... und tschüss Imperialismus!

  • Lenins Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ von 1917 geistert immer noch durch linke Köpfe. Um nachzuweisen, dass der Kapitalismus „jetzt eine Handvoll ... besonders reicher und mächtiger Staaten hervorgebracht“ hat, führte Lenin eine ganze Reihe von Daten und Fakten auf, die bestätigen sollten, dass diese Handvoll Länder „die ganze Welt ausplündern“ (Lenin im Vorwort von 1920).
    Lenin verwies vor allem auf die Konzentration des Kapitals (Geldkapital und Industriekapital) in diesen Großmächten und durch diese Großmächte.
    Im Einzelnen führt er unter anderem auch die Länge der Schienenwege und die Größe der Handelsflotten auf: „Rund 80 % der gesamten Eisenbahnen sind also in den Händen der 5 Großmächte konzentriert.“


    Bei den Handelsflotten war die Konzentration und Überlegenheit noch größer. Zwischen 1902 und 1930 betrug der Schiffsbau in den USA und in Europa Jahr für Jahr mehr als 90 % der Gesamttonnage, die weltweit gebaut wurde.


    Was ist aus dieser globalen Überlegenheit im Schiffsbau geworden? Sie ist dahin. Im Jahr 2013 produzierten die alten imperialistischen Mächte kaum zwei Prozent der Welttonnage. Wer das für eine wirtschaftliche Randnotiz hält, der hat von Wirtschaftsmacht wenig verstanden.


    Betrachten wir die Entwicklung im Detail:



    1912 produzierten britische Werften 70 % der Welttonnage.
    Damals hieß es zu Recht: „Britannia rule the waves!“ Die britische Herrschaft über die Meere war keineswegs nur eine Sache der Kriegsschiffe. Kriegsschiffe liefern – anders als Handelsschiffe – keinen Reichtum.


    Die beiden Weltkriege führten zu tiefen Einbrüchen beim zivilen Schiffsbau und seit 1949 ging es rapide abwärts mit der britischen Schiffsindustrie.


    Die USA charterten britische Schiffe für ihren Überseehandel. Nur während der Weltkriege des 20. Jahrhunderts schoss ihr Schiffsbau in die Höhe. Sie waren während dieser Weltkriege nicht nur Finanzier, sondern auch die Produktionsstätte für die kriegführende Allianz im Westen. In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde der Schiffsbau in den USA eingestellt.


    Deutschland (und Kontinentaleuropa) produzierte zwischen den beiden Weltkriegen von 1920 bis 1940 40 bis 50 Prozent der weltweiten Tonnage. Nach dem Krieg schoss die deutsche Schiffsproduktion während des Koreakriegs in die Höhe. Aber seit 1960 ging es mit den deutschen Werften abwärts.


    An die Stelle der alten imperialistischen Staaten traten im Schiffsbau asiatische Länder: Japan, Südkorea und China.



    Wer will, der kann auch alle anderen Produktionszweige anschauen, die Lenin für seine Imperialismustheorie anführte, von der Kohle- und Stahlindustrie bis hin zum Finanzkapital: Überall haben die alten imperialistischen Mächte ihre Vorherrschaft verloren. Auf dem Finanzsektor sind die „alten Mächte“ vom globalen Gläubiger zum Schuldner der Welt geworden. Einzige Ausnahme ist da Deutschland. Und warum? Weil in Deutschland die Deindustrialisierung nicht so weit gediehen ist wie anderswo. Tschüss Imperialismus!
    Übrigens: Wer die Antwort der Kapitalistenklassen in der Kernzone auf ihren schleichenden Niedergang, nämlich der "Neoliberalismus" und das Aufblähen der Finanzwirtschaft für ein Zeichen von Stärke hält, der hat von kapitalistischer Wirtschaft wenig verstanden.


    Gruß Wal Buchenberg


    Siehe auch: Aufstieg und Niedergang des westlichen Kapitalismus

  • Noch ein Wert, der die schwindendende Rolle von "Monopolen" und die wachsende Bedeutung der kapitalistischen Konkurrenz zeigt:


    Firmen, die 1930 zu den 500 größten Unternehmen der Welt gehörten (Index "Fortune 500") konnten darauf bauen, dass sie im Durchschnitt 75 Jahre lang in diesem Index auftauchen werden.
    Firmen, die 2014 zu den 500 größten Unternehmen der Welt zählen, müssen damit rechnen, dass sie im Durchschnitt nur rund 15 Jahre ihre Position in diesem Index halten können.


    Quelle: The Economist, 22.08.2015, p 53

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