Doku: Leipziger Amazon-Gewerkschaftsmitglieder stimmen für Streik

  • Text 1/2 von Susan Bonath (junge Welt)


    Ver.di kündigt Streiks in Leipzig und Bad Hersfeld an
    Statt auf einen Tarifvertrag setzt der US-amerikanische Versandriese Amazon in seinen sieben deutschen Logistikzentren auf Überwachung, Gängelei, Saisonkräfte und im Feiertagsgeschäft auch auf Massen von Leiharbeitern. Mit letzteren, so berichtete die Leipziger Volkszeitung (LVZ) in dieser Woche, decke sich der Konzern seit März zumindest am Leipziger Standort erneut ein. Damit will Amazon offenbar den von der Gewerkschaft ver.di angekündigten Streiks in Sachsen und im hessischen Bad Hersfeld begegnen.


    Wie der Leipziger ver.di-Verhandlungsführer, Jörg Lauenroth-Mago, dem MDR mitteilte, hatten sich am Donnerstag abend 97 Prozent der teilnehmenden Gewerkschaftsmitglieder bei der Urabstimmung für eine Arbeitsniederlegung in der Sachsen-Metropole ausgesprochen. 92 Prozent der 520 bei ver.di Organisierten hatten sich beteiligt. »Über das Ausmaß und den genauen Zeitpunkt des Streiks werden wir uns nun verständigen«, informierte er weiter. In Hessen will ver.di am Montag erneut mit Amazon verhandeln. Der dortige Gewerkschaftssekretär Heiner Reimann kündigte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP erste Warnstreiks bereits für kommenden Dienstag an, »wenn es genauso fruchtlos läuft wie in Leipzig«. Mit einem Einlenken der Geschäftsführung rechne er nicht mehr.


    Ver.di fordert für die rund 1200 festangestellten und 800 befristet beschäftigte Mitarbeiter in Leipzig eine Lohnuntergrenze von 10,66 Euro pro Stunde. Auch in Hessen will die Gewerkschaft dort geltende Tarifstandards für den Einzel- und Versandhandel durchsetzen. Deren Angaben nach sind das 11,69 Euro für Hilfs- und 12,18 Euro für gelernte Kräfte. Am bundesweit größten Amazon-Standort in Bad Hersfeld arbeiten rund 3700 Menschen. Zudem verlangen die Beschäftigten beider Logistikzentren ein tarifliches Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Laut ver.di orientiert sich das Unternehmen bei der Bezahlung derzeit an der günstigeren Logistikbranche und lehnt Tarifverträge generell ab. Wie die LVZ berichtete, bekommen die Mitarbeiter in Leipzig derzeit einen Stundenlohn von 9,26 Euro. Das sei zwar »nicht schlecht«, räumte Lauenroth-Mago ein, »aber zu wenig für diese Branche«.


    Amazon hatte Ende Februar die Sondierungsgespräche mit ver.di abgebrochen. Man sehe zu wenige Gemeinsamkeiten, um in Tarifverhandlungen zu treten, wiederholte der Konzern in dieser Woche gegenüber der LVZ seine damalige Begründung. Telefonisch wollte sich das Unternehmen am Freitag nicht gegenüber jW äußern. Schriftlich ging Amazon-Sprecherin Ulrike Leikeb ebenfalls nicht auf eine entsprechende Anfrage ein. Sie teilte lediglich mit, daß die Beschäftigten schließlich »übliche« 9,30 Euro Stundenlohn erhielten und es Arbeitnehmervertreter gebe.


    Zuletzt war der US-Konzern am 14. Februar dieses Jahres in die Schlagzeilen geraten. Die ARD hatte in ihrer Reportage »Ausgeliefert – Leiharbeit bei Amazon« über ausländische Leiharbeiter in Bad Hersfeld berichtet. Amazon hat diese demnach zum Weihnachtsgeschäft mit Bussen in die Bundesrepublik geholt und in deren Unterkünften von Angestellten der Sicherheitsfirma Hensel European Security Service (H.E.S.S.), die in Kleidung der bei Neonazi beliebten Marke »Thor Steinar« auftraten, massiv überwachen lassen. Nach dem Bericht feuerte Amazon das Security-Unternehmen und wies jegliche Schuld von sich. Auch ein Beschäftigter aus Leipzig berichtete Ende Februar in der in Halle erscheinenden Mitteldeutschen Zeitung (MZ) von »permanenter Kontrolle und psychischem Druck auf die Mitarbeiter«. Dies geschehe durch ständige »Leistungs-Feedbacks«, Rundum-Videoüberwachung, Handscanner und eine »Ein- und Ausgangskontrolle wie am Flughafen«.


    Text 2/2 von Daniel Behruzi (junge Welt)
    Fast alle der gut 500 Gewerkschaftsmitglieder beim Internetversandhändler Amazon in Leipzig haben sich per Urabstimmung für einen Arbeitskampf ausgesprochen. Das ist ein klares Signal: Die Beschäftigten nehmen die Unternehmerwillkür nicht länger hin. Sie wollen, daß ihre Einkommen und Arbeitsbedingungen durch einen Tarifvertrag verbessert und verbindlich festgeschrieben werden. Um das durchzusetzen, werden sie Geschlossenheit und großes Durchhaltevermögen brauchen. Und die Unterstützung von Gewerkschaftern und Verbrauchern. Denn der schnell wachsende US-Konzern wird alles daransetzen, die Gewerkschaft außen vor zu halten. Ein Durchbruch in Leipzig und im hessischen Bad Hersfeld – wo ver.di ebenfalls aktiv wird und für Dienstag zu einer ersten öffentlichen Aktion aufruft – könnte der Anfang vom Ende des Lohndumpings in der Boombranche sein.


    Die Amazon-Spitze hat mehrfach klargemacht, daß sie reguläre Tarifverhandlungen mit ver.di unter allen Umständen vermeiden will. In ihrer Reaktion auf das Urabstimmungsergebnis erklärte sie, die Beschäftigten lägen »mit ihrem Einkommen am oberen Ende dessen, was in der Logistikindustrie üblich ist«. Zum einen sind die Entgelte in der Logistikbranche aber weit schlechter als in den Tarifverträgen des Einzel- und Versandhandels. Zum anderen werden die Löhne, die bei 9,26 Euro pro Stunde liegen sollen, einseitig vom Unternehmen festgelegt. Für die Beschäftigten besteht also keinerlei Sicherheit und Rechtsanspruch.


    Die Gewerkschaft scheint entschlossen, das endlich zu ändern. »Wir werden nicht lockerlassen, bis wir einen vernünftigen Tarifabschluß haben«, kündigte ver.di-Verhandlungsführer Jörg Lauenroth-Mago an. Einfach wird das nicht werden, schon weil bislang nur eine Minderheit der rund 2000 Leipziger Amazon-Mitarbeiter organisiert ist. Medienberichten zufolge scheint sich das Unternehmen zudem auf den Einsatz von Leiharbeitern als Streikbrecher vorzubereiten. Rechtlich dürfte das wegen der schwammigen Formulierungen im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz – das lediglich dem einzelnen Leiharbeiter ein Recht auf Verweigerung von Streikbruch zugesteht – kaum zu verhindern sein.


    Ein wirksames Mittel könnte aber die öffentliche Skandalisierung sein. Wenn Amazon – wie einst ­Schlecker –zum Synonym für Ausbeutung und Billiglöhne wird, wäre das für den Konzern, der etwa ein Viertel des deutschen Versandmarkts kontrolliert, ein gravierendes Problem. Schließlich möchte er auch weiterhin vom Internetboom profitieren. Entscheidend für die Kompromißbereitschaft der Amazon-Spitze wird daher sein, wie heftig die öffentliche Empörung, wie groß die Solidarität mit den Streikenden ausfällt. Diese zu organisieren ist ebenso Aufgabe der gesellschaftlichen und parlamentarischen Linken wie der Gewerkschaften. Innerhalb von ver.di ist die aktive Unterstützung aller Fachbereiche gefragt. Denn die Durchsetzung von Tarifverträgen in neuen Branchen wie dem Internethandel ist für die Gewerkschaft letztlich nicht weniger als überlebenswichtig.


    Ungefragt und ungekürzt aus: jungeWelt


    (eingestellt von W. Buchenberg)


    Anmerkung: Ich sehe darin ein weiteres Beispiel, dass deutsche Gewerkschaften dort eine positive Rolle spielen (können), wo Verhältnisse durch betrieblichen und öffentlichen Druck skandalisiert werden. Wer die DGB-Gewerkschaften von vorneherein als kampfunfähig und kampfunwillig abschreibt, der trägt mit zur gewohnten Lethargie der Gewerkschaftsführungen wie der Gewerkschaftsmitglieder bei, meint Wal.

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