"Comeback der Industrie"?

  • verfasst von Robert Schlosser(R), 01.11.2012, 19:09


    "C o m e b a c k der Industrie" überschreibt die Frankfurter Rundschau einen Artikel in ihrer Ausgabe vom 28.10.2012. Darin heißt es:
    „Vorwärts in die Vergangenheit: Wenn es um Zukunftsbranchen geht, dann sprechen Politiker und Ökonomen heute nicht mehr von der Internet- und Dienstleistungswirtschaft. Stattdessen besinnen sie sich auf die Basis: die Industrie. In den USA beruht der Aufschwung auf dem Verarbeitenden Gewerbe, in Griechenland zeigt allein die Industrie Lebenszeichen, Frankreichs Regierung stützt ihre Autobauer, und die EU hat ein Programm aufgelegt, das einen jahrzehntealten Trend stoppen soll: die Deindustrialisierung Europas. Deutschland mit seinen exportstarken Industriegiganten gilt dabei als Vorbild.“
    http://www.fr-online.de/wirtschaft/weltwirtschaft-c o m e b a c k-der-industrie,1472780,20732586.html


    Man hatte ganz übersehen - und besinnt sich jetzt -, was die Dynamik der kapitalistischen Welt auch zu Zeiten der höchsten Blüte von Finanzspekulationen und beeindruckenden Volumen- und Wachstumszahlen des fiktiven Kapitals in den 1990iger Jahren und zu Beginn des neuen Jahrtausends, wirklich bestimmte: die industrielle Entwicklung der BRIC-Länder, allen voran Chinas!
    China ist in einem beispiellosen Tempo zur zweitgrößten kapitalistischen Wirtschaft geworden. Seine stürmische Industrialisierung entwickelt einen Heißhunger nach Energie und Rohstoffen, sowie nach Maschinen und Anlagen (somit natürlich auch nach Krediten!!). Kein Wunder also, dass die Wirtschaft, die den Weltmarkt für Maschinen und Anlagen seit langem dominiert (Deutschland) davon besonders profitiert!
    Chinas erfolgreiche Industrien produzieren dagegen vor allem billige Konsumgüter für die alten kapitalistischen Metropolen. (In den USA liegt der Anteil des privaten Konsums am BIP bei ca. 70% in der EU bei ca. 57%. Lohnende Märkte also.)
    Die nach wie vor starke Nachfrage nach billigen Konsumgütern in den alten kapitalistischen Metropolen war und ist eine Bedingung für die Industrialisierung Chinas (auch wenn diese private Endnachfrage geringes Wachstum ausweist und besonders in den USA durch starke private Verschuldung finanziert ist). Umgekehrt ist die Industrialisierung Chinas - aber auch das industrielle Wachstum in der anderen BRIC-Staaten - bzw. die davon ausgehende Nachfrage auf den Weltmärkten nach Maschinen und Anlagen etc., Bedingungen für ökonomisches Wachstum in den alten Zentren - soweit sie über entsprechende industrielle Produktion verfügen!


    Es gibt kein „C o m e b a c k der Industrie“. Die Bedeutung des industriellen Kapitals (als produktives, Mehrwert produzierendes Kapital) gegenüber Handelskapital und Bankkapital hat sich nie geändert. Es war insofern immer „dominant“ oder „antreibend“. Handels- und Bankkapital sind seine Produkte, also bloß verselbständigte Funktionen. Möglicherweise aber werden manche Linke demnächst wieder ein neues „Akkumulationsregime“ erkennen, dominiert oder angetrieben von der Industrie, oder besser noch der „Realwirtschaft“. :-)


    In der gleichen Ausgabe der Frankfurter Rundschau steht auch ein Artikel, die Banken betreffend. Darin heißt es unter der Überschrift „Kahlschlag bei der UBS“:
    „Das Investmentbanking gehörte bislang zu den prestigeträchtigen Bankgeschäften. Die Banker mit Sitz in London oder New York waren mächtig innerhalb der Finanzinstitute. Nun zeigen Berechnungen des Analysehauses Fairesearch, dass bei mindestens drei bedeutenden Geldhäusern der Glanz der Investmentabteilungen mehr Schein als Sein war.
    Aktionäre mussten Kapital zuschießen
    Die Expansion der Deutschen Bank ins globale Investment Banking seit 1999 hat bei weitem nicht die Gewinne und Wertsteigerungen für die Aktionäre gebracht, die das Management versprochen hat“, erklärt Analyst Dieter Hein. „Im Gegenteil, die Aktionäre mussten netto Kapital zuschießen und haben massiv an Vermögen verloren.“ Dem Investmentbanking sei es noch nicht einmal gelungen, die internen Kapitalkosten zu verdienen. Bei seiner Berechnung geht Hein davon aus, dass das Investmentbanking mehr Kapital absorbiert, als die Deutsche Bank offiziell angibt.
    Bei der Crédit Suisse habe das Investmentbanking in elf Jahren insgesamt nur 5,9 Milliarden Schweizer Franken zum Vorsteuergewinn beigetragen, das klassische Bankgeschäft dagegen 46,5 Milliarden. Eine Berechnung für 2011 zeigt, dass ohne das Investmentbanking die Eigenkapitalrendite vor Steuern 29,3 statt elf Prozent betragen hätte.
    Am düstersten sieht es bei der UBS aus. Dort hat das Investmentbanking in elf Jahren einen Vorsteuerverlust in Höhe von 29,8 Milliarden Franken eingefahren, während das klassische Bankgeschäft einen Gewinn von insgesamt 68,5 Milliarden Franken erzielte. Die Vorsteuerrendite auf das eingesetzte Eigenkapital hätte 2011 ohne das Investmentbanking 43 Prozent betragen, so waren es nur 10,7 Prozent.“
    http://www.fr-online.de/wirtsc…ubs,1472780,20740988.html


    Wer hätte das gedacht? „C o m e b a c k“ einer realistischen Einschätzung von Banken und Finanzgeschäften?


    Schon 1847 (!!!) in seiner Polemik gegen Proudhon (Das Elend der Philosophie) hielt Marx fest:
    „Es gibt sogar Phasen im ökonomischen Leben der Völker, wo alle Welt von einer Art Taumel ergriffen ist, Profit zu machen, ohne zu produzieren. Dieser Spekulationstaumel, der periodisch wiederkehrt, enthüllt den wahren Charakter der Konkurrenz, die den notwendigen Bedingungen des industriellen Wetteifers zu entschlüpfen sucht.“
    http://www.mlwerke.de/me/me04/me04_125.htm#K2_3
    und in Kapital Bd. 2 heißt es („Der Kreislauf des Geldkapitals“):
    „Eben weil die Geldgestalt des Werts seine selbständige, handgreifliche Erscheinungsform ist, drückt die Zirkulationsform G ... G´, deren Ausgangspunkt und Schlußpunkt wirkliches Geld, das Geldmachen, das treibende Motiv der kapitalistischen Produktion, am handgreiflichsten aus. Der Produktionsprozeß erscheint nur als unvermeidliches Mittelglied, als notwendiges Übel zum Behuf des Geldmachens. {Alle Nationen kapitalistischer Produktionsweise werden daher periodisch von einem Schwindel ergriffen, worin sie ohne Vermittlung des Produktionsprozesses das Geldmachen vollziehen wollen.}“
    http://www.mlwerke.de/me/me24/me24_031.htm#Kap_1_IV


    Wie konnte der Mann vor so langer Zeit sowas aufschreiben, wo wir es doch angeblich mit so bedeutenden Neuerungen des Kapitalismus zu tun haben?


    In der Tat gibt es immer wieder solche Phasen, gerade auch vor großen allgemeinen Wirtschaftskrisen (Beginn der 1870iger Jahre, zweite Hälfte der 1920iger Jahre). Jedes Mal ging das einher mit großen Umbrüchen in der Weltwirtschaft, wurde sie getragen durch die Hoffnung auf grenzenloses Wachstum der Warenproduktion.
    Nach 2000: Die Spekulation vor der D o t c o m-Krise setzte auf die „realwirtschaftlich“ unerschütterliche Potenz der Software-Industrie. Die Spekulation vor der großen Krise, die sich 2007 abzeichnete, setzte u.a. auf Bauboom ohne Ende, auf ständig steigende Immobilienpreise. Immer waren es sehr „realwirtschaftliche“ Entwicklungen auf die spekuliert wurde und die Anlass zu dieser Spekulation gaben. Und man spekuliert auch heute munter weiter z.B. auf grenzenloses Wachstum in China. Je mehr Anlage suchendes Geldkapital die Zirkulation „ausschwitzt“, im Verhältnis zu profitablen Anlagemöglichkeiten, desto riskanter wird die Spekulation, desto selbstverständlicher begleitet sie den Akkumulationsprozess des Kapitals.
    Das „Profit machen, ohne zu produzieren“, ist weder ein praktikables "Akkumulationsmodell" noch "Akkumulationsregime". Bei diesem "Taumel" verhält sich ungefähr so, wie mit den Gewinnchancen beim Lotteriespiel: Einzelne haben Erfolg damit, was die Illusion der Spieler nährt. Gewinner gibt es durchaus, aber nur, solange eingezahlt wird (Mehrwertproduktion)!


    Wem es übrigens zu kompliziert ist, sich mit den Details des „Profit machens, ohne zu produzieren“ auseinander zu setzen (warum sowas innerhalb bestimmter Grenzen funktioniert), den kann ich abschließend mit Marx trösten:


    „Es gibt wahrscheinlich keinen größeren Humbug in der Welt als das sogenannte Finanzwesen. Die einfachsten Operationen, die Budget und Staatsschuld betreffen, werden von den Jüngern dieser ‚Geheimwissenschaft’ mit den abstrusesten Ausdrücken bezeichnet; hinter dieser Terminologie verstecken sich die trivialen Manöver der Schaffung verschiedener Bezeichnungen von Wertpapieren – die Umwechselung alter Papiere gegen neue, die Herabsetzung des Zinses und die Erhöhung des nominellen Kapitals die Erhöhung des Zinses und die Herabsetzung des Kapitals, die Einführung von Prämien, Bonussen und Prioritätsaktien, die Unterscheidung zwischen amortisierbaren und nicht amortisierbaren Annuitäten, die künstliche Abstufung der Übertragungsmöglichkeiten der verschiedenen Papiere in einer Weise, daß das Publikum von dieser abscheulichen Börsenscholastik ganz verwirrt ist und sich in der Mannigfaltigkeit der Details ganz verliert. Den Wucherern aber bietet jede derartige neue Finanzoperation eine gierig erwartete Gelegenheit, ihre unheilvolle und räuberische Tätigkeit zu entfalten.“
    MEW 9, „Die neue Finanzgaukelei oder Gladstone und die Pennies“
    http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_043.htm
    :-)
    Daraus kann man natürlich auch die Schlussfolgerung vieler Linker ziehen, „den Wucherern“ und ihrer „unheilvollen und räuberischen Tätigkeit“ das Handwerk zu legen, damit alle endlich oder wieder von der segensreichen (aber bestimmt nach wie vor kapitalistischen!!) „Realwirtschaft“ profitieren.


    Gruß
    Robert


    Link zum alten Forum:
    http://marx-forum.de/diskussion/forum_entry.php?id=7774&page=3&category=0&order=time

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