Zum Verhältnis von Ökonomie und Kultur

  • Das Verhältnis von Kultur und Ökonomie ist noch weitgehend unbearbeitet. Schon in den Grundfragen herrscht Unklarheit darüber, ob Kultur etwas in sich Ganzes oder nur Überbau von anderem, Erscheinungswelt ökonomischer Verhältnisse, deren Widerspiegelung ist. Als eine in sich geschlossene Ganzheit hätte sie eine eigene Substanz, die sich von der ökonomischen unterscheidet und ihr eine eigene Begrifflichkeit verleiht. Will man das unterscheiden, so könnte man die Wirtschaftlichkeit aus ihrem Nutzen, die Kultur aus ihrem Sinn begründen. Die Diskussion um Ökonomie und Kultur unterstellt also schon, dass beides nicht unmittelbar eins sind. Sie müsste also um das Auseinanderfallen von Sinn und Nutzen im Kapitalismus gehen.


    Besonders unter Marxisten war Kultur meist nur als Phänomen, bestenfalls als bürgerlich verselbständigte Sphäre, als "Überbau" von Ökonomie aufgefasst worden, für die es nur bedeutend sein kann, sie auf ihre Basis, auf ihre ökonomischen Bedingtheit zurückzuführen. Aber gerade dies hatte den Marxismus auf ein Bewusstsein reduziert, das die Erscheinungsformen der kulturellen Verhältnisse - besonders die zwischenmenschlichen, seelischen und massenpsychologischen - nicht mehr hinreichend erklären oder auf sie eingehen konnte. Sein Unvermögen, Faschismus, Rassismus und Antisemitismus zu begreifen, beweist das ebenenso, wie die völkische Begrifflichkeit, der sich auch Marxisten in der Arbeiterbewegung kritiklos zugewandt hatten. Um den modernen Kapitalismus, besonders die Auswirkungen der Globalisierung, die fortschreitende Kulturenteignung, überhaupt hinreichend beschreiben zu können, ist eine substanzielle Kulturtheorie unabdingbar. Ohne diese würden die wesentlichen Phänomene der Postmodernen nur den Rechten überlassen werden: Die Vernichtung von Infrastrukturen und Wirtschaftskreisläufen. Und die nehmen dies zur Begründung ihres Hauptanliegens, der Schaffung eines nationalen Kulturstaats.


    Dass Kultur auf Ökonomie gründet, bleibt Binsenweisheit; dass sie aber nicht bloße Reflexion ist sondern durchaus eigene Substanz hat, die sich nicht nur existenziell, sondern unmittelbar auch im Menschen und zwischen Menschen entfaltet, ist bei weitem nicht hinreichend untersucht - vielleicht auch aus Furcht, damit die unsäglichen Versuche einer Psychoökonomie fortsetzen zu müssen (z.B. W. Reich). Aber gerade darin besteht ein wesentlicher Irrtum: Was im Menschen greift, muss nicht menschlich sein, weder seiner Natur entsprechen, noch seinem Geist, noch seinem Verlangen, seiner konkreten Sinnlichkeit. Gerade dies als objektiv begründet herauszuarbeiten macht die Sprengkraft unserer Zeit: Kultur selbst ist zum Mittel des Kapitals geworden, nicht äußerlich als Manipulationsmittel für einen fremden Zweck, sondern als selbständige Vermittlungsform menschlicher Beziehungen zwischen den Menschen, als Sinn, der von der kapitalistischen Wirtschaftsform bestimmt ist und von dem abstrahiert, was die Menschen füreinander und für sich sind. Solange die ökonomischen Verhältnisse des Nutzens von den kulturellen Verhältnisse ihrer Sinnbeziehungen getrennt bleiben, bleiben auch die ökonomischen Potenzen des gesellschaftlichen Reichtums in ihrer gesellschftlichen und daher auch gesellschaftverändernden Kraft politisch blockiert. Es geht daher nicht mehr einfach nur um die Kritik der politischen Ökonomie, sondern auch um die Kritik der politischen Kultur, die auf die ökonomische Form dieser Gesellschaft verweist.


    Politisch ist eine Wirtschaftsform dort, wo sie sich nicht in der Wirtschaftlichkeit menschlicher Arbeit begründet, sondern aus gesellschaftlichen Machtstrukturen. Der Kapitalismus ist eine Wirtschaftsform, die in ihrer Entstehung durchaus wirtschaftlich war, die aber in seiner Geschichte sich zu einer politischen Machtstruktur des Kapitals entwickelt hat, die sich zunehmend gegen sinnvolle wirtschaftliche Verhältnisse wendet. In der Phase der Globalisierung hat sich diese politische Macht zudem substantiviert als kulturelle Macht, als Verfügungspotenz, die sich gegen die Grundlagen menschlicher Kultur richtet: Landschaft, gesunde Lebensweise und gesellschaftliches Zusammenleben.


    Nicht nur die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse, sondern auch die Gesellschaft als Kulturform für sich, als sozialer Lebenszusammenhang als solcher, als zwischenmenschliche Allgemeinheit, erweist sich für die Menschen als ein Machtverhältnis, von welchem sie abhängig sind, das sie nicht mehr wesentlich gestalten können, von dem ihr praktisches Leben aber weitgehend gestaltet wird. Ihre Abhängigkeit von ihrer Gesellschaft als kulturelles Verhältnis wird als Mittel dieser Politik genutzt, um sie in einer Ökonomie zu verdingen, die für sie keinen Sinn mehr hat und deren Arbeitsabläufe selbst nurmehr sinnentleert, Reproduktionen von gewohnten Gegebenheiten in beständig wechselndem Glanz und Design sind. Es entsteht auf diese Weise eine Staatskultur, die in ihrer Frühform zum Faschismus führte, sich heute aber eher als eine Kultur der freiwilligen Selbstunterwerfung entwickelt und als soziales Bindemittel Unterhaltung und Selbststimulation benötigt und aus beliebigen Wirklichkeiten psychische Sensationen bereitet, eine Bühne des herausgekehrten Lebensalltags. Sie macht alles zum Mitmenschen, auch das Unbegreifliche oder Unbegriffene, macht vor nichts und niemanden halt, weil sie dem Trieb der Eingemeindung aller Seelen folgt. Ob Hitler oder Einstein, alles lässt sich als Beispiel menschlicher Natur auch in ihrer schrulligsten Form erklären, wenn man so will. Und die Schrulligkeit des Besonderen und Absonderlichen macht die einzige Bewegung aus, die der Selbstunterwerfung einen aparten Sinn verleiht in der Zwischenmenschlichkeit einer Gemeinde potenzieller Genies, die sich ihrer Übermenschlichkeit nur gewahr werden können, wenn sie ihre Beziehungen in einem Gemeinsinn verwirklichen können, dem gemeinen Übermenschen. Der muss verkörpert werden, wo immer es geht, um dem Leben Sinn zu verleihen - ein Leben einverleibter Sinne zu schaffen. Kultur ist so zu einer Mythologie des besonderen, weil abgesonderten Individuums geworden, die nicht mehr nur einer besonderen Schicht, dem Geldadel und gehobenen Bürgertum, entspricht, sondern einer ganzen Gesellschaft, der Dienstleistungsgesellschaft.


    Darin wird Kulturkritik zu einem immer wichtigeren Moment einer Gesellschaftskritik, die zugleich eine vermittelte Kritik der politischen Ökonomie ist. Die Grundlagen hierfür sind daher sowohl kulturtheoretisch als auch wirtschaftstheoretisch. Darin wird sich die Kritik der polischen Ökonomie zwangsläufig mit der Kritik der politischen Kultur verbinden, denn diese Kritik hat die Beziehung zu verwirklichen, die durch die Abstraktionen ihrer politischen Formationen entfremdet ist: Die Einheit von Sinn und Nutzen im gesellschaftlichen Leben der Menschen.

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Comments 65

  • Hallo Wolfram, du benennst hier neue Ausgangspunkte für eine Kultur- bzw. Gesellschaftskritik. Das macht mich erst mal neugierig, was daraus folgt. „Ökonomie“ und „Kultur“ sind ja grobe Abstraktionen, die vielleicht in unseren Köpfen, aber nicht außer uns existieren. Außer uns existieren historisch gewordene, konkrete Wirtschaftsformen und historisch gewordene, nationale (?) Kulturen in vielfältigen Abstufungen und Verwerfungen nebeneinander. Du gehst von abstrakten und einfachen Begriffen aus: „Wirtschaftlichkeit als Nutzen“ und „Kultur als Sinngebung“. Habe ich das so richtig verstanden? Wie viel damit anzufangen ist, lässt sich meiner Meinung nach erst beurteilen, wenn der Begriff in den Niederungen der konkreten Wirklichkeit ankommt und sich dort als Ordnungsprinzip einer verwirrenden Vielfalt bewährt. Gruß Wal
    • Hallo Wal, ja das sind natürlich Abstraktionen, durch die sich Zusammenhänge auf einer allgemeineren Ebene darstellen lassen. Ich habe hierbei erstmal nur die Substanzen benannt, um die es hierbei gehen müsste. Nach Marx ist ja Wirtschaft auch substanziell in ihrer einfachsten Bestimmung nur die Nützlichkeit der Eigenschaften eines Dings, die es zum Gebrauchswert macht. Und in dieser Form bezieht es sich zugleich gesellschaftlich im Warentausch nur durch seinen Wert. Nützlichkeit existiert hier als Wertding, wodurch der Gebrauchswert im Tauschwert in relativen Verhältnissen erscheinen und nach Angebot und Nachfrage verpreist wird. Und so sehe ich das auch mit der Sinnbildung in der Kultur, wie sie im historischen Materialismus beschrieben ist. "Die bisherige Geschichte war die Geschichte der Bildung der menschlichen fünf Sinne". Das ist lediglich eine Ausgangslage für das Denken hierüber, also der Konkretisierung vorausgesetzt. Es muss sich aber nach meinem Verständnis (das nicht strukturalistisch ist) nicht als Ordnungsprinzip erweisen, sondern als Substanz einer Wirklichkeit, in der sich die Menschen über ihre Sinnbeziehungen auch Jenseits ihrer wirtschaftlichen Beziehungen entzweien können, geradezu in der Vertauschung von Wirtschaft und Kultur, in der Verkehrung von zwischenmenschlichen Beziehungen in Verhältnisse von Nützlichkeit, durch die sich die Menschen subjektiv selbst als Mensch mit Haut und Haaren, Geschlecht und Sinn – und nicht als Arbeitskraft - dienstbar machen müssen, um in zwischenmenschlicher Gesellschaft (als Gemeinschaft) zu sein. Nur hierdurch ist es möglich, sie gegen ihre objektiven wirtschaftlichen Interessen zu bestimmen, ihrer z.B.über eine Eventkultur oder "Tittytainment" habhaft zu werden und ihre wirtschaftliche Lage in den Hintergrund zu stellen, sie unempfindlich hiergegen zu machen. Ich hoffe, dass dies zu verstehen ist.
    • Das Zitat, das du hier anführst, kenne ich nicht. Vielleicht kannst du noch Autor und Schrift nennen? Gruß Wal
    • Es ist ein etwas frei erinnertes Zitat: "Denn nicht nur die 5 Sinne, sondern auch die sogenannten geistigen Sinne, die praktischen Sinne (Wille, Liebe etc.), mit einem Wort der menschliche Sinn, die Menschlichkeit der Sinne wird erst durch das Dasein seines Gegenstandes, durch die vermenschlichte Natur. Die Bildung der 5 Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte." (Karl Marx 1844 in MEW 40, S. 542)
    • "Ich hoffe, dass dies zu verstehen ist." - Mal eine ganz simple Frage zum Vorgehen, Wolfram: Angesichts dessen, dass die von dir hier vorgetragene Theorie auf der kulturkritik-Website bereits dargestellt ist - wie wollen wir verfahren? Sollen wir uns auf dortige Texte beziehen (können), und sie zum Verständnis des hier von dir Gesagten heranziehen? Oder soll ausschliesslich das hier Geschriebene Gegenstand sein - was hiesse, dass du es für sich bereits verständlich machen müsstest. In deinen Ausdrucksweisen, die stark von eigner Terminologie durchsetzt sind (zB. "Substanz"; "bezieht sich" (ohne ergänzendes "auf"), ist bislang viel verdichtetes Thesen- und Begriffsmaterial enthalten, das wir - auch wenn es umständlich wird - uU auspacken müssten, um dir folgen zu knnen. Nicht umsonst wimmeln ja die Texte im Kompendium der kulturkritik-Seite von verlinkten, ihrerseits erläuterungsbedürftigen Begriffen, die aufeinander verweisen (gibt es da eine HIerarchie?). Aber daneben stehen, zusätzlich, in deiner Antwort an Wal Sätze wie: Wirtschaft IST...in ihrer einfachsten Bestimmung nur DIE Nützlichkeit der Eigenschaften eines Dings. Das klingt seltsam, oder? Kann es sein, dass dir da in der Eile eine Verkürzung des eigentlichen Gedankens unterlaufen ist (irgendwas im Sinne von: Wirtschaft ist das Sich-Verhalten-zu (der Tatsache der Nützlichkeit usw) auf ges. Stufenleiter....)? Wie auch immer es ist - ich bitte dich einfach, dir die nötige Zeit zum Darstellen deiner Gedanken zu nehmen. Wir nehmen uns ja auch die Zeit, sie nachzuvollziehen. Wenn du erst zum März richtig einsteigen kannst, warte zumindest ich gerne solange, und vertiefe mich vorerst mal ins Kompendium der Kulturkritik...
    • Hallo Franziska, hallo Wolfram, ganz gleich, wie Du oder Wolfram in dieser Sache verfahren, ich äußere mich grundsätzlich zu dem Text, der mir hier vor Augen steht und ich finde, jeder, der hier schreibt, kann üblicherweise von den Lesern hier auch nicht mehr erwarten. Gruß Wal