Was lehrt uns die spontane Welle der Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen?

  • Hallo alle zusammen!


    Ich gebe zu, dass ich überrascht gewesen bin. Ich gebe zu, dass diese Überraschung auf emotionaler Ebene eine Wohltat für mich gewesen ist. In meiner Wahrnehmung hat sie meine Moral gestärkt.


    Dazu ein paar weitere Anmerkungen:


    1. Die Leute sind mehrheitlich besser als ihr Ruf. Der medial vermittelte Eindruck (Pegida-Berichterstattung), dass eine anti-Immigrationstimmung vorherrsche, ist falsch. Ein kleines Foto, dass das Elend Flüchting-Daseins auf den Punkt gebracht hat, war genug, Sand in die sorgfältig geölte Propaganda-Maschinerie zu streuen. Mancher Diskutant in diesem Forum wird in der staatlichen Einladung für syrischen Flüchtling ein Versuch sehen, den deutschen Kapitalismus durch den Zufuhr frischer, gut ausgebileter Arbeitskräfte zu stärken, und den Genozid an der einheimischen Bevölkerung voranzutreiben. Die einheimische Bevölkerung scheint das nicht so eng zu sehen.


    2. Die Hilfsbereitschaft war spontan, d.h. es gab keine offiziellen Aufrufe von staatlicher Seite oder sonst welchen Autoritäten. Der Aufruf von Papst Franziscus an alle katholischen Gemeinden und Einrichtungen, um Flüchtlinge aufzunehmen, kam, nachdem die Medien weltweit vom Münchner Hauptbahnhof berichteten. Sicherlich nicht das einzige Beispiel für opportunistische Umarmung.


    3. Die Hilfsbereitschaft wurde mittels Social Media organisiert. Damit befindet sich diese Bewegung in guter Gesellschaft anderen, die man als emanzipatorisch sehen kann.


    4. In NL, wo ich wohne, ist den Behörden nicht jedes Hilfsangebot recht: Man rät Menschen davon ab, Flüchtlinge bei sich auf zu nehmen. Angeblich aus Sorge, dass man nicht professionell mit traumatisierten Menschen umgehen könne, weswegen sei eine zentrale Unterbringung unter staatlicher Aufsicht besser sei. Zaghafte Versuche staatlicher Bevormundung?


    Ich lade Euch dazu ein diese Liste fortzusetzen.



    Gruss

  • Hallo Antonio, hallo Alle,
    ich sehe die spontane Hilfsbereitschaft ebenso positiv wie Antonio.


    Bürger aus nicht-EU-Staaten brauchen für die Einreise in die EU ein gültiges Visum. Wer Asyl beantragen will, muss das in dem EU-Land tun, wo er/sie in die EU einreist.
    Mit dem Schengen-Abkommen hat Deutschland seine Staatsgrenzen faktisch an die Außengrenzen der EU verschoben. An diesen Außengrenzen ist nach dem Schengen-Vertrag dem "die Einreise zu verweigern", wer kein gültiges Visum vorweisen kann. Mit "Schengen III" soll durch "gemeinsame Polizeimaßnahmen" ausdrücklich "illegale Migration" verhindert werden. Die EU-Randstaaten hatten den Schwarzen Peter und ertrunkene Flüchtlinge und die deutsche Regierung hatte ihre Ruhe.


    Dann kamen plötzlich hunderttausende Menschen, kümmern sich nicht um europäische Grenzen, nicht um europäische Verträge, ignorieren alles Recht und Gesetz und nehmen ihr Schicksal in eigene Hände nach dem alten Grundsatz: Not kennt kein Gebot.


    Als Merkel bekannt gab, Deutschland würde (ausnahmsweise) alle Syrer aufnehmen, hätte das nach geltender Rechtslage bedeutet, dass die EU-Randstaaten (vor allem Ungarn) alle Flüchtlinge hätte sortieren müssen. Das und nichts mehr war Merkels Absicht.
    Die "guten" Syrer hätten mit erfassten Personaldaten nach Deutschland weiterreisen dürfen, allen anderen "schlechten Flüchtlingen" (vom Balkan und aus Nordafrika) hätte die ungarische Regierung entweder Asyl gewähren oder abschieben müssen. Der Schwarze Peter lag also immer noch bei Ungarn.
    Das polizeiliche Erfassen und "Vorsortieren" der Flüchtlinge konnte und wollte die ungarische Regierung nicht tun. Sie setzte die Menschenmassen unsortiert in Züge nach Wien und München.
    Seither ist nichts mehr so wie bisher.
    Seither sind die Verträge von Schengen Papier und die polizeiliche Zusammenarbeit der EU-Staaten ist Schnee in der Sonne.
    In diesem Durcheinander zeigt sich, dass die Staatsmächte die Krise, die durch die Massenflucht entstanden ist, nicht unter Kontrolle haben.


    Was machen unsere oberklugen Linken daraus? Sie vermuten hinter dem Flüchtlingschaos böse imperialistische Absicht:


    "Es kann doch nicht sein, dass sich die Flüchtlinge unisono verabredet haben: So jetzt machen wir eine EU Flüchtlingsinvasion. Mein Verdacht ist, dass da die Politik an irgend einer Schraube gedreht hat..." (Krim).
    "Dass das 'Auf und Zu' der Grenzen ein 'kopfloses Reagieren' auf die 'Flüchtlingsflut' gewesen ist, das glaube ich übrigens nicht." (Alfonsito).
    "Manche Verschwörungstheoretiker wittern einen sinistren Plan der USA, Europa entgültig fertig zu machen. Es ist jedenfalls möglich, dass die Türkei ihre neue Transitrolle mit den USA abgesprochen hat, und dass die USA auch bei den Flüchtlingsbewegungen aus dem Irak und Afghanistan die Hände im Spiel hat." (Nestor)
    "Ich hab mich auch schon gefragt, ob die Vergrößerung des Lumpenproletariats absichtlich betrieben wird..." (Krim)
    "Die Parameter sind gesetzt, dass die weitere Verarmung der europäischen Bevölkerung mit Berufung auf die Flüchtlinge weiter betrieben wird - Löhne herunter, Sozialausgaben herunter, und wer sich aufregt, ist 'nicht solidarisch'" (Nestor)


    Wenn Staatsmächte und Regierungen von Linken als so übermächtig dargestellt werden, dass sie in jeder noch so chaotischen Lage und Situation nur ihre bösen Absichten als "List der Vernunft" durchsetzen können, dann zeigt sich darin eine innere Kapitulation dieser Linken. Je größer und mächtiger sie die Staatsmacht darstellen, desto kleiner und unwichtiger machen sie sich und alle Volksbewegungen.
    Gegen so hintertriebene, so listige, so erfolgreiche imperialistische Mächte, ist jeder Widerstand, jede selbständige Bewegung und erst recht jeder Aufstand undenkbar und zwecklos. Das ist die deprimierende Botschaft, die von diesen Linken transportiert wird.


    Gruß Wal


    P.S. Meinen Text habe ich als Kommentar auch in den Blog gesetzt, wo diese Zitate herstammen. Mein Text wurde dort weggedrückt und nicht freigegeben. Ich habe ihn ein zweites Mal dort gepostet.

  • Nein Wal, dein Kommentar bei http://nestormachno.blogsport.de/ wurde nicht "weggedrückt", jedenfalls nicht vom Blogger, sondern ist vermutlich dem automatischen SPAM-Filter zum Opfer gefallen, den die Macher von Blogsport-Blogs bei jeden Blog, der bei ihnen gehostet ist, davorsetzen. Der ist individuell übrigens nicht beeinflussbar und manchmal erratisch.
    Und wie man dort sehen kann http://nestormachno.blogsport.…nen-europa/#comment-26784, ist dein Beitrag mittlerweile auch durch den Blogsport-Grenzzaun gekommen.

  • Hallo WPler,


    ja, du hast recht. Ein zweiter Eintrag meines Textes kam "durch", und der Blogbetreiber Nestor ist schon sachlich darauf eingegangen.
    Die Zensur-Keule hatte ich nicht geschwungen. ;-)
    Ich werde das P.S. oben durchstreichen.


    Gruß Wal

  • Dann kamen plötzlich hunderttausende Menschen, kümmern sich nicht um europäische Grenzen, nicht um europäische Verträge, ignorieren alles Recht und Gesetz und nehmen ihr Schicksal in eigene Hände nach dem alten Grundsatz: Not kennt kein Gebot.

    5. Sachdienlicher Hinweis: Die Helfer -innen haben sich im übrigen ebenfalls nicht um die genaue Rechtslage und den Herkunfstländern der Flüchtlinge befasst.

    6. "Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich." (G. Schabowski, 1989) ;-)

  • In der Tat. Die Hilfsbereitschaft ist begeisternd und tut einem selber, der daran augenblicklich passiv beteiligt ist, sehr gut. Aber ein Selbstläufer wird es nicht werden.


    Tatsächlich stellt diese massive Fluchtbewegung jedwede Gesellschaft vor ungeheuren Herausforderungen. Und eines ist klar: die kapitalistische Gesellschaft wird dies auf ihre Weise zu lösen versuchen. Neben den rein materiellen Problemen, wie und wo werden die Flüchtlinge untergebracht, versorgt, wie werden sie gekleidet und ausgebildet und betreut, tritt nun die kapitalistische Bürokratenschicht, mit dem Versuch diesem Phänomen mit ihren Methoden Herr zu werden. Aus meiner Sicht spielt sich dieser Vorgang jenseits unseres Wollens ab, so wie jenseits der Steuerung durch den kapitalistischen Staat. Davon werden nicht wenige der Alteingesessenen in Mitleidenschaft genommen werden und die teilnehmenden Kräfte werden sorgsam darauf achten müssen, dass die jeweiligen Interessen und Bedürfnisse ihren Platz bekommen. Da aber zur Zeit der bürgerliche Staat das Ganze organisiert,und in seine Bahnen zu lenken versucht und dafür auch die nötigen Mittel hat, werden die Probleme nach aller Erfahrung ziemlich verkompliziert werden und gegen die Untertanen, alt oder neu, gewendet werden.

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