Technische Grundlagen einer modernen kommunistischen Produktionsweise

  • Eine moderne kommunistische Produktionsweise verlangt bestimmte objektive und subjektive Voraussetzungen. Die objektiven Voraussetzungen drücken sich aus im Stand der Technik. Statt „Stagnation und Fäulnis“ (Lenin) entwickelte und entwickelt der Kapitalismus in seinem „letzten Stadium“ in einem – im historischen Vergleich - teilweise atemberaubenden Tempo neue Technologien. In vieler Hinsicht ermöglichen diese Technologien eine Kommunalisierung von Produktion und Netzwerke selbstverwalteter freier Assoziationen. Ohne solche neuen Technologien wäre eine dezentral organisierte Bedarfswirtschaft wohl nur um den Preis von Verzicht und lokaler Abschottung zu haben. Manches, was in der Geschichte der kapitalistischen Produktionsweise, als zentralisierte Großtechnologie entstand und scheinbar alternativlos war, wird heute als dezentrale Vernetzung vorstell- und machbar. Manches, was nur um den Preis gigantischer Umweltzerstörung und -vergiftung zu haben war, wird heute machbar unter Berücksichtigung moderner ökologischer Erkenntnisse und der Anwendung entsprechender Technologien. Das gilt zweifellos für die Erschließung nicht menschlicher Energie (ein Eckpfeiler für hohe Arbeitsproduktivität) für die Produktion (Windenergie, Solarenergie etc.). Das gilt wohl mittlerweile auch für eine wesentliche Grundstoffindustrie: die chemische Industrie und die durch sie erzeugten Kunststoffe.


    I.

    Herrmann Fischer, Öko-Pionier und Kapitalist, hat jetzt ein Buch unter dem Titel „Stoffwechsel“ veröffentlicht. In einem Interview („Heute aus Erdöl, morgen aus Hanf“) mit der Frankfurter Rundschau/Berliner Zeitung beantwortet er die Frage, wie er sich die Chemieindustrie der Zukunft – ohne Erdöl - vorstellt, so:
    „Der Umbau beginnt wahrscheinlich nicht mit den Massenprodukten wie Polypropylen oder Polyethylen, sondern in der Spezialitätenchemie, bei Farben beispielsweise, Dämmstoffen, Bodenbelegen, Textilien oder Körperpflegeprodukten. Ich stelle mir vor, dass auf lokaler Ebene Kleinfabriken mit 10 bis 20 Beschäftigten entstehen. Die Rohstoffe kommen von nahe gelegenen Wäldern oder Feldern. Auch in den Städten werden Minifabriken gebaut, es entsteht eine Art „Urban Chemistry“, deren Grundstoffe an Fassaden oder auf Dachterrassen wachsen. Die Chemie ist nicht länger auf extrem giftige Reagenzien angewiesen, deshalb darf sie nahe an den Menschen rücken. Es wird eine große Vielfalt an Produkten geben, maßgeschneidert für den individuellen Bedarf.“
    (Wer sich das ganze Interview herunterladen möchte, der findet es hier:
    http://www.genios.de/presse-ar…aus-hanf-h/113025440.html. Leider gibt es das nur zu einem Preis von knapp 3 Euro.)


    Dass eine solche Chemieindustrie eine Reihe neuer, anderer Probleme aufwirft, soll hier weder bestritten noch weiter diskutiert werden. (Nutzung der begrenzten landwirtschaftlichen Flächen etc.) Allein, dass sich die Möglichkeit eine kommunalen chemischen Industrie eröffnet, sollte für KommunistInnen Anlass genug sein, solche Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen.


    II.

    Selbst unter eingefleischten Marxisten-Leninisten, die keine Gelegenheit auslassen, den „Realsozialismus“ zu verteidigen, machen sich heute folgende Erkenntnisse breit:
    „Da zentralistische Lösungen entfallen, rücken Konzepte der Selbstorganisation ins Blickfeld.“ (Helmut Dunkhase in „Kommunismus = Sowjetmacht + Internet“; den ganzen Text hänge ich an; Hervorhebungen stammen von mir. )
    „Und damit lüftet sich das Geheimnis, was es denn mit der Sowjetmacht im künftigen Kommunismus auf sich habe. Es ist die Macht der vernetzten betrieblichen und kommunalen Räte, die erforderlich ist um diese Aufgabe mit nüchternem Verstand und heißem Herzen zu erfüllen.“ (ebenda)


    Die Möglichkeiten zur Vernetzung betrieblicher und kommunaler Räte, die Möglichkeiten einer Planung als gesellschaftlichem Kommunikationsprozess auf der Basis von Selbstorganisation, erschließen sich danach mit der Entwicklung der modernen Informations- und Kommunikationstechnologien.


    Dunkhase stellt ferner fest, das der Kapitalismus gute Vorarbeit geleistet habe (trotz Fäulnis und Stagnation! ;-)):
    „Seine fortgeschrittensten Produktionskonzepte zeigen eine Tendenz zur Dezentralisierung und Modularisierung. Das Modul ist als sich selbstorganisierendes Element mit nur wenigen Schnittstellen mit dem gesamten Fertigungsprozeß verbunden. … Das verbindende Element zwischen den autonomen Einheiten bildet dann ausschließlich ein umfassendes Informationssystem, mit dem alle Informationen flächendeckend verfügbar gemacht werden. Der Dialog verläuft in Form einer Anfrage, auf welche jedes andere Element spontan reagieren kann. …
    Die Transformation von hierarchischen in Kooperationsbeziehungen kann sich im Kapitalismus jedoch nur in widersprüchlicher Form vollziehen, weil dieser sich seinem Wesen nach nur als Gewaltverhältnis, das intern als von oben nach unten durchgereichtes Diktat erlebt wird, reproduzieren kann. ... Dennoch: unter dem Aspekt der Organisation des Arbeitsprozesses, der "Verwaltung von Sachen", ist die Transformation in eine Kooperationsbeziehung genauso unbestreitbar wie die des aus dem Unternehmen ausgelagerten, nun in eigener Regie arbeitenden Zuliefererbetriebes. Der Kapitalismus pervertiert auch hier, was Sozialismus sein soll. “ (ebenda)


    Die hier kurz vorgestellte Skizze von Dunkhase enthält auch eine Kritik an „zentralistischer Planung“.
    Zentralistische Planung war und ist aus seiner Sicht kein geeignetes Mittel in und für eine kommunistische Produktionsweise. Das hindert ihn allerdings nicht daran, den „Realsozialismus“ als Sozialismus zu kennzeichnen, obwohl kein Zweifel daran bestehen kann, dass in dieser „sozialistischen“ Produktionsweise die „Kooperationsbeziehungen“ hierarchisch waren und „als Gewaltverhältnis, das intern als von oben nach unten durchgereichtes Diktat“ erlebt wurden. In dieser Beziehung unterschied sich der „Sozialismus“ nicht vom Kapitalismus. Mehr noch: Beruhte der Antikommunismus zu Marx Lebzeiten wesentlich auf Gruselmärchen ohne jede Grundlage, so lieferte der „Realsozialismus“ Fakten, die erst den nachhaltigen Erfolg des Antikommunismus ermöglichten, ihm sozusagen eine empirisch nachvollziehbare Grundlage verschafften.
    Zentralistische Lösungen „entfallen“ nicht im Selbstlauf, sondern dadurch, dass man sie vorbehaltlos kritisiert und auf sie verzichtet. Zentralistische Lösungen „entfallen“ nicht, wenn man am Bolschewismus festhält und diesen erklärten Feind jeder dezentralen Selbstorganisation als unverzichtbares Mittel auf dem Weg zu sozialer Emanzipation begreift. Wenn man den Bock zum Gärtner machen will, dann wird aus dem Garten nichts!


    Soweit sich aus den angesprochenen Entwicklungen programmatische Rückschlüsse ziehen lassen, liegen wir mit dem Vorschlag des Bochumer Programms schon mal nicht schlecht!! :thumbsup:


    Robert Schlosser

Share

Comments