Mit Schumpeter für ein uneingeschränkt kapitalistisches Gesundheitswesen

  • Wenn man Marx durch die Brille von Schumpeter liest, dann erscheinen einem privatisierte, kapitalistische Krankenhäuser als eine fortschrittliche „Innovation“. So kann man es nachlesen in der Zeitschrift „Sozialismus“ Heft 2/2013.
    Immerhin schreiben wir das Jahr 2013 und nicht das Jahr 1848. In dieser Zeit, am Vorabend einer bürgerlichen Revolution in Deutschland, schrieben Marx und Engels das Kommunistische Manifest. Darin hoben sie den revolutionären und fortschrittlichen Charakter der sich gegenüber feudalen Verhältnissen durchsetzenden bürgerlichen Gesellschaft hervor.
    Liest man Marx durch die Brille von Schumpeter, dann ist man auch heute noch begeistert von den „Leistungen des Kapitalismus“; dann ist man auch in der Lage, die Privatisierung kommunaler Krankenhäuser als Fortschritt zu begrüßen, der die ständischen Überbleibsel in der bürgerlichen Gesellschaft verdampft und „zur weiteren Entwicklung der Krankenhäuser zu wirtschaftlichen Unternehmen“ beiträgt.
    Dass Krankenhäuser ohne wenn und aber „wirtschaftliche Unternehmen“ werden, findet der Autor des Artikels „Kapitalistische Krankenhäuser als Innovation?“ (M. Wendl) ganz toll.
    Toll findet er vor allem, dass

    • den privatisierten Krankenhäusern „der Kapitalmarkt zur Verfügung steht“
    • den „effizienteren Einsatz des Personals“

    usw.


    In diesem ganzen Machwerk – so nenne ich das – kommen die Patienten und deren Interessen eigentlich gar nicht vor. Es ist eine rein ökonomische Sicht auf das kapitalistisch-marode Gesundheitswesen. Es geht um Investition, Kosten, Entlohnung …. und immer um ökonomische Effizienz. „Re-Kommunalisierung“ wird ausdrücklich abgelehnt. Dafür fehlten nicht nur die „finanziellen Mittel, sondern auch die unternehmerische Kompetenz“. Bravo! Dass es den Lohnabhängigen in diesem Lande an sozialistischem Bewusstsein fehlt, um ein selbstverwaltetes, kommunalisiertes Gesundheitswesen zu erstreiten, ist nicht zu leugnen. Hier jedoch wird „unternehmerische Kompetenz“ eingefordert, um Krankenhäuser kapitalistisch-profitabel betreiben zu können. Ja, geht es noch?
    Was Kapitalisten mit „unternehmerischer Kompetenz“ unter „effizientem Einsatz des Personals“ verstehen, dass erleben wir in jedem kapitalistischen Unternehmen. Was aber bedeutet eine solche ökonomische „Effizienz“ in Krankenhäusern, was bedeutet sie für die Pflege kranker und schwerstkranker Menschen?
    Aus kapitalistischer Sicht ist die Pflege von Menschen in Krankenhäusern der Pflege von Netzen bei der Energie- und Wasserversorgung und bei Verkehrssystemen vergleichbar. Da laufen Kosten auf, die es zu reduzieren gilt. Was die Privatisierung von Wasserversorgung oder des Schienenverkehrs in manchen Ländern angerichtet hat ist bekannt. „Unternehmerische Kompetenz“ hat die Infrastruktur verrotten lassen, Preise explodierten. Privatisierte Krankenhäuser werden ein ähnliches Feld der Verwüstung zurücklassen … in Bezug auf die Pflege. Die Pflege von kranken und schwerstkranken Menschen wird zu einem Luxus werden, in dessen Genuss nur eine Minderheit kommt, die über das nötige Kleingeld verfügt.


    Hier soll nicht ein Loblied auf das bisherige Gesundheitswesen angestimmt werden. Das unterliegt sowieso - mangels politischer Selbständigkeit der lohnabhängigen Klasse - insgesamt zunehmend der „Inwertsetzung“ für das Kapital. Das betrifft nicht nur die Krankenhäuser sondern auch die Krankenkassen etc. Die Perspektive liegt daher nicht in der Rückkehr zu irgendwelchen alten Zuständen, sondern in Schritten, die der sozialen Emanzipation förderlich sind. Bleiben die Kommunen, wie sie sind, bleiben die Krankenkassen, wie sie sind, dann wird „unternehmerische Kompetenz“ das Gesundheitsweisen sowieso schleifen. Es geht um eine Re-Kommunalisierung, die mit Demokratisierung einhergeht und um eine vollständige Selbstverwaltung der Krankenversicherung durch die Versicherten. Solange die kapitalistische Produktionsweise fortbesteht, können die kommunalen Krankenhäuser und die selbstverwalteten Krankenkassen sich nur refinanzieren durch Abzüge von den Profiten des Kapitals. Die gepriesene Form der Refinanzierung über die Kapitalmärkte treibt die „öffentliche Daseinsvorsorge“ vollständig in die Abhängigkeit vom Kapital und seinen Interessen. Die nötige Pflege von kranken und schwerstkranken Menschen kann dabei nur auf der Strecke bleiben. Profit lässt sich wohl ganz gut machen mit Operationen und der Verschreibung von Medikamenten. In der Pflege lässt sich Profit nur mit Hungerlöhnen machen oder mit einer „Kundschaft“, die über das nötige Kleingeld verfügt.


    Dass in der Zeitschrift „Sozialismus“ schon seit einiger Zeit Marx durch die Brille von Keynes gelesen wird, ist bekannt. Dass man bei allem Reformeifer im Kampf gegen „feudale Überreste“ jetzt auch noch Schumpeter bemüht, das schlägt dem Fass den Boden aus!


    Zur Ehrenrettung der „Sozialismus“ kann hier nur angeführt werden, dass dieser unsägliche Artikel von M. Wendt durch den Chirurgen und ehemaligen Vorsitzenden des ver.di-Bezirks Stuttgart T. Böhm, in der Zeitschrift selbst eine gebührende Antwort erhielt. Ich fand diese Antwort unter dem Titel „Nachholende Modernisierung oder neoliberaler Umbau?“ in Heft 3/2013 im Großen und Ganzen ausgezeichnet!


    Robert Schlosser

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Comments 2

  • Hallo "Ich",
    erstmal danke für deinen Hinweis auf den Artikel bei Telepolis!

    Was die Fallpauschale anbetrifft, so halte ich sie eher für ein Symptom, als für die Ursache der "Krise". Sie ist meiner Meinung nach Ausdruck der Ökonomisierung oder "Inwertsetzung". Das Gesundheitswesen insgesamt soll möglichst uneingeschränkt durch die Verwertung von Wert beherrscht und reguliert werden, Markt und "Wettbewerb" für Effizienz sorgen. Die Effizienz, die da angestrebt wird, ist eben eine ökonomische, bei der jede am Bedürfnis orientierte Nüztlichkeitserwägung der Profitabilität des Geschäfts mit der Gesundheit untergeordnet wird.

    Grüße
    Robert
  • Die Krise im deutschen Gesundheitswesen heißt Fallpauschale

    heise.de/tp/artikel/39/39175/1.html