Posts by Wal Buchenberg

    Das c (Rostoffe, Energie, Maschinerie, was ja fertig produziert in den Warenwert eingeht) wIrd in der bürgerlichen Statistik als "Vorleistungen" aus dem BIP herausgerechnet.

    Was dann bleibt, ist - mehr oder minder - das in dem Zeitraum geschaffene und verkaufte Neuprodukt.

    In einem Zeitraum (Quartal oder Jahr) wird die Summe dieses verkauften Neuprodukts auf die Summe des Vorjahreszeitraums bezogen. Daraus ergibt sich eine prozentige Veränderung in plus oder in minus.

    Vier Quartalszahlen von einem Prozent ergeben ein Jahreswachstum von einem Prozent, weil Vier mal ein Viertel = 1.

    Dazu ein aktuelles Statement von Holger Wendt:


    „In der zweiten deutschen Ausgabe von 1872 heißt es: »Eine einzelne Waare, ein Quarter Weizen z. B. tauscht sich in den verschiedensten Proportionen mit anderen Artikeln aus. Dennoch bleibt sein Tauschwert unverändert, ob in x Stiefelwichse, y Seide, z Gold u. s. w. ausgedrückt. Er muss also einen von diesen verschiedenen Ausdrucksweisen unterscheidbaren Gehalt haben.« (Marx-Engels-Gesamtausgabe II.6, 71)

    Diese Aussage ist schief: Der Begriff Tauschwert wird im zweiten Satz, ähnlich wie in der klassischen Ökonomie, synonym zum Begriff Wert gebraucht. Marx hatte jedoch zwischenzeitlich eine wichtige Differenzierung eingeführt; der Wert als wesentliches Verhältnis ist vom Tauschwert als dessen Erscheinungsform zu unterscheiden. Insofern bleibt im Beispiel zwar der Wert des Weizens unverändert, als Tauschwert erscheint er jedoch in jeweils anderer Form – eben in Form von x Stiefelwichse oder von y Seide oder von z Gold.

    Marx erkannte diese Ungenauigkeit, strich in seinem Handexemplar den fehlerhaften Satz aus und zeigte mittels Einfügungszeichen an, dass er an seiner Statt eine Ergänzung plante. In der dritten und vierten deutschen Ausgabe lautet die entsprechende Passage sachlich korrekt: »Eine gewisse Ware, ein Quarter Weizen z. B. tauscht, sich mit x Stiefelwichse oder mit y Seide oder mit z Gold usw., kurz mit andern Waren in den verschiedensten Proportionen. Mannigfache Tauschwerte also hat der Weizen statt eines einzigen. Aber da x Stiefelwichse, ebenso y Seide, ebenso z Gold usw. der Tauschwert von einem Quarter Weizen ist, müssen x Stiefelwichse, y Seide, z Gold usw. durch einander ersetzbare oder einander gleich große Tauschwerte sein. Es folgt daher erstens: Die gültigen Tauschwerte derselben Ware drücken ein Gleiches aus. Zweitens aber: Der Tauschwert kann überhaupt nur die Ausdrucksweise, die ›Erscheinungsform‹ eines von ihm unterscheidbaren Gehalts sein.« (MEW 23, 51)“

    (Hervorhebung von w.b.)


    Anmerkung und HInweis:

    Es ist sprachlich und wissenschaftlich korrekt, Tauschwert und Wert zu unterscheiden. Tauschwert ist das an einer Einzelware Sichtbare und Messbare, "Wert" ist die zugrunde liegende gesellschaftliche Wirklichkeit. Eine Unterscheidung, die ich in meinen Texten nie gemacht hatte. Wo ich "Tauschwert" schrieb, meinte ich in aller Regel "Wert".

    Hallo Pfeilregen,

    üblicherweise beziehen sich Quartalszahlen auf den Vorjahreszeitraum. Die Jahresrate ist der Durchschnitt der vier Quartalsraten: Veränderung der gemessenen (Gesamt/"Volks")Wirtschaftsleistung in Prozent.

    Aber selbst wenn diese Zahlen irgendwie anders ("falsch") gemessen und berechnet wären: Da die Berechnungsgrundlage für alle gleich Länder ist, bildet sie in jedem Fall die wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse und deren Veränderung ab.

    Der aktuelle „Economist“ ist der kommenden Krise gewidmet.

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    Aber Neues erfahren die Leser nicht. Der Economist weist darauf hin, dass im Kapitalismus auf jede Wachstumsphase nach 7 oder 10 Jahren eine Krise folgt mit „einer Verlangsamung der Wirtschaftswachstumsrate, einem Rückgang im Handel und einer Verminderung des Finanzsektors“. (Economist) (Welche schlimmen Auswirkungen jede Krise auf uns Lohnabhängige hat, darüber macht sich der Economist keine Gedanken.)

    Seit der Krise des Jahres 2008 seien nun 10 Jahre (schwachen) Wachstums vergangen, also sei mit einer neuen Krise zu rechnen. Als möglichen Auslöser der Krise sieht der Economist die allgemeine Verschuldung: „Überall in den entwickelten Ländern ist die Staatsverschuldung über das Niveau von 100% der Jahreswirtschaftsleistung (BSP) gestiegen und liegt nun um 30 Prozent höher als im Vorkrisenjahr 2007“.

    Auch die Schuldenhöhe der Unternehmen und der Privatleute hat fast das Vorkrisenniveau wieder erreicht. In den USA hat die Unternehmensverschuldung „einen neuen Rekord von über 73% des BSP erreicht“ (Economist).

    Tieferen Einblick in die kapitalistische Ökonomie bekommen die Leser des Economists nicht.

    Ein steigendes Schuldenniveau lässt allerdings Rückschlüsse auf eine erlahmende Triebkraft der Wirtschaft zu. Überall wo Schulden wachsen, schrumpfen oder stagnieren die Einnahmen der Unternehmen, der Privatleute und der Regierungen. Länder mit einer negativen Zahlungsbilanz – das bedeutet steigende Schulden – „konsumieren mehr als sie produzieren“. (Economist).


    Die Erklärung von Karl Marx für kapitalistische Krisen ist folgende:

    „Wir haben beim Produktionsprozess gesehen, dass das ganze Streben der kapitalistischen Produktion, möglichst viel Mehrarbeit einzusaugen, also möglichst viel unmittelbare Arbeitszeit mit gegebenem Kapital zu materialisieren, sei es nun durch Verlängerung der Arbeitszeit, sei es durch Abkürzung der notwendigen Arbeitszeit, durch Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit, Anwendung von Kooperation, Teilung der Arbeit, Maschinerie etc. kurz, Produzieren auf großer Stufenleiter, also massenhaftes Produzieren. In dem Wesen der kapitalistischen Produktion liegt also Produktion ohne Rücksicht auf die Schranke des Markts.“ K. Marx, Theorien über den Mehrwert II, MEW 26.2, 522.


    Diese Überproduktion und Überakkumulation von Kapital führt notwendig zu Krisen. Überproduktion führt zu Massen von unverkäuflichen Produkten. Überakkumulation führt unter anderem zu Spekulation und zu Aktien- und Wertpapierkursen, die durch keine wirklichen Werte mehr gedeckt sind und über kurz oder lang wie ein Kartenhaus einstürzen.

    Der Economist aber behauptet: „Wirtschaftskrisen entstehen, wenn zu wenig Geld ausgegeben wird, um zu verhindern, dass die Wirtschaftsressourcen unbeschäftigt bleiben.“ Wenn Produktionsanlagen still stehen und Lohnarbeiter entlassen werden, wenn Aktienkurse einbrechen und Schulden nicht bezahlt werden, dann liege das nicht daran, dass die Kapitalisten die Produktion ohne Rücksicht auf die zahlungsfähige Nachfrage erhöht und die Spekulation ohne Rücksicht auf die Produktion vorangetrieben hätten, sondern daran, dass die Konsumenten zu wenig konsumiert hätten.

    In der Krise komme es laut Economist darauf an, "das Schulden machen und das Geld ausgeben zu erhöhen, aber um damit erfolgreich zu sein, braucht man willige und kreditwürdige Kreditnehmer, die in den Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten schwer zu finden sind."

    Unternehmen mit großen Geldreserven wollten ihr gutes Geld nicht schlechtem Geld hinterherwerfen. Private Haushalte seien überall hoch verschuldet. "Also bleiben nur die Regierungen", die während der weltweiten Finanzkrise von 2008 einen Großteil der notleidenden Firmen und Banken aufgefangen haben." (Economist)

    Der Staat muss richten, was in der kapitalistischen Ökonomie schief gelaufen ist. Der Staat soll mehr konsumieren, damit die Kapitalisten noch mehr produzieren können.

    Die Einnahmen des Staates hängen aber von der konjunkturellen Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft ab. In jeder Krise sinken die Staatseinnahmen und steigen seine Sozialausgaben. Dennoch empiehlt der Economist: Die Regierungen sollen noch mehr Schulden machen. Das ist das ziemlich hilflose Krisenkonzept, das in Japan seit Jahrzehnten ohne wirklichen Erfolg praktiziert wird.


    Die kommende Krise des Kapitalismus hat schon in der Peripherie begonnen: Argentinien und Pakistan haben den Internationalen Währungsfonds schon um Schuldenhilfe gebeten. Die Türkei steht kurz davor. Die Kredite, die diese Schuldenländer nicht mehr bedienen können, stammen aber aus den kapitalistischen Kernländern. Über kurz oder lang, wird die Schuldenkrise auf diese OECD-Staaten zurückschlagen. Die kommende Krise wird die reichen Länder noch härter treffen als die armen Länder.

    Die Wachstumsraten der reichen Länder hinken seit Jahren hinter dem Wachstum der Peripherie zurück (folgende Grafik 1), und jede der letzten Krisen, führte zu einem weiteren Schwund an Einfluss der Kernzone in der Weltwirtschaft.


    Wer sich einen Eindruck verschaffen will, was die kommende Krise mit uns Lohnabhängigen macht, der kann sich zum Beispiel in Portugal umschauen. Die Portugiesen haben das, was uns erwartet.





    Siehe auch:


    Karl Marx über Krisen


    Finale Krise des Kapitalismus?


    Kapitalistische Krisen 1792-2008


    Flucht vor der europäischen Krise


    Deutsches Wirtschaftswunder und folgende Massenarbeitslosigkeit. Klassenverhältnisse zwischen 1950 und 2013.


    The Economist: Wie kam es zur Großen Krise 2008/2009?


    Der Fall der Durchschnittsprofitrate des Kapitals und die Krisen

    Aus aktuellem Anlass:

    Die klassische Arbeiterbewegung erkämpfte die Verrechtlichung der Lohnarbeitsverhältnisse. Solche „sozialen Arbeitsstandards“ wurden auf nationaler Ebene erkämpft. Das speist den linken Nationalismus.

    Neben den Arbeitsstandards erzwang die kapitalistische Konkurrenz aber auch Produktionsstandards, die größere Stückzahlen erlauben, und Produktstandards, die möglichst Schäden von Konsumenten und damit Entschädigungsforderungen gegen Unternehmen fernhalten sollen.

    Diese Produktions- und Produktstandards wurden meist auf internationaler Ebene durchgesetzt – durch internationale Verträge und durch Abkommen innerhalb der EU.

    Die EU dient vor allem der „Kapitalselbstkontrolle“.

    Die Polemik gegen die EU speist sich hauptsächlich aus dem Willen nach unbeschränkter Kapitalherrschaft. Für die EU sind die „Kapitalkontrolleure“ gegen die EU sind die Befürworter eines „freien Unternehmertums“. Eine „soziale EU“ ist eine linke Wahnidee.


    Wal Buchenberg


    Siehe auch:

    Was ist die EU?

    Hallo Pfeil,

    Quote

    Ich finde das Bild, welches du von der Beamtenschaft zeichnest, ich nenne es einmal idealistisch. Die staatliche Bürokratie als einheitliches Abstraktum sei knöchternd, konservativ und ewig gestrig, würde sich schwerlich den dynamischen Ansprüchen der Wirtschaft oder auch den konstruktiven Begehren des Volks anpassen. Wahr ist das denke ich nicht, gerade mit der 68er-Gesinnung (ja, mag auch eine Abstraktion sein) haben immer wieder bestimmte ideologische Neuheiten den Weg in die Politik gefunden,

    Ich denke mal, du hast nicht langjährige Erfahrungen mit Beamtentum. Ich kenne aber viele ehemalige Genossen aus dem KBW und anderen kommunistischen Organisationen der 68-Generation, die irgendwann den den Sprung in das Beamtentum geschafft haben, und spätestens dann war es aus mit ihrem Rebellentum und mit ihrem kritischen Denken. Jüngere Leute wie du können sich ja die Grüne Partei ansehen. Die wurde gegründet aus den "Realos" der ML-Bewegung und ist heute nichts anderes als eine "Beamtenpartei" ohne Biss und mit viel Arroganz.


    Quote

    Es ist übrigens doch gerade die gewisse Freiheit der Beamten, die bedingungslose Versorgung usw., die zumindest in den Naturwissenschaften die Voraussetzung für "schöpferisches und kritisches Denken" besorgt.

    Dem kann ich nichts abgewinnen. Sowieso sind die meisten Wissenschaftler in Deutschland und der westlichen Welt nicht beim Staat angestellt, sondern in kapitalistischen Unternehmen. Das allein widerlegt schon deine gemütliche Vorstellung vom Beamtentum.


    Wir können ja mal eine Wette abschließen, wie viel Nobelpreisträger aus dem Beamtentum stammen und wie viele nicht.

    Übrigens kennen US-Universitäten nichts Vergleichbares wie eine deutsche lebenslange Beamtenprofessur, und trotzdem wollen "hungrige Forscher" lieber in den USA forschen als in Deutschland.

    Es geht im Hambacher Forst weniger um Bäume und Wald, als vielmehr um die Freiheit des Kapitals – ob kapitalistische Unternehmen über ihr Privateigentum willkürlich schalten und walten können. Privateigentum ist aber als „Willkürherrschaft über eine Sache“ definiert.

    Diese Willkürherrschaft über den Hambacher Forst haben die Baum-Aktivisten und ihre Unterstützerinnen den Eigentümern streitig gemacht. Das ist ein ähnlich großer Erfolg im Kampf gegen das Kapital wie damals die Durchsetzung einer Arbeitszeitbegrenzung oder wie die Erkämpfung kollektiver Lohntarife.

    In allen gewerkschaftlichen Kämpfen wird die kapitalistische Willkür über uns Lohnarbeiter in Frage gestellt. In allen Kämpfen um Schutz der Natur wird die kapitalistische Willkür über die äußere Natur (Fauna und Flora) in Frage gestellt. Das kapitalistische Eigentum an unserer Arbeitskraft ist ebenso skandalös und zerstörerisch wie das private Eigentum an Grund und Boden und unserer natürlichen Umwelt.


    Mit diesen Erfolgen ist der Kapitalismus aus der „absolutistischen Epoche“ des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts in die Epoche der „konstitutionellen“, d.h. der begrenzten Herrschaft des Kapitals hinübergetrieben worden. Es wird nicht dabei bleiben.

    Quote

    Der Beamtenstatus der Professoren allein sichert schon, dass sich wissenschaftliche Kritik nicht gegen Staat und Wirtschaft richtet.

    Sehr richtig, in Bildungsinstitutionen, theoretisch natürlich vorwiegend in den Geistes- und Sozialwissenschaften, ist die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ der offiziell höchste Wert; und nicht umsonst sind Argumente etwas anderes als Werte, weshalb dieser über die ganze Welt goldig schimmernde Wert ohne weiteren Grund also für sich selbst spricht und damit sogar etwa laut Schulverordnungen gar nicht zur Kritik oder Debatte stehen darf. So nimmt es nicht Wunder, dass alle Lehrer hierzulande wie Soldaten einen Treueeid auf das deutsche Vaterland und seine kapitalistische Verfassung ablegen müssen – von Unparteilichkeit des einzig existenten ausgebildeten Lehrpersonals aller jungen Bürger kann allein daher mitnichten die Rede sein.


    Und auch ein Blick ins deutsche Grundgesetz mag lehrreich sein: „Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.“ (Art. 5 Abs. 3). Es ist schon merkwürdig, ausgerechnet der Bereich der Bildung, in dem es um die Erklärung der Objektivität der Welt geht, womit subjektive Vorurteile diesem Vorhaben im Wege stehen, ausgerechnet hier schreibt die höchste Gewalt voreingenommene Weltanschauung vor – welche das loyalitätspflichtige Beamtentum jedoch ausgezeichnet befolgt.

    Hallo Pfeilregen,

    ich denke, die Vorschriften, die die Herrschenden ihren Staatsdienern machen, sind nicht "merkwürdig", sondern berechtigt und gehen aus der Doppelnatur des Beamtentums hervor. Einerseits ist jeder Beamte auf dem Status quo verpflichtet, andererseits muss/will die herrschende Klasse freie Hand haben, um die politischen Verhältnisse immer neu ihren Bedürfnissen bzw. den Bedürfnissen des Kapitals anzupassen. Dem sollen Beamte blind folgen. Über diesen Konflikt zwischen politischem Gestaltungswillen und Beamtengehorsam war auch der VS-Präsident Maaßen gestolpert. Solche Konflikte ziehen sich durch die deutsche Politik.

    Beim Wechsel von Monarchie zum Parlamentarismus in der Revolution 1918/19 blieb die deutsche Beamtenschaft dem Militarismus und Monarchismus verpflichtet und war das Haupthindernis für eine demokratische Modernisierung des Staates. Die Nazi-Bewegung, die sich als "moderne Form des Konservatismus" präsentierte, fand deshalb viele heimliche und offene Unterstützer in der Beamtenschaft.


    Die Beamtenschaft ist insgesamt ein großes Hindernis für jede Demokratisierung in Deutschland.

    Und was den Wissenschaftsbetrieb angeht, behaupte ich (ohne es überprüft zu haben), dass weniger als 5% der großen Forscher und Wissenschaftler der letzten 150 Jahre verbeamtet waren.

    Der Beamtenstatus ist also auch ein Hindernis für schöpferisches und kritisches Denken.


    Meines Wissens gibt es aber in Deutschland keine linke Strömung, die eine Abschaffung des Deamtentums fordert. Durch Beibehaltung des Beamtentums fesselt sich jede Bewegung die Füße.

    Sozialstaat und Sozialpolitik werden in Gesellschaft und Wissenschaft gleichermaßen dafür gerühmt, dass sie organisierte staatliche Hilfe darstellen. Sie gelten als Gütesiegel moderner Staaten. Und gerade die Bundesrepublik lässt sich für ihre weit ausgebaute und funktionierende Sozialpolitik gerne loben. Die verschiedenen Handlungsfelder dieser Sozialpolitik zeugen allerdings zunächst einmal davon, wie viele Notlagen und Missstände in dieser Gesellschaft existieren. Denn Hilfe unterstellt Hilfsbedürftigkeit, d.h. Notlagen, aus denen Betroffene alleine nicht herauskommen.


    Absolute und relative Armut

    Wenn eine ganze Abteilung des Staates eigens dafür eingerichtet wird, diese Notlagen zu bewältigen, dann können die Fälle nicht zufällig auftreten. Allen Verlautbarungen über die segensreichen Wirkungen des »freien Markts« und seiner unsichtbaren Hand zum Trotz rechnet zumindest der soziale Staat damit, dass seine Gesellschaft regelmäßig ein ganzes Sortiment von Sozialfällen hervorbringt. Das, was die Sozialwissenschaft als »Lebensrisiken« der modernen Individuen bezeichnet, ist der Sache nach die Armut jener, die den Reichtum dieser Gesellschaft als Lohnabhängige mit ihrer Arbeit herstellen, vermehren und verwalten. Arm sind sie, weil sie ausgeschlossen sind von den Produktionsmitteln, um in der »Marktwirtschaft« selbständig Waren zu produzieren, zu verkaufen und damit Geld zu verdienen. In diesem objektiven – weil am Maßstab dieser Gesellschaft gültigen – Sinn sind sie absolut arm. Das begründet überhaupt ihre Lohnabhängigkeit.


    Um das Geld zu verdienen, das die Lohnabhängigen zur verfassungsgemäßen Wahrnehmung ihrer Freiheit und zur »Entfaltung ihrer Persönlichkeit« befähigt, müssen sie ihre Arbeitskraft verkaufen. Sie müssen ihren Willen, ihre Kraft und ihre Lebenszeit in den Dienst eines »Arbeitgebers« stellen, der mit ihren Leistungen sein Kapital zu mehren sucht. Davon sind sie abhängig. Damit unterliegt ihre materielle Existenz einer fundamentalen Bedingung: Lohn und Brot verdienen sie nur, wenn sie mit ihrer Arbeit fremden Reichtum vermehren. Ein Einkommen erzielen sie nur dann, wenn ihre Arbeit »rentabel« ist, d. h. wenn sie mit ihrer Arbeit mehr Reichtum bzw. mehr Wert schaffen, als sie an Lohn dafür erhalten. Lohn und Leistung sind dementsprechend. In diesem ganz und gar nicht beliebigen Sinn sind die Lohnbezieher relativ arm, nämlich relativ zu dem Reichtum, den sie herstellen und lebenslang vermehren müssen.


    Dogmen der Armutsforschung

    Die Armutsforschung in Deutschland dementiert in der Regel systematisch beide Bestimmungen. Relational und relativ existiert Armut für sie demnach nicht im Verhältnis zu den gültigen Maßstäben im Kapitalismus, sondern »per definitionem« im Verhältnis zum Mittelwert aller Einkommen. Indem sie die gegensätzlichen Einkommensquellen von Kapital und Lohnarbeit damit geradezu gleichmacherisch zu quantitativen Unterschieden zwischen qualitativ vermeintlich gleichartigen »Einkommensbeziehern« verharmlost, problematisieren die Armutsforscher »je nach Wertepräferenz« die »Verteilung« dieses Reichtums im Hinblick auf jene, die sie Dank ihrer Definitionsgewalt als »armutsgefährdet« anerkennen, weil sie weniger als 60 Prozent des ermittelten Durchschnittseinkommens verdienen. Nach dem Willen dieser Wissenschaftler mit ihren frei gewählten Definitionen ist so das zwar sachlich falsche, dafür aber staatstragende Dogma etabliert, dass es sich beim Durchschnittseinkommen der Bevölkerung in Deutschland nicht um Armut handeln kann.


    Aller wissenschaftlichen Dogmatik zum Trotz findet die lohnabhängige Mehrheit Deutschlands im Verkauf ihrer Arbeitskraft kein dauerhaftes Ein- und Auskommen. Die eine Hälfte von ihnen ist zwar alternativlos auf eine abhängige Beschäftigung angewiesen, bekommt diese allerdings nicht: Kranke, Behinderte und Alte sind mit ihrer vergleichsweise eingeschränkten Leistungsfähigkeit und ihrem erhöhten finanziellen Bedarf für medizinische Versorgung, Pflege und Assistenz als Arbeitskräfte in der Regel unrentabel, verdienen deshalb kein Geld, sondern Mitleid. Pflegende Familienangehörige und (alleinerziehende) Mütter verfügen zwar über ihre volle Arbeitskraft, stehen »dem Arbeitsmarkt« bzw. den Arbeitgebern allerdings nicht oder nur zeitlich begrenzt zur Verfügung. Kinder und Jugendliche sollen in staatlichen Schulen und kapitalistischen Betrieben erst die Qualifikationen erwerben, die sie als (aus)gebildete Arbeitskräfte möglichst bis zum Alter von 67 Jahren zum Einsatz bringen. Amtlich anerkannte Arbeitslose verfügen zwar über ihre Arbeitskraft, wurden meist auch einst auf eine rentable Funktion hin ausgebildet oder zugerichtet, und sie bieten diese auch der versammelten Unternehmerschaft vermittelt über staatliche und private Agenturen an, allerdings besteht schlichtweg kein Bedarf (mehr) an ihrer Dienstbereitschaft.


    Der anderen Hälfte des modernen Proletariats gelingt der Verkauf ihrer Arbeitskraft. Lohn und Leistung sind aber wegen der besagten Abhängigkeit so gestaltet, dass sie damit nicht dauerhaft zurecht kommen. Viele können mit ihren Löhnen und Gehältern die Mieten in den Ballungszentren, den Unterhalt ihrer Kinder oder die Preise für medizinische Behandlungen nicht bezahlen. Andere sind aufgrund ihrer Arbeitsbelastung nicht in der Lage, sich um die Erziehung ihrer Kinder oder die Pflege ihrer Angehörigen zu kümmern, und ihr Lohn reicht nicht, um dafür speziell ausgebildete Kräfte zu engagieren. Wieder andere verlieren ihre Arbeitskraft und damit ihr Einkommen durch Berufskrankheiten und Arbeitsunfälle. Und wenn sie durch Arbeitslosigkeit oder Alter kein Erwerbseinkommen mehr beziehen, stellt sich für die allermeisten rasch heraus, dass ihr Einkommen einfach zu klein war, um damit Rücklagen zu bilden, von denen sie die unbeschäftigten Jahre in Muße verbringen könnten. Armut ist insofern Ausgangs- und Endpunkt der Lohnabhängigkeit im Kapitalismus und die bleibende ökonomische Grundlage der Sozialpolitik.


    Familie, Kinder, Bildung

    Allerdings ginge die Vorstellung von einem sozialen Staat, der sozusagen »unschuldig« mit den Resultaten einer Ökonomie konfrontiert ist, die getrennt von ihm ihr Unwesen treibt, völlig an der Sache vorbei. Der Staat stiftet vielmehr mit dem Schutz der Eigentumsordnung das Fundament, das für die Lohnabhängigen den Ausschluss von Subsistenz- und Produktionsmitteln einerseits und den Ausschluss von den Produkten ihrer Arbeit andererseits bedeutet. Und er garantiert eine Rechtsordnung, die den Unternehmen das Direktionsrecht über die gesellschaftliche Arbeit und die Verwendung des damit produzierten Reichtums garantiert. Insbesondere gewährt er die unternehmerische Freiheit, die Lohnabhängigen nach Maßgabe betriebsbedingter Gewinnbestrebungen zu heuern und zu feuern. Auf dieser Basis verpflichtet er seine eigentumslose Bevölkerungsmehrheit zur Konkurrenz um Arbeit und zu einem Unterbietungswettbewerb um Lohn und Leistung im Interesse des kapitalistischen Wachstums.


    Weil also die Lohnabhängigen wegen ihrer existentiellen Abhängigkeit von und ihrer Konkurrenz um Arbeit gegenüber ihren eigenen Bedürfnissen rücksichtslos handeln müssen und weil die Unternehmen diese Abhängigkeit bzw. Erpressbarkeit zum Mittel ihrer Konkurrenz um Marktanteile und Profite machen, wird mit der prekären Reproduktion der Lohnabhängigen zugleich die ökonomische Basis und das politische Fundament der bürgerlichen Gesellschaft untergraben. Das ruft den sozialen Staat auf den Plan. Um die Reproduktion der Lohnabhängigen, um ihre Freiheit als Person und ihr »Eigentum« an ihrer Arbeitskraft – wenn schon nicht in jedem Einzelfall, so doch zumindest als Klasse – zu gewährleisten, muss ihr Leben von der Wiege bis zur Bahre verstaatlicht, d. h. unter die besondere Kontrolle und unter den besonderen Schutz der politischen Gewalt gestellt werden.


    Mit seiner Familienpolitik, dem Ehe-, Familien- und Unterhaltsrecht, nimmt der soziale Staat die haltlose Konstruktion einer auf Liebe gegründeten Versorgungsgemeinschaft ohne Produktionsmittel gegen die Betroffenen in die Pflicht, weil an der Familie als Keimzelle der Gesellschaft nun mal die Reproduktion des Ganzen hängt; auch und gerade dann, wenn die Beteiligten das nicht leisten können oder schlicht nicht mehr zusammenleben wollen.


    Werdende Mütter stellt er wegen ihrer staatstragenden Funktion unter seinen besonderen Schutz gegenüber den Arbeitgebern und relativiert damit die ansonsten so geschätzte Profitmaximierung gegenüber dem übergeordneten Erfordernis der Erhaltung und Vermehrung des Staats- und Arbeitsvolks. Finanziell fördert er das Zustandekommen von Familien und Kindern klassenübergreifend mit diversen Instrumenten, mit Steuervergünstigungen und speziell für die Lohnabhängigen durch Sozialversicherungsbeiträge, mit denen ledige und kinderlose Arbeitnehmer dazu verpflichtet werden, die Kranken- und Rentenversicherung in proletarischen Familien »solidarisch« zu finanzieren. Mit Kitas erschließt er das Arbeitskraftpotential junger Mütter für den Arbeitsmarkt und emanzipiert mit der Verstaatlichung der frühen Kindheit gleichsam die Erziehung der Kinder von den pädagogischen Fähigkeiten und Möglichkeiten ihrer Eltern. Über die Konsequenzen familiärer Sozialisation unter den skizzierten Bedingungen macht sich zumindest der soziale Staat keine Illusionen und hält mit seinem SGB VIII ein ganzes Gesetzbuch der »Kinder- und Jugendhilfe« parat, um mit seiner Dialektik von Hilfe und Kontrolle die verwahrlosten Teile der proletarischen Jugend doch noch zu einer halbwegs gesellschaftskonformen Lebensführung zu bewegen und dafür notfalls auch sein »Wächteramt« gegen die Familien in staatlicher Regie wahrzunehmen.


    Die umfängliche Bildung und Erziehung der Jugend ist ebenfalls eine staatliche Aufgabe, zu der die lohnabhängigen Eltern in der Regel nicht in der Lage sind und die sich für die Unternehmen nicht oder nur sehr bedingt rentiert. Der soziale Staat übernimmt deshalb als Hoheitsaufgabe die Bildung, d. h. die Entwicklung jugendlicher Arbeitskraft, ihre universelle Ausstattung mit Qualifikationen und Kompetenzen, ihre Disziplinierung, Zertifizierung und Vorsortierung für den Arbeitsmarkt, ihre Ertüchtigung als Konkurrenzsubjekt und ihre Erziehung zu »gemeinschaftsverträglichem Handeln« auf der Grundlage der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Erst durch seine Intervention bildet sich die Arbeitskraft gemäß den geltenden Anforderungen der Arbeitgeber als »Eigentum« der Lohnabhängigen heraus, steht dem Kapital der kontinuierliche Nachschub von Arbeitskräften zur Verfügung und ist darüber hinaus ganz allgemein ein Funktionserfordernis für den Verkehr in der bürgerlichen Gesellschaft erfüllt. Der spezifische Charakter dieser Bildung als staatliche Pflichtveranstaltung, als Leistungslernen in der Konkurrenz um Noten und gegen die Mitschüler und mit den unvermeidlichen Resultaten sozial selektiver »Bildungserfolge« produziert zwar seinerseits gewisse Opfer, die sozial- und sonderpädagogisch betreut werden müssen, passt aber ganz zu der kapitalistischen Gesellschaft, die der soziale Staat fördert und fordert.


    Wohnen und Arbeiten

    Die Unterbringung der Lohnabhängigen ist für deren reibungslosen Einsatz an einem hoch­industrialisierten und verstädterten Kapitalstandort zwar notwendig, kommt aber durch das »freie Spiel der Kräfte« nicht zustande. Mit seiner Wohnungspolitik, mit Städteplanung, Mietrecht, Eigenheimzulagen, sozialem Wohnungsbau und Wohngeld versucht der soziale Staat, das Interesse der (wohn)eigentumslosen Massen an einer Behausung mit den (aus seiner Sicht) berechtigten Verwertungsinteressen der Immobilienbranche zumindest so weit zu versöhnen, dass der Großteil von ihnen in den kapitalistischen (Ballungs)Zentren sach- und fachgerecht verstaut wird und die dafür marktüblichen Mieten und Zinsen auch irgendwie bezahlen kann. Wohnungs- und Obdachlose gehören zu diesem Programm fest dazu. Sie erfreuen sich zahlreicher ordnungspolitischer, polizeilicher und sozialarbeiterischer Interventionen, auch und gerade weil sie die öffentliche Ordnung stören, wenn sie jeden Willen zur Konkurrenz um Arbeitsplätze und Wohnraum aufgegeben haben, sich mit Drogen und Alkohol betäuben und einfach nur noch in Ruhe gelassen werden wollen.


    Besondere Aufmerksamkeit widmet der soziale Staat den Arbeitsverhältnissen in all ihren Aspekten, weil die Arbeitnehmer als Quelle der Kapitalvermehrung und Grundlage staatlicher Macht in Anspruch genommen und damit zugleich in ihrem Bestand und ihrer Funktionalität angegriffen werden. Gesetzliche Regelung der Tages-, Wochen-, und Lebensarbeitszeit, Vorschriften beim Arbeits- und Kündigungsschutz sollen der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft gewisse Grenzen setzen, weil die um Gewinn konkurrierenden Anwender und die um Arbeitsplätze konkurrierenden »Anbieter« der Arbeitskraft kaum Rücksicht auf deren funktionalen Erhalt und ihre nachhaltige Ausnutzung nehmen (können). Gerade, weil diese Vorschriften die Unternehmen in ihrem Gewinnstreben einschränken, wägt der Gesetzgeber hier genau ab, bis zu welchem Grad er die Inanspruchnahme, den Verschleiß und die Ruinierung menschlicher Arbeitskraft im Interesse des Kapitalwachstums erlaubt und an welcher Stelle er die entsprechenden Geschäftspraktiken als »ideeller Gesamtkapitalist« im Interesse gesamtgesellschaftlich nachhaltiger Akkumulation unterbindet. Demgemäß gestaltet er seine Grenzwerte als staatlich erlaubtes Maß an Vergiftung und Verschleiß, kennt viele Übergangs- und Ausnahmeregelungen und verhängt bei Übertretung in der Regel Geldstrafen, die die Einhaltung seines Arbeitsrechts zur Kosten-Nutzen-Erwägung der Unternehmen machen. Mehr oder weniger tödliche Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten und Berufsunfähigkeiten gehören deshalb zum Alltag im sozialen Staat und werden wiederum eigens mit einer Unfallversicherung sach- und systemgerecht verwaltet und finanziert.


    Durch die Anerkennung von Gewerkschaften, mit der Gewährleistung von Koalitionsfreiheit, Tarifautonomie und Streikrecht, verhilft er dem »vierten Stand« dazu, zumindest als Kollektiv so etwas wie einen »freien Willen« im Erwerbsleben wahrzunehmen, verrechtlicht und befriedet den ohnehin unvermeidlichen Klassenkampf und setzt ihm mit dessen Legalisierung zugleich enge Grenzen, die den Arbeitgebern die kalkulierbare Benutzung und ihm selbst den sozialen Frieden und die Integration des Proletariats in die bürgerliche Gesellschaft ermöglichen. Die gesetzlichen Bestimmungen zum Kündigungsschutz setzen der unternehmerischen Willkür in diesen Fragen gewisse Grenzen und damit zugleich das Direktionsrecht über die Anwendung und Stillegung der Arbeitskraft im Sinne betriebsbedingter Interessen in Kraft. Mit der von ihm per Gesetz initiierten Arbeitslosenversicherung erhält der soziale Staat die Ressource Arbeitskraft gegen die zerstörerische Wirkung des Marktes – zumindest für gewisse Zeit und in einem Maße, die den ökonomischen Arbeitszwang nicht beeinträchtigt und die internationale Konkurrenzfähigkeit seines Standorts fördert.


    Krankheit, Alter, Pflege

    Kapitalismus macht krank. Weil es in der Marktwirtschaft um die Produktion von Profit und nicht um die Bedürfnisbefriedigung der Produzenten und Konsumenten geht, ist das Arbeiten, Konsumieren und Leben »nun mal« mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden. Als »Volks- und Zivilisationskrankheiten« untergraben sie die Arbeitskraft, deren Verkauf die Lebensgrundlage der Lohnabhängigen und die Quelle des Profits ist. Da die Lohnabhängigen aus eigenen Mitteln die Kosten der Behandlung individuell nicht bewältigen können und zugleich eine halbwegs intakte »Volksgesundheit« Voraussetzung für deren künftige Beanspruchung ist, organisiert der soziale Staat die Betreuung der Volksgesundheit auf Basis verstaatlichter Lohnteile. Eine ganze Medizinbranche verdient sich an der Behandlung der Symptome dumm und dämlich. Dagegen werden die Kosten für das pflegende Personal in Kliniken und Einrichtungen von Anfang an kritisch beäugt und seit der »Ökonomisierung« mit neuem Engagement nach unten gedrückt – unterdurchschnittliche Löhne und überdurchschnittliche Arbeitsbelastung sind der in dieser Branche bereits ebenso lange beklagte Normalfall.


    Wenn lohnabhängig Beschäftigte alt und pflegebedürftig werden, sind sie als Ergebnis ihres lebenslangen Arbeitens nicht in der Lage, die Mittel für Lebensunterhalt und Pflegekosten aus ihren Rücklagen aufzubringen. Mit Renten- und Pflegeversicherung zwingt der Sozialstaat sie zur Vorsorge, damit ihr absehbares Alterselend nicht zum Problem für die Funktionalität ihrer Familien und der öffentlichen Ordnung wird. Die steigende Lebenserwartung seines Volks und die damit wachsenden Rentenansprüche dämpft er – marktwirtschaftlich sachgerecht – durch sinkende Renten und längere Lebensarbeitszeiten, während er die ebenfalls daraus erwachsende größere Nachfrage nach Pflege zur Basis eines neuen, erfolgversprechenden Zweigs seines sozialen Markts macht. Die dort agierenden Dienstleistungsunternehmen konkurrieren auf der Basis feststehender Pflegesätze und der geringen Rationalisierbarkeit der Branche um die Überbeanspruchung des Pflegepersonals und die Unterversorgung der Patienten.


    Behinderung und Existenzsicherung

    Menschen mit Behinderungen sind – sofern sie nicht über nennenswerte finanzielle Mittel verfügen – den Anforderungen der Marktwirtschaft noch weniger gewachsen als ihre nichtbehinderten Mitbürger. Ihr vergleichsweise höherer finanzieller Bedarf und ihre relativ geringere Leistungsfähigkeit, d. h. ihre geringere Rentabilität machen sie als Arbeitskräfte für Unternehmen meist absolut wertlos (lat. invalide). Im Resultat bedeutet das signifikant höhere Armut. Zugleich bietet die »moderne«, d. h. kapitalistische Lebensweise in Großstadt und Kleinfamilie samt Konkurrenz um Schulnoten, Wohnraum und Arbeitsplätze denkbar schlechte Voraussetzungen für die Unterbringung und Betreuung von Menschen, die dieser Konkurrenz nicht gewachsen sind. In seiner aktuellen Behindertenpolitik bemüht sich der soziale Staat, sie in die Konkurrenz um Bildungsabschlüsse, Arbeitsplätze, Einkommen, Wohnung und Eigentum zu inkludieren. Inklusion fördert und fordert die »Teilhabe« an der Konkurrenz um die exklusive Verfügungsgewalt über den gesellschaftlichen Reichtum – auch wenn das für Menschen mit Behinderung ein besonders unpassendes Verfahren ist und auch wenn der dafür geschaffene Arbeitsmarkt eher ein Konstrukt bleibt.


    Bestenfalls Beihilfe

    Trotz aller sozialpolitischer Interventionen findet ein nicht geringer Teil der Bevölkerung entweder keine Einkommensquelle oder kommt mit Lohn bzw. Lohnersatz nicht zurecht. Menschen mit Behinderungen, Jugendliche, die es erst gar nicht in einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz schaffen, Langzeitarbeitslose, alleinerziehende Mütter, Altersarme und vor Ruinierung und Kriegen Geflüchtete – durchaus auch ein Produkt der Erfolgsbilanz des deutschen Kapitals und deutscher Außenpolitik – werden mit existenzsichernden Maßnahmen gegen die »Logik des Markts« ohne Gegenleistung am Leben erhalten. Und zwar in aller Erbärmlichkeit, die das in einer Gesellschaft hat, die den Zwang zur Lohnarbeit zum Mittel ihres wirtschaftlichen Erfolgs macht und alle Ausnahmen deshalb entsprechend abschreckend organisiert.


    Die daraus entspringenden Fälle von rechtlicher und sozialer Abweichung vom Pfad des gesetzlich oder sittlich Gebotenen in ihren mehr oder minder schweren Fällen: Verwahrlosung, Schulverweigerung, familiäre Gewalt, Kriminalität, Prostitution, Drogen, Obdachlosigkeit etc. betreuen neben der Polizei die staatlich ausgebildeten und bezahlten Sozialarbeiter. Diese arbeiten sich mit professionellem Idealismus oder Zynismus an ihren »Fällen« ab, um sie bei der »Lebensbewältigung« zu unterstützen. Weil das eine Sisyphusarbeit ist – individuell wie gesamtgesellschaftlich –, da Scheitern und die daraus entspringenden »devianten« Bewältigungsstrategien notwendig zur Konkurrenz gehören, bleibt ihre Hilfe ein sehr beschränktes Angebot an ihre »Klienten«. Deren Begeisterung hält sich daher in Grenzen, wenn der soziale Staat bei ihnen vorbeischaut – und sei es auch in Gestalt lieber Sozialarbeiterinnen. Das sorgt – in Kombination mit den stetigen »finanziellen Engpässen« – umgekehrt für einen gewissen Dauerfrust und so manche Sinnkrise auf seiten der professionellen Helfer.


    Weil soziale Sicherung mit ihren Eingriffen in die Vertragsfreiheit und Leistungen ohne Gegenleistung einen Verstoß gegen die Prinzipien von Freiheit, Gleichheit und Eigentum darstellt, hat sie enge Grenzen. Der soziale Staat will die Kosten für »das Soziale« im Interesse der nationalen Lohn(neben)kosten und seines Staatshaushaltes möglichst niedrig halten und die soziale Sicherung darf keine Alternative, sondern bestenfalls Beihilfe zum Überlebenskampf sein. Deshalb muss sie selbst finanziell prekär und rechtlich schikanös ausfallen. Der soziale Staat wird also seiner Aufgabe gerecht und verfehlt sie nicht – wie von Betroffenen und im Sozialbereich Beschäftigten geklagt wird –, wenn er die Kosten für »das Soziale« insgesamt gering hält, das Gros des Personals schlecht bezahlt und die finanziellen Leistungen stets kritisch beäugt.


    Vorabdruck aus dem neuen Buch von Renate Dillmann u. Arian Schiffer-Nasserie: Der soziale Staat – Über nützliche Armut und ihre Verwaltung. VSA Hamburg, 19,80.-


    Siehe auch:

    Der Sozialstaat ist eine kapitalistische Einrichtung


    Eine Kritik des Sozialstaats



    Privilegierte Lehrbeamte an den Unis schmücken sich gerne mit der „Freiheit der Wissenschaft“. Freiheit der Wissenschaft heißt vor allem Freiheit von staatlicher Einmischung und von kapitalistischen Zwecksetzungen. Von beidem ist die verbeamtete Wissenschaft meilenweit entfernt. Der Beamtenstatus der Professoren allein sichert schon, dass sich wissenschaftliche Kritik nicht gegen Staat und Wirtschaft richtet. Im Zweifelsfall wird mit Berufsverboten nachgeholfen. Und die Zwecke der Forschung werden von denen gesetzt, die für Forschungsprojekte bezahlen.

    Ein besonderer Fall sind die Historiker, die sich seit 1893 zu einem „Historikertag“ treffen, um sich und der Regierung zu versichern, worin der öffentliche Nutzen der Geschichtswissenschaft bestehe.

    Im Jahr 1893 fand die allzu offensichtliche These, dass der Geschichtsunterricht „insbesondere auch die Liebe zum Vaterland und ein strenges Pflichtbewusstsein gegen den Staat erwecken“ solle, auf dem damaligen Historikertag keine Mehrheit. Die unrühmliche Rolle, die viele Historiker im 20. Jahrhundert durch Unterstützung von Monarchismus, Militarismus und Nationalsozialismus gespielt haben, ist jedoch unvergessen.

    2018 wollten die deutschen Historiker auf dem 52. Historikertag am 25.09 in Münster endlich alles besser machen. Sie sorgen sich um „die Zukunftsfähigkeit unseres politischen Systems“ und kommen deshalb mit einer Antifa-Resolution an die Öffentlichkeit.


    In der Resolution des Historikertages heißt es: „Geschichtswissenschaft hat die Aufgabe, ... zur besseren Wahrnehmung von Gegenwartsproblemen beizutragen“. Dann folgt eine Liste, was in der Geschichtswissenschaft unerwünscht/verboten und was erwünscht/erlaubt ist:

    Verboten ist eine „antidemokratische Sprache“, erlaubt ist eine „historisch sensible Sprache“ – was immer das sein soll.

    Verboten ist "Populismus", erlaubt ist „parlamentarische Demokratie“.

    Verboten sind „nationale Alleingänge“, erlaubt ist die „europäische Einigung“.

    Verboten ist die "Diskriminierung von Migranten", erlaubt ist eine von „Pragmatismus getragene Migrations- und Integrationspolitik“.

    Verboten ist „politische Einflussnahme“ auf die Geschichtswissenschaft, erlaubt ist „kritische Diskussion“.


    Diese Resolution hat nichts mit Wissenschaft, aber alles mit „Gutmenschen-Politik“ zu tun. Es ist von Anfang bis Ende eine Anti-AfD-Resolution und eine Wahlhilfe für die Merkel-CDU, die ganz ohne „politische Einflussnahme“, aber ganz viel von vorauseilendem Gehorsam gespeist wird.

    Diese Resolution ist nicht nur (linksliberale) Ideologie, es ist Ideologie auf niedrigstem TAZ-Niveau.


    Wären diese Historiker Wissenschaftler, würden sie auf die aufklärerische Wirkung ihrer quellen- und sachgestützten Forschung vertrauen. Statt dessen wollen sie sich als selbsternannte Lehrer der Nation „auch normativ äußern“.


    Es ist ein Armutszeugnis, über das die in Münster versammelten Historiker nicht einmal abstimmten, sondern das per Beifall angenommen wurde.

    "Barkhane" heißt der französische Antiterror-Einsatz in Afrika.

    Von Flugzeugen und Hubschraubern töten 4.500 französische Soldaten im Chad, in Burkina-Faso, Mali, Mauretanien und in Niger - ein Gebiet so groß wie Westeuropa. Nach eigenen Angaben haben sie in diesem Jahr 150 Jihadisten getötet. Die französische Regierung zahlt dafür jährlich 600 Millionen Euro. Die Ermordung jedes Jihadisten in Afrika kostet die Regierung in Paris 4 Millionen Euro.



    Quelle: The Economist

    In seinem Buch "Ansturm auf Europa" nimmt der Anthropologe Stephan Smith die bisherige Migration aus Mittelamerika in die USA zum Maßstab für Prognosen für die künftige afrikanische Migration nach Europa.

    Er stellt fest, dass die Migration aus armen Regionen in die reiche Welt mit wachsendem Wohlstand in den Armutsregionen nicht abnimmt, sondern zunimmt, weil dann mehr Migrationswillige die Reisekosten aufbringen können.


    Smith prognostiziert, dass die afrikanischstämmige Bevölkerung in Europe von derzeit 9 Millionen in den kommenden 30 Jahren auf 150 oder 200 Millionen ansteigen wird. Dann hätten ein Viertel der Europäer einen afrikanischen Ursprung.

    Solch einen "Ansturm" kann weder durch das Geschwätz von "Fluchtursachen" noch durch staatlichen oder zivilen Terror gegen die Immigranten verhindert oder vermindert werden. Was allein hilft sind Integrationsmaßnahmen und Gelassenheit.

    Gelassenheit gewinnt man unter anderem aus der Erkenntnis, dass auch die jetzige Bevölkerung Europas einst aus Afrika eingewandert ist.

    Hallo Pfeilregen,

    wer die Welt erklären will, sollte auch auf solche aktuellen Ereignisse wie der Einsturz der Genua-Brücke eingehen.

    Aber wie lange ist das Unglück her? Vier Wochen? Sechs Wochen? Acht Wochen?


    Das linke Spektrum verfügt fast nur noch über Monatszeitschriften. Da böte es sich an, in Blogs und in Foren wie dieses, auf aktuelle Ereignisse einzugehen.

    Wo immer Linke/Sozialisten/Kommunisten mit wochenlanger Verspätung auf Ereignisse reagieren, demonstrieren sie ihre Schwäche.

    Gruß Wal

    Heribert Prantl, einer der Chefredakteure der „Süddeutschen“

    schreibt zur Wohnungsnot in Deutschland:


    „Die Mietpreise sind heute das, was früher die Brotpreise waren. Eine Maurerfamilie in Berlin musste vor zweihundert Jahren mehr als 72 Prozent des Familieneinkommens für Ernährung ausgeben, davon die Hälfte für Brot. ... Nahrungsmittel sind unglaublich billig geworden. Die Wohnungsmiete dagegen ist zum Teil unglaublich teuer geworden. Für Miete gibt ein Durchschnittshaushalt in Deutschland etwa doppelt so viel Geld aus wie für Ernährung, oft noch sehr viel mehr. Die Miete frisst die Familieneinkommen auf. Die Mietpreise werden damit zum Sprengstoff der Gesellschaft. ...

    Die Bodenpreise in Berlin sind in den vergangenen fünf Jahren um 345 Prozent gestiegen, die Verkaufspreise für Neubauwohnungen nur um sechzig Prozent. ...

    Was könnte hier Nachhaltigkeit bedeuten? Erstens: Kommunale und staatliche Grundstücke werden nur noch unter der Vereinbarung bestimmter Nutzung vergeben, unter Auflagen also - zum Beispiel der, dass innerhalb einer bestimmten Zeit auf eine ganz bestimmte Weise gebaut werden muss, ansonsten wird die Vergabe des Grundstücks rückgängig gemacht....

    Zweitens: Grundstücke dürfen von der öffentlichen Hand an privat gar nicht mehr verkauft werden. Grund und Boden soll, aus Verantwortung für die nachfolgenden Generationen, an private Bauherren nur noch per Erbbaurecht vergeben werden. ...

    Viertens: Die Steigerungen des Bodenwertes, die ohne besonderen Kapital- und Arbeitsaufwand entstehen, sind für die Allgemeinheit nutzbar zu machen.“


    Soweit Heribert Prantl.

    Er gesteht ein, dass das private Eigentum an Grund und Boden das Haupthindernis für preiswertes Wohnen in der Stadt ist. Die Nachfrage nach Wohnraum steigt, aber Grund und Boden kann nicht beliebig vermehrt werden. Prantl stellt das Eigentum am Boden grundsätzlich in Frage, sucht aber nach Wegen, die den Grundeigentümern nichts wirklich wegnehmen.

    Preiswertes Wohnen verlangt die Enteignung und Kommunalisierung allen Grund und Bodens.

    Wal Buchenberg, 20.09.2018


    Siehe auch:




    Kapitalistischer Wohnungsmarkt


    Profite am Wohnungsmarkt



    Doku: Sebastian Gerhardt: Daten zum Berliner Wohnungsmarkt


    H.-D. von Frieling: Städtische Wohnungsnot und Profitlogik


    Zur Miete in Deutschland 1992-2012


    Die Stadt gehört allen!? Aktionswoche gegen Mietwucher


    Verelendung auf dem Wohnungsmarkt


    Hallo Antonio,

    Du sagst:

    Quote

    BGE sorgt dafuer dass Lohnarbeiter nicht mehr zu jedem Scheissjob ja sagen muss

    Die von dir erhoffte Wirkung hätte ein BGE nur dann, wenn mensch damit einigermaßen über die Runden käme - also deutlich über dem Hartz4-Satz (Plus Mietkosten). (minimum 1000 Euro steuerfrei?)

    Hast du mal ausgerechnet, welche Summe damit in einem Jahr erreicht würde? Wenn du das nicht ausgerechnet hast, wird sowieso niemand deine Idee ernst nehmen.


    Es gibt auch einfachere Lösungen für das von dir angesprochene Problem:

    "Abschaffung der Hartz-Gesetze. Arbeitslosengeld für die Dauer der Arbeitslosigkeit;" wie es auch im Bochumer Programmgefordert wird.


    Du willst die Armut im Kapitalismus beseitigen, aber den Kapitalismus nicht antasten.

    Das ist ein sympathischer Wunsch. Wir können aber im Kapitalismus uns selbst und den anderen Lohnabhängigen nicht helfen, ohne den Kapitalisten und den Staatsbürokraten was wegzunehmen. Ohne Antikapitalismus ist die Lage der Lohnarbeiter in einem stagnierenden Kapitalismus nicht zu bessern.


    Das ist wie zur Zeit im Hambacher Forst: Man kann den Wald nicht (mehr) schützen, ohne die Profite von RWE zu schmälern. Umweltschutz ohne Antikapitalismus war früher zum Teil möglich, heute geht es nicht mehr.


    Die Stärke dieser antikapitalistischen Umweltaktivisten liegt darin, dass ihre Forderungen (fast) allen Lohnabhängigen Verbesserungen versprechen (mit Ausnahme der paar Hanseln, die für RWE Braunkohle fördern.) und die Stärke dieser Umweltaktivisten liegt weiter darin, dass sie offen zugeben, dass sie gegen einen großen Kapitalisten (RWE) kämpfen.


    Die Schwäche der BGE-Aktivisten liegt darin, dass ihre Forderung nur eine Verbesserung für den einkommensschwachen Teil der Lohnabhängigen (vielleicht 10-15%) verspricht (das Leben von rund 90% der Lohnabhängigen wird dadurch kaum berührt) - und dass die BGE-Aktivisten gleichzeitig behaupten, ihre Forderung würde niemandem weh tun. Das ist beides Mal zu kurz gesprungen.


    Gruß Wal

    Das letzte Jahrzehnt war für uns Lohnabhängigen der kapitalistischen Kernzone ein verlorenes Jahrzehnt. In den zehn Jahren vor der Großen Krise 2008 waren die Löhne in den reichen OECD-Ländern jährlich und real um durchschnittlich 2,7 Prozent gestiegen. In den zehn Jahren nach der Krise stiegen die Löhne um weniger als 1 Prozent im Durchschnitt. In einigen kapitalistischen Kernländern sind die Löhne insgesamt gefallen, in den meisten anderen Ländern sanken die Löhne in den unteren Lohngruppen.




    (Quelle: OECD, The Economist)


    Siehe auch:



    Korrektur: Statt "Gesamtwert" oder "Gesamtprodukt" (= c+v+m) muss es richtig in der Grafik "Neuwert" oder "Neuprodukt" (c+m) heißen!


    Die Lohnquote sagt aus, wieviel Prozent des produzierten Neuwertes der Reproduktion der Lohnabhängigen dient. Das ist der Prozentsatz der Arbeitszeit, der bezahlt ist. Der Rest ist "kapitalistische Ausbeute" oder Mehrwert, also unbezahlte Arbeitszeit.

    Die Lohnarbeiter der kapitalistischen Kernzone erhalten einen größeren Anteil der von ihnen geschaffenen Werte als die Arbeiter in der Peripherie. Das heißt zunächst: Die Lohnarbeit in der Peripherie wird stärker ausgebeutet. Die geringere Ausbeutung in der Kernzone, basiert aber nicht auf netteren Kapitalisten, sondern vor allem auf größerer Produktivität der Arbeit.

    In den USA schaffen die Lohnarbeiter ein BIP pro Kopf von rund 50.000 Dollar. 65% davon gehen an die Lohnarbeiter. Bleiben für die Kapitalisten pro Kopf Bevölkerung 17.500 Dollar. In der Peripherie liegt das durchschnittliche BIP pro Kopf bei 5000 Dollar. Davon gehen 42% an die Lohnarbeiter. Bleiben pro Kopf der Bevölkerung 2.900 Dollar für die Kapitalisten.

    Darüberhinaus muss noch beachtet werden, dass die Kapitalisten nur einen kleinen Prozentsatz der Bevölkerung machen, - vielleicht 5% der Bevölkerung in der Kernzone und 30% der Bevölkerung in der Peripherie.


    Obwohl also die Lohnarbeiter der Peripherie stärker ausgebeutet werden als die Lohnarbeiter der Kernzone, fällt an die Kapitalisten der Kernzone absolut betrachtet eine größere Mehrwertmasse, obwohl ihr relativer Anteil am Neuprodukt geringer ist als bei den Kapitalisten der Peripherie.

    Banken haben zwei Kernaufgaben: Sie organisieren den Geldfluss und sie stellen Kredite bereit.

    Die Organisation des Geldflusses – Zahlungen von den einen empfangen und an andere ausbezahlen – schafft selber keinen Profit, spart aber den Unternehmen, die früher selbst die Geldzu- und Geldabflüsse samt der Lohnauszahlung verwalten mussten, erheblichen Aufwand und Kosten.

    Wo Banken Kredite bereitstellen, schießen sie Gelder vor, die ein Unternehmer, eine Regierung oder ein Konsument noch gar nicht hat. Damit beschleunigen die Banken den Wirtschaftskreislauf. Alle erwarten jedoch, dass dieses verliehene Geld wieder an die Kreditgeber zurückfließt. In dem Umfang, in dem das verliehene Geld an die Banken zurückfließt, können sie neue Kredite vergeben. Alle erwarten also, dass die Banken nur rentable Geschäfte finanzieren, dass sie nur Kredite an erfolgreiche Unternehmer und an solvente Privatleute und Regierungen vergeben.

    Das ist eine unsinnige, eine unmögliche Erwartung.

    Wenn Banken Kredite für erfolglose Unternehmungen und für überschuldete Regierungen und an arme Privatpersonen vergeben, wird das den Banken als „reckless lending“, als verantwortungslose, von der „Gier“ getriebene Kreditvergabe vorgeworfen.

    Linke fordern eine stärkere Kontrolle der Banken durch den Staat oder gar durch „Arbeiterkontrolle“.

    Diese Kontrollwut unterstellt, dass die Banken vor einer Kreditvergabe mit Sicherheit unterscheiden könnten, ob ein Unternehmen, eine Regierung oder ein Privatmann wirklich „kreditwürdig“ sei.

    Natürlich begutachten die Banken ihre Kreditnehmer. Keine Bank verschenkt ihr Geld. Aber jede Kreditvergabe ist ein Urteil über zukünftiges Verhalten – über das zukünftige Verhalten des Kreditnehmers und über das zukünftige Verhalten aller anderen Wirtschaftsteilnehmer. Ein Kreditnehmer kann einen guten Job und ein hohes Einkommen haben, wenn er das geliehene Geld mit vollen Händen ausgibt oder wenn ihn eine schwere Krankheit trifft, kommt er schnell in die Lage, dass er den Kredit nicht mehr abbezahlen kann. Ein Jungunternehmer kann eine vielversprechende Geschäftsidee haben, wenn die Konjunktur nachlässt, kommt er schnell in die Lage, dass seine Einnahmen einbrechen und seine Schulden steigen. Ein und derselbe Kredit erscheint – je nach Wirtschaftslage – als sicher oder als unsicher.

    Kredite, die die Banken während eines Wirtschaftsaufschwunges gewähren, sehen alle bombensicher aus. Wenn die Konjunktur in eine Wirtschaftskrise abrutscht, sind alle diese „sicheren“ Kredite plötzlich in Gefahr. Kreditvergabe ist immer eine Spekulation auf die Zukunft. Ein jeder, der die Kreditvergabe der Banken „kontrollieren“ will, muss sich auf diese Spekulation einlassen. Wer die Banken wirksam kontrollieren will, müsste auch alle anderen Faktoren kontrollieren, die den Erfolg eines Kredits (seine vertragsgemäße Rückzahlung) beeinflussen. Das ist schier unmöglich.


    Die Große Finanzkrise von 2008 ist nun zehn Jahre her und nichts hat sich wirklich geändert. Woher auch?

    „Es ist aber klar, dass mit ... der Produktion auf großer Stufenleiter, 1. die Märkte sich ausdehnen und vom Produktionsort sich entfernen, 2. daher die Kredite sich verlängern müssen und also 3. das spekulative Element mehr und mehr die Transaktion beherrschen muss.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 496.



    Die Unternehmen und Regierungen haben heute mehr Kredit aufgenommen als vor der großen Krise.

    Vor der Krise waren die Regierungen der Welt mit rund 30 Billionen Dollar verschuldet, heute haben sie 63 Billionen Dollar Schulden.

    Die Unternehmen und Konsumenten in aller Welt haben heute 175 Billionen Dollar Schulden, 40 Billionen mehr als vor dem Finanzcrash von 2008.

    Insgesamt beläuft sich die globale Gesamtschuld auf mehr als die gesamte globale Wirtschaftsleistung von drei vollen Jahren. Im Grunde gehörte den Banken der Welt diese volle dreijährige Wirtschaftsleistung. Sollten diese Schulden ganz und sofort getilgt werden, dürfte drei Jahre lang von der gesamten Wirtschaftsleistung der Welt kein Cent und kein Euro an andere Verbraucher abgehen – keine Steuern, kein Lohn, kein Gewinn. Die Verschuldung droht alle Regierungstätigkeit, alle Unternehmenstätigkeit und allen Konsum zu ersticken. Der Ruin von einigen von ihnen ist daher unvermeidlich.

    Die Verschuldungskrise führt entweder zum Ruin von Schuldnern (Industrieunternehmen, Regierung, Häuslebauer) oder zum Ruin der Gläubiger, der Banken oder zu beidem. Die Schuldenspekulation kann nicht für alle aufgehen. Die gegenwärtig knapp 240 Billionen Dollar Weltschulden können nicht insgesamt mit Zins und Gewinn zurückgezahlt werden.

    Das wissen auch die Banker. Also verlängern sie ihre Kredite und erhöhen ihre Kredite. Verschuldung führt in noch höhere Verschuldung. In dieser Lage tun die Banken und Regierungen alles, dass es andere trifft, nur nicht sie. Die Banken und Unternehmen in Nordeuropa ruinieren die Banken und Unternehmen in Südeuropa. Die USA versuchen sich mittels Trumpeconomics auf Kosten Chinas und der EU zu sanieren. Die britische Regierung hofft durch den Brexit der Schulden- und Kreditvernichtung zu entgehen.

    Aktuell liegen die Schwachpunkte der kapitalistischen Weltwirtschaft in der Türkei und in Argentinien, aber Brasilien, Russland und Italien sehen ebenfalls nicht mehr als „sichere Kreditnehmer“ aus. Irgendwo und irgendwann wird die Schuldenkette reißen, und kein „Kontrolleur“ kann vorhersehen, an welcher Stelle sie reißt und welche Gläubiger und welche Schuldner mit in den Abgrund gerissen werden.


    Wal Buchenberg, 12.9.2018

    Die letzte Schlacht um Idlib hat begonnen. Im Süden der von islamischen Rebellen gehaltenen Provinz sind Milizen aufmarschiert, die für das Assad-Regime kämpfen. Russische Bomber fliegen gegen Idlib schon Einsätze von dem nahgelegenen Luftwaffenstützpunkt der russischen Armee. Vor der syrischen Küste wurden die russischen Flottenverbände verstärkt.




    In der Region Idlib leben derzeit rund 3 Millionen Menschen, vielleicht 2 Millionen waren aus anderen Kriegszonen Syriens dorthin geflüchtet. Kontrolliert wird Idlib von der Hayat Tahrir al-Sham (HTS) (Komitee zur Befreiung der Levante). Die HTS sind ein Zusammenschluss mehrerer islamischer Milizen, deren geschätzte 40.000 Kämpfer mehrheitlich zur al-Nusra-Front, einem Ableger von Al-Kaida gehören. Sie werden von Saudi-Arabien und von Katar unterstützt und es soll unter ihnen auch einige tausend ausländische Söldner aus Europa geben.

    In der iranischen Hauptstadt war vor wenigen Tagen ein Gipfeltreffen zwischen Erdogan, Putin und Rohani gescheitert. Der türkische Präsident konnte Putin und Rohani, die beide das Assad-Regime unterstützen, nicht davon abbringen, Idlib militärisch zu erobern.


    Vorher schon waren Verhandlungen darüber gescheitert, ob die türkische Regierung für die Bewohner von Idlib einen Fluchtkorridor frei macht. Ende August erst hatte Erdogan die Kämpfer von HTS offiziell zur „terroristischen Vereinigung“ erklärt. Auch vom Assad-Regime haben die Rebellen nichts Gutes zu erwarten. Wo sich früher syrische Rebellen ergeben hatten, sind ihre Führer trotz zugesagter Amnestie in den Folterkellern Assads verschwunden.


    Der Syrienkrieg kennt viele Verlierer und wenige Gewinner.

    Die schlimmsten Verheerungen hat der Krieg am Land selber und an seiner Bevölkerung angerichtet. Von offizieller Seite wird geschätzt, dass seit Ausbruch des Konflikts rund eine halbe Million Menschen ihr Leben verloren haben, 5,4 Millionen Syrier haben das Land verlassen. Das Land ist über weite Strecken nur noch ein Trümmerfeld.

    Assad wird den Bürgerkrieg zwar gewinnen, aber um einen unmenschlichen Preis. Er hat sein eigenes Land in Schutt und Asche gelegt, um an seinen Ämtern und der seiner Klientel festzuhalten. Er hatte zu Beginn des Konflikts, als er seine Armee gegen waffenlose Demonstranten einsetzte, behauptet, er kämpfe gegen „Terroristen“. Mit seinem terroristischen Vorgehen gegen seine Gegner tat er alles, um diese Anfangslüge zur Wahrheit werden zu lassen. Heute stehen ihm in Idlib tatsächlich nur noch bewaffnete Terroristen gegenüber. Das Regierungsamt Assads ist ohne Wert und ohne Macht. Er bleibt auf Jahre hinaus finanziell, militärisch und politisch von ausländischen Mächten abhängig.


    Zu den Verlierern des Syrienkrieges gehören auch die USA, Frankreich und Großbritannien. Sie unterstützten von Beginn an „gemäßigte“ Milizen, die gegen Assad kämpften, hatten aber nur bei den kurdischen Milizen (YPG) einigen Erfolg damit. Der Machtzuwachs der kurdischen Milizen im Nordosten Syriens wird jedoch nach dem Fall von Idlib noch einmal auf die Probe gestellt. Ihre Positionen in der Region Afrin mussten die kurdischen Milizen rasch räumen, sobald dort türkische Truppen einmarschiert waren. Es soll auch nicht vergessen werden, dass das britische Parlament erstmals in seiner Geschichte einem Kriegseinsatz seiner Regierung die Zustimmung verweigert hatte.

    Das ist einer der wenigen historischen Glanzpunkte in dem blutigen syrischen Trauerspiel.


    Wie der Syrienkonflikt für die Türkei und für Erdogan ausgehen wird, ist noch nicht entschieden. Die Türkei beherbergt jetzt schon 3,5 Millionen syrische Flüchtlinge. Falls ein weiterer Zustrom aus Idlib einsetzt, benötigt das krisengeplagte Land wohl finanzielle Unterstützung aus Europa. Auch wenn sich mehrere tausend Jihadisten in die Türkei absetzen, macht das die Lage für die Türkei und für Erdogan nicht einfacher. Erdogan hat zwar als Faustpfand noch eigene Truppen auf syrischem Boden in der Region Afrin stehen, aber mit dem Machtzuwachs und der faktischen Autonomie der syrischen Kurden im Nordosten Syriens hat Erdogan sich noch nicht abgefunden.


    Ein Gewinner des Syrienkrieges ist der Iran, der zuvor schon seinen Einfluss im Irak ausgedehnt hatte. In Syrien kämpfen seit Jahren iranische Milizen auf Seiten des Assad-Regimes. Der Iran hat sich als regionale Macht im Nahen Osten etabliert, auch wenn er damit Konflikte mit Saudi-Arabien und Israel verstärkte. Der Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran ist wohl ebenfalls eine Reaktion auf die gestärkte Position des Iran.

    Alle Regierungen im Nahen Osten richten sich auf eine Zeit ohne amerikanische Vorherrschaft ein.


    Der eigentliche Gewinner des Syrienkrieges ist Russland. Nach dem Zerbrechen der Sowjetunion und dem folgenden wirtschaftlichen Niedergang war Russland von der Bühne der Großmächte verschwunden. Unter Putins Führung gelang es, trotz weiter bestehenden wirtschaftlichen Schwächen, Russland wieder zu einer militärischen Großmacht zu machen. Putin schaffte es auch, die letzten Grenzstreitigkeiten mit China zu beseitigen. Auch die ersten gemeinsamen Manöver von russischen mit chinesischen Truppen in Sibirien zeigen, dass Putin aus der Schwäche der USA und der zunehmenden Regionalisierung der Welt politisches Kapital schlagen kann.


    Wal Buchenberg, 9.9.2018

    Hallo Lukas,

    danke für dein Statement!

    Ob die Gewerkschaftsführer wirklich die bewusste Absicht haben, um mithilfe der Staatsmacht gegen "linke und kritische Kollegen vorzugehen", das möchte ich stark bezweifeln. Alle Gewerkschaftsvertreter, die ich kennengelernt hatte (ich war in drei Gewerkschaften Mitglied und bin als Kommunist zweimal ausgeschlossen worden) wollten subjektiv "für Alle das Beste". Sie glaubten an eine herstellbare "Klassenharmonie" und deshalb war Kompromissbereitschaft gegenüber dem Kapital für sie eine Selbstverständlichkeit. Kompromisslosigkeit konnte diese "Harmonie" stören und wurde von ihnen deshalb bekämpft. Bekämpfung der radikalen Linken innerhalb der Arbeiterbewegung ist wohl ein Aspekt der sozialdemokratischen Gewerkschaftsführer, aber nicht der zentrale Aspekt und schon gar nicht ihr Ausgangspunkt.


    Allerdings gehst du in deinem Kommentar nicht auf die aktuelle DGB-Resolution ein. In dieser Resolution geht es gar nicht um den Klassenkampf, um den Konflikt zwischen Lohnarbeit und Kapital. In dieser Resolution geht es darum, ein "braver Bürger" zu sein, und "richtig" zu wählen. Die Resolution setzt ganz auf "wehrhaften Staat" und möchte, dass der Staat gegen Rechte stärker vorgeht. Genauso gut kann man sich wünschen, dass Wasser bergauf fließt.

    Die Leute haben ja nicht nur einen Hass auf Ausländer, sondern auch auf das ganze Regierungspersonal. Darin steckt auch viel berechtigter Ärger. Wer die Parole "Weg mit Merkel!" durch die Losung: "Unterstützt Merkel!" ersetzt und die AfD-Wähler mit der Losung "Wählt demokratisch!" zurückgewinnen will, der ist nicht glaubwürdig und wird keinen Erfolg haben.


    Gruß Wal


    Edit: Hier noch betriebliche Reaktionen auf Rechtsradikalismus

    Was kürzlich mit Air Berlin passierte, geschieht jetzt mit Kaufhof.

    Ein Unternehmen, das den Kapitaleignern nicht genug Gewinn bringt, wird zum Schnäppchenpreis verscherbelt. Ein Viertel der Arbeitsplätze werden eingestampft. Die restlichen Angestellten werden nur zu Billigkonditionen vom neuen Eigentümer übernommen. Da es sich hier um einen Deal zwischen zwei Kapitaleignern handelt, haben die Gewerkschaften keinen Einfluss und kein Mitspracherecht.


    In der „Deutschen Warenhaus Holding“ verbinden sich ein Blinder mit dem Lahmen. Der Österreicher René Benko, der Karstadt erst im Jahr 2014 nach der Pleite übernommen hatte, und seither nur in einem einzigen Geschäftsjahr schwarze Zahlen erreicht hatte, kauft für wenig Geld die Mehrheitsanteile am Kaufhof, übernimmt die ganze Macht und stellt das Management für den neuen Konzern.


    Der Alteigentümer von Kaufhof, das kanadische Konsortium HBC behält aber den Großteil der Kronjuwelen: Kaufhof-Immobilien im Wert von 2,6 Mrd Euro, die weiter von HBC mit überhöhten Mieten gemolken werden können.

    Ein Bankenkonsortium unter Führung der Landesbank Baden-Württemberg hat den schmutzigen Deal mit sanftem Druck eingefädelt, weil die LBBW, die Helaba, die HSH und andere Banken sonst fast 2 Milliarden an Altkredite sowohl an HBC wie an René Benko als verloren abschreiben müssten.


    Die Banken hoffen auf einen Jahresumsatz des neuen Konzerns von 5 Milliarden Euro. Diese Zielvorgabe liegt sogar über dem aktuellen summierten Umsatz der beiden Konzerne. Auch daran lässt sich erkennen, dass die Eltern dieses Deals Schreckhans und Krisengrete heißen, und dass die Strampelhöschen des Kindes mit der heißen Nadel gestrickt sind.

    Im Feynsinn-Forum habe ich mich zum Thema "Sozialdemokratie"geäußert:


    Ja, die Sozialdemokratie ist am Ende, aber für Ersatz ist gesorgt.

    Mit der Fahne „Almosen für Alle!“ wurden bei der letzten Wahl in Italien die meisten Stimmen gesammelt. In Deutschland ist das nicht populistisch, sondern ein BGE:

    Der übergewichtige Sozialstaat wird abgeschafft und auf Militär, Polizei und Gefängniswärter verschlankt. Niemand mehr, der dich „fördert“ oder „fordert“. Du gehst einfach zur Bank und holst dir deinen Monatsscheck. Der schlanke Staat wird dann zum „automatischen Subjekt“, das bei den Reichen (per Suchmaschine?) Geld einsammelt, und dann die Pferdeäpfel nach unten weiterreicht. Oder wie der Sozialist (?) Adam Smith formulierte: „In einer gut regierten Gesellschaft (wird) jener universelle Reichtum hervorgebracht, der sich bis zu den niedrigsten Bevölkerungsschichten verbreitet.“ (Wohlstand der Nationen 1,1, Abs.10)

    Unkommentierte, aber gekürzte Fassung des Textes von Sabine Aigner über die Zukunft der Landwirtschaft auf Telepolis.


    Mit unseren derzeitigen Konsumgewohnheiten werden wir die Menschheit nicht langfristig ernähren können ... Bliebe unser derzeitiger Lebensstil weiter unverändert, sei weder die konventionelle noch die ökologische Landwirtschaft dazu in der Lage, alle Menschen satt zu machen.


    Passt sich der Rest der Welt unserem industriellen Lebensstandard an, prognostiziert die Studie einen jährlichen Bedarf von 30 Billionen Kalorien weltweit. Die derzeitigen Ernteerträge liefern aber nur rund zwei Drittel davon. Um alle Menschen zu versorgen, braucht es also mehr Land.


    Für den konventionellen Landbau fehlen schätzungsweise 20 Prozent, für den ökologischen sogar 60 Prozent Ackerfläche. Zusätzliches Ackerland aber wird es ohne Abholzung weiterer Wälder oder den Umbruch von Grasland nicht geben. Die Entwicklung zielt eher auf eine permanente Flächenverbauung.


    In den meisten westlichen Ländern sei die landwirtschaftliche Produktion bereits optimiert worden und alle natürlichen Potentiale zur Produktion von Lebensmitteln ausgereizt ...


    Deutschland produziert das meiste und das billigste Schweinefleisch in Europa - das sind etwa 60 Millionen Schweine im Jahr. Schweinemastregionen wie die Landkreise Vechta und Cloppenburg wissen nicht mehr wohin mit den Unmengen an Gülle, die in den Mastställen anfallen. Für gewöhnlich wird die Gülle auf die Felder geschüttet mit dem Resultat, dass die Nitratwerte im Grundwasser seit Jahren ansteigen.


    Fünf Monate im Jahr im Kastenstand fixiert, muss eine Zuchtsau die ganze Zeit auf derselben Stelle liegen, fressen, schlafen, koten. Zweimal im Jahr wird sie künstlich befruchtet, nach knapp vier Monaten wirft sie bis zu 18 Ferkel. Zuchtziel ist eine immer größere Anzahl von Ferkeln pro Sau. Nach drei Jahren hat eine Sau mehr als 70 Ferkel geworfen.


    Nutzlos geworden für die Schweinezucht, endet ihr Leben nach spätestens drei Jahren im Schlachthof. Drei bis vier Wochen nach der Geburt werden die Ferkel von den Müttern getrennt und in einen separaten Bereich eingestallt - das ist zusätzlicher Stress für die Tiere. Nach vier bis fünf Monaten werden sie im Transporter mit hundert anderen Tieren zum Schlachter gefahren.


    Einzige Gelegenheit für ein Mastschwein, einmal das Tageslicht zu sehen, ist oft die Verladung auf den Transporter. Neben der Tierquälerei bietet die industrielle Fleischproduktion auch den idealen Nährboden für die Entstehung gefährlicher Krankheiten Tierseuchen. So gelten Schweinemastanlagen als Brutstätte für multiresistente Keime (MRSA).


    Tiere sollten, wie in traditioneller Haltung üblich, ausschließlich Gras und Abfallprodukte fressen. Der Schweizer Studie zu Folge müsste man diese Strategie im konventionellen Anbau zu 50 Prozent, im ökologischem Anbau zu 100 Prozent umsetzen, während der Lebensmittelabfall gleichzeitig um die Hälfte reduziert werden müsste.


    Ein kompletter Verzicht auf Fleisch wäre nach Ansicht der Experten allerdings auch keine Lösung, sind doch viele Böden schlicht zu karg oder zu uneben für den Ackerbau. Schon heute wird mehr als die Hälfte des globalen Agrarlandes als Weideland genutzt. Denn Wiederkäuer wie Schafe, Ziegen und Rinder wandeln Gras in Eiweiß um, das dem Menschen in Form von Fleisch, Milch oder Käse zugute kommt.


    Weniger Tiere artgerecht gehalten auf Stroh oder im Freiland - dass bedeutet, für den Einzelnen gibt es weniger Fleisch zu essen. Doch dieses Fleisch wäre von bester Qualität - im Gegensatz zu dem von Tieren aus industriellen Mastanlagen. Abgesehen davon: Ein zu hoher Fleischkonsum schadet nachgewiesenermaßen der Gesundheit.


    Aber einen grenzenlosen Fleischkonsum wird der Planet ohnehin nicht mehr lange verkraften. Wollen wir als Menschheit auf der Erde überleben, müssen wir uns auf jeden Fall eine andere Ernährung angewöhnen.


    Eine einzige Anmerkung dazu:

    Wichtiges Thema, guter Text! Aber eine umweltschonende Landwirtschaft werden wir nicht (allein) durch ein geändertes Konsumverhalten erreichen können. Ohne tiefgreifende Eingriffe in die gegenwärtigen Eigentumsverhältnisse, die den Landwirten erlauben, anzubauen, was und wie sie wollen, werden wir wenig erreichen.


    Siehe auch:


    Dürre Landwirtschaft


    Wohin geht die Landwirtschaft?



    Fleischkost oder vegetarisch - konventionelle oder biologische Landwirtschaft






    Hallo Antonym,

    ich kenne weder Buch noch Autor, aber es handelt sich um eine wichtige Fragestellung. Am besten, du stellst hier ein paar Inhalte und Erkenntnisse des Buches vor.



    Seit 1947 stieg die Arbeitsproduktivität pro Arbeitsstunde in den USA um das Dreifache (300%), seit 1980 stieg die Arbeitsproduktivität um das Doppelte (100%).

    Grob gesprochen könnten die Amis - jenseits des Kapitalismus – mit der heutigen Arbeitsproduktivität den Lebensstandard von 1980 in der halben Arbeitszeit, also in rund 20 Wochenstunden erarbeiten und erhalten.


    „Erst die durch die große Industrie erreichte ungeheure Steigerung der Produktivkräfte erlaubt, die Arbeit auf alle Gesellschaftsmitglieder ohne Ausnahme zu verteilen und dadurch die Arbeitszeit eines jeden so zu beschränken, dass für alle hinreichend freie Zeit bleibt, um sich an den allgemeinen Angelegenheiten der Gesellschaft – theoretischen wie praktischen – zu beteiligen. Erst jetzt also ist jede herrschende und ausbeutende Klasse überflüssig, ja ein Hindernis der gesellschaftlichen Entwicklung geworden ...“ F. Engels, Anti-Dühring, MEW 20, 169.


    Gruß Wal

    Erst einmal ist zu erwähnen, dass (für mich soweit) nicht aus dem Artikel hervorgeht, was die Untersuchten genau angekreuzt oder sonstiges mitgeteilt haben.

    Ich habe meine Quelle angegeben. Die Originalquelle von Gallup kannst du googeln. Diese Befragung wird von Gallup in vielen Ländern und jedes Jahr gemacht.

    Wenn sich jemand in einem Unternehmen "richtig wohl fühlt", lässt das noch lange keinen Schluss über die politische Einstellung zu

    Hier machst du denselben Fehler wie Nicotin. Es geht bei dieser Befragung nicht um "politische Einstellung". Es geht allein um die Einstellung der Lohnarbeiter zu ihrem Kapitalisten. Als Ergebnis kommt die Untersuchung von Gallup auf drei unterschiedliche Einstellungen:

    1. Eine volle Identifikation des Lohnarbeiters mit seinem Kapitalisten. (Das ist das, was ich "falsches Bewusstsein" nenne, weil die Klassenunterschiede hier komplett geleugnet und ausgeblendet werden.)

    2. Eine halbe Distanzierungen des Lohnarbeiters von seinem Kapitalisten, die aber nur innerlich ist, nach außen zeigt er seine Distanz nicht. Das nennen die Gallup-Leute "Dienst nach Vorschrift" und sie finden das gar nicht gut. Ich finde das ganz realistisch und den Verhältnissen meist angemessen.

    3. Die völlige Ablehnung des jeweiligen Kapitalisten durch den Lohnarbeiter - die "innere Kündigung". (Eine Ablehnung des Kapitalismus insgesamt ist damit nicht notwendig verbunden.)


    Alle diese drei Reaktionen geben einen ersten Blick hinter die Kulissen der kapitalistischen Verhältnisse in Deutschland.

    Es ist nirgendwo der Fall, dass die objektiven Bedingungen und Lebensumstände die Gedanken und politischen Einstellungen der Leute determinieren würden.

    Das ist eine dumme Unterstellung, dass ich glaube, die objektiven Bedingungen würden die "politischen Einstellungen" der Leute determinieren. Und nochmals: Es geht hier gar nicht um Politik, sondern um das Verhältnis Lohnarbeit zum Kapital.

    Die Daten von Gallup zeigen übrigens genau das Gegenteil einer "Determinierung".

    Die "objektiven Bedingungen" des Kapitalismus in Deutschland sind mehr oder minder einheitlich durch Gesetz und Tarife etc. geregelt. Aber Gallup findet heraus, dass die Leute ganz unterschiedlich auf diese Bedingungen reagieren: 15% machen sich die Verhältnisse "zu eigen". 71% arrangieren sich mit den Verhältnisse, 14% reiben sich an diesen Verhältnissen auf.


    "Alle anderen spüren den Frust ihrer fremdbestimmten Existenz als Lohnabhängige. Sie alle sind mehr oder minder für Solidarität und Aufklärung empfänglich." (Wal)
    Richtig sind diese Aussagen nicht. ... Was die schwammigen Phrasen von "Solidarität und Aufklärung" bedeuten sollen, ist ebenso unerfindlich, erst recht die verdächtige Relativierung "mehr oder minder".

    Was ich damit meine, ist folgendes:

    „Die Revolutionen bedürfen nämlich eines passiven Elements, einer materiellen Grundlage. Die Theorie wird in einem Volke immer nur so weit verwirklicht, als sie die Verwirklichung seiner Bedürfnisse ist. ... Es genügt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muss sich selbst zum Gedanken drängen.“ K. Marx, MEW 1, S. 386.

    Ich nehme diesen Gedanken von Karl Marx ernst. Mir geht es tatsächlich um "die Verwirklichung der Bedürfnisse" des (lohnabhängigen) Volkes.

    Es geht mir zunächst darum, herauszufinden, was die Bedürfnisse der Lohnarbeiter im heutigen Deutschland sind. (Auf fernere Lohnarbeiter in anderen Ländern habe ich keinerlei Einfluss)

    Angewandt auf die obigen Daten heißt das:

    - 15% der Lohnarbeiter in Deutschland sehen ihre Bedürfnisse im Kapitalismus verwirklicht. Sie identifizieren sich mit dem Kapital und dem Kapitalismus.

    - 71% der Lohnarbeiter (also mehr als zwei Drittel) suchen und schaffen einen Ausgleich zwischen ihren Bedürfnissen und den Bedürfnissen der Kapitalisten. Sie machen "Dienst nach Vorschrift" und kommen damit eine Zeit lang über die Runden.

    - 14% sehen einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen ihren Bedürfnissen und den Bedürfnissen ihres Kapitalisten.

    Das ist meine Lagebeschreibung für den Konflikt zwischen Lohnarbeit und Kapital im heutigen Deutschland. Das ist meine Erklärung für die deutsche Wirklichkeit, die sich (noch) nicht zum kommunistischen Gedanken drängt.


    Gruß Wal

    Dass die willkürliche „Zeitumstellung“ abgeschafft wird, war lange überfällig. Dass Herr Juncker jetzt die Sommerzeit für alle Zeit und alle europäischen Regionen verbindlich machen will, ist nicht weniger willkürlich. „Millionen haben geantwortet und sind der Auffassung, dass es so sein sollte, dass die Sommerzeit in Zukunft für alle Zeit gilt. So wird das auch kommen.“ (Juncker)


    Unser Lebensrhythmus wird nicht durch die Uhr bestimmt, sondern durch die Sonne. Für den täglich und halbjährlich wechselnden Rhythmus der Sonne gibt es jedoch eine Konstante: Der Höchststand am Mittag. Daran ändert sich sommers wie winters wenig. Nur die Tagesdauer wird kürzer, weil sich Sonnenaufgang und Sonnenuntergang mit der Jahreszeit verschieben. Der Sonnenhöchststand (die „Mittagszeit“) bleibt ortsbezogen gleich und verschiebt sich nicht.

    In Berlin und Rom erreicht die Sonne ihren Höchststand ungefähr um 13:00 Uhr (in Sommerzeit). In Brüssel wird der Sonnenhöchststand um 13:40 erreicht, in Paris 13:50 und in Madrid erst 14:14.

    Wenn sich unsere Uhren nicht nach Herrn Juncker, sondern nach der Sonne richten würden, dann müsste der Sonnenhöchststand gleich 12 Uhr sein – und es wäre für die Bewohner von Vorteil, wenn es in der EU mehrere Zeitzonen gäbe.

    Ich wechsle doch gar nicht das Thema. Hat nicht Marx selbst gesagt, dass man anhand des Wahlverhaltens der Arbeiter innerhalb der parlamentarischen Demokratie ablesen kann, wie es um das gegenwärtige Klassenbewusstsein bestimmt ist?

    Hallo Nikotin,

    Ich spreche über das Verhältnis zwischen Lohnarbeit und Kapital, du willst lieber über das Verhältnis zwischen Lohnarbeiter und Staat sprechen. Auch darüber müssen wir diskutieren, aber in diesem Thread geht es um das Verhältnis zwischen Lohnarbeit und Kapital. Das Verhältnis zwischen Kapital und Lohnarbeit ist das grundlegende und alles bestimmende Verhältnis im Kapitalismus. Nur von hier aus kann der Kapitalismus verstanden werden und nur von hier aus kann der Kapitalismus beseitigt werden. Wer nicht über das Verhältnis Lohnarbeit und Kapital sprechen will, will nicht über den Kapitalismus sprechen.


    Also zurück zu diesem Thema:

    „Wir sahen ...: das Kapital – und der Kapitalist ist nur das personifizierte Kapital ... –, also das Kapital pumpt in dem ... Produktionsprozess eine bestimmte Menge Mehrarbeit aus den unmittelbaren Produzenten oder Arbeitern heraus, Mehrarbeit, die jenes (das Kapital, w.b.) ohne Gegenwert erhält und die ihrem Wesen nach immer Zwangsarbeit bleibt, wie sehr sie auch als das Resultat freier vertraglicher Übereinkunft erscheinen mag.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 827.


    Ausbeutung ist entweder „unmittelbare Zwangsarbeit oder vermittelte Zwangsarbeit.“ K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 232.

    Für die Lohnarbeiter bedeutet Ausbeutung, dass sie „die Macht eines fremden Willens, der ihr Tun seinem Zweck unterwirft, ertragen müssen.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 351.


    Wenn der Lohnarbeiter sich zu seiner Arbeit „als einer unfreien verhält, so verhält er sich zu ihr als der Tätigkeit im Dienst, unter der Herrschaft, dem Zwang und dem Joch eines anderen Menschen.“ K. Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW 40, 519.

    Ich behaupte, die große Mehrzahl der Lohnarbeiter spürt dieses Zwangsverhältnis und leidet unter diesem Arbeitszwang. Ihre Ausbeutung, die Produktion von Mehrwert und Kapital, können die Lohnarbeiter nicht sehen. Die Ausbeutung der Lohnarbeit ist im Kapitalismus unsichtbar und kann nur mit dem Verstand erschlossen und begriffen werden:

    "Die Form des Arbeitslohns löscht also jede Spur der Teilung des Arbeitstags in notwendige Arbeit und Mehrarbeit, in bezahlte und unbezahlte Arbeit aus. Alle Arbeit erscheint als bezahlte Arbeit. Bei der Fronarbeit unterscheiden sich räumlich und zeitlich, handgreiflich sinnlich, die Arbeit des Fronbauern für sich selbst und seine Zwangsarbeit für den Grundherrn. Bei der Sklavenarbeit erscheint selbst der Teil des Arbeitstags, worin der Sklave nur den Wert seiner eigenen Lebensmittel ersetzt, den er in der Tat also für sich selbst arbeitet, als Arbeit für seinen Meister. Alle seine Arbeit erscheint als unbezahlte Arbeit. Bei der Lohnarbeit erscheint umgekehrt selbst die Mehrarbeit oder unbezahlte Arbeit als bezahlt. ... Auf dieser Erscheinungsform, die das wirkliche Verhältnis unsichtbar macht und gerade sein Gegenteil zeigt, beruhen alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Selbsttäuschungen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen, alle beschönigenden Flausen der Vulgärökonomie. K. Marx, Kapital I, MEW 23, 562.


    Die Lohnarbeiter können also ihre Ausbeutung nicht direkt sehen und spüren. - und auch du kannst und willst nicht die Ausbeutung der Lohnarbeiter in Deutschland sehen und begreifen. In diesem Punkt hast du ganz genau dasselbe "falsche" (richtig: mangelhafte) Bewusstsein wie die Lohnarbeiter in Deutschland.

    Du siehst den hohen Lohn, den Lohnarbeiter in Deutschland bekommen, und glaubst, diese Lohnarbeiter werden nicht ausgebeutet.

    Die Ausbeutung wird aber erst sichtbar, wenn man auf das Gesamtprodukt schaut, das Lohnarbeiter erarbeiten, und davon den Lohn (und das konstante Kapital) abzieht.


    Aber die Lohnarbeiter in Deutschland sehen und spüren ihre Unterwerfung unter den Willen ihres Kapitalisten. Diese Unterwerfung unter den Willen des Kapitals beginnt mit dem ersten Tag des Arbeitsverhältnisses. Es beginnt schon damit, dass das Kapital (sein Vertreter) frei entscheidet, ob er dich einstellt und unter welchen Bedingungen er dich einstellt. Im letzten Jahr (2017) wurde fast die Hälfte der jungen Berufsanfänger (46%) nur mit einem befristeten Arbeitsvertrag eingestellt. Diese befristeten Arbeitsverträge erhöhen den Druck des Kapitals auf "seine" Lohnarbeiter ins Ungeheure. Da kann die konkrete Organisation der späteren Arbeit scheinbar "ganz locker" und an einer ganz langen "Leine" erfolgen.

    Marx sagte: Das Verhältnis des Kapitals zur Lohnarbeit ist ein Zwangsverhältnis. Du meinst, es sei ein gemütliches Klüngelverhältnis, um gemeinsam die kapitalistische Peripherie auszubeuten. Da liegst du ganz falsch.


    Ja, deswegen hoffe ich, dass sich die Lebensumstände der Arbeiter(aristokraten) erheblich verschlechtert. Die Arbeiter hier haben ein kleinbürgerliches Bewusstsein, weil es ihnen schlicht zu gut geht. Doch bevor es soweit kommt, wird sich ein beträchtlicher Teil eher dem Faschismus zu wenden. Ich sage das wirklich nicht um dich zu ärgern, aber ich hege große Zweifel an der deutschen bzw. westlichen Arbeiterklasse.

    Allenfalls seinen Feinden wünscht man, dass sich ihre Lebensumstände verschlechtern. Nur seinen Feinden wünscht man, dass ihnen Schlimmes passiert. Du behandelst die Arbeiter wie Feinde. Dir geht es nicht wirklich um das Wohlergeben der Arbeiter. Dir geht es wirklich nur um deine eigenen Ziele. Dir geht es darum, dass schnell Revolution gemacht wird, und dass du recht bekommst. Die Arbeiter sind dir dabei nur Mittel zu deinem Zweck.

    Die Lohnarbeiter sind für dich Instrumente, um deine Ziele zu erreichen.

    Dein Pech ist, dass die Lohnarbeiter nicht gerne "Instrumente" für andere sind. Dein Pech ist, dass die Lohnarbeiter einen eigenen Willen haben, und dass sie gerade in Deutschland ziemlich schlechte Erfahrungen damit gemacht haben, wenn sie irgendwelchen „Führern“ gefolgt sind - egal unter welcher Fahne diese (Ver)Führer aufgetreten sind.


    Für die Lohnarbeiter bist du nur ein weiterer (Ver)Führer, der sie unter seiner Fahne sammeln und auf einen Weg führen will, der deine Existenz verbessert, aber an der Lage der Arbeiter nichts grundlegend ändert. Es ist ein Weg, an dessen Ende abzusehen ist, dass die Arbeiter wieder nur Arbeiter bleiben, die für einen fremden Willen malochen müssen. Daran haben die Arbeiter wirklich kein Interesse.

    Nochmals: Ich denke, du hast ein „falsches Bewusstsein“, nicht die Lohnarbeiter.


    Gruß Wal

    Diese 15% (und nur diese 15%) haben sich gemütlich in ihrem Lohnsklavendasein eingerichtet. Sie haben ein Liebesverhältnis zu "ihrer" Firma und zu ihrer abhängigen Existenz. Das macht sie immun für ein Erkennen der Klassenverhältnisse. Sie glauben dem kapitalistischen Glücksversprechen.

    Alle anderen spüren den Frust ihrer fremdbestimmten Existenz als Lohnabhängige. Sie alle sind mehr oder minder für Solidarität und Aufklärung empfänglich.

    Du wechselst das Thema. Die repräsentative Befragung nimmt das Verhalten während der Lohnarbeit in den Blick. Das ist ein Verhalten von 7 bis 8 Stunden an jedem Arbeitstag.

    Du kommst jetzt mit Wahlverhalten um die Ecke. Das ist ein Verhalten für eine Stunde an einem Sonntag einmal alle vier Jahre. Auch das wäre zu erklären, aber das ist jetzt nicht Thema.


    Nochmals: Du hast Erwartungen an die Lohnarbeiter, die weder der Situation noch den Kräfteverhältnissen entsprechen. Das nenne ich "falsches Bewusstsein".


    Gruß Wal

    Du kannst also in Millionen Kopfe gucken und sehen, was sie denken? Ich kann das nicht.

    Was man bei diesen 71 Prozent der Lohnarbeiter sehen kann, ist, dass sie das tun, wofür sie bezahlt werden und keinen Handschlag mehr. An diesem "Jobbewusstsein" ist nichts verkehrt.


    Wahr ist allerdings, dass diese Lohnarbeiter nicht das tun, was du gerne hättest, und was du von ihnen verlangst, nämlich "Revolution machen".

    Du nennst "falsches Bewusstsein" das Bewusstsein, das dir nicht in den Kram passt.

    Ich nenne "falsches Bewusstsein" ein Bewusstsein, das weder der Situation noch den Kräfteverhältnissen angepasst ist.

    Du hast "falsches Bewusstsein", die Mehrzahl der Lohnarbeiter nicht.

    Gruß Wal

    Lohnarbeiter in Deutschland haben nicht nur bei Linken den Ruf, besonders fleißig, besonders zuverlässig und besonders angepasst zu sein. Das ist nur Fassade.

    Nur gut ein Drittel aller Lohnarbeiter (36,4%) würden seinen "Freunden und Familienangehörigen die Produkte/Dienstleistungen meiner Firma empfehlen“.

    Die Managementberater von Gallup stellten 2018 in einer repräsentativen Befragung fest:

    - 71 Prozent der Lohnarbeiter in Deutschland machen nur „Dienst nach Vorschrift“ .

    - 5 Millionen Lohnarbeiter (14%) finden ihre Arbeit und ihren Arbeitsplatz zum Kotzen und haben „innerlich gekündigt“.

    - Nur 15 Prozent der Lohnarbeiter in Deutschland lieben ihre Firma und ihre Arbeit.

    Diese 15 Prozent - und nur diese 15 Prozent - haben das, was Traditionslinke ein "falsches Bewusstsein" nennen.


    Quelle: FAZ

    Eine Fundamentalkritik ... beantwortet aber keineswegs die Frage ob eine nachkapitalistische Ökonomie auch in der Realität ohne Märkte auskommen kann bzw. das Verschwinden von Märkten in einer komplexen und dynamischen Gesellschaft überhaupt wünschenswert ist....

    Hallo Marihuana,

    jemand der die Realität einer nachkapitalistischen Ökonomie zu kennen glaubt, und der das Verschwinden von Märkten überhaupt nicht für wünschenswert hält, dessen Mitarbeit im Marx-Forum halte ich nicht länger für wünschenswert.


    Such dir bitte einen anderen Ort für deinen Marktradikalismus!


    Gruß Wal

    Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, sammeln sich bei Kaufhof so viele Schulden an, dass der Kaufhof-Eigentümer, die kanadische HBC, seine Schulden nicht mehr vertragsgemäß bedient.

    Großgläubiger von HBC ist die Landesbank Baden-Württemberg LBBW, die vor drei Jahren, als HBC Kaufhof erwarb, den Kauf von 41 Kaufhof-Immobilien mit einem Darlehen von 1,34 Milliarden Euro finanzierte. Nun droht die LBBW, diesen Kredit „fällig“ zu stellen, also sofortige Rückzahlung zu verlangen. In diesem Fall müsste die Kaufhof AG wohl Insolvenz anmelden.

    Die Kaufhof GmbH fährt einen jährlichen Verlust von fast 100 Millionen Euro ein. Es steht aber der Vorwurf im Raum, dass Kaufhof, die die Verkaufsflächen der 96 Kaufhäuser bei HBC anmietet, viel zu hohe Mieten an HBC abdrücken muss.


    In diesem Finanzstreit geht es nicht direkt um das Schicksal der 18.000 Kaufhof-Angestellten. Es geht um das Eigentum an den Kaufhof-Immobilien. Ein Verlust von vielen Millionen Euro ist derzeit unvermeidlich. Die beteiligten „Partner“ kämpfen jetzt darum, wer am Ende Eigentümer der Kaufhäuser wird und wer auf Millionenschulden sitzen bleibt.

    Egal wie dieser Elefantenstreit ausgeht, es wird dabei viel Gras zertrampelt und die Hauptleidtragenden werden am Ende die Lohnarbeiter von Kaufhof sein.

    Ökosozialismus , der den Sozialismus "aus der Idee" ableiten und aufbauen möchte..

    Hallo Nikotin,

    ich kann bei diesem Ökosozialismus keine "Idee" entdecken.

    Ich habe den Eindruck, dass sie weniger einer Idee als vielmehr dem Trend folgen. Kapitalismuskritik liegt wieder im Trend, Sozialismus- und Heilsversprechen liegen wieder im Trend ... (Dieser Trend is our friend!:thumbsup: ) ... Öko und Bio liegen im Trend und vor allem liegen Sammlungsbewegungen im Trend ("gewinne neue Anhänger, vor es die anderen tun!") .


    Hast du denn das Öko-Sammlungsdokument gelesen? Vor kurzem hattest du noch ganz ähnliche Thesen hier vertreten wie z.B:

    Quote

    Wohlstandsversprechen, ... die letztlich parasitär waren und auf der Ausplünderung anderer Länder und der Übernutzung natürlicher Ressourcen beruhten,

    Kapitalistische Firmen stellen Produkte her, die ihnen Profit bringen. Das „schafft Arbeitsplätze“ sagen die Verehrer des Kapitals. In Deutschland z.B. sind viele Leute stolz auf die florierende Autoindustrie. Eine Folge davon sind zunehmende Entfernungen von Wohnung und Arbeitsplatz und der wachsende Überlandverkehr per LKWs. Inzwischen ersticken Städte und Autobahnen an der Masse des rollenden Verkehrs. Was ist die kapitalistische „Lösung“? Mautgebühren für Autobahnen und Innenstädte.

    Mautgebühren für Autobahnen existieren in vielen europäischen Ländern. Mautgebühren für die Innenstadt verlangen zum Beispiel die Städte London und Singapur.


    Die kapitalistische Industrie produziert Treibhausgase in Masse, die das Weltklima aufheizen und zu Wetterkatastrophen vermehren. Was ist die kapitalistische „Lösung“? Treibhausgase werden „bepreist“, um sie rarer zu machen. Funktioniert hat das nicht.


    Einerseits wächst die Zahl der Elektrogeräte ins Unermessliche, andererseits zwingen die Regierungen in der EU die Verbraucher, „Strom zu sparen“. Wie? Durch Verbote und Preiserhöhungen.

    Verbote in der EU gibt es für Staubsauger ab 1600 Watt, für Kaffeemaschinen, die sich nach Gebrauch nicht selbsttätig abschalten, für Glühlampen, für Kühl- und Gefrierschränke. Preiserhöhungen sollen Waren und Dienstleistungen künstlich verknappen. In jedem einzelnen Fall führt das zu vermehrten Anschaffungskosten für die Verbraucher.


    Insgesamt führt dieser Öko-Trend der ungebremsten Produktion und des gebremsten Verbrauchs dahin, dass die Nachteile des Kapitalismus (Ruinierung der Gesundheit der Lohnabhängigen – ob sie im Job sind oder nicht -, Zerstörung unserer Umwelt, Vergiftung von Erde, Wasser und Luft) (fast) alle Lohnabhängige treffen, während sich die Reichen und Wohlhabenden alle Vorteile des Kapitalismus leisten und den Übeln des Kapitalismus ausweichen können.

    Die Reichen und Wohlhabenden können sich gesündere Wohnlagen draußen vor der Stadt plus klimatisierten Groß-PKW leisten, Flugreisen in Regionen mit noch unzerstörter Natur, alle möglichen Elektrogeräte vom Auto über Smartfon bis zur Klimaanlage, die alle Strom in Menge verbrauchen. Sie können sich bessere Ärzte und Medikamente, teure Therapeuten und gesunde Bio-Lebensmittel leisten.


    Der Kapitalismus produziert Reichtum und Lebensfreude für eine Minderheit und Armut und Elend für die Mehrheit.

    Karl Marx kam zu dem Schluss: „Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter. K. Marx, Kapital I, MEW 23, 529f.


    Dass die Traditionssozialisten und „Nachfolger von Marx“ die Kapitalismuskritik von Marx dahingehend verkürzten, dass die „soziale Frage“ nur eine Frage der Einkommensverteilung sei, dafür konnte Marx nichts. Wenn sich die Linken von der "sozialen Frage" verabschieden haben und eine verkürzte Kapitalismuskritik in Mode ist, war das nicht der Fehler von Karl Marx.


    Heutige „Ökosozialisten“ glauben, „die Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen“ sei wichtiger als die herkömmliche „soziale Frage“.

    Richtig am Ökosozialismus ist, dass der Kapitalismus (auch) Natur und Umwelt zerstört.

    Positiv an diesen Ökosozialisten ist, dass sie für „die Überwindung des kapitalistischen Produktionsverhältnisses eintreten“.


    Aber ich denke, diese Ökosozialisten sehen nur einige Symptome und Auswirkungen des kapitalistischen Profitviruses.

    Wie und warum Kapitalismus funktioniert, haben die Ökosozialisten nicht wirklich verstanden, sonst würden sie zum Beispiel nicht verlangen und erwarten, dass „die Versorgung der Gesellschaft mit Geld, Finanz- und Versicherungswesen etc. nicht mehr der Logik der privaten Profiterwirtschaftung gehorchen, sondern vergesellschaftet sind.“

    Geld, Finanz- und Versicherungswesen sind Schmiermittel der kapitalistischen Produktionsmaschine. Treibkraft dieser Produktionsmaschine ist aber die Auspressung von Lohnarbeit.


    In einer Gesellschaft, die gemeinschaftlich ihre Produktion und Reproduktion regelt, machen Geld, Finanz- und Versicherungswesen gar keinen Sinn und der Kapitalismus kann nie beseitigt werden, wenn wir nicht mit dem Geld und der Warenproduktion auch jede Form der Lohnarbeit beseitigen.


    Dieser Ökosozialismus ist gut gemeint, aber mit guten Absichten allein lässt sich unsere kapitalistische Welt nicht wirklich ändern.


    Gruß Wal Buchenberg, 25.08.2018

    Kapitalismus produziert Vereinsamung. Kapitalismus produziert Vereinsamung. weil er Familien, die in vorindustrieller Zeit noch Produktionseinheit waren, ihre wirtschaftliche Basis entzog. Der Kapitalismus produzierte Vereinsamung, weil er immer seltener Löhne zahlte, mit denen eine große Familie ernährt werden kann. Immer mehr Frauen wurden in Lohnarbeit gezwungen, und je schlechter diese Frauen-Lohnarbeit bezahlt ist, desto eher entschieden sich diese Frauen für einen Gebärstreik.

    Sichtbar wird diese Entwicklung an der zunehmenden Zahl der Ein-Personenhaushalte in Deutschland:




    Im Jahr 2017 waren von 41,3 Millionen Haushalten in Deutschland gut 17 Millionen oder knapp 42% Ein-Personen-Haushalte.


    Aber Kapitalismus wäre nicht Kapitalismus, wenn er für ein von ihm verursachtes Problem nicht eine scheinbare Lösung bereit hielte. Der Kapitalismus wäre nicht Kapitalismus, wenn er die Verantwortung für die zunehmende Vereinsamung nicht den Alleinlebenden in die Schuhe schieben könnte.


    Du bist auf Arbeitssuche? Der Kapitalismus bietet dir als Lösung den Gang zum Arbeitsamt – selber schuld, wenn du keine Arbeit findest. Du bist auf Partnersuche? Der Kapitalismus bietet dir als Lösung die Online-Dating-Plattformen – selber schuld, wenn du keinen Partner findest.

    Der Gang zum Arbeitsamt kostet dich nichts. Der Besuch einer Dating-Plattform kostet dich.

    Weltweit machen Dating-Plattformen zur Partnersuche 4,6 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr – mit großen Wachstumsraten. In Deutschland gaben die knapp 12 Millionen User für Onlinedating im Jahr 2015 offiziell rund 200 Millionen Euro aus. Die bekanntesten Plattformen in Deutschland verlangen einen monatlichen Mitgliedsbeitrag von 45 bis 55 Euro. Der Marktführer Parship setzte 2016 mehr als 100 Millionen Euro um und machte damit 20 Millionen Euro Profit. Das macht eine Profitrate von mindestens 25%.


    Bei einem so guten Geschäft, finden sich auch Soziologen, die „entdecken“, dass Datingplattformen nicht hauptsächlich für Profit, sondern für dein Glück da sind. Diese Soziologen haben herausgefunden, dass Online-Partnerschaften stabiler und glücklicher seien, als Ehen und Partnerschaften, die im realen Leben zueinander gefunden haben. Die glückliche Botschaft heißt: Finde online einen Partner/eine Partnerin, die zu dir passt!


    Das ist wie ein Gang ins Schuhgeschäft: Du gehst hinein, findest ein passendes Paar Schuhe, und verlässt den Laden glücklicher als du ihn betreten hast.


    Das kapitalistische Modell „Ich kaufe mir online einen Partner“ fördert alle Vorurteile und reproduziert „typisch männliches“ und „typisch weibliches“ Verhalten.

    Viele Männer reagieren auf alles, was einen Rock anhat. Frauen sind wählerischer. Auf der chinesischen Heiratsplattform Tantan zum Beispiel erhalten 60% der weiblichen Neuanmeldungen interessierte Männerzuschriften. Aber ganze 6% der männlichen Neuanmelder bekommen interessierte Zuschriften von Frauen.

    Das kapitalistische Modell „Ich kaufe mir online einen Partner“ fördert typisches Kaufverhalten. Die User jagen nicht nach „Schnäppchen“, sondern nach „Qualitätsware“.

    Der chinesische Betreiber von Tantan schätzt, dass auf seiner Plattform Männer wie Frauen nach Partnern suchen, die um ein Viertel attraktiver sind als sie selbst.


    Das kapitalistische Modell „Ich kaufe mir online einen Partner“ funktioniert am besten, wo die Ansprüche an potentielle Partner fest umrissen und fundamental sind: Wer nach Personen gleichen Glaubens (Christen, Juden, Moslems, Veganer, Vegetarier etc.) oder nach einer bestimmten sexuellen Orientierung sucht, der ist mit Partnerschaftsplattformen vergleichsweise erfolgreich.

    Deutsche Dating-Portale geben jedoch an, dass nur rund ein Drittel ihrer User über die Plattform feste Partner gefunden hätten. Für zwei Drittel der User bleibt ein „Satz mit x“.


    Die folgende Grafik enthält nur Daten aus den USA. Sie zeigt in 1) wie sich die ersten Treffen von Paaren zunehmend ins Internet verlagert.

    Und die Grafik zeigt in 2) wie Partnerplattformen sexistische und rassistische Vorurteile aufgreifen und bedienen.




    Zur Grafik 1) First Date

    Gezeigt wird, wo sich die befragten (Ehe)Paare erstmals getroffen hatten. Im Jahr 1940 hatten sich spätere Paare erstmals in der Schule (20%) oder über Freunde (20%) getroffen. Seit 1995 stieg die Häufigkeit der Online-Dates stark an und erreichte im Jahr 2010 gut 20% (durchgezogene rote Linie).


    Für homosexuelle Paare war der Anstieg noch rasanter. Im Jahr 2010 hatten sich fast 70% der homosexuellen Paare im Internet kennengelernt (gestrichelte rote Linie).

    Bei Paaren mit starken sexuellen oder anderen Präferenzen sind Online-Plattformen deutlich erfolgreicher.


    Zur Grafik 2) Wer ist online attraktiv?

    Verglichen wurden jeweils die Anzahl der Reaktionen auf eine Neuanmeldung in US-Datingplattformen.


    2.1) Unterschiedliche Attraktivität von Frauen und Männern

    Neuanmeldungen von Frauen erhalten (in den USA) die meisten Reaktionen, wenn sie als Alter 20 Jahre angeben. Frauen, die älter sind, bekommen deutlich weniger Zuschriften. Sind sie älter als 30 Jahre, sinkt ihre Attraktivität für Männer weit unter das Niveau, das Männer für Frauen haben.


    Männer mit 20 haben für Frauen die niedrigste Attraktivität. Die Attraktivität der Männer steigt bis 45 Jahre an und sinkt dann wieder ab. Ein Mann mit 65 ist für die weiblichen User der Dating-Plattformen ungefähr so attraktiv wie ein Mann mit 28 Jahren.


    In Deutschland liegt jedoch bei der Partnervermittlung das Durchschnittsalter von Frauen bei 42 Jahren, das Durchschnittsalter der Männer bei knapp unter 41 Jahren. Online-Dating dient in Deutschland (noch) für den zweiten (oder dritten?) Partnerversuch.


    Die beste Erklärung für diese Daten: Männer schauen beim Onlinedating vor allem auf das Äußere und das Alter der Frau. Frauen schauen eher auf den sozialen Status und das Einkommen der Männer.


    2.2) Ethnische Zugehörigkeit einer Neuanmeldung

    Auch hier wurde die Anzahl (positiver) Reaktionen auf neue User von US-Dating-Plattformen gezählt.

    Die wenigsten Zuschriften erhielten afroamerikanische Frauen. Asiatische Frauen erhalten fast dreimal so viele Zuschriften. Auch Hispano-Frauen gelten bei US-Männern in Online-Plattformen als attraktiver als weiße Frauen.

    Bei den Männern erhalten Weiße den höchsten Zuspruch, asiatische Männer den geringsten.

    Hochschulbildung erhöht bei Männern die Attraktivität, Frauen mit höherer Bildung erhalten weniger Zuschriften als Frauen mit geringerer Bildung.


    Alle diese Zahlen deuten auf starke Vorurteile und Vorbehalte hin, die von Dating-Plattformen aufgegriffen und bedient werden. Auf Online-Plattformen wird weniger ein passendes Paar Schuhe als vielmehr nach Sneakers oder anderen angesagten Schuhmarken gesucht. Je stärker diese Kaufmentalität ausgeprägt ist, desto mehr Frust ist vorprogrammiert.


    Wal Buchenberg, 23. August 2018-08-23


    Quellen: Economist vom 18. August 2018: „Putting the data into dating“ u.a. Texte im Netz.

    "Meine obige Antwort für basal (und meine gesamte geistige Arbeit der letzten 20 Jahre zu den Theorien von Karl Marx) wandte sich gegen die Vorstellung, dass es eine ununterbrochene Linie von "Marx zu seinen Nachfolgern des ML" gebe."

    Hast du da etwas Konkretes geschrieben? Habe dein online gestelltes Buch "Was Marx am Sowjetsystem kritisiert hätte" gelesen, jedenfalls entsinne ich mich nicht - mag ja sein, dass ich mich nicht mehr erinnere -, dass darin etwas über dieses Thema steht.


    Gruß

    Dann hast du kein Bisschen davon verstanden!

    Gemeint war da aber von Marx und erst recht von seinen Nachfolgern des ML also etwas anderes.

    Hier noch ein paar Zitate ...

    Meine obige Antwort für basal (und meine gesamte geistige Arbeit der letzten 20 Jahre zu den Theorien von Karl Marx) wandte sich gegen die Vorstellung, dass es eine ununterbrochene Linie von "Marx zu seinen Nachfolgern des ML" gebe.

    Du wischst nun alle Diskrepanzen und grundlegenden Unterschiede zwischen Karl Marx und "seinen Nachfolgern des ML" mit diesem einen Satz vom Tisch. Das tut weh!


    Deine angeführten Zitate sagen über die Voraussetzungen des Managersozialismus gar nichts (und basal interessierte sich nur dafür), weil sie historisch in unsere Vergangenheit blicken, aber von den "Nachfolgern des ML" dogmatisch als Zukunftsperspektive und als Rechtfertigung für eben diesen Managersozialismus ausgelegt worden sind. Keines deiner Marxzitate verweist auch nur im Geringsten auf den Managersozialismus in der Sowjetunion, in der DDR oder in China.


    Gruß Wal