Das Tableau Èconomique von Karl Marx

  • Karl Marx an Friedrich Engels, 6. Juli 1863 (MEW 30,
    361-367)
    „.... Das einliegende ‚Tableau Économique’, das ich an die Stelle des Tableau des Quesnay setze, sieh Dir, wenn es Dir in dieser Hitze möglich ist, etwas sorglich an und teile mir Deine etwaigen Bedenken mit.
    Es umfasst den gesamten Reproduktionsprozess.


    Du weißt, dass Adam Smith den ‚natural’ oder ‚necessary price’ zusammensetzt aus Salär, Profit (Zins), Rente – also ganz in Revenue auflöst. Dieser Unsinn ist auf Ricardo übergegangen ...
    Fast alle Ökonomen haben dies von Smith akzeptiert, und die es bekämpfen, fallen in anderen Blödsinn.


    Smith selbst fühlte den Unsinn, das Gesamtprodukt für die Gesellschaft in bloße Revenue (die jährlich verzehrt werden kann) aufzulösen, während er für jeden einzelnen Zweig der Produktion den Preis in Kapital (Rohstoff, Maschinerie etc.) und Revenue (Arbeitslohn, Profit, Rente) auflöst. Danach müsste die Gesellschaft jedes Jahr von Neuem ohne Kapital anfangen.




    Was nun meine Tabelle angeht, die als Zusammenfassung in einem der letzten Kapitel meiner Schrift figuriert, so ist dabei folgendes zum Verständnis nötig:


    1. Die Zahlen gleichgültig, bedeuten Millionen.


    2. Unter Lebensmittel ist hier alles zu verstehn, was in den Konsumtionsfonds jährlich eingeht (oder ohne Akkumulation, die von der Tabelle ausgeschlossen ist, in den Konsumtionsfonds eingehen könnte).
    In der Klasse I (Lebensmittel) besteht das ganze Produkt (700) aus Lebensmitteln, die also der Natur der Sache nach nicht in das konstante Kapital (Rohmaterial und Maschinerie, Baulichkeiten etc.) eingehn.
    Ebenso besteht in der Klasse II das ganze Produkt aus Waren, die konstantes Kapital bilden, das heißt als Rohmaterial und Maschinerie wieder in den Reproduktionsprozess eingehen.


    3. Wo die Linien aufsteigen ( =Auslage von Geld, w.b.) ist punktierte, wo sie niedersteigen ( = Verwandlung von Geld in Konsumtion und Rückfluss des Geldes an die Kapitalisten, w.b.) ist gerade Linie.


    4. Konstantes Kapital ist der Teil des Kapitals, der aus Rohstoff und Maschinerie besteht. Variables Kapital, der sich gegen Arbeit austauscht.


    5. In der Agrikultur z.B. bildet ein Teil desselben Produkts (z.B. Weizen) Lebensmittel, während ein anderer Teil (Weizen) wieder in seiner Naturalform (als Samen z.B.) als Rohstoff in die Reproduktion eingeht. Das ändert aber nichts an der Sache. Da solche Produktionszweige der einen Eigenschaft nach in Klasse II, der andern nach in Klasse I figurieren.


    6. Der Witz der ganzen Geschichte ist also der:
    Kategorie I. Lebensmittel:
    Arbeitsmaterial und Maschinerie (d.h. der Teil derselben, der als Verschleiß in das jährliche Produkt eingeht ...) = 400. Das gegen Arbeit ausgetauschte variable Kapital = 100, reproduziert sich als 300, indem 100 den Arbeitslohn im Produkt ersetzt, 200 den Mehrwert (unbezahlte Mehrarbeit) darstellt. Das Produkt = 700 ...
    100 (variables Kapital) wird also, wie durch punktierte Linie angedeutet, in Geld als Arbeitslohn ausgezahlt. Der Arbeiter kauft mit diesen 100 (angezeigt durch die niedersteigende Linie) Produkt dieser Klasse, das heißt Lebensmittel für 100. Das Geld fließt so an die Kapitalistenklasse zurück.
    Der Mehrwert von 200 ..., der sich aber spaltet in industriellen Profit (kommerziellen eingeschlossen), ferner in Zins, den der industrielle Kapitalist in Geld zahlt, und in Rente, die er ebenfalls in Geld zahlt.
    Dies für industriellen Profit, Zins, Rente gezahlte Geld strömt zurück (durch die niedersteigenden Linien angedeutet), indem dafür Produkt der Klasse I gekauft wird.


    Das sämtliche innerhalb Klasse I von dem industriellen Kapitalisten ausgelegte Geld strömt also zu ihm zurück, während 300 von dem Produkt 700 aufgezehrt wird von den Arbeitern, Unternehmer, Geldleuten und Grundbesitzern.
    Bleibt in der Klasse I Überschuss an Produkt in Lebensmitteln von 400 und Defizit an konstantem Kapital von 400.


    Kategorie II. Maschinerie und Rohstoff
    Da das ganze Produkt dieser Kategorie, nicht nur der Teil des Produkts, der das konstante Kapital ersetzt, sondern auch der, der Äquivalent des Arbeitslohns und den Mehrwert vorstellt, besteht aus Rohstoffen und Maschinerie, kann die Revenue dieser Kategorie nicht in ihrem eigenen Produkt, sondern nur im Produkt der Kategorie I realisiert werden.
    Akkumulation beiseite gelassen, wie es hier geschieht, kann aber Kategorie I von Kategorie II nur so viel kaufen, als sie zum Ersatz ihres konstanten Kapitals braucht, während Kategorie II nur den Teil ihres Produkts, der Arbeitslohn und Mehrwert (Revenue) vorstellt, in dem Produkt der Kategorie I auslegen kann. ... Es fließen also 400 in Geld dem industriellen Kapitalisten der Kategorie I von der Kategorie II zu; die dafür an diese ihren Rest an Produkt = 400 ablässt.


    Mit diesen 400 Geld kauft Klasse I das zum Ersatz ihres konstanten Kapitals = 400 Nötige von Kategorie II, der also in dieser Art das in Arbeitslohn und Konsum ... verausgabte Geld wieder zuströmt. Von ihrem Gesamtprodukt bleibt der Kategorie II daher 533,33, womit sie ihr eigenes konstantes Kapital ersetzt.


    Die Bewegung teils innerhalb der Kategorie I, teils zwischen Kategorie I und II, zeigt zugleich, wie den respektiven industriellen Kapitalisten beider Kategorien das Geld zurückströmt, womit sie von neuem Arbeitslohn, Zins und Grundrente zahlen. ...


    ... Gesamtreproduktion:
    Das Gesamtprodukt von Kategorie II erscheint hier als konstantes Kapital der ganzen Gesellschaft und das Gesamtprodukt der Kategorie I als der Teil des Produkts, der das variable Kapital (den Fonds des Arbeitlohns und die Revenue der Klassen, die sich in den Mehrwert teilen, ersetzt.“
    Karl Marx

  • Hallo,
    ich bin mit meiner Darstellung nicht zufrieden. Das Problem bei der Sache ist, dass bei Quesnai (wie bei Smith und Ricardo) nur Lebensmittel produziert und verteilt werden. Das macht ihre Darstellung so einfach. Siehe dazu das Tableau von Quesnai:



    Karl Marx hatte dagegen den Einwand, dass eine Volkswirtschaft (nicht nur die kapitalistische!) nicht nur Lebensmittel produziert und verteilt, sondern auch Produktionsmittel.
    Damit kommt eine zusätzliche Komplikation in die Darstellung.
    F. Engels sollte sich ja die Grafik von Marx gründlich ansehen. Von seiner Reaktion ist leider nichts überliefert.
    Vielleicht sollte ich doch noch einmal versuchen, eine verbesserte Grafik zu machen, die auch die beteiligten Personen enthält?
    Gruß Wal


    P.S. Hier habe ich mal einen zweiten Versuch gemacht:



    Ich habe an alle die gleiche Bitte wie Marx an Engels: "Schaut es Euch sorgsam an und teilt mir etwaige Bedenken (und Fragen) mit!"
    Erläuterungen:
    Linke Seite (nach rechts) Produktion:
    1. Die Kapitalisten der Abteilung I. (Konsumtionsmittel) investieren ihr Kapital von 500 = 400c + 100v. Außerdem besitzen sie noch privates Geld = 200 als Vorschuss auf ihre künftigen Gewinne. Mit dem Kapital 500 werden Lebensmittel produziert im Wert von 700 = 400 c + 100 v + 200 m.
    2. Die Kapitalisten der Abteilung II. (Produktionsmittel) investieren ihr Kapital von 666,66 = 533,33 c + 133,33 v. Außerdem besitzen sie noch privates Geld = 266,66 als Vorschuss auf ihre künftigen Gewinne. Mit dem Kapital 666,66 werden Produktionsmittel produziert im Wert von 933,33.


    Rechte Seite (nach links) Verteilung:
    1. Die Lohnarbeiter der Abteilung I. haben 100 Lohn erhalten und kaufen dafür Lebensmittel von den Kapitalisten I. Dadurch fließen 100 wieder zurück an die Kapitalisten I.
    2. Die Kapitalisten I. kaufen von sich gegenseitig Lebensmittel im Wert von 200. Dadurch fließen 200 wieder an sie zurück.
    3. Die Lohnarbeiter der Abteilung II. kaufen von ihrem Lohn 133,33 Lebensmittel von den Kapitalisten I. Dadurch fließen 133,33 als Geld wieder an sie zurück.
    4. Die Kapitalisten der Abteilung II. kaufen für 266,66 Lebensmittel von den Kapitalisten der Abteilung I. Dadurch fließen 266,66 als Geld wieder an die Kapitalisten I. zurück.


    Linke Seite (nach rechts unten):
    1. Die Kapitalisten der Abteilung I. bezahlen mit 400 die im laufenden Jahr verbrauchten Produktionsmittel bei den Kapitalisten der Klasse II.
    Dadurch fließen 400 als Geld wieder an die Kapitalisten II. zurück.
    Die Kapitalisten der Abteilung II. ersetzen mit 533,33 die im laufenden Jahr verbrauchten Produktionsmittel. Dadurch fließen an sie 533,33 an Geld wieder an sie zurück.


    Resultat:
    Die Kapitalisten haben ihr Kapital einschließlich Mehrwert vollständig realisiert und haben wie zu Beginn des Jahres ihr Kapital plus privater Vorschuss für ihre Revenue wieder in der Hand.
    Die Lohnarbeiter sind besitzlos wie zu Beginn des Jahres und müssen wieder für ihren Lebensunterhalt malochen.
    Bei diesen Größenverhältnissen dauert es zweieinhalb Jahre, bis das gesamte Kapital in Händen der Kapitalisten ersetzt wurde durch produzierten Mehrwert. Egal wie die Kapitalisten zu ihrem Ursprungskapital gelangt sind, nach 3,5 Jahren entstammt ihr Kapital vollständig aus unbezahlte Mehrarbeit der Lohnarbeiterklasse - auch wenn es sich, wie es hier vorausgesetzt wird, nicht vergrößert hat.


    Gruß Wal




  • Hallo Wal,


    die Frage für mich ist, wie setzt sich das durch m ausgedrückte Mehrprodukt zusammen. Wird es nicht von den Kapitalisten aufgebraucht, dann würde sich, den Lebensmittelanteil des Kapitalisten vernachlässigend, gemäß deiner Schlussfolgerung nach zweieinhalb Jahren als verdoppeltes Kapital darstellen. Nur was können sie auf Dauer damit anfangen, wenn die Lohnarbeiter auf demselben Reproduktionskostenniveau verharren und sich deshalb keine Verwertungsmöglichkeiten für dieses akkumulierte Kapital bilden. Bildlich kindlich vorgestellt würden die Produktionsmittel oder ein Goldschatz ins Unendliche wachsen. Es fehlt also etwas in diesem tableau, das eine durch m ausgedrückte erweiterte Reproduktion darstellt.


    Es ist doch so, dass das Mehrprodukt zum einen von der Kapitalistenklasse und ihrem Anhang (Politiker, Beamte, Bedienstete) konsumiert wird. Ein anderer beträchtlicher Teil wird in Form von Luxusgütern aufgebraucht, und erst der Rest dient als Kapital, das für Investitionen zur Verfügung steht.


    Das heißt, über die erweiterte Reproduktion werden Lohnarbeiter und auch ein paar Kapitalisten freigestellt, die nur noch für den Luxus der Kapitalistenklasse und einen Teil seines Anhanges produzieren. Man müsste also eine zusätzliche Kapitalisten- und Lohnarbeiterklasse III einführen. Und dieser Sektor III wäre der dynamische Faktor im System der erweiterten Reproduktion, denn über ihn würden die wachsenden Bedürfnisse der anderen beiden Kapitalistenklassen befriedigt. Durch seine über m möglich werdende ständige Ausweitung würden sich auch die andern beiden Sektoren ausweiten bzw. dort dann auch Kapital akkumuliert werden können. Außerdem wäre zu berücksichtigen, dass bei der Luxusgüterproduktion auch immer mal was für Lohnarbeiter abfällt, weshalb deren Reproduktionsniveau im Laufe der Geschichte gehoben wurde.


    Beste Grüße
    Kim

  • Hallo Wal,


    die Frage für mich ist, wie setzt sich das durch m ausgedrückte Mehrprodukt zusammen. (...)
    Es ist doch so, dass das Mehrprodukt zum einen von der Kapitalistenklasse und ihrem Anhang (Politiker, Beamte, Bedienstete) konsumiert wird. Ein anderer beträchtlicher Teil wird in Form von Luxusgütern aufgebraucht, und erst der Rest dient als Kapital, das für Investitionen zur Verfügung steht.
    Beste Grüße
    Kim


    Hallo Kim,
    das ist im kapitalistischen Alltag ganz zutreffend, aber das trifft nicht die Voraussetzungen, die Karl Marx für sein Tableau macht. In seinen Erläuterungen heißt es:
    Karl Marx: „Unter Lebensmittel ist hier alles zu verstehn, was in den Konsumtionsfonds jährlich eingeht (oder ohne Akkumulation, die von der Tabelle ausgeschlossen ist, in den Konsumtionsfonds eingehen könnte).“ (MEW 30,363)
    und nochmals:
    Karl Marx: „Akkumulation beiseite gelassen, wie es hier geschieht...“ MEW 30, 364


    Das Tableau stellt also nur die sogenannte "einfache Reproduktion" dar, in der der gesamte Mehrwert sich als Lebensmittel (notwendige Lebensmittel und Luxuslebensmittel) darstellt, die von der Kapitalistenklasse und ihrem Anhang im Laufe des Jahres verzehrt werden.


    Diese einfache Reproduktion ist eine Vereinfachung der kapitalistischen Wirklichkeit, die aber zum Verständnis der Sache beiträgt bzw. nötig ist. Dazu schrieb Marx:
    "Die einfache Reproduktion auf gleichbleibender Stufenleiter erscheint insoweit als eine Abstraktion, als einerseits auf kapitalistischer Basis Abwesenheit aller Akkumulation oder Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter eine befremdliche Annahme ist, andererseits die Verhältnisse, worin produziert wird, nicht absolut gleichbleiben ... in verschiedenen Jahren. ...
    Indes, soweit Akkumulation stattfindet, bildet die einfache Reproduktion stets einen Teil derselben, kann also für sich betrachtet werden, und ist ein realer Faktor der Akkumulation." Karl Marx, Kapital II, MEW 24, 393f.



    Der Schritt von der einfachen Reproduktion zur Akkumulation von Kapital:


    Dazu heißt es bei Karl Marx:
    “Wir haben Buch I, Kapitel 22 gesehen, dass die Akkumulation, die Verwandlung von Mehrwert in Kapital, ihrem realen Gehalt nach Reproduktionsprozess auf erweiterter Stufenleiter ist, ob diese Erweiterung extensiv in Gestalt der Zufügung neuer Fabriken zu den alten oder in der intensiven Ausdehnung der bisherigen Stufenleiter des Betriebs sich ausdrücke.“ Kapital II, MEW 24, 322.


    Dort, im 22. Kapitel des ersten Bandes heißt es:
    „Um zu akkumulieren, muss man einen Teil des Mehrprodukts in Kapital verwandeln. Aber, ohne Wunder zu tun, kann man nur solche Dinge in Kapital verwandeln, die im Arbeitsprozess verwendbar sind, d.h. Produktionsmittel, und des ferneren Dinge, von denen der Arbeiter sich erhalten kann, d.h. Lebensmittel. Folglich muss ein Teil der jährlichen Mehrarbeit verwandt worden sein zur Herstellung zusätzlicher Produktions- und Lebensmittel, im Überschuss über das Quantum, das zum Ersatz des vorgeschossenen Kapitals erforderlich war. Mit einem Wort: der Mehrwert ist nur deshalb in Kapital verwandelbar, weil das Mehrprodukt, dessen Wert er ist, bereits die sachlichen Bestandteile eines neuen Kapitals enthält.
    Um nun diese Bestandteile tatsächlich als Kapital fungieren zu lassen, bedarf die Kapitalistenklasse eines Zuschusses von Arbeit. Soll nicht die Ausbeutung der schon beschäftigten Arbeiter extensiv oder intensiv wachsen, so müssen zusätzliche Arbeitskräfte eingestellt werden. Dafür hat der Mechanismus der kapitalistischen Produktion ebenfalls schon gesorgt, indem er die Arbeiterklasse reproduziert als vom Arbeitslohn abhängige Klasse, deren gewöhnlicher Lohn hinreicht, nicht nur ihre Erhaltung zu sichern, sondern auch ihre Vermehrung. Diese, ihm durch die Arbeiterklasse auf verschiedenen Altersstufen jährlich gelieferten, zuschüssigen Arbeitskräfte braucht das Kapital nur noch den in der Jahresproduktion schon enthaltenen zuschüssigen Produktionsmitteln einzuverleiben, und die Verwandlung des Mehrwerts in Kapital ist fertig.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23,606f.


    (Welche Veränderungen das Schema der einfachen Reproduktion durch die Verwandlung in Akkumulation von Kapital in jedem einzelnen Sektor erfährt, das ist im Detail nachzulesen in Kapital Band II, Kapitel 21., „Akkumulation und erweiterte Reproduktion“. (MEW 24, 485 – 518).)

    Gruß Wal Buchenberg



  • Hallo Wal,


    wenn es nur ein einfaches Reprosystem darstellen soll, dann kann aber folgender Schluss nicht zutreffen: „Bei diesen Größenverhältnissen dauert es zweieinhalb Jahre, bis das gesamte Kapital in Händen der Kapitalisten ersetzt wurde durch produzierten Mehrwert. Egal wie die Kapitalisten zu ihrem Ursprungskapital gelangt sind, nach 2,5 Jahren entstammt ihr Kapital vollständig aus unbezahlte Mehrarbeit der Lohnarbeiterklasse.“


    Außerdem wird in dem Modell gleichwohl ein Gesamtprodukt analysiert, das ja aus einem erweiterten Reproduktionsprozess abgeleitet sein muss, weil die Größenordnung des Mehrprodukts (immerhin ein Vielfaches der Revenue der Lohnarbeiter) mit ein bisschen mehr Mehl, Fleisch oder ein paar Tassen für die Kapitalisten nicht mehr zu erklären ist. Insbesondere deshalb ist es m. E. unzulässig, die Luxusgüterproduktion mit der Konsumgüterproduktion zu vermengen. Genau wie die Lohnarbeiter vom Produktionsmittelsektor vom Konsumgütersektor mit unterhalten werden, werden die Lohnarbeiter des Luxusgütersektors von diesen mit unterhalten und zwar in diesem Fall über das Mehrprodukt. Und über dieses versorgt außerdem auch der Produktionsmittelsektor den Luxusgütersektor mit Produktionsmitteln. Es handelt sich hier also um einen ganz eigenständigen (und für die Akkumulation entscheidenden) Sektor.


    Man kann vereinfachende Tableaux zur Veranschaulichung komplizierter Zusammenhänge erstellen. Ich meine jedoch, wenn man versucht, die ökonomische Wirklichkeit - wenn auch nur einigermaßen genau - abbilden zu wollen, wird die Sache zu komplex, nicht mehr anschaulich und verliert damit ihren Sinn - so wie Quesnays tableau, dessen Verquickungen, soviel ich weiß, bisher wohl niemand verstanden oder eineindeutig nachvollzogen hat.


    Beste Grüße
    Kim

  • Hallo Wal,


    wenn es nur ein einfaches Reprosystem darstellen soll, dann kann aber folgender Schluss nicht zutreffen: „Bei diesen Größenverhältnissen dauert es zweieinhalb Jahre, bis das gesamte Kapital in Händen der Kapitalisten ersetzt wurde durch produzierten Mehrwert. Egal wie die Kapitalisten zu ihrem Ursprungskapital gelangt sind, nach 2,5 Jahren entstammt ihr Kapital vollständig aus unbezahlte Mehrarbeit der Lohnarbeiterklasse.“


    Hallo Kim,
    das ist prima, dass du dir die Mühe machst, dich mit dieser sperrigen Materie auseinanderzusetzen. Gleich vorneweg: die von mir errechneten 2,5 Jahre sind falsch. Danke, dass du den Finger in diese Wunde gelegt hast! :)
    Es ging mir bei dieser Berechnung aber um folgendes:
    Die Kapitalistenklasse beginnt mit einem Kapital von 500 I(c+v) plus 666,6 II(c+v) = 1.166,66.
    Außerdem besitzen sie als Vorschuss auf ihre Revenue 200 I plus 266,6 II = 466,66.
    Dieses Geld von 466,66 ist kein Kapital, weil es nicht verausgabt wird, um sich zu vermehren, sondern um es zu verzehren.
    466,66 entspricht aber genau dem Mehrwert.
    Unter Annahme der einfachen Reproduktion schießen die Kapitalisten also ihren Mehrwert vor. Dieses Geld fließt dann aus der unbezahlten Mehrprodukt der Lohnarbeiter wieder an sie zurück. Ihr eigenes Geld haben sie im Laufe des Jahres verzehrt. Was an sie aus dem Verkauf des Mehrwert zurückfließt, ist Frucht der Ausbeutung und entstammt unbezahlter Mehrarbeit.
    Diese Ersetzung von „eigenem“ Kapital durch unbezahlte Mehrarbeit kann aber fortgedacht werden und findet auch tatsächlich statt:
    Wenn wir annehmen, dass die gesamte Geldsumme von 1.633,33 (= 1.166,66 Kapital plus 466,66 Revenue-Vorschuss) des ersten Umschlags NICHT aus der Ausbeutung der Lohnarbeit stammt, stammt nach dem ersten Umschlag schon 28,5% (= 466,66) aus unbezahlter Mehrarbeit.
    Bleiben nach dem ersten Umschlag noch 1.633,33 Geld, das NICHT aus Ausbeutung stammt.
    Im zweiten Umschlag werden wieder 466,66 Geld aus anderer Quelle durch Geld aus fremder, unbezahlter Arbeit ersetzt. Bleiben noch 1.166,67 Geld aus anderer Quelle.
    So geht es fort, bis alles Kapital, dessen Ursprung dahingestellt sein mag, vollständig aus unbezahlter, fremder Arbeit stammt.
    Wohlgemerkt: Auch wenn sich dieses Kapital nicht vermehrt hat (unter der Annahme der einfachen Reproduktion), so hat es doch sein inneres Wesen verändert. Aus welcher Quelle es ursprünglich auch entstammt, nach einer gewissen Zeit entstammt alles Kapital und alles, was die Kapitalisten besitzen, der unbezahlten Mehrarbeit der Lohnarbeiter.
    Ja, die von mir berechneten 2,5 Jahre stimmen nicht. Da habe ich mich verrechnet. Die Rechnung muss richtig so lauten: 1633,33 : 466,66 = 3,5 Jahre. Das werde ich in meinem Text oben ändern. Sorry!



    Außerdem wird in dem Modell gleichwohl ein Gesamtprodukt analysiert, das ja aus einem erweiterten Reproduktionsprozess abgeleitet sein muss, weil die Größenordnung des Mehrprodukts (immerhin ein Vielfaches der Revenue der Lohnarbeiter) mit ein bisschen mehr Mehl, Fleisch oder ein paar Tassen für die Kapitalisten nicht mehr zu erklären ist. Insbesondere deshalb ist es m. E. unzulässig, die Luxusgüterproduktion mit der Konsumgüterproduktion zu vermengen. Genau wie die Lohnarbeiter vom Produktionsmittelsektor vom Konsumgütersektor mit unterhalten werden, werden die Lohnarbeiter des Luxusgütersektors von diesen mit unterhalten und zwar in diesem Fall über das Mehrprodukt. Und über dieses versorgt außerdem auch der Produktionsmittelsektor den Luxusgütersektor mit Produktionsmitteln. Es handelt sich hier also um einen ganz eigenständigen (und für die Akkumulation entscheidenden) Sektor.


    Dass du die Luxusgüter nicht unter die Abteilung I (Konsumgüterproduktion) rechnen willst, ist allerdings willkürlich und stimmt nicht mit den Angaben und Vorgaben von Karl Marx überein. Er schrieb: „In der Klasse I (Lebensmittel) besteht das ganze Produkt (700) aus Lebensmitteln, die also der Natur der Sache nach nicht in das konstante Kapital (Rohmaterial und Maschinerie, Baulichkeiten etc.) eingehn.“ Außerdem heißt es da: Dass in Abteilung I v + m „aufgezehrt wird von den Arbeitern, Unternehmern, Geldleuten und Grundbesitzern“. Entsprechendes gilt von Abteilung I c, das von den Arbeitern, Unternehmern, Geldleuten und Grundbesitzern der Abteilung II verzehrt wird.
    Natürlich teilen sich die Konsumtionsmittel in notwendige und Luxusmittel, das spielt aber für die Verteilung, die das Tableau darstellt, keinerlei Rolle.


    Man kann vereinfachende Tableaux zur Veranschaulichung komplizierter Zusammenhänge erstellen. Ich meine jedoch, wenn man versucht, die ökonomische Wirklichkeit - wenn auch nur einigermaßen genau - abbilden zu wollen, wird die Sache zu komplex, nicht mehr anschaulich und verliert damit ihren Sinn - so wie Quesnays tableau, dessen Verquickungen, soviel ich weiß, bisher wohl niemand verstanden oder eineindeutig nachvollzogen hat.


    Das sehe ich etwas anders als du. Ich meine, solange wir die komplexe Wirklichkeit nicht vereinfachen können, so lange bleibt die Wirklichkeit nur komplex, das heißt undurchschaubar.
    Ich frage mich: Wem das vereinfachte volkswirtschaftliche Tableau von Karl Marx zu kompliziert ist, wie will der/die dann den realen Kapitalismus begreifen können?

    Übrigens hat Karl Marx das Tableau von Quesnay durchaus verstanden. Seine Erläuterung dazu steht in MEW 26-1, 354-356.


    Grüße an dich zurück,
    Wal

  • Ich hatte Kim so verstanden, dass er die Möglichkeiten graphischer Veranschaulichung für begrenzt hält, aber nicht grundsätzlich die theoretische Analyse des Kapitalismus. Ich möchte das so ergänzen: dass auch eine korrekte theoretische Analyse uU den Beweis führen bzw zum Resultat haben könnte, dass Kapitalismus stark irrationale und chaotische Züge hat - dass er das Versprechen, die moderne gesellschaftlich arbeitsteilige Produktion qua "Systemeigenschaften" regulieren zu können, nicht einhalten kann. Das läge dann aber nicht an der Analyse, sondern an ihrem "aus Prinzip undurchschaubaren" Gegenstand. (Auch in anderen Wissenschaften gibt es zuverlässige Aussagen über eine objektive Begrenztheit (und damit auch nur begrenzte Kontrollierbarkeit), die in ihrem Gegenstand selbst liegt - etwa die Unschärferelation.)
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    Es gibt einen entscheidenden QUALITATIVEN Gesichtspunkt, die Grösse m als eigene Abteilung abzutrennen.
    Die Art der Nachfrage ist nämlich eine ganz verschiedene in den NOTWENDIGEN einerseits, und den MEHR-Zonen der Verwendung des "Outputs" der jeweiligen Grossbranchen v und c der Gesamtwirtschaft andererseits.


    "Notwendig" heisst: Hier muss etwas ständig nachfliessen, damit der Betrieb in seiner bisherigen Form aufrechterhalten, "reproduziert" werden kann - wenn nicht, dann SCHRUMPFT er "proportional" oder gar überproportional, wenn ein "strategisches" Produkt ausfällt.


    Hingegen die m-Produktion, die sich rein technisch ja durchaus aus den entsprechenden Abteilungen m(v) und m(c) der beiden Grossbranchen v und c speist, kann verschiedensten Zwecken dienen - ua. etwa der Rüstungsgüterproduktion, der staatlich eingerichteten Grundlagenforschung (aus beiden findet ein permanenter Zufluss ("spin off")bauch produktiver Innovationen in die "notwendigen" Abteilungen hinein statt, wo sie dann "verwertet" werden), oder den wechselnden Moden der Luxuskonsumtion (wo es ja oft garnicht Massengüterproduktion, sondern Restformen des Manufakturwesens anzutreffen sind, deren Produkte dann als besonders wertvoll, weil "in Handarbeit hergestellt, beworben werden).


    "Mehrprodukt ist, was dauerhaft pro Zeit an v- und c-Gütern entnommen werden kann, ohne den zugrundeliegenden Prozess zu beschädigen (Mehrarbeit die entsprechende Menge der verausgabten Gesamtarbeit)."
    Dies ist eine quasi technologische Definition. In kapitalistischen Verhältnissen wird Entstehung, Verteilung und Verwendung*) des GESAMTprodukts von Kapitalisten und Staat bestimmt - das gilt auch und speziell für das "Mehrprodukt" im technischen Sinn.


    *) die Verwendung von Löhnen ist im wesentlichen durch ReproduktionsNOTWENDIGKEITEN bestimmt. vgl. dazu auch die nachfolgende Anm.


    Anm. Das kritische Bestehen (hier immer wieder etwa von Wat so vorgetragen) auf dem Gedanken, dass Mehrprodukt im technologischen (oder, wie man mit Marx sagen könnte: Produktivkraft-) Sinn mit seiner speziell kapitalistischen Bestimmung zusamenfällt, wäre, nach dem zuletzt Gesagten, auf die "notwendige" Arbeit (bzw. Güterproduktion) auszudehnen: Speziell die Art, wie Lohnarbeiter ihr Leben einrichten müssen, ist ja ganz von den "Notwendigkeiten" der Lohnarbeit geprägt. Der Kapitalismus und, soweit er Einfluss nimmt, der bürgerliche Staat bestimmen eben die GESAMTE Produktion. Die Kritik könnte sich also mit derselben Berechtigung gegen die kapitalistisch bestimmte "notwendige" Abteilung richten, die eben auch nicht einfach durch technische oder physische "Notwendigkeiten" bestimmt wird - die sie nichtsdestotrotz beachten muss. Diese "nichtsdestotrotz" (nämlich auch innerhalb der kap.Formbestimmungen) zu beachtende technologische und physische Grenze dessen, was man kapitalistisch politökonomisch noch kann (zB was man als m behandeln (und "ständig entnehmen und anderweitig verwenden") kann, ohne die Restproduktion zum Schrumpfen zu bringen), ist also im Ausdruck "Mehrprodukt" ebenso angesprochen wie im (in dieser Bedeutung zurecht nicht kritisierten) Ausdruck "notwendig" (zB wieviel kann man den Lohnarbeitern, den arbeitenden wie den lohnarbeitslosen, wegnehmen, ohne dass sie (zu früh) krankwerden, leistungsunfähig/unwillig usw)?
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    Ich würde gern noch eine weitere Konsequenz dieses Gedankens (wenn er stimmt) ansprechen, wonach man es bei der m-Abteilung mit einer grundsätzlich qualitativ anderen Form von Nachfrage (Zahlungsfähigkeit vorausgesetzt) zu tun hat: Die Bestimmung von "Wert" als etwas, das sich langfristig und in Durchschnitten darstellt, lässt sich nicht so einfach auf die entsprechenden Mehrprodukt- bzw. Mehrarbeits-Tranchen von Gütersorten der Abteilung v bzw. c anwenden. Es spielen in diesem Bereich viel stärker subjektive Geschmacks- und/oder politische, von zufälligen Verläufen und wieder deren subjektiver Bewertung abhängige Entscheidungen eine Rolle; das begründet, warum beinah jedes Gut der v- oder c-Branchen einen relativ zuverlässigen und hauptsächlich "wertbestimmenden" reproduktiven (notwendigen) Anteil hat - und andererseits eine spätestens von der Absatzmenge, aber auch von den erzielbaren Preisen her variable Tranche - die ziemlich genau mit dem Mehr-Anteil der betreffenden Güterproduktion zusammenfällt.
    Übrigens gilt das sogar für die akkumulierten Anteile des m - wegen der mit "Wachsen" ständig verbundenen Verschiebungen in der Zusammensetzung der für die Zuwächse nötigen Zusatzinvestitionen: Skalenvorteile (cfix-Güter wachsen nicht im gleichen Ausmass mit); aber auch Skalennachteile (Sättigungseffekte). Das macht selbst unter Bedingungen einer nicht-innovativ, bloss auf gegebnem technologischen Stand akkumulierenden Produktion selbst das Akkumulations-Segment höchst variabel - "die (kap.) Wirtschaft" (in meinen Worte: das (kap.) Reproduktionssystem) wächst nie unter Erhalt der Proportionen.
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    Es sollte vielleicht, weil das (wenn ich mich recht entsinne) immer wieder mal von Forumsschreibern anders behandelt wurde, festgehalten werden: Spätestens die Güter der m-Abteilung werden ZWISCHEN Kapitalisten (und allenfalls ihnen und dem steuer-einnehmenden Staat) gehandelt; und sie fliessen ebenso beständig, wie die "notwednigen" - es gibt da kein Zahlungsproblem (im Sinn von: wer kauft ihnen den Überschuss ab? Antwort: Sie einander.).
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    Und noch etwas: Alles wird nochmal ganz anders und verworrener, wenn in diesem ohnehin schon sehr unbeständigen System INNOVATIONEN, womöglich in Permanenz, stattfinden. Dann kann man sich fragen, wo überhaupt noch "langfristige" und "durchschnittliche" Tauschwerte zu beobachten sind...





  • Ich hatte Kim so verstanden, dass er die Möglichkeiten graphischer Veranschaulichung für begrenzt hält, aber nicht grundsätzlich die theoretische Analyse des Kapitalismus. Ich möchte das so ergänzen: dass auch eine korrekte theoretische Analyse uU den Beweis führen bz zum Resultat haben könnte, dass Kapitalismus stark irratoale und chaotische Züge hat, und das Versprechen, die oderngesellschaftlich arbeitsteilige Produktion qua "Systemeigenschaften" regulieren zu können, nicht einhalten kann.. Das liegt dann nicht an der Analyse, sondern an ihrem "aus Prinzip undurchschaubaren" Gegenstand.


    Hallo Franziska,
    wie Kim das gemeint hat, wird eventuell von ihm selbst noch geklärt werden. Bei deinem Gedanken habe ich den Eindruck, dass du den zweiten Schritt tun willst, ohne den ersten Schritt, den Marx mit seinem Tableau tut, zu realisieren.
    Natürlich sind wir hier alle der Meinung, dass der Kapitalismus stark irrationale, ja krankhafte Züge hat. Das ist allerdings aus dem Tableau von Marx überhaupt nicht ablesbar. Das Tableau zeigt ja den Kapitalismus in seiner scheinbaren/denkbaren "Harmonie".
    Das darin tausend Fallen und Komplikationen versteckt sind, die in der Realität dafür sorgen, dass der Kapitalismus keineswegs harmonisch und gleichgewichtig verläuft, das wird erst nach und hinter diesem Tableau sichtbar.



    Es gibt einen entscheidenden QUALITATIVEN Gesichtspunkt, die Grösse m als eigene Abteilung abzutrennen.
    Die Art der Nachfrage ist nämlich eine ganz verschiedene in den NOTWENDIGEN und den MEHR-Zonen der Verwendung des "Outputs" der jeweiligen Grossbranchen der Gesamtwirtschaft. "Notwendig" heisst: Hier muss etwas ständig nachfliessen, damit der Betrieb in seiner bisherigen Form aufrechterhalten, "reproduziert" werden kann - wenn nicht, dann SCHRUMPFT er "proportional" oder gar überproportional, wenn ein "strategisches" Produkt ausfällt.
    Hingegen die m-Produktion, die sich rein technisch ja durchaus aus den entsprechenden Abteilungen der beiden Grossbranchen speist, kann verschiedensten Zwecken dienen - ua. auch der Rüstungsgüterproduktion, der staatlich eingerichteten Grundlagenforschung (aus beiden findet ein permanenter Zufluss auch produktiver Innovationen in die "notwendigen" Abteilungen hinein statt, wo die dann "verwertet" werden), oder den wechselnden Moden der Luxuskonsumtion (wo es ja oft genug garnicht um Massengüterproduktion geht, sondern Restformen des Manufakturwesens anzutreffen, deren Produkte dann als besonders wertvoll, weil "in Handarbeit hergestellt" beworben werden. Mehrprodukt ist, was an v- und c-Gütern entnommen werden kann, ohne den zugrundeliegenden Prozess zu beschädigen (Mehrarbeit die entsprechende Menge der verausgabten Gesamtarbeit). Dies ist eine quasi technologische Definition. In kapitalistischen Verhältnissen wird Entstehung, Verteilung und Verwendung*) des Gesamtprodukts von Kapitalisten und Staat bestimmt - das gilt auch und speziell für das "Mehrprodukt" im technischen Sinn.


    Auch hier sehe ich zu viel "Kritikwut" am Werk.
    Auf der Ebene des Tableaus (= einfache Reproduktion) spielt tatsächlich irgendwelcher "Luxus" noch keine Rolle. Marx erläuterte die Verwendung von variablem Kapital v und von Mehrwert m so:
    "Dass in Abteilung I v + m „aufgezehrt wird von den Arbeitern, Unternehmern, Geldleuten und Grundbesitzern“. Entsprechendes gilt von den Lebensmitteln in Abteilung I c, das von den Arbeitern, Unternehmern, Geldleuten und Grundbesitzern der Abteilung II verzehrt wird.
    Das Mehrprodukt m ist hier nötig, um die "Unternehmer, Geldleute und Grundbesitzer" am Leben zu erhalten. Wenn wir (hoffentlich!) nicht davon ausgehen, dass eine soziale Revolution alle diese Menschen umbringt ("Wer nicht arbeitet, soll nicht essen?"), dann ist das gesamte Mehrprodukt weiter nötig für die einfache Reproduktion.
    Erstens stimmt das mit der historischen Entwicklung überein - die Kapitalistenklasse begann ihr Dasein ja nicht mit Luxus, sondern mit protestantischer Sparsamkeit. Und es gibt immer noch Kapitalisten, deren Lebensweise/Ernährungsweise sich kaum von einem Lohnarbeiterdurchschnitt unterscheidet.
    Auch in der DDR wurde von der dortigen Ausbeuterklasse damit geprahlt, dass sie ja relativ bescheiden leben. Das mag ja gestimmt haben, aber Ausbeutung heißt nicht automatisch Luxus. Ausbeutung bestimmt sich allein nach der Herkunft der jeweiligen Existenzmittel, nicht nach ihrer Verwendung und nicht nach ihrer Art ("Luxus" oder nicht.)


    Im übrigen fasste Marx alle gewohnheitsmäßigen Konsumtionsmittel unter den Begriff "notwendige Konsumtionsmittel" :
    ... "Notwendige Konsumtionsmittel, wobei es ganz gleichgültig, ob ein solches Produkt, wie z. B. Tabak, vom physiologischen Standpunkt aus ein notwendiges Konsumtionsmittel ist oder nicht; genug, dass es gewohnheitsmäßig ein solches ist.“ K. Marx, Kapital II, MEW 24, 402.

    Kurz: Ohne endlose und fruchtlosen Streit mit jedem Einzelnen ist die Frage gar nicht entscheidbar, was Luxus ist und was nicht. Luxus ist eine historische Größe. Was gestern noch Luxus war, ist heute Standard und damit ein "notwendiges Konsumtionsmittel".
    „... dass, was früher als Luxus erschien, nun notwendig ist und so genannte Luxusbedürfnisse ... als Notwendigkeit ... erscheinen.“ K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 426.


    Gruß Wal





  • Wal, mein Motiv ist doch nicht Kritikwütigkeit. Ganz bestimmt hab ich nichts dagegen, egal in welcher Form man das nun darstellt, wenn dieser sehr einfache Sachverhalt festgehalten wird:
    Im Kapitalismus haben diejenigen, die über die modernen industriellen Produktionsmittel verfügen, dieselbe Macht über die Restgesellschaft, wie die Aristokraten des Ancien regime: Sie können die komplette Lebenstätigkeit der andern regulieren, und sie, einfach aufgrund eines Besitztitels, für sich arbeiten lassen, und dieses Für-sie-arbeiten-Müssen, nach ihren Zielsetzungen arbeiten Müssen, zur Bedingung dafür machen, dass man überhaupt leben darf (derart dass Hartz4 schon als Gnade und Almosen anzusehen ist). Richtig ist auch: Der Besitz an dem riesig angewachsenen Produktionsmittelbestand verbleibt bei dieser Klasse, weil sie sogar noch mehr Überschüsse erzielt, als sie für ihre Lebensführung braucht - weswegen sie als einzige dazu befähigt und berechtigt ist, diesen ihr gehörenden Bestand an Produktionsmitteln zu vermehren und noch produktiver zu machen, als er ist. Ihre Legitimation bezieht sie dann aus der Tatsache, dass sie TUT, wozu einzig sie befähigt und berechtigt ist. Andere würden es auch gern tun, und vielleicht auch ein bisschen mehr zu ihrer aller eigenen Gunsten - können und dürfen es aber nicht: Die Entscheidungen der Befugten, der Produktionsmitteleigentümer, schaffen eben Notwendigkeiten, Sachzwänge, an denen man nicht vorbeikommt.


    Diese Sachzwänge wiederum sollen gerechtfertigt sein wegen ihres keineswegs ganz subjektiven Charakters: Ihre Konkurrenz nötigt die Produktionsmittel-Eigentümer (und dann auch, als deren erpressbare Ausführungsgehilfen, die Eigentümer von nicht mehr als ihrer Arbeitskraft), die Produktivität ihres Produktionsapparats als ganzem und im Detail ständig zu verbessern. Allerdings nicht unter der Vorgabe, die Arbeit und Lebensführung der Lohnarbeiter angenehm zu machen. Davon sieht das Wachstum vielmehr ab, es ist ABSTRAKT, Produktivität um der Produktivität willen wird da gesteigert (und, nebenbei, die Grösse des verwendbaren Mehrprodukts). Die ganze Gesellschaft wird diesem Zweck in einem Mass unterworfen, gedrillt und in ihrer gesamten Lebensführung daraufhin diszipliniert, wie man es früher allenfalls im Zusammenhang mit der Mobilisierung für einen modernen Massenkrieg kannte. Als Druckmittel haben die Herren über den Produktions- und somit auch Fortschrittsprozess dabei den Effekt, den ihre ständige, gegen alles rücksichtslose konkurrenz-getriebene abstrakte Produktivitätssteigerung speziell im Bezug auf die benötigte Lohnarbeit ausübt: Der Bedarf nach ihr sinkt. Dementsprechend steigt die Erpressbarkeit der Lohnarbeiterklasse.
    Das ist unschön. Aber erneut ein Sachzwang. Denn... die dritte und letzte Stufe der Legitimatin, die bis heute durch keine Kritik entkräftet werden konnte, lautet: Moderne Industriegesellschaften sind - anders als durch Markt und Konkurrenz (und ihre politische Einrichtung durch die entsprechenden Formen von Herrschaft, den bürgerlichen Staat) - nicht zu steuern - der Fortschritt ist nur so, oder garnicht zu organisieren, ja nichtmal die Produktion auf gegebnem Niveau (wieviel weniger, wenn sie innovativ sein soll).
    Die Debatte über die Alternative richtet sich unmittelbar gegen DIESE, wie ich behaupte: heute massgebliche, Weise der Legitimation.
    (Soweit von Legitimation etwas abhängt, wäre diese ihr entgegen gerichtete Debatte also im Erfolgsfall (also wenn sie zu überzeugenden Resultaten kommt) politisch wirksam. Leider beruhen die Verhältnisse und ihre Stabilität keineswegs bloss auf der Einsehbarkeit oder Widerlegtheit von Legitimationen...)
    -----------------------------
    Die politökonomischen Detail-Erörterungen, die über den Nachweis der "Ausbeutung" (s.o.), etwa in Gestalt eines möglichst einfachen "Tableaus" hinausgehen, richten sich vor allem auf die genannte dritte Stufe der Legitimation. Sie sind so nötig oder unnötig, wie Leute von der Legitimität und "Nützlichkeit" der herrschenden Produktionsweise ihre Zustimung dazu abhängig machen. Bei sehr vielen genügt leider die blosse Tatsache, dass da etwas herrscht und irgendwie, schlecht und recht, "funktioniert". Dass sie so genügsam sind in der Begründung ihrer Zustimmung oder besser: ihrem Sich-Abfinden mit den Verhältnissen, hat sehr viel mit diesen Verhältnissen selbst zu tun - diese Verhältnisse reproduzieren in grossem Umfang SICH, indem sie massenhaft Leute produzieren, die kaum je die Chance und Mittel haben und zusätzlich das Motiv entwickeln, über ihre Lage oder "die Verhältnisse" nachzudenken. Darum der quasi-naturhafte, "von selbst" sich erhaltende Charakter dieser Verhältnisse - der eben auch katastrophale Zuspitzungen einschliessen kann - ohne Aussicht auf Besserung (dadurch).
    -----------------------------
    Es wäre deswegen ein vom ersten, oben genannten "delegitimierenden" und kritisch-destruktiven (politökoonomischen bzw. kommunalistische Alternativen erörternden) Strang der Debatte unabhängiger zweiter solcher Strang sinnvoll, wenn nicht notwendig: einer nämlich, der sich mit der Frage beschäftigt, welche unbeabsichtigten, "von selbst" stattfindenden Prozesse zu unterstellen oder erwarten sind, derart dass die Chancen, Mittel und Motive zur Ausbildung einer die herrschenden Verhältnisse überwindenden gesellschaftlichen Lebensform gefunden werden.

  • Wal : „Aus welcher Quelle es ursprünglich auch entstammt, nach einer gewissen Zeit entstammt alles Kapital und alles, was die Kapitalisten besitzen, der unbezahlten Mehrarbeit der Lohnarbeiter.Ja, die von mir berechneten 2,5 Jahre stimmen nicht. Da habe ich mich verrechnet. Die Rechnung muss richtig so lauten: 1633,33 : 466,66 = 3,5 Jahre.“


    Hallo Wal,


    danke für die Antwort. Mir ging es allerdings nicht so sehr um die Zeit, als um die Aussage, dass das Kapital der unbezahlten Mehrarbeit entstammt. Das halte ich für verwirrend. Der Kapitalbegriff ist doch erst dann eindeutig bestimmt, wenn der Zweck des Kapitalisten darin besteht, den Mehrwert auch zu akkumulieren um aus G G’ zu machen. Wenn aber der Mehrwert völlig verzehrt wird, trifft das nicht mehr zu. Was zutrifft, ist, dass sich das physische Kapital c reproduziert, also als Gesamtproduktionsmittel wie ursprünglich stets erhalten bleibt, auch wenn es sich ständig neu zusammensetzt - und dazu tragen die Lohnarbeiter bei und dafür werden sie entlohnt. So was ist quasi ein feudalistisches Abhängigkeitsverhältnis, bei dem das Kapital, außer dass man darüber verfügt, dann eigentlich keine weitere Rolle mehr spielt.


    Bezüglich des Luxuskonsums möchte ich anmerken, dass diese Untersuchung m. E. bei Marx zu kurz gekommen ist. (Unter Luxus soll dabei alle Güter in Umfang und Art verstanden werden, mit dem sich n u r Kapitalisten und ein Teil ihres Anhanges ihr Leben anreichern können und das ständig und auf Dauer.) Deshalb hatte sich Rosa Luxemburg etwa die Frage gestellt, wie es angehen soll, dass Kapital akkumuliert wird, wenn die Lohnarbeiter auf dem Reproduktionsniveau verharren ( sie selbst ist nicht recht weiter damit gekommen). Und ich denke, auch heute ist vielen noch nicht ganz klar, dass Akkumulation über diesen Sektor und über den Staat stattfindet (Letzteres hatte Keynes erkannt). Der Luxusgütersektor entsteht quasi durch die Freisetzung von Lohnarbeitern über das Mehrprodukt oder umgekehrt aus dem Mehrprodukt ergibt sich eine Nachfrage nach Gütern die über die einfache Reproduktion hinausgehen: Villen, Yachten, Personal usw. usw.. Durch die Befriedigung der Bedürfnisse der Kapitalisten erst (Staat hier ausgenommen) ergibt sich die erweiterte Reproduktion und nicht nur weil der Güterverbrauch der Kapitalisten, sondern weil auch die Zahl der Lohnarbeiter, der Kapitalisten und Handwerker usw. zunimmt. Und auch das Reproduktionsniveau der Lohnarbeiter wird hierdurch langfristig (minimal) erhöht, weil bei einigen Produkten dieses Sektors durch Skalenvorteile Luxusgüter zu gewöhnlichen Gütern herabsinken. Ich denke, wir sollten hier nicht zu sehr an Marx kleben, sondern uns überlegen, ob hier nicht tatsächlich ein Schwachpunkt vorliegt, der zu späteren Irritationen beigetragen hat. Also die Frage wäre, wie wird unter kapitalistischen Verhältnissen Akkumulation überhaupt möglich? (neben dem Luxus sind natürlich auch noch ein paar andere Bedürfnisse der Kapitalisten zu berücksichtigen, wie die nach fiktivem Kapital oder Sicherheit und Ordnung).


    Bezüglich der graphischen Abbildung hat mich franzisksa richtig interpretiert. Ich denke halt, die ökonomische Wirklichkeit als Gesamtprozess lässt sich graphisch nicht anschaulich vermitteln: entweder man muss zuviel weglassen, dann braucht man die Graphik aber nicht oder man muss zuviel unterbringen, dann ist sie nicht mehr anschaulich. Graphiken sind allerdings für Ausschnitte aus der Wirklichkeit geeignet.


    Beste Grüße
    Kim

  • Hallo Kim,
    Ja, der Zweck des Kapitalisten besteht darin, zu akkumulieren. Deshalb willst du über Akkumulation reden.
    Die kapitalistische Akkumulation ist aber vollständig durch die einfache Reproduktion bestimmt und definiert: Akkumulation ist das, was über einfache Reproduktion hinausgeht.


    Ich denke, man muss erst über Reproduktion reden, bevor man über Akkumulation reden kann. Ein paar Gesichtspunkte zur einfachen Reproduktion:
    Einfache Reproduktion ist der Mindestanspruch, den die Lohnarbeiterklasse an den Kapitalismus hat. Einfache Reproduktion ist das Minimum, was die Kapitalistenklasse der Lohnarbeiterklasse bietet. Ja, auch bei der Lohnarbeiterklasse kommt der Gedanke von Akkumulation herein, wenn Eltern sagen: „Mein Kind soll es einmal besser haben als ich!“, aber der Hauptanspruch der Lohnarbeiterklasse ist einfache Reproduktion.


    Die gesamte populäre Kritik am kapitalistischen Luxus und an der ungleichen Verteilung geht in diese Richtung: Dass „die da oben“ in Luxus schwelgen, während wir hier unten kein Geld für Strom, für Miete oder für ein neues Auto haben. Diese Kritik am Luxus greift die kapitalistische Akkumulation an und setzt sie in Gegensatz zur allgemeinen Reproduktion. Der Gesichtspunkt ist dabei: Weil die Reichen Luxus akkumulieren, ist unsere Reproduktion gefährdet. In der Sache ist diese Kritik falsch. Richtig gefühlt ist aber, dass die allgemeine Reproduktion die Basis dieser Kritik ist. Die ganze Armuts- und Lohndiskussion dreht sich um die Reproduktion der Lohnabhängigen.
    Auch die rassistische Propaganda der Rechten setzt an der Reproduktion der Lohnabhängigen an, wenn sie behauptet: Durch Wegfall der Grenzen und durch "Überfremdung" gerate der Lebensstandard der "kleinen Leute" in Gefahr. Das kann und muss sachlich widerlegt werden. Dass die einfache Reproduktion der Lohnabhängigen der zentrale Faktor ihres Lebens ist, wird gerade von radikalen Linken leider zu oft ignoriert. Statt dessen bringen diese Linken so abstrakte Prinzipien vor wie "Anti-Nation", "Gleichheit der Menschen" etc. Damit lässt sich rechte Propaganda nicht schlagen.


    Weiter: Fakt ist, dass die normale Reproduktion des Kapitalismus in den Kernzonen (Europa, Japan, USA) mindestens in Gefahr ist, wenn nicht schon verloren ist.
    Die gesamte Verschuldung vor allem aber die Verschuldung des Staates, ist eine Gefährdung der einfachen Reproduktion. Eine wachsende Schuldensumme ist das ökonomische Eingeständnis, dass sich der jetzige Zustand nicht reproduzieren lässt. Heißt: Die Reproduktion heutiger Lebensverhältnisse ist unmöglich.
    Haben das die (Staats)Linken begriffen, die immer neue Schulden machen wollen? Es ist heute schon klar und erwiesen, dass der heutige Lebensstandard der Lohnabhängigen in Europa (in die Rentner eingeschlossen sind), über die nächsten Jahre und Jahrzehnte nicht aufrecht erhalten werden kann.


    Weiter: Die Diskussion um marode Brücken um löcherige Straßen und zerfallende Schulgebäude ist kein Zufall und zeigt, dass die einfache Reproduktion der kapitalistischen Infrastruktur in Europa nicht mehr gesichert ist. In den Köpfen der Politiker wird daraus ein Streit um Mautgebühren. Das ist lächerlich weit am Problem vorbei.


    Weiter: Die Diskussion um die sinkende Investitionsquote in Europa ist ebenfalls Hinweis darauf, dass die einfache Reproduktion des Kapitalismus nicht mehr gesichert ist.
    Es ist eine Erfahrungstatsache, dass die Kapitalisten, die ihr Kapital nicht akkumulieren (das heißt reinvestieren), dass die in der Konkurrenz zurückfallen. An diesem Punkt ist der europäische Kapitalismus kurz davor oder schon angelangt.
    Im Kapitalismus ist einfache Reproduktion nur möglich, indem akkumuliert wird. Im Kapitalismus ist Akkumulation die Bedingungen und Voraussetzung der Reproduktion. Klappt die Akkumulation nicht, dann funktioniert die Reproduktion nicht. Das ist eine spezielle Absurdität des Kapitalismus.
    In einer nachkapitalistischen Gesellschaft wäre es umgekehrt: Klappt die Reproduktion, dann und nur dann ist auch Akkumulation möglich.


    Zuletzt, aber nicht am unwichtigsten: Die einfache Reproduktion wird durch die kapitalistische Übernutzung der Natur gefährdet. Aus ökologischer Sicht, aus Sicht des Naturverbrauchs, ist einfache Reproduktion nicht nur ein Mindestanspruch, sondern möglicherweise ein zentrales Ziel, das eine nachkapitalistische Gesellschaft sich setzen muss, um all die kapitalistischen Verbrechen zu beseitigen und zu heilen.


    Kurz: Eine Kapitalismuskritik, die eine "übertriebene" Akkumulation kritisiert, geht an Kerntatsachen des Kapitalismus vorbei.
    Eine Kapitalismuskritik, die nachweist, dass die Akkumulation ins Stocken geraten ist, interessiert nur Fachleute.
    Nur eine Kapitalismuskritik, die nachweist, dass die einfache Reproduktion nicht gesichert ist, betrifft uns alle!
    (Das ist auch meine Antwort auf die Fragestellung von Franziska, wie und wodurch der Kapitalismus theoretisch delegitimiert wird.)


    Gruß Wal

  • Ein Nachweis der NOTWENDIGKEIT von Reproduktions-Gefährdung oder -Zerstörung wäre durchaus anspruchsvoll - er würde die letzte und innerste Verteidigungslinie der Kapital-Befürwortung durchbrechen also "delegitimieren" - jene nämlich, die besagt: Ohne Markt sind modern-arbeitsteilige Gesellschaften nicht zu steuern, ohne ihn würde nichts funktionieren.
    ((Ursprünglich hiess es ja mal: "Kapitalismus ist FREIE Konkurrenz ohne Privilegien - JEDER kann es durch harte Arbeit, Orientierung am Markt und kreative Einfälle zu etwas bringen". Die Ungleichheit der auf die Weise schnell entstandenen neuen Klassengesellschaft, die für beinah alle ihre Klassenlage ähnlich zementierte wie in einem feudalen Ständesystem, wurde dann so entschuldigt: "Noch der Schlechtest-Gestellte hat es hier besser - Kapitalismus ist Fortschritt für alle - lieber ungleich wohlhabend, aber wohlhabend, als gleicharm wie alle andern - so wie im Sozialismus!"))


    Wenn hingegen jetzt nicht nur kein Fortschritt mehr stattfindet, sondern die "Besitzstände" selbst, das "immerhin Funktionierende" zunehmend angegriffen wird - was passiert dann? Die mörderisch realistische Antwort ist: Nichts.
    Nichts, das weiterführt.


    Kapitalismus hat Legitimation nicht nötig, weil er ALTERNATIVLOS ist. Und das ist nichts weniger als ein Kompliment - es ist das vernichtendste Urteil, das man über ihn fällen kann.
    Den (Insassen der) modern-arbeitsteiligen bürgerlichen (Industrie)Gesellschaften, die durch Geld, Medien, formell demokratische und juristische Verfahren illusionär "vergesellschaftet" sind, fehlt es für einen Übergang in einen rational verständigten Zustand AN ALLEM.
    Diese "Gesellschaften" bewältigen die sich häufenden Probleme nicht mal im Ansatz, die sich aus den von ihnen seit Jahrhunderten erzeugten weltweiten Verhältnissen ungleichzeitiger Entwicklung von Bevölkerungen einerseits, Natur- (und mittlerweile auch Kulturlandschafts-) Zerstörung andererseits ergeben. Sie sind definitiv an eine historische, eine Epochenschranke gelangt, die sie mit ihren Mitteln nicht überwinden. Darum beginnen sie zu stagnieren und in frühere Stadien ihrer eigenen Entwicklung zu regredieren, in denen sie sich dann im besseren Fall einrichten und erstarren, oder von denen aus sie weiter zerfallen, anfällig, wie sie sind.
    Die Errungenschaften der Moderne, die mit dieser erbärmlich billigen und ihr in keiner Weise gerecht werdenden Organisationsform erreichbar zu sein schienen, sind dabei, auf das historisch haltbare Niveau ihrer Entwicklung zurückgestutzt zu werden. Da wird man am Ende sehen, WIE wenig man in bürgerlichen Verhältnissen über voraufgeklärte Barbarei hinausgekommen ist - die ist ja in Wahrheit nie wirklich überwunden worden, sondern hat sich die modernen Inhalte, die ihr zur Nutzung angeboten wurden, bereitwillig anverwandelt. Die Lüge, dass diese Inhalte gegen eine solche Indienstnahme immun, und vormodernes Denken dazu nicht in der Lage sei, ist vollendeter Ausdruck für das Gelingen dieses Prozesses. Es heisst, "wir" hätten kein historisches Bewusstsein (auch so eine aufgeklärte Errungenschaft...): Das stimmt; denn wir sehen das härteste und unausrottbarste am Vergangenen, die vormodernen Denkformen, nicht, wie sie sich allgegenwärtig in den Köpfen der Zeitgenossen, soll man sagen: (wieder?) eingenistet haben? nein! - die sind da nie überwunden worden. Kein "modernes" "Bildungssystem" leistet das - es gibt da nichtmal den Begriff der Aufgabe, an der es scheitert.


    Diese Leute... die zu beinah allem und jedem (sofern sie Kenntnis davon haben; wer hierzuland weiss denn von mehr als winzigen Ausschnitten der "gesellschaftlicihen" Realität? Allenfalls DIESE Erkenntnis des gemeinsamen Ausgeschlossenseins davon eint alle...) sich ihre ganz EIGENEN aktuellen fragmentarischen Ideen, Bewertungen, Einschätzungen zusammenbasteln, "Meinungen" eben, die sie um so hartnäckiger gegen ihresgleichen verteidigen müssen, je willkürlicher die Begründungen dafür sind... diese Leute können sich grade mal darauf einigen, dass sie sich in NICHTS einig sind. Wenn ihre Reproduktion zusammenbricht, gehen sie zugrunde - oder regredieren auf Zivilsationsniveaus und richten sich darin ein, wie man sie heute vielleicht in Gaza oder den Slums von Rio sieht.
    Es ist das kein Untergang kämpfender Klassen, wie ihn die Staatssozialisten für möglich hielten; sondern das klägliche Scheitern an mit DIESEN primitiven Produktionsverhältnissen unlösbaren Aufgaben eines technologischen Fortschritts.


    Sich auf diese frühe Marxsche Intuition zurückzubesinnen, würde für die Linke ieS, wenn sie denn dazu sich bereit zeigte, ein weites Feld theoretischer Fragestellungen eröffnen, die derzeit unearbeitet sind, vor allem diese:
    Welche nicht beabsichtigten, nicht bewussten und bewusst kontrollierten Entwicklungen sind es, die Voraussetzungen für Ansätze/Motive zur Überwindung der Epochenschranke schaffen?
    Wie sehen die Strukturen aus, die inmitteln des alten Zustands den Übergang machen und seine massenhafte Ausbreitung vorbereiten?
    Welche Probleme der materellen (Re)Produktion muss das sich ausbildende historisch völlig neue Produktionsverhältnis bewältigen lernen?
    Meine hypothetische Antwort lautet:
    die ökologischen, also den Umgang mit NATUR;
    die Aufgaben, die sich aus Ungleichzeitigkeit und der Notwendigkeit einer Reproduktion fortgeschrittener Standpunkte an später Gekommenen (Nachwachsenden) ergeben, also den Umgang mit (der gegenwärtigen) GESCHICHTE,
    und... die Aufgaben, die sich daraus ergeben, dies alles mit einer bedürfnisgerechten Lebensführung aller Beteiligter vereinbar zu machen, also den Umgang mit sich SELBST.


    Ich denke: Entweder wird DAS geleistet... oder der Kapitalismus (oder seine feudalen oder noch schlimmeren Regressionsformen) BLEIBT alternativlos.



  • @ franziska


    Welche Probleme der materiellen (Re)Produktion muss das sich ausbildende historisch völlig neue Produktionsverhältnis bewältigen lernen?


    Schade! Diese metaphysische Frage hätte allenfalls am Anfang der Gedanken zu "Reproduktionsprozess" stehen können. Denn diese Gedanken ermöglichen, aus ihnen nicht nur hypothetische Antworten ableiten zu können. Was verursachte den Gedankenschluss, auf diese Frage nur hypothetisch zu antworten?

  • Habt Ihr Euch mal die Versuche von Marx angeschaut, bei denen er "die Sache ers tohne Rücksicht auf Geld" darzustellen versucht hat? Das gibts erst in der MEGA2...

    Dazu Vollgraf:

    „Je mehr Marx sich in die Mechanismen des kapitalistischen Reproduktionsprozesses vertieft, desto differenzierter sieht er die Probleme der nachkapitalistischen Produktionsweise.“ (Vollgraf 2017: 73) „Seine Reproduktionsschemata sind[...] zeigten, wie die stofflichen Beziehungen und Proportionen zwischen den hauptsächlichen Produktionszweigen zunächst in einem Jahr, dann über mehrere Jahre hinweg aussehen müssen, damit es zu keinen grundlegenden Störungen kommt.“ (ebd.)

    (Vollgraf, Carl-Erich (2017): Marx und Engels bis zuletzt in utopischen Dimensionen. Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge 2016/17. Marx, Engels und utopische Sozialisten. Hamburg: Argument Verlag. S. 53-92.)


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