Alle Räder stehen still...

  • In einem sozialdemokratischen Arbeiterlied heißt es:

    Mann der Arbeit, aufgewacht!

    Und erkenne deine Macht!

    Alle Räder stehen still.

    Wenn dein starker Arm es will.“


    Ich denke, wer die Lohnarbeiter für einen „Gegenüber“ hält, an die Appelle gerichtet werden müssen, der hat bestenfalls unsere gemeinsame Klassenlage und unsere gemeinsamen Interessen nicht kapiert, schlimmstenfalls will er den "Mann der Arbeit" für seine eigenen Machtinteressen instrumentalisieren.

    Bei dem „Shutdown G 20“ war ein (kleines?) kollektives „Wir“ am Werk, das auf Appelle verzichtete und an 13 Stellen Bahnstrecken in Deutschland kurzzeitig außer Dienst setzte.

    Weit davon entfernt, „alle Räder“ stillzulegen, brachte die Aktion eine breite politische Diskussion über Sinn und Zweck von stillgelegten Rädern in Gang. Das ist bemerkenswert.

    https://www.heise.de/tp/featur…ngslosigkeit-3747655.html

    https://www.google.de/search?h…es&as_filetype=&as_rights=


    Viele Kritiker der Aktion machten sich zu Befürwortern eines reibungslosen Funktionierens des kapitalistischen Alltags. Das geht in eine falsche Richtung. Der Kapitalismus funktioniert nirgends "reibungslos". Der kapitalistische Lohnalltag lässt sich ja oft nur deshalb ertragen, weil in diesen Alltag viel nichtkapitalistische Solidarität und nichtkapitalistisches Engagement eingewoben ist - durch Care-Arbeit, durch spontane Hilfsbereitschaft und Engagement, durch solidarisches Handeln, durch Nachbarschaft, Familie und Freundschaft. Wer als Linker nicht an dem generellen Anspruch festhält, für eine gewisse Zeit „alle Räder still stehen“ zu lassen, den halte ich für unglaubwürdig. Und doch glaube ich nicht, dass die Befürworter eines "reibungslosen Funktionierens" alles reaktionäre Dummköpfe sind. So eine Aktion schafft ja auch eine Spannung zwischen dem "aktiven Wir" und dem "Wir", das die Aktion als fremden Willen erfährt, der ihnen aufgezwungen wird. Je größer das aktive Wir ist, desto geringer wird auch diese Spannung.

    Gruß Wal


    Edit: Wer sich distanzieren will:


    Lower Class Magazine


    Trotzkisten (RIO)


    Trotzkisten (SAV)



  • Update:

    Etliche Kritiker kritisierten, dass durch die Kabelbrände nur der (gute?) öffentliche Bahnverkehr gestört wurden sei, aber nicht der (böse?) individuelle Autoverkehr.

    Ja, verschiedentlich haben Streikende auch mal eine Autobahn besetzt oder wie HIER. Aber den Autoverkehr in und um Hamburg zu stören, wäre ganz überflüssig, denn der Straßenverkehr wird anlässlich des G 20 schon durch die Regierung lahmgelegt,

    meint Wal.

  • Update:

    Peter Nowak ist als Einziger (?) um eine ausgewogene Stellungnahme bemüht, aber auch er spielt hier den Oberlehrer, der alle Probleme der Linken auf einmal ansprechen und klären will.

    Leider meint auch Peter Nowak, durch verspätetes Eintreffen am Arbeitsplatz entstehe den Lohnarbeitern ein erheblicher Schaden, der die Erkenntnis in ihre Klassenlage behindert. Wenn das so wäre, dürften die Busfahrer, die Lokführer, die Fluglotsen und die Piloten niemals streiken.

    Jeder Eingriff in den kapitalistischen Ablauf beeinträchtigt ja nicht nur Kapitalisten und Staat, sondern auch die Lohnarbeiter, weil die Lohnarbeit ABHÄNGIG ist vom Kapital. Diese Abhängigkeit vom Kapital gilt es einzusehen, um sich vom Kapital zu befreien. Und zur Einsicht der eigenen Abhängigkeit vom Kapital kann auch eine unfreiwillige Wartezeit vor Arbeitsbeginn beitragen.


    Um diese Einsicht zu fördern, sind auch Statements der Aktiven und die anschließende klärende Diskussion unter Linken nicht ganz unwichtig.

    Soweit ich das mitbekommen habe, war die linke Anschluss-Diskussion in diesem Fall ein komplettes Versagen - mit Ausnahme des Textes von Peter Nowak.


    Gruß Wal

  • Hallo Wal,

    du schreibst vom Ertragen des Lohnalltags durch nichtkapitalistische Solidarität in der "Freizeit".


    Aber das ist doch auch die Bedingung für die kapitalistische Produktion. Eine Produktion ohne jede Solidarität, mit rein geschäftsmässigen Beziehungen und "Dienst nach Vorschrift" zwischen den Arbeitenden ergäbe doch in kürzester Zeit ein völliges Desaster.


    Das ist für das Kapital ein Dilemma, ein "bisschen Solidarität - ein gutes Arbeitsklima" ist unabdingbar.

    Doch wenn die Solidarität die Abläufe stört, wenn eine solidarische Gruppe z.B. gemeinsam Überstunden verweigert, dann bricht

    die Hölle los. Für das Zerschlagen einer solchen Gruppe werden auch hohe Verluste in Kauf genommen.


    Diese nichtkapitalistische Solidarität in der Produktion und Distribution ist für mich das wichtigste Potential einer wirklichen Veränderung.


    Das ist ein wichtiger Aspekt des Widerspruchs zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung.


    Beste Grüsse

    Anton

  • Hallo Anton,

    schön, dass sich doch jemand traut, dieses "heiße Eisen" in die Hand zu nehmen.

    Und besonders freut mich, dass auch andere Linke nichtkapitalistische Elemente im Kapitalismus entdecken.


    Ich sehe das ganz so wie du und hatte sowohl "Freizeit" (Reproduktion der Arbeitskraft) als auch die Lohnarbeitszeit (produktive Vernutzung der Arbeitskraft) gemeint, als ich oben schrieb:

    "Der kapitalistische Lohnalltag lässt sich ja oft nur deshalb ertragen, weil in diesen Alltag viel nichtkapitalistische Solidarität und nichtkapitalistisches Engagement eingewoben ist - durch Care-Arbeit, durch spontane Hilfsbereitschaft und Engagement, durch solidarisches Handeln, durch Nachbarschaft, Familie und Freundschaft."

    Solidarisches Handeln gibt es (zu unserem Glück) auf der Arbeit und auch während der Freizeit.


    Gruß Wal


    P.S. Da stand eine Zahl zu Beginn deines Posts. Die habe ich vorsichtshalber gelöscht.

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