Im Kino: STREIK von Stéphane Brizé

  • Ich hatte in meinen Jahren als Werkzeugmacher an drei Streiks teilgenommen und einen davon mitorganisiert, womit ich mir eine Abmahnung "verdiente". In diesen Streiks ging es nicht um viel, um eine Lohnerhöhung oder um ein paar Millionen Neu-Investitionen. Erfolg oder Misserfolg dieser Streiks hatten wir daran gemessen, wie viele Kollegen daran teilnahmen, und was noch wichtiger war, ob die „wichtigen“ Kollegen, die Maschinenführer, sich beteiligten oder nicht.


    Im neuen Film (2018) von Stéphane Brizé „En Guerre“ (dt. Titel: Streik) geht es um mehr. Ein Zulieferer der Autoindustrie mit 1100 Lohnarbeitern soll geschlossen werden, obwohl der Betrieb noch Gewinn abwirft. Die Leute kämpfen um ihren Arbeitsplatz in einer Region, wo sie kaum andere Arbeit finden können. Die Arbeiter besetzen den Betrieb, der Besetzungsstreik zieht sich über zwei Monate hin. Die Handkamera ist immer nahe an den Gesichtern und Personen, von denen nur Vincent Lindon Berufsschauspieler ist. Die Spannung und Dynamik bezieht der Film aus den Dialogen, die weitgehend keinem Drehbuch folgen, sondern sich aus der Situation herausentwickeln. Es wird viel gesprochen, und das ist gut so, denn in und mit den Dialogen, werden die Standpunkte deutlich, die gegeneinander Krieg führen: Die Vertreter der Streikenden sprechen häufig mit der Geschäftsführung, sie sprechen mit Journalisten von Presse und Fernsehen, sie treffen sich mit einem Staatssekretär in Paris, sie fordern während eines Sit-ins im französischen Unternehmerverband dessen Chef zum Gespräch, sie dringen in ein Zweitwerk des Unternehmens ein, 600 km entfernt, um die dortigen Kollegen zum Solidaritätsstreik aufzurufen und sie verlangen immer wieder, dass der deutsche Konzernchef mit ihnen direkt verhandelt.

    Diese Eskalation des Streiks führt schließlich dazu, dass die Solidarität innerhalb der Kollegen auseinanderbricht. Auch unter den Kollegen gibt es viel zu diskutieren.

    Besonders gut gefallen hatte mir dabei, dass in all diesen hitzigen Diskussionen die Leute immer wieder beruhigt wurden, die unbeherrscht wurden und Gegenüber und Gegner persönlich angriffen und beleidigten. Dieses ständige Bemühen um Sachlichkeit und Besonnenheit unterscheidet den Film vom billigen Agit-Prop-Kino der 1970er Jahre.

    Während die Streikenden in ihren Aktionen immer heftiger werden, wird deutlich, dass sich an den Argumenten der Kapitalseite und der Regierungsvertreter kein Bisschen verändert. Die Empörung darüber führt dann dazu, dass der deutsche Konzernchef fluchtartig den Verhandlungsort verlassen will und dabei ein paar blutige Schrammen abbekommt.

    Hier in Deutschland wäre eine solche Klimax undenkbar, für französische Verhältnisse ist auch hier die Darstellung noch realistisch und nachvollziehbar.

    Dass sich der hervorragende Streikführer am Ende theatralisch umbringt, ist eine filmische Antiklimax, die sowohl die Glaubwürdigkeit dieser Figur wie auch den dokumentarischen Charakter des Films untergräbt. Insgesamt: Der Film ist unbedingt sehenswert. Hier in Hannover lief er gestern im Programmkino vor nur einem Dutzend Zuschauer.


    Wal Buchenberg, 1. Mai 2019

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