M. Roberts: Finanzialisierung und Finanzkapitalismus

  • „Finanzialisierung“ ist wie „Neoliberalismus“ ein beliebtes Schlagwort unter Linken und alternativen Ökonomen. Dieses Schlagwort beherrscht linke akademischen Konferenzen und linke Kreise als ein Begriff, der angeblich Krisen erklärt, als auch als Ursachenbestimmung für die zunehmende soziale Ungleichheit in den entwickelten kapitalistischen Volkswirtschaften, insbesondere der letzten 40 Jahre. Die jüngste Manifestation dieser Finanzialisierungshypothese stammt von Grace Blakeley, einer britischen linken Ökonomin, die in Großbritannien ein aufstrebender Medienstar zu werden scheint. In einer kürzlich erschienenen Arbeit präsentierte sie alle Grundsätze der Finanzialisierungstheorie.


    Was bedeutet der Begriff "Finanzialisierung" und trägt er zu einem besseren Verständnis der Widersprüche des modernen Kapitalismus bei? Führt uns dieser Begriff zur richtigen Politik mit der wir die Verhältnisse ändern können? Ich glaube nicht. Ich glaube das deshalb nicht, weil der Begriff „Finanzialisierung“ entweder so weich und überdehnt ist, dass er wenig zusätzliche Einsichten bietet oder dieser Begriff ist so eng und spezifisch, dass er sowohl theoretisch als auch empirisch falsch wird.


    Die weite Definition, die hauptsächlich von der „Financialization School“ verwendet wird, wurde zuerst von Gerald Epstein angeboten. Die Definition Epsteins lautet: "Finanzialisierung bedeutet die zunehmende Rolle von finanziellen Motiven, von Finanzmärkten, Finanzakteuren und Finanzinstitutionen beim Betrieb der nationalen und internationalen Volkswirtschaften."

    Man sieht, das sagt uns wenig mehr als das Offensichtliche, das allen bei der Entwicklung des modernen, reifen Kapitalismus im 20. Jahrhundert in die Augen springt.


    Aber Epstein sagt weiter: „Manche Autoren verwenden den Begriff Finanzialisation, um den Aufstieg des Shareholder Value als Methode der Unternehmensführung zu bezeichnen. Einige verwenden den Begriff, um auf die wachsende Dominanz der Kapitalmarktfinanzsysteme gegenüber bankbasierten Finanzsystemen hinzuweisen. Einige folgen Hilferdings „Finanzkapital“ und verwenden den Begriff Finanzialisierung, um die zunehmende politische und wirtschaftliche Macht einer bestimmten Klassengruppe zu bezeichnen: die Rentiersklasse. Für andere bedeutet Finanzialisierung die Ausweitung des Kapitalhandels mit der Vielzahl neuer Finanzinstrumente. Schließlich bezieht sich der Begriff bei Krippner auf ein ‚Akkumulationsmuster, bei dem die Gewinnung von Profit zunehmend über Finanzkanäle statt durch Handel und Warenproduktion erfolgt‘".


    Der Begriff „Finanzialisierung“ mit diesen Bestimmungen führt uns in neue Bereiche, insbesondere der Ansatz von Krippner. Die Krippner-Definition führt uns über die Akkumulationstheorie von Marx hinaus in ein Gebiet, in dem der kapitalistische Gewinn aus anderen Quellen als aus der Ausbeutung von Arbeitskraft kommt. Das Finanzkapital ist der neue und vorherrschende Ausbeuter, nicht das Kapital an sich. Somit ist jetzt das Finanzkapital der wirkliche Feind aller Antikapitalisten, nicht der Kapitalismus als solcher. Weiter folgt angeblich daraus: Die Instabilität und spekulative Natur des Finanzkapitals sei die eigentliche Ursache für die kapitalistischen Krisen, nicht ein Rückgang der Rentabilität der Produktion von Waren und Dienstleistungen, wie Marx mit dem Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate argumentierte.


    Wie es Stavros Mavroudeas in seinem ausgezeichneten neuen Artikel formuliert , wird mit der These der Finanzialisierung davon ausgegangen , dass "Geldkapital völlig unabhängig von produktivem Kapital ist ..., und dass es die übrigen Kapitalanteile aufgrund seiner Privilegien umformt. “ Und wenn „finanzielle Gewinne keine Anteile des Mehrwerts sind, dann… ist die Theorie des Mehrwerts mindestens marginalisiert. Folglich verliert die Auspressung von Mehrwert (das Hauptunterscheidungsmerkmal der marxistischen Wirtschaftsanalyse gegenüber Neoklassik und Keynesianismus) ihre zentrale Bedeutung .... “


    Wie Mavroudeas sagt, ist Finanzialisierung tatsächlich ein postkeynianistisches Thema „basierend auf einer von Keynes geerbten Klassentheorie, die das Kapital in zwei getrennten Klassen aufspaltet: Industriekapitalisten und Finanzkapitalisten.“ Die Postkeynesianer sind scheinbar ‚radikale‘ Anhänger von Keynes in der Tradition der Keynes-Marxisten Joan Robinson und Michel Kalecki, die die auf der Ausbeutung der Lohnarbeit beruhende Werttheorie von Marx ablehnten und ebenso das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate. Stattdessen vertreten sie eine Verteilungstheorie: kapitalistische Krisen sind entweder das Ergebnis von zu niedrigen Löhnen (lohnbestimmt) oder von zu niedrigen Gewinnen (gewinnbestimmt). Krisen in der neoliberalen Epoche seit den achtziger Jahren seien „lohnbestimmt“ gewesen. Die erhöhte ("exzessive") Verschuldung sei ein Ausgleichsmechanismus für ein zu niedriges Lohnniveau gewesen. Das führte dann den Finanzcrash herbei. Die sinkende Profitabilität des industriellen Kapitals hätte mit der Krise nichts zu tun gehabt.


    Nach Mavroudeas lautet die These vom Finanzkapitalismus: „Das Aufkommen des Neoliberalismus in den 1980er Jahren hat den Kapitalismus radikal verändert. Die Liberalisierung und insbesondere die Liberalisierung des Finanzsektors führten zur Finanzialisierung, womit die Finanzmärkte gleichzeitig dereguliert und globalisiert wurden. Dies führte zu einem enormen Anstieg der finanziellen Hebel und der Finanzgewinne, jedoch auf Kosten einer zunehmenden Instabilität. Dies hat zu der Krise von 2008 geführt, die eine reine Finanzkrise war.“


    Diese Verknüpfung von Schulden mit der postkeynesianischen Verteilungstheorie folgt aus den Theorien von Hyman Minsky, ein radikaler keynesianischer Ökonom der achtziger Jahre. Dieser führte aus, dass der Finanzsektor von Natur aus instabil sei, denn „das Finanzwesen, das für die kapitalistische Energie und Vitalität notwendig ist, überträgt unternehmerischen Tatendrang in effektive Nachfrageinvestitionen. Das birgt das Potenzial für eine exzessive Expansion, angetrieben von einem Investitionsboom.“ Der moderne Anhänger von Minsky, Steve Keen, formuliert es so: „Kapitalismus ist von Natur aus fehlerbehaftet, neigt zu Boom, Rezession und Krisen. Diese Instabilität ist meiner Ansicht nach auf inhärente Eigenschaften des Finanzsystems zurückzuführen, das sich an den entwickelten Kapitalismus anpassen musste.“

    Auch Blakeley folgt damit genau der Minsky-Kalecki-Analyse und präsentiert diese Theorie als „Verbesserung“ oder als „Aktualisierung“ von Marx.


    Viele Vertreter der Financialization-School argumentieren weiter, dass die Finanzialisation eine neue Gewinnquelle, eine zweite Ausbeutung, geschaffen habe, die nicht auf die Ausbeutung von Lohnarbeit, sondern darauf zurückzuführen ist, dass den Lohnabhängigen wie den industriellen Kapitalisten durch Provisionen, Gebühren und Zinsen Geld entzogen wird ('Wucher').

    Ich habe in vielen meiner Beiträgen ausgeführt , dass dies den Ansichten von Marx klar widerspricht.


    Postkeynesianische Autoren und Befürworter der Finanzialisierungstheorie wie J.W. Mason stützen sich auch auf die Arbeiten von Mainstream-Ökonomen wie Mian und Siaf, um ihre Vorstellung zu unterstützen, dass moderne kapitalistische Krisen die Folge zunehmender Ungleichheit seien, dass die private Überschuldung zu finanzieller Instabilität führten und dass das alles nichts mit einem chronischen Rückgang der Profitabilität von produktiven Investitionen in der kapitalistischen Kernzone zu tun habe. Mian und Sufi veröffentlichten ein Buch namens „House of Debt“, das vom "offiziellen" Vertreter des Keynianismus, Larry Summers, als das beste Buch dieses Jahrhunderts bezeichnet wird! In diesem Buch behaupten die Autoren: „Krisen sind nicht unvermeidlich - sie sind keine geheimnisvollen Naturgewalten, die wir akzeptieren müssen. Stattdessen sind Krisen das Produkt eines Finanzsystems, das zu sehr die Verschuldung der privaten Haushalte fördert“.


    Aus meiner Sicht ist „Finanzialisierung“ eine Hypothese, die nur Oberflächenphänomene des letzten Finanzcrashs betrachtet und zu dem Schluss kommt, dass die Große Krise von 2008 das Ergebnis finanzieller Exzesse von unregulierten Banken oder einer "Finanzpanik" war. Marx erkannte durchaus die wichtige Rolle von Kredit- und Finanzspekulationen. Exzessive Finanzspekulationen sind in seiner Theorie jedoch eine notwendige Gegenreaktion auf eine sinkende Profitrate des industriellen Kapitals. Kredite sind im Kapitalismus immer notwendig, um die Abläufe des Handels zu beschleunigen. Doch immer wenn die Erträge aus der Ausbeutung der Lohnarbeit zu sinken beginnen, werden vergebene Kredite zu Schulden, die nicht zurückgezahlt oder bedient werden können. Diesen Vorgang kann die Financialization School nicht erklären: Wieso und wann entwickeln sich Kredite in eine exzessive Verschuldung?


    UNCTAD ist eine UN-Forschungsagentur, die sich auf Handels- und Investitionstrends spezialisiert. Sie veröffentlichte einen Bericht über den Prozess, durch den sich produktive Investitionen in finanziellen Vermögenswerten verwandeln. Der Bericht wurde von führenden postkeynesianischen Ökonomen geschrieben. Darin stellten sie fest, dass Unternehmen einen wachsenden Teil ihrer Gewinne für den Kauf von Aktien oder für die Zahlung von Dividenden an die Anteilseigner verwendeten, sodass weniger Geld für produktive Investitionen zur Verfügung standen. Aber diese Tatsache erklärt noch nicht, warum dieser Prozess ausgerechnet in den 80er Jahren begann.


    In der aktuellen Ausgabe des Real World Economics Review, ein Online-Journal, das vom Postkeynesianismus und der "Finanzialisation-Lehre" dominiert wird, erklärt John Bolder den Zusammenhang zwischen "produktiver und finanzieller Verwendung von Krediten" so: "Bis Anfang der 80er Jahre wurden Kredite hauptsächlich zur Finanzierung der Produktion von Gütern und Dienstleistungen verwendet. Das Kreditwachstum von 1945 bis 1980 war eng mit wachsenden Einkommen verknüpft. Die erzielten Mehreinkommen wurden dann dazu verwendet, Schulden abzuschreiben und letztendlich zu tilgen. Dies ist eine gesunde Verwendung von Schulden; es erhöht die Einkommen und führt nicht zu Instabilitäten im Finanzsektor.“ Aber seit den 1980er Jahren verlagerte sich, „die Kreditnutzung auf Wertpapier-Transaktionen (Immobilien, Aktien. Anleihen usw.). Diese Verlagerung wurde auch befördert durch rekordhohe, zweistellige Zinssätze zu Beginn der achtziger Jahre und die im Vergleich zu den damit verbunden Risiken zu geringen Renditen beim industriellen Kapital.“


    Diese Entwicklung kann man als „Finanzialisation“ bezeichnen. Dabei dürfen wir jedoch nicht vergessen, dass Bolder zugesteht, dass der Fall der Profitrate des industriellen Kapitals („zu geringe Renditen beim industriellen Kapital“) verbunden mit steigenden Zinsen zu diesen Veränderungen führte, die Marx „Investitionen in fiktives Kapital“ nannte. Daraus folgt jedoch keineswegs, dass das Finanzkapital jetzt der alles entscheidende Faktor für Krisen oder Rezessionen ist. Und es bedeutet auch keineswegs, dass die Große Krise von 2008 nur eine Finanzkrise oder nur ein "Minsky-Moment" war (um auf die Behauptung von Hyman Minsky zu verweisen, dass Krisen allein durch "finanzielle Instabilität" entstünden). In Krisen entsteht immer auch Geldpanik oder ein Finanzkollaps, weil der Kapitalismus eine Geldwirtschaft ist. Aber Geldpanik und Finanzkollaps sind nur Symptome für die tiefer liegende Ursache der Krise, vor allem der Rückgang der Profitproduktion!


    Guglielmo Carchedi sagt in seinem ausgezeichneten, aber oft ignorierten „Behind the Crisis“: „Der grundlegende Punkt ist, dass Finanzkrisen durch die schrumpfende produktive Basis der Wirtschaft verursacht werden. Dadurch wird irgendwann ein Punkt erreicht, an dem es zu einer plötzlichen und massiven Deflation in den Finanz- und Spekulationssektoren kommen muss. Auch wenn es so aussieht, als ob die Krise in diesen Finanzsektoren ausgelöst worden sei, liegt die eigentliche Ursache in der Produktionssphäre und einer sinkenden Profitrate in dieser Sphäre.“


    Im Gegensatz zu den Behauptungen der Financialization-School gibt es für ihre Theorie keinen empirischen Beleg. So behaupten Mian und Sufi, dass die Große Krise von 2008 unmittelbar durch einen vorgehenden Konsumeinbruch verursacht worden sei. Das ist die traditionelle keynesianische Sicht. Die Große Rezession von 2008 und die darauffolgenden einer nur schwachen wirtschaftlichen Erholung waren jedoch nicht das Ergebnis eines Konsumrückgangs, sondern das Resultat eines Rückgangs der Unternehmensinvestitionen (siehe meinen Beitrag https://thenextrecession.wordp…nvestment-not-consumption) / ).


    Vor kurzem hat auch Ben Bernanke, der frühere Chef der US-Notenbank während des großen Kreditbooms der frühen 2000er Jahre, seine Version der "Finanzialisierung" als Krisenursache wiederbelebt. Krisen sind für ihn das Ergebnis von „Finanzpanik“. Das heißt die Menschen verlieren den Kopf und verkaufen in Panik ihre Wertpapiere auf eine völlig unvorhersehbare Weise: „Obwohl die Panik als Ergebnis verschiedener struktureller und psychologischer Faktoren sicherlich kein von außen ausgelöstes Ereignis war, waren ihr Zeitpunkt und ihre Stärke weitgehend unvorhersehbar“ . In seinem Rückblick betrachtet Bernanke empirisch mögliche Zusammenhänge zwischen "finanziellen Variablen" wie Kreditkosten und "realer wirtschaftlicher Aktivität" und schließt daraus: „Der empirische Teil dieses Papiers hat gezeigt, dass die Finanzpanik von 2007-2009, einschließlich der Vorgänge bei der Finanzierung von Großkunden und dem Rückzug aus verbrieften Krediten, die Realwirtschaft sehr stark störte und das war wahrscheinlich der Hauptgrund für die ungewöhnliche Schwere der Krise."

    Wenn wir jedoch uns die von ihm vorgelegten Beweise ansehen, muss Bernanke jedoch zugeben, dass „mit den vorgeliegenden Bilanzdaten (z. B. Änderungen im Verschuldungsgrad usw.) die wirkliche Wirtschaftsentwicklung nicht gut prognostiziert werden konnte.“ Seine Schlussfolgerungen stützen sich also nicht auf seinen eigenen empirischen Ergebnisse . "Es mag sein, dass sich sowohl die Haushalts- als auch die Bankbilanzen zu langsam und zu ungestört entwickelten, als dass wir daraus die Auswirkungen bei der in diesem Beitrag vorgestellten Analyse zu erkennen können."


    Es gibt jedoch zahlreiche Belege für die marxistische Ansicht, dass erst die Profitraten und Profitmassen in den produktiven Sektoren einbrechen, was zu einem wirtschaftlichen Einbruch der „Realwirtschaft“ führt. Alle großen kapitalistischen Krisen waren auf einen Rückgang der Profitraten (insbesondere in den produktiven Sektoren) und dann auf einen Gewinneinbruch zurückzuführen. Das Lohnniveau ging weder vor den Krisen von 1870 und 1930 noch vor 2008 zurück. Der Lohneinbruch kam jeweils erst nach Ausbruch der Krise.


    In einem Kapitel unseres neuen Buches „World in Crisis“präsentiert G. Carchedi eine überzeugende empirische Unterstützung für das Marxsche Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate, was die enge Verbindung zwischen dem Finanzsektor und dem produktiven Sektor in kapitalistischen Krisen zeigt. Seit den frühen achtziger Jahren versuchten die Strategen des Kapitalismus, den Rückgang der Profitraten umzukehren. Die Rentabilität des industriellen Kapitals stieg wieder teils durch eine Reihe großer Einbrüche (1980, 1982, 1991, 2001 usw.), teils stieg die Profitrate auch durch sogenannte neoliberale Maßnahmen wie Privatisierungen, die Beschneidung von Gewerkschaftsrechten, Kürzung bei von Staatsausgaben und Renten usw.


    Es gab aber auch noch eine andere Reaktion auf sinkende Profite: die Umlenkung von Kapital in unproduktive Finanzsektoren. „Angesichts der sinkenden Rentabilität im produktiven Bereich verlagert sich das Kapital von einer niedrigen Rentabilität in den produktiven Sektoren hin zu einer hohen Rentabilität in den finanziellen (dh unproduktiven) Sektoren. Aber die Gewinne in diesen Sektoren sind fiktiv. Sie existieren nur in den Rechnungsbüchern. Diese Buchgewinne werden erst dann real, wenn sie wirklich zu Geld gemacht werden. Durch die Umlenkung von Kapital in den Finanzsektor schrumpfen erst recht die Gewinne, die in produktiven Sektoren gemacht werden können. Je mehr das Kapital versucht, höhere Profitraten durch Umstellung auf die unproduktiven Sektoren zu erzielen, desto größer werden die Schwierigkeiten in den produktiven Sektoren. Der Kapitalfluss in die Finanz- und Spekulationssektoren und die höheren Profite in diesen Sektoren - können die Tendenz zum Rückgang der Profitraten in den Produktivsektoren nicht aufhalten."


    Während der gesamten Phase nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein wachsender Anteil des industriellen Profits in die Finanzbereiche geflossen. „Das Wachstum der fiktiven Gewinne verursacht ein explosives Wachstum der globalen Verschuldung durch die Ausgabe von Finanzprodukten (z. B. Anleihen) und auch ein Wachstum der Formen dieser Finanzprodukte. Das führt zu einem Berg von miteinander verflochtenen Schuldtiteln. … .Aber Schulden verlangen Rückzahlung. Wenn der Schuldendienst nicht möglich ist, kommt es zu Finanzkrisen. Die enorme Zunahme der Verschuldung in ihren verschiedenen Formen führt zu Spekulationsblasen und zu Finanzkrisen – die nächste Krise eingeschlossen. So kann der Kapitalfluss in Finanzbereiche die sinkenden Profite des Industriekapitals immer nur vorübergehend ausgleichen. Das Wachstum der Profite durch fiktive Gewinne stößt notwendig an seine Grenzen: dann folgt die nächste Finanzkrise und damit auch der sichtbare und spürbare Einbruch der produktiven Sektoren.


    Carchedi stellt fest: „Finanzkrisen entstehen, wenn aufgelaufene Schulden nicht mehr bedient oder zurückgezahlt werden können. Und das geschieht, wenn das Wachstum sowohl bei finanziellen wie auch bei realen Gewinnen erlahmt.“
    Tatsächlich fielen die Finanzprofite der Nachkriegszeit erstmals in den Krisen von 2000 und 2008 sogar stärker als die Industrieprofite.


    Carchedi schreibt: Es wird gesagt, „dass Finanzkrisen den Wirtschaftskrisen vorausgehen, und dass Erstere die Letzteren bestimmen und umgekehrt. Aber darum geht es gar nicht. Die wichtige Frage ist, ob den Finanzkrisen ein Rückgang der industriellen Wertschöpfung und des volkswirtschaftlichen Mehrwerts vorausgehen. ... Die Rückgang der Profitabilität des Produktionssektors in den Jahren vor der Krise ist daher die gewöhnliche Ursache sowohl der Finanzkrisen als auch anderer Wirtschaftskrisen. Der entscheidente Punkt ist, dass der Rückgang der Profitabilität im Produktionssektor auch die Krisen im Finanzsektor bestimmt.“


    Nach Ablehnung des Marxschen Wertgesetzes und des Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate behauptet die postkeynesianische Finanzialisierungstheorie, dass die (falsche) Verteilung zwischen Gewinn und Lohn, die steigende Ungleichheit und die Verschuldung für eine inhärente Instabilität des Finanzwesens sorgen und damit die kapitalistischen Krisen verursachen. Es ist in der Tat lächerlich, dass diese radikalen Anhänger von Keynes die „Dominanz des Finanzsektors“ als eine neue Form der Kapitalakkumulation oder als neues Stadium der Kapitalakkumulation bezeichnen, wo doch Keynes der Meinung war, dass sich der Kapitalismus schließlich zu einer Freizeitgesellschaft entwickeln werde, und dass die Finanzkapitalisten durch die "Euthanasie des Rentiers" verschwinden würden. Es war allerdings Karl Marx, der den Anstieg des Finanzsektors mit zunehmender Zentralisierung und Konzentration des Kapitals vorhersagte.


    Nur ideologische Gründe können zu einer Ablehnung von sinkender Profitrate und von fallenden Profiten im Industriekapital als tiefere Ursache von kapitalistischen Krisen führen. Diese ideologische Sicht führt dann zu politischen Rezepten, die die kapitalistische Produktionsweise nicht beseitigen. Wer meint, das Finanzkapital sei unser aller Problem und nicht das Kapital als solches, dessen „Lösungen“ werden scheitern.


    Im Buch von Epstein werden verschiedene politische Rezepte gegen die "exzessive Finanzisierung" angeboten. Grabel wünscht sich (in Kapitel 15) „Steuern auf inländische Aktiva und Devisentransaktionen - sogenannte Keynes- und Tobin-Steuern - Mindestreserveanforderungen für Kapitalzuflüsse (sogenannte chilenische Vorschriften), Devisenbeschränkungen und so genannte Trip-wires und Speed-bumps als Frühwarnsysteme kombiniert mit temporären Maßnahmen, um die übermäßigen Zuflüsse und/oder Abflüsse von Kapital zu verlangsamen.“ Pollin ist der Ansicht, dass die Regierungen durch die „Besteuerung der Finanzexzesse und durch angemessene Kanalisierung der Einnahmen dazu beitragen können, öffentliche Dienstleistungen und Investitionen wiederherzustellen, die zu den ersten und schwersten Opfern der Finanzialisierung zählen.“ Dies ist nicht radikaler als die politischen Rezepte von Joseph Stiglitz, der ‚progressive‘ Nobelpreisträger für Wirtschaft, der von sich sagte: „Ich bin kein Linker, sondern ein Mainstream-Ökonom“ .


    Festzuhalten bleibt: Wenn nicht die Finanzialisierung die Krisenursache ist, werden solche Finanzreformen auch nicht dazu beitragen, die zunehmende soziale Ungleichheit oder immer wiederkehrende wirtschaftliche Einbrüche zu stoppen. Die „Finanzialisierungs-Schule“ sollte sich daran erinnern, was eine ihrer Heldinnen, Joan Robinson, einmal sagte: "Eine Regierung, die die Macht und den Willen hätte, die größten Mängel des kapitalistischen Systems zu beseitigen, hätte auch den Willen und die Macht, den Kapitalismus ganz abzuschaffen."


    Übersetzt von Wal Buchenberg. Originaltext in Michaels Blog: https://thenextrecession.wordp…isation-or-profitability/

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