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  • Hallo.

    Ich habe gerade erst angefangen mich mit Marx zu beschäftigen und lese immoment Band 1 und dazu das Buch von Michael Heinrich und von Johan Fornäs und zusätzlich noch die Youtube Videos von David Harvey. Ich versuche auch immer das gelesene auf meinen Alltag zu übertragen, habe dabei aber ein paar Probleme.

    Wenn ich zum Beispiel in ein Restaurant gehe und über die Kellner nachdenke, dann weiß ich nicht genau wie ich das mit Marxs Theorie verbinden kann.

    Ein Kellner trägt ja sozusagen nur das Essen und die Getränke an die Tische. Wie kann man den Wert dieser Arbeit messen? Die Zeit, die es dauert, bis der Kellner das Essen an den Tisch gebracht hat oder wie?

    Mir ist klar, dass der Mehrwert ab einer gewissen Zeit in den Rechnungen enthalten ist, die die Kunden bezahlen müssen, allerdings wüsste ich nicht wieviel Wert die Arbeit des Kellners produziert.


    Oder ein anderes Beispiel:

    Bei mir am Bahnhof gibt es ein Kiosk. Aber der Verkäuft macht eigentlich nur den Verkauf oder räumt die Waren ein. Ist die Arbeitszeit dann einfach nur die Zeit in der der Verkäufer im Laden sein muss? Oder muss ich hier über die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit nachdenken? Das heißt wenn der gesellschaftliche Produktionsstandart so ist das ein Verkäufer in seinem Laden eben nur ab und zu "Arbeitet", dann ist das eben der gesellschaftliche Standart und es zählt einfach die Zeit in der er sich im Laden befindet?


    Hab ich hier etwas grundlegendes Missverständen? Bin noch ganz am Anfang.


    Das Forum gefällt mir sehr gut. Allerdings sieht es aus als würde es nur ein paar Leute geben die Experten sind und ab und zu größere Texte schreiben, ich hoffe mein nicht so professioneller Beitrag stört nicht die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit hier im Forum ;D

  • Hallo V-P:

    nein, das Marx-Forum ist nicht nur für „Experten“. Die Experten, haben sich eigentlich alle aus dem Marx-Forum davon gemacht (Robert Schlosser, Kim/ricardo, Franziska, Pfeilregen). Es ist seitdem eigentlich ganz gemütlich hier, und wir können uns gut auch über Kellnerinnen und Kioskverkäufer unterhalten.


    Zunächst einmal berechnen Kapitalisten nicht den Wert einer einzelnen Ware oder einer einzelnen Dienstleistung. Es macht deshalb auch keinen Sinn, wenn Sozialisten das versuchen.


    Kapitalisten gehen in der Regel von Standard- oder Durchschnittswerten („Marktwert“) aus, die sie auf dem Markt vorfinden, aber nicht selbst berechnen. Wenn ein Restaurantbesitzer ein Gericht mit Schnitzel verkaufen will, dann liegt der Marktwert bei rund 12 Euro. Diesen Marktpreis findet er schon vor. Bei den meisten Restaurants kostet ein Schnitzel 12 Euro. Wenn ein Restaurant deutlich mehr für ein Schnitzel verlangt, dann verliert es vielleicht Kunden. Wenn ein Restaurant deutlich weniger für ein Schnitzelgericht verlangt, macht es vielleicht Miese.


    Mit den 12 Euro, die ein Wirt für ein Schnitzel bekommt, muss er alle seine Kosten decken: die Miete, die Küchengeräte, die Einrichtung, das Fleisch, die Lohnkosten für den Koch und die Lohnkosten für die Kellnerin. Darüber führt ein ordentlicher Kapitalist allerdings genau Buch.


    In der Terminologie von Marx, sind die Miete, die Gebäudekosten, die Geräte und das Fleisch „konstantes Kapital“. Sie heißen bei Marx konstantes Kapital, weil der Kapitalist diese Kosten unverändert auf den Preis seines Schnitzels (anteilig) anrechnet und wieder bekommt. Nehmen wir mal an, für ein Schnitzel macht das 8 Euro.

    Zahlt der Kapitalist nun an den Koch und den Kellner je zwei Euro Lohn pro Schnitzel? Auf keinen Fall.

    Er zahlt seinem Personal vielleicht je einen Euro pro Schnitzel. Diese Lohnkosten nennt Marx „variables Kapital“, weil der Kapitalist damit seinen Gewinn macht.

    In unserem Beispiel sind die gesamten Kosten für ein Schnitzel 10 Euro. Auf der Speisekarte steht das Schnitzel für 12 Euro. Bleiben für ihn als Kapitalist 2 Euro Gewinn. Diesen Gewinn streicht er nicht durch eigene Arbeit ein, sondern durch fremde Arbeit. Natürlich kann ein kleiner Kapitalist in der Küche auch mitarbeiten, dann ist er gleichzeitig Arbeiter und Kapitalist, aber das ist für den modernen Kapitalismus nicht typisch. Typisch für den modernen Kapitalist ist, dass die Lohnarbeiter durch ihre Arbeit fremden Reichtum anhäufen. Sie selber bleiben arm. Lohnarbeit macht nicht reich. Reich wird man nur, wenn man andere für sich arbeiten lässt.


    Bei dem Verkäufer in einem Kiosk ist es ein bisschen anders. Aber darüber können wir uns vielleicht später noch austauschen.


    Für den Anfang ist es mir wichtig, dass Marx alle Arbeit, die für Lohn für einen Kapitalisten geleistet wird und deren Arbeitsprodukt der Kapitalist verkauft, „produktive Arbeit“ ist – egal ob in der Produktion (in der Küche) oder in der Dienstleistung (am Tresen, am Tisch oder im Kiosk).

    Produktive Arbeit heißt, dass meine Arbeit meinen Kapitalisten reich macht, während der Lohn mehr oder minder für meinen Lebensunterhalt reicht – mehr nicht. Durch Lohnarbeit wird niemand reich.


    Soweit erst mal und Gruß!

    Wal

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