Frauenlohnarbeit und Geburtenrückgang

  • Vor der Bundestagswahl geben sich bürgerliche Parteien kinderfreundlich. Die SPD verspricht: “Wir machen Familien stark” – „egal, ob Mutter und Vater verheiratet sind...“ Die CDU will „helfen, damit es den Familien gut geht.“ Die Grünen „sorgen dafür, dass Familien mehr Unterstützung erhalten.“ „Mehr Kinder statt Masseneinwanderung“ fordert die AfD.

    Die Reproduktion des Kapitals erfordert menschliche Arbeitskraft in genügender Menge und passender Qualifikation. Die Stärke einer kapitalistisch verfassten Nation ist ein Produkt aus durchschnittlicher Kapitalbasis mal die Zahl der aktiven Lohnarbeiter. Die Versorgung mit Lohnarbeitern schließt die Sorge für die kommende Generation ein. Ein Rückgang der arbeitsfähigen Bevölkerung in einem Land ergibt einen Rückgang an nationaler Wirtschaftskraft, einen Rückgang an Wirtschaftswachstum und Profit. „Ohne starke Arbeitsmärkte als zentralen Standortfaktor kann Deutschland seinen wirtschaftlichen Vorsprung auf Dauer nicht aufrechterhalten“, tönt BDO-Vorstand Arno Probst im Handelsblatt.

    Der Geburtenrückgang in Deutschland ist ausführlich dokumentiert:



    Die Gründe für diesen historischen Trend sind keineswegs geklärt. Der Geburtenrückgang kommt jedenfalls nicht daher, dass deutlich weniger Frauen als früher kinderlos bleiben.



    Verglichen mit den Geburtsjahrgängen um das Jahr 1900 gibt es unter den Frauen mit dem Geburtsjahr 1970, die heute 47 Jahre alt sind, nicht mehr kinderlose Frauen als früher. Nicht die Zahl der kinderlosen Frauen hat gegenüber dem Geburtsjahrgang 1900 zugenommen, aber die Zahl der Kinder pro Mutter hat deutlich abgenommen. Die Zahl der kinderlosen Frauen kehrt nach dem U-Turn in schlechtester Zeit wieder zu den Größenverhältnissen von 1900 zurück.


    Dass die Bevölkerungszahl in Deutschland zurückgeht, liegt nicht an einer historisch hohen Zahl von Kinderlosigkeit. Die Bevölkerungszahl geht bei uns zurück, weil Mütter weniger Kinder gebären als früher.


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    Wir können auch nicht pauschal die Proletarisierung der Frauen, ihre direkte Eingliederung in die Lohnarbeiterklasse für den Rückgang der Kinderzahlen verantwortlich machen. Wie die folgende Grafik zeigt, hat sich der Frauenanteil an der Erwerbsbevölkerung in Deutschland nur geringfügig vergrößert. Erst seit 1980 übersteigt die Frauenlohnarbeit das Ausmaß von 1880.

    Was die Proletarisierung der Frauen betrifft, kehrt der Kapitalismus zu seinen Anfängen zurück.



    Durch die nationale Brille gesehen, mag der Bevölkerungsrückgang ein Mangel sein. Nehmen wir nicht Deutsche, sondern Menschen als Maßstab, gibt es eher zu viele von uns. Die Erdbevölkerung hat längst ein untragbares Maximum erreicht. Der Geburtenrückgang, der im nationalen Maßstab als Unglück erscheint, ist im Weltmaßstab ein Segen.


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    Wal Buchenberg, 12.08. 2017

  • Hallo Wal,


    das ist ein interessanter Beitrag. Hast Du Informationen über die qualitative Veränderung weiblicher Lohnarbeit. Moderne Lohnarbeit verlangt häufig einen längeren Ausbildungsweg als früher und gewährt in vielen Fällen erst nach mehreren Versuchen auf einem Arbeitsplatz Fuß zu fassen Karrieresicherheit. Demgegenüber ist das weibliche Fertilitätsfenster recht kurz. Ich kenne mehrere Fälle im persönlichen Umfeld in denen Kommilitoninnen erst mit Anfang / Mitte 30 aus Karrieregründen ihr erstes Kind kriegen konnten und dann keinen weiteren Versuch mehr gewagt haben. Könnte dies eine generalisierbare Beobachtung sein?


    Gruß Wanderer

  • Hallo Wanderer*

    in einem früheren Beitrag hatte ich schon darauf hingewiesen, dass sich Männerarbeit und Frauenarbeit zunehmend angleichen:



    Ich vermute auch, dass heutige Frauenlohnarbeit gegenüber früher längere Zeit andauert. Vermutlich wurde Frauenarbeit früher nur/mehrheitlich bis zur Eheschließung ausgeübt, so wie es heute noch in Japan der Fall ist.

    Die heutigen Löhne reichen selten für eine ganze Familie. Früher musste/konnte der Lohn des Mannes auch Frau und Kinder ernähren. Heutige Löhne sind Single-Löhne. Das Double-Income-Paar lebt scheinbar besser, weil sie zusammen auf einen Lohn kommen von vielleicht 130% gegenüber den früheren "Familienlöhnen". Die 130% mehr Lohn werden jedoch erkauft durch eine Zunahme der zu leistenden Arbeitszeit.

    Früher: Ein Ernährer = 10 Stunden Arbeit für 100% Lohn.

    Heute: Zwei Berufstätige = 16 Stunden Arbeit für 130% Lohn.

    (Das nur als grobe Schätzung!)


    Gruß Wal


    * Vergisst du immer dein Passwort oder warum kannst du dich nicht anmelden und dann posten? Die Mühe, die du dir so sparst, lädst du mir auf!:(

  • Hallo Wal,


    danke für die prompte Antwort.

    + Wanderer* - ich habe keinen Zugriff mehr auf den alten Account. Die E-Mailadresse war eine Einweg-Adresse und das Passwort habe ich nicht mehr. Habe mir stattdessen einen neuen Account eingerichtet.

    + Frauenarbeit - wenn Deine Beobachtung zur Arbeitszeit zutrifft, ist das gegenwärtige Arrangement von zwei Voll arbeitenden Elternteilen problematisch. Was könnte man in einer kapitalistischen Gesellschaft fordern um dies auszugleichen? Mutterschutz und Elternjahr gibt es bereits, aber das reicht offensichtlich nicht aus.


    Gruß Wanderer

  • Hallo Wanderer,

    deinen früheren Nick habe ich in "Wander" geändert. Du kannst also in deinem Account die "2" wegstreichen und deinen Nick in "Wanderer" ändern. Außerdem: Wenn du dich NICHT abmeldest, musst du dich auch nicht jedes mal neu anmelden. Das Forenprogramm merkt sich per Cookie deine IP.


    Zu deiner Frage:

    Wenn eine gesellschaftliche Veränderung (hier das Gebärverhalten) durch kapitalistisches Zwangsgesetz herbeigeführt wird, welche Macht ist da stark genug um das "auszugleichen"?


    Dass rückläufige Gebärverhalten vom Kapitalismus erzwungen ist, dafür sprechen zwei Gründe, die beide schon Karl Marx erkannt hatte:

    1. Wenn Frauen in die kapitalistische Produktion einbezogen werden, vergrößert das das Arbeiterheer und damit auch die gesamte Profit- bzw. Mehrwertmasse, die an die Kapitalisten fällt.

    Karl Marx: „Die Arbeiterbevölkerung kann zunehmen, wenn vorhin unproduktive Arbeiter in produktive verwandelt werden oder Teile der Bevölkerung, die früher nicht arbeiteten, wie Frauen und Kinder, Arme, in den Produktionsprozess gezogen werden. ... Endlich durch absolutes Wachstum der Arbeiterbevölkerung mit dem Wachstum der allgemeinen Bevölkerung.“ K. Marx, Theorien über den Mehrwert II., MEW 26.2, 478.

    Die Einbeziehung von Frauen in die Produktion, aber auch die Immigration, haben da schnellere Effekte als das natürliche Wachstum.


    2. Wenn Frauen in die kapitalistische Produktion einbezogen werden, vermindert das den "Preis der Arbeit", das heißt den Durchschnittslohn pro Kopf:

    Karl Marx: „Der Wert der Arbeitskraft war bestimmt nicht nur durch die zur Erhaltung des individuellen erwachsenen Arbeiters, sondern durch die zur Erhaltung der Arbeiterfamilie nötige Arbeitszeit. Indem die Maschinerie alle Glieder der Arbeiterfamilie auf den Arbeitsmarkt wirft, verteilt sie den Wert der Arbeitskraft des Mannes über seine ganze Familie. Sie entwertet daher seine Arbeitskraft.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 417.

    „Steigen des nominellen Tages- oder Wochenlohns mag daher begleitet sein von gleich bleibendem oder sinkendem Preis der Arbeit (hier = Lohnkosten pro Arbeiter für das Kapital). Dasselbe gilt von der Einnahme der Arbeiterfamilie, sobald das vom Familienoberhaupt gelieferte Arbeitsquantum durch die Arbeit der Familienglieder vermehrt wird. Es gibt also von der Schmälerung des nominellen Tages- oder Wochenlohns unabhängige Methoden zur Herabsetzung des Preises der Arbeit.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 566f.


    Beispiel: Das Einkommen eines allein verdienenden Familienoberhauptes war z. B. 5.000. Sein Kapitalist hatte dann auch Lohnkosten von 5.000 pro Arbeitskraft. Mit Entwicklung der Frauenarbeit erhält der Mann dann z. B. 4.500, die Frau 3.000. Als „Doppelverdiener“ haben sie jetzt ein Familieneinkommen von 7.500. Für den Kapitalisten sind aber die durchschnittlichen Lohnkosten pro Lohnarbeiter(in) von 5.000 auf 3.750 gefallen.

    Siehe dazu:

    Steigendes Haushaltseinkommen bei gleichzeitig stagnierendem Männereinkommen


    Außerdem gilt:

    Karl Marx: „Ebenfalls ist die massenhafte Einführung von Frauenarbeit ... soweit hier zu erwähnen, als die ganze Familie dem Kapital eine größere Masse Mehrarbeit liefern muss als vorher, selbst wenn die Gesamtsumme des ihr gegebenen Arbeitslohnes wächst ...“ Karl Marx, Kapital Bd. 3, MEW 25, 243.



    Das Kapital (die Kapitalisten als Klasse) haben also einen doppelten Vorteil, wenn Frauen in die Produktion einbezogen werden. Dagegen kommt keine Staatsmacht an. Und die DDR-Rezepte wie Betriebskinderkrippen etc. sind nur machbar mit höherem Kapitaleinsatz und gleichzeitiger größerer Entrechtung der Lohnarbeiter. Denn die Abhängigkeit der Lohnarbeiter von ihrem Betrieb wird umso größer, je mehr Lebensäußerungen seiner Lohnabhängigen ein Betrieb verwaltet und organisiert (Wohnung, Freizeit/Vereine, Kindergarten, Betriebsurlaube usw.)


    Gruß Wal





  • Hallo Wal,


    das ist alles so weit ganz einsichtig und bedauerlich. Wie sieht es aus, wenn durch Immigration und technische Innovation plötzlich die Nachfrage nach Arbeit sinkt? In den USA und Japan sind bereits zahlreiche "White Collar" Jobs durch Computerisierung vernichtet wurden. Parallel dazu werden vermehrt Roboter im "Blue Collar" Sektor auch außerhalb der Fabrikhallen eingesetzt. So gibt es jetzt Lagerroboter die einen Großteil bisheriger Menschenarbeit übernehmen können. In den USA wird derzeit versucht den Bestellvorgang in McDonalds Filialen zu automatisieren. Es gibt auch bereits Roboter die Küchenaufgaben übernehmen können. Wenn das tatsächlich ein Trend ist, dann könnte dies für eine oder sogar mehr Generationen die Nachrfrage nach menschlicher Arbeitskraft enorm senken. Es ist doch nicht ausgeschlossen, dass sich dadurch das Lohngefüge, die Besteuerung und das staatliche Sozialsystem so nachhaltig ändern, das wieder wesentlich mehr Zeit für familiäre Arbeit, wie eben die Kinder- und Altenpflege zur Verfügung steht.


    Gruß Wanderer


    PS Danke für die Accountumstellung.

  • Hallo Wal,


    Es ist doch nicht ausgeschlossen, dass sich dadurch das Lohngefüge, die Besteuerung und das staatliche Sozialsystem so nachhaltig ändern, das wieder wesentlich mehr Zeit für familiäre Arbeit, wie eben die Kinder- und Altenpflege zur Verfügung steht.


    Gruß Wanderer

    Hallo Wanderer,

    ich denke, die Zeit ist nicht das Problem. Ich bin Rentner und habe mehr Zeit als früher. Arbeitslose haben mehr Zeit als Arbeitende, Kranke haben mehr Zeit als Gesunde usw.


    Die große Frage ist, woher bekommst du die sachlichen und personellen Mittel, mit deiner Zeit was Sinnvolles anzufangen? Im Kapitalismus kriegst du anständigen Lohn nur, wenn du anständig malochst. Alle anderen kriegen Brosamen.

    Vor allem für Alleinstehende/Singles mit oder ohne Kinder ist jeder Tag Stress.

  • Hallo Wal,


    ich denke eine Familie zu gründen und Kinder in die Welt zu setzen ist etwas sehr sinnvolles. Dazu brauchen gesunde, junge Menschen materielle Mittel und Zeit. Wenn aus den anstehenden Veränderungen der Faktor Zeit vergrößert wird, ohne die materiellen Mittel im Durchschnitt zu verringern wäre viel gewonnen.


    Gruß Wanderer

  • Hallo Wal,


    ich denke eine Familie zu gründen und Kinder in die Welt zu setzen ist etwas sehr sinnvolles. Dazu brauchen gesunde, junge Menschen materielle Mittel und Zeit. Wenn aus den anstehenden Veränderungen der Faktor Zeit vergrößert wird, ohne die materiellen Mittel im Durchschnitt zu verringern wäre viel gewonnen.


    Gruß Wanderer

    Hallo Wanderer,

    Einverstanden! Ich denke, dass außer Kinder und Familie noch 100 andere gesellschaftliche Aufgaben auf uns warten. Das sind noch 100 weitere Gründe für Arbeitszeitverkürzungen für Alle. Ich denke, ohne eine deutliche Arbeitszeitverkürzung für Alle ist keine neue, bessere Gesellschaft möglich.

    Eine weitgehende Arbeitszeitverkürzung ist auf zwei Wegen möglich. Ein chaotischer Weg über Massenarbeitslosigkeit und Massenstreiks, und ein geordneter Weg über gesetzliche Vorschrift.

    Gruß Wal

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