Die kommende Krise

  • Banken haben zwei Kernaufgaben: Sie organisieren den Geldfluss und sie stellen Kredite bereit.

    Die Organisation des Geldflusses – Zahlungen von den einen empfangen und an andere ausbezahlen – schafft selber keinen Profit, spart aber den Unternehmen, die früher selbst die Geldzu- und Geldabflüsse samt der Lohnauszahlung verwalten mussten, erheblichen Aufwand und Kosten.

    Wo Banken Kredite bereitstellen, schießen sie Gelder vor, die ein Unternehmer, eine Regierung oder ein Konsument noch gar nicht hat. Damit beschleunigen die Banken den Wirtschaftskreislauf. Alle erwarten jedoch, dass dieses verliehene Geld wieder an die Kreditgeber zurückfließt. In dem Umfang, in dem das verliehene Geld an die Banken zurückfließt, können sie neue Kredite vergeben. Alle erwarten also, dass die Banken nur rentable Geschäfte finanzieren, dass sie nur Kredite an erfolgreiche Unternehmer und an solvente Privatleute und Regierungen vergeben.

    Das ist eine unsinnige, eine unmögliche Erwartung.

    Wenn Banken Kredite für erfolglose Unternehmungen und für überschuldete Regierungen und an arme Privatpersonen vergeben, wird das den Banken als „reckless lending“, als verantwortungslose, von der „Gier“ getriebene Kreditvergabe vorgeworfen.

    Linke fordern eine stärkere Kontrolle der Banken durch den Staat oder gar durch „Arbeiterkontrolle“.

    Diese Kontrollwut unterstellt, dass die Banken vor einer Kreditvergabe mit Sicherheit unterscheiden könnten, ob ein Unternehmen, eine Regierung oder ein Privatmann wirklich „kreditwürdig“ sei.

    Natürlich begutachten die Banken ihre Kreditnehmer. Keine Bank verschenkt ihr Geld. Aber jede Kreditvergabe ist ein Urteil über zukünftiges Verhalten – über das zukünftige Verhalten des Kreditnehmers und über das zukünftige Verhalten aller anderen Wirtschaftsteilnehmer. Ein Kreditnehmer kann einen guten Job und ein hohes Einkommen haben, wenn er das geliehene Geld mit vollen Händen ausgibt oder wenn ihn eine schwere Krankheit trifft, kommt er schnell in die Lage, dass er den Kredit nicht mehr abbezahlen kann. Ein Jungunternehmer kann eine vielversprechende Geschäftsidee haben, wenn die Konjunktur nachlässt, kommt er schnell in die Lage, dass seine Einnahmen einbrechen und seine Schulden steigen. Ein und derselbe Kredit erscheint – je nach Wirtschaftslage – als sicher oder als unsicher.

    Kredite, die die Banken während eines Wirtschaftsaufschwunges gewähren, sehen alle bombensicher aus. Wenn die Konjunktur in eine Wirtschaftskrise abrutscht, sind alle diese „sicheren“ Kredite plötzlich in Gefahr. Kreditvergabe ist immer eine Spekulation auf die Zukunft. Ein jeder, der die Kreditvergabe der Banken „kontrollieren“ will, muss sich auf diese Spekulation einlassen. Wer die Banken wirksam kontrollieren will, müsste auch alle anderen Faktoren kontrollieren, die den Erfolg eines Kredits (seine vertragsgemäße Rückzahlung) beeinflussen. Das ist schier unmöglich.


    Die Große Finanzkrise von 2008 ist nun zehn Jahre her und nichts hat sich wirklich geändert. Woher auch?

    „Es ist aber klar, dass mit ... der Produktion auf großer Stufenleiter, 1. die Märkte sich ausdehnen und vom Produktionsort sich entfernen, 2. daher die Kredite sich verlängern müssen und also 3. das spekulative Element mehr und mehr die Transaktion beherrschen muss.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 496.



    Die Unternehmen und Regierungen haben heute mehr Kredit aufgenommen als vor der großen Krise.

    Vor der Krise waren die Regierungen der Welt mit rund 30 Billionen Dollar verschuldet, heute haben sie 63 Billionen Dollar Schulden.

    Die Unternehmen und Konsumenten in aller Welt haben heute 175 Billionen Dollar Schulden, 40 Billionen mehr als vor dem Finanzcrash von 2008.

    Insgesamt beläuft sich die globale Gesamtschuld auf mehr als die gesamte globale Wirtschaftsleistung von drei vollen Jahren. Im Grunde gehörte den Banken der Welt diese volle dreijährige Wirtschaftsleistung. Sollten diese Schulden ganz und sofort getilgt werden, dürfte drei Jahre lang von der gesamten Wirtschaftsleistung der Welt kein Cent und kein Euro an andere Verbraucher abgehen – keine Steuern, kein Lohn, kein Gewinn. Die Verschuldung droht alle Regierungstätigkeit, alle Unternehmenstätigkeit und allen Konsum zu ersticken. Der Ruin von einigen von ihnen ist daher unvermeidlich.

    Die Verschuldungskrise führt entweder zum Ruin von Schuldnern (Industrieunternehmen, Regierung, Häuslebauer) oder zum Ruin der Gläubiger, der Banken oder zu beidem. Die Schuldenspekulation kann nicht für alle aufgehen. Die gegenwärtig knapp 240 Billionen Dollar Weltschulden können nicht insgesamt mit Zins und Gewinn zurückgezahlt werden.

    Das wissen auch die Banker. Also verlängern sie ihre Kredite und erhöhen ihre Kredite. Verschuldung führt in noch höhere Verschuldung. In dieser Lage tun die Banken und Regierungen alles, dass es andere trifft, nur nicht sie. Die Banken und Unternehmen in Nordeuropa ruinieren die Banken und Unternehmen in Südeuropa. Die USA versuchen sich mittels Trumpeconomics auf Kosten Chinas und der EU zu sanieren. Die britische Regierung hofft durch den Brexit der Schulden- und Kreditvernichtung zu entgehen.

    Aktuell liegen die Schwachpunkte der kapitalistischen Weltwirtschaft in der Türkei und in Argentinien, aber Brasilien, Russland und Italien sehen ebenfalls nicht mehr als „sichere Kreditnehmer“ aus. Irgendwo und irgendwann wird die Schuldenkette reißen, und kein „Kontrolleur“ kann vorhersehen, an welcher Stelle sie reißt und welche Gläubiger und welche Schuldner mit in den Abgrund gerissen werden.


    Wal Buchenberg, 12.9.2018

  • Der aktuelle „Economist“ ist der kommenden Krise gewidmet.

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    Aber Neues erfahren die Leser nicht. Der Economist weist darauf hin, dass im Kapitalismus auf jede Wachstumsphase nach 7 oder 10 Jahren eine Krise folgt mit „einer Verlangsamung der Wirtschaftswachstumsrate, einem Rückgang im Handel und einer Verminderung des Finanzsektors“. (Economist) (Welche schlimmen Auswirkungen jede Krise auf uns Lohnabhängige hat, darüber macht sich der Economist keine Gedanken.)

    Seit der Krise des Jahres 2008 seien nun 10 Jahre (schwachen) Wachstums vergangen, also sei mit einer neuen Krise zu rechnen. Als möglichen Auslöser der Krise sieht der Economist die allgemeine Verschuldung: „Überall in den entwickelten Ländern ist die Staatsverschuldung über das Niveau von 100% der Jahreswirtschaftsleistung (BSP) gestiegen und liegt nun um 30 Prozent höher als im Vorkrisenjahr 2007“.

    Auch die Schuldenhöhe der Unternehmen und der Privatleute hat fast das Vorkrisenniveau wieder erreicht. In den USA hat die Unternehmensverschuldung „einen neuen Rekord von über 73% des BSP erreicht“ (Economist).

    Tieferen Einblick in die kapitalistische Ökonomie bekommen die Leser des Economists nicht.

    Ein steigendes Schuldenniveau lässt allerdings Rückschlüsse auf eine erlahmende Triebkraft der Wirtschaft zu. Überall wo Schulden wachsen, schrumpfen oder stagnieren die Einnahmen der Unternehmen, der Privatleute und der Regierungen. Länder mit einer negativen Zahlungsbilanz – das bedeutet steigende Schulden – „konsumieren mehr als sie produzieren“. (Economist).


    Die Erklärung von Karl Marx für kapitalistische Krisen ist folgende:

    „Wir haben beim Produktionsprozess gesehen, dass das ganze Streben der kapitalistischen Produktion, möglichst viel Mehrarbeit einzusaugen, also möglichst viel unmittelbare Arbeitszeit mit gegebenem Kapital zu materialisieren, sei es nun durch Verlängerung der Arbeitszeit, sei es durch Abkürzung der notwendigen Arbeitszeit, durch Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit, Anwendung von Kooperation, Teilung der Arbeit, Maschinerie etc. kurz, Produzieren auf großer Stufenleiter, also massenhaftes Produzieren. In dem Wesen der kapitalistischen Produktion liegt also Produktion ohne Rücksicht auf die Schranke des Markts.“ K. Marx, Theorien über den Mehrwert II, MEW 26.2, 522.


    Diese Überproduktion und Überakkumulation von Kapital führt notwendig zu Krisen. Überproduktion führt zu Massen von unverkäuflichen Produkten. Überakkumulation führt unter anderem zu Spekulation und zu Aktien- und Wertpapierkursen, die durch keine wirklichen Werte mehr gedeckt sind und über kurz oder lang wie ein Kartenhaus einstürzen.

    Der Economist aber behauptet: „Wirtschaftskrisen entstehen, wenn zu wenig Geld ausgegeben wird, um zu verhindern, dass die Wirtschaftsressourcen unbeschäftigt bleiben.“ Wenn Produktionsanlagen still stehen und Lohnarbeiter entlassen werden, wenn Aktienkurse einbrechen und Schulden nicht bezahlt werden, dann liege das nicht daran, dass die Kapitalisten die Produktion ohne Rücksicht auf die zahlungsfähige Nachfrage erhöht und die Spekulation ohne Rücksicht auf die Produktion vorangetrieben hätten, sondern daran, dass die Konsumenten zu wenig konsumiert hätten.

    In der Krise komme es laut Economist darauf an, "das Schulden machen und das Geld ausgeben zu erhöhen, aber um damit erfolgreich zu sein, braucht man willige und kreditwürdige Kreditnehmer, die in den Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten schwer zu finden sind."

    Unternehmen mit großen Geldreserven wollten ihr gutes Geld nicht schlechtem Geld hinterherwerfen. Private Haushalte seien überall hoch verschuldet. "Also bleiben nur die Regierungen", die während der weltweiten Finanzkrise von 2008 einen Großteil der notleidenden Firmen und Banken aufgefangen haben." (Economist)

    Der Staat muss richten, was in der kapitalistischen Ökonomie schief gelaufen ist. Der Staat soll mehr konsumieren, damit die Kapitalisten noch mehr produzieren können.

    Die Einnahmen des Staates hängen aber von der konjunkturellen Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft ab. In jeder Krise sinken die Staatseinnahmen und steigen seine Sozialausgaben. Dennoch empiehlt der Economist: Die Regierungen sollen noch mehr Schulden machen. Das ist das ziemlich hilflose Krisenkonzept, das in Japan seit Jahrzehnten ohne wirklichen Erfolg praktiziert wird.


    Die kommende Krise des Kapitalismus hat schon in der Peripherie begonnen: Argentinien und Pakistan haben den Internationalen Währungsfonds schon um Schuldenhilfe gebeten. Die Türkei steht kurz davor. Die Kredite, die diese Schuldenländer nicht mehr bedienen können, stammen aber aus den kapitalistischen Kernländern. Über kurz oder lang, wird die Schuldenkrise auf diese OECD-Staaten zurückschlagen. Die kommende Krise wird die reichen Länder noch härter treffen als die armen Länder.

    Die Wachstumsraten der reichen Länder hinken seit Jahren hinter dem Wachstum der Peripherie zurück (folgende Grafik 1), und jede der letzten Krisen, führte zu einem weiteren Schwund an Einfluss der Kernzone in der Weltwirtschaft.


    Wer sich einen Eindruck verschaffen will, was die kommende Krise mit uns Lohnabhängigen macht, der kann sich zum Beispiel in Portugal umschauen. Die Portugiesen haben das, was uns erwartet.





    Siehe auch:


    Karl Marx über Krisen


    Finale Krise des Kapitalismus?


    Kapitalistische Krisen 1792-2008


    Flucht vor der europäischen Krise


    Deutsches Wirtschaftswunder und folgende Massenarbeitslosigkeit. Klassenverhältnisse zwischen 1950 und 2013.


    The Economist: Wie kam es zur Großen Krise 2008/2009?


    Der Fall der Durchschnittsprofitrate des Kapitals und die Krisen

  • Hallo Pfeilregen,

    üblicherweise beziehen sich Quartalszahlen auf den Vorjahreszeitraum. Die Jahresrate ist der Durchschnitt der vier Quartalsraten: Veränderung der gemessenen (Gesamt/"Volks")Wirtschaftsleistung in Prozent.

    Aber selbst wenn diese Zahlen irgendwie anders ("falsch") gemessen und berechnet wären: Da die Berechnungsgrundlage für alle gleich Länder ist, bildet sie in jedem Fall die wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse und deren Veränderung ab.

  • Hallo Wal,

    ich verstehe es noch nicht recht.

    Angenommen, das Sozialprodukt (=Wirtschaftsleistung usw.) besteht grob aus dem neu geschaffenen Wert einer Periode, wie du in einem anderen Thread beschrieben hast, also aus v+m, einfach übersetzt aus neu geschaffenem Lohn und Gewinn. Um das Sozialprodukt anzugeben, ist der Wert des bisherigen Kapitalstocks c der Volkswirtschaft notwendig, um damit den Prozentwert, die Wachstumsrate (positiver Wert angenommen) angeben zu können.

    Die Quartalszahlen bestehen aus dem BSP des Quartals jeweils bezogen auf den Kapitalstock oder auf das BSP des vorherigen Jahres?

    Mit diesen Voraussetzungen müsste die Jahresrate die Summe aus den Quartalsraten ergeben.

  • Deshalb frage ich, auf was sich Quartalsraten ansonsten beziehen - auf den Kapitalstock oder das BIP des Vorjahres kann es dann nicht sein. Wieso sollte man in dem Fall einen Mittelwert der Quartalsrate bilden, um die Jahresrate zu erhalten? Wenn der Zuwachs in den Vierteljahren berechnet wird, dann müsste der Zuwachs im ganzen Jahr die Summe aus den Zuwächsen der Vierteljahre ergeben. Ansonsten hätte man nur den Zuwachs eines durchschnittlichen Quartals für das annuale BSP berechnet.

    Erklären könnte ich mir die Rechnung nur dann, wenn man als Referenz für die Quartalsraten das BSP des Vorjahres geteilt durch 4 wählt.

  • Das c (Rostoffe, Energie, Maschinerie, was ja fertig produziert in den Warenwert eingeht) wIrd in der bürgerlichen Statistik als "Vorleistungen" aus dem BIP herausgerechnet.

    Was dann bleibt, ist - mehr oder minder - das in dem Zeitraum geschaffene und verkaufte Neuprodukt.

    In einem Zeitraum (Quartal oder Jahr) wird die Summe dieses verkauften Neuprodukts auf die Summe des Vorjahreszeitraums bezogen. Daraus ergibt sich eine prozentige Veränderung in plus oder in minus.

    Vier Quartalszahlen von einem Prozent ergeben ein Jahreswachstum von einem Prozent, weil Vier mal ein Viertel = 1.

  • Also ist die Wachstumsrate die prozentuale Veränderung des Sozialprodukts/Neuwerts zum vorherigen Sozialprodukt? Man berechnet hier also nicht den Neuwert im Verhältnis zur bereits vorherigen Gesamtwirtschaftsleistung (inklusive Kapitalstock c und Sozialprodukt v+m), sondern den neu geschaffenen Neuwert zum alten Neuwert?

    Gut, dann denke ich, wurde für die Quartalsraten einfach die durchschnittliche Quartalsrate des Vorjahres gewählt, was ja das BSP geteilt durch 4 darstellt.

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