Zusammenhänge: Aktienkapital und Finanzkapital/Finanzmärkte

  • verfasst von Robert Schlosser(R), 16.12.2012, 15:58


    Hallo zusammen,
    mir ist da nochmal was aufgefallen, woüber es vielleicht zu diskutieren lohnt. Was mir dabei eingefallen ist, habe möglichst kurz mal aufgeschrieben. ;-)


    I.
    In den vergangenen Jahren ist viel geschrieben worden über die Verselbständigung des Finanzkapitals, über Dominanz der Finanzmärkte über die „Realwirtschaft“ etc.. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Bedeutung des Aktienkapitals für die zunehmende Bedeutung der Finanzmärkte kaum auch nur erwähnt wird. Wo die Berücksichtigung der Aktiengesellschaften fehlt, bleibt jedoch der Zusammenhang zwischen „realwirtschaftlichen“ Entwicklung und der Ausdehnung der Finanzmärkte im Dunkeln. Die Tendenz geht dahin, dass immer mehr kapitalistische Unternehmen sich in Aktiengesellschaften verwandeln.
    Zum Beispiel ein paar jüngere Zahlen aus Deutschland:
    Zwar gab es 2004 nur 815 börsennotierte Aktiengesellschaften, aber die Zahl der Aktiengesellschaften hatte sich zwischen 1996 und 2006 von 3.600 auf 16.000 erhöht, also mehr als vervierfacht.
    http://www.zeit.de/2006/15/G-Aktiengesellschaften/seite-1


    II.
    Was bedeutet die Umwandlung eines kapitalistischen Unternehmens mit klassischem Privateigentümer in eine Aktiengesellschaft?


    „Verwandlung des wirklich fungierenden Kapitalisten in einen bloßen Manager, Verwalter fremden Kapitals, und der Kapitaleigentümer in bloße Eigentümer, bloße Geldkapitalisten. Selbst wenn die Dividenden, die sie beziehen, den Zins und Unternehmergewinn, d. h. den Totalprofit einschließen (...), so wird dieser Totalprofit nur noch bezogen in der Form des Zinses, d. h. als bloße Vergütung des Kapitaleigentums, das nun ganz so von der Funktion im wirklichen Reproduktionsprozess getrennt wird wie diese Funktion, in der Person des Managers, vom Kapitaleigentum.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 452f.


    Der Kapitalbesitzer wird also zum bloßen Geldkapitalisten. Marx spricht in diesem Zusammenhang auch von einer „neuen Finanzaristokratie“, „Projektenmachern, Gründern und bloß nominellen Direktoren“, von einem „System des Schwindels und Betrugs mit Bezug auf Gründungen, Aktienausgabe und Aktienhandel“. (Kapital III, MEW 25, 454)
    Man könnte das noch weiter treiben: der Kapitaleigentümer wird als Geldkapitalist zum Eigentümer von bloß fiktivem Kapital, von Wertpapieren, die ihm einerseits einen Zins abwerfen und mit denen er andererseits auf „Gewinnmitnahme“ spekuliert (billig kaufen, teuer verkaufen). Je verbreiteter die Form der Aktiengesellschaft, desto ausgedehnter das Geschäft mit Aktienausgabe und Aktienhandel. Die Aktiengesellschaft selbst ist „Resultat der höchsten Entwicklung der kapitalistischen Produktion, ein notwendiger Durchgangspunkt zur Rückverwandlung des Kapitals in Eigentum der Produzenten, aber nicht mehr als das Privateigentum vereinzelter Produzenten, sondern als das Eigentum ihrer als assoziierter, als unmittelbares Gesellschaftseigentum. Es ist andererseits Durchgangspunkt zur Verwandlung aller mit dem Kapitaleigentum bisher noch verknüpften Funktionen im Reproduktionsprozess in bloße Funktionen des assoziierten Produzenten, in gesellschaftliche Funktionen.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 453.
    Die Aktiengesellschaften sind danach also Produkt der „Realwirtschaft“ selbst und erzeugen ihrerseits – in Gestalt des Kapitaleigentümers als bloßen Eigentümer – eine „neue Finanzaristokratie“.


    Wenn man sich dieser Zusammenhänge bewusst wird, dann erscheint die allenthalben verlangte „Rückbesinnung auf die Realwirtschaft“, alle Vorschläge, die Finanzmärkte wieder in den Dienst der „Realwirtschaft“ zu stellen, als einigermaßen absurd. Die Verwirklichung dieser reaktionären Utopie würde jedenfalls – mit Konsequenz zu Ende gedacht - die Abschaffung der Aktiengesellschaften verlangen, die Aufhebung der Trennung zwischen Kapitaleigentümer und der Leitung der Produktion (Manager).
    (Übrigens: der letzte Betrieb, in dem ich arbeitete, war ein weltweit operierender, an der Börse notierter Konzern. Bei jeder „Restrukturierung“, jeder neuen Welle von Entlassungen, musste ich mich mit KollegInnen auseinandersetzen, die die Lohnarbeit in einem mittelständischen Unternehmen idealisierten. Dort könnten solche als Zerstörung empfundenen "Restrukturierungen" nicht stattfinden, weil „der Alte“sozusagen eine persönliche Beziehung zu dem Laden habe.
    Und als ich vor einiger Zeit vor klassenkämpferischen Kollegen und Ex-Kollegen von Opel ein Referat über Kapital, Krise und Kredit hielt, wollte einer der Anwesenden für sich ebenfalls den Schluss ziehen, das Aktienkapital abzuschaffen. Solch reaktionäre Utopien fallen also durchaus auf fruchtbaren Boden.)


    III.
    In dem Artikel der „Zeit“, auf den ich bereits verwiesen habe, heißt es auch:
    „Gegenüber anderen Kapitalgesellschaften bietet eine AG zwei entscheidende Vorteile. Der erste ist Flexibilität. Bei keiner anderen Rechtsform können die Besitzer so schnell und formlos wechseln wie bei einer AG. Ein Kaufvertrag genügt, Aktien in Papierform werden dabei schon lange nicht mehr übergeben. Der Käufer behält den Kaufvertrag, und der Vorstand der AG trägt den Namen des neuen Teilhabers auf einer Liste ein. Das geht völlig formlos, die Liste kann ein Notizbuch sein, das im Firmensafe liegt. ….
    Der zweite große Vorteil der AG: Die Aktie ist das ideale Instrument, um ein Unternehmen auf viele Eigentümer zu verteilen. Damit ermöglicht sie zum Beispiel die Beteiligung von Mitarbeitern, einen Börsengang oder aber auch den relativ problemlosen Einstieg von Finanzinvestoren.“
    Solange Aktiengesellschaften bestehen, kann also der Besitz von Anteilen „schnell und formlos wechseln“, kann sich das Unternehmen auch unabhängig von Banken über die Finanzmärkte Mittel verschaffen usw.. Das Aktienkapital trennt also nicht nur den Kapitalbesitz von der Leitungsfunktion, es schafft zugleich das Betätigungsfeld für die Geldkapitalisten, „Finanzinvestoren“ (Kapitaleigentümer als bloße Eigentümer und Geldkapitalisten). Das Aktienkapital verlangt und erzeugt einen speziellen Finanzmarkt und ist die „realwirtschaftliche“ Grundlage, auf der sich gesetzmäßig das Schwindel erregende Geschäft mit fiktivem Kapital ausdehnt.


    Das Aktienkapital ist ebenso notwendiges Produkt der kapitalistischen Produktionsweise, wie die modernen Banken mit ihrem Kreditgeschäft. Beides sorgt für die breitest mögliche Erfassung von Geldeinkommen, der Umwandlung von Geld in Kapital und dessen Mobilität. Die Auswüchse des Finanzmarktes zu beklagen, sie abschaffen zu wollen, ohne die kapitalistische Produktionsweise abschaffen zu wollen, das erscheint mir einigermaßen daneben. ;-)


    Viele Grüße
    Robert


    Link zum alten Forum:
    http://marx-forum.de/diskussion/forum_entry.php?id=7986&page=2&category=0&order=time

  • In dem ganzen Artikel wird praktisch nur auf die Rolle Rentiers eingegangen, aber nicht auf die Rolle der Banken dabei, obwohl die in nahezu allen Aufsichtsräten vertreten sind. Marx spricht in dem Zusammenhang nicht ohne Grund von einer "Bankokratie" (Bankenherrschaft), denn tatsächlich werden die Banken durch ihr "Engagement" bei Industriebetrieben zu "Geschäftsbanken". Das bedeutet, sie prüfen nicht mehr einfach nur die Kreditwürdigkeit, sondern nehmen aktiven Einfluss auf die "Unternehmenspolitik". Wie es unsinnig ist, gegen die Auswüchse des Finanzsystems (Stichwort "Heuschrecken") zu wettern, ohne das Ausbeutersystem selbst in Frage zu stellen, ist es auch unsinnig, gegen die Rentiers zu wettern, ohne die Banken und ihre Rolle zu berühren.
    Peter Nowak

    "So Ihr aber begehrt, ein wahrer Mann der Wissenschaft zu werden und nicht nur ein schäbiger Handlanger und Experimentator, so beherzigt meinen Rat und beschäftigt Euch mit sämtlichen Zweigen der Naturwissenschaft, einschließlich jenes der Mathematik" (Mary W. Shelly: Frankenstein)

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