Arbeitszeitrechnung statt Geld !

  • Hier mal eine kleine Eigenwerbung und zwar für ein Buch, welches wir soeben veröffentlicht haben. In diesem geht es darum zu schildern, wie Geld unter den

    Voraussetzungen assoziierter Produktion durch Arbeitszeitrechnung (Arbeitszeitkonten) überwunden werden könnte.


    Das Marx-Forum scheint uns ein geeigneter Ort für eine Diskussion, denn der Grundsatz „Wir diskutieren im Karl-Marx-Forum für eine bessere Einsicht in die Bedingungen unserer Emanzipation“ spricht uns aus dem Herzen. Auch in unserem Buch orientieren wir uns, zumindest in drei von fünf Kapiteln, ganz stark an Marx.


    In Kapitel zwei fassen wir in eigenen Worten die drei Geldbestimmungen zusammen und erläutern ausserdem die Begriffe Wert und Kapital. Dabei wird klargestellt, dass Arbeit die einzige Substanz von Wert ist. In Kapitel drei gehen wir dann einen Schritt weiter und entwickeln die Forderung, Arbeitszeit direkt zu messen, anstatt den „Umweg“ über Wert und Markt zu gehen. Dies angelehnt an Marx Auseinandersetzung mit den von ihm in

    den „Grundrissen“ gescholtenen „Stundenzettlern“. Wer diese Auseinandersetzung genau liest, dürfte uns darin zustimmen, dass Marx nicht die Idee (Geld/Lohn durch Stundenzettel zu ersetzen) kritisiert, sondern die falschen Voraussetzungen, die die „Stundenzettler“ dieser Idee zu Grunde legten.



    Wir greifen die Idee also positiv auf, klären über die notwendigen Voraussetzungen auf (assoziierte Produktion) und vertreten die These, dass dies ein erster praktischer Schritt für eine soziale Umwälzung ist.



    Im fünften und letzten Kapitel wird die Idee der Stundenzettel (Leistungsprinzip) dann mit den aktuell beliebten Ideen vom vollautomatisiertem Luxuscommunismus (Alles für Alle und zwar umsonst usw.) verglichen, welche angefeuert von Induestrie 4.0 gerade neue Blüten treiben. Dabei argumentieren wir inhaltlich wie Marx in seiner „Kritik des Gotaher Programmentwurfs“, dass von einer höheren und niederen Phase communistischer Gesellschaft ausgegangen werden muss. Erstere ist dabei Voraussetzung der Letzteren...



    Aber aufgepasst: In allen drei genannten Kapiteln geht es zwar um eine Auseinadersetzung mit marxschen Gedanken, wir zitieren ihn aber nicht. Es wird jeweils einmal knapp in einer Fussnote genannt, wo entsprechendes in den blauen Bänden (MEW) zu finden ist, ansonsten aber auf direkte Bezugnahme verzichtet. Uns geht es bei dem Projekt nämlich nicht darum, eine marxologische Debatte anzustossen, sondern wir wollen aus den uns allen so vertrauten Lesekreisdiskussionen heraustreten.



    Nach jahrelangen „Kapitaldiskussionen“ wollten wir einmal mutig sein und eine Quintessenz aus

    den marxschen Gedanken in eigenen Worten und mit modernen Beispielen bringen. Dies kann ein Kapitalstudium nicht ersetzen. Es soll auch nicht bestritten werden, dass Debatten, die für Aussenstehende wohl immer unverständlich bleiben werden, enorm produktiv und notwendig sein können. Aber gerade in politischen Krisenzeiten scheint es uns angebracht, den eigenen Dunstkreis zu überschreiten. Mit Zitateschlachten wird dies vermutlich nicht gelingen, deshalb probieren wir diesen Weg. Alle Formen von Anregungen und Kritik sind uns willkommen. Gerne hier im Forum oder auch über direkten Kontakt buch@goodbye-kapital.de



    Um das Buch so günstig wie möglich zu halten, wird es on-demand gedruckt und kostet deshalb nur 5,99 Euro. Es ist überall im Buchhandel erhältlich, aber am schnellsten und nachhaltigsten geht es direkt beim Hersteller:https://www.bod.de/buchshop/go…ian-hofmann-9783732286539

    Dort kann man auch kostenlos die Einleitung lesen. Wem dies nicht reicht, der kann sich gerne an uns wenden. Dies gilt auch für Wiederverkäufer...

  • Hallo Chris,

    aus dem Urlaub zurück kann ich ein erstes Statement abgeben – auch bevor ich eure Arbeit gelesen habe.

    Inzwischen haben gut 140 Leute eure Buchwerbung hier im Marx-Forum gelesen, das ist schon ein guter Anfang. Und berechtigterweise soll man für eure Buch Werbung machen, denn alles, was über den Kapitalismus hinausdenkt und hinausweist, ist nützlich.:thumbsup:


    Meine Meinung zu eurem Thema:

    Ich habe hier im Forum verschiedentlich darauf hingewiesen, dass individuelle Zeiterfassung sehr aufwändig ist, und „Bezahlung nach Leistung“ kaum "gerechter" ist als Geldlohn. Aber ich halte es für notwendig und sinnvoll, dass im Sozialismus/Kommunismus Vielfalt herrscht und keine Uniformität. So halte ich es für denkbar, dass in verschiedenen Kommunen eines Landes mit verschiedenen Verteilungssystemen experimentiert wird.

    Das als Vorbemerkung, damit meine folgenden Anmerkungen nicht als Verriss, sondern als Gesprächsangebot gesehen werden können.


    1) Nehmen wir an, die Gesellschaft – das heißt eine Kommune oder noch besser: ein Netz von Kommunen – verfügt über alle wichtigen Produktionsmittel. Ihre erste und wichtigste Entscheidung ist dann nicht, welches Verteilungssystem wollen wir, sondern: Welche Produkte wollen wir und welche Produkte können wir?

    Bei diesen Fragen helfen Stundenzettel gar nicht. Diese Fragen müssen entscheiden werden, bevor der erste Stundenzettel aufgefüllt werden kann.


    2) Was wir brauchen und wollen, ist vor allem eine bedarfsgerechte Produktion.

    Nehmen wir an, in einer Gemeinschaft leben 100 Alte, von denen 10 einen Rollstuhl brauchen, 20 brauchen täglich Insulin, 30 brauchen Makromar, 90 benötigen tägliche Pflege und Versorgung. Keiner von diesen 100 Alten arbeitet in der Produktion. Wie können wir ihre konkreten Bedürfnisse befriedigen? Stundenzettel und Arbeitszeitrechnung helfen uns da kein bisschen weiter.


    Gruß Wal


    Siehe auch:

    https://marx-forum.de/Forum/cm…/&highlight=Arbeitszettel


    Werte und Preise im Sozialismus



    Bibelwissenschaft und Wertbegriff

  • 2018 machte die erwerbstätige Bevölkerung (Lohnarbeiter 43%, kleine Selbständige 3%, Kapitalisten 1%) insgesamt 47 Prozent von allen. Das heißt die Mehrzahl (53%) der Menschen in Deutschland sind Kinder und Jugendliche vor Eintritt ins Arbeitsleben 24%), Rentner nach Ende des Arbeitslebens (22%), sowie Arme und Kranke, die von Sozialleistungen leben (7%). Quelle


    Ein nichtkapitalistisches, geldloses System in Deutschland müsste also für die Mehrzahl der Menschen, die nicht arbeiten, ein Verteilungssystem jenseits von „Arbeitszetteln“ praktizieren.

    Wenn es schon ein Verteilungssystem für die Mehrheit ohne „Arbeitszettel“ gibt, weiß ich nicht, wo der Vorteil liegen soll, die aktiven Arbeiter über ein zweites Verteilungssystem, mittels "Arbeitszettel", zu bezahlen.


    Lieber Chris,

    du hattest euer Buch hier vorgestellt mit der Feststellung, dass hier ein "geeigneter Ort für Diskussion" sei. Wann kommt denn nun die Diskussion in Gang?


    Gruß Wal

  • Hallo Wal,


    Eulen nach Athen tragen, wäre noch eine flache Umschreibung dafür, dich mit einem Marx-Zitat aus dem Marx-Lexikon zu konfrontieren. Aber darum geht es auch nicht.


    So haben wir es gelernt.

    2.4.1. Das gemeinsame Arbeitsprodukt wird keineswegs „gleich verteilt“

    „Die Vorstellung einer sozialistischen Gesellschaft als des Reiches der Gleichheit ist eine einseitige französische Vorstellung, anlehnend an das alte ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘, eine Vorstellung, ... die aber, wie alle die Einseitigkeiten der früheren sozialistischen Schulen, jetzt überwunden sein sollten, da sie nur Verwirrung in den Köpfen anrichten ...“ F. Engels an A. Bebel (1875), MEW 34, 129.


    „Womit wir es hier zu tun haben, ist eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eigenen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt.

    Demgemäss erhält der einzelne Produzent – nach den Abzügen – exakt zurück, was er ihr gibt.

    Was er ihr gegeben hat, ist seine individuelle Arbeitsmenge. Z. B. der gesellschaftliche Arbeitstag besteht aus der Summe der individuellen Arbeitsstunden. Die individuelle Arbeitszeit des einzelnen Produzenten ist der von ihm gelieferte Teil des gesellschaftlichen Arbeitstags, sein Anteil daran. Er erhält von der Gesellschaft einen Schein, dass er so und so viel Arbeit geliefert (nach Abzug seiner Arbeit für die gemeinschaftlichen Fonds), und zieht mit diesem Schein aus dem gesellschaftlichen Vorrat von Konsum-tionsmitteln soviel heraus, als gleich viel Arbeit kostet. Dieselbe Menge Arbeit, die er der Gesellschaft in einer Form gegeben hat, erhält er in der anderen zurück.

    Es herrscht hier offenbar dasselbe Prinzip, das den Warenaustausch regelt, soweit er Austausch Gleichwertiger ist. Inhalt und Form sind verändert, weil unter den veränderten Umständen niemand etwas geben kann außer seiner Arbeit und weil andrerseits nichts in das Eigentum der Einzelnen übergehen kann außer individuellen Konsumtionsmitteln. Was aber die Verteilung der letzteren unter die einzelnen Produzenten betrifft, herrscht dasselbe Prinzip wie beim Austausch von gleichwertigen Waren ..., es wird gleich viel Arbeit in einer Form gegen gleich viel Arbeit in einer anderen ausgetauscht.

    Das gleiche Recht ist hier daher immer noch – dem Prinzip nach – das bürgerliche Recht, obgleich Prinzip und Praxis sich nicht mehr in den Haaren liegen, während der Austausch von Äquivalenten (gleichen Werten) beim Warenaustausch nur im Durchschnitt, nicht für den einzelnen Fall existiert.

    Trotz dieses Fortschritts ist dieses gleiche Recht stets noch mit einer bürgerlichen Schranke behaftet. Das Recht der Produzenten ist ihren Arbeitslieferungen proportional; die Gleichheit besteht darin, dass an gleichem Maßstab, der Arbeit, gemessen wird.

    Der eine ist aber physisch oder geistig dem anderen überlegen, liefert also in derselben Zeit mehr Arbeit oder kann während mehr Zeit arbeiten; und die Arbeit, um als Maß zu dienen, muss der Ausdehnung oder der Intensität nach bestimmt werden, sonst hörte sie auf, Maßstab zu sein.

    Dies gleiche Recht ist ungleiches Recht für ungleiche Arbeit. Es erkennt keine Klassenunterschiede an, weil jeder nur Arbeiter ist wie der andere; aber es erkennt stillschweigend die ungleiche individuelle Begabung und daher Leistungsfähigkeit der Arbeiter als natürliche Privilegien an. Es ist daher ein Recht der Ungleichheit, seinem Inhalt nach, wie alles Recht. Das Recht kann seiner Natur nach nur in Anwendung von gleichem Maßstab bestehen; aber die ungleichen Individuen (und sie wären nicht verschiedene Individuen, wenn sie nicht ungleiche wären) sind nur an gleichem Maßstab messbar, soweit man sie unter einen gleichen Gesichtspunkt bringt, sie nur von einer bestimmten Seite fasst, z. B. im gegebenen Fall sie nur als Arbeiter betrachtet und weiter nichts in ihnen sieht, von allem anderen absieht.

    Ferner: Ein Arbeiter ist verheiratet, der andere nicht; einer hat mehr Kinder als der andere etc. etc. Bei gleicher Arbeitsleistung und daher gleichem Anteil an dem gesellschaftlichen Konsumtionsfonds erhält also der eine faktisch mehr als der andere, ist der eine reicher als der andere etc. Um alle diese Missstände zu vermeiden, müsste das Recht, statt gleich, vielmehr ungleich sein. Aber diese Missstände sind unvermeidbar in der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft nach langen Geburtswehen hervorgegangen ist. Das Recht kann nie höher sein als die ökonomische Gestaltung und dadurch bedingte Kulturentwicklung der Gesellschaft.


    Deine Überlegungen sind auf der anderen Seite tatsächlich sehr erfrischend! Wie dargestellt kommt die Mehrheit einer Gesellschaft ohne Drangsalierung durch ein Scheinsystem aus; während die Produzenten des Reichtums, der materiellen Lebensgrundlage schon beinahe penibel, kleinlich mit Scheinen traktiert werden sollen.


    Dahinter lässt sich auch schnell eine Bürokratie vermuten, die dann quasi hinterrücks zum Herrschaftsinstrument über Menschen wieder sich verwandeln lassen könnte.


    Andererseits beinhaltet dein Vorschlag den Sprung über die erste Phase des Kommunismus hinweg zu seinem Endzustand hin.


    Weil mir nicht klar ist, wie sich dieser Konflikt lösen lässt, schreibe ich diesen Beitrag.


    Und ich will unbedingt noch einmal festhalten, dass deine Beschreibung der Gesellschaft ein tatsächlicher, wirklicher und sehr gewichtiger Aspekt ist, den ich auf jeden Fall so noch nicht wahrgenommen hatte. Und uns, mir, die Vorstellung - ohne Regulation = Stundenzettel = ohne sozialistische Erziehungsarbeit?! - utopisch erscheinen mag. Weil mir tatsächlich die ungeheure Wucht der tatsächlichen millionenfachen Produktion der materiellen Grundlage des Lebens, die Tag für Tag, wenn auch kapitalistisch, geschieht, aus den Augen gerät?!

  • Hi Wal,


    der (erste) Link zur den 'Arbeitszettel(n)' funktioniert leider nicht :-(


    Zu deinen weiteren Punkten habe ich (als Mitautor in dem von Chris oben beworbenen Buch) ein paar Anmerkungen:


    Zu 1)

    Wal Buchenberg am 9.7. wrote:

    Nehmen wir an, die Gesellschaft – das heißt eine Kommune oder noch besser: ein Netz von Kommunen – verfügt über alle wichtigen Produktionsmittel. Ihre erste und wichtigste Entscheidung ist dann nicht, welches Verteilungssystem wollen wir, sondern: Welche Produkte wollen wir und welche Produkte können wir?

    Bei diesen Fragen helfen Stundenzettel gar nicht. Diese Fragen müssen entscheiden werden, bevor der erste Stundenzettel aufgefüllt werden kann.

    Zustimmung. Natürlich muss zuerst festgelegt bzw. festgestellt werden, welche Produkte benötigt werden und welche Ressourcen, in Form von Arbeit(szeit), Rohstoffen, Werkzeugen etc. zur Verfügung stehen. Erst dann kann Arbeit geplant und aufgeteilt werden (Arbeitszeitrechnung). Ich stimme dir auch zu, dass Stundenzettel dabei nicht helfen. Diese können lediglich die Verteilung von Produkten zur individuellen Konsumtion regeln. Dass >>„Bezahlung nach Leistung“ kaum "gerechter" ist als Geldlohn<< wird so sein, vor allem, wenn man die Ungleichheit der Menschen mit einbezieht. Trotzdem erscheint mir ein 'Sprung' aus unser heutigen Gesellschaft in einen kommunistischen Verteilungsmodus - konsumieren nach den Bedürfnissen, produzieren nach den Fähigkeiten – unrealistisch. Eine Periode revolutionärer Umwälzungen, die durchaus auch länger dauern könnte, wird notwendig sein, um uns von den 'Muttermalen' der heutigen Gesellschaft(en) trennen zu können.


    bke hat ja schon die bekannten Stellen aus den „Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei“ zitiert.


    Wir haben es knapp so formuliert: „Ein Verteilungsmodus dagegen, der auf Arbeitszeitkonten nach Äquivalenzprinzip und damit dem Leistungsprinzip beruht, hat den alles entscheidenden Vorzug, dass er sofort umsetzbar wäre.

    Das diesem Prinzip zugrundeliegende Recht, gleich viel Arbeit gegen gleich viel Arbeit auszutauschen, macht natürlich gewisse Anleihen bei unserer heutigen Gesellschaft. Aber bei welcher auch sonst?“ (Goodbye Kapital, S. 136)


    Auf Basis dieser Anleihen kann man dann Variieren, Experimentieren und wenn möglich und gewünscht zur kommunistischen Verteilung übergehen – wahrscheinlich eher Schritt für Schritt als mit einem großen Sprung. Aber das wird nicht von uns und nicht heute festgelegt werden können.



    Zu 2)


    Wal Buchenberg am 9.7. wrote:

    Was wir brauchen und wollen, ist vor allem eine bedarfsgerechte Produktion.

    Nehmen wir an, in einer Gemeinschaft leben 100 Alte, von denen 10 einen Rollstuhl brauchen, 20 brauchen täglich Insulin, 30 brauchen Makromar, 90 benötigen tägliche Pflege und Versorgung. Keiner von diesen 100 Alten arbeitet in der Produktion. Wie können wir ihre konkreten Bedürfnisse befriedigen? Stundenzettel und Arbeitszeitrechnung helfen uns da kein bisschen weiter.

    Wieder erstmal Zustimmung: Natürlich brauchen wir eine bedarfsgerechte Produktion. Im besten Fall sind, wie in deinem Beispiel, die Bedarfe bekannt und können im Voraus eingeplant werden. Die Arbeitszeitrechnung ist dann doch aber genau diese Planung: Wie viel Stunden Pflege werden benötigt, wie viel Arbeitszeit braucht es, einen Rollstuhl zu bauen? Und wie viel für zehn? Welche Vorproduke gehen ein? Wie viel Arbeitszeit 'kosten' diese? Wie viel muss dann jede_r (im Durchschnitt) arbeiten? Sind die benötigten Qualifikationen der Arbeitskräfte vorhanden? Usw. usf.


    'Stundenzettel' sind nicht der Kern der Arbeitszeitrechnung, sondern nur ein Hilfsmittel der Distribution individueller Konsumtionsmittel. Natürlich ist es wichtig, sich über Konzepte und Mechanismen der der Verteilung Gedanken zu machen und wenn man sich die Welt heute anguckt ist die ungleiche Verteilung von Konsumtion (und Arbeit) ja auch der erste Ansatzpunkt wo man sagt: „Hey, hier stimmt doch was nicht!“ Und nicht ohne Grund haben wir mit den 'Stundenzetteln' auch einen aus unserer Sicht naheliegenden Vorschlag aufgegriffen. Viel wichtiger ist aber doch die gesellschaftlich-ökonomische Basis, auf deren Grundlage die Verteilung (nach Stunden oder auch kommunistisch) erst stattfinden kann. Dazu muss unseres Erachtens Geld, Kapital und Lohnarbeit abgeschafft werden und durch etwas ersetzt werden, das wir als Arbeitszeitrechnung bezeichnet haben. (Diese Seite ist in Chris Ankündigung am Anfang dieser Diskussion zugegebenermaßen etwas zu kurz gekommen.)



    Zu 3) (dein zweiter Post)


    Wal Buchenberg am 18.7. wrote:

    Ein nichtkapitalistisches, geldloses System in Deutschland müsste also für die Mehrzahl der Menschen, die nicht arbeiten, ein Verteilungssystem jenseits von „Arbeitszetteln“ praktizieren.

    Wenn es schon ein Verteilungssystem für die Mehrheit ohne „Arbeitszettel“ gibt, weiß ich nicht, wo der Vorteil liegen soll, die aktiven Arbeiter über ein zweites Verteilungssystem, mittels "Arbeitszettel", zu bezahlen.

    Ich würde die Frage umdrehen: Was sind die Ursachen, die uns vermutlich zwingen werden, einen Verteilungsmodus nach dem Leistungsprinzip zu akzeptieren – auch wenn dieses Prinzip dann nicht für alle gelten kann. Oder, um in Marx Worten zu sprechen, eine erste Phase der kommunistischen Gesellschaft zu durchschreiten.


    Wir sehen jedenfalls einige Gründe, die dafür sprechen könnten, z.B.:

    • jahrzehntelange Konditionierung der Gesellschaftsmitglieder auf das Leistungsprinzip, auf Egoismus und den persönlichen Vorteil etc.
    • Konsumverhalten, das zumindest in den reicheren Industrienationen bei vielen auf ein 'möglichst viel' getrimmt ist. Können alle Konsumwünsche sofort umgesetzt werden?
      Von der Produktion her wahrscheinlich sehr bald. Konsumieren nach den Bedürfnissen wäre möglicherweise bald umsetzbar – vorausgesetzt es wird auch entsprechend produziert, genug Arbeitszeit investiert, um es abstrakt zu formulieren. Eine Art bedingungsloses Grundeinkommen wäre vermutlich sofort umzusetzen.
      Von den natürlichen Ressourcen her wird es eher schwierig (am 29. Juli war 'Erdüberlastungstag'). Vielleicht braucht es auch einen Verteilungsmodus, der Ressourcenverbrauch mit einbezieht?
  • Hallo Wal,


    du schreibst:Wal

    Wal Buchenberg wrote:

    individuelle Zeiterfassung [ist] sehr aufwändig

    Da es um 'Stundenzettel' geht vermute ich, dass du das Erfassen der individuellen Gesamtarbeitszeit meinst!? Also die Zeit, die jemand in einer bestimmten Zeitspanne, beispielsweise an einem Tag, in der Woche oder im Jahr arbeitet. Warum hältst du das für sehr aufwändig? Der Zeitlohn ist doch eine gängige Methode zur Messung der Arbeitsleistung mit der Uhr. Warum sollte das in einer anderen Gesellschaft schwieriger sein?


    Schwierig wird es m.E. erst, wenn es um die Frage geht, ob alle Arbeiten gleich viel zählen sollen. Also beispielsweise der Vergleich ungelernter Arbeit mit einer, die eine lange Ausbildung voraussetzt. Ich bin der Meinung, dass alle Arbeiten gleich viel zählen sollten (weil auch alle Arbeiten notwendig sind, um das gesellschaftliche Gesamtprodukt zu erzeugen), aber ich vermute, dass diese Sicht in einer 'ersten Phase' einer neuen Gesellschaft eher in der Minderheit seien wird. Diese Frage müsste dann demokratisch entschieden werden.

  • Hallo Philip,

    schön, wenn hier noch eine gründlichere Debatte in Gang kommt. Auf den Beitrag von bke hatte ich auch deshalb nicht geantwortet, damit das schmale Pflänzlein der Diskussion nicht durch zuviel Beiträge von meiner Seite erstickt wird.

    Jedenfalls stößt das Thema auf Interesse. In der Liste "aktuelle Themen" sieht man, dass euer Thema bis heute 480 mal angeklickt worden ist.


    Ich beginne mal mit deiner letzten Antwort und komme dann noch auf deinen ersten Beitrag zurück.

    An dem Mail-Link habe ich mal herumkorrigiert. Probier mal aus, ob er jetzt geht! Auch Chris kann als Autor des Textes Korrekturen anbringen.

    Hallo Wal, du schreibst

    Wal Buchenberg wrote:

    individuelle Zeiterfassung [ist] sehr aufwändig

    Da es um 'Stundenzettel' geht vermute ich, dass du das Erfassen der individuellen Gesamtarbeitszeit meinst!? Also die Zeit, die jemand in einer bestimmten Zeitspanne, beispielsweise an einem Tag, in der Woche oder im Jahr arbeitet. Warum hältst du das für sehr aufwändig? Der Zeitlohn ist doch eine gängige Methode zur Messung der Arbeitsleistung mit der Uhr. Warum sollte das in einer anderen Gesellschaft schwieriger sein?

    Nein, die Stundenerfassung halte ich nicht für schwierig. Das ist so einfach, dass es jeder Arbeitende auch selbst machen könnte, und dann am Ende des Tages oder der Woche die Menge seiner Arbeitszeit irgendwo eintragen oder melden könnte.

    Ich sehe die Schwierigkeit an ganz anderer Stelle. Nehmen wir mal den Stundenlohn als Beispiel: Da wird eine bestimmte Geldmenge pro Stunde vereinbart und das dann mit der Anzahl der Stunden malgenommen. Für kapitalistische Zwecke reicht das völlig aus.

    Dieser Stundenlohn ist im Kapitalismus sichtbar und berechenbar. Der Stundenlohn enthält aber nur die bezahlte Arbeitszeit. Der Stundenlohn enthält nur das, was der Arbeiter an Bezahlung (Bezahlung = Konsum) bekommt.

    Wie viel der Kapitalist pro Arbeitsstunde bekommt, das weiß der Arbeiter nicht. Er kennt nicht seine unbezahlte Arbeitszeit, deren Werte sich der Kapitalist als Mehrwert aneignet. Und der Arbeiter kennt im Kapitalismus nicht, wieviel Gesamtwert er an einem Tag, in einer Woche oder in einem Monat erarbeitet.


    Ihr sagt nun: Wir bieten den Arbeitern eine gerechtere Bezahlung. Aber wonach richtet sich eure gerechtere Bezahlung? Ihr sagt: Wir bezahlen nach individueller Leistung. Ich behaupte, das ist eine höchst komplizierte Angelegenheit - ob es gerechter ist, steht noch auf einem anderen Blatt. Darauf gehe ich erst mal nicht ein.

    Quote

    Der Zeitlohn ist doch eine gängige Methode zur Messung der Arbeitsleistung mit der Uhr.

    Das ist nicht richtig. Mit der Uhr kann man nur die Arbeitszeit messen, nicht die Arbeitsleistung. "Bezahlung nach Leistung" hat ja wenig mit der Anzahl der Arbeitsstunden zu tun, aber sehr viel mit der Geschicklichkeit, der vorhandenen Technologie, dem Einsatzwillen ("Fleiß") usw. Die Verteilung verteilt ja nicht Stunden oder Arbeitszeit, sondern ein Arbeitsprodukt. Die Menge und Qualität des Arbeitsproduktes kann nicht mit der Uhr gemessen werden.

    "Bezahlung nach Leistung" funktioniert eigentlich nicht bei Stundenlohn, sondern eher bei Akkordlohn. Wer "nach Leistung" bezahlen will, landet früher oder später beim Akkordlohn - das ist mein erstes Bedenken.


    Mein zweites Bedenken bezieht sich auf die Vergleichbarkeit von verschiedenen Arbeitsleistungen.

    Nehmen wir als Beispiel die Fahrradproduktion. Da gibt es einerseits eine Manufaktur, die in der Woche zwei Fahrräder herstellt, weil sie fast alles von Hand machen. Außerdem gibt es eine moderne Fabrik, die mit der selben Arbeiteranzahl in der Woche zehn Fahrräder herstellt.

    Wie werden nun die jeweiligen Arbeiter in eurem System entlohnt? Bekommen die Fabrikarbeiter fünfmal soviel Lohn wie die Manufakturarbeiter? Ihre Arbeitsleistung ist schließlich fünfmal höher.


    Mein drittes Bedenken: Man kann immer nur das verteilen, was vorher produziert worden ist. "Verteilung nach Leistung" ist eine Verteilung nach Menge oder, kapitalistisch gesprochen, eine Verteilung nach Wert. Der Wert oder die Gesamtmenge der gesellschaftlichen Arbeit ist aber nicht im vorhinein bekannt. In dem Beispiel von eben haben wir eine Gesamtproduktion von 12 Fahrrädern. Nur diese zwölf Fahrräder können verteilt werden. Sobald aber die Arbeiter der modernen Fabrik sehen, dass die Manufakturarbeiter ebensoviel von den Fahrrädern abbekommen wie sie - sie haben ja eben so lang gearbeitet, wird ihre Arbeitsleistung schnell sinken.

    Kurz: Die Gesamtproduktionsmenge muss bekannt sein, bevor es ans Verteilen geht. Man kann nur das Verteilen, was produziert worden ist. Die Gesamtproduktionsmenge ist aber nicht im vorhinein bestimmbar.

    Die Gesamtproduktionsmenge hängt vor allem von der gesellschaftlichen Arbeitsproduktivität ab. Und die Arbeitsproduktivität hängt von vielen Faktoren ab, die wir teils nicht kennen und auf die wir teils keinen Einfluss haben:
    „Die Produktivkraft der Arbeit ist durch mannigfache Umstände bestimmt, unter anderen durch den Durchschnittsgrad des Geschickes der Arbeiter, die Entwicklungsstufe der Wissenschaft und ihrer technologischen Anwendbarkeit, die gesellschaftliche Kombination des Produktionsprozesses, den Umfang und die Wirkungsfähigkeit der Produktionsmittel und durch Naturverhältnisse.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 54.


    Die individuelle Arbeitsleistung = Arbeitsstunden mal individuelle Arbeitsproduktivität.

    Die gesellschaftliche Arbeitsleistung = Gesamtarbeitszeit mal gesellschaftliche Arbeitsproduktivität.

    Die Arbeitszeit ist (auch nur als Absicht!) im Vorhinein bekannt und damit planbar. Aber die individuelle wie gesellschaftliche Produktion hängt eben nicht nur von der Arbeitszeit, sondern in entscheidenderem Maße von der jeweiligen Arbeitsproduktivität ab. Ein Verteilungssystem mit Stundenzetteln hat die Arbeitsproduktivität nicht oder zu ungenau "auf dem Zettel".


    Das sind erstmal meine Bedenken.


    Gruß Wal


    Siehe auch:

    Arbeitszeit und Arbeitsleistung

  • Hi Wal,


    ich habe meine Antwort mal etwas stichwortartig formuliert. Vorausschicken möchte ich nochmal, dass es uns mit unserem Buch weniger darum gegangen ist, Verteilungsfragen zu diskutieren als darum, eine gesellschaftliche Alternative zu Geld, Lohnarbeit und Kapital zu skizzieren. Und zu diskutieren. Die Verteilung gehört dazu, ist aber insofern zweitrangig, dass zuerst über die Produktion gesprochen werden muss und dass die Verteilung dann etwas ist, dass in der Zukunft festgelegt werden muss. Wenn, im Vergleich zum Kapitalismus, fast alle gewinnen, werden Verteilungsfragen schnell in den Hintergrund treten können.



    1) erstes Bedenken – Gerechtigkeit

    Wal wrote:

    Ihr sagt nun: Wir bieten den Arbeitern eine gerechtere Bezahlung. Aber wonach richtet sich eure gerechtere Bezahlung? Ihr sagt: Wir bezahlen nach individueller Leistung. Ich behaupte, das ist eine höchst komplizierte Angelegenheit - ob es gerechter ist, steht noch auf einem anderen Blatt. Darauf gehe ich erst mal nicht ein.

    Wir sagen nicht, dass es gerechter ist. Ich hab dem in meinem letzten Post ja auch schon widersprochen :-) Gerechtigkeit ist ja etwas sehr Subjektives. Wir sagen, dass Arbeitszeitkonten ein Anfang sein könnte, weiter zu gehen! 'Goodbye Kapital' enden übrigens mit den Worten: „Jeder produzierend nach seinen Fähigkeiten und konsumierend nach seinen Bedürfnissen.“



    2) Zweites Bedenken – „Leistungslohn“


    Um es vorwegzunehmen: Wir haben nur eine Leistungsvergütung nach der Zeit und nur als Anknüpfungspunkt an der alten Gesellschaft und Übergangsregelung zur neuen Gesellschaft vorgeschlagen. Mehr nicht. Ich würde es weniger als 'unser System' denn als Marx Voraussage oder Vermutung bezeichnen: „Die individuelle Arbeitszeit des einzelnen Produzenten ist der von ihm gelieferte Teil des gesellschaftlichen Arbeitstags, sein Anteil daran. Er erhält von der Gesellschaft einen Schein, dass er so und so viel Arbeit geliefert (nach Abzug seiner Arbeit für die gemeinschaftlichen Fonds), und zieht mit diesem Schein aus dem gesellschaftlichen Vorrat von Konsumtionsmitteln soviel heraus, als gleich viel Arbeit kostet.“ (Marx)

    Konkret heißt das als Antwort auf deine Frage, beide Arbeiter_Innen in deinem Beispiel würden die gleiche Vergütung bekommen.


    Du hast natürlich recht, mit der Uhr kann man nur Zeit messen. Leistung ist Arbeit pro Zeit. Jedenfalls physikalisch. Weiter unten hast du es als Leitung mal Zeit definiert. Ökonomisch ist 'Leistung' aber eher ein ungenauer Begriff.


    Allerdings kann man mit der Uhr Arbeitszeit messen, die Zeit die gearbeitet wird. Und nach der geleisteten Arbeitszeit zu vergüten wird gemeinhin als (eine Form des) Leistungsprinzip bezeichnet, wenn man unterstellt, das in der Zeit dem gesellschaftlichen Normalmaß entsprechend Arbeitskraft verausgabt wird wird. Auf Wikipedia wird Arbeitsleistung z.B. folgendermaßen definiert: „Unter Arbeitsleistung versteht man in der Wirtschaft das durch Arbeitspersonen innerhalb der Arbeitszeit erbrachte Arbeitsvolumen als Arbeitsergebnis mit einer bestimmten Arbeitsqualität.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsleistung).

    Nur in dieser Definition - Vergütung nach Zeit, nicht nach Intensität oder Produktivität - des Wortes Leistungsprinzip wollen wird die Verteilung nach Arbeitszeit in der ersten Phase des Kommunismus, so wie wir sie beschrieben haben, verstanden wissen. Und so verstehen wir auch Marx an der Stelle.

    „penibel, kleinlich mit Scheinen traktiert“, „Bürokratie“ oder „Herrschaftsinstrument über Menschen“ (Post von bke) kann ich hier nicht per se erkennen!



    3) Drittes Bedenken - Verteilungsfragen


    Wal wrote:

    Du sagst: "Verteilung nach Leistung" ist eine Verteilung nach Menge, „die Gesamtmenge der gesellschaftlichen Arbeit ist aber nicht im vorhinein bekannt.“


    Die Arbeitszeit ist (auch nur als Absicht!) im Vorhinein bekannt und damit planbar. Aber die individuelle wie gesellschaftliche Produktion hängt eben nicht nur von der Arbeitszeit, sondern in entscheidenderem Maße von der jeweiligen Arbeitsproduktivität ab. Ein Verteilungssystem mit Stundenzetteln hat die Arbeitsproduktivität nicht oder zu ungenau "auf dem Zettel".

    Verteilung nach was sonst? Jede Verteilung ist eine Verteilung nach Menge. Die Menge der Fahrräder kann verteilt werden. Deren Bedarf kann vorher festgestellt werden, und die Produktion von 12 Fahrrädern geplant werden. Wenn eine Arbeiterin krank wird und dann nur 10 Fahrräder gebaut werden ist das schlecht. Aber dann könne in der nächsten Woche 14 gebaut werden. Außerdem relativiert sich das Problem bei der Produktion von 120 oder 1200 Fahrrädern. Im Durchschnitt ist bekannt, wie viele Fahrräder in einer bestimmten Zeit produziert werden. Wenn man auf Nummer sicher gehen möchte, können auch 13 gebaut werden, sodass immer Fahrräder verfügbar sind und Überstunden vermieden werden. Das funktioniert im Kapitalismus ganz gut, jedenfalls wenn es um die Ausdehnung der Produktion geht. Warum sollte es schlechter funktionieren, wenn Fabrik und Manufaktur und 'Konsumenten' sich absprechen?


    Die Arbeitsproduktivität ist aus der Vergangenheit bekannt und planbar. Natürlich nur im Durchschnitt und weniger exakt für neue Arbeitsvorgänge. Weit mehr Einfluss haben vermutlich natürliche Ursachen, z.B. eine schlechte Ernte oder Wetter. Ungenauer als die Planung der Produktivität ist vielleicht das Vorauskalkulieren des Konsumverhaltes. Die Produktion muss dann halt angepasst werden. Täglich, nicht erst nach 5 Jahren.


    Was ich damit sagen möchte: Die Gesamtmenge der verfügbaren Arbeit und die Gesamtmenge der dann auch in Produkten 'geronnenen' Arbeit ist nicht 100% exakt aber im Durchschnitt genau bekannt. Kleinere Störungen sind im Durchschnitt 'eingepreist', auch die Schwankung ist bekannt, und auf größere, Naturkatastrophen beispielsweise, muss dann halt reagiert werden. That's life.


    Bke schrieb etwas von Eulen nach Athen tragen, aber ich komme trotzdem nochmal mit einem Zitat. Es ist ja schließlich das Marx-Forum.

    Engels im 'Anti-Dühring' dazu: wrote:

    „Die Gesellschaft kann einfach berechnen, wieviel Arbeitsstunden in einer Dampfmaschine, einem Hektoliter Weizen der letzten Ernte, in hundert Quadratmeter Tuch von bestimmter Qualität stecken. Es kann ihr also nicht einfallen, die in den Produkten niedergelegten Arbeitsquanta, die sie alsdann direkt und absolut kennt, noch fernerhin in einem nur relativen, schwankenden, unzulänglichen, früher als Notbehelf unvermeidlichen Maß, in einem dritten Produkt auszudrücken und nicht in ihrem natürlichen, adäquaten, absoluten Maß, der Zeit. [...] Die Gesellschaft schreibt also unter obigen Voraussetzungen den Produkten auch keine Werte zu. Sie wird die einfache Tatsache, daß die hundert Quadratmeter Tuch meinetwegen tausend Arbeitsstunden zu ihrer Produktion erfordert haben, nicht in der schielenden und sinnlosen Weise ausdrücken, sie seien tausend Arbeitsstunden wert. Allerdings wird auch dann die Gesellschaft wissen müssen, wieviel Arbeit jeder Gebrauchsgegenstand zu seiner Herstellung bedarf. Sie wird den Produktionsplan einzurichten haben nach den Produktionsmitteln, wozu besonders auch die Arbeitskräfte gehören. Die Nutzeffekte der verschiednen Gebrauchsgegenstände, abgewogen untereinander und gegenüber den zu ihrer Herstellung nötigen Arbeitsmengen, werden den Plan schließlich bestimmen. Die Leute machen alles sehr einfach ab ohne Dazwischenkunft des vielberühmten »Werts«.“


    4) Sinkende Arbeitsleistung

    Wal wrote:

    Sobald aber die Arbeiter der modernen Fabrik sehen, dass die Manufakturarbeiter ebensoviel von den Fahrrädern abbekommen wie sie - sie haben ja eben so lang gearbeitet, wird ihre Arbeitsleistung schnell sinken.

    Das ist eine Vermutung von dir, die ich absolut nicht teile. Und wäre es, wenn es richtig wäre, nicht ein Argument von dir für einen Leistungslohn???


    Gruß

    Philip

  • Hallo, bin nach einigen Wochen zurück im Lande und es freut mich, dass sich hier eine Diskussion entwickelt. Ähnlich wie Phil wundere ich mich aber, warum alles an der Verteilung aufgehängt wird. Erst wird produziert, dann verteilt, dass ist doch gerade der Clou bei Marx in den Grundrissen und in unserer Rezeption. Alles was hier in der Diskussion angeschnitten wird, also: >> Bestimmung des Gesamtprodukts und der Gesamtarbeitszeit; Bestimmung der Produktivität der Arbeiten; Bestimmung der Gewichtung der Arbeiten usw. << ist doch nur möglich auf Grundlage der Produktion nach Arbeitszeit!? Das entscheidende ist die Produktion. Das eine Verteilung nach Leistung gewisse Widersprüche in sich birgt – schliesslich handelt es sich um Anleihen bei der alten Gesellschaft, ist klar. Das entscheidende ist aber doch die Basis der neuen Gesellschaft und die Richtung in welche diese Widersprüche gelöst werden sollen. Und wie bereits von Phil geschrieben: Wenn alle durch gesunkene Gesamtarbeitszeit und besseres Leben profitieren, werden sich die Verteilungsfragen auch nicht als der entscheidende Punkt erweisen.


    Heutige Diskussionen über konkrete Verteilungsfragen scheinen mir recht spekulativ. Nehmen wir Wals Bedenken bezüglich Kindern und Rentnern. Das Argument klingt vielleicht erst einmal gut, ist aber letztlich Zukunftsmusik. Dagegen könnte man doch zunächst einmal festhalten, dass es selbst auf Grundlage des Lohnsystems ja auch funktioniert (wenn oft auch mehr schlecht als recht) . Wer sich etwas in Kitas und Altenheimen auskennt, braucht nicht viel Phantasie um sich vorzustellen, dass solche Einrichtungen bei assoziierter Produktion entschieden besser laufen könnten. Versorgung von Kindern, Kranken, Alten usw. müsste nur als Planziel - und zwar als äußerst entscheidendes - definiert werden. Die genaue Ausgestaltung dagegen ist heute nicht möglich. Dazu in unserem Buch auf Seite 90:


    „Als Planziele können alle Ziele bezeichnet werden, die durch die Erfüllung eine Planes erreicht werden sollen. Hier geht es um einen ökonomischen Plan (oder mehrere), der aber nicht ausschließlich ökonomische Zielsetzungen haben muss. Soziale, ökologische und andere gesellschaftliche Ziele sollten sinnvollerweise immer im Voraus berücksichtigt werden, da sie in einem engen wechselseitigen Zusammenhang mit der Ökonomie stehen“.

  • Da hier aber nunmal so viel über das für und wider von Leistung und den Zusammenhang mit Bewusstsein diskutiert wurde, ggf doch noch einmal eine entscheidende Passage dazu aus unserem Buch (S. 134/135). Da wird vielleicht auch klarer, warum wir weiterhin von Leistung sprechen und warum wir keinesfalls denken, hier würde es um „Gerechtigkeit“ gehen, wie unbegründeter weise unterstellt:


    „Aber ein neues Bewusstsein kann sich nur entwickeln, es kann nicht einfach beschlossen oder erdacht werden. Die Menschen haben nun einmal die kapitalistischen Leistungsprinzipien von Egoismus und Ellenbogenmentalität so sehr verinnerlicht, dass es ein Ding der Unmöglichkeit

    wäre, diese über Nacht zu überwinden. Dies gilt übrigens mehr oder weniger für alle Menschen, auch wenn einige für sich elitär in Anspruch nehmen, die viel Bewussteren zu sein und naserümpfend auf die 'konsum- und leistungsorientierten' Massen herabsehen. Es würde jedoch

    nicht einmal etwas nützen, mit einer Schar Auserwählter auf den Mars umzusiedeln. Solche Versuche gab und gibt es zuhauf, wenn auch bisher nicht auf anderen Planeten. Aber alle diese Kommunen, die über den Kapitalismus hinausgehen wollten, sind gescheitert. Dieses Scheitern kann nicht nur damit begründet werden, dass 'Wirtschaft, Technologie und Kultur nicht ausreichend entwickelt waren', wie Mason die utopischen Sozialist*Innen des 19. Jahrhunderts in Schutz nimmt. Vielmehr erlitten alle praktischen Projekte der utopischen Sozialist*Innen das gleiche Schicksal wie die alternativen Hausprojekte und Kommunen der 1970er und 1980er Jahre. Sie lösten sich auf oder erstarrten zu „Sektenkolonien“ (Bloch 1990, S. 650). Sie hatten den gleichen Schönheitsfehler, waren ein „pädagogischer Traum“. Alles „Gute sollte mit einem Schlag kommen, gegründet werden“ (ebd.). Genau dies aber funktioniert nicht. Vielmehr müssen wir immer von den Menschen ausgehen, wie sie zunächst einmal sind und deshalb wird man bis auf weiteres um das Leistungsprinzip nicht umhin kommen. Mit einer Arbeitszeitrechnung wäre gewährleistet, dass die Menschen nicht einfach viel zu viele Konsumgüter in Anspruch nehmen. Auch Disziplin und Pünktlichkeit sind unbedingte Voraussetzungen, um den Produktionsprozess und das gesellschaftliche Leben vernünftig am Laufen zu halten. Spätestens wenn wir uns vorstellen, was passieren würde, wenn ein*e Rettungssanitäter*In nicht gewissenhaft ihre Schichtpläne einhält, dürfte dies einleuchten. Was bei diesem Extrembeispiel sofort ins Auge springt, gilt letztlich für den gesamten Produktionsprozess. Würde Schlendrian beim Einholen der Ernte oder bei Kanalisationsarbeiten einkehren, wären die Langzeitfolgen mindestens ebenso bedenklich. Die im Kapitalismus erreichte Arbeitsdisziplin sollte keinesfalls abgeschafft werden, sondern müsste in dem Sinne auf ein höheres Niveau gehoben

    werden, dass sie als Notwendigkeit akzeptiert wird.“

  • Hallo Chris, hallo Philip,

    schön, dass die Diskussion weiter geht und vorankommt! Und das Thema stößt ja auf Interesse: In der Rubrik „aktuelle Themen“ ist euer Thema heute mit 605 Zugriffen gelistet.


    Vorneweg: Ich ja bin kein grundsätzlicher Gegner der Idee „Arbeitszeitgeld“. Aber ich versuche, mir die Sache konkret vorzustellen und dann zu schauen, wo gibt es Probleme? Wo liegen die Vorteile, wo die möglichen Nachteile?


    1) Mein erstes Bedenken, dass mit der Arbeitszeitrechnung zwar Stunden notiert werden, aber eigentlich ein bestimmtes Maß an Produktion erfasst werden soll, das habt ihr auf individueller Ebene beseitigt, aber das Problem bleibt auf gesellschaftlicher Ebene bestehen.

    Wie ich in meinem Text „Arbeitszeit und Arbeitsleistung“ aufgezeigt habe, unterscheidet sich die Arbeitsproduktivität von Arbeiter zu Arbeiter, von Branche zu Branche und von Produktionsort zu Produktionsort.


    Eure Antwort darauf: Arbeiter mit unterschiedlicher Produktivität würden die gleiche Vergütung bekommen. In der Praxis läuft das auf einen Einheitslohn hinaus: Gleiche Bezahlung für Alle.

    Das ist ein neues Fass. Ich weise nur darauf hin, dass es unter den meisten Arbeiterinnen und Arbeitern einen (wie ich glaube: berechtigten) Widerwillen gegen gleiche Bezahlung für Alle existiert. Da liegen sie mit Marx auf einer Linie, der schrieb: „... Ich muss diese Gelegenheit zu der Feststellung benutzen, dass, genauso wie die Produktionskosten für Arbeitskräfte verschiedener Qualität nun einmal verschieden sind, auch die Werte der in verschiedenen Geschäftszweigen beschäftigten Arbeitskräfte verschieden sein müssen. Der Ruf nach Gleichheit der Löhne beruht daher auf einem Irrtum, ist unerfüllbarer, törichter Wunsch.“ K. Marx, Lohn, Preis und Profit, MEW 16, 131.


    Gleiche Bezahlung für Alle ist so ziemlich das Gegenteil von Kommunismus, wo jeder „nach seinen Bedürfnissen“ bekommen soll. Und ich kann mir nicht vorstellen, wieso solche „Gleichheit“ zu diesem ganz "ungleichen" Kommunismus führen soll oder führen kann.


    Das Problem der unterschiedlichen Produktivität pro Arbeitsstunde wird durch den Einheitslohn erstmal beseitigt, taucht aber sofort wieder auf, wenn es darum geht: Wie viel Produkt kann jeder Einzelne mit seinen Stundenzetteln ziehen?


    Ihr sagt:

    Quote


    Im Durchschnitt ist bekannt, wie viele Fahrräder in einer bestimmten Zeit produziert werden.

    Ein Kapitalist, der viele Fabriken an verschiedenen Standorten besitzt, kann sich mit Durchschnittswerten zufrieden geben – die gesamte Produktion wandert ja in einen einzigen Topf: seinen Geldsack.


    So eine Durchschnittsrechnung genügt jedoch keineswegs, um die Versorgung von ganz bestimmten Menschen mit ganz bestimmten Gütern an einem ganz bestimmten Ort (die eigene Kommune) zu bestimmen.

    Da, wo moderne Maschinen vorhanden sind, können vielleicht 100.000 Brote am Tag gebacken werden. Aber nicht jede Kommune hat solche Maschinen. Aber in jeder Kommune müssen die eigenen Einwohner Tag für Tag mit Brot versorgt werden.


    Wenn wir von kommunistischen Verhältnissen ausgehen, muss jede einzelne Kommune wissen, über welches Produktionspotential sie verfügt. Jede einzelne Kommune muss wissen, was sie selber an Nahrung, an Kleidung, Behausung, an Fahrzeugen und Maschinen etc. produzieren kann. Was eine Kommune nicht selber produzieren kann, das muss sie von anderen Kommunen beziehen. Dieses eigene Produktionspotential hängt aber von der Anzahl der (willigen) Arbeiter, von ihrer Qualifikation und von dem Stand der lokalen Technik ab.


    Auch wenn man wie ihr einen zentralistischen (?) Blick auf die Produktion richtet, muss man wissen, wieviel wird in der Kommune A, wieviel in der Kommune B und wieviel wird in der Kommune C von jedem einzelnen Produkt produziert werden kann und tatsächlich produziert wird – denn je nach dem muss Defizit und Überschuss zwischen den Kommunen transportiert werden. Da genügt keine Durchschnittsrechnung. Am Ort A kann Überschuss herrschen, während die Leute am Ort B verhungern. Warum? Weil der Ort A über eine höhere Produktivität verfügt als Ort B.

    „Und wenn wir dann fragen, welche Garantie wir haben, dass von jedem Produkt die nötige Quantität und nicht mehr produziert wird, dass wir nicht an Korn und Fleisch Hunger leiden, während wir im Rübenzucker ersticken und im Kartoffelschnaps ersaufen, dass wir nicht Hosen genug haben, um unsere Blöße zu bedecken, während die Hosenknöpfe millionenweise umherwimmeln – so zeigt uns Rodbertus (dt. Ökonom, 19. Jh.) triumphierend seine famose Rechnung, wonach für jedes überflüssige Pfund Zucker, für jedes unverkaufte Fass Schnaps, für jeden unannähbaren Hosenknopf der richtige Schein ausgestellt worden ist, eine Rechnung, die genau ,aufgeht‘, nach der ,alle Ansprüche befriedigt werden und die Liquidation richtig vermittelt‘ ist.“ F. Engels, Vorwort zu Marx’ Schrift, „Elend der Philosophie“, MEW 21, 182.


    2) Ich muss aber noch ein weiteres Fass aufmachen:

    Was ändert sich eigentlich für die Arbeiter durch das Arbeitszeitgeld? Inwiefern stellen sie sich besser als im Kapitalismus? Ja, ist das Arbeitsgeld nicht immer noch ein Lohnsystem? Wenn ja, dann ist die Lohnarbeit nicht abgeschafft, sondern nur verändert.

    Auch hier versuche ich mal, möglichst konkret zu werden:

    Für die Lohnarbeiter im Kapitalismus ist das Geld kein Kapital, sondern das Verteilungsmittel, das ihnen den Zugang zum Konsum erlaubt. Konsum ist für sie nichts anderes als Reproduktion = Erhaltung ihres Lebens.

    Es gibt da einen Geldbesitzer. Zu dem gehen die Arbeiter und verkaufen ihre Arbeit(skraft). Dafür erhalten sie Geld und von dem Geld kaufen sie sich ihre Lebensmittel (im weitesten Sinne). Also arbeiten die Arbeiter für Lohn.

    In der Formel von Marx:
    W (Arbeitskraft) - Geld. Geld - W (Konsum). Oder kurz: W (Arbeitskraft) - W (Konsum), wobei Geld nur der Vermittler ist.

    Und im Arbeitszettelsystem?

    W (Arbeitskraft) - Arbeitszettel. Arbeitszettel - W (Konsum). Kurz: W (Arbeitskraft) - W (Konsum), wobei die Arbeitszettel die Funktion von Geld haben, nämlich Vermittler zwischen den verschiedenen Warensorten W und W.

    Die Arbeiter bieten ihre Arbeitskraft an und erhalten dafür Arbeitszettel. Mit den Arbeitszetteln gehen die Arbeiter einkaufen. Damit sie wissen, was und wieviel sie davon kaufen können, muss dann auf jedem einzelnen Produkt der „Arbeitszeitwert“ stehen. Also Arbeiten die Arbeiter für "Arbeitswerte", denn nur durch Arbeitswerte können sie ihren Lebensunterhalt sichern. Die Arbeitswertzettel erfüllen für die Arbeiter alle Funktionen, die vorher das Geld erfüllt hat. Die Arbeitswertzettel sind tatsächlich der Arbeitslohn.


    Aus Sicht der Arbeiter finde ich keinen Unterschied zwischen dem Lohn in Gestalt des Geldes und dem Lohn in Gestalt von Arbeitszetteln. Die Arbeitszettel sind nur eine andere Form des Geldes, aber im wesentlichen sind sie Geld. Sie fungieren als Lohn – als Bezahlung der Arbeitskraft, die eine bestimmte Zeit angewandt worden ist.


    Den einzigen Unterschied zu kapitalistischem Geld finde ich darin, dass die Arbeitszettel nicht akkumuliert werden können, nicht verliehen werden können, und deshalb nicht als Kapital fungieren können.

    So gesehen ist das Konzept „Arbeitsgeld“ antikapitalistisch. Aber es ist eben nicht kommunistisch in dem Sinne, dass die Lohnarbeit beseitigt ist und ich sehe auch keinen Fortschritt für die Arbeiter in Richtung Kommunismus.


    Gruß Wal


    Siehe auch Karl Marx über Arbeitsgeld

    https://marx-forum.de/marx-lex…exikon_a/arbeitsgeld.html

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