Profittheorie der Neoklassik

  • Output x Verkaufspreis = Ertrag

    Input x Beschaffungspreis = Aufwand

    Ertrag – Aufwand = Erfolg (Gewinn)

    In den BWL-Einführungen wird der Gewinn einfach nach dem sog. „ökonomischen Prinzip“ als Ergebnis einer „effizienten“ Kostensenkung postuliert, mit der ein überschüssiger Geldbetrag über die Faktorkosten durch die Realisierung der Absatzpreise berechnet ist. Dabei werden die Preise als gegeben konstatiert, die eben in der Kalkulation zu einem Plus führen, so denkt es sich der Betriebswirtschafter aus seinem buchhalterischen Formalismus pragmatischer Borniertheit . Der Profit soll sich als bloße „Erscheinungsform“ einer technischen Effizienz ergeben, über die Kosten- und Ertragsrechnung hantiere eine Wirtschaftseinheit (Unternehmen) mit den Preisen eben wirtschaftlich optimal. Wie überhaupt Preise zustande kommen interessiert hier nicht, was aber wesentlich wäre allein für das rechnerische Ergebnis der Gewinnbilanz. Rein rechnerisch kann der Erlös jedenfalls durch Kostensenkung bei gleichbleibenden Verkaufspreisen – verringerte Einsatzmenge oder allgemein Senkung der Beschaffungspreise – oder durch direkte Erhöhung dieser Absatzpreise erzielt werden.


    Doch hier stellt sich überhaupt die Frage, wie sich allgemein der Preisaufschlag rechtfertigt, wo es sich laut bürgerlicher Wirtschaftslehre doch beim Unternehmen ausschließlich um die Aufgabe der Optimierung der Input-Output-Relation handeln soll? Sie hat sich dann bereits selbst widersprochen, indem sie als zweite Theorie des Gewinns anbietet, der sei ein „angemessener Gewinnaufschlag“ statt automatisches Resultat der Kostensenkung. Die moralische Legitimation dieser Wissenschaft lautet häufig, der Profit sei jenes „Entgelt“, „welches der Unternehmer für die Bereitstellung von Eigenkapital und für die Übernahme des Unternehmerrisikos erhält“ (Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, G. Wöhe, 2013 (25.), Vahlen, S. 485 zit. n. Kritik der Betriebswirtschaftslehre, A. Melčok, 2018, GegenStandpunkt, S. 27)


    Dabei wird prinzipiell darüber hinweggesehen, dass es sich um einen Zuwachs an Reichtum handelt, welcher das Betriebsvermögen der Kapitaleigner wertmäßig vermehrt. Dieses recht sonderbare „Einkommen“ des besitzenden Rentners erklärt die Neoklassik aus einer außerhalb der Produktion gedachten Prämie, ohne anzugeben woher das neu geschaffene Vermögen rührt. Irgendwie existiert nun einmal das leistungsgerechte Einkommen des „Produktionsfaktors“ Kapital (und Boden) in der Welt des Privateigentums, deshalb braucht sich der Bürgerverstand auch gar keinen großen Kopf um die Erklärung dieser menschennatürlichen Sache zu machen, die er eben gerade in seiner Gesellschaft und ihrer gültigen Rechtsordnung erblickt.


    - Kapitalbesitz überhaupt:

    Wie kann die bloße Investition eines Geldbetrags und der Kaufakt selbst von Produktionsfaktoren, nämlich ganz unabhängig vom realen Einsatz derselben in einem Betrieb, den Grund darstellen, dass ein Plus aus dem Verkauf der hergestellten Artikel die Betriebskosten übersteigt und das Vermögen bereichert? Die dumme Ideologie, dass „Geld für einen arbeiten“ würde – eben solange es als Kapital fungiert, also über die Produktionsfaktoren kommandiert und auf dem Markt erfolgreich ist –, wird getrost als wissenschaftliches Dogma unbegründet aufgestellt.


    - Konsumverzicht durch Kapitalanlage:

    Diese Theorie wird manchmal (in der Österreichischen Schule) moralisch abgewandelt, indem auf die Enthaltsamkeit des Kapitalisten verwiesen wird, seinen Besitz anzulegen statt direkt aufzuzehren, die der Markt belohnen würde. Der Wertzuwachs sei das Ergebnis davon, das Vermögen mit asketischer Vorbildlichkeit – natürlich zum Zwecke des Gemeinwohls – „produktiv“ als Kapital investiert zu haben, anstatt es direkt im Kauf von Konsumartikeln zu verbrauchen oder vielleicht risikofrei gleich einem Schatzbildner brachliegen zu lassen. Dass etwas unterlassen, nicht getan wurde, soll hier die Erklärung der tatsächlich realisierten Sache sein. Dieselbe Logik auf einen beliebigen theoretischen Sachverhalt angewandt nimmt sich dämlich aus: Warum oder wie kann sich ein Tier fortbewegen? Einfach weil es nicht bloß etwas anderes tut, nicht liegen bleibt, kann es das – fertig die Wissenschaft. Sich auszudenken, dass etwas anderes potenziell getan werden könnte, soll das Wesen der tatsächlichen Sache erklären.


    - Kapitalistisches Risiko

    Ähnlich von der Reichtumsproduktion abstrahiert ist die Erklärung des Zugewinns aus einem Anlagerisiko, das selbst übrigens die ganze Ideologie jeder bourgeoisen Wirtschaftswissenschaft widerlegen würde. Der Profit soll ausgerechnet als Risikoprämie für die eingegangene Gefahr gelten, dass das Unternehmen, in das privates Vermögen investiert wurde, womöglich keinen Gewinn erwirtschaften, sondern am Markt scheitern könnte. Wie soll mit dieser Profittheorie überhaupt ein Unternehmen jemals Bankrott gehen können, wenn sowieso Preiszuschlag für dieses Risiko einkalkuliert wurde – das damit gar keines mehr ist? Wird denn nicht von der Wirtschaftslehre gerade die Mystik des Wettbewerbs gelobt, der nur die effizienten Unternehmen bestehen und gedeihen und alle marktwirtschaftlich überflüssigen pleitegehen lässt?


    - Erfolgreiche Unternehmensführung
    Das Argument, das Management des Unternehmens würde den Gewinn rechtfertigen, erscheint selbst der Neoklassik weltfremd, denn solange Kapitalisten nicht mehr zu den kleinen Fischen gehören, überlassen sie „leitenden Angestellten“ selbst die innerbetriebliche Herrschaftsausübung, oder um in Marxens treffende Metapher in Anlehnung an das Militär zu reden: es werden also Offiziere selbst zum Kommando über die Arbeiterarmee geheuert. Das „leistungslose Einkommen“ kann damit nicht so leicht legitimiert werden. Das hindert bürgerliche Geister jedoch keineswegs daran, die kompetente Unternehmensführung für den Entstehungsgrund des Profits zu halten. Wenn umgekehrt das Geschäft in der chaotischen Konkurrenz misslingt, Arbeitsplätze gestrichen werden oder gar die Nationalökonomie in die Krise gerät, dann ist der Vorwurf eines schlechten Managements der entscheidenden Marktakteure schnell bei der Hand. Ganz so als würde der Markterfolg an der bourgeoisen Einbildung von „unternehmerischem Talent“ oder dem „Geschäftssinn“ abhängen, wie eben die plumpe Kommandomacht über Ressourcen und Arbeitsvolk exekutiert wird, damit der Kampf dieser besitzenden Eigentümer um den gesellschaftlichen Reichtum auf dem Markt gelingt. Diese voluntaristische, individualistische Einbildung ist überhaupt der breitgetretene ideologische Trumpf der BWL.


    - Finanzierung der Konkurrenzfähigkeit

    Der marktliberale Aktivist Stefan Molyneux erwähnt in einem Podcast eine weitere Rechtfertigung des Profits aus pragmatischer Sicht. Man solle sich die Tätigkeit eines Unternehmens vergegenwärtigen und entdeckt, dass dort dauernd laufende Kosten zu bewältigen sind, immer wieder neue Kredite aufgenommen werden, manchmal bevor die Amortisationszeit vergangener Aufrüstung vorüber ist. Und ohne Gewinn kann das Geschäft überhaupt nicht konkurrenzfähig sein und müsste auf dem Markt untergehen. Hier wird der Gewinn als Notwendigkeit von marktwirtschaftlichem Wachstum und entsprechendem technischen Fortschritt gedacht, der Wertzuwachs des unternehmerischen Eigentums als Bedingung für seine marktfähige Entwicklung, für die Entfaltung seiner Produktivkräfte. Das mag sogar alles zutreffen, nur verhilft dies auch hier nicht zur Erklärung der Plusmacherei am Markt. Es ist weiterhin unerfindlich woher der zusätzliche Reichtum selbst rührt, den ein Kapitaleigner benötigt, um sich in der Konkurrenz zu bewähren und seinen Besitz weiter anzuhäufen. Diese Notwendigkeit haben sich die Profitgeier selbst überhaupt im Vorhinein geschaffen, indem sie für ihr Bereicherungsinteresse mithilfe der staatlich eingerichteten Verfügungsgewalt über Land und Leute um Marktanteile konkurrieren.


    Überhaupt sollte einem auffallen, dass die allzu anstrengende Leistung der Couponschneiderei – erstens ihr vieles Geld für sich arbeiten zu lassen, zweitens das Risiko einzugehen, dass das Geschäft das Vermögen in der Konkurrenz verscherbeln könnte statt es (wie von selbst) zu vermehren oder drittens auf die fünfte Villa und den dritten Porsche zu verzichten – ein Privileg der besitzenden Reichen ist, die überhaupt in die Lage kommen, ihre Habe nicht bloß für den nötigen Lebensunterhalt aufwenden zu müssen, wenn sie vom gesellschaftlichen Reichtum wie alle anderen Lohnabhängigen gerade ausgeschlossen wurden. Das vom Arbeitgeber erteilte Einkommen andererseits reicht für die Mehrheit der Arbeitsdiener zu nicht mehr und nicht weniger – oftmals weniger – außer dafür aus, als ewige Habenichtse jeden Monat wieder für die Bereicherung der Kapitalherren unter deren ökonomische Kommandomacht zu malochen und mithilfe der kärglichen Brotkrumen des kapitalistischen Reichtums über die Runden zu kommen, um sich in der elenden Tretmühle für Kapital und staatliche Gewalt verschleißen zu lassen.

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