Einhörner und die Überproduktion von Kapital

  • Wer aus Geld mehr Geld machen will, ohne den mühseligen Weg über die Produktion von Waren zu gehen, der wird gerne poetisch. So jagen Spekulanten gerne nach „Einhörnern“ – seltene Unternehmen mit wunderbaren Profitaussichten, weil sie mit viel Schwung ("blitzscaling") einen neuen Markt erobern und dort eine Marktbeherrschung erringen.

    Die ersten Einhörner der Internetwelt waren Amazon, Google und Facebook. Heute glauben gut 150 Unternehmen deren Erfolg kopieren zu können. Ein repräsentatives Dutzend dieser Möchtegern-Einhörner werden aktuell mit einem Aktienwert von insgesamt rund 350 Milliarden Dollar gehandelt und hoffen noch in diesem Jahr auf einen Marktwert von insgesamt einer Billion Dollar zu kommen.

    Eine Billion Dollar – das überträfe die gesamte Jahreswirtschaftsleistung (BIP) der Türkei oder der Niederlande im Jahr 2017.


    Gemeinsam ist allen diesen Firmen, dass alle ihren Markt im Internet suchen und dass sie kaum konstantes Kapital benötigen - ihre fixed Assets erreichen insgesamt nur 6 Milliarden Dollar. Mit vergleichsweise wenigen Lohnarbeitern und 6 Milliarden konstantem Kapital einen Wert von 1 Billion Dollar zu schaffen, das ist das märchenhafte an diesen Firmen. Das macht sie zu Einhörnern.

    Diese Einhörner sind:

    - Tencent Music (China, Musikstreaming)

    - Meituan Dianping (China, Online-Handel)

    - IQIYI (China, Unterhaltungsmedien)

    - Sea (Singapore, Onlinespiele, Online-Handel)

    - Pinduoduo (China, Online-Handel)

    - Uber (USA, Personentransport)

    - Snap (USA, social Media)

    - WeWork (USA, Büroflächen)

    - Lyft (USA, Personentransport)

    - Spotify (Schweden, Musikstreaming)

    - Dropbox (USA, Cloudspeicherplatz)

    - Pinterest (USA, social Media)


    Die Märchenhaftigkeit der kapitalistischen Gewinnerwartung wird erst deutlich, wenn man sich die „Gewinne“ der letzten vier Jahre dieser Einhörner anschaut. Da hat nur Tencent Music überhaupt ein mageres positives Ergebnis erzielt, alle anderen elf haben wachsende Verluste eingefahren.



    Was macht den Geldkapitalisten solche Hoffnung? Es gibt zuviel Kapital, das nach profitablen Anlagen sucht. In einer kapitalistischen Welt, in der die Wachstums- und Profitmöglichkeiten chronisch niedrig sind, und in der für Kredite kaum Zinsen gezahlt werden, weichen die Kapitaleigner ins Märchenhafte aus.


    „Der Zweck der kapitalistischen Produktion ist aber Verwertung des Kapitals, d. h. Aneignung von Mehrarbeit, Produktion von Mehrwert, von Profit. ... Wo also das gewachsene Kapital nur ebenso viel oder selbst weniger Mehrwertmasse produziert als vor seinem Wachstum, so fände eine absolute Überproduktion von Kapital statt; d. h. das gewachsene Kapital C + deltaC produzierte nicht mehr Profit, oder gar weniger Profit, als das Kapital C vor seiner Vermehrung durch deltaC.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 261f.

    „Die Masse der kleinen zersplitterten Kapitale wird dadurch auf die Bahn der Abenteuer gedrängt: Spekulation, Kreditschwindel, Aktienschwindel, Krisen.

    Der krankhafte Überfluss des Kapitals bezieht sich immer wesentlich auf den Überfluss von Kapital, für das der Fall der Profitrate nicht durch seine Masse aufgewogen wird – und dies sind immer die neu sich bildenden frischen Kapitalableger – oder auf den Überfluss, welche diese, für sich selbst zur eigenen Aktion unfähigen Kapitale den Leitern der großen Geschäftszweige in der Form des Kredits zur Verfügung stellt.

    Dieser Überfluss des Kapitals erwächst aus denselben Umständen, die eine relative Überbevölkerung (Arbeitslosigkeit) hervorrufen, und ist daher eine diese letztere ergänzende Erscheinung, obgleich beide auf entgegengesetzten Polen stehen, unbeschäftigtes Kapital auf der einen und unbeschäftigte Arbeiterbevölkerung auf der anderen Seite.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 261.


    Und noch etwas lässt sich daraus ablesen:

    Kapital fließt dorthin, wo Profit winkt. Es ist daher ein Märchenglaube, das Kapital ließe sich mit Vernunftgründen in „gesunde“ oder „wünschenswerte“ Felder dirigieren: in Friedensproduktion statt Rüstung, in erneuerbare Energiesträger statt fossile Verbrennung, in nachhaltige Produkte statt Plastik, in Klimaschutz statt Profit etc.


    Wal Buchenberg, 24. April 2019

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