11 Thesen des Bremer Kollektivs (gekürzte Fassung)

  • Die folgenden Thesen sind eine (Selbst)Kritik der radikalen Linken. Sie haben zu Recht einige Aufmerksamkeit gefunden. Um die Auseinandersetzung mit diesen Thesen zu erleichtern, habe ich sie – aus meiner Sicht – gekürzt. Meine Auslassungen sind durch drei Punkte in Klammer (...) gekennzeichnet.



    Für eine grundlegende Neuausrichtung linksradikaler Politik – Kritik & Perspektiven um Organisierung und revolutionäre Praxis
    von Kollektiv aus Bremen


    Einleitung
    Neben einer stillen Ohnmacht, die viele von uns derzeit vor dem Hintergrund der sich rasant verschärfenden Angriffe des kapitalistischen Systems und der fehlenden Stärke linker Bewegungen befällt, nehmen wir in den letzten Jahren aber auch hoffnungsvoll eine neue Suchbewegung unter Linken und Linksradikalen wahr. Die Frage nach einer möglichen tatsächlichen Alternative zum Kapitalismus wird wieder stärker diskutiert (...) ebenso wie die Diskussion über die Frage, mit welchen konkreten Mitteln und Methoden eine tatsächliche Überwindung deskapitalistischen Systems denkbar sein könnte. (...)
    Die vorliegenden elf Thesen verstehen wir als einen Beitrag zu dieser Diskussion und der Suche nach einer Neuausrichtung linksradikaler Politik. Wir sind (bisher) ein kleiner Zusammenhang aus Personen, die aus unterschiedlichen ideologischen Traditionen (marxistisch, marxistisch-leninistisch, autonom, anarchistisch und libertär kommunistisch) und geographischen Hintergründen (BRD, Türkei, Iran, Kurdistan) kommen. (...)

    Revolutionäre Politik in der Bundesrepublik
    Wir sind uns bewusst, dass sich in unrevolutionären Zeiten keine revolutionäre Praxis in der Masse führen lässt. Trotzdem sind wir der Meinung, dass die Realität revolutionärer Politik in der bundesdeutschen Gesellschaft nicht mit den Potentialen übereinstimmt. Und dies hat auch etwas mit der bisherigen Ausrichtung linksradikaler Politik zu tun. (...)


    These 1 Revolutionäre Politik heißt, um das Potential der Gesellschaft zu wissen
    Es ist egal, wo wir hinschauen, ob in die aktionsorientierten und praxisbestimmenden Gruppen oder die theoriebezogenen und meinungsbildenden Kreise – eines ist hierzulande bei allen Unterschieden einem Großteil der Linksradikalen gemein: sie empfinden eine tiefe Abneigung gegen die Gesellschaft und fühlen sich ihr überlegen. (...)
    Soziale Kämpfe und revolutionäre Erhebungen mögen an anderen Orten der Welt entstehen, die bundesdeutsche Gesellschaft ist für viele radikale Linke hingegen fast schon qua Definition reaktionär und tendenziell faschistisch. Dadurch wird linksradikale Politik zwangsläufig reformistisch und bleibt (günstigenfalls) ein Korrektiv für Missstände des kapitalistisch-parlamentarischen Systems. (...)
    Folglich sehen wir uns nicht nur im Kampf gegen staatliche und wirtschaftliche Machtstrukturen, sondern in einem Kampf gegen die Gesellschaftals Ganzes.
    Die Gesellschaft auf diese Weise abzuschreiben (und abzuspalten), heißt jedoch nichts anderes, als sich – bewusst oder unbewusst –von jedem Anspruch auf eine radikale und emanzipative Gesellschaftsveränderung zu verabschieden. Denn die tatsächliche Überwindung kapitalistischer, patriarchaler und staatlicher Strukturen kann weder für die Gesellschafterkämpft noch ohne oder gegen sie durchgesetzt werden. Vielmehr ist Revolution nur als kontinuierlicher Prozess zu verstehen, der von breiten Teilen der Bevölkerung getragen und erkämpft wird. Andernfalls verkommt Revolution zu einem Herrschafts- und Zwangsprojekt von oben oder linksradikale Politik zu Elitarismus, weil der Kampf für die Gesellschaft den Kampf in und mit ihr ersetzt.
    (...)
    Die daraus hervorgehende Selbstisolation der radikalen Linken hat zur Folge, dass wir uns in unserem Kampf gegen das System alleine und ohnmächtig wiederfinden und Revolution in unserer Praxis unmöglich erscheint.
    Um das grundlegende Potential für emanzipative Veränderungen auch in der bundesdeutschen Gesellschaft zu erkennen, ist es wichtig, dass wirzwischen Strukturen und Individuen und zwischen Staat und Gesellschaft unterscheiden und uns selbst als ein Teil der gespaltenen und widersprüchlichen Gesellschaft begreifen.
    (...) Wenn das Zielunseres politischen Handelns die tatsächliche Überwindung der kapitalistischen, patriarchalen und staatlichen Verhältnisse ist, dann müssen wir deshalb zu aller erst das Wissen um die Möglichkeit der emanzipativen Gesellschaftsveränderung auch in dieser Gesellschaft in uns selbst und in derGesellschaft wieder stärken und verbreiten. Das bedeutet auch, die allgemeine menschliche Fähigkeit zur Entfaltung, Entwicklung und Befreiung anzuerkennen und ernst zu nehmen.



    These 2 Die Basis einer gesellschaftlichen Kraft ist die Organisierung
    Innerhalb der radikalen Linken, unter linken Akademiker _innen sowie allgemein unter jungen politischen Aktivist_innen innerhalb der BRD (aber auch in vielen anderen westlichen Staaten4) herrscht eine weit verbreitete Organisierungsfeindlichkeit bzw. wird in Organisierung zumindest keine Notwendigkeit gesehen. Vielmehr gibt es viele kleine, voneinander getrenntgeführte und teilweise gegenseitig gespaltene Gruppen und Kämpfe.(...)

    Organisierung als Notwendigkeit, die sich aus der Analyse der kapitalistischen Verhältnisse ergibt
    (...) Die Prekarität hat auch die materiellen Bedingungen despolitischen und sozialen Kampfes von Linksradikalen verändert. Unorganisiert und vereinzelt wächst die Gefahr, dass wir die herrschenden Denkweisen verinnerlichen und reproduzieren oder im Versuch aufgesogen werden, die eigenen Alltagsprobleme individuell zu lösen. Um vor diesem Hintergrund emanzipative Denkweisen zu verteidigen, zu entwickeln und auszuweiten, bedarf es eines organisierten, kollektiven Kampfes. (...)
    Organisierung als Notwendigkeit, die sich aus der Analyse historischer und gegenwärtiger revolutionärer Erhebungen ergibt
    Neben der Analyse der kapitalistischen Verhältnisse zeigt aber auch eine Analyse der Entstehung und des Verlaufs von revolutionären Erhebungen die Notwendigkeit für organisierte revolutionäre Strukturen. Wir gehen nicht davon aus, dass der Zeitpunkt gesellschaftlicher oder revolutionärer Erhebungen durch revolutionäre Organisationen bestimmt oder vorhergesagt werden kann. Dieser hängt auch von den materiellen und historischen Bedingungen ab.
    Die Geschichte zeigt aber, dass revolutionären Erhebungen ebenso wie radikalen Kämpfen häufig jahrzehntelange, kontinuierliche, geduldige, organisierte Arbeit vorausgegangen ist. Sehr anschaulich wird dies z.B. in der russischen Revolution von 1905, der spanischen Revolution von 1936 oder den aktuellen Entwicklungen in Rojava. (...)
    Was wollen wir?
    Wir denken die Frage von Organisierung muss auf zwei miteinanderverbundenen Ebenen angegangen werden: Zum einen halten wir den Aufbau einer nicht-hierarchischen, überregionalen, revolutionären Organisation von Menschen für notwendig, die sich dem Gedanken und den Methoden der gesellschaftlichen Selbstorganisation und Emanzipation verschrieben haben.
    Zum anderen streben wir den Aufbau von Strukturen gesellschaftlicher Selbstorganisation in allen gesellschaftlichen Bereichen und Kämpfen an, so dass der Gedanke und die Methoden der Selbstorganisation von unten immer selbstverständlicher werden und auch in Protest- und Widerstandsbewegungen immer schwerer zu beseitigen sind (sowohl durch Eingriffe von außen wie auch durch selbsternannte Führer_innen von innen). Auf diese zweite Ebene der Organisierung gehen wir in These 4 ausführlich ein.
    Aufbau einer revolutionären Organisation
    (...) Wenn wir vom Aufbau einer politischen Organisation sprechen, dann ist zu allererst zu betonen, dass wir hierarchische Organisationsformen und Führungskonzepte für gesellschaftliche Emanzipation und Selbstbestimmung für vollkommen untauglich halten. Historisch hat sich immer wieder gezeigt, dass sie zur Unterdrückung der selbstorganisierten und emanzipatorischen Momente revolutionärer Bewegungen dienten und zur (Wieder-)Herstellung neuer Klassenherrschaft. Die Aufgabe der von uns angestrebten revolutionären politischen Organisation sehen wir dementsprechend weder darin, die Führung von Protest- , und Widerstandsbewegungen oder gar Revolutionen zu übernehmen noch für Menschen zu sprechen. (...)
    In Organisierungsprozessen stoßen wir jedoch auch an verinnerlichte kapitalistische und individualistische Denk- und Verhaltensweisen vieler radikaler Linker, die kollektiven Prozessen entgegenstehen oder diese erschweren. Sich zu organisieren, heißt, Kompromissfähigkeit zu entwickeln, kollektiv denken zu lernen und sich auch zurück nehmen zu können. (...)



    These 3 Internationalismus als strategischer Leitfaden
    Unter Internationalismus wird häufig ausschließlich die Solidarität mit und Unterstützung von Kämpfen und Bewegungen an anderen Ortender Welt verstanden. (...)
    Durch die fehlenden eigenen Kämpfe und die Bewegungsstarre in der hiesigen Gesellschaft, projizieren viele der Aktivist_innen ihre gesammelten Hoffnungen, Sehnsüchte und Wünsche auf die jeweiligen revolutionären Bewegungen. Durch die Idealisierung und Romantisierung der Bewegungen wenden sich viele der Aktivist_innen jedoch enttäuscht ab, sobald sie die ersten Widersprüche bemerken.
    (...) Insbesondere bei Bewegungen, in denen organisierte Strukturen eine wichtige Rolle spielen, die über eigene gewachsene Inhalte und Strategien verfügen, wird zudem häufig nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip verfahren. Solidarität findet nur dann statt, wenn die Theorie und Praxis der Organisation ganz mit der eigenen übereinstimmt. Solidarität wird so zur „bedingungslosen Solidarität“ und mit Loyalität verwechselt. Beide Haltungen verhindern wechselseitige Impulse, gemeinsame (Lern-) prozesse und Entwicklung auf der Basis echter aber kritischer Solidarität. (...) In fast allen Teilender radikalen Linken wird internationalistische Solidarität – so sie denn überhaupt Teil der politischen Praxis ist – als Nebenprinzip betrachtet. Entsprechend ist Internationalismus in vielen Gruppen ein Zusatzprojekt, das aus einer moralischen Verpflichtung hervorgeht und nicht als Notwendigkeit, die sich aus einer strategischen Analyse ergibt. (...)
    Was wollen wir?
    Wir sehen Internationalismus als eine strategische Notwendigkeit, die sich aus der Analyse der historisch-materiellen Bedingungenableitet. (...)
    Internationalismus als strategische Notwendigkeit
    Da Kapitalismus ein global organisiertes System ist, muss der Kampf gegen die herrschenden kapitalistischen Verhältnisse ebenfalls globalgeführt werden. (...) Durch die globale Organisierung des Kapitals sind auch die Lebens- und Kampfbedingungen an unterschiedlichen Orten voneinander abhängig. (...)
    Gründe für das Ausbleiben von Kämpfen in der bundesdeutschen Gesellschaft
    (...) Die Situation in der Bundesrepublik unterscheidet sich von der in anderen westeuropäischen Staaten insbesondere dadurch, dass hierzulande schon lange keinerlei Klassenbewusstsein mehr existiert. Und das, obwohl seit den 90er Jahren permanente massive Angriffe auf die untersten Schichten der Gesellschaft und zuvor erkämpfte soziale Errungenschaften stattgefunden haben. Zu diesen Entwicklungen hat wesentlich das Prinzip der Sozialpartnerschaft beigetragen. In dem von den Großgewerkschaften und der Sozialdemokratieausgehandelten Klassenkompromiss wurde die nationale Standortlogik zumaufhebenden Argument des Klassenwiderspruchs zwischen Kapital und Arbeiterklärt. Dabei wurden die Stimmen und Bedürfnisse vieler Lohnabhängiger vernachlässigt und unterdrückt, Spaltung vorangetrieben, eine Vertiefung und Radikalisierung von Klassenkämpfen verhindert und dadurch die Hauptinteressen und -bedürfnisse der Entwicklung des deutschen Kapitals gesichert. (...)
    Eine weitere Besonderheit an der Situation in der Bundesrepublik ist, dass trotz der massiven Angriffe auf die Arbeits – und Lebensbedingungen, Lohnabhängige anders als in anderen Staaten immer noch auf die verbleibenden Reste der sozialen Sicherungssysteme zurückgreifen können. Dadurch sind sie abhängig vom Staat, seiner Kontrolle unterworfen und unter Druck gesetzt, was die Beteiligung an Kämpfen ebenfalls erschwert. (...)
    Rückschlüsse für einen aktiven Internationalismus
    Die bisherigen Überlegungen machen deutlich: die Hindernisse bzw. Voraussetzungen für die Entstehung von internationaler Solidarität und Beteiligung an internationalen Kämpfen sind dieselben, wie für die Entstehung emanzipatorischer Klassenkämpfe in der hiesigen Gesellschaft. Wesentlich für beide ist, dass die Widersprüche innerhalb der Gesellschaft und die Unvereinbarkeit von Interessengegensätzen verschiedener Klassen wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein gebracht werden. Auch gilt es die Gemeinsamkeit und Verbindung von unterschiedlichen Kämpfen herauszustellen und zusammen zu denken– sowohl international als auch hinsichtlich verschiedener Unterdrückungsverhältnisse (Kämpfe gegen rassistische, sexistische, klassistische etc.- Unterdrückung) und unterschiedlicher sozialer Kampffelder(Arbeit, Wohnen, Reproduktion, Gesundheit, Bildung etc.). (...)
    Internationalismus und der Aufbauprozesseiner revolutionären Organisation
    Der zweite Aspekt, der sich in Bezug auf Internationalismus aus den o.g. Überlegungen ergibt, bezieht sich auf die Art und den Aufbauprozesseiner revolutionären Organisation. (...)
    Die Neigung zur Selbstghettoisierung unter migrantischen Gruppenwurde auf der anderen Seite durch eine mehrheitlich weiß-deutsche radikale Linke in der Bundesrepublik gefördert und verstärkt, die nur wenig Interesse anden Kämpfen und der politischen Situation in anderen Ländern zeigte. (...)
    Eine revolutionäre Organisation von radikalen Linken muss den Kontakt zu allen in der BRD lebenden Linken suchen und aufbauen, um sich gemeinsam zu organisieren. (...)
    Gleichzeitig heißt Internationalismus klassischerweise auch den Kontakt zu revolutionären Gruppen weltweit zu suchen, deren Kämpfe zu unterstützen, von ihren Erfahrungen zu lernen und in Austausch auf Augenhöhe zutreten. (...)



    These 4 Neuausrichtung linksradikaler Politik
    Seit dem Niedergang linker Bewegungen in den 90er Jahren und dem zunehmend offen zutage tretenden Nationalismus und Rassismus in der bundesdeutschen Gesellschaft haben sich große Teile der Linksradikalen von einer Politik der tatsächlichen, radikalen gesellschaftlichen Veränderung von unten verabschiedet. (...)
    Infolge dieser Entwicklungen sind politische Ansätze ins Zentrumlinksradikaler Politik gerückt, die auf abstrakter politischer Ebene ansetzen und sich in einzelnen, gespalteten Teilbereichs – und Abwehrkämpfen zerreiben, Einpunktbewegungen und Gipfelmobilisierungen favorisieren und als zentrale Methode Kampagnenpolitik betrachten. Während sich einzelne Gruppen in reine Theoriearbeit flüchten, hechtet ein Großteil der Linksradikalen von einerAktion und Kampagne zur nächsten, von einem Großevent zum anderen – ohne dabei wesentlich zu wachsen und ohne dabei über eine nennenswerte soziale Verankerung zu verfügen. Immer sind wir zu wenige, immer sind wir überarbeitet, immer kurz vor dem Burnout. (...)
    Zudem arbeitet sich die Linksradikale mit ihren Aktionen und Kampagnen an den immer neuen staatlichen Angriffen ab, sei es TTIP, die Asylgesetzgebung, Klimapolitik oder Sicherheitsgesetze. Neue Gesetzesvorhaben werden durch neue Aktionen und Kampagnen beantwortet, so dass linksradikale Politik fast ausschließlich eine Reaktion auf staatliche Politik bleibt bzw. dieser hinterher hinkt. Während wir denken gegen den Staat zu kämpfen, bleibenunsere Kämpfe in dem vom Staat vorgegebenen Rahmen und es entstehen keine eigenen Strukturen, Strategien, Perspektiven und alltägliche Praxen.
    Auch diejenigen linksradikalen Gruppen und Organisationen, die eine Verankerung in der Gesellschaft für notwendig erachten, setzen dabei meist auf sozialdemokratische Politikansätze. Durch Bündnisse mit gesellschaftlichen Repräsentant_innen (mit Gewerkschaften, kirchlichen Organisationen, NGOs, Parteien, Vereinen und Verbänden) soll deren vermeintlicher Einfluss genutzt werden um die eigenen politischen Inhalte zu verbreiten. Dabei werden Bündnissemit gesellschaftlichen Repräsentant_innen als Ersatz für eine echte Organisierung und einen Kampf von unten angesehen. Die Überzeugung, Gesellschaftsveränderung könne über demokratische Teilhabe innerhalb des Staates und der Zivilgesellschaft erzielt werden, reicht weit in linksradikale politische Ansätze hinein. Als Ursachen hierfür sehen wir u.a. das Misstrauen gegenüber der Bevölkerung und ihrem Potential zur Selbstorganisierung und Selbstbestimmung sowie die der Bewegungsstarre folgende Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit. Entsprechend hoch ist die Zahl der linksradikalen Aktivist_innen, die in staatlichen oder politischen Institutionen arbeiten (als Jugendgewerkschaftssekretär_in, wissenschaftliche Mitarbeiter_in der bürgerlichen Parteien, in Flüchtlingsunterkünften, NGOs, staatlich finanzierten Initiativen oder sogar staatlichen Behörden). Historisch betrachtet sind ganze Bewegungen auf diese Weise in den Institutionen assimiliert worden und dadurch verschwunden, wie z.B. weite Teile der Frauenbewegung der 80er Jahre oder die grüne Bewegung in der Partei Bündnis 90/Die Grünen.
    Reformistische und linksliberale Politikansätze sind unserer Meinung nach eines der größten Hindernisse und Gefahren für die Entwicklung und das Fortbestehen von revolutionären Bewegungen. (...)
    Auch die Überzeugung, „linke“ Parteien könnten im Rahmen der parlamentarischen Demokratie echte Veränderungen herbeiführen oder Teil einer Gesamtstrategie der Gesellschaftsveränderung sein, findet sich in einigen Teilen der radikalen Linken. (...)
    Was wollen wir?
    Wir sind der Meinung es braucht eine grundsätzliche, tiefgreifende Veränderung und Neuausrichtung linksradikaler Politik. Wir denken, die zentrale Aufgabe linksradikaler Politik ist es, selbstorganisierte Strukturen an der Basis der Gesellschaft zu schaffen und zu stärken, die im Alltag der Menschen verankert sind, über einzelne Kämpfe hinaus reichen und auf das verweisen, was wir in Zukunft anstreben. Denn eine tatsächliche Veränderung von gesellschaftlichen Strukturen und damit die Überwindung deskapitalistischen Systems und Staates kann nur dann stattfinden, wenn Menschen überhaupt erst einmal wieder die Erfahrung mit Selbstorganisierung und darin mit Selbstwirksamkeit und Solidarität machen. Insbesondere in der Bundesrepublik ist der bürgerliche Staat tief verwurzelt. Er durchdringt fast alle Bereiche der Gesellschaft und regelt fast alle zwischenmenschlichen Beziehungen. Entsprechend groß ist die Obrigkeitsgläubigkeit, während es kaum eine Vorstellung darüber gibt, wie sich eine Gesellschaft ohne zentrale staatliche Kontrolle und Regulierung selbst organisieren kann.
    Wir müssen also Strukturen stärken und aufbauen, in denen wirals Gesellschaft lernen, wie wir unser Leben ohne Vermittlung des Staates selbst organisieren und Probleme in unserem Alltag eigenständig miteinanderaushandeln können. Dadurch wirken wir nicht nur der zunehmenden Entpolitisierung der Gesellschaft entgegen, sondern auch dem tief verwurzelten Glauben, Menschen müssten kontrolliert und regiert werden. Zudem können von solchen Strukturen ausgehend solidarische Kämpfe in den unterschiedlichenBereichen unseres Alltages entwickelt und geführt werden (gegen Angriffe auf der Arbeit, gegen Unterdrückung auf dem Amt, gegen Zwangsräumungen etc.) . Wir müssen Orte schaffen, an denen die kapitalistischen und nationalistischenWerte, Normen, Denkweisen und Strukturen infrage gestellt und verändert werden können. Orte, an denen neue Erfahrungen möglich sind. Orte, an denen sich emanzipative Werte und Denkweisen herausbilden können. Der Aufbau von selbstorganisierten Strukturen ermöglicht in diesem Sinne eine echte,unmittelbare emanzipative Veränderung und Verbesserung des eigenen Lebens und nicht nur eine Veränderung auf abstrakter politischer Ebene. (...)
    Den Aufbau von selbstorganisierten Strukturen halten wir letztlich überall dort für sinnvoll und notwendig, wo sich unser Alltagvollzieht. Offenkundige Felder sind Erwerbstätigkeit (Betrieb, Ämter), Wohnen(Haus, Straße, Stadtteil), Reproduktion (insbesondere Kinder und Pflege) sowie Lebensgrundlagen (solidarische Netzwerke, Lebensmittelproduktion, Gesundheit)etc. (...)
    Wenn wir selbstorganisierte Strukturen z.B. in Stadtteilen oder im Arbeitsbereich aufbauen und dort Kämpfe führen, werden wir allen möglichen Schwierigkeiten begegnen. Dazu gehört v.a. auch die Gefahr, dass Proteste und selbstorganisierte Strukturen über die vielfältigen Formen der Bürgerbeteiligung und Mitbestimmung in den staatlichen Apparat eingebunden werden (z.B. Bürgerbeteiligungsverfahren, runde Tische, Mediationsverfahren, Stadtteilbeiräte, Mitbestimmung am Arbeitsplatz) oder sich auf sozialdemokratische Formen des Protestes beschränken oder beschränkt werden(wie z.B. durch Gewerkschaften, NGOs, zivilgesellschaftliche Institutionen).Vor dem Hintergrund der o.g. Erfahrungen und Analysen lehnen wir eine Zusammenarbeit mit reformistischen Gewerkschaften und „linken“ Parteien als grundlegende Strategie linksradikaler Politik ab. (...)



    These 5 Das Leben mit einbeziehen
    (...) Wenn wir vom Aufbau selbstorganisierter Strukturen sprechen, dann meinen wir damit aber nicht primär den Aufbau selbstverwalteter linker Szeneorte und -projekte. Wir halten kollektive selbstverwaltete Formen des Wohnens und Arbeitens für eine legitime Form gemeinschaftlicher Lebensgestaltung im Kapitalismus, die einerseits mehr Selbstbestimmung und Unabhängigkeit im individuellen Alltag und andererseits wichtige Erfahrungen mit Selbstverwaltung ermöglichen. Entsprechend gehören bestehende selbstverwaltete linksradikale Projekte für uns zu einer Tradition, die es zu unterstützen und verteidigen gilt und von deren Erfahrungen wir viel lernen können.
    Wir teilen jedoch nicht die Ansicht, durch eine Organisierung und Ausweitung bestehender linker selbstverwalteter Orte könne eine gesamtgesellschaftliche Perspektive aufgezeigt werden. (...)
    Wir sehen ein gesellschaftsveränderndes Potential selbstorganisierter Strukturen vielmehr eher dort, wo unter Mieter_innen eines Wohnblocks, Anwohner_innen eines Straßenzuges oder der Belegschaft eines Betriebes solidarische Strukturen gegenseitiger Hilfe und selbstorganisierte Kämpfe entstehen. Strukturen, die für die Bevölkerung offen sind, wie z.B. politisch-kulturelle/soziale Zentren etc. Diese Strukturen dürfen kein Ausdrucksubkultureller Identität sein, sondern müssen sich an den existentiellen Bedürfnissen der Betroffenen orientieren. (...)


    These 6 Raus aus der Subkultur
    Wir haben in den letzten Thesen ausgeführt, dass im Zentrumlinksradikaler Politik die Stärkung von gesellschaftlichen Organisierungsprozessen und Kämpfen von unten stehen muss. Eine wesentliche Voraussetzung hierfür ist, die bestehende Spaltung zwischen linksradikaler Bewegung und Gesellschaft aufzuheben.
    Diese Spaltung wird in der Bundesrepublik im Wesentlichen durch eine linksradikale Politik hervorgerufen, die sich durch subkulturelle Zugehörigkeit, politische Selbstbezogenheit auf die eigene „Szene“ und(bewusste oder unbewusste) Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft auszeichnet. (...)
    Was wollen wir?
    Revolutionäre Kämpfe und Umwälzungen können der Gesellschaft nicht von einzelnen politischen Gruppierungen oder Führer_innen aufgezwungen werden. Diese können nur erfolgreich sein, wenn sie Ausdruck einer breitengesellschaftlichen Bewegung sind.
    Entsprechend kann revolutionäre Politik nichts anderes bedeuten, als sich innerhalb der Gesellschaft zu bewegen, den Kontakt zur Bevölkerung zu suchen und sich auch auf die Widersprüche einzulassen, die wir dort vorfinden. Hierfür ist es notwendig die Selbstisolierung und subkulturelle Ausrichtung linksradikaler Politik hinter sich zu lassen, sich als Teil der Gesellschaft zu verorten und mit Menschen beständig in einen „geduldigen Dialog20“ zu treten. (...)


    These 7 Revolutionäre Kultur anstatt neoliberale Werte
    (...)
    Was wir wollen?
    Wir streben nicht nur eine Veränderung der wirtschaftlichen und politischen Strukturen an, sondern begreifen Revolution auch als radikale Veränderung des individuellen und gesellschaftlichen Seins und damit der Art und Weise, wie wir unsere Beziehungen gestalten, miteinander kommunizieren und uns zu einander verhalten. Emanzipation auf gesellschaftlicher Ebene heißt, die gesellschaftlichen Voraussetzungen und Strukturen zu schaffen, dass sich alleMenschen frei von Ausbeutung und Unterdrückung entfalten können, ihr Leben selbst bestimmen und dementsprechend selbstbestimmt an der Gestaltung desgesellschaftlichen Ganzen mitwirken können. Eine revolutionäre Kultur zeichnet sich aus durch Offenheit, respektvollen Umgang, Empathie, Interesse, echte Freiheit, Solidarität, Gemeinschaftlichkeit (Kollektivität), der Fähigkeit Zuhören zu können, Herzlichkeit sowie Humor. (...)


    These 8 Wissen um Alternativen aneignen und verbreiten
    Wir sind der Ansicht, dass es in der Gesellschaft nicht an Unzufriedenheit und Unmut über die herrschenden Verhältnisse fehlt. Der Glaube an die Glücksversprechen des Kapitalismus, an Wohlstand und Fortschritt sind brüchig geworden – die zerstörerische Kraft dieses Systems tritt an immer mehr Stellenoffen zutage, sei es im wachsenden Elend und der zunehmenden Verarmung von immer mehr Menschen, den sich verschlechternden Arbeitsbedingungen (Prekarität, steigender Leistungszwang etc.), der massiven Umweltzerstörung als auch in der ständigen Kriegstreiberei. (...)
    There is no alternative hat sich als ideologischer Ansatz tief in unsere Köpfe und Herzen eingeschrieben. Diese Utopie- und Perspektivlosigkeit hat sich auch unter Linken und Linksradikalen ausgebreitet. Die Beschäftigung mit und die Suche nach gesellschaftlichen Perspektiven spielt in linksradikaler Politik fast keine Rolle. Aber wie wollen wir eine revolutionäre Politik betreiben und Menschen dazu bewegen, sich zu organisieren, sich zu wehren und zu kämpfen, wenn wir selbst keine Perspektiven haben? (...)
    Durch die Dekonstruktion aller Begriffe ist das Gesamtbild des Systems und des revolutionären Kampfes bei den meisten Linksradikalen in Westeuropa verloren gegangen und wurde durch orientierungslosen Aktivismus ersetzt. (...)
    Was wollen wir?
    Die Auseinandersetzung mit der Theorie und Praxisgesellschaftlicher Alternativen, Perspektiven und Utopien muss wieder einen zentralen Platz in unserer politischen Praxis einnehmen. (...)



    These 9 Umgang mit Theorie und revolutionären Theorietraditionen
    Im Umgang mit Theorie gibt es innerhalb der radikalen Linken unterschiedliche Tendenzen: zum einen die eher praxisorientierten oderaktionistischen Gruppen und Einzelpersonen, die eine gewisse Theoriefeindlichkeit an den Tag legen, sei es als Reaktion auf einen theoretischen Dogmatismus (besonders in vergangenen sozialistischen Traditionen), als Symptom einer generellen Entpolitisierung oder als Folge der verbreiteten Diskurse seitens postmoderner „Theorien“ gegen Theorien allgemein. Zum anderen die zahlreichen Theoriegruppen aber auch linken Akademiker _innen, die einen Fetisch der Theorie betreiben und deren theoretische Diskussionen oder Veröffentlichungen häufig mehr selbst referentiell sind als Teil einer politischen Praxis. Theoriearbeit wird so zur bequemen Zuflucht in Zeiten von Bewegungstiefs und erlaubt eine wohlfeile Radikalität im Abstrakten. Und als drittes nehmen wir gerade in diesen Zeiten verstärkt (wieder) eine ausschließliche Hinwendung zu und dogmatische bis nostalgische Orientierung an einzelnen Theorietraditionen wahr, die komplett übernommen und verteidigt werden, als wäre die Geschichte stehen geblieben. (...)
    Was wollen wir?
    Die Auseinandersetzung mit herrschaftskritischen Theorien ist für uns eine grundlegende Notwendigkeit für die Reflexion unserer Praxis, die Analyse der dominanten Verhältnisse und die Ableitung von Strategien der Gesellschaftsveränderung. Revolutionäre Theorie entwickelt sich kontinuierlich in revolutionären Kämpfen unter bestimmten historischen Bedingungen aus einer Synthese bisheriger Theorien und hilft ihrerseits den Kampf weiter zu entwickeln. In diesem Sinne ist das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis immer ein dialektisches. Das bedeutet auch, dass wir keine geschlossenen revolutionären Theorien und Praxen einfach “übernehmen” können. Vielmehr gilt es diese immer weiterzuentwickeln, gemäß dem zapatistischen Motto “fragendschreiten wir voran” („caminamos preguntando“?).
    Das heißt für uns, mit jeglichem monopolistischen Anspruch auf die revolutionäre Initiative und auf die theoretische und praktische Führung zu brechen und die Grabenkämpfe der Geschichte nicht in stiller Gefolgschaft eins zu eins zu wiederholen. Vielmehr müssen wir Theorien vor dem Hintergrund der heutigen Notwendigkeiten und Bedürfnisse als auch vor den heutigen Erkenntnismöglichkeiten heraus neu lesen. (...)
    Unter revolutionärer Theorie verstehen wir eine Theorie, die in Veränderung begriffen ist und die aus den historischen Notwendigkeiten desradikalen Kampfes gegen die zahlreichen Unterdrückungsformen heraus ständig weiterentwickelt wird.



    These 10 Räume für herrschaftskritische und kollektive Bildung schaffen
    (...) In der radikalen Linken gibt es unserer Ansicht nach – auch als Folge der Unorganisiertheit, Spaltung und Vereinzelung – kaum Orte, an denen Bildung strukturiert und regelmäßig stattfindet. Es gibt zwar viele Veranstaltungen, die über aktuelle politische Ereignisse informieren und in unregelmäßigen Abständen Workshops und Seminare zu spezifischen theoretischen Ansätzen oder Methoden. Diese werden jedoch nicht strategisch genutzt. Die Auseinandersetzung mit Theorie findet entweder vereinzelt oder in Kleingruppenstatt. (...)
    Der größte Teil der herrschaftskritischen Theorieproduktion findet nach wie vor an den Universitäten statt. Hier werden kritische Theorieansätze gelesen und weiter entwickelt, jedoch häufig fern von der sie betreffenden Praxis. Gleichzeitig folgt die Forschung an den Universitäten häufig keinem politischen sondern vielmehr individuellem Interesse, wie dem Wunsch nach Weiterbeschäftigung, Veröffentlichungsdruck, Profilierung, Theorieproduktion um der Theorie willen etc..
    Was wollen wir?
    Wir halten den Aufbau eines alternativen, herrschaftskritischen Bildungsprozesses für einen zentralen Bestandteil des Kampfes gegen das kapitalistische System. Dieser Bildungsprozess hat unserer Ansicht nach zwei Ebenen: zum einen muss Bildung ein fester Bestandteil einer revolutionären Organisation sein und zum anderen muss sich die radikale Linke langfristig um den Aufbau alternativer Bildungs- und Forschungsorte im Sinne der Akademien von unten bemühen.
    Die Rolle von Bildung innerhalb einer revolutionären Organisation
    Innerhalb einer revolutionären Organisation von radikalen Linken muss die Auseinandersetzung mit system- und herrschaftskritischen Theorieansätzen und die Analyse der Gesellschaft einen zentralen Platzeinnehmen. Diese Auseinandersetzung sollte an der Suche nach einer Strategie für den antikapitalistischen Kampf orientiert sein. (...)
    Aufbau eines selbstorganisierten, herrschaftskritischen Bildungssystems von unten
    Auf der anderen Seite halten wir langfristig den Aufbau eines selbstorganisierten herrschaftskritischen Bildungssystems im Sinne von Akademien von unten für extrem wichtig. (...)


    These 11 Es braucht den bewussten Bruch mit den Gewohnheiten unserer bisherigen Praxis
    Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern. (...)
    Was wir wollen?
    Der Wandel von einer durch Teilbereichs- und Abwehrkämpfe bestimmten, subkulturell geprägten Szene zu einer emanzipatorischen Bewegung mit gesellschaftsveränderndem Potential wird nicht als bloße Ergänzung unserer bisherigen Praxis zu haben sein. (...)


    Epilog
    (...) Die in den elf Thesenformulierten Vorschläge zur grundlegenden Neuausrichtung unserer Praxis werden uns keine Garantie des Erfolgs einbringen. Aber gemeinsame intensive Diskussionen, eine gemeinsame Organisierung und Entwicklung von Strategienschaffen die Grundvoraussetzungen für eine Politik, die eine tatsächliche Gesellschaftsveränderung herbeiführen kann, während wir im anderen Fall das bleiben, was wir sind: Ein (günstigenfalls) progressives Korrektiv für Missstände des kapitalistisch-bürgerlichen Systems.
    Wir freuen uns auf einen gemeinsamen Austausch.
    Ihr erreicht uns unter kollektiv@riseup.net


    Vergleiche dazu: Uns Linken fehlt der Antikapitalismus

  • Nach meiner Meinung enthält der Text viele wertvolle Gedanken, aber im Kern laufen diese Thesen auf den Vorschlag hinaus:
    "Raus aus der Subkultur (These 6) - Rein in "Akademien von unten" (These 10)".
    Das ist kurz gesprungen.


    Meine aktuelle Kritik an einigen linksradikalen Positionen steht hier:
    Uns Linken fehlt der Antikapitalismus



    Gruß Wal

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