils weil sie als Autozulieferer auf die schiefe Bahn abwärts geraten, teils weil das China-Geschäft nicht mehr so schnell expandiert wie früher.
    Dazu kommen weltweite Handelskonflikte, die – falls überhaupt – nicht rasch beseitigt und gelöst werden können.

    Im Aufwind sind da Beraterfirmen und Dienstleister, die Großanlagen in der Chemie, der Lebensmittelindustrie aber auch bei Stahl und Papier warten und instand setzen. Viele dieser Anlagen sind die (sieben) Jahre gekommen und benötigen eine Generalüberholung. Dafür müssen sie jedoch gestoppt werden.

    Die FAZ titelt: „Sind die fetten Jahre vorbei?“ und fragt: „ob es das war mit den sorglosen Zeiten in Deutschland, in denen die Umsätze, Gewinne und Beschäftigung nur eine Richtung kannten: die nach oben.“

    Sorglose Zeiten? Unsere Löhne werden in dieser Jubelliste nicht aufgeführt. Unsere Löhne und unsere Renten sind weit weniger angestiegen als „Umsätze, Gewinne und Beschäftigung“.

    Wenn jetzt magere Zeiten kommen, haben vor allem die großen Unternehmen haben dicke Polster. Wir Lohnabhängige nicht.


    Neben der „Realwirtschaft“ lauern noch größere Risiken in der Finanzwirtschaft. Die Gesamtverschuldung (Haushalte, Unternehmen plus Staat) beträgt in Deutschland rund das 1,7fache der Jahreswirtschaftsleistung (BSP). In Italien erreicht sie das 2,5fache in Frankreich das 3fache der jährlichen Wirtschaftsleistung. Diese hohe Verschuldung ist die Folge des „billigen Geldes“, das Resultat extrem niedriger Zinsen.

    Die Notenbanken müssen nun die Zinsen weiter niedrig halten, andernfalls wird ein Großteil der öffentlichen und privaten Schuldner in den Ruin getrieben. Deshalb nehmen die Schulden weiter zu. Damit fallen Zinsen als Marktregulativ gegen allzu risikofreudige Schuldner weitgehend aus.
    Deshalb werden die Regularien und Vorschriften der Bankenaufsicht immer länger und immer komplizierter. Was aber Nichtfinanz-Unternehmen mit ihrem gehorteten Milliarden machen, darauf hat die Bankaufsicht keinen Einfluss.


    Die Probleme im Finanzwesen nehmen zu, aber die Lösungswege werden immer enger und weniger. Niemand glaubt, dass die gegenwärtige Schuldenlast tatsächlich abgetragen werden kann. Niemand glaubt, dass die verliehenen Milliardensummen an die Kreditgeber zurückfließen werden. Aber jeder hofft, dass es andere trifft, dass andere Gläubiger in die Röhre schauen, nicht sie. Das ist Casino, nichts sonst.

    Der Alpenraum ist vom Klimawandel doppelt so stark betroffen wie das übrige Deutschland. Seit 1970 stieg die Durchschnittstemperatur in den meisten Region Deutschlands um ein Grad, in den Bergen aber um zwei Grad. Mit jedem Grad Durchschnittserwärmung verschieben sich die normalen Vegetationszonen um 200 bis 300 Kilometer nach Norden. In den Bergen verschieben sich die Lebensräume der alpinen Pflanzen und Tiere mit jedem Grad Erwärmung um 200 Höhenmeter nach oben. Das sind tiefgreifende Veränderungen, an die sich Fauna und Flora nicht anpassen können.


    Besonders stark wirkt die Erderwärmung im Herbst und Winter. Gleichzeitig steigen die Niederschläge im Winter an, während die Sommer durch Trockenheit geprägt werden.

    All diese Veränderungen werden durch die großräumige kapitalistische Landwirtschaft mit hohem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und von Kunstdünger weiter verschärft. In Bayern sind schon mehr als 900 Tierarten ausgestorben. 40 Prozent der Pflanzen- und Tierarten sind bedroht.

    In den Alpen sind nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern die Bergwelt selbst bedroht durch verstärkte Erosion, durch Verschwinden der Gletscher und durch den Wechsel von Wassermangel mit Überschwemmung.

    Quelle



    Siehe auch:

    Die Alpen sprechen zu uns ...

    Die Professoren Ulrich Brand (Uni Wien) und Markus Wissen (HWR Berlin) nennen das „imperiale Lebensweise“: »Insgesamt leben die allermeisten Menschen hierzulande auf Kosten der Natur und der Arbeitskräfte anderer Regionen in Europa und im globalen Süden.«


    Die „imperiale Lebensweise“ macht eine linke „Welle“. Ich denke, das kommt einerseits daher, dass die „imperiale Lebensweise“ tradionelle linke Vorstellungen vom „Imperialismus“ aufgreift, und es kommt wohl andererseits daher, dass die „imperiale Lebensweise“ schön undeutlich und nebulös bleibt. Jeder findet in der Theorie etwas, das sie scheinbar bestätigt.


    Schauen wir zuerst auf die nebelhafte Begriffsbildung:

    1) Wer oder was sind die „allermeisten Menschen hierzulande“? Das ist ein journalistischer Gemeinplatz, aber kein wissenschaftlicher Begriff, der zu irgendeiner Nachprüfung anhand der Tatsachen taugt. Und von diesen „allermeisten Menschen“ wird ausgesagt, dass sie „auf Kosten der Natur und der Arbeitskräfte anderer Regionen“ leben. Das ist so richtig ein Stich ins schlechte linke Gewissen. Ich frage mich aber, welche Menschen, die nicht zu diesen „allermeisten“ gehören, leben denn NICHT auf Kosten der Natur und anderer Arbeitskräfte?

    Schauen wir erst auf die Natur!

    Marx sagte: „Der Mensch lebt von der Natur...“

    Die Natur ist unsere Existenzgrundlage. Nicht nur die „allermeisten Menschen“ leben „auf Kosten der Natur“, sondern ALLE Menschen. Und wir wissen auch längst, dass das Leben „auf Kosten der Natur“ seine zerstörerischen Seiten hat: „Und jeder Fortschritt der kapitalistischen Landwirtschaft ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebene Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit. ...

    Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter. K. Marx, Kapital I, MEW 23, 529f.


    2) Kommen wir zum nächsten Baustein der „imperialen Lebensweise“: dass die „allermeisten Menschen hierzulande auf Kosten ... der Arbeitskräfte anderer Regionen“ leben.

    Auch hier wird eine Binsenweisheit der Politischen Ökonomie zur moralischen Drohgebärde aufgebauscht: Die kapitalistische Wirtschaft treibt schon lange die Arbeitsteilung auf die Spitze und entwickelte gleichzeitig die Kooperation der Arbeitenden. Es gibt so gut wie keine individuelle Arbeit, die von Anfang bis Ende ein fertiges Produkt herstellen kann. Wir Lohnabhängigen sind keine individuellen Produzenten, sondern wir arbeiten arbeitsteilig in einem großen Produktions- und Dienstleistungskörper.
    „Das Produkt verwandelt sich (im Kapitalismus, w.b.) überhaupt aus dem unmittelbaren Produkt des individuellen Produzenten in ein gesellschaftliches, in das gemeinsame Produkt eines Gesamtarbeiters, d. h. eines kombinierten Arbeitspersonals, dessen Glieder der Handhabung des Arbeitsgegenstandes näher oder ferner stehen. ... Um produktiv zu arbeiten, ist es nun nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es genügt Organ des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine seiner Unterfunktionen zu vollziehen.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 531.


    Dieser kapitalistische Gesamtarbeiter ist längst über die nationalen Grenzen hinausgewachsen. Jeder einzelne Lohnabhängige ist nur ein winziges Glied in diesem weltweit kombinierten Gesamtarbeiter. Jeder einzelne Lohnabhängige ist in seiner Arbeit und daher auch in seinem Konsum von allen anderen Arbeitern in der ganzen Welt abhängig. Es ist aber eine schiefe Ausdruckweise, dass jeder Teilarbeiter "auf Kosten der anderen lebt". Als Teilarbeiter sind wir sowohl abhängig von allen anderen Teilarbeitern, wie auch alle anderen Teilarbeiter von uns. Jeder von uns ist ein kleiner Knotenpunkt eines Netzes, das die eigene Firma ebenso umspannt wie den deutschen Wirtschaftsraum, aber auch in alle Welt hinausgreift.

    Fakt ist, dass alle Menschen im Kapitalismus (nicht nur die Lohnabhängigen) „auf Kosten“ anderer Arbeitskräfte „leben“. Aus dieser einfachen Tatsache konstruiert die „imperiale Lebensweise“ einen moralischen Vorwurf. Soweit sich dieser moralische Vorwurf an uns Lohnabhängige richtet, ist er ebenso dumm wie sinnlos. Wir Lohnabhängige haben die kapitalistische Welt nicht so eingerichtet wie sie ist. Wir Lohnabhängige haben nur einen sehr geringen und allenfalls indirekten Einfluss darauf, was produziert wird, wie es produziert wird und wo es produziert wird.


    Fakt ist allerdings, dass der Kapitalismus mittels der Arbeitsteilung ganz unterschiedliche Lohnniveaus und damit ganz unterschiedliche Lebenslagen schafft. Diese Einkommenspyramide von vielen Armen unten und wenigen Reichen oben schafft der Kapitalismus sowohl innerhalb jeden Landes wie auch zwischen den einzelnen Ländern. Armut existiert massenhaft auch „hierzulande“. Die Herren Professoren haben offensichtlich noch nichts von HartzIV, von Langzeitarbeitslosigkeit, von Mindestlohn und von Aufstockern gehört. Die Herren Professoren wissen wohl nicht, dass im Jahr 2018 mehr als die Hälfte der Altersrentner weniger als 900 Euro brutto im Monat zur Verfügung haben. Diese Armutsrentnerinnen und -Rentner sind 9 Millionen Menschen in Deutschland. Diese Armutsrentner leben ganz gewiss auf "Kosten anderer Leute", aber sie leben ziemlich schlecht und mühselig. Armut ist keineswegs das „Privileg“ der kapitalistischen Peripherie.

    Die „imperiale Lebensweise“ vernebelt das Elend im eigenen Land und tut so, als wären "hierzulande" die „allermeisten Menschen“ wohlhabend oder gar reich. Gleichzeitig vernebelt die "imperiale Lebensweise" den krassen Reichtum in der Peripherie und tut so, als wären alle Inder arm.

    Dass Professoren an deutschen Unis wenig Kenntnis von Armut haben, wundert mich wenig. Schlimmer finde ich, dass diese Professorentheorie vom "imperialen Leben" Zustimmung und Anhänger unter Linken findet. Diese Linken haben offenbar nicht mehr Wissen von den kapitalistischen Realitäten in Deutschland als diese Professoren.


    Kurz: die „imperiale Lebensweise“ greift offensichtliche Tatsachen des entwickelten Kapitalismus auf, um daraus den „allermeisten Menschen hierzulande“ einen moralischen Vorwurf zu machen. Die Risiken und die Zerstörungen des Kapitalismus an Mensch und Natur werden den "allermeisten Menschen hierzulande" angelastet. Die „imperiale Lebensweise“ ist eine glitschige und schleimige Theorie, die allenfalls für Sonntagspredigten taugt, aber nicht für eine antikapitalistische Politik. Die „imperiale Lebensweise“ sind Fake News.


    Als Anhang ein paar Daten zur Weltarbeiterklasse, von der wir „hierzulande“ nur ein kleiner, aber wichtiger Teil sind:




    Lohnarbeiter in Deutschland:


    Was bekommen wir Lohnarbeiter von unserem Arbeitsprodukt? Was entfällt als Ausbeute an die Kapitalisten?






    In den USA herrscht eine extreme Hitzwelle und ein chauvinistischer alter weißer Mann. In Deutschland schießen Nazis auf Verwaltungsbeamte und auf Eritreer. Die deutsche Regierung krankt, aber niemand weiß woran. Soeben haben 0,24 Prozent der Briten, unser aller Vorbild für Demokratie, einen neuen Regierungschef gewählt. Das sind die, die ihre Wirtschaft lieber auf sich gestellt betrieben, aber Krieg doch lieber mit anderen zusammen führen. Die britische Regierung kapert erst ein iranisches Schiff und schreit „Ganz Euroopa ist Opfer!“, sobald der Iran den Briten mit gleicher Münze heimzahlt.

    Die Profite in den USA und die Auftragszahlen in der EU brechen ein. Die Wirtschaftskrise rückt näher. In Deutschland herrscht Engpass bei wichtigen Medikamenten und akut Kranke dürfen bald nicht mehr direkt in die Notaufnahme, sondern sollen erst mal „nach Dringlichkeit“ vorsortiert werden.

    In Asien beschießt südkoreanisches Militär einen russischen Flieger. Chinas Flotte bekommt einen heimlichen Stützpunkt an der kambodschanischen Küste. Chinas Kapital kauft sich bei der Deutschland AG ein. Die japanische Regierung versucht ein weiteres Mal Militarismus in der Verfassung zu verankern.

    Das sind einige der Themen unserer Sommerpause im Jahr 2019. Schönen Urlaub noch!

    2018 machte die erwerbstätige Bevölkerung (Lohnarbeiter 43%, kleine Selbständige 3%, Kapitalisten 1%) insgesamt 47 Prozent von allen. Das heißt die Mehrzahl (53%) der Menschen in Deutschland sind Kinder und Jugendliche vor Eintritt ins Arbeitsleben 24%), Rentner nach Ende des Arbeitslebens (22%), sowie Arme und Kranke, die von Sozialleistungen leben (7%). Quelle


    Ein nichtkapitalistisches, geldloses System in Deutschland müsste also für die Mehrzahl der Menschen, die nicht arbeiten, ein Verteilungssystem jenseits von „Arbeitszetteln“ praktizieren.

    Wenn es schon ein Verteilungssystem für die Mehrheit ohne „Arbeitszettel“ gibt, weiß ich nicht, wo der Vorteil liegen soll, die aktiven Arbeiter über ein zweites Verteilungssystem, mittels "Arbeitszettel", zu bezahlen.


    Lieber Chris,

    du hattest euer Buch hier vorgestellt mit der Feststellung, dass hier ein "geeigneter Ort für Diskussion" sei. Wann kommt denn nun die Diskussion in Gang?


    Gruß Wal

    Ich kann mir schwer vorstellen, wie bei immaterieller Arbeit der Mehrwert entsteht.

    Es gibt gar keine „immaterielle Arbeit“. Jede Arbeit setzt mehr oder minder den ganzen Körper ein. Jede Arbeit verändert in bewusster und gewollter Weise die äußere Natur – und wenn es nur bestimmte Schallwellen sind, die eine Sängerin erzeugt.

    Karl Marx: „Die Arbeit ist zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eigenes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigene Natur.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 192.

    Du suchst gleich nach dem Mehrwert. Der Mehrwert ist ein normaler oder notwendiger Bestandteil des Werts. Die Produktion von Mehrwert lässt sich nur verstehen, wenn man die Produktion von Wert verstanden hat.


    Ab wann produziert ein Arbeiter, wenn er zum Beispiel ein Buch schreibt, was ich als geistige Arbeit beschreiben würde, Mehrwert?

    Ein Autor schreibt kein „Buch“. Ein Autor schreibt einen Text. Im Schreiben setzt er auch mehr ein als nur sein Hirn – und selbst das Hirn ist nichts Immaterielles. Ob aus dem Text des Autors ein Buch wird, das entscheidet nicht er, sondern der Verleger. Und der Verleger kassiert auch den Gewinn. Der Verleger ist ein Kapitalist und der Autor hat große Ähnlichkeit mit einem Lohnarbeiter.

    Aber wie in jeder Wissenschaft studiert man in der politischen Ökonomie einen Sachverhalt am Regelfall und nicht an der Ausnahme. Regelfall im Kapitalismus ist die Lohnarbeit, nicht ein freischaffender Autor.

    Und schließlich: Wert und Mehrwert sind niemals individuell, sondern immer gesellschaftlich. Werte werden nicht durch individuelle Arbeit geschaffen, sondern nur als Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit und zu den normalen/notwendigen Bedingungen der gesellschaftlichen Gesamtarbeit.

    „Es ist also nur ... die zur Herstellung eines Gebrauchswerts gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, welche seine Wertgröße bestimmt. ... Waren, worin gleich große Arbeitsmengen enthalten sind oder die in derselben Arbeitszeit hergestellt werden können, haben daher dieselbe Wertgröße.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, S. 54.

    "Ein Arbeitsprodukt, für sich isoliert betrachtet, ist also nicht Werth, so wenig wie es Waare ist. Es wird nur Werth, in seiner Einheit mit andrem Arbeitsprodukt, oder in dem Verhältniß, worin die verschiedenen Arbeitsprodukte, als Krystalle derselben Einheit, der menschlichen Arbeit, einander gleichgesetzt sind." Karl Marx: MEGA II/6, 31 (zit. n. Wikipedia)

    „In der Wertbestimmung handelt es sich um die gesellschaftliche Arbeitszeit überhaupt, das Quantum Arbeit, worüber die Gesellschaft überhaupt zu verfügen hat und dessen relative Absorption durch die verschiednen Produkte gewissermaßen deren respektives gesellschaftliches Gewicht bestimmt." K. Marx, Kapital III, MEW 25, S. 889)


    Man kommt dem Wert und dem Mehrwert nicht auf die Spur, wenn man einem einzelnen Arbeiter oder Autor über die Schulter guckt.

    "Man mag ... eine einzelne Ware drehen und wenden, wie man will, sie bleibt unfassbar als Wertding. Erinnern wir uns jedoch, dass die Waren nur Wertgegenständlichkeit besitzen, sofern sie Ausdrücke derselben gesellschaftlichen ... Arbeit sind, dass ihre Wertgegenständlichkeit also rein gesellschaftlich ist, so versteht sich auch von selbst, dass sie nur im gesellschaftlichen Verhältnis von Ware zu Ware erscheinen kann.“K. Marx, Kapital I, MEW 23, 62.


    Würdest du mir, für ein tieferes Verständnis Grundrisse von Marx empfehlen?

    Die Grundrisse sind ein großartiger Text, in dem Marx seine Vorüberlegungen für die drei Bände des „Kapital“ ins Unreine geschrieben hatte. Also helfen die „Grundrisse“ beim tieferen Verstehen des „Kapitals“. Die Grundrisse haben aber 980 Seiten. Das liest sich nicht mal so in zwei Tagen.


    Ich empfehle dir zunächst im Marx-Lexikon folgende drei Zitatsammlungen zu lesen, dort findest du alle wesentlichen Gedanken von Marx zu deinem Thema:


    1. Marx über Arbeit:

    https://marx-forum.de/marx-lexikon/lexikon_a/arbeit.html


    2. Marx über Wert:

    https://marx-forum.de/marx-lexikon/lexikon_t/tauschwert.html


    3. Marx über produktive und unproduktive Arbeit:

    https://marx-forum.de/marx-lex…exikon_a/prod_arbeit.html


    Wenn du dann noch Fragen hast, stehe ich dir gerne Rede und Antwort!


    Gruß Wal

    Hallo Vox,

    Das Geschäftsmodell von Facebook unterscheidet sich nicht von dem eines Fischers. Facebook ist das Netz, mit dem personenbezogene Daten eingesammelt werden, die dann wie Fische verkauft werden.

    Nicht das Netz (Facebook) ist die Ware, sondern die Daten bzw. Fische.


    Ich weiß auch nicht, wer sich den Unsinn ausgedacht hat, dass Sachen bestimmte physikalische oder chemische Eigenschaften haben müssen, um zu Waren zu werden. Von Marx stammt das jedenfalls nicht.

    Sex bzw. die dabei auftretenden Gefühle, sind immateriell, aber wo Sex (als Bild, Ton oder Dienstleistung) verkauft wird, ist dieser Sex eine Ware. Das weiß jeder, auch ohne Marx studiert zu haben.


    Marx hat sich durchaus mit der „nichtmateriellen Produktion“ befasst. Er bringt als Beispiel unter anderem Schauspieler, die vor zahlendem Publikum auftreten. „Dem Publikum gegenüber verhält sich hier der Schauspieler als Künstler, aber seinem Unternehmer gegenüber ist er produktiver Arbeiter.“ K. Marx, Theorien über den Mehrwert I, MEW 26.1, 385f.

    „Produktiver Arbeiter“ sind bei Marx alle, die vom Kapital ausgebeutet werden.

    Wen es interessiert, kann das in meinem Karl-Marx-Lexikon nachlesen.


    Ich habe den Eindruck, dass manche Leute Ausbeutung auf körperliche Arbeit beschränkt sehen, und fangen dann an, geistige Arbeit wie Softwareentwicklung etc. mit einem geheimnisvollen Schleier zu umgeben. Auch das ist ein Unsinn, von dem Marx weit entfernt war.


    Die Marxschen Bestimmungen des Warenwertes als Summe von konstantem Kapital (Produktionsmittel oder „Vorleistungen“) plus variablem Kapital (lebendige Arbeit, Lohnsumme) plus Mehrwert („Gewinn“) gelten jedoch für alle Waren – egal ob materielle oder immateriell, analog oder digital.


    Gruß Wal

    Bücher und Schriften über die Russische Revolution sind von einem Einzelnen nicht mehr zu überschauen.

    In den Anfangsjahren der Sowjetunion bis zu ihrem Zusammenbruch dominierte die polemische Auseinandersetzung zwischen blinden Befürwortern und ebenso voreingenommenen Gegnern des Sowjetsystems. Nach 1989 begannen viele, die Ereignisse und Folgen der Oktoberrevolution noch einmal kritisch zu durchdenken.

    Dazu zählt auch das kleine Büchlein „Wladimir Lenins Großer Oktoberumsturz und die Folgen“ von Klaus Dallmer.


    Klaus Dallmer zeichnet knapp, aber detailreich die Geschichte der Revolution und der Revolutionäre in Russland seit 1890 auf. Dass er dabei häufig auf Lenin eingeht, wird uns nicht verwundern, aber Lenin hatte die Geschicke der Revolution weniger gesteuert, als seine Anhänger meinen.


    Dallmer kommt zu dem Schluss: „Die Geschichte macht nicht, was die handelnden Personen wollen, sondern das, wozu die Kräfteverhältnisse sie treiben. Sie hatte die radikale Modernisierung Russlands auf die Tagesordnung gesetzt – die Bolschewiki waren lediglich ihr Vollzugsorgan. ... Der angeblich sozialistische Aufbau verwandelte sich somit unter der Hand in ein nationalistisches Projekt.“ (Dallmer, Lenin, S. 98f.)

    Ich füge hinzu: Die KP Chinas ging in Teilen einen anderen Weg als die russischen Kommunisten, endete aber in derselben Sackgasse: einem „nationalistischen Projekt“, das den Umfang der Produktion wichtiger nimmt als die Art und Weise der Produktion und das die wirtschaftlichen Kräfte nicht für die Bedürfnisse der Arbeiterklasse und der Volksmasse und zum Schutz unserer Lebensgrundlagen einsetzt, sondern für nationale Kraftentfaltung und parteilich-staatlichen Machtzuwachs.


    Diese Fehlentwicklungen belasten auch immer noch die radikale Linke im Westen: „Den ersten ‚sozialistischen‘ Staat der Welt als Vorbild zu betrachten, konnte jedenfalls in den entwickelten kapitalistischen Ländern nur ins Abseits führen.“ (Dallmer, Lenin, S. 6).


    Wal Buchenberg, 14. Juli 2019


    Siehe auch:

    Klaus Dallmer: „Die Meuterei auf der ‚Deutschland‘ 1918/19. Anpassung, Aufbäumen und Untergang der ersten deutschen Arbeiterbewegung“, erschienen in Die Buchmacherei Berlin, November 1918.


    Lehren aus der deutschen Revolution

    Matthias Weik und Marc Friedrich nutzen auf Telepolis die Angst vor Massenentlassungen in der kommenden Wirtschaftskrise, um gegen Klimapolitik zu polemisieren und deutsche Autofirmen als „Retter der Nation“ in Schutz zu nehmen.


    Mein Kommentar dazu:


    Nicht nur die Autoindustrie stürzt ab...

    Ja, es droht eine Rezession. Das ist längst noch nicht alles. Es droht noch viel mehr.

    Der chinesische Markt, an dem sich deutsche Industrielle bisher goldene Nasen verdient haben, wird zunehmend zum überlegenen Konkurrenten. Deutschland und Europa werden von der neuen Supermacht bald wirtschaftlich überflügelt.

    Statt sich mit der Frage zu befassen, welche Folgen das unvermeidliche Absinken des Industrielandes Deutschland in eine Tourismusregion und in ein Zuliefererland hat und statt den zwangsläufigen Abstieg Deutschlands und Europas in der kapitalistischen globalen Konkurrenz zu sehen, machen sie sich Sorgen um die "deutsche" Autoindustrie und wollen weiter „große und hochpreisige Automobile“ bauen lassen. Wer soll die denn kaufen und bezahlen? Wo sollen die denn fahren? Unsere Straßen sind längst heillos überfordert und verstopft. In allen Städten ist die Luft längst verpestet.


    Kurz: Weik und Friedrich unken an der falschen Stelle. Ja, wir werden einen Absturz erleben. Aber Weik und Friedrich halten sich für so clever, dass sie meinen, sie hätten ein Rezept dagegen. Sie treten hier als Wunderheiler auf, die eine todbringende Krebserkrankung heilen wollen.


    Wal Buchenberg, Hannover

    Hallo Chris,

    aus dem Urlaub zurück kann ich ein erstes Statement abgeben – auch bevor ich eure Arbeit gelesen habe.

    Inzwischen haben gut 140 Leute eure Buchwerbung hier im Marx-Forum gelesen, das ist schon ein guter Anfang. Und berechtigterweise soll man für eure Buch Werbung machen, denn alles, was über den Kapitalismus hinausdenkt und hinausweist, ist nützlich.:thumbsup:


    Meine Meinung zu eurem Thema:

    Ich habe hier im Forum verschiedentlich darauf hingewiesen, dass individuelle Zeiterfassung sehr aufwändig ist, und „Bezahlung nach Leistung“ kaum "gerechter" ist als Geldlohn. Aber ich halte es für notwendig und sinnvoll, dass im Sozialismus/Kommunismus Vielfalt herrscht und keine Uniformität. So halte ich es für denkbar, dass in verschiedenen Kommunen eines Landes mit verschiedenen Verteilungssystemen experimentiert wird.

    Das als Vorbemerkung, damit meine folgenden Anmerkungen nicht als Verriss, sondern als Gesprächsangebot gesehen werden können.


    1) Nehmen wir an, die Gesellschaft – das heißt eine Kommune oder noch besser: ein Netz von Kommunen – verfügt über alle wichtigen Produktionsmittel. Ihre erste und wichtigste Entscheidung ist dann nicht, welches Verteilungssystem wollen wir, sondern: Welche Produkte wollen wir und welche Produkte können wir?

    Bei diesen Fragen helfen Stundenzettel gar nicht. Diese Fragen müssen entscheiden werden, bevor der erste Stundenzettel aufgefüllt werden kann.


    2) Was wir brauchen und wollen, ist vor allem eine bedarfsgerechte Produktion.

    Nehmen wir an, in einer Gemeinschaft leben 100 Alte, von denen 10 einen Rollstuhl brauchen, 20 brauchen täglich Insulin, 30 brauchen Makromar, 90 benötigen tägliche Pflege und Versorgung. Keiner von diesen 100 Alten arbeitet in der Produktion. Wie können wir ihre konkreten Bedürfnisse befriedigen? Stundenzettel und Arbeitszeitrechnung helfen uns da kein bisschen weiter.


    Gruß Wal


    Siehe auch:

    https://marx-forum.de/Forum/cm…/&highlight=Arbeitszettel


    Werte und Preise im Sozialismus



    Bibelwissenschaft und Wertbegriff

    Die UNO platziert in ihrer Drogen-Klassifikation psychoaktive Substanzen mit Spaßfaktor, aber ohne medizinischen Nutzen in die schlimmste Kategorie, für die die Staaten höchste Strafen verhängen.

    Eine neuere britische Analyse untersuchte nun für häufig gebrauchte Drogen die tatsächlichen Schädigungen und Risiken für die User und die Gesellschaft.

    Das Ergebnis dieser wissenschaftlichen Untersuchung zeigt die Grafik.



    Die auftretenden Schäden hängen hier nicht nur von der Gefährlichkeit einer Substanz ab, sondern auch von der Häufigkeit des Gebrauchs in Großbritannien. Deshalb wurden bei Alkoholgebrauch die größten gesellschaftlichen Schädigungen (rote Balken) vermerkt, während die Zauberpilze insgesamt am besten wegkommen.

    Bei Crack wurden die schlimmsten gesundheitlichen Auswirkungen auf die jeweiligen User (blaue Balken) festgestellt - noch vor Crystal Meth und Heroin.

    Der Erfolg der österreichischen Klage gegen die deutsche Ausländermaut auf Autobahnen ist einerseits ein Hinweis darauf, dass es mit der „deutschen Vorherrschaft“ in der EU vorbei ist, andererseits ist es ein Mosaikstein der zunehmenden Zersplitterung der EU und der wachsenden Zentrifugalkräfte, die nicht erst seit dem britischen EU-Austritt wirksam sind. Der „Meteoriteneinschlag“, der das künstlich aufrechterhaltene europäische Regelwerk zerstörte, war die Flüchtlingskrise von 2015. Seitdem läuft in der EU nichts mehr so, wie es war.

    Dass sich Merkel nun nicht mit dem deutschen Personalvorschlag für den Kommissionspräsidenten durchsetzen kann, ist ein anderer Mosaikstein. Ein weiterer Mosaikstein sind die österreichischen Straßensperren für deutsche Urlauber.

    Frankreich und Deutschland verlieren mit Großbritannien ein Schwergewicht mit dem sie in der Vergangenheit die kleineren und mittleren EU-Staaten majorisiert haben. Angeblich ist der französische Präsident Macron jetzt sogar „antideutsch“ unterwegs. Die Achse Paris-Berlin ist so gut wie tot. Aber auch griechische, italienische und polnische Politiker waren schon mit dem "antideutschen Ticket" auf Stimmenfang.

    In der EU wachsen neue Machtallianzen. Die mittleren EU-Staaten gewinnen an Einfluss. Im Moment sind das vor allem Spanien, die Niederlande und Österreich. Je weniger sich die europäischen Regierungen einig werden, desto stärker tritt Europa weltpolitisch in den Hintergrund und verliert auch als Wirtschaftsblock an globalem Einfluss.

    Wir Linke müssen den vergangenen Machtkonstruktionen in der EU keine Tränen nachweinen.


    Siehe auch:


    Brexit und die Balkanisierung Europas


    "Ansturm auf Europa"

    Ausgehend von dem Artikel frage ich mich hier ... : Können digitale Währungen das Geld ersetzen?

    Hallo Lukas,

    das Material, aus dem Geld gemacht ist, spielt keine Rolle. So wie Papier als Geld fungieren kann, können auch digitale Nullen und Einsen als Geld fungieren. Wie Metallgeld trägt das Papiergeld einen "Stempel", um anzuzeigen, wieviel Wert es repräsentiert. So muss auch digitales Geld einen "Stempel" tragen, der Auskunft über seinen Wert gibt.


    Ursprünglich hatte Geld ja selber Wert: Vieh oder Schafe fungierten als Geld (davon der lateinische Name „pecunia“ "Geld" von „pecus“ Vieh); oder Metalle fungierten als Geld (zunächst Eisen, dann Silber und Gold.)

    Für alle diese „werthaltigen“ Geldformen galt und gilt:

    Karl Marx: „Der Austauschprozess produziert eine Verdopplung der Ware in Ware und Geld, ... In diesem Gegensatz treten die Waren als Gebrauchswerte dem Geld als Tauschwert gegenüber. Andererseits sind beide Seiten des Gegensatzes Waren, also Einheiten von Gebrauchswert und Wert.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 119.


    Dann ersetzte Papiergeld das Metallgeld. Scheinbar fungiert seitdem etwas Wertloses als Geld. Es gibt aber für Papiergeld eine ganz simple Regel. Papiergeld kann Metallgeld ersetzen, soweit es die Aufgaben von Metallgeld übernimmt. Daraus folgt dann:

    Karl Marx: „Ein spezifisches Gesetz der Papierzirkulation kann nur aus ihrem Repräsentationsverhältnis zum Gold entspringen. Und dies Gesetz ist einfach dies, dass die Ausgabe des Papiergelds auf die Quantität zu beschränken ist, worin das von ihm symbolisch dargestellte Gold (bzw. Silber) wirklich zirkulieren müsste.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 141.


    Für digitales Geld gilt nichts anderes als für Papiergeld: Soweit die Menge des digitalen Geldes so beschränkt ist, dass es einer bestimmten Menge Goldes oder Silbers entspricht, solange repräsentiert es diese Menge Gold oder Silber.

    In den Worten von Marx:

    Ein spezifisches Gesetz des digitalen Geldes kann nur aus ihrem Repräsentationsverhältnis zum Gold entspringen. Und dies Gesetz ist einfach dies, dass die Ausgabe des digitalen Geldes auf die Quantität zu beschränken ist, worin das von ihm symbolisch dargestellte Gold (bzw. Silber) wirklich zirkulieren müsste. (vergl. K. Marx, Kapital I, MEW 23, 141.)


    Das heißt dann: Wird im Austauschprozess der Waren das vorhandene Geld vermehrt, so sinkt der Wert des Geldes entsprechend. Das ist die Furcht, die vor dem Facebook-Geld umgeht – und vielleicht auch der Neid, dass Mark Zuckerberg dann vom Multimilliardär auch noch zum Großbankier aufsteigt.


    Gruß Wal

    In seinem „Startup“ beschrieb Marx mit 26 Jahren seine Rolle in der Revolution so: „Wie damals der Mönch (Martin Luther, w.b.), so ist es jetzt der Philosoph (Karl Marx, w.b.) in dessen Hirn die Revolution beginnt“. (MEW 1, 385) Und weiter: „Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat.“ (MEW 1, 391).

    Man darf ohne Übertreibung sagen, er meint damit: der Kopf der Emanzipation ist der einzelne Philosoph in Gestalt von Karl Marx.

    Diese Vorstellung, dass einzelne Theoretiker „Kopf“ der Emanzipation von Leuten seien - von Leuten, denen offenbar der eigene Kopf zum Denken fehlte, und die nur dadurch zum Denken kommen, dass sie sich alle die Gedanken dieses einen Kopfes aneignen, diese Vorstellung hat etliche Anhänger gefunden und ist eines der Grunddogmen des Parteimarxismus geworden.

    Hätte aber Marx an dieser Meinung festgehalten, hätte er seinen eigenen Erkenntnissen widersprochen.


    1. Woher kommen die richtigen Ideen?

    Schon zwei Jahre später, in der „Deutschen Ideologie“ kritisierten Marx und Engels diese Vorstellung, als könne ein Philosoph oder ein Theoretiker das Bewusstsein anderer Leute verändern:

    „Die wirkliche, praktische Auflösung dieser Phrasen, die Beseitigung dieser falschen Vorstellungen aus dem Bewusstsein der Menschen wird, wie schon gesagt, durch veränderte Umstände, nicht durch theoretische Deduktionen bewerkstelligt.“ K. Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 40.

    Noch klarer ist das im „Kommunistischen Manifest“ formuliert:

    „Bedarf es tiefer Einsicht, um zu begreifen, dass mit den Lebensverhältnissen der Menschen, mit ihren gesellschaftlichen Beziehungen, mit ihrem gesellschaftlichen Dasein, auch ihre Vorstellungen, Anschauungen und Begriffe, mit einem Worte auch ihr Bewusstsein sich ändert? Was beweist die Geschichte der Ideen anderes, als dass die geistige Produktion sich mit der materiellen umgestaltet? ... Man spricht von Ideen, welche eine ganze Gesellschaft revolutionieren; man spricht damit nur die Tatsache aus, dass sich innerhalb der alten Gesellschaft die Elemente einer neuen gebildet haben, dass mit der Auflösung der alten Lebensverhältnisse die Auflösung der alten Ideen gleichen Schritt hält. K. Marx, Kommunistisches Manifest, MEW 4, 480.

    Das ist eine klare Absage an der Position, die Marx anfangs vertreten hatte. Diese Absage mündete in die Erkenntnis, „dass die Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Arbeiterklasse selbst erobert werden muss;“ (Statuten der IAA, MEW 16, 14).


    Lenin behauptete, das Klassenbewusstsein der Lohnarbeiter hätte seinen Ursprung bei den Intellektuellen, deren Lebensweise sich vom Proletariat unterscheidet.

    Marx widersprach dem. Es seien nicht die Intellektuellen, von denen das richtige Bewusstsein ausgehe, es ist die „Klasse, die die Mehrheit aller Gesellschaftsmitglieder bildet und von der das Bewusstsein über die Notwendigkeit einer gründlichen Revolution, das kommunistische Bewusstsein, ausgeht, das sich natürlich auch unter den anderen Klassen vermittels der Analyse der Stellung dieser Klasse bilden kann.“ K. Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 69.


    Und über die Kommunisten heißt es bei Marx und Engels: „Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung." K. Marx, Kommunistisches Manifest, MEW 4, 474f.


    Der "materialistische" Grundgedanke der Marxschen Theorie heißt: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ K. Marx, Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, 9. Diesen Grundgedanken in einfachem Deutsch formuliert heißt: Das Denken folgt dem Tun. Die Menschen handeln erst und denken dann. Alle richtigen Ideen entstammen dem (gesellschaftlichen) Tun und dienen dem Tun.

    „... Ehe die Menschen argumentierten, handelten sie.“ F. Engels, Entwicklung des Sozialismus, MEW 19, 296.


    2. Zur Rolle der Individuen

    Wir haben uns angewöhnt, bestimmte Gedanken einzelnen Denkern zuzuordnen. Aber in der Menschheitsgeschichte wurden wichtige Entdeckungen und Erfindungen häufig mehrmals zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten gemacht. Eine ähnliche Praxis der Menschen zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten führte notwendig zu ähnlichen gedanklichen Lösungen. Selbständig gefundene, aber mehr oder minder identische Lösungen begannen mit dem Töpfern, Kochen und Häuserbauen bis hin zur Infinitesimalrechnung, die der Engländer Newton und der Deutsche Leibniz zur gleichen Zeit, aber voneinander unabhängig entdeckten und entwickelten.


    So wie das menschliche Tun eine kollektive, gesellschaftliche Angelegenheit ist, so ist das menschliche Denken auch keine individuelle, sondern eine kollektive Angelegenheit:

    „Eine kritische Geschichte der Technologie würde überhaupt nachweisen, wie wenig irgendeine Erfindung des 18. Jahrhunderts einem einzelnen Individuum gehört.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 392 Anm. 89.

    „Allgemeine Arbeit ist alle wissenschaftliche Arbeit, alle Entdeckung, alle Erfindung. Sie ist bedingt teils durch Kooperation mit Lebenden, teils durch Benutzung der Arbeiten Früherer.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 114.

    „Was aber die souveräne Geltung der Erkenntnisse jedes Einzeldenkers angeht, so wissen wir alle, dass davon gar keine Rede sein kann, und dass nach aller bisherigen Erfahrung sie ohne Ausnahme stets viel mehr Verbesserungsfähiges als ... Richtiges enthalten. Mit anderen Worten: die Souveränität des Denkens verwirklicht sich in einer Reihe höchst unsouverän denkender Menschen; die Erkenntnis, welche unbedingten Anspruch auf Wahrheit hat, in einer Reihe von relativen Irrtümern; weder die eine noch die andere kann anders als durch eine unendliche Lebensdauer der Menschheit vollständig verwirklicht werden.“ F. Engels, Anti-Dühring, MEW 20, 80.


    Es gab und gibt immer noch Leute, die wollten den Theorien und Erkenntnissen von Karl Marx eine "souveräne Geltung" zubilligen, die wir ungeprüft übernehmen könnten. F. Engels hat das offenbar nicht gemacht.

    In aller Regel war diese Berufung auf den "souveränen Einzeldeniker Marx" gepaart mit grober Unkenntnis seiner Schriften und Gedanken.

    Die Erkenntnisse von Marx sind für uns heute nicht deshalb wertvoll, weil er eben ein Genie, also ein "souveräner Einzeldenker" gewesen wäre. Die Erkenntnisse von Marx sind für uns heute wertvoll, weil sie erstens aus einer Zeit stammen, in der sich der Kapitalismus (unser Kapitalismus!) noch stürmisch entwickelte, und seine Entwicklungsgesetze vielleicht deutlicher sichtbar waren - heute "verschwindet" einiges hinter Staatstätigkeiten -, und zweitens sind die Erkenntnisse von Marx für uns heute deshalb so wertvoll, weil Marx sich eben auf die Erfahrungen und die Intelligenz vieler Tausender Menschen gestützt hatte, die Erfahrungen und die Gedanken vieler Tausender Menschen aufgenommen und verarbeitet hatte - sowohl beim jahrelangen Studium in der Londoner Bibliothek, als auch bei seiner politischen Praxis während eines ereignisreichen Lebens mit drei europäischen Revolutionen: Der ersten Arbeiterrevolution in Paris 1830, der europäischen Revolution von 1848 und der zweiten Arbeiterrevolution in Paris, der Pariser Kommune von 1871. Karl Marx repräsentiert für uns das komprimierte Denken sehr vieler, auch vieler kluger Menschen, die in einer ereignisreichen Zeit gelebt hatten.

    Auch die Entdeckung der Ausbeutung der Lohnarbeit durch das Kapital war keine individuelle Leistung von Marx, sondern eine Verarbeitung der Arbeitswertlehre von Smith, Ricardo und anderen, deren Erkenntnisse Marx „in ihrer klassischen Form ... vollständig und übersichtlich“ schilderte (F. Engels, ‚Karl Marx‘ 1869, MEW 16, 365).


    Wal Buchenberg, 21. Juni 2019


    Siehe auch:

    Warum Marx?

    Hallo camou,

    lass den Satz einfach mal so stehen.

    Wenn wir uns bis ins letzte Detail gegenseitig kritisieren oder "korrigieren" wollten, endet das notwendig in unfruchtbarer Missstimmung. Wir schreiben ja nicht an einem "allgemeingültigen" Programm, sondern stellen unsere jeweiligen Ansichten zu Fragen vor, die uns durch den Kopf gehen.


    Natürlich nehme ich Wissenschaft wichtig, aber sie sehe mich nicht als Wissenschaftler, sondern als Übersetzer. (Das ist auch eine Arbeit, die ich zeitweilig ausgeübt hatte.)

    Ich sehe mich als Übersetzer der Marxschen Theorie in heutige Sprache und in heutige Verhältnisse. Ich sehe mich als Praktiker, nicht als Theoretiker.


    Gruß Wal


    P.S. Es hat auch einen Sinn, dass meine Website "Marx-Forum" und nicht "Marxistisches Forum" heißt. Das umgrenzt den Bereich, in dem ich mich einigermaßen kompetent fühle.

    Das Verständnis der Widerspruchsdialektik ist m.E. die Grundlage für die Beurteilung der Perspektive kapitalistischer Entwicklung. Insofern ist Marx nie vollendet. Lenin hat es versucht mit der Schrift " Der Imperialismus....".

    Hallo camou,

    Marx war wohl bescheidener, was seine "Mission" oder "Aufgabe" angeht, und hat die Emanzipation der Lohnabhängigen niemals von seiner Person abhängig gemacht.

    Was die Imperialismustheorie von Lenin (eigentlich von Hilferding und Luxemburg - Lenin hat deren Arbeiten aufgegriffen und popularisiert) angeht, gibt es dazu im Marx-Forum etliche recht kritische Stellungnahmen von mir, von Robert Schlosser und von anderen.

    Wenn du im Menü oben rechts außen die LUPE anklickst, kannst du als Stichwort zum Beispiel "Imperialismus" eingeben und bekommst alle bisherigen Texte im Forumzu diesem Thema.


    Die imperialistische Stufentheorie (Monopol als Endpunkte des Kapitalismus) stammt gar von Proudhon, über dessen Theorie Marx spöttisch schrieb:

    „... Wir wissen alle, dass die Konkurrenz aus dem feudalen Monopol hervorging. So war die Konkurrenz ursprünglich das Gegenteil des Monopols ... Das moderne Monopol ist somit nicht eine einfache Antithese, sondern im Gegenteil die wahre Synthese.

    These: das feudale Monopol, Vorgänger der Konkurrenz.

    Antithese: die Konkurrenz.

    Synthese: das moderne Monopol ...“ K. Marx, Elend der Philosophie, MEW 4, 163.


    Gruß Wal

    Hallo camou,

    mein Eindruck ist, dass nur Leute Marx-Biografien lesen, die längst "infiziert" sind - abgesehen mal von den Misfits, die bei allen Großen nach unehelichen Kindern suchen.

    Und wer schon mal eine Biografie des alten Herrn gelesen hat, fragt sich natürlich, was erfahre ich in der nächsten Lebensbeschreibung Neues?


    Noch eine Frage: Was findet J. Neffe eigentlich an Marx "unvollendet"? Ist "unvollendet" nicht eine Kategorie, die als Maßstab für irgendein Individuum vollkommen verkehrt ist? Wer ist schon ein "vollendeter Mensch"?! Laut Hegel ist ein neugeborenes Baby ein "vollkommener Mensch" und mit jedem Tag und jedem Jahr, das dazu kommt, wird dieser vollkommene Mensch einseitiger und beschränkter. ?(


    Gruß Wal

    Annette Ramelsberger von der „Süddeutschen“ fragt nach der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten: „Aber was muss noch passieren, bis Polizei, Staatsanwälte und Verfassungsschützer erkennen, dass der gefährlichste Feind nicht links steht, sondern rechts? Und manchmal steht er sogar mitten unter ihnen.“


    Das ist eine Argumentation, die von Linken gerne aufgegriffen wird: Der Feind steht rechts! Wir Linke sind gar keine Gefahr. Wir morden nicht, wir beseitigen nicht das heilige Grundgesetz. Wir tun euch ja nix, wir wollen nur spielen!

    Von dieser Leier: Wir tun euch nix! ist es dann nur noch ein kleiner Schritt in die Leiden-Christi-Pose: Wir werden grundlos überwacht! Wir werden ohne Rechtsgrundlage bespitzelt! Wir sind politisch Verfolgte wie einst die Hitlergegner! Wir verdienen nicht staatliche Verfolgung, sondern (staatliche) Unterstützung. Verleiht uns Bundesverdienstkreuze und einen Friedensnobelpreis – Oppositionelle im Ausland sind doch auch eure Freunde! (Zitat-Ende)


    Der Vergleich von rechtem Terror mit linkem Terror hat eine lange Tradition. Linke, die was erreichen wollen, müssen diesen Vergleich aushalten können. Linke, die sich was zutrauen, weisen diesen Vergleich von Rechts und Links nicht einfach von sich, sondern lassen sich argumentativ darauf ein.

    Es reicht auch nicht, wenn wir Linke darauf hinweisen: Die Rechten morden missliebige Personen, wir Linke kämpfen nicht gegen Individuen, sondern gegen ein „System“. Gewalt gegen Personen haben historische Linke allzu oft angewendet und waren in der Wahl ihrer Mittel nicht immer zimperlich.


    Es reicht nicht, wenn wir Linke nur darauf hinweisen: Die Rechten wollen eine Diktatur, wir wollen eine (richtige) Demokratie. Die Begriffe „Demokratie“ und „Diktatur“ sind polemische Schlagtotwörter ohne viel Inhalt. Wenn radikale Linke die Interessen der lohnabhängigen Mehrheit vertreten (wollen), dann lässt sich das nicht einfach mit der politischen Hülse „Demokratie“ fassen.


    Die unterschiedlichen Ziele, die Rechte und Linke anstreben, sind jedoch in der Tat der wesentliche und nachprüfbare Unterschied zwischen Rechts und Links.


    Da ist es ein sichtbarer Mangel, wenn zum Beispiel so intelligente Linke wie die von der früheren „Marxistischen Gruppe“ es grundsätzlich ablehnen, über ihre Ziele zu sprechen und darüber Auskunft zu geben, was sie wie erreichen wollen.

    Auch andere Linke sagen häufig, was sie NICHT wollen, aber bleiben merkwürdig undeutlich, wenn sie sagen sollen, was sie denn positiv anstreben.

    Ich denke, Menschen engagieren sich für einsichtige Ziele. Solange sie nicht wissen, wohin die linke Reise geht, machen sie sich nur ungern mit auf den Weg.





    Siehe auch:

    Rechte und Linke


    Uns Linken fehlt der Antikapitalismus


    Good bye, Linke!


    Die Krise der (Staats)Linken ist unheilbar


    Wer ist heute links?


    Was manche Linke mit den Boston-Attentätern gemein haben

    Der VW Käfer begann 1948 mit einem Gewicht von 600 kg und erreichte 1978 ein Gewicht von 800 kg. Ein heutiger VW Golf wiegt 1350 kg.

    Hätte der VW-Konzern das Gewicht bei 800 kg belassen, könnte man einen Golf mit heutigem Motor mit rund 3 Liter Benzin oder 2,5 Liter Diesel pro 100 km mit einem CO2-Ausstoß von 76 g bzw. 63 g pro km fahren. Statt die Autos kleiner und leichter zu machen, werden sie immer größer und schwerer.

    Ressourceneffizienz spielt für die Automobilindustrie keine Rolle.

    Ressourceneffizienz spielt schon deshalb keine Rolle, weil zwei Drittel aller Neuwagen in Deutschland gewerblich zugelassen werden. Ein Großteil davon wandert in die „Dienstwagen“ der Firmenflotten. Ein Dienstwagen ist seit langem zum Statussymbol der „Führungskräfte“ geworden. Sie werden üblicherweise für drei Jahre gemietet („geleast“) und dann auf dem Gebrauchtwagenmarkt verscherbelt. Für die Benutzer der Dienstwagenflotte zählt weder der Spritverbrauch, noch der Schadstoffaustoß, noch die Reperaturfreundlichkeit. Das alles wird über die Firmenkosten abgerechnet.

    Erst durch zivilgesellschaftliche Initiativen wurde das Ausmaß der Kumpanei zwischen Regierung und Autokonzernen aufgedeckt. Nun sollen es vollelektrische Autos richten. Die Umstellung auf E-Autos bringt einen weiteren Preissprung nach oben: Einmal durch die Umstellungskosten auf die andere Technologie, dann durch die immer noch niedrigen Fertigungszahlen, zum dritten, weil die Autokonzerne wieder für das obere Preissegment planen: Die gewerblichen Kunden – Firmenflotten und Gewerbetreibende. Für einen Elektroauto muss der Käufer rund 10.000 Euro mehr hinblättern als für das Vergleichsfahrzeug mit Verbrennungsmotor.


    Spitze Zungen machen noch eine weitere Rechnung auf: Bisher wog der Treibstofftank bei herkömmlichen PKWs rund 50 kg. Bei einem E-Auto wiegt der „Tank“ (die Batterie) gut 1000 kg. Bisher konnte man mit einer Tankfüllung rund 600 km weit fahren, mit dem E-Auto sind es vielleicht 300 km. Bisher konnte man in rund 5 Minuten sein Auto volltanken. Mit dem E-Auto benötigt man in der Regel 5 Stunden.

    Allerdings fallen auch schwergewichtige Teile beim E-Auto weg: das gesamte Getriebe und die Auspuffanlage samt Abgasnachbehandlung. Der Motor ist wesentlich leichter und kleiner. Ein Verbrennungsmotor besteht aus über 1000 Einzelteilen, ein Elektromotor hat weniger als 20 Teile.

    In Summe sind E-Autos dennoch schwerer als vergleichbare herkömmliche PKWs.



    In das Thema, ob ein Elektroauto klima- und umweltfreundlicher ist als ein herkömmliches Auto, will ich gar nicht erst einsteigen. Der Individualverkehr ist – gemessen an seiner Personen- und Sachtransportleistung – weder klima- noch umweltfreundlich, ganz egal, welchen Treibstoff er benutzt.


    Als gegenwärtiger Trend wird jedoch sichtbar: Der weltweite Boom für private PKWs geht seinem Ende zu. Ein Neuwagen wird für immer mehr Lohnabhängige unerschwinglich. Immer weniger Gebrauchtwagen lassen sich einfach und preisgünstig reparieren und fahren. Autofahren wird wieder zum Luxus, so wie ein privater PKW zwischen 1900 und 1950 in Deutschland ein Luxus der Reichen gewesen ist. Beschleunigt wird dieser aktuelle Trend weg vom privaten PKW noch durch die Überalterung. Noch gibt es für 80- oder gar 90jährige keinerlei Fahrbeschränkung in Deutschland. Auch das ist ein Skandal. Selbstfahrende Autos für Senioren sind jedoch noch lange nicht serienreif, und wenn sie es einmal sind, werden sie für die meisten von uns unerschwinglich bleiben.

    Der Individualverkehr ist und bleibt eine kapitalistische Sackgasse.









    Siehe auch:


    Auto, Auto, Au, Au


    Wohin geht die US-Autoindustrie?


    US-Autoindustrie 1960 bis 2014