siempre*antifa: "Revolutionäre Stadtteilarbeit"

  • Im lower class maghat siempre*antifa Frankfurt ein Strategiepapier zur "revolutionären Stadtteilarbeit" veröffentlich, was hier vorgestellt und kommentiert wird.
    Die linke Spalte enthält den (gekürzten) Text des Strategiepapiers, die rechte Spalte enthält meinen Kommentar.


    Wir wollen auf der Basis einer zeitgemäßen Klassenanalyse Vorschläge unterbreiten, aber auch bestimmte Entwicklungen innerhalb der sog. „radikalen“ Linken kritisch überprüfen. Hört sich gut an.
    Kapitalismus und Weltmarkt
    Zunächst gehen wir davon aus, dass die kapitalistische Produktionsweise eine Strukturierung der Gesellschaft in Klassen voraussetzt und permanent neu hervorbringt. Die Zusammensetzung dieser Klasse mag wechseln; zentral aber bleibt der Widerspruch zwischen einer Masse, die ihre Arbeitskraft verkaufen muss und einer Minorität, die über abgepressten Mehrwert und Produkt der Arbeit verfügen kann, also durch Ausbeutung Profit macht und mit der Verfügung über fremde Arbeitskraft und Lebenszeit sachlich vermittelte Herrschaft ausübt. Abgesichert und reproduziert wird das Kapitalverhältnis durch den Nationalstaat, der wiederum in den kapitalistischen Weltmarkt eingebunden ist. Der globalen Ökonomie entspricht eine multipolare imperialistische Weltordnung, in der große Asymmetrien vorherrschen und verschiedene politische, militärische und ökonomische Akteure um Einflusssphären und Absatzmärkte ringen.
    Da habe ich wenig auszusetzen.
    Leider bleibt diese „Präambel“ ohne Wirkung und ohne Folgen für das Strategiepapier.
    Die Folge ist ..., dass die Klasse der Lohnabhängigen in den Zentren indirekt von der verschärften Ausbeutung der Neokolonien im Trikont profitiert ... Das ist Blödsinn. Der Lohnarbeiterklasse in den kapitalistischen Zentren geht es besser als der Peripherie. Aber aus der Tatsache, dass es andere schlechter haben, können wir hier nichts wirklich „profitieren“.
    ... und damit im globalen Maßstab in eine Hierarchie zu den Arbeitenden in der Peripherie gesetzt wird. Die große Bandbreite der lohnabhängigen Lebenslagen ist allerdings ein zentraler Faktor, der den Anpassungs- und Unterwerfungsdruck auf uns alle vergrößert: Die besseren Lebenslagen der Wenigen dienen als Hoffnungsschimmer vor den Nasen der Vielen. Das Elend der Vielen ist eine ständige Drohung für die Wenigen, die es etwas besser haben. Jede Krankheit, jede persönliche Krise und erst recht jede allgemeine Krise bedrohen das prekäre Glück auch der Bessergestellten. Existenzunsicherheit und Fremdbestimmtheit ist die gemeinsame Lebenslage aller Lohnabhängigen.
    ... D.h., dass es Teile der hiesigen ArbeiterInnenklasse gibt, die im globalen Maßstab privilegiert sind, und gleichzeitig seit hundert Jahren in vielfältiger Weise in das System integriert worden sind. Diese „Hierarchie der Lebenslagen“ existiert nicht nur im globalen Maßstab, sondern bestimmt auch Leben und Arbeiten von allen Lohnarbeitern hier in Europa.
    Die Führungen der reformistischen ArbeitnehmerInnenverbände vertreten heute Sozialpartnerschaft und Standortrhetorik und stehen damit auf der Kapitalseite. ... Das ist eine primitive Schwarz-Weiß-Logik, die der zwiespältigen Rolle unserer Gewerkschaften nicht gerecht wird.
    Klar muss auch sein, dass das, was wir klassischerweise als ArbeiterInnenklasse begreifen, heute nicht nur gänzlich anders zusammengesetzt ist, als zu Zeiten Marx‘, sondern auch vielfältig fragmentiert, hierarchisiert und auch räumlich gespalten ist. Das ist ein inhaltsleerer Satz ohne nähere Erläuterung.
    „Vielfältig fragmentiert, hierarchisiert und gespalten“ war die Lohnarbeiterklasse im England von 1860 weit mehr als wir es heute sind. Damals gab es noch Kolonien mit Sklaven. Die Lohnarbeiter machten damals einen geringeren Anteil der Gesellschaft und hatten eine geringere Bildung.
    ... Klassenkampf meint also zunächst immer den Kampf um die Klasse, die wir für den Kampf zurückgewinnen müssen. Richtig so.
    Leider hat die Praxis, die nun vorgestellt wird, nichts mit diesem „Kampf um die Klasse“ zu tun.
    Wir gehen von einer Trennung in Produktions- und Reproduktionssphäre aus, d.h. zum einen von Lebensbereichen, in denen Lohnarbeit verrichtet wird, zum anderen von solchen, in denen die Arbeitskraft durch unbezahlte Arbeit hergestellt (Hausarbeit, Erziehung, etc.) und die überproportional von Frauen verrichtet wird. Für eine revolutionäre Perspektive, die Patriarchat und Ausbeutung überwinden will, müssen beide Sphären gleichermaßen als Kampffeld betrachtet werden – als je eine Seite der Medaille. Einverstanden!
    In den Betrieben findet der Kampf um die konkreten Bedingungen der Arbeit statt, mehr Ausbeutung/Mehrwert oder mehr Lohn/Freizeit. Dieser Kampf ist noch nicht revolutionär, aber die Klasse kann sich im Kampf erkennen und ihrer Lage bewusst werden. Im Wohnviertel hingegen sind das soziale Netzwerk, die Nachbarschaft, die Wohnsituation und die Kultur des Viertels zentrale Momente: Es geht einerseits um das Erkämpfen von Räumen, die „Stützpunkte“ im Kampf um kulturelle Hegemonie im Viertel werden, in denen Kollektivität und eine solidarische Kultur gelebt und die neoliberale Vereinzelung partiell aufgehoben werden können; und die gleichzeitig die Agitation in den Alltag der Menschen tragen. ... Diese Gleichzeitigkeit von ökonomischem und soziokulturellem Kampf .... Hier wird ein falscher Gegensatz zwischen „ökonomisch“ = Betrieb und „kulturell“ = Stadtteil konstruiert.
    Angeblich wird die „kulturelle Hegemonie“ nur und vor allem im Stadtviertel erkämpft.
    Das ist sehr verkürzt.
    Der politische Kampf gegen AKWs und andere hochriskante Produktionstechniken samt TTIP kommt hier nicht vor.
    An genossenschaftliche und kommunale Produktionseinheiten wird nicht im Traum gedacht.
    Die Migrations- und Fluchtbewegungen sind auch als Aufholen des Mobilitätsvorsprungs zu verstehen, bei dem Teile der internationalen ArbeiterInnenklasse privilegierteren Lebensbedingungen und Arbeitsplätzen nachzufolgen versuchen. Neben der faktischen Hierarchisierung der ArbeiterInnenklasse in vergleichsweise privilegierte Teile (z.B. Stammbelegschaften, VorarbeiterInnen usw.) und besonders unterdrückte Teile (z.B. Prekarisierte, LeiharbeiterInnen, Illegalisierte usw.), tritt so die Spaltung aufgrund von Herkunft, Nationalität und Hautfarbe. Auch hier hat sich im Vergleich zur klassischen revolutionären Betriebsarbeit der ArbeiterInnenbewegung eine Veränderung eingestellt. Mit der einsetzenden GastarbeiterInnen-Anwerbung entstand bereits in den 1950er Jahren eine noch unter einheimischen ArbeiterInnen stehende Schicht, die ökonomisch und zudem aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt und ausgeschlossen wurde. Dieses GastarbeiterInnen-Proletariat wurde zunächst auch räumlich segregiert und unter elenden Wohnverhältnissen einquartiert. Dass die lohnabhängige Hierarchie in den Betrieben bei den „VorarbeiterInnen“ aufhört, ist lächerlich. Bei moderner Lohnarbeit ist (möglichst) jeder selbst sein "Vorarbeiter".
    Was uns heute in Europa „Gastarbeiter“ und Flüchtlinge sind, das waren im 19. Jahrhundert Deutsche, Russen und Iren in England, afrikanische Sklaven und Immigranten aus aller Welt in den USA.
    Bei dieser Prekarisierung nach unten hat sich keine wirkliche „Veränderung eingestellt“.
    Später kamen weitere Fluchtgenerationen hinzu, die wiederum aufgrund von Nicht-Anerkennung von Qualifikationen und anderen gesetzlichen Hürden ebenso wieder mehrheitlich in dieser migrantischen Subklasse landeten.... Im Bezug zur Stadtteilarbeit in migrantisch geprägten ArbeiterInnen-Vierteln besteht darüber hinaus die Schwierigkeit, als deutscher Aktivist keinen Zugang zu diesem Teil migrantischer Realität und Kultur zu haben. Eine Möglichkeit der Überwindung dieser Schwierigkeit besteht offensichtlich in der Vernetzung mit linken Akteuren aus eben diesen Communities. Auch hier gilt: Es handelt sich um langfristige Arbeit – Ergebnisse stellen sich nicht ad hoc und selten direkt greifbar ein. Aber es lässt sich für die letzten Jahre feststellen, dass migrantische AkteurInnen beginnen, die deutsche Gesellschaft als ihr eigentliches Kampffeld zu definieren und die Fixierung auf ihr Herkunftsland überwinden – eine Tendenz, die es solidarisch zu unterstützen gilt. Ab hier befasst sich das Strategiepapier nur noch mit den prekarisierten Schichten der Lohnarbeiterklasse. Keine Rede mehr von dem „Kampf um die Klasse als Ganzes“.
    Keine Rede mehr von der Aufhebung der Lohnarbeit.
    Es geht nur noch um das besondere migrantische und prekarisierte Lohnelend, das aus linker Sozialarbeiterperspektive bearbeitet und beackert wird.
    Eine revolutionäre Stadtteilarbeit kann nur auf Klassenorientierung basieren, und schon aufgrund der eigenen Kapazitäten sollte sie sich an eben jenen Stadtteilen orientieren, die von einer potentiell rebellischen, weil von sozialen Verdrängungsprozessen betroffenen Population bewohnt werden. Und dort wiederum an den besonders benachteiligten Straßenzügen. In diesem Rahmen gilt es genau zu bestimmen, wer die AdressatInnen der eigenen Agenda sein können und wie eine entsprechende Praxis aussehen kann. Die AdressatInnen sind neben klassischen ArbeiterInnen, auch 1-Euro-JobberInnen, LeiharbeiterInnen, SubproletarierInnen, Erwerbslose usw., aber eben nicht „Alle“, sondern diejenigen, die wir zur fragmentierten und hierarchisierten ArbeiterInnenklasse zählen. Die Adressaten, die hier bestimmt werden sind die „besonders Benachteiligten“ – aber ausdrücklich „nicht ALLE“ Lohnarbeiter.
    Wer Lohnarbeit und Kapital beseitigen will, muss ziemlich ALLE Lohnarbeiter dafür gewinnen.
    Darüber hinaus können auch – oft migrantische und prekäre – Kleingewerbetreibende mit wenigen oder ohne MitarbeiterInnen im Sinne einer anti-monopolistischen Strategie miteinbezogen werden. Nur eine an den wirklich von Verdrängungsprozessen ökonomisch betroffenen Menschen orientierte Stadtteilarbeit kann so langfristig dem Problem entgehen, falsche Lobbyarbeit für hippe Mittelständler, High-Class-Angestellte und andere kleinbürgerliche IndividualistInnen, die letztlich selbst oft die Pioniere des Gentrifizierungsprozesses sind, statt für die Masse der von Klassenunterdrückung betroffenen Menschen zu machen. Indem kleine Kapitalisten „mit wenigen MitarbeiterInnen (!!)“ - "Mitarbeiterinnen" wären es nur, wo es sich um Genossenschaften handelt - ausdrücklich einbezogen werden, gibt man die antikapitalistische Strategie zugunsten einer nebulösen „antimonopolistischen Strategie“ auf.
    Auf den Kampf für die Einheit der Klasse wird verzichtet, sobald man alle besser gestellten Lohnarbeiter als „hippe Mittelständler und High-Class-Angestellte“ diffamiert.
    Anknüpfend an die aggressive Kriegspolitik Deutschlands und anderer imperialistischer Staaten, an die Waffenexporte und ökonomische Vernichtungspolitik sind insbesondere ArbeiterInnen mit Migrations- und Fluchthintergrund für diese Themen ansprechbar und politisierbar. Antiimperialismus und Internationalismus gewinnen als politische Kampffelder vor diesem Hintergrund eine strategische Bedeutung ... Der klassenmäßige Ansatzpunkt bei der Lebenslage der Lohnarbeiterklasse wird vollends verlassen, wenn man die globale Außenpolitik nicht als wichtige Nebenfrage, sondern als „Kampffeld von strategischer Bedeutung“ in den Mittelpunkt rückt.
    Der "antiimperialistische Kampf" ist ein Zwillingsbruder des "antimonopolistischen Kampfes". Beide richten sich gegen "Auswüchse" des Kapitalismus, nicht gegen den Kapitalismus selbst.
    Wir sind keine Anhänger der These, dass mit der Zuspitzung sozialen Elends zwangsläufig progressive Veränderung einhergeht. ... Auf ein besonderes „soziales (Minderheiten)Elend“ ist aber die gesamte Praxis dieser Stadtteilarbeit ausgerichtet.
    Uns stehen verschiedene Fraktionen der Rechten gegenüber, die uns im Zweifelsfalle auch aktiv auf der Straße bekämpfen. Linke und MigrantInnen haben mit den FaschistInnen einen gemeinsamen Feind. Spätestens hier wird deutlich: Es geht diesen Linken nicht um die „Einheit der Klasse“, sondern um die Einheit mit MigrantInnen. Das ist eine Politik der Minderheit für eine Minderheit. Das ist keine revolutionäre Strategie zur Beseitigung des Kapitalismus.
    …und Sozialarbeit
    Die Dialektik aller sozialen Arbeit ist, einerseits im besten Falle parteiische Interessenvertretung der im Betreuungsverhältnis stehenden sein zu können, d.h. Schadensbegrenzung zu betreiben und die gröbsten Auswirkungen für die Betroffenen abzufedern, ohne jedoch an den gesellschaftlichen Ursachen etwas ändern zu können, schlimmstenfalls als verlängerter Arm der Repressionsorgane zu dienen. Ebenso wie es zynisch wäre, innerhalb des Bestehenden auf soziale Arbeit zu verzichten, müssen wir uns des Charakters der Institutionen als vorgelagerte Institution des bürgerlichen Staates im Klaren sein. ... Ihre Funktion ist unserem Anliegen – den Widerstand zu organisieren – diametral entgegengesetzt. Dennoch kann ein guter Draht in solche Einrichtungen nicht schaden, um z.B. Menschen in Kontakt mit unserer Bewegung zu bringen.
    Mindestens in der Überschrift kommt auch den VerfasserInnen des Papiers eine Ahnung, dass ihre „revolutionäre Stadtteilarbeit“ über reformistische Sozialarbeit nicht hinauskommt.
    Arbeit über die Betroffenen hinweg oder an ihnen vorbei bleibt immer eine Minderheitenposition. Autonome Politik der ersten und Stellvertreterpolitik der dritten Hand sind zu verbinden: Das Soziale Zentrum hat optimalerweise die Funktion einer Schnittstelle zwischen ökonomischem und politischem Kampf im Stadtteil. ... Der Grat zwischen sozialer und revolutionär-politischer Arbeit im Viertel ist mitunter – ähnlich wie in der Geflüchtetenarbeit – schmal. Sie ist langwierig und kompliziert, und es drohen reine Konsum- und Mitnahmeeffekte ohne tiefer gehendes Engagement oder auch nur Bewusstsein.




    (Gekürzter) Text von siempre*antifa Frankfurt
    Minderheitenpolitik und reformistische Sozialarbeit bleibt auch die Schwerpunktsetzung auf „Soziale Zentren“.
    Solange eine Strategie im Stadtteil nur auf Minderheiten (Jugendliche, Migrantinnen) bezogen ist, kann sie gar nicht revolutionär sein, weil sie bestenfalls „Freiräume“ für eine Handvoll Leute schafft, aber nicht die Machtfrage stellt und damit die Verhältnisse zum Tanzen bringt.
    Kommentar von Wal Buchenberg
  • Das Papier überrascht mich nicht und ist der alte Käse, der von der (autonomen) Linken immer wieder neu aufgewärmt wird. Mit den "Normalos" will man sowieso nichts zu tun haben, das sind alles (potenzielle) Faschisten und man macht sich nur mit Minderheiten gemein um so "revolutionäre" Stadtteilarbeit zu machen, die am Besten noch vom Staat subventioniert wird und im Endeffekt auf reformistische Sozialbetreuung hinausläuft, wie du es ja erläutert hast. Solange man doof angeglotzt wird weil man den Habitus und die Klamotte dieser (autonomen) Linken nicht teilt, wird sich da sowieso gar nix irgendwie in dem Sinne regen, dass die Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden. Aber darum gehts eigentlich gar nicht mehr, sondern nur um Schaffung und Schutz der eigenen Szene-Identität.

  • Naja, einfach nur mit "altem Käse" wird ich das nun nicht abtun wollen. Das liefe mE Gefahr, damit jedwede Vor-Ort-Tätigkeit noch weiter aufzugeben.


    Ich finde es schon gut, daß sich Gruppen von Menschen Gedanken machen, wie sie etwas gemeinsam gestalten wollen - auch wenn es 'nur' an Minderheiten gerichtet ist.


    Davon bräuchten wir mehr - nicht weniger.


    Soll heißen:
    Stadtteilarbeit - aber immer - nur eben revolutionär ist sie so gerade nicht.


    Ich denke, möglicherweise treffen hier auch die unterschiedlichen Vorstellungen von "revolutionär" aufeinander, die dann auch in sehr verschiedenen Ansichten über das "Stellen der Machtfrage" bzw. das Wie die "Verhältnisse zum Tanzen bringen" mündet.


    Nun kann ich mir gut vorstellen, was Wal darunter versteht - allein es steht da eben auch nicht bei ihm.
    Vielleicht setzt er ja noch einmal nach...

  • Hallo Wat.,
    danke der Nachfrage! :thumbup:
    Ich meine so:
    "Machtfragen" sind alle Fragen, wo wir (und die Lohnabhängigen)anderer Ansicht sind als unsere Machthaber. Zum Beispiel:
    - ob eine Demo-Verbot durchgesetzt werden kann oder nicht,
    - ob ein Stadtviertel kaputtsaniert wird oder nicht;
    - ob Flüchtlinge gut behandelt werden oder nicht;
    - ob wir eine anständige Lohnerhöhung kriegen oder nicht;
    - ob ein AKW oder ein Braunkohlewerk stillgelegt wird oder nicht;
    - ob TTIP durchkommt oder nicht;
    usw. usf.


    Machtfragen stellen sich jede Woche und jeden Tag neu, und in jeder Machtfrage steckt der Keim der Revolution.
    Oder anders: Eine Revolution ist das Produkt vieler einzelner Machtfragen.
    Die einen machen Revolution, weil sie durch alltägliche Machtfragen "auf denGeschmack gekommen" sind. Die anderen machen Revolution, weil ihnen die "kleinen" Machtfragen zum Hals heraushängen.


    Gruß Wal

  • Mario Ahner hat unseren Text offenkundig nicht gelesen, denn dort steht das exakte Gegenteil. Auf Wals Kommentare werden wir später antworten.
    Zitat @Mario:
    "Die autonome Bewegung hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder über Besetzungen soziale Treffpunkte und Wohnprojekte erkämpft. Inhalt der Zentren ist das Leben einer Alternative; es sollte ein Mikro-Gegenentwurf zur Mehrheitsgesellschaft darstellen, eine Nische der widerständigen Gegenkultur. Nach der Unterwerfung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche unter die Maxime der Verwertung und der universellen Warenförmigkeit sowie der Integration alternativer Kultur in den Mainstream sind die autonomen Zentren und das Konzept der Gegenkultur oft auf die Bestandswahrung zurückgeworfen. Zwar können im Rahmen der um sie gruppierten Szene freiere Formen der Lebensführung erprobt werden, gleichzeitig wendet sich dieser „Freiraum“ aber gegen die Mehrheitsgesellschaft und sucht weniger die Auseinandersetzung denn die Abgrenzung. Der Gegenkultur fehlt oft ein genuin politisches Konzept und ein Bezug auf die materiellen (Klassen-)Verhältnisse, d.h. Strategie und Taktik der revolutionären gesellschaftlichen Veränderung. Was bleibt, sind subkulturelle, verbalradikale Ablehnung. Abstrakte Negation des Bestehenden vergisst aber die eigene Durchzogenheit von den Verhältnissen und ist daher keine dialektische Aufhebungsarbeit. Neben dieser Ignoranz gegenüber politischen Fragestellungen ist die weit schlimmere Folge ein weit verbreitetes Abgrenzungsbedürfnis zum aktiven sozialen Kampf, zuweilen selbst in der unmittelbaren Nachbarschaft, und elitäre Allüren, denen jedoch nicht immer ein tiefergehendes politisches Bewusstsein zugrunde liegt.
    Wir verstehen hingegen Räume und Zentren nicht als Selbstzweck und erst recht nicht als Rückzugsraum, in dem wir uns schlimmstenfalls nur noch gegenseitig konsumieren und subventionieren, sondern als organisatorisches Rückgrat der Bewegung, Ausgangspunkt für weitergehende Intervention in die Gesellschaft."

  • Zunächst möchten wir uns für die Replik auf unseren Textesbedanken. Zwar werden Texte eingebracht, diese bleiben aber meistunbeantwortet und oft folgenlos. Da dies hier nicht so ist, möchtenwir auf die Kritk antworten.


    Wir finden keineswegs, dass es Blödsinn ist, anzunehmen, dass dieAugebeuteten hierzulande im globalen Massstab privilegiert sind. Siesind es politisch, als Staatsbürgerinnen der westlichen Länder,sind es ökonomisch und materiell, sind es sozial undarbeitsrechtlich, in ihrer Bewegungsfreiheit, ihrem Konsumniverauusw. Das kann nicht ernthaft in Frage gestellt werden, möchte mandie massiven Unterschiede wetlweit, die auch Ausgangspunkt der Kämpfesind, nicht nivellieren und vor allem die doppelte Ungleichheit desimperialistischen Gesamtsystems nicht beschönigen.


    Buchenberg kommentiert: Diese „Hierarchieder Lebenslagen“ existiert nicht nur im globalen Maßstab, sondernbestimmt auch Leben und Arbeiten von allen Lohnarbeitern hier inEuropa. Genau diesem Punkt versuchen wir in unseremPapier Rechung zu tragen. Buchenberg konstatiert zwar diemannigfaltigen Differenzierungen und führt diese auch noch weiteraus (Die große Bandbreite derlohnabhängigen Lebenslagen ist allerdings ein zentraler Faktor, derden Anpassungs- und Unterwerfungsdruck auf uns alle vergrößert:), scheit sich dann aber vor den Konsequenzen. Das ist uE vor allemdeshalb der Fall, weil seine Kommentae aus
    a) einer abstrakt-theoretischen und
    b) aus einer orthodoxen, ahistorischen Warte aus abgibt sowie
    c) einen falschen Antiimperialismusbegriff zugrunde legt (dazuspäter weiteres).


    Buchenberg:Das ist ein inhaltsleerer Satz ohne nähere Erläuterung.
    Vielfältigfragmentiert, hierarchisiert und gespalten“ war dieLohnarbeiterklasse im England von 1860 weit mehr als wir es heutesind. Damals gab es noch Kolonien mit Sklaven. Die Lohnarbeitermachten damals einen geringeren Anteil der Gesellschaft und hatteneine geringere Bildung.


    Damit wiederspricht sich Buchenberg selbst. Weiter oben leugneter, dass die westliche Arbeiterklasse im Vergleich zur südlichenprofitfiert, erwähnt dann aber die Sklavenhaltung. Dies ist uE einKategoerienfehler, denn:

    • die Sklavenhaltung gibt es auch heute noch, aber eben in anderen Erdteilen, was wir mit doppelter Ungleichheit beschreiben.
    • Meinen wir die Differenzierung innerhalb der kapitalistischen Zentren. Denn hier kann ein und diesselbe Tätigkeit in verschiedenen Rechtsformen organisiert sein (zB als Scheinselbständigkeit, Leiharbeit oder Tarifvertrag). Entlohnung, und Arbeitsbedingugen variieren ebenfalls beträchtlich.1 Auch räumlich-geographisch lässt sich schwerlich von einem abgrenzbaren Subjekt ausgehen.2 Die Klasse ist weder in wenigen Fabriken noch in wenigen Strassenzügen konzentriert, sondern diffundiert. Eine Orthodoxie in der Klassenanalyse hilft nicht weiter, weil die eben keine Analyse ist, sondern so tut, als wären die Verhältnisse von heute unverändert die von 1900.


    Was istder „Kampfum die Klasse als Ganzes“ ? Weitere Argumente stehen,selbst bei Annahme eines einheitlichen Subjekts, dessen praktischerAdressierung entgegen:
    a) die Linke ist klein und zersplittert. Schon aus kapazitivenGründen können nicht alle ArbeiterInnen zugleich und gleichintensiv angesprochen werden.
    b) ist die Klasse gespalten, sio dass wir uns auf die am wenigstenprivilegierten Teile zuerst konzentrieren.
    c) sind dies Fragen der Taktik, die ohnehin jede Gruppe oderInitiative vor Ort selbst aufgrund der konkreten Analyse lösen muss.


    Unser Text ist kein reiner Theorietext, sondern entspringt einerPraxis, mit der er in Relation steht.
    Buchenberg kommentiert aus einer rein theoretischen, einerauslegenden Perpektive. Abstrakt kann man die Klasse als Ganzesadressieren, aber wie soll das praktisch und konkret denn vor Ortaussehen? Was schlägst Du denn vor, um ALLE und alle auf einmal zugewinnen? Wenn wir deinen Kommentar ernst nehmen, dann istrevolutionär nicht eine etappenweise Strategie zur Organiserung derKlasse, sondern ein hypothetisches Addressieren ALLER, inWirklichkeit aber nur der Intellektuellen, ohne jede taktische undoperative Differenzierung und ohne jede gesellschaftliche Relevanz


    Und, ja wir halten es für falsch, den Kioskbesitzer , der amExistenzminimum lebt, gegen uns aufzubringen, weil wir ihn nicht fürden primären Klassenfeind halten, egal ob er jetzt alleine in seinemLaden sitzt oder einen Angestellten hat. Natürlich, nach der reinenTheorie handelt es sich um einen Ausbeuter (obwohl sein Profit zudemeher ein Handelsprofit ist und weniger der Ausbeutung entstammt, dieja in der Produktion der Waren stattfindet, die er nurweiterverkauft). Ein Manager mit Millionengehalt wäre dann hingegenein lohnabhängiger Klassenbruder, den wir als Arbeiter organisierenmüssten. Wie gesagt, Starrkeit und Dogmatismus helfen in praktischenFragen selten.


    Und ja, wir halten den Klassenwiderspruch nicht für denHauptwiderspruch. Herrschaftsverhältnisse sind heute eben mehr alsnur der Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital, Rassismus, Patriarchatund neokoloniale Strukturen gehören auch dazu, sind miteinanderverwoben und verschiedenen Ausprägungen derselben Systems (Konzeptder Intersektionalität).3


    Und schon aus taktischen, von den naheliegenden inhaltlichenAspekten ganz angesehen, ist die Kriegsfrage für die Menschenexistenziell. Ohne Themen, die in der Lebensrealität konkreterfahren werden, (absatz Gemeinsame politische Themenfelder)kann es auch keine inhaltliche Basis geben.


    Und den Imperialismus als Auswuchs zu begreifen, kann nurmeilenweit in die Irre führe. Denn als Auswuchs des Kapitalismusmüsste ja jeder kapitalistische Staat auch imperialistisch sein. Wasist aber mit den Staaten der Peripherie, die eben nichtimperialistisch sind, sondern von den imperialistischen Zentrendominiert werden? Sorry, Wal, da ist Deine Sichtweise einfach zueurozentristisch.


    Zu guter Letzt, viele der vorwürfe stehen auch so nicht inunserem Text. Weder haben wir einen Gegensatz zwischen ökonomischund kulturell aufgestellt, noch eine Hierarchie von nur zwei Ebenenbehauptet. Vielmehl handelt es sich um Beispiele. Und die ÜberschriftSozialarbeit bezieht sich auf städtische Sozialarbeit, nichtauf unsere politische Arbeit (das wird schin deshalb klar,weil sie mit Repression in Zusamenhang gebracht wird)


    Absurd wird es vollends, wenn unser Konzept der SozialeZentren“ kritisiert wird. Diese sind eben keineautonomen Zentren , also Freiräume für eine subkulturelle Szene,sondern politische und soziale Räume , die innerhalb derWidersprüche bestehen und diese bearbeiten. Eben Ausgangspubnkte fürgesellschaftliche Intervention und nicht Verwaltung der Nische seinwollen. Zitat: „
    sind die autonomen Zentren und das Konzept der Gegenkultur oftauf die Bestandswahrung zurückgeworfen. Zwar können im Rahmen derum sie gruppierten Szene freiere Formen der Lebensführung erprobtwerden, gleichzeitig wendet sich dieser „Freiraum“ aber gegendieMehrheitsgesellschaft und sucht weniger die Auseinandersetzungdenn die Abgrenzung. Der Gegenkultur fehlt oft ein genuin politischesKonzept und ein Bezug auf die materiellen (Klassen-)Verhältnisse“


    Also das genaue Gegenteil. Uns geht es um kondensierte Erfahrung,sprich Praxis, also die Möglichkeit der Veränderung. Leiderscheingt es Buchenberg mehr um die richtige Marx Exegese zu gehen alsum konkrete Schritte der Organisierung. Noch dazu, obwohl seineAusführungen neueren Forschungsergebnissen wie auch eigenenErfahrungen widersprechen. Insgesamt also leider eher einepartikularistische, ökonomistische, orthodoxe und zu abgehobeneKritik.


    Siempre*Antifa Frankfurt/M


    http://siempreffm.blogsport.de





    1Vgl. http://www.grundrisse.net/grundrisse21/karl_reitter.htm
    2Vgl. http://www.linksnet.de/de/artikel/23801
    3Vgl. http://siempreffm.blogsport.de/images/ReclaimFeminism.pdf

  • Hallo Mädels und Jungs von siempre*antifa,


    nun nehmt mal bitte Eure Kanonen aus der Schießrichtung ;)


    Kritik ist selten was erfreuliches, zugegeben, also einen Hurra-Schrei hat Wal vermutlich nicht erwartet, aber die Art und Weise, wie Ihr 'zurückschießt', gefällt mir nicht wirklich... egal.


    Schön ist allerdings für mich, daß Ihr reagiert. Danke.


    Etwas rummosern muß aber auch ich.


    Erfahrungen - Wal hat seine, Ihr Eure und ich meine.
    Und ich wette, sie sind alle sehr verschieden. Sogar die Schlußfolgerungen, die Menschen ziehen, können verschieden sein, und trotzdem ist ein Miteinander nicht ausgeschlossen.


    Was gefällt mir an Eurem 'Zurückschießen' nicht:


    Daß ich herausgelesen habe, der Kioskbesitzer müsse Feind sein, wenn er nicht als Freund bzw. Klassenadressat (der revolutionären Stadtteilarbeit) gilt.
    Trugschluß. Muß er nicht. Ist er auch nicht. Aber um eine Klasse zu vereinen, geht es in erster Linie um die Klasse - hier der der Lohnarbeiter - und zu dieser gehörte er nur dann, wenn er als Angestellter im Kiosk arbeitet.


    Außerdem.
    Ausbeutung ist Ausbeutung, ob viel oder wenig, nett oder bestialisch. Sie ist es. So viel in aller Kürze zu den Hierarchien im globalen Maßstab und national.


    Die Ausbeutung will ich von Hals haben, und da das sinnigerweise nur dann etwas wird, wenn niemand mehr ausgebeutet wird, möchte ich das für alle.


    Ja, der Manager einer Firma, der dort 'nur' Angestellter ist, ist in seinem Lohnarbeitsverhältnis Lohnarbeiter und Kapitaldiener.
    Ob seine gesellschaftliche Stellung der eines Lohnabhängigen oder der eines Kapitalisten entspricht, entscheidet sich danach, was er mit seinem Geld macht.
    Und nur danach!


    Verfuttert er alles, jagt es durch den Kamin, verpraßt es im Uraub oder vergoldet sich die Fensterläden - so lange er durch den Einsatz seines Geldes als Kapital von dessen Ertrag nicht allein leben könnte/ kann - ist er lohnabhängig und eben kein Kapitalist.


    So wie jeder kleine oder mittlere 'Krauter', der auch gut zu Hause bleiben könnte, weil es seine Angestellten auch alleine schaffen, er höchstens noch Kontroll- und Antreibfunktion hat, eben Kapitalist ist.


    Ja, vielleicht hat er ja im Monat weniger zur eigenen Verfügung als der Manager. Aber er ist Kapitalist, weil er von fremder Arbeit lebt/ leben kann.
    Das können wir von einem Manager ohne genauere Betrachtung nicht sagen.


    Warum komme ich Euch jetzt auch noch theoretisch, obwohl Ihr doch ausdrücklich meintet, daß Euer Papier kein Theoriepapier ist?


    Ihr habt in der Überschrift das Wort revolutionär benutzt.
    Ich gehe davon aus, daß Ihr Euch was dabei gedacht habt.
    Praktisches kann das mE nicht sein, denn sie ist es (also revolutionär) so nicht. Und sie wird es auch nicht, wenn Eure politische Arbeit ganz anders sein sollte.


    Warum gibt es da bei Euch eigentlich einen Unterschied?


    Ich für mich hätte da keinen. Was ich sozial und kulturell mache, ist bei mir nicht wirklich verschieden von dem, was ich politisch mache und denke.


    Euch geht es um kondensierte Erfahrung. Fein, mir auch.
    (Achso, einen Kurzabriß meines Lebenslaufs findet sich hier in meinem Profil.)


    Wäre nett, wenn einer von Euch noch einmal hier schreibt. Vielleicht 'darf' ja auch einer alleine reden. Irgendwie spricht sich das anders für mich als mit einer Organisation, odda so.


    Liebe Grüße - Wat.

  • Zunächst möchten wir uns für die Replik auf unseren Textesbedanken. Zwar werden Texte eingebracht, diese bleiben aber meistunbeantwortet und oft folgenlos. Da dies hier nicht so ist, möchtenwir auf die Kritk antworten.


    Wir finden keineswegs, dass es Blödsinn ist, anzunehmen, dass dieAugebeuteten hierzulande im globalen Massstab privilegiert sind. Siesind es politisch, als Staatsbürgerinnen der westlichen Länder,sind es ökonomisch und materiell, sind es sozial undarbeitsrechtlich, in ihrer Bewegungsfreiheit, ihrem Konsumniverauusw. Das kann nicht ernthaft in Frage gestellt werden, möchte mandie massiven Unterschiede wetlweit, die auch Ausgangspunkt der Kämpfesind, nicht nivellieren und vor allem die doppelte Ungleichheit desimperialistischen Gesamtsystems nicht beschönigen.

    Hallo S*
    den Dank gebe ich gerne zurück. Aber dass Gedanken und Texte unbeantwortet bleiben, liegt wohl auch daran, wo und wie sie publiziert werden. ;)
    Nun zur Sache: Wat. hat den wunden Punkt Eurer Klassenanalyse angesprochen. Ich hoffe, ihr äußert Euch dazu.
    Um die Diskussion nicht zu überladen, füge ich erstmal nur einen weiteren Punkt hinzu: Die unterschiedlichen Lebenslagen der Lohnabhängigen in den kapitalistischen Kernzonen und der kapitalistischen Peripherie.
    Euer Vergleich entspricht komplett dem Vergleich von Adam Smith, einem Propagandisten des Kapitalismus:


    „In primitiven Völkern ist jeder Arbeitsfähige zumeist als Jäger oder Fischer mehr oder weniger nützlich tätig. Er ist dabei bestrebt, so gut er kann, sich selbst und die Angehörigen der Familie und des Stammes zu versorgen, die für Jagd und Fischfang schon zu alt, noch zu jung oder zu schwach sind. Solche Völker leben jedoch in so großer Armut, dass sie häufig aus schierer Not gezwungen sind oder es zumindest für notwendig erachten, Kinder, Alte und Sieche bedenkenlos umzubringen oder auszusetzen, so dass sie dann entweder verhungern müssen oder wilden Tieren zum Opfer fallen. In zivilisierten und wohlhabenden Gemeinwesen ist das Sozialprodukt hingegen so hoch, dass alle durchweg reichlich versorgt sind, obwohl ein großer Teil der Bevölkerung überhaupt nicht arbeitet und viele davon den Ertrag aus zehn, häufig sogar hundertmal mehr Arbeit verbrauchen als die meisten Erwerbstätigen. Selbst ein Arbeiter der untersten und ärmsten Schicht, sofern er genügsam und fleißig ist, kann sich mehr zum Leben notwendige und angenehme Dinge leisten, als es irgendeinem Angehörigen eines primitiven Volkes möglich ist.“ (Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen, 1776. Einführung.)


    Adam Smith bringt diesen Vergleich der Lebenslage zwischen Arbeitern im entwickelten Kapitalismus und den Arbeitern in rückständigen Gesellschaften, um die Vorteile des Kapitalismus für die Lohnarbeiter anzupreisen.


    Ihr nehmt denselben Vergleich wie Adam Smith – um was zu beweisen? Dass die modernen Lohnarbeiter „profitieren“ wie es in eurem Papier heißt. Wovon profitieren sie? Davon dass andere es schlechter haben.!?
    Das ist eine ziemlich krumme Logik.
    Alle Befürworter des Kapitalismus greifen zu diesem Vergleich zwischen der kapitalistischen Kernzone und der Peripherie und sagen: „Seid zufrieden! Andere haben es schlechter als ihr!“
    Ihr sagt (durch die Blume):"Auf die Masse der Lohnarbeiter können wir Revolutionäre nicht zählen, denn die sind zufrieden, weil es die meisten anderen viel schlechter haben!"


    Karl Marx hat die Lohnarbeit nicht mit denen verglichen, denen es schlechter geht. Er verglich die Lebenslage der Lohnarbeiter mit der Lebenslage der eigenen Kapitalisten.
    Wenn die Einkommen der Lohnarbeiter stagnieren oder langsam steigen, die Gewinne ihrer Kapitalisten aber schnell steigen, dann ist das bei Karl Marx „relative Verelendung“.
    Wenn die Lohneinkommen gegenüber früher zurückgehen, dann ist das bei Karl Marx „absolute Verelendung“.


    In Deutschland haben wir beides: Wachsende Ungleichheit (=relative Verelendung) und sinkender Lebensstandard (durch steigende Mieten etc.) bei Niedrigeinkommen, Zeitarbeitern, Niedriglöhnern, Minijobbern, Arbeitslosen und Rentnern (=absolute Verelendung).
    Es ist auch zu wenig, den materiellen Wohlstand der Lohnabhängigen zum einzigen Knackpunkt der Kapitalismuskritik zu machen. Marx meint mit "Elend" nicht nur das Materielle.
    Elend ist unsere Existenzunsicherheit, Elend ist unsere Fremdbestimmtheit, Elend ist die Unterdrückung unserer Lebensäußerungen, Elend ist die Fesselung an einen langweiligen Job, Elend ist auch die Vergiftung der Umwelt und die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen.


    Ihr folgt in Eurer Beschreibung der Lohnarbeit dem Adam Smith und allen Kapitalfreunden und nicht Marx und den Kapitalkritikern.
    Ja, die Lebensumstände der Lohnabhängigen sind sehr unterschiedlich - innerhalb eines Landes und im Weltmaßstab.
    Das ist aber kein Vorteil für die Lohnarbeiter, sondern ein Mittel der Spaltung und Unterdrückung.
    Wer über diese Unterschiedlichkeit der Lebensverhältnisse nicht hinausdenkt, und nicht die Gemeinsamkeit der Lebenslage aller Lohnabhängigen gegenüber dem Kapital sieht, dessen Kapitalismuskritik bleibt stumpf.


    Gruß Wal

  • Wal, du schreibst, im Endeffekt kommt der Text für dich rüber wie: "Auf die Masse der Lohnarbeiter können wir Revolutionäre nicht zählen, denn die sind zufrieden, weil es die meisten anderen viel schlechter haben!"


    Genau darauf wollte ich hinaus. Für viele aus der autonomen Linken gilt die Bevölkerungsmehrheit der Lohnabhängigen als einfach zu privilegiert und mit Privilegierten arbeitet man halt nicht zusammen, man kritisiert sie, und wenn sie die Kritik nicht annehmen, ist mit ihnen auch nicht zu sprechen. Mitmachen können sie erst, wenn sie ihre abweichenden Ansichten als Herrschaftsstütze verstanden haben.


    Ich räume ein, es ist polemisch von mir zugespitzt, aber das ist in etwa der - mit massig Political Correctness angereicherte - Tenor, der mir (indirekt) in dieser Szene entgegenkam.

  • Hallo Mario,
    ja ich fand deinen "Käse" zu polemisch. Deine Polemik trifft auch mich, denn mit "Käse" gebe ich mich gar nicht ab.
    Polemik ist kein Angebot, sondern eine Absage an ein hierarchiefreies Gespräch. Aber in diesem Fall hast du ja von S*a trotzdem eine Antwort erhalten, dann solltest du auch konkret auf diese Antwort eingehen, und dich nicht hinter einem späteren Post "verstecken", der von mir stammt.
    Und es ist auch etwas daneben, wenn du den vorliegenden Text mit Erfahrungen abbügelst, die du "allgemein in der Szene" gemacht hast.


    Gruß Wal

  • liebe genossinnen,


    es ist ein wenig schade, dass die diskussion so verläuft, dass immer argumente herangezogen werden, die wir vermeintlich verwenden würden bzw die uns unterstellt werden, die aber nirgendwo in unseren texten und beiträgen zu finden sind.

    "profitieren" war in betreffenden kontext vielleicht nicht der am besten passende Ausdruck. Was wir meinten, haben wir im vorigen kommentar ausgeführt (da haben wir "privilegiert" verwendet). dabei handelt es sich um eine vergleichende aussage, die rein deskriptiv ist (und die als tatsache auch schwerlich geleugnet werden kann). das ändert keinen jota an der tatsache der ausbeutung, an psychischer verelendung, an sinkendem lebensstandard (ob nun absolut oder relativ), an der zurücknahme von rechten usw. die kriterien kennen wir und haben sie auch nicht in frage gestellt, sondern nur gesagt, dass es ungleiche lebenslagen und damit auch unterschiedliche ausgangsbedingungen der klassenkämpfe gibt. wer unsere texte liest (selbstverständnis, text zum 3. oktober usw) wird dies auch sofort feststellen können.


    auch im stadtteiltext stand ja zur klassenanalyse:
    "zentral aber bleibt der Widerspruch zwischen einer Masse, die ihre Arbeitskraft verkaufen muss und einer Minorität, die über abgepressten Mehrwert und Produkt der Arbeit verfügen kann, also durch Ausbeutung Profit macht und mit der Verfügung über fremde Arbeitskraft und Lebenszeit sachlich vermittelte Herrschaft ausübt."


    alles andere sind interpretationen der kommentatoren hier, die nicht unsere meinung widerspiegeln.
    vieles in den letzten kommentare finden wir auch unstrittig, als kritik geht es an dem, was wir geschrieben haben, aber völlig vorbei, weshalb wir auch schlecht darauf eingehen können.

  • Hallo S*a,
    ich sehe keinen Grund, so empfindlich zu reagieren. Mindestens für Wat. und mich kann ich behaupten: Wir nehmen euren Text und eure Argumente ernst. Aber jeder von uns - auch Mario - antwortet halt so, wie er den Text versteht. Wo euer Text missverstanden wurde, hilft eurerseits eine zusätzliche Erklärung. Das ist der normale Gang der Dinge.


    Für meinen Teil fand ich bis hierher die Debatte ganz nützlich. Ich hätte an eurer Situationsbeschreibung noch das Eine oder Andere auszusetzen. Am Wichtigsten scheint mir aber:
    Nach wie vor sehe ich aber eine nicht überbrückte Diskrepanz zwischen eurer Situationsbeschreibung und der einzigen (?) praktischen Schlussfolgerung: "Kampf für Stadtteilzentren". Das kommt mir arg bescheiden daher.
    Meine Einwände dagegen sind:


    - Ich bin auch dafür, dass man sich nicht nur ferne Ziele setzt (wie: Patriarchat abschaffen, Grenzen abschaffen, Kapitalismus abschaffen etc.), sondern auch näher liegende Ziele, die irgendwie "an unserem Weg liegen".
    Aber das Ziel "Stadtteilzentrum" hilft nur einer kleinen jugendlichen Minderheit. Für die große Mehrheit der Bewohner im Stadtteil oder in der Kommune ist das gar Nichts - zu Wenig, um sich mit euch und bei euch zu engagieren.
    - Euer Fokus auf den Stadtteil greift zu kurz. Machtfragen stellen sich in erster Linie im Betrieb und dann in der Kommune, also nicht in einem einzigen Stadtviertel, sondern in mehreren oder allen Vierteln.
    - ein Stadtteilzentrum ist kein für sich stehendes Ziel und schon gar kein "revolutionäres" Ziel. Ein Stadtteilzentrum ist immer nur ein Mittel, das für (revolutionäre und nichtrevolutionäre) Zwecke genutzt werden kann. Ob man will oder nicht - man muss sich immer erst über die Ziele und Zwecke klar werden, die man anstrebt. Das fehlt eurem Statement.
    Übrigens: "Revolution" ist auch kein Ziel, sondern ein Mittel zum Zweck.


    Gruß Wal Buchenberg

  • bislang hatten wir den eindruck, dass wir auf verschiedenen ebenen diskutieren.
    während ihr mit der korrekten definition der begriffe beschäftigt schient, sahen wir uns schon einen schritt weiter,
    nämlich diese auch zu anwendung zu bringen, sprich den verhältnissen auch praktisch etwas entgegenzusetzen.


    der letzte kommentar von wal nun hat eine andere (konkretere) richtung, und dieser können wir uns anschließen. so macht die diskussion in der tat auch mehr sinn.


    wir kämpfen ja nicht für stadtteilzenten, sondern meinen, dass der kampf von dort ausgehend auf die strassen und die viertel getragen werden muss. und, davon unabhängig, natürlich auch in die betriebe.
    "abstrakte" revolutionäre langzeitforderungen sind das eine und relativ einfach zu formulieren (abschaffung von...), unmittelbare, dialektisch am bestehenden ansetzende und dieses negierende, da hast du recht, zumeist sehr schwierig.
    genau deshalb wollten wir mit unserem text einen input geben, dessen umsetzung auch personell weniger starke gruppen direkt anfangen können,
    um überhaupt eine basis vor ort zu schaffen. denn natürlich fliesst in unsere analyse auch die konkrete verfasstheit der linken in der BRD ein.
    der stadtteilansatz kann natürlich nur ein ansatz linker politik sein und deckt notwendigerweise nicht alle anderen zugleich auch ab.
    zudem können wir das natürlich nicht alleine stemmen und verstehen den beitrag daher als diskussionsangebot, um die voraussetzungen zu verbessern.
    zum weiteren vorgehen müsste die linke die organisationsfrage lösen, koordinierter handeln und sich inhaltlich auf die kernfragen klassenkampf und auch imperialismus/krieg zurückbesinnen.



    Solidarische Grüße



    Siempre*Antifa

  • Hallo S*a,
    vor einiger Zeit (vor der Diskussion um das "Bochumer Programm") hatte ich mal eine Übersicht gemacht, was so alles zum Klassenkampf gehört - ganz ohne theoretischen Ballast.


    Dabei ist das herausgekommen:



    Vielleicht fällt jemandem das Eine oder Andere dazu ein?


    Gruß Wal


  • Hallo Genossen von Siempre*Antifa,


    ich denke, es ist vielleicht(?) einfacher mit vergleichsweise 'simpleren' Ansprüchen 'unterwegs' zu sein, als explizit auf Kernfragen des Klassenkampfes 'abzuheben'.


    Mir scheint, da versteht eh jeder (auch links gesonnener) Mensch etwas anderes darunter.


    Darum habe ich z.b. 'draußen im Leben' für mich den Entschluß gefaßt:


    Bevor ich mich auf große 'kopflastige' Diskussionen über diese oder jene Kernfrage oder diesen oder jenen Haupt- und Nebenwiderspruch einlasse, versuche ich es damit "Für ein besseres Leben" zu sein und mache daran den Zusatz "ohne Markt, Tausch und Geld" fest.


    Besser leben wollen alle und daß Geld verhindert und nicht ermöglicht, können wir mE bis zum Skt. Nimmerleinstag diskutieren; die positive Erfahrung aus dem gemeinsamen Tun mit anderen "Für ein besseres Leben ohne Markt, Geld und Tausch" könnte uns aber das bringen, was alleinige Argumente mE im Leben nicht schaffen.


    Oder was meint Ihr? Jedenfalls waren das hier mal meine 2 Ct. ;)


    Ebenfalls solidarische Grüße - Wat.

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