Profite am Wohnungsmarkt


  • Sieben Millionen oder knapp 9 Prozent der Deutschen sind Wohnungsvermieter.
    Nun hat eine Studie des DIW festgestellt, dass ein Drittel dieser Wohnungsvermieter keinen Profit machen. Arme Kapitalisten? Sehen wir näher hin!


    Ja, Kapital muss Profit machen. Aber nicht jeder, der ein bisschen Kapital hat, ist schon ein Kapitalist. Kapitalist wird man erst durch eine Kapitalgröße, die hinreicht, um den Besitzer von eigener Arbeit zu befreien. Karl Marx schrieb dazu: „.... eine gewisse Minimalgröße des individuellen Kapitals (ist) notwendig, damit die Anzahl der gleichzeitig ausgebeuteten Arbeiter, und daher die Masse des produzierten Mehrwerts hinreiche, den Arbeitsanwender selbst von der Handarbeit zu befreien, aus einem selbständigen Handwerker einen Kapitalisten zu machen und so das Kapitalverhältnis formell herzustellen.“ Kapital I, MEW 23, 349.


    Damit heute einer Kapitalist sein kann, muss seine Kapitalrendite also hinreichen, dass er ohne eigene Arbeit mit einem gehobenen Lohneinkommen eines Lehrergehalts von rund 60.000 Euro Brutto im Jahr leben kann. Um eine Kapitalrendite von jährlich 60.000 Euro zu erhalten, braucht es bei einer Rendite von vielleicht 3 Prozent ein Kapital von 2 Millionen Euro. (Rechnung: 60.000 geteilt durch 3 mal 100). (Steuerfragen lasse ich mal außer Acht.)
    Heißt: Wer heute ein Kapital (in Geld oder in Sachmitteln) von weniger als 2 Millionen Euro besitzt, der ist noch kein Kapitalist.


    Der DIW hatte auch errechnet, dass die Haus- und Wohnungsbesitzer in Deutschland im Durchschnitt und pro Nase einen fremdvermieteten Wohnungswert von 155.000 Euro besitzen. Das ist ziemlich weit entfernt von der 2-Millionen-Kapitalgrenze. Diese 155.000 Euro pro Vermieterkopf haben eine durchschnittliche Rendite „von 2 bis 3 Prozent“, also zwischen 3.100 und 4.650 Euro im Jahr erbracht. Das ist kein schlechtes Zubrot zum Lohn, aber keine Rendite, die ein Leben ohne eigene (Lohn)Arbeit ermöglicht.


    Die Untersuchung des DIW offenbart, wo die wirklichen Profite auf dem Wohnungsmarkt winken:
    Wenn ein Drittel der Wohnungsvermieter keine Rendite erwirtschaften, entfällt die gesamte Rendite auf die anderen 65 Prozent. Das sind die Vermieter, die nicht nur ein oder zwei Wohnungen, sondern Mehrfamilienhäuser und Mietskasernen besitzen und vermieten.
    Rechnen wir einmal nach: 7 Millionen Vermieter mit einem durchschnittlichen Mietwert von 155.000 ergibt ein Mietkapital in Deutschland von gut einer Billion Euro (1085 Milliarden). Auf diese Billion Euro entfallen laut DIW „2 bis 3 Prozent“ Rendite, macht 20 bis 32 Milliarden im Jahr.
    Diese 20 bis 30 Milliarden Profit entfallen aber nur auf 65 Prozent des Hauskapitals (700 Mrd), weil ja ein Drittel Prozent der Hausbesitzer keinen Profit erwirtschaften.
    Ein Profit von 22 bis 32 Mrd Euro auf ein Kapital von 700 Mrd entspricht einer durchschnittlichen Profitrate von 3 bis gut 4 Prozent. Nach kapitalistischen Maßstäben ist diese Profitrate nicht üppig, aber krisensicher.


    Außer diesen Großbesitzern von Mietraum profitiert noch eine andere Sektion der Kapitalisten vom Wohnungsmarkt: Die Geld- oder Bankkapitalisten. Denn 40 Prozent des Wohnungskapitals, also gut 430 Mrd. Euro, sind von den Banken als Kredit vorgeschossen. Auf diese Hypothekenkredite werden rund 5 Prozent pro Jahr fällig. Macht einen jährlichen Gewinn bei den Banken von gut 20 Mrd. Euro. Diese 20 Mrd. Zinsgewinne aus dem Wohnungsmarkt müssen noch zu den 20 bis 30 Milliarden Euro Wohnungsprofit hinzugerechnet werden. Damit kommen wir auf einen jährlichen Gesamtprofit von 40 bis 50 Mrd. Euro auf dem deutschen Wohnungsmarkt.


    Nachtrag: Die für alle linken Wohnungsprojekte unangenehme Wahrheit ist: Falls es gelänge, den Wohnungsmarkt in Deutschland irgendwie vom kapitalistischen Profit zu befreien, dann würden die Mietwohnungen in Deutschland durchschnittlich nur um 4 bis 5 Prozent billiger.
    Das Geheimnis teurer Mietwohnungen liegt nicht bei den Wohnungsbauunternehmen, den Banken oder den Vermietern. Das Geheimnis hoher Wohnkosten liegt im Bodenpreis, der über 50% der Wohnkosten ausmachen kann.
    Die zentralen Forderungen und Veränderungen für preiswerteres Wohnen müssen sich daher vor allem gegen die Grundeigentümer und gegen das Grundeigentum richten, - alles Andere ist Pipifax,
    meint Wal Buchenberg

  • Hallo,
    ein Leser hat sich über den Meldungs-Button (Warnschild) zu dem Marx-Zitat im Wohnungsprofit-Thema zu Wort gemeldet:
    "Hallo Herr Buchenberg, das ist doch kein Originalzitat ? Jedenfalls ist dieses Zitat so nicht im Band 23 zu finden."
    Gruss X.Y.

    Wir freuen uns über jede kritische (und sachliche) Stellungnahme und nehmen wir wie folgt dazu Stellung:
    Im "Kapital", Band I, heißt es auf Seite 349f:
    "Ursprünglich erschien eine gewisse Minimalgröße des individuellen Kapitals notwendig, damit die Anzahl der gleichzeitig ausgebeuteten Arbeiter, daher die Masse des produzierten Mehrwerts hinreiche, den Arbeitsanwender selbst von der Handarbeit zu entbinden, aus einem Kleinmeister einen Kapitalisten zu machen und so das Kapitalverhältnis formell herzustellen."

    In dem obigen Text von W.B. wird diese Textstelle folgendermaßen zitiert:
    Karl Marx schrieb dazu: „.... eine gewisse Minimalgröße des individuellen Kapitals (ist) notwendig, damit die Anzahl der gleichzeitig ausgebeuteten Arbeiter, und daher die Masse des produzierten Mehrwerts hinreiche, den Arbeitsanwender selbst von der Handarbeit zu befreien, aus einem selbständigen Handwerker einen Kapitalisten zu machen und so das Kapitalverhältnis formell herzustellen.“ Kapital I, MEW 23, 349.

    Wir stellen fest, dass das Verb "erschien" im Original bei W.B. ersetzt wurde durch "(ist)" in Klammer. Streng genommen ist das eine Textänderung. Ob das auch eine Änderung des Textsinns mit sich bringt, darüber wollen wir nicht streiten.


    Zu dem fraglichen Inhalt verweisen wir auf den Artikel "Kleinbürger" im Karl-Marx-Lexikon, wo es unter anderem heißt:


    "Die kapitalistische Produktion beginnt, wie wir sahen, in der Tat erst, wo dasselbe individuelle Kapital eine größere Anzahl Arbeiter gleichzeitig beschäftigt, der Arbeitsprozess also seinen Umfang erweitert und Produkt auf größerer quantitativer Stufenleiter liefert." K. Marx, Kapital I, MEW 23, 341.

    Auch gab Karl Marx eine klar bestimmbare Untergrenze an, mit der das Kapitalistendasein beginnt:
    (Vorausgesetzt ein Arbeiter kann durch 6 Stunden täglicher Arbeit seinen Lebensunterhalt bestreiten.) "Wäre dieser Arbeiter im Besitz seiner eigenen Produktionsmittel und begnügte er sich als Arbeiter zu leben, so genügte ihm die zur Reproduktion seiner Lebensmittel notwendige Arbeitszeit, sage von 6 Stunden täglich...Der Kapitalist dagegen, der ihn außer diesen 6 Stunden sage 2 Stunden Mehrarbeit verrichten lässt, bedarf einer zusätzlichen Geldsumme ... Unter unserer Annahme jedoch müsste er schon drei Arbeiter anwenden, um von dem täglich angeeigneten Mehrwert wie ein Arbeiter leben, d. h. seine notwendigen Bedürfnisse befriedigen zu können.In diesem Fall wäre bloßer Lebensunterhalt der Zweck seiner Produktion, nicht Vermehrung des Reichtums ...Damit er nur doppelt so gut lebe wie ein gewöhnlicher Arbeiter und die Hälfte des produzierten Mehrwerts in Kapital zurückverwandle, müsste er zugleich mit der Arbeiterzahl das Minimum des vorgeschossenen Kapitals um das Neunfache steigern." K. Marx, Kapital I, MEW 23, 326.


    Und weiter heißt es da:
    "Das Minimum der Wertsumme, worüber der einzelne Geld- oder Warenbesitzer verfügen muss, um sich in einen Kapitalisten zu entpuppen, wechselt auf verschiedenen Entwicklungsstufen der kapitalistischen Produktion und ist, bei gegebener Entwicklungsstufe, verschieden in verschiedenen Produktionssphären, je nach ihren besonderen technischen Bedingungen." K. Marx, Kapital I, MEW 23, 327.


    Wir hoffen, die Frage ist damit ausreichend beantwortet!
    Gruß von den Moderatoren

    Als Moderatorinnen verlangen wir Sachlichkeit und Respekt vor den Menschen. Das schließt auch Respekt vor denen ein, deren Ansichten wir kritisieren.

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