Die Katastrophe des Grenfell Tower London

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    (Foto: Natalie Oxford, London, Wikipedia Deutschland)


    Im Grenfell Tower in London sind nicht nur viele Menschen zu Tode gekommen und verletzt worden, es sind auch einige linke Vorstellungen vom Segen einer staatlichen Verwaltung mitverbrannt. Was viele Linke hier gegen die Wohnungsnot der Lohnabhängigen mit geringem Einkommen fordern, war im Grenfell Tower London verwirklicht: Eigentümer des Grenfell Towers ist die Bezirksregierung dieses Wohnviertels. Die von ihr beauftragte Immobilienverwaltung ist eine staatliche Firma, in deren Aufsichtsrat auch Mieter sitzen.

    Gebaut wurde das Hochhaus in den 70er Jahren speziell für rund 600 Sozialhilfeempfänger. So weit so gut. Dass das Gebäude mit nur einem Ein- und Ausgang geplant wurde, hat der Architekt Nigel Whitbread zu verantworten. Zwangsläufig nicken Kommunalvertreter alles ab, was ihnen die Fachleute des Kapitals vorsetzen – solange es im gesetzlichen Rahmen bleibt.


    Als das Hochhaus ab 2012 saniert und modernisiert werden sollte, hatte die Bezirksregierung auch die Bewohner des Hauses beratend einbezogen. Auf Bitten der Bewohner sollten Gasetagenheizungen eingerichtet und doppelverglaste Fenster eingebaut werden. Auch eine Wärmedämmung war von den Bewohnern gewünscht worden. Wie üblich lag die Entscheidung allein beim Eigentümer, der Bezirksregierung, und die folgte den Angaben und Vorgaben der Fachleute, die wie im Kapitalismus üblich, bei den Unternehmen angestellt sind, die mit dem (Um)Bau Profit machen.

    Nach dem Urteil unabhängiger Fachleute (von der Feuerwehr) war die neue, wärmegedämmte Fassade ein wesentlicher Grund für diese Brandkatastrophe. Die dreiteilige Dämmung hatte als Brandbeschleuniger gewirkt. Katastrophenübungen der Bewohner oder der Feuerwehr hatte es nie gegeben.

    Was ist daraus zu lernen?

    Im Grenfell Tower lebten die Armen. Jeder weiß, Armut macht krank, Armut verbittert, Armut verkürzt das Leben. Der Kapitalismus schafft ständig neue Armut nicht nur aus ökonomischer Unfähigkeit, sondern auch aus politischer Berechnung: Für uns Lohnabhängige ist der Absturz in Armut eine ständige Drohung. Die Armut der anderen hält die lohnabhängige "Mittelschicht" bei der Stange. Viele Linke sehen die Armut als ihr besonderes Tätigkeitsfeld. Und viele Linke wollen eine bessere "Betreuung" der Armen.

    Der Großbrand des Grenfell Tower zeigt auch: Ein kommunaler Eigentümer allein ist noch lange keine Garantie gegen kapitalistische Katastrophen. Solange die Kapitalisten den Großteil der Fachkenntnisse in Gestalt von Ingenieuren, Architekten und Wissenschaftlern als Angestellte in Abhängigkeit halten, kann sich und wird sich nicht viel an den Katastrophen ändern, die der Kapitalismus anrichtet.


    Die Bewohner des Grenfell Tower wussten besser über die Gefahren Bescheid als die vom Kapital abhängigen Fachleute. Noch im November 2016 hatte das Einwohnerkomitee, die Action Group, in seinem Blog geschrieben:


    „Es ist ein wahrlich erschreckender Gedanke, aber die Grenfell Action Group glaubt fest, dass nur ein katastrophales Ereignis das Unvermögen und die Inkompetenz unserer Vermieter, der KCTMO [= Kensington and Chelsea Tenant Management Organisation], entlarven wird und den gefährlichen Lebensumständen und Missachtung der Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften ein Ende setzen wird, die sie ihren Mietern und Pächtern zumuten. Wir glauben, dass die KCTMO eine schlimme gewissenlose Mini-Mafia ist, die ihre Aufgabe nicht in der Verantwortung des Tagesgeschäfts in der Leitung einer sozialen Wohnsiedlung sieht und dass ihr schändliches geheimes Einverständnis mit dem RBKC [= Royal Borough of Kensington and Chelsea] Council ein Rezept für ein zukünftiges großes Desaster ist.“


    Wal Buchenberg, 16. Juni 2017


    Die staatslinke "Junge Welt" bringt immerhin einen Beitrag von Andre Scheer zu dieser Katastrophe, aber nach der hohl tönenden Überschrift "Kapitalismus tötet" vermissen die Leser die wichtigsten Fakten und Zusammenhänge.

  • Ich fürchte, dass viele Linke nicht die Konsequenzen aus dieser Katastrophe ziehen werden. Sie werden einfach noch linkere Staatsfunktionäre fordern.


    Auch dass die DDR die Elbe in eine Giftsuppe verwandelt hatte, werden sie ignorieren und einfach darauf beharren, dass die richtigen Linken im Staatswesen tätig sein müssen.


    Nachträglich vielen Dank für die Aufarbeitung der Londoner Katastrophe. Die umfangreiche tägliche Berichterstattung der Medien bis zum Abwinken vernebelt die Zusammenhänge und vor allem, dass es sich um eine kapitalistische Katastrophe gehandelt hat.


    Gruß

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