Lenin und Rätedemokratie

  • liebe freunde, ich hab den beitrag "rätedemokratie" unverändert auf meiner fb seite eingestellt und erhiel unter anderem folgende giftige antwort:


    solveigh.calderin: Ein hübscher Versuch, die anarchistischen Ideen des Herrn Bakunin glaubhaft zu machen, indem viele Zitate Karl Marx' und Friedrich Engels' aus dem Zusammenhang gerissen aneinander gereiht wurden.
    Nur leider sind diese Ideen dennoch ein vollkommener Irrweg, der bereits vor über einhundert Jahren widerlegt wurde.



    Lenin sagt zu den Anarchisten (1901):



    1. Der Anarchismus hat in den 35-40 Jahren (Bakunin und die Internationale – 1866) seines Bestehens (seit Stirner aber sind es noch viel mehr Jahre) nichts gegeben außer allgemeinen Phrasen gegen die Ausbeutung.



    Mehr als 2.000 Jahre sind diese Phrasen im Schwange. Es fehlt (a) das Begreifen der Ursachen der Ausbeutung; (b) das Begreifen der gesellschaftlichen Entwicklung, die zum Sozialismus führt; (c) das Begreifen des Klassenkampfes als schöpferische Kraft zur Verwirklichung des Sozialismus.



    2. Das Begreifen der Ursachen der Ausbeutung. Das Privateigentum als Grundlage der Warenwirtschaft. Das gesellschaftliche Eigentum an den Produktionsmitteln. Nil [nichts] beim Anarchismus



    Anarchismus ist umgestülpter bürgerlicher Individualismus. Der Individualismus als Grundlage der gesamten Weltanschauung des Anarchismus.



    Verteidigung des Kleineigentums und des Kleinbetriebs auf dem Lande.



    Keine Majorität. [Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit]



    Verneinung der vereinigenden und organisierenden Kraft der Staatsmacht.



    3. Nichtbegreifen der gesellschaftlichen Entwicklung – Rolle des Großbetriebs – Entwicklung des Kapitalismus zum Sozialismus.



    (Der Anarchismus ist ein Produkt der Verzweiflung, Die Mentalität des aus dem Geleise geworfenen Intellektuellen oder des Lumpenproletariers, aber nicht des Proletariers.)



    4. Nichtbegreifen des Klassenkampfes des Proletariats. Unsinnige Negierung der Politik in der bürgerlichen Gesellschaft



    Nichtbegreifen der Rolle der Organisation und der Erziehung der Arbeiter.



    Panazeen aus einseitigen, aus dem Zusammenhang gerissenen Mitteln.



    5. In der neuesten Geschichte Europas, was gab da der Anarchismus, der früher einmal in den romanischen Ländern herrschte?



    Keinerlei Doktrin oder revolutionäre Lehre, keine Theorie.
    Zersplitterung der Arbeiterbewegung.
    Völliges Fiasko bei Versuchen der revolutionären Bewegung (Proudhonismus 1871, Bakunismus 1873).
    Unterwerfung der Arbeiterklasse unter die bürgerliche Politik, verhüllt als Negierung der Politik.



    Ich empfehle zum Thema auch Lenins "Staat und Revolution" - geschrieben in den Kämpfen zwischen Februar und Oktober (November) 1917:



    wie könnte ich der dame antworten? gruss

  • Hallo Holm,
    ich weiß zwar nicht, welchen Beitrag zur Rätedemokratie du meinst - auf deiner recht mageren Facebook-Seite habe ich nichts dergleichen gefunden. (wäre nett, wenn du diesen Text zur Rätedemokratie noch verlinken würdest), - aber aus meiner Sicht:
    Was kannst du und was willst mit einer Antwort an diese Frau erreichen?
    Aus meiner Sicht, ist da jede Antwort an sie eine Zeitverschwendung.


    Aber wenn es nur um den gegenseitigen Austausch von Links geht, empfehle ich dir das:


    Good bye Lenin



    Sorry und Gruß!
    Wal

  • Hallo Holm,


    in Facebook trittst du mit Solveigh Calderin gemeinsam und freundschaftlich verbunden auf.
    Hier präsentierst du Solveigh als "Feindin" und spickst den Text mit Propaganda-Links.


    Täuschen und tricksen, lügen und betrügen - ist das die Handschrift deiner politischen Richtung? :thumbdown:


    Moderatoren

    Als Moderatorinnen verlangen wir Sachlichkeit und Respekt vor den Menschen. Das schließt auch Respekt vor denen ein, deren Ansichten wir kritisieren.

  • Für welche Art von Demokratie bist du? 3

    1. Basisdemokratie (2) 67%
    2. Losverfahren (1) 33%
    3. Rätedemokratie (0) 0%
    4. Repräsentative Demokratie (0) 0%
    5. Parteiherrschaft (0) 0%
    6. Der Führer bestimmt (0) 0%
    7. Ist mir alles egal (0) 0%

    Ich habe mir zur Rätedemokratie selbst einige Fragen gestellt. Für mich stellt sich zuerst die Frage, ob eine vertikale Delegation, also das stockwerkartige Wählen (Basis wählt Kommunalrat, dieser dann den Kreisrat, dieser den Regionalrat, dieser den Nationalrat etc.) nicht zu Verzerrungen in der Entscheidungsfindung führt und durch das dauerhafte Meldung-von-unten-Entscheidung-treffen-im-Rat-wieder-Rückmeldung-zur-Basis nicht ein immenser Zeitaufwand geschaffen wird, der irgendwann dazu führen würde, dass sich viele Bürger/-innen sagen: "Ach, die machen das schon richtig, wenn was richtig scheiße läuft, dann kann man immer noch eingreifen" und sich daraus de-facto eine neue Repräsentantenkaste bildet. Ebenso steht die Frage im Raum was geschieht, wenn im Regionalrat eine Entscheidung getroffen wurde, mit der zwar der Kreisrat leben kann, es den Bürgern einer Kommune aber gar nicht passt und diese den Delegierten abziehen um einen neuen einzubestellen. Bei jederzeitiger Abrufbarkeit wäre das ja schließlich drin. Es müsste also neu verhandelt werden. Die Anfälligkeiten für Pattsituationen, Kompetenzstreitigkeiten und Entscheidungsverzerrungen stimmen mich jedenfalls skeptisch. Oder ich seh es einfach zu negativ.


    Wäre es dementsprechend nicht sinniger die Delegierten jeder Entscheidungsebene einfach per Losverfahren aus dem Einwohnermelderegister der betroffenen Region - ähnlich wie in der antiken Demokratie - neu auszulosen und die Bürger-/innen beispielsweise nach dem Verfahren der Planungszelle aka Bürgerjury ein Gutachten erarbeiten zu lassen, das sie dann zum Beschluss bringen oder die zwei besten Lösungen der betroffenen Bevölkerung dann als Referendum vorlegen? Ist die Anzahl der ausgelosten Teilnehmer-/innen groß genug, wäre die Entscheidung obendrein repräsentativ. Für die Planungs politischer Karrieren wäre genauso wenig Platz wie sonstige Vetternwirtschaft. Das Verfahren wurde seit den 70er Jahren schon mehrfach angewandt und hat sich als sehr effektiv herausgestellt, inklusive einer hohen Akzeptanz der Ergebnisse durch die von den Gutachten betroffenen Bevölkerungsteilen (was sich wohl durch die Repräsentativität erklären ließe).


    Würde mich interessieren was ihr zu meinen Bedenken zur Rätedemokratie meint und wie ihr zu meinem Alternativvorschlag steht.

  • Würde mich interessieren was ihr zu meinen Bedenken zur Rätedemokratie meint und wie ihr zu meinem Alternativvorschlag steht.

    Hallo Mario,
    für deine Frage habe ich mal einen Fragebogen in deinen Text eingebaut. (So eine Umfrage kann jeder angemeldete User starten).


    Meine Antwort ist jedoch etwas länger:
    ich denke, wer kommunale Strukturen ernst nimmt, muss sich von allen uniformen Politkonzepten verabschieden. Welche Instanz soll denn einer Kommune vorschrieben, nach welchem Prinzip sie Delegierte zu wählen hat, falls Delegierte nötig sind?


    Kommunale Struktur heißt Vielfalt in allen Belangen. Eine Kommune gibt sich vielleicht eine Rätestruktur, eine andere wählt Leute per Los, eine dritte wählt die Rentner, weil die Zeit haben, und die vierte wählt Jugendliche, damit die was lernen.
    Wichtig ist, dass jeder Einzelne Zugang zu allen Informationen hat und dass jeder Einzelne alles mitentscheiden kann. Wichtig ist also, dass alle gemeinsam entscheiden. Auf welchem Weg und mit welchen politischen Krücken sie das tun, ist ziemlich wurscht und nebensächlich.


    Hinzu kommt:
    Alle diese Politik- und Staatskonzepte, die immer noch unter Linken diskutiert werden, von der Parteiherrschaft über Räte oder Losverfahren bis zur Basisdemokratie, entstammen einer Zeit, als es noch nicht einmal Telefon gab, um sich über Entfernungen hinweg abzusprechen und abzustimmen.
    Alle diese Politik- und Staatskonzepte sind reichlich angestaubt.


    Moderne kapitalistische Unternehmen haben mehrere Standorte mindestens in Deutschland und Europa, wenn nicht in der ganzen Welt, und müssen sich also ständig über große Entfernungen absprechen und abstimmen. Dass da Leute von A nach B reisen, kommt auch vor, aber das ist nicht die Alltagskommunikation.


    Die Alltagskommunikation in den Unternehmen verläuft heute hauptsächlich über vier Wege:
    - Emails mit mehreren/vielen Empfängern an verschiedenen Standorten;
    - TelKo – Telefonkonferenz mit mehreren/vielen Teilnehmern an verschiedenen Standorten,
    - Sametime Session – Telefonkonferenz, bei dem alle Teilnehmer ein und dasselbe Dokument auf ihrem Bildschirm sehen und besprechen. Ein Teilnehmer hat Schreibrechte und gibt die gewünschten und besprochenen Änderungen in das Dokument ein.
    - Videokonferenz mit vielen Teilnehmern in Videoräumen an jedem Standort.


    Damit sind die heutigen Möglichkeiten keineswegs ausgeschöpft.
    Ich hatte mal angedacht, dass die Kommunen online über eine „Produktionsbörse“ kommunizieren. Darüber haben sich einige Unterzeichner des Bochumer Programms ziemlich aufgeregt, wie ich glaube zu Unrecht.
    Eine Produktionsbörse wäre eine Online-Plattform, auf der Kommunen ihren Produktionsbedarf anmelden können, den sie nicht aus eigener Kraft bewältigen.
    Auf diese Bedarfsmeldung können andere Kommunen reagieren und Produktionsüberschüsse liefern, die sie nicht brauchen. Auf diese Weise fände ein Ausgleich statt zwischen den verschiedenen kommunalen Ressourcen und Kapazitäten – jenseits von Geld und Warenproduktion.
    Auch dafür gibt es schon ein (kapitalistisches) Vorbild: e-procurement oder elektronische Beschaffung.


    Es führen aber viele Wege nach Rom und "Rom" heißt für uns: "Alle entscheiden gemeinsam!"


    Gruß Wal Buchenberg

  • Wal, du meinst, wir müssen uns von uniformen Politkonzepten verabschieden, und da gehe ich soweit mit. Realiter wird es wahrscheinlich auf ein Mischsystem hinauslaufen, das je nach Umstand und Ort variiert. Ähnlich sah es ja z.B. bei den Polis-Demokratien der Antike aus. Du sagst, es sei wichtig, dass jeder Zugang zu allen Informationen hat und alles mitentscheiden kann. Das bringt aber schnell die Frage nach Repräsentation und deren Kontrolle auf die Tagesordnung. Ich erinnere nur an die Bundestagsfraktion der Grünen, die am Anfang versuchte per Rotations- und Delegationsprinzip zu arbeiten, letztlich aus Gründen der Medienbekanntheit und Parlamentserfahrenheit einiger das Delegationsprinzip abgeschafft wurde. Verselbstständigung von Delegation sollte scheinbar nicht unterschätzt werden. Die alten Griechen waren hier womöglich mit ihrem Losverfahren späteren demokratietheoretischen Überlegungen einiges voraus.


    Ich habe selbst überlegt, ob es nicht derart aussieht, dass es gar keiner "festen Strukturen" in Form von - noch so föderativen - klaren Räte-Staffelungen bedarf und man sich die Angelegenheit mehr wie ein Netzwerk denken könnte, wo halt nur jene Knoten "aktiv" sind wo gerade Entscheidungen vonnöten sind, es also gar keiner dauerhaften Repräsentanz bedarf, weil die Summe der politischen Entscheidungen minimal sein könnte. Organisatorische Aufgaben könnten ja von einer gelosten oder gewählten Verwaltung übernommen werden (wobei zu schauen wäre, dass diese sich nicht ebenso verselbstständigt und zur quasi-politischen Entscheidungsinstanz wird).


    Das Problem bei Onlineabstimmungen sehe ich darin, dass es einen qualitativen Unterschied macht ob ich jemanden real gegenübersitze und der menschlich-empathische Faktor reinspielt (der ist bei einer Videokonferenz zwar noch gegeben, aber bereits eingeschränkt) oder ich nur irgendwo mein Häkchen in einer Onlineabstimmung setze. Deshalb sehe ich Verfahren im Sinne einer E-Demokratie ziemlich skeptisch.


    Es bleibt außerdem die Frage inwieweit Entscheidungen auf höheren Ebenen anders ausfallen wenn Delegierte zusammenfinden die von einer kommunalen Bürgerversammlung ernannt werden (wobei die Frage wäre wie diese wiederum ernannt wird) und hier kommunale Partikularinteressen diskutiert werden oder Menschen aus allen vom Problem betroffenen Kommunen per Zufall gelost werden und die Beteiligten so eine Metaperspektive jenseits ihres bloßen kommunalen Interesses einnnehmen.


    Vielleicht ist klar worauf ich hinaus will. Würde mich abermals freuen, wenn sich jemand zu äußern kann.

  • Hallo Mario,


    Probieren wird da über 'Studieren' gehen, denke ich.


    Denn mE können wir ja jetzt auch noch nicht sagen, ob sich eine Kommune entscheidet, daß da alle in den s.g. Lostopf kommen oder nur die, die sich bereit erklären oder die, die sie (vorerst) für so etwas wie integer hält, etc. pp.


    Kommunistisch ist in solchen Zusammenhängen ja mE etwas immer dann, wenn ich die Entscheidung (auch über mich) selbst fällen und auch wieder rückgängig machen kann. Also auch hier freie Assoziation, denn ich gehe außerdem immer noch davon aus, daß sich Produzenten vereinen.


    In die theoretische Waagschale könn(t)en wir so etwas packen. Ob es eine Option ist/wäre, entscheiden die Menschen, wenn es so weit ist.


    Btw. ich find's irgendwie blöd, ich kenne mein Losglück :o


    Liebe Grüße - Wat.

  • Eine weitere Fundsache meinerseits zur Debatte um Wahlen, Repräsentanz, Lenin und die Rätedemokratie:


    Die britischen Wissenschaftler und Verfechter einer computergestützten Planwirtschaft, Paul Cockshott und Allin Cottrell, schreiben in ihrem Buch "Sozialistische Planwirtschaft ist möglich" im Abschnitt "Direkte Demokratie oder Rätedemokratie?":


    "In Abwesenheit klar formulierter konstitutioneller Vorstellungen tendiert ein Rätesystem dazu, sich entweder in Richtung Einparteien-Diktatur oder zum bürgerlichen Parlamentarismus hin zu entwickeln.


    Der Rückgriff auf die Reinheit einer prästalinistischen (präleninistischen) Rätedemokratie ist nichts weiter als eine ziemlich gedankenlose Nostalgie, die aus einer unkritischen Übernahme von Lenins Staat und Revolution stammt. (…)


    Es ist traurig aber wahr, dass dieser wirklich demokratische Staat, ein Staat von Deputierten der Arbeiter- und Soldatenräte so schnell in etwas ganz anderes ausartete. Der historische Prozess, durch den - um mit Trotzki zu sprechen - die bolschewistische Partei sich an die Stelle des Proletariats setzte, das Zentralkomitee an die Stelle der Partei, und schließlich der oberste Führer an die Stelle des Zentralkomitees, ist zu bekannt um besonders hervorgehoben werden zu müssen. Dieser Prozess, der unter Lenin bereits begann, wurde bei Stalin zu seinem Abschluss gebracht.


    Westliche sozialistische Kritiker des daraus resultierenden Systems stimmen gewöhnlich der in Staat und Revolution skizzierten Theorie zu, heben jedoch den Widerspruch zwischen Lenins Theorie und der daraus folgenden Praxis hervor. Einige machen Lenin und seine Parteitheorie verantwortlich, andere die schwierigen Verhältnisse in Russland, andere geben Stalin die Schuld, wieder andere Chruschtschow, einige Gorbatschow. Aber nur wenige stellen das ursprüngliche Modell eines Staates von Arbeiterräten, das Lenin beschreibt, in Frage.


    Eine bloße Gegenüberstellung von Theorie und Praxis, guten Absichten und schlechten Taten, ist keine kritische Auseinandersetzung. Vielmehr müssen wir verstehen, auf welche Weise die innere Logik des in Staat und Revolution aufgezeigten Entwurfs zur Sowjetunion führte.


    Dieser Entwurf hatte ein System im Auge, in dem Räte von Fabrikarbeitern und Soldaten, über eine Hierarchie von städtischen, regionalen und nationalen Räten bis hin zum obersten Rat Deputierte wählten. Um sicherzustellen, dass die Deputierten auf die Arbeiter eingingen, konnten die Delegierten abberufen werden und erhielten nur den Durchschnittslohn eines Arbeiters. Letztere Vorkehrungen wurden aufgrund der Erfahrungen der Pariser Kommune getroffen. (…)


    Der Grund, weshalb der Parlamentarismus eine für die Besitzinteressen geeignete Staatsform ist, hat seinen Grund in der Wahl, einem Prinzip, dessen antidemokratischen Charakter Aristoteles schon vor langer Zeit aufgezeigt hat.


    Eine proletarische Diktatur kann zwar von einer gewählten Versammlung errichtet werden, wie in der Pariser Kommune, wo die Wähler und die Kandidaten ausnahmslos aus dem Proletariat ausgewählt wurden. Aber sie kann mittels Wahlen nicht lange Bestand haben.



    ”Demokratischer Zentralismus“ - eine Sackgasse


    Lenins Begriff des ”demokratischen Zentralismus“, in dem herausragende klassenbewusste Mitglieder der Arbeiterklasse, die in einer kommunistischen Partei organisiert sind, von einem System von Arbeiterräten gewählt werden um eine Arbeiterregierung zu bilden, ist mit Makeln behaftet. Es wird versucht, Demokratie auf einem Instrument der Klassenherrschaft aufzubauen: den Wahlen.


    Die Tatsache, dass die Stimmabgabe auf Arbeiter beschränkt ist, ändert nichts daran, dass die Wahlen ein aristokratisches System im klassischen Sinn bleiben. Politik wird Sache der Politiker. Wie alle Aristokratien artet es aus in eine Selbstbedienungs-Oligarchie und wird schließlich durch eine ”ehrenwerte“ bürgerliche Plutokratie ersetzt.


    Der Gedanke, dass ein Recht auf Abberufung eine wirksame Beschränkung dieses Prozesses sein könnte, ist lachhaft. Das Recht auf Abberufung ist in der Verfassung von Arizona festgelegt und befand sich auch in Stalins Räteverfassung - ohne erkennbare Auswirkung. Man muss Hunderte oder Tausende von Unterschriften sammeln um die Absetzung eines Amtsträgers zu erreichen. Im Vergleich mit normalen Wahlen ist es zwangsläufig ein seltenes Ereignis.


    Wenn auf Grund der inneren Verfasstheit von Wahlen die Amtsträger nicht an ihre Versprechen gebunden sind, ist das Recht auf Abberufung obsolet. Oder nehmen wir den durchschnittlichen Arbeitslohn - wer sollte ihn durchsetzen? Was sollte gewählte Vertreter daran hindern, über weitere Vorteile zu ihren Gunsten abzustimmen.



    Ist Demokratie heute möglich?


    In seinem Buch Is Democracy Possible? (1985) tritt John Burnheim für ein System ein, das er demarchy (Demarchie∗) nennt und das erstaunliche Ähnlichkeiten mit der klassischen Demokratie aufweist. Statt Nationalstaaten befürwortet er ein System, in dem die Macht dezentralisiert ist und Entscheidungsprozesse von Organen ausgeführt werden, deren Vertreter unter denjenigen ausgelost werden, die ein rechtmäßiges materielles Interesse an dem verhandelten Gegenstand besitzen.


    Die Verfechter der Demokratie kritisieren radikal den bürgerlichen Staat des zwanzigsten Jahrhunderts, doch die Praktiken der klassischen Demokratie scheinen paradoxerweise so neuartig und fremd, dass die Gefahr besteht, dass die Menschen sie automatisch ablehnen werden.


    Die Verfechter der echten Demokratie müssen überzeugend argumentieren und die altbekannten Einwände abwehren. Die zeitgenössische politische Wissenschaft ist gefühlsmäßig überaus elitär. Sie behauptet, dass die Komplexität des modernen Staates so groß ist, dass nur eine Elite von Berufspolitikern fähig sei damit umzugehen.


    Gewöhnliche Bürger Athens wären zwar - nach landläufiger Meinung - fähig gewesen einen einfachen Stadtstaat zu leiten, aber der Vollzeitbürokratie des modernen Staates gegenüber sähen sie schlecht aus. Dazu bedarf es Vollzeitpolitiker mit bezahltem wissenschaftlichem Personal.


    Aus der Praxis wissen wir, dass diese Vollzeitpolitiker im Grunde genommen gegenüber einer entschlossenen Exekutive machtlos sind und ohnehin im Allgemeinen nicht dazu neigen, das System, das ihnen Karrieremöglichkeiten bietet, radikal in Frage zu stellen.


    Im Grunde verwechselt das ”Experten“-Argument zwei Punkte: Einerseits ist da die Frage des technischen Spezialwissens auf spezifischen Gebieten wie Gesundheitswesen, Technologie und militärischen Angelegenheiten und andererseits das, was Protagoras politike techne, die Kunst des politischen Urteils, nannte.


    Protagoras behauptete, dass wir alle gleichermaßen mit dieser Fähigkeit ausgestattet wären. Was das Urteil betrifft, ob eine Entscheidung in seinem Interesse ist oder nicht, ist ein Verkäufer von Drumchapel ebenso geeignet wie ein Parlamentsabgeordneter aus Westminster - vorausgesetzt dass keiner von beiden über ein relevantes technisches Spezialwissen verfugt.


    Ein anderes verbreitetes Argument gegen die klassische Demokratie besteht darin, dass sie eine Demokratie von Sklavenhaltern war und uns somit nicht zu belehren hat. Einerseits ist dieser Einwand schlicht irrelevant: Die modernen Verfechter der direkten Demokratie befürworten keineswegs die Wiedereinführung der Sklaverei.


    Der Einwand basiert auf einem Missverständnis der griechischen Gesellschaft der Antike. Athen war nicht die Demokratie von Sklavenhaltern, sondern eine Demokratie der freigeborenen Bürger. Sklaven waren von der Bürgerschaft ausgeschlossen, aber die Mehrheit der Bürger waren keine Sklavenhalter.


    Die große Masse des demos setzte sich aus den werktätigen armen Bauern und Handwerkern zusammen. Die demokratia war das Instrument, das sie in ihrem Klassenkampf gegen die Reichen benutzten, gegen die großen Landbesitzer, die auch die großen Sklavenhalter waren. Letztere begünstigten eine oligarchische Verfassung und waren schließlich in der Lage, eine solche mit Hilfe des römischen Imperialismus durchzusetzen.



    Der Azephalus-Staat


    Eine neoklassische Demokratie wäre immer noch ein Staat im marxistischen Sinn. Sie wäre eine organisierte öffentliche Macht, in der Minderheiten gezwungen wären sich unterzuordnen. Der demos würde diese Macht benutzen, um seine Rechte gegen noch bestehende oder sich neu bildende Elemente der Ausbeuterklasse zu verteidigen. Aber sie wäre "ohne Kopf" (azephalus): ein Staat ohne Staatsoberhaupt, ohne die Hierarchie, die einen auf der Ausbeutung einer Klasse beruhenden Staat kennzeichnet.


    Die unterschiedlichen Organe der öffentlichen Autorität würden von den durch das Los ermittelten Bürgerkomitees kontrolliert werden. Die Medien, das Gesundheitswesen, die Planungs- und Marketingbüros, die unterschiedlichen Industriezweige würden ihre Ausschüsse haben, die jeweils eine klar definierte Zuständigkeit hätten.


    So würde z.B. ein Komitee für die Energieindustrie zwar bestimmte Einzelheiten der Energiepolitik entscheiden, aber es könnte nicht eine Volksabstimmung ignorieren, die vielleicht den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen hat.


    Die Mitglieder eines Komitees mussten nicht durchweg öffentlich gewählt sein. Die Komitees im Gesundheitswesen könnten zum Teil nach dem Zufallsprinzip bestimmte Mitarbeiter des Gesundheitswesens sein und zum Teil aus der Öffentlichkeit kommen.


    Wie Burnheim betont, sollte man dem Grundsatz folgen, dass all jene, die ein legitimes Interesse an einer Sache haben auch die Möglichkeit erhalten sollten, an seinem Management teilzuhaben. Diese Sicht unterscheidet sich grundsätzlich sowohl von der Sozialdemokratie wie auch von der Praxis des bisher existierenden Sozialismus.


    So obliegt die Planung beispielsweise nicht der Kontrolle der Regierung, sondern einem Aufsichtskomitee von gewöhnlichen Bürgern, die, da durch Los ermittelt, vornehmlich Werktätige sind. Da sie gewissermaßen autonom sind, d.h. nicht regierungsabhängig, kann man sich diese Komitees als analog zu den autonomen Gremien der bürgerlichen Zivilgesellschaft vorstellen: unabhängige Zentralbanken, Sendeanstalten, Kunstgremien, Forschungsgremien etc."

  • Hallo Mario,


    ich bin jetzt und die nächsten Tage unterwegs und habe nur sporadisch eine leidliche iNet-Anbindung...


    Den ersten Teil Deines neuen Post habe ich gelesen und gehe damit recht konform. Meine Kritik an Lenins Staat und Revolution geht allerdings viel weiter und ich meine auch tiefer.


    Gerade den Demokratischen Zentralismus habe ich mir schon mehrmals erlaubt, als an seinem Anspruch gemessenen Stuß, ja wirklich Stuß, zu entlarven.


    Kurz zitierend deshalb hier noch einmal das:


    Demokratischer Zentralismus (DemZet)


    Der Demokratische Zentralismus würde immer wieder genau der Stuß (nett ausgedrückt, dabei war der nicht mal unter Lenin nett) werden, der er war.
    Der ist Stuß!


    Nee, stop, stimmt nicht - er (der Demokratische Zentralismus, also genau dieser Führungs- und Organisationsaufbau von Lenin, der im übrigen nicht im kleinsten Ansatz was mit Marx zu tun hat oder hätte haben können) ist Super für Herrschaften, die immer hübsch Herrschaften bleiben wollen - mit dem DemZet ist die Entwicklung von Lenin zu Stalin absolut folgerichtig und so etwas wie vorhersehbar.


    Der würde ohne Warenwirtschaft nicht anders - es könnte ihn ohne Warenwirtschaft nicht mal geben - denn es würde ihn ohne Warenwirtschaft nicht brauchen


    Ja, Politik hat auch aus meiner Sicht/ Perspektive ökonomische Gründe. Die materiellen Bedingungen sind dafür die Grundlage.
    Und wenn die materielle Grundlage keine herrschaftsfreie ist, kann es die Politik, also der Überbau fürs Janze auch nicht sein.


    Nun verrate mir mal bitte einer, wie die Politik eine herrschaftsfreie materielle Grundlage schaffen oder lenken soll/ will, wenn sie dabei selbst herrschaftsfrei agieren soll/müßte.


    Den zweiten Teil habe ich bisher nur überflogen, war allerdings schon wieder über anzuwendende Äquivalenzen bzw. Zentralbank etc gestolpert, und erlaube mir, mich damit nicht weiter befassen zu wollen.
    Etwas, das sich jetzt noch für eine Utopie/ Zukunftsvision hält und mit Verrechnungseinheiten befaßt, lehne ich grundsätzlich ab.
    Die Kamelle ist mir zu alt und zu destruktiv...


    Liebe Grüße - Wat.


    PS - Vielleicht später, wenn ich in einigen Tagen wieder zu Hause bin, mehr.

  • Newly created posts will remain inaccessible for others until approved by a moderator.