Zerstörung der traditionellen Alpenwirtschaft

  • Jeder von uns kennt die Werbung mit den "glücklichen Kühen" auf grünen Bergweiden. Heute gibt es sehr viel mehr "glückliche Urlauber" als glückliche Kühe auf den Almen. "Dass Bauern ihr Milchvieh den Sommer über auf die Alm treiben, ist heutzutage eher selten." Allenfalls wird noch das Heu auf den Bergwiesen geerntet und ins Tal an die Gefängnisse verkauft, in denen die Kühe in engen Boxen 24 Stunden am Tag eingesperrt sind. Solche Betriebe werben dennoch mit dem Label "ökologisch".


    Es gibt einige wenige Bergbauern, die im Sommer noch Kühe auf der Alm halten und Milch und Käse "für die Touristen" produzieren. Andernorts wird nur das Jungvieh zur Kräftigung auf die Almweiden getrieben. Die traditionelle Landwirtschaft der Alpen ist tot.



    Ursprünglich waren Almen Wirtschaftsbetriebe, die oberhalb der dauerbesiedelten Dörfer lagen. Diese Almbauern wirtschafteten unter schwierigen klimatischen Bedingungen, die jährlich nur eine kurze Vegetationszeit zulassen. Das zwang die Almbauern zu einer besonders rücksichtsvollen und schonenden Wirtschaftsweise.
    Diese ressourcenschonende Wirtschaftsweise ist im Kapitalismus nicht konkurrenzfähig. Im Kapitalismus bilden sich einheitliche Produktionspreise anhand von durchschnittlichen Herstellungskosten einer Ware (plus den Profit). Auch die Milch-und Käseproduzenten müssen ihre Produkte zu solchen Marktpreisen verkaufen. Da die Herstellungskosten der Almbauern aber deutlich über dem Durchschnitt liegen, decken die Marktpreise kaum ihre Kosten und es bleibt kein Profit.


    Die Almwirtschaft wird mehr oder minder nur noch für den Fremdenverkehr betrieben."Die Almen eignen sich gut als Werbebild", sagt B. Pointner, der Chefder Milchwerke Berchtesgadener Land.


    Die Alpenbewirtschaftung, die über 1000 Jahre naturschonend betrieben wurde, ist tot. Heute sind die Alpen ein riesiger Freizeitpark für anreisende Städter. Vor Gericht streiten sich die Zugezogenen und die Kurzurlauber mit den Bauern um die "richtige" Nutzung der Bergwelt: Ob Kuhglocken läuten dürfen, und wer schuld ist, wenn ein Biker im Wald über eine Wegabsperrung stürzt, die der Bauer für Kühe angebracht hat.


    Kapitalistische Konkurrenz durch profitablere Holz- und Milchwirtschaft in klimatisch günstigeren Regionen und der Bau immer neuer "Attraktionen" für den Fremdenverkehr zerstörten die Alpen als nachhaltiger Wirtschaftsraum.
    Der Klimawandel, der die Gletscher in den Alpen schmelzen und die Fotografen jammern lässt, ist keineswegs die Ursache für die Zerstörung der traditionellen Alpenwirtschaft. Als der Klimawandel sichtbar einsetzte, war die Alpenwirtschaft schon tot.


    Die Ressourcen des Alpenraums genügten über 1000 Jahre zum Lebensunterhalt seiner Bewohner. Gut 150 Jahre Kapitalismus haben erreicht, dass Menschen in den Alpen nur noch überleben können, wenn ihnen in großem Maßstab Ressourcen von Außen zugeführt werden.


    Ressourcen werden den Alpen von außerhalb zugeführt einmal als Subvention der Regierung. In Österreich subventioniert die Regierung jede Milchkuh in den Bergen "für Alpung und Behirtung" mit rund 160 Euro im Jahr und jedes Schaf und jede Ziege mit gut 50 Euro.
    Ressourcen werden auch als privates Zusatzeinkommen in den Alpenraum von Außen zugeführt - durch den Fremdenverkehr und durch die (Lohn)Einkommen der Menschen, die nur vorübergehend in den Alpen leben, weil sie dort Urlaub machen oder Zweitwohnungen bewohnen.


    Auf sich selbst gestellt sind die Alpen als menschlicher Lebensraum zerstört. Die Unterhöhlung und Zerstörung autonomer regionaler Lebensgrundlagen ist eine kapitalistische Entwicklung, die immer mehr Regionen in Deutschland und in der Welt trifft.
    In dieser Hinsicht ist die Alpenregion vergleichbar mit Griechenland, das ein lange handwerkliche und landwirtschaftliche Tradition hatte, heutzutage aber 60 Prozent des griechischen Alltagskonsums aus dem Ausland importiert.


    Es gibt hier kein Drittes: Die Menschen in den Alpen können wie die Menschen in Griechenland nur überleben, wenn ihnen Ressourcen von Außen zugeführt werden - oder sie müssen auf kapitalistische Warenproduktion verzichten.


    Ich habe den Eindruck, dass die Menschen in Griechenland die Unausweichlichkeit dieser Alternative viel besser verstanden haben als die griechische Linke.



    Wal Buchenberg

  • Hallo Wal


    Warum schreibst Du kapitalistische Warenproduktion?
    Hat das einen besonderen Grund?


    Liebe Grüße - Wat.


    Edit: Ich schreib meine Antwort kurz hier herein:
    Hallo Wat.: Etwas hatte ich mit dabei gedacht - es gibt und gab ja auch nichtkapitalistische bzw. vorkapitalistische Warenproduktion, aber ich habe den Gedanken nicht wirklich durchdacht. Und kann im Moment nicht mehr dazu sagen.

  • Hallo,


    ein paar Anmerkungen von mir:


    Die traditionelle Landwirtschaft ist nicht nur in den Alpen tot, sondern auch außerhalb. Mir ist aufgefallen, dass einem gar keine Kühe mehr auffallen: sie sind verschwunden von der Weide in den Stall. Vermutlich ist die Viehhaltung auf der Weide zu kostspielig.


    Die Zerstörung regionaler Lebensgrundlagen finden wir auch in der Tatsache der Landflucht.


    Wal wrote:

    Die Menschen in den Alpen können wie die Menschen in Griechenland nur überleben, wenn ihnen Ressourcen von Außen zugeführt werden - oder sie müssen auf kapitalistische Warenproduktion verzichten.


    Die zweite Option dürfte sehr schwierig sein, wollen sie ihren Lebensstandard halten. Es gibt so viele Produkte, die technisch sehr aufwendig zu produzieren sind. Die können Regionen, die vom kapitalistischen Warentausch zunehmend ausgeschlossen sind, nicht so ohne weiteres selbst herstellen.



    Arik

  • Hallo Arik,


    du hast schon recht mit deiner Kritik. Aber das ändert nichts an der Verpflichtung für uns Kommunisten und Marxisten, die Veränderungen in unserer Umgebung auch konkret aufzuzeigen und anhand der Marxschen Kapitalkritik zu erklären.


    Ein abstrakter Antikapitalismus, der sich auf Parolen beschränkt ("Kapitalismus tötet", "Kapitalismus abschaffen" etc) bringt uns nicht weiter. Niemand kann den Kapitalismus abschaffen, der nicht konkret weiß, was statt Warenproduktion gemacht werden soll.
    Und noch ein Aspekt ist von Bedeutung: Die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Preisbildung und der Konkurrenz sind überall die gleichen. Aber je nach Umgebung wirken diese Gesetzmäßigkeiten mehr oder weniger zerstörerisch. Eine ökologisch instabile Naturumgebung wie die Alpen ist besonders anfällig, und wird deshalb vom Kapitalismus schneller zerstört als zum Beispiel die norddeutsche Tiefebene.
    Für die kapitalistische Kernzone insgesamt gilt auch, dass sie ihre Umwelt auf Kosten der kapitalistischen Peripherie schützt, indem sie dort verstärkt Rohstoffe ausbeutet. Die Alpen sind tatsächlich ein Frühindikator für die kommende Umweltzerstörungen anderer Regionen in Deutschland und Europa.



    Ja, auf Geld und Warenproduktion zu verzichten, ist keine einfache Umstellung weder in Griechenland noch sonstwo. Ich denke, das ist den meisten Griechen klar. Währenddessen machen sich die griechischen Linke einen Kopf darüber, ob man Waren mit Euro oder mit Drachme bezahlen soll. Das ist eine Diskussion, die nirgendwo hinführt. Darauf wollte ich hinweisen.


    Gruß Wal

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