Der Niedergang der klassisch-imperialen Mächte

  • Nicht nur Marxisten gehen davon aus, dass im Verhältnis der Staaten zueinander wirtschaftliche Größe die Grundlage für politische Macht ist. Umgekehrt: Politische Vorherrschaft in der Welt benötigt bessere Technologie, größere Produktivität und größere Produktionskapazitäten als die Staaten, die direkt oder indirekt von einer oder mehreren Großmächten in Abhängigkeit gehalten werden.


    Die klassischen Großmächte des 19. und 20. Jahrhunderts (Deutschland, England, Frankreich, Italien, Japan, Spanien, Russland und die USA) haben seit dem Zweiten Weltkrieg deutlich an Gewicht in der Weltwirtschaft verloren.


    Nun hat die Kapital-Beraterfirma PricewaterhouseCoopers für die Großmächte eine Prognose erstellt, die bis ins Jahr 2050 reicht:





    Der relative Niedergang der alten imperialen Kräfte ist unübersehbar. 1939 umfassten die alten imperialen Staaten mehr als 50% der Weltwirtschaft. Bis heute ist dieser Anteil auf 30% gesunken und wird nach dieser (wie ich glaube noch optimistischen) Prognose im Jahr 2050 nur noch 20% betragen.
    Es ist klar, dass neu aufkommende Wirtschaftsmächte (China, Indien, Brasilien etc.) längst mit den Hufen scharren, und ihren wachsenden Anspruch auf Großmachtpositionen anmelden. Die Weltpolitik entwickelt sich vom derzeitigen Monozentrismus mit den USA als einzige Supermacht zu einem Polyzentrismus mit mehreren, miteinander konkurrierenden Großmächten.
    Diese Entwicklung ist auf kapitalistischer Grundlage unvermeidlich.


    Ich kann allerdings nicht verstehen, dass es Linke gibt, die offen Partei ergreifen für den Polyzentrismus in der Weltpolitik. Auch der Polyzentrismus ist ein staatliches Herrschaftssystem, mit dem einige einflussreiche Regierungen ihren Willen vielen Milliarden Menschen in der Welt aufzwingen wollen.
    Der weltpolitische Unterschied zwischen Polyzentrismus und Monozentrismus ist vergleichbar mit Unternehmen, die von einer Kapitalgesellschaft geführt werden (Polyzentrismus), im Unterschied zu den Unternehmen, die von einem einzelnen Kapitalisten geführt werden (Monozentrismus). In beiden Unternehmenstypen haben die Lohnarbeiter gleich wenig zu sagen.


    Gruß Wal Buchenberg


    Siehe auch: "... und Tschüss Imperialismus!"


    Der komplette Datensatz von PricewaterhausCoopers:

  • Dass der Chemiekonzern Chemchina die italienische Reifenfirma Pirelli aufkauft, ist ein weiterer Beleg für die tektonische Verschiebung der kapitalistischen Kernzone.
    Der chinesische Deal ist 7 Milliarden Euro wert - ungefähr so viel, wie die griechische Regierung derzeit verzweifelt aufzutreiben versucht, um den drohenden Staatsbankrott abzuwenden.


    Bisher kannten wir China als profitable Anlagesphäre für europäisches und amerikanisches Kapital. Seit der Finanzkrise von 2008 wurde China zunehmend selbst zum Kapitalexporteur. Schon einige Jahre lang investierten chinesische Kapitalisten in ausländische Rohstoffkonzerne und in die Landwirtschaft von Afrika und Südamerika. Nun geraten westliche High-Tech-Firmen immer mehr in den Fokus chinesischen Kapitals.


    In England gehören Teile des Londoner Hafens und des Flughafens Heathrow chinesischen Kapitalgebern.
    In Frankreich kauften sie sich im Flughafen Toulouse und bei Peugeot Citroen ein. Mit der griechischen Regierung verhandeln Chinesen über den Erwerb des Athener Großhafens Piräus. Die bankrott gegangene schwedische Autorfirma Volvo ist ganz in chinesischer Hand und wirft seit dem Eigentümerwechsel trotz aller Unkenrufe Profit ab.


    Das ist eine Grundtendenz der kapitalistischen Konkurrenz: Eine wirtschaftlich schwächelnde kapitalistische Nation wird zum Schuldner, eine wirtschaftlich aufsteigende kapitalistische Nation wird zum Gläubiger.
    Dieser Wechsel vom Gläubiger zum Schuldner bestimmte das Verhältnis zwischen Großbritannien und den USA im 20. Jahrhundert.


    Auch innerhalb Europas bestimmen die Schuldverhältnisse die Machtverhältnisse. Wer so viel Schulden macht, dass er sie nicht zurückzahlen kann, der hat die Arschkarte gezogen – egal ob er ein Privatmensch ist oder eine Regierung.
    Daran sind nicht die EZB, die „Troika“ oder „die Institutionen“ schuld, sondern die kapitalistischen Geldverhältnisse. Wer zahlt, der hat das Sagen. Umgekehrt: Nur wer zahlungsfähig ist, lebt im Kapitalismus frei und selbstbestimmt.


    Über kurz oder lang werden chinesische Kapitalisten das Sagen in Europa haben,
    meint Wal Buchenberg

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