Karl-Marx-Diskussionsforum (Archiv 2007-2012)


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verfasst von Wal Buchenberg(R), 13.01.2012, 14:46

Das Bochumer Programm beginnt mit dem Satz: „Immer noch herrschen Kapitalisten über ihre Unternehmen wie Könige.“
Karl-Heinz Schubert fällt dazu nur Rio Reiser ein: „Wenn ich König von Deutschland wär“ und findet das „unterste ideologische Kajüte“.

Statt beim deutschen Liedgut hätte Karl-Heinz Schubert auch im ersten Band des „Kapitals“ von Marx nachlesen können, wo steht: "'Es geschah in vergangenen Zeiten, dass diese asiatischen Staaten nach Bestreitung ihrer Zivil- und Militärausgaben sich im Besitz eines Überschusses von Lebensmitteln befanden, die sie für Werke der Pracht und des Nutzens verausgaben konnten. ... Es war die Konzentration der Revenuen, wovon die Arbeiter leben, in einer Hand oder in wenigen Händen, welche solche Unternehmungen möglich machte.' (Zitatende von R. Jones) Diese Macht asiatischer und ägyptischer Könige oder etruskischer Theokraten usw. ist in der modernen Gesellschaft auf den Kapitalisten übergegangen, ob er nun als vereinzelter Kapitalist auftritt, oder, wie bei Aktiengesellschaften, als kombinierter Kapitalist.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 353.

Auch mit den Geschichtskenntnissen von Karl-Heinz Schubert ist es nicht weit her. Unter dem Stichwort „König“ kennt er nur Fürsten, die absolut herrschen und über dem Gesetz stehen. Tatsächlich sind die modernen Kapitalisten dem Gesetz unterworfen. Von konstitutionellen Königen (dem Gesetz unterworfenen Königen) hat Karl-Heinz Schubert noch nichts gehört.
Und er weiß auch nichts über das Eigentumsrecht, das eine Sache dem Willen ihres Eigners unterwirft.
„Das Recht des Privateigentums ist das ‚jus utendi et abutendi‘, das Recht der Willkür über die Sache.“ K. Marx, Kritik des Hegelschen Staatsrechts, MEW 1, 315.
Auch wenn Karl-Heinz Schubert seinen Marx vergessen hat, könnte er in Wikipedia nachlesen, dass das Eigentum „die Anerkennung der beliebigen Verfügungsgewalt des Eigentümers“ über seine Sache ist. Diese „beliebige Verfügungsgewalt“ wird allerdings durch den Klassenkampf aller Nichteigner (und in der Folge dann durch Gesetz) beschränkt. Diese Beschränkung ist die Nebensache des Eigentumrechts, die Karl-Heinz Schubert zur Hauptsache macht.

Dass Wirtschaftsunternehmen auch im 21. Jahrhundert noch als „Sachen“ gelten, die dem Willen ihres privaten Eigentümers unterworfen sind, das ist tatsächlich ein Skandal, den Karl-Heinz Schubert nicht unwidersprochen stehen lassen will. Dass die Kapitalisten in der Tat über ihre Unternehmen ein „jus utendi et abutendi“ haben, das wird auch für diejenigen, die nie den kapitalistischen Betrieb am eigenen Leib erfahren haben, spätestens dann deutlich, wenn ein Kapitalist entscheidet, sein Unternehmen zu schließen. Das kommt in Deutschland Jahr für Jahr in rund 200.000 Fällen vor.

Karl-Heinz Schubert unterstellt absurderweise, dass es uns „Bochumern“ statt um die Beseitigung des kapitalistischen Eigentums um die „Beseitigung von Personen“ ginge und verweist darauf, dass nicht die „KapitalistInnen als Personen“ beseitigt werden sollen. Wer hätte das gedacht?

Anders als Karl-Heinz Schubert glauben wir Bochumer nicht an irgendwelche überpersonalen Mächte („das Kapital“), sondern daran, dass Menschen(klassen) über Menschen(klassen) herrschen. Wir halten uns auch hier an die einfache Feststellung von Karl Marx: „Das Kapital ist wesentlich Kapitalist.“ K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 412.

Auch den nächsten Satz des Bochumer Programms nimmt Karl-Heinz Schubert auseinander, ohne ihn verstanden zu haben.
Als Lesehilfe beginne ich mit der Kernaussage: „In Politik und Staat ... stehen die Interessen der Kapitaleigner an erster Stelle.“
Diese einfache Aussage rückt Karl-Heinz Schubert in die Nähe der „bürgerlichen Medien“ und der „Wutbürger“, die gegen Herrn Wulff demonstrieren.
Mit solchen demogogischen Vergleichen knüppelt Karl-Heinz Schubert auf eine Aussage ein, die unter (radikalen) Linken unumstritten ist. Und warum? Weil im Bochumer Programm auch noch die Mittel benannt sind, mit denen die Kapitalistenklasse ihre Staatsdiener steuert und dirigiert: „Neben Lobbyarbeit und Bestechung durch die ‚ökonomischen Notwendigkeiten’“? Was ist an dieser Aufzählung kapitalistischer Beeinflussung auszusetzen? Das bleibt das Geheimnis von Karl-Heinz Schubert.
Aus der Feststellung des Bochumer Programms, dass in unserem Staat ökonomische Interessen an „erster Stelle stehen“ und nachfolgende "Stellen" nicht genannt werden, macht Karl-Heinz Schubert, dass das Bochumer Programm nur ökonomische Interessen kennt und nichts sonst. Das ist eine sehr eigenwillige Lesart.
Karl-Heinz Schubert ist ein „Wutleser“, der kein gutes Haar am Bochumer Programm lassen will.

Dann beehrt uns Karl-Heinz Schubert mit seiner ureigenen Staatstheorie, die vom Nationalismus über den Internationalismus zum Patriarchat wandert und als neuen, unpersönlichen Obergott und Oberherrscher das „international agierende Kapital“ ausmacht. Das „international agierende Kapital“ ist für Karl-Heinz Schubert offenbar eine Macht, die wohl Hände und Taschen, aber keine Gesichter und keine Namen hat.
Im Vergleich zu dieser tiefschürfenden Staatsvorstellung ist das Bochumer Programm tatsächlich „theoretisch enthaltsam“, wie Karl-Heinz Schubert feststellt.

Der nächste Prügel mit dem Karl-Heinz Schubert auf das Bochumer Programm einschlägt ist der Syndikalismus von Rudolf Rocker.
Ich weiß nicht, wie es den anderen Initiatoren des Bochumer Programms geht, aber ich habe nie eine Zeile von Rudolf Rocker gelesen. Ich kann deshalb nur wie in einem Filmvorspann sagen: Übereinstimmungen mit wirklichen Personen und wirklichen Ereignissen sind rein zufällig, aber gewollt ;-). Mag sein, dass es im Bochumer Programm Übereinstimmungen mit einem Rocker und hundert anderen klugen Leuten gibt. Ja und?

Im Rest seines Pamphlets beschränkt sich Karl-Heinz Schubert darauf, dem Bochumer Programm „Syndikalismus“ vorzuwerfen. Das ist natürlich ein niederschmetternder Vorwurf für einen Text, der ausdrücklich kein traditionskommunistisches Programm sein will, sondern ein Minimalprogramm, auf das sich Anarchisten, Syndikalisten, Sozialisten und Kommunisten einigen können – wenn sie denn wollten.

Karl-Heinz Schubert will das nicht.
Ich nehme das zur Kenntnis und schere mich nicht weiter um solche unsägliche Kritik.

Gruß Wal Buchenberg

 

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