Moderne Form der „Maschinenstürmerei“?

  • Jetzt geht es auch in Schweden los, einem Muster-“Sozialstaat“! In Vororten von Stockholm und jetzt auch in anderen Städten des Landes kommt es zu „Riots“ von Jugendlichen. Abfackeln von Autos etc. Nebenbei kann man lesen, dass in Schweden die Polarisierung zwischen arm und reich in den letzten Jahren so stark voran geschritten ist, wie in kaum einem anderen Land (ausgehend von einem hohen Niveau „sozialen Ausgleichs“).


    Mich erinnern diese zerstörerischen Aktionen von Jugendlichen an die Maschinenstürmerei während der fortschreitenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Was mir durch den Kopf geht, habe ich kurz aufgeschrieben:


    Waren für die IndustriearbeiterInnen Mitte des 19. Jahrhunderts in der Produktion zum Einsatz kommende Maschinen der sachliche Ausdruck als unerträglich empfundener Arbeits- und Lebensbedingungen, so sind es für die lohnarbeitslosen Jugendlichen - ohne alle (Integrations-)Perspektive in die Mühlen der Kapitalverwertung - „Konsumgüter“, gegen die sich ihr Zorn und ihre Wut richten. Zerstörung von Sachen bringt den Zorn auf die bestehenden sozialen Verhältnisse zum Ausdruck. Außerdem gehen Schulen in Flammen auf! Nicht Fabriken! Verwundern kann das nicht, denn Industriearbeit zählt nicht zu den Erfahrungen, die diese Jugendlichen in und mit dem Kapitalismus gemacht haben. Schule, die sie auf diese Industriearbeit vorbereiten sollte, war ihr erlebtes „Kapitalverhältnis“; darum gehen sie in Flammen auf.
    Die Rebellion erfasst auch nur einen kleinen Teil der Jugendlichen, meist mit migrantischem Hintergrund.
    In Ländern wie Spanien, wo die Arbeitslosigkeit junger Menschen inzwischen bei über 50% liegt, ist es noch nicht zu solchen Ausbrüchen von Gewalt gegen Sachen - als Ausdruck einer sozialen Rebellion - gekommen. Wenn das hier passiert, kann daraus schnell ein Flächenbrand werden! Die Zahl der „betroffenen“ Jugendlichen, denen „die Segnungen“ der kapitalistischer Produktionsweise vorenthalten bleiben, ist groß! Weit größer als etwa in Schweden.


    Die LohnarbeiterInnen der Maschinenstürmerei reagierten auf die sich ausbreitende kapitalistisch-industrielle Produktionsweise. Die Jugendlichen von heute reagieren auf Erscheinungen einer sich ausbreitenden Auflösung dieser kapitalistisch-industrielle Produktionsweise. Ging es früher um die Folgen der Unterwerfung unter die kapitalistische Produktionsweise, so heute um die Folgen der „Freisetzung“. In der Form der Maschinenstürmerei oder dem Abfackeln von Autos bleibt die Rebellion aber so perspektivlos, wie die Lage der Jugendlichen selbst. Wenn den Jugendlichen jedoch klar wird, dass ihre "Freisetzung" - besser noch: ihr Ausschluss - eine Folge der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise selbst ist, können aus den „Riots“, der Zerstörung von Sachen, die Keime einer neuen sozialemanzipatorischen Bewegung zur Überwindung der Verhältnisse werden.


    Der Weg der alten Arbeiterbewegung vom Wunsch nach Zerstörung der Maschinen zu dem Wunsch nach Aneignung der Maschinen war nicht weit. Das eine lag nahe beim anderen. Der Weg vom Wunsch nach Zerstörung von „Konsumgütern“ zum Wunsch nach „Aneignung der Maschinen“ (Änderung der Produktionsverhältnisse) scheint mir erheblich weiter. Nahe liegt zunächst der Wunsch nach Aneignung der „Konsumgüter“, was in Plünderungen auch passiert. Den Wunsch nach Aneignung der Produktionsmittel kann sich wohl unter den Jugendlichen nur schwer entwickeln und durchsetzen, solange die Rebellion auf die Jugendlichen selbst beschränkt bleibt, solange die Rebellion nicht größere Teile der LohnarbeiterInnen erfasst.


    Robert

Share

Comments 2

  • Hallo Wal,
    auch ich kann dir nur zustimmen, was die Einschätzung der Rebellionen und die „Schwierigkeit“ der aufgeworfenen Frage anbetrifft! Umso bedrohlicher wirkt die Erinnerung an die „Lösung“ der tiefen Krise des Kapitals in den 1930iger Jahren. (Unsere keynesianischen Freunde trennen den Weg der Lösung ja gern von seinen Resultaten, die sie gern behalten wollen, ohne den Weg dahin zu berücksichtigen. Frech behaupten sie, dass der „friedliche Weg der sozialen Reform und des sozialen Ausgleichs“ schnurstracks zum „Wohlfahrtsstaat“ geführt habe.)
    Ich sehe Keynesianismus und Bolschewismus – gleich welcher Couleur - mittlerweile als die größten subjektiven Barrieren an, um die aufgeworfene „schwierige Frage“ zu lösen. Es wird aus meiner Sicht einiger theoretischer Anstrengung bedürfen, um nicht erneut in der historisch schon einmal beschrittenen Sackgasse zu enden. Mein Optimismus hält sich momentan in Grenzen.

    Viele Grüße
    Robert
  • Hallo Robert,
    ich gebe dir ganz recht. Die Probleme, die du im letzten Satz benennst: "Den Wunsch nach Aneignung der Produktionsmittel kann sich wohl unter den Jugendlichen nur schwer entwickeln und durchsetzen, solange die Rebellion auf die Jugendlichen selbst beschränkt bleibt, solange die Rebellion nicht größere Teile der LohnarbeiterInnen erfasst." - daran möchte ich ansetzen.
    Ich sehe im Moment in der Welt viel mehr Rebellion entlang ethnischer Linien als entlang sozialer (Klassen)Linien. Wie kommt man vom einen zum anderen? Das ist eine schwierige Frage.
    Ich habe im "Gelben Forum", wo oft Meinungen gepostet werden, die auf ethnische Ausgrenzung abzielen, heute einen Versuch gemacht, solche Ansichten (vorsichtig) zu kritisieren:
    "Unsere Welt ist multikulti": dasgelbeforum.de.org/forum_entry.php?id=285849
    Kritik an ethnischer Ausgrenzung ist das eine. Das andere sind Analysen und Forderungen, die ethnische Grenzen überspringen,
    meint Wal