13 Stunden täglich, an 6 von 7 Wochentagen!

  • verfasst von Robert Schlosser(R), 15.09.2012, 17:24


    I.Ein wirklich „großzügiges“ Angebot
    Am 12.09. berichtete die Süddeutsche Zeitung:
    „Wie aus Kreisen des Arbeitsministeriums in Athen verlautete, schlage die Troika vor, dass das Rentenalter von 65 auf 67 Jahre erhöht wird. Zudem solle die Sechs-Tage-Woche wieder eingeführt werden. Mehr noch: Arbeitnehmer sollen, wenn der Betrieb dies als nötig erachtet, bis zu 13 Stunden am Tag arbeiten.
    Zugleich sollen Kündigungsfristen und Abfindungen halbiert werden und im staatlichen Bereich allein bis zum Jahresende 15.000 Menschen gehen. Athen lehnt bislang alle diese Maßnahmen ab.“
    http://www.sueddeutsche.de/wir…in-griechenland-1.1465581


    Die Troika aus EU, EZB und IWF hat sich ausgerechnet, dass nur bei einer solchen Verlängerung der Arbeitszeit die Lohnabhängigen in Griechenland genug unbezahlte Mehrarbeit liefern könnten, um Investoren anzulocken. Nur so könnte in Griechenland die Kapitalakkumulation wieder in Gang kommen und das BIP wachsen. Nur wenn die griechischen Lohnabhängigen dazu bereit wären, in diesem Umfang für das Kapital zu arbeiten, dann dürfte Griechenland „im Euro bleiben“, wären diese großartigen Drei bereit, dem griechischen Staat weitere Kredite zu geben, damit der Staat die Forderungen der Gläubiger bezahlen kann.


    II.Zurück in die Zukunft
    In seiner Darstellung des Kampfes um den Normalarbeitstag in England schrieb Marx:
    „Im großen und ganzen galt daher während der Periode von 1844 bis 1847 der zwölfstündige Arbeitstag allgemein und uniform in allen der Fabrikgesetzgebung unterworfenen Industriezweigen.“ (Kapital Bd. 1. S. 299)
    Daran also sollen sich die Lohnabhängigen in Griechenland 2012 orientieren, bei einer Stunde Aufschlag!
    Zweck der Übung: Rekonstruktion einer funktionierenden kapitalistischen Nationalökonomie, Rekonstruktion eines System lohnabhängiger Arbeit!
    Man verspricht den Menschen eine Zukunft, indem man die Zeit zurück dreht. Alles soll von vorne beginnen können: Wachstum des Kapitals zieht dann wieder Wachstum der Beschäftigung nach sich, Löhne steigen infolge wachsender Nachfrage des Kapitals nach Lohnarbeit. Möglicher Weise wird dann auch als Folge von Klassenkämpfen die Arbeitszeit wieder verkürzt. Als „realistisches“ Ziel böte sich dann irgendwann wieder der 10 Stundentag an, für den die englischen LohnarbeiterInnen schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kämpften. Irgendwann könnte man auch wieder den 8 Stundentag anpeilen, wie es die internationale Arbeiterbewegung seit Mitte des 19. Jahrhunderts tat.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Achtstundentag
    Viel später , wenn die Kapitalakkumulation „richtig brummt“, wie etwa in Westdeutschland nach dem Koreakriegs-Boom Mitte der 1950er Jahre, entstünde möglicherweise erneut das dringende Verlangen, dass Vati Samstags uns (Frau und Kindern) gehört. (DGB-Slogan für die 5-Tage-Woche)
    Das sind glänzende Perspektiven, die die Troika da in Aussicht stellt! „Sozialer Fortschritt“ eben, wie ihn der Kapitalismus ermöglicht und verspricht. „Ideologiefreier Realismus und Pragmatismus“, würden die Freunde der Marktwirtschaft sagen! "Naturgesetze" gilt es zu berücksichtigen!


    III.Das einzige, was beständig ist, ist der Wandel
    Würde man heute eine Umfrage unter der Mehrheit der Lohnabhängigen in Griechenland machen, dann würden sie sich wahrscheinlich eine Rückkehr zu Zuständen wünschen, wie sie vor der großen Krise herrschten. Es waren jedoch diese Zustände (in Summe die Verwertungsbedingungen des Kapitals), die die griechische Nationalökonomie zum Verlierer in der internationalen Konkurrenz gemacht haben. Es wäre eine Illusion, zu glauben, man könne zu diesen Zuständen zurück kehren, diesmal aber deren Folgen ausschließen. Diese Illusion besteht aber unter den Lohnabhängigen in anderen europäischen Ländern nicht weniger und sie wird kräftig bedient von allen möglichen linken Reformern des Systems. Man könne die kapitalistische Konkurrenz so vorzüglich regulieren, dass stetiges Wachstum des Kapitals möglich sei und alle in einer „solidarischen Gesellschaft“ daran teilhaben könnten. Verlieren müsste keiner, wenn man für vernünftige Rahmenbedingungen, "demokratische Kontrolle" und/oder kluges Management sorgt. In und durch die Konkurrenz zwingen sich die Einzelkapitale, wie die national organisierten Gesamtkapitale, jedoch ständig Veränderungen in ihren Verwertungsbedingungen auf (Erhöhung der Arbeitsproduktivität, Kostensenkung etc.), die nicht zum Stillstand gebracht werden können. Dieses ständige Streben nach Verbesserung der je eigenen und sich in Konkurrenz verallgemeinernden Verwertungsbedingungen, nach erhöhter Rentabilität, produziert gesetzmäßig Gewinner und Verlierer; Verlierer, die ihre Existenzgrundlage einbüßen; dadurch, dass Unternehmen oder gar ganze Staaten Pleite gehen und LohnarbeiterInnen auf die Straße gesetzt werden. Wer nicht mithalten kann, wie die griechische Nationalökonomie, geht unter oder darf bestenfalls – im wahrsten Sinne des Wortes – von vorne anfangen, z.B. durch den "unaufhaltsamen sozialen Fortschritt" von 13 Stunden täglicher Arbeit an 6 Tagen die Woche.


    IV.Arbeitszeitverkürzung – wofür?
    Lohnabhängige sind im allgemeinen an einer Verkürzung der Arbeitszeit interessiert, nicht an ihrer Verlängerung. Schon das (unterschiedliche Interessen in Teilfragen) bringt sie in einen grundsätzlichen Gegensatz zum Kapital. (Kapitalisten wollen, dass möglichst lange gearbeitet wird.) Dieser Gegensatz relativiert sich, wenn das Interesse an Arbeitszeitverkürzung verbunden wird mit dem Ziel, die Lohnarbeitslosigkeit im Kapitalismus zu beseitigen und alle in auskömmliche Lohnarbeit zu bringen.
    Für Ausdehung der Lohnarbeit sind die Kapitalisten auch. Der grundsätzliche Widerspruch wird zu einem „systemimmanenten“, der sich um die Konditionen von Lohnarbeit dreht. Die Kapitalisten beharren darauf, dass sie nur solche Lohnarbeit schaffen (und in der segensreichen Marktwirtschaft schaffen können), die ihren Profit mehrt, also genügend unbezahlte Mehrarbeit liefert.
    Unter den heutigen Verwertungsbedingungen des Kapitals, wie sie in allen hochentwickelten kapitalistischen Ländern nach der großen Krise herrschen, die gekennzeichnet sind schwaches Wachstum, durch „Nullwachstum“ oder durch „Minuswachstum“, wird die Forderung nach weitreichender Arbeitszeitverkürzung (30-Stundenwoche) zu einer „Systemfrage“.
    Besonders in Ländern wie Griechenland wird eine solche Forderung nur noch dann breite Unterstützung finden, wenn sie als grundlegende Bedingung sozialer Emanzipation – also der Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise - verstanden und unterstützt wird. Wer meint mit allgemeiner und weitreichender Arbeitszeitverkürzung könnte in Griechenland die Lohnarbeitslosigkeit in Höhe von rund 25% beseitigt werden, die Kapitalakkumulation wieder in Gang kommen, der hat meiner Meinung nach nicht verstanden, was das Kapital ist und wie es funktioniert.


    (Ein paar Thesen, über die es vielleicht zu diskutieren lohnt. ;-))


    Viele Grüße
    Robert


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