Posts by Wal Buchenberg

    Hallo Ricardo,

    du hast dir mit deiner Antwort Zeit gelassen.

    Wie du vielleicht weißt, ist Geschichte nicht nur Teil meiner theoretischen Ausbildung, sondern stand auch immer im Zentrum meines persönlichen Interesses. Nun ist mir allerdings kein einziger Fall bekannt, wo durch theoretisch "Erforschung der Wirklichkeit" Menschen massenhaft und "unwillkürlich zu Kommunistinnen" geworden wären.

    Wie oben schon gesagt, will ich die "Erforschung der Wirklichkeit durch Theorie" nicht schlecht reden. Ich hatte aber schon darauf hingewiesen, dass viele heutige Linke tatsächlich nichts anderes tun, ohne dass das viel gebracht hätte.

    Kurz: Ich teile deinen Optimismus nicht, dass Theoriearbeit der alles entscheidende Punkt sei, um die schlechten Verhältnisse zu ändern. Ich denke, die "Erforschung der Wirklichkeit" geschieht nicht minder durch soziale, wirtschaftliche und politische Praxis.

    Da sehe ich mich ganz in der Tradition des "Materialismus", auf den du dich ebenfalls berufst:


    Ideen können nie über einen alten Weltzustand, sondern immer nur über die Ideen des alten Weltzustandes hinausführen. Ideen können überhaupt nichts ausführen. Zum Ausführen der Ideen bedarf es der Menschen, welche eine praktische Gewalt aufbieten.“ K. Marx, Hl. Familie, MEW 2, 126.

     

    „... Man sieht, wie die Lösung der theoretischen Gegensätze selbst nur auf eine praktische Art, nur durch die praktische Energie der Menschen möglich ist und ihre Lösung daher keineswegs nur eine Aufgabe der Erkenntnis, sondern eine wirkliche Lebensaufgabe ist, welche die Philosophie nicht lösen konnte, eben weil sie dieselbe als nur theoretische Aufgabe fasste.“ K. Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW 40, 542.

     

    „Es ist die alte Illusion, dass es nur vom guten Willen der Leute abhängt, die bestehenden Verhältnisse zu ändern ... Diese ideelle Erhebung über die Welt ist der ideologische Ausdruck der Ohnmacht der Philosophen gegenüber der Welt. Ihre ideologischen Prahlereien werden jeden Tag durch die Praxis Lügen gestraft.“ K. Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 363.


    „Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung.“ K. Marx, Kommunistisches Manifest, MEW 4, 474f.


    Für dich sind die stattfindenden Bewegungen nichts wert. Ich sehe daher meinen Schwerpunkt an anderer Stelle als du, und ich sehe keinen prinzipiellen Gegensatz zwischen der praktischen und der theoretischen "Erforschung der Wirklichkeit".

    Aber niemand kann mir nachsagen, dass ich Theoriearbeit zur "Erforschung der Wirklichkeit" vernachlässigen oder gar behindern würde. Mir ist also nicht klar geworden, was du von mir und dem Marx-Forum erwartest, was hier nicht schon längst getan und versucht wird.

    Wenn deine Theoriearbeit mehr bedeutet als nur die Verunglimpfung praktischer Bewegungen, ist sie hier im Marx-Forum auch willkommen.


    Gruß Wal

    Wenn von Theorie die Rede ist, ist von Theorie die Rede.

    Die Begründung, dass eine "Universaltheorie" nicht nötig sei, hat erstens mit einer "Nichtuniversal" - Theorie, also Theorie, wenig zu tun.

    Zweitens würden die Argumente, die geltend gemacht wurden, kaum reichen, die m.E. präzise kurze Definition von Theorie aufzuheben, wie sie ricardo formuliert:


    Für Materialisten, Marxisten, Kommunisten etc. ist Theorie ein Mittel, durch Nachdenken Wege und Methoden zu finden, um die offenen Fragen über das Unverstandene in der Wirklichkeit - zumindest teilweise - beantworten zu können.

    Hallo basal,

    in deiner Antwort finde ich mich und meine Thesen nicht wieder.

    Dem Zitat von ricardo über den Zweck von Theorie habe ich gar nicht widersprochen. Ganz im Gegenteil, ich habe gesagt, dass wir genau das im Marx-Forum versuchen.

    Ich meinte, an Theorien gebe es keinen Mangel und an Theoretikern gebe es keinen Mangel - mit Ausnahme vielleicht einer Universaltheorie, deren Verlust nicht zu bedauern sei.

    Woran es allerdings mangelt, ist das gemeinsame, kooperative Nachdenken:

    Quote

    Fakt ist: Wir haben an linken Theoretikern kein Mangel. Es mangelt allerdings an theoretischer Kooperation.

    Für diesen Mangel an theoretischer Kooperation habe ich meine Erklärung vorgebracht.


    Gruß Wal

    Hallo Mario,

    für das von mir aufgezeigte Szenario gibt es keine "bisherige Erfahrung".

    Mein obiger Vorschlag ist eine Kritik am linken Dogmatismus, der Regierungsbeteiligungen unter allen Umständen ablehnt und ebenso ist es eine Kritik an den Staatslinken, die die Interessen der Bewegung für ein Linsengericht verkaufen.


    Ich sehe hier nicht zwei, sondern viele Wege, die immer dann begehbar werden, wenn man keine Illusionen weckt, und klare Ecksteine hat.

    Bevor Heinrich IV. König von Frankreich werden konnte, musste er zum Katholizismus übertreten. Friedrich Engels hat das mit dem Satz gutgeheißen: "Paris ist eine Messe wert."

    Für "Paris" stehen oben die möglichen Eckpunkte. Die Teilnahme an der Messe steht für die Teilnahme an der Regierung.


    Die Linkspartei existiert, von Kommunalisten ist in Deutschland noch nichts zu sehen. Sobald sie hier als Bewegung auftauchen, kann ich das auch kommentieren.


    Was sich in Spanien/Katalonien als "Kommunalistische Bewegung" (CUP) tummelt ist ein Angriff auf jeden (linken) Menschenverstand: Sezession und Staatsgründung als Hebel der kommunalen Selbstverwaltung!?

    Und je weiter die PYD in Syrien über das Gebiet hinausgreift, das mehrheitlich von Kurden bewohnt ist, desto deutlicher wird, dass ihre "kommunale Selbstverwaltung" nur Maskerade ist für militärische Expansion.

    Von der CUP in Katalonien wie von der PYD in Syrien wird behauptet, ihr Aufbau eines nationalistischen Machtapparates diene als "Mittel" zu einer Kommunalisierung der Gesellschaft. Das glaube, wer will.


    Gruß Wal

    Die kommunistische Staatskritik macht geltend, dass der bestehende Staat ein Staat der Reichen sei, in dem sich die Interessen des Kapitals direkt durch Lobbyarbeit und Bestechung und indirekt durch den Zwang zu kapitalistischer Akkumulation ("Wachstum") durchsetzen. Die Armen und die lohnabhängige "Mittelschicht" sind von politischen Entscheidungen ausgeschlossen und können ihre Interessen nur durchsetzen, wenn sie den Staat zerbrechen und die Beteiligung Aller an allen Entscheidungen ermöglichen.

    Die nationalistische Staatskritik verweist darauf, dass in einem ungerechten Staat "jede der Nationalitäten sich als ein unterdrückten Volk und eine potentielle Nation fühlt, welche ... um ihre nationalen Ansprüche sowie um die Möglichkeit eines wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstiegs geprellt wurde..." (Hannah Arendt, Totale Herrschaft, 115). Die nationalistische Lösung heißt Sezession und Gründung eines gerechteren Staates.


    Alle Versuche, einer nationalistischen Staatsgründung ein antikapitalistisches Mäntelchen umzuhängen, wurden von der Geschichte der Staaten als Illusion und Lüge entlarvt.

    SPD-Mann Julius Leber gehörte zu den wenigen linken Mitverschwörern des 20. Juli 1944. Julius Leber war wenige Tage vor dem Attentat auf Hitler verhaftet worden, nachdem er Kontakt mit der illegalen KPD in Deutschland aufgenommen hatte. Er wurde am 5. Januar 1945 in Plötzensee von den Nazis ermordet.



    Julius Leber war schon 1933 verhaftet und zu Zuchthaus verurteilt worden. In seiner Haftzeit verfasst er eine kritische Bestandsaufnahme über das politische Scheitern der SPD und ihrer kampflosen Übergabe der Staatsmacht an die Nazis. In seiner selbstkritischen Analyse arbeitete Leber den Widerspruch der SPD als Klassenpartei und als Staats- und Regierungspartei heraus, und schrieb richtig, dass die SPD nicht beides zur gleichen Zeit sein könne. Julius Leber war kein „Arbeiterführer“, sondern ein linker Nationalist. Er schrieb: „Die Mehrzahl der heranwachsenden Aufgaben sind überhaupt nur im Rahmen und mit den Mitteln des eigenen Staates, der eigenen Nation zu lösen.“ (S. 216)

    Leber sieht die Ursachen des Scheiterns der SPD und des Untergangs der Weimarer Republik in der Schwäche der republikanischen Staatsmacht und ein Gutteil dieser Schwäche rührte von der Regierungsschwäche der damaligen SPD. Die Regierungsschwäche der SPD kam aber von ihrer Zerrissenheit zwischen den Aufgaben als Staatspartei und den Hoffnungen als Klassenpartei. Darin liegt sicherlich viel Wahrheit. Mit mehr innen- und außenpolitischer Entschlossenheit hätten die SPD-Regierungen der Weimarer Zeit die republikfeindlichen Kräfte in der Wehrmacht und am rechten politischen Rand schwächen und klein halten können.

    Leber: „In der schweren Wahl zwischen konsequenter Staats- und bequemer Parteipolitik entschied sich die Fraktion einmal mehr für das zweite.“ (230)

    „Wie in der Innenpolitik, so blieb auch in der außenpolitischen Haltung eine allgemeine Passivität die einzige und letzte Weisheit.“ (231).

    „So blieb nach wie vor eine allgemeine Passivität das Hauptmerkmal sozialdemokratischer Politik, auch in den nun folgenden Jahren schärfster politischer Stürme… Die sozialdemokratische Führung stand am Rande der Geschehnisse…“ (238) „Diese Männer … waren … Bürokraten der Politik geworden.“ (242).


    In einem ähnlichen Dilemma zwischen Staatspartei und „Bewegungspartei“ wie die Weimarer SPD steht heute und künftig die Linkspartei in Deutschland. Die Linkspartei will sowohl „Partei der Armen und Rechtlosen“ sein, aber auch Staats- und Regierungspartei. Das eine verträgt sich nicht mit dem anderen. Staat und Regierung in Deutschland dienen vor allem „der Wirtschaft“, dem Big Business. Die Interessen der Armen und Rechtlosen passen nur so weit in Regierungspolitik, als dass die Armen und Niedriglöhner sediert und ruhig gestellt werden sollen.


    Die Linken in der Linkspartei ziehen daraus den Schluss, dass ihre Partei immer und unter allen Umständen eine Regierungsbeteiligung vermeiden solle. Ihre innerparteilichen Gegner, die „Staatslinken“ kritisieren das mit der Position von Julius Leber: Der Staat sei ein wichtiger Machtfaktor. Wer etwas ändern will, kann nicht grundsätzlich auf die Staatsmacht verzichten.

    Ich denke, die beiden Standpunkte sind nicht so unversöhnlich wie sie auf den ersten Blick scheinen. Ich denke, es gibt historische Situationen, wo linke Kräfte sich vor einer Regierungsbeteiligung nicht drücken können und nicht drücken dürfen.


    Welche Situationen können das sein?

    Zunächst sehe ich als eine Bedingung, dass die Linkskräfte in Wahlen mindestens 20% der Wahlstimmen erhalten, so dass sie dieses politische Gewicht auch in Regierungsmacht umsetzen können.

    Zweitens sehe ich als Bedingung, dass es im ganzen Land eine politische Gärung und Bewegung gibt, zu deren Stimme sich die Partei machen kann.

    Drittens muss es um wichtige Weichenstellung in Staat und Gesellschaft gehen wie:

    - Verhinderung eines Krieges mit deutscher Beteiligung;

    - Beendigung eines Krieges mit deutscher Beteiligung;

    - Verhinderung einer autoritären Rechtsregierung;

    - und um wichtige soziale Verbesserungen (ohne direkten Eingriff in die Eigentumsverhältnisse!) wie:

    • - Verkürzung der Wochenarbeitszeit um 10 Stunden;
    • - Flächendeckender Naturschutz mit ökologischer Landwirtschaft;
    • - Nulltarif im Nahverkehr;
    • - Kommunale Selbstverwaltung;
    • - Abschaffung des Beamtentums.


    Alle Zitate aus: Julius Leber, Ein Mann geht seinen Weg. Schriften, Reden und Briefe von Julius Leber. Frankfurt 1952.


    Wal Buchenberg, 12.11.2017

    Hallo Ricardo,

    du unterscheidest drei Arten von Theorien, zwei "schlechte" und eine "gute" Theorie.

    Die zwei schlechten Theorien sind "positive" oder "empiristische" Theorie, die nicht über den Kapitalismus hinausdenkt, und die "normative" Theorie, eine Dogmatik.

    Leider hast du deine "Großtheorie" nicht näher charakterisiert, sondern nur einen Anspruch, ein Bedürfnis danach formuliert.

    Bleiben wir mal bei der "Groß- oder Universaltheorie" wie ich das nennen möchte.


    Wir können ja feststellen, dass an linken theoretischen Zeitschriften kein Mangel herrscht. Die politischen Zeitschriften und Zeitungen, die zum Tagesgeschehen Stellung nehmen, sind fast alle verschwunden. Die "junge Welt" gibt es zwar noch, aber das ist nur ein Krüppel von politischer Zeitung, weil sie fast nur am Staatsgeschehen interessiert ist, und soziale Bewegungen und ihre Probleme nur ausnahmsweise aufgegriffen werden.

    Wer in die linksradikalen (Internet)Zeitschriften guckt, findet wenig Stellungnahmen zu aktuellen Themen (Streiks, Syriza, Katalonien, Kohleausstieg etc.), und wenn, dann nur mit großem Zeitverzug. Eine politische Rolle spielen diese (Internet)Zeitschriften nicht. Was bleibt, ist Theorie, Theorie, Theorie - oft mit hoher Abstraktion und in einer akademischen Sprache, die nur Eingeweihte verstehen. Als Beispiele dafür seien genannt: arranca, express, Prokla, Gegenstandpunkt. (Ich spare mir die Links).

    Kurz: Wer die Publikationen der (radikalen) Linken betrachtet, findet nicht ein Defizit, sondern ein Überangebot an Theorie.

    Du forderst nun:

    Quote

    Für Materialisten, Marxisten, Kommunisten etc. ist Theorie ein Mittel, durch Nachdenken Wege und Methoden zu finden, um die offenen Fragen über das Unverstandene in der Wirklichkeit - zumindest teilweise - beantworten zu können.

    Eigentlich scheint das eine Selbstverständlichkeit zu sein, und auch das Marx-Forum versteht sich ja als Plattform, um "offene Fragen über das Unverstandene in der Wirklichkeit - zumindest teilweise - beantworten zu können".

    Trotzdem funktioniert das nicht - zumindest nicht auf Dauer.

    Warum ziehst du dich zum Beispiel immer wieder von der Diskussion im Marx-Forum zurück? Der Nick "ricardo" ist deine dritte Identität, mit der du dich hier zu Wort meldest.
    Warum lässt Robert Schlosser, der das Marx-Forum zeitweilig sogar verantwortlich geführt hatte, seine theoretischen Texte heute lieber in privater Abgeschiedenheit stehen als sie im Marx-Forum zur Diskussion zu stellen?
    Warum gibt es nirgends Ansätze zu einer strömungsübergreifenden theoretischen Debatte?

    Nur am "bösen Wal Buchenberg", der angeblich nicht sich selbst, aber anderen Leuten personenbezogene Polemik verbietet, kann das nicht liegen. In anderen linken/kommunistischen Foren und Blogs ist die Diskussionsbereitschaft keineswegs größer als im Marx-Forum.


    Fakt ist: Wir haben an linken Theoretikern kein Mangel. Es mangelt allerdings an theoretischer Kooperation.

    Ich denke, es liegt nicht an den Besonderheiten der linken Theorie, sondern an den Besonderheiten der linken Theoretiker. Wer immer sich einen Namen machen will als linker Theoretiker, der muss eine "Marke" kreieren, der muss ein "Stand-alone-product" liefern. Der mühselige und beschwerliche Weg zum linken Theoretiker geht durch so viele Buchtitel und Buchseiten hindurch, dass ein Theoretiker in spe hofft, dass er am Ende mindestens mit einem Lorbeerkranz belohnt wird. Er hofft, sich "einen Namen zu machen". Kooperation? Diskussion? Da könnte ja mein Ruf als großer Geist Schaden nehmen!
    Alle Karrieren als Berufsrevolutionär sind längst tot. Die Karrieren als linker Berufspolitiker sind in schlechten Ruf geraten. Eine Karriere als linker Theoretiker ist die letzte Chance, entweder sein politisches Engagement zum Beruf zu machen oder mindestens seinem politischen Engagement Glanz zu verleihen.

    Die Eitelkeiten und Empfindlichkeiten der linken Theoretiker sind stärker als der Wunsch nach Kooperation. Das Resultat ist: Wir haben an linken Theoretikern kein Mangel. Es mangelt allerdings an theoretischer Kooperation.

    Wer meine Erklärung für überzeichnet findet, der soll mir bitteschön eine plausiblere Erklärung für die Unfähigkeit des Theoretikers zur Kooperation bringen.


    Aber beginnen wir noch einmal ganz zu Beginn. Von Karl Marx wird behauptet, er habe eine Art von Groß- oder Universaltheorie geschaffen, die mehr oder minder alles abdeckt, womit soziale Bewegungen zu tun haben. Ich halte diese Behauptung für verfehlt.

    Was einer linken Universaltheorie noch am nächsten kommt, ist das "Manifest der Kommunistischen Partei". So einen Universaltext, der historische, politische, wirtschaftliche und ideologische Aspekte umfasst, hatte Karl Marx nur einmal in jungen Jahren geschrieben. Er hat nie wieder versucht, auf diesem Text aufzubauen und eine umfassende Einzeldarstellung sowohl der politischen Ökonomie, wie der Klassenkämpfe und deren ideologische Widerspiegelungen seiner Zeit zu verfassen.


    Zwei politisch-historische Texte von Marx kommen dem Kommunistischen Manifest noch am nächsten.

    Das ist einmal der 18. Brumaire des Louis Napoleon über die Niederlage der ersten Arbeiterrevolution in Paris und dann der Bürgerkrieg in Frankreich über die Kommune von Paris.
    Daneben und darüber steht das Haupt- und Mammutwerk von Marx, seine "Kritik der Politischen Ökonomie", die drei Bände des Kapital.


    Also: Es gibt (im Kommunistischen Manifest) einen frühen Entwurf einer kommunistischen Universaltheorie. Dann hat sich Karl Marx nicht mehr mit Universaltheorie befasst. Wir können nun darüber spekulieren, ob Marx keine Universaltheorie wollte oder ob er die Universaltheorie nicht konnte.

    Fakt ist, dass der Versuch von Lenin, Trotzki und Stalin aus dem Lebenswerk von Marx eine Universaltheorie zu machen, katastrophal gescheitert ist. Ich glaube, dass nach dem katastrophalen Scheitern des Marxismus-Leninismus, den Faschismus in Europa zu verhindern, dann aber auch mit dem Versuch eine nachkapitalistische Gesellschaft aufzubauen, dass dieses doppelte Scheitern bei einigen Linken einen Theorie-Phantomschmerz hinterlassen hat.

    Statt sich von einer bleiernen Theorielast befreit zu fühlen, trauern die Theorielinken der verlorenen Universaltheorie hinterher.


    Ich sehe keinen Grund für Trauer.

    Was gegenwärtig stattfindet, sind verstreute und zersplitterte Kämpfe gegen Staat und Kapital. Es sind Kämpfe zur Verteidigung des Werts der Arbeitskraft. Es sind Kämpfe gegen die Verelendung der Armen. Es sind Kämpfe gegen Naturzerstörung (Atomkraft, Kohleenergie. Klima, Landwirtschaft etc.). Es sind Kämpfe gegen die besondere Unterdrückung der Frauen. Es sind Kämpfe gegen die besondere Entrechtung von Minderheiten (Ausländer, ethnische Minderheiten, Muslime etc.) Es sind Kämpfe für mehr Selbstbestimmung und "mehr Demokratie" für Alle.

    Wer in sich die Berufung zu theoretischer Arbeit spürt, hat überall ein weites Feld.


    Verlangen die in diese Einzelkämpfe verstrickten Menschen nach einer Universaltheorie? Ja, es gibt fast in jeder dieser Bewegungen solche Bestrebungen. Ich denke da vor allem an die Anti-Armutsbewegung ("Bedingungsloses Grundeinkommen") und an den Feminismus ("Patriarchat"), die beide eine Art Universaltheorie entwickelt haben. Aber außerhalb ihrer Bewegungen haben diese Theorien keinen Einfluss, weil sie ziemlich "luftige Gebilde" sind. Ganz im Gegenteil: Die Attraktivität dieser Einzelbewegungen hat durch ihre jeweilige Universaltheorie eher abgenommen. Es entstand und entsteht dadurch der Eindruck einer Sekte.

    Meine Schlussfolgerung: Wir kommen gut (besser?) ohne eine linke Universaltheorie aus.

    Es genügt der "kategorische Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist, ...“ (Karl Marx)

    Es genügt, wenn wir in jeder Bewegung und an jedem Konfliktpunkt gewissenhaft prüfen: Ganz allgemein: Cui bono (Wem nützt es?). Und konkret: Wo und warum nützt es uns? Wo und warum schadet es uns?


    Gruß Wal

    Hallo Ricardo,

    Klärung von was? Was eine Theorie ist?

    Wen soll das interessieren und warum?

    Wir sind hier kein philosophisches Proseminar.


    Gruß Wal


    P.S. Du hast aber im Forum die Möglichkeit der persönlichen Konversation.

    Klicke rechts oben mal auf den zweiten Button von rechts "Konversationen". Gehe auf "alle Konversationen anzeigen" und dann auf "Konversation starten"

    Dort öffnet sich ein Kurztext-Formular. In die Zeile "Teilnehmer" gibst du "Jens" ein.

    Damit kannst du Jens einen Text zuschicken, ohne dass deine oder seine Emailadresse sichtbar wird. (Man kann sich aber Nachrichten in den eigenen Mailaccount zuschicken lassen.)

    Wenn Jens das Forum besucht, bekommt er einen Hinweis, dass er eine Nachricht bekommen hat. Wenn er diese öffnet, kann er auf diesem Weg dir antworten.

    So könnt ihr ungestört miteinander diskutieren über was ihr wollt.

    Mein Gemüt ist ganz cool. Ich habe nichts dergleichen angefangen. Das ist dein Missverständnis.

    Ich hatte dir einen Weg aufgezeigt, deine falsche, weil personenbezogene Aggressivität an sachlichen Themen abzuarbeiten. Dass dabei von "Gegner" die Rede war, war eine ironische Spitze in Gänsefüsschen gesetzt.

    Ich sprach von "kritisieren" und nannte dir Themen. Du nennst das "angreifen". Das sagt schon alles.

    Ricardo hat sich dort zu Sachverhalten geäußert, die du kritisieren kannst, wenn dir darnach ist.

    Hallo Wal,

    Du bist der Meinung ich gehe auf Krawall aus und zeigst mir dann wo ich Ricardo angreifen soll und wo nicht.

    Hallo Jens,

    ich sehe keinen Sinn darin, eine längliche Diskussion über einen einzelnen Begriff ("Theorie") von dir oder von Ricardo zu führen.


    Falls du dir speziell Ricardo als "Gegner" ausgucken willst, dann empfehle ich dir die jüngsten Themen von Ricardo. Er hat sich dort zu Sachverhalten geäußert, die du kritisieren kannst, wenn dir darnach ist.

    http://marx-forum.de/Forum/cms…ch-result/3200/&highlight=


    Im übrigen teile ich die Vermutung von Ricardo, dass du hier auf "Krawall" ausgehst und an einer sachlichen Klärung wenig interessiert bist.


    Gruß Wal

    Update vom 6.11.2017

    Wer ist das „katalanische Volk“?

    Laut Umfragen, auf die sich der Economist vom 4.11.2017 beruft, verstehen sich als „Katalanen“ im Gegensatz zu den „Spaniern“: „the better-off, and those in smaller towns or with Catalan-speaking parents“ – in Klassenbegriffen gesprochen: Die Bourgeoisie (d.h. Kapitalistenklasse plus akademische Intelligenz) und das (ländliche) Kleinbürgertum.

    Als „Spanier“ in Katalonien fühlen sich dagegen „poorer Catalans“ und „immigrants from the rest of Spain“, die den Großteil der Lohnarbeiter im Großraum Barcelona stellen.

    Diese Daten kann ich nicht nachprüfen, aber sie scheinen mir plausibel.


    Darüber hinaus ist anzunehmen, dass das katalanische Klein- und Großbürgertum von einer Sezession mehr erwartet und mehr erwarten kann, als die Mehrzahl der Lohnabhängigen. Eine staatliche Selbständigkeit bietet für die Reichen und Einflussreichen mehr Zugriff auf Staatsposten und Staatsgelder. Sie gewinnen tatsächlich mehr "Selbständigkeit". Für die Lohnarbeiter in Katalonien ändert sich durch eine Sezession jedoch wenig bis nichts.

    Hallo Jens als Einleitung zur Kritik am Buchenwald-Manifest hatte ich geschrieben:"

    Quote

    Manche Leute erzählen die Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland als Roman einer missglückten Kindererziehung.

    In ihrer Erzählung stand das Arbeiterkind zunächst ganz in der Obhut seiner Mutter namens Revolution, während der böse sozialdemokratische Vater der Revolutions-Mutter ständig in die Erziehung hineinpfuschte, das gemeinsame Kind mit Bonbons seiner Mutter entfremdete, es schließlich entführte und der Mutter ganz wegnahm. Die Mutter zog sich in den Osten zurück, während der böse Vater im Westen weiter dafür sorgte, dass die Mutter von ihren eigenen Kindern verlassen schließlich einsam im Jahr 1989 starb.

    Die politischen Programme, die hier im Forum gesammelt sind, zeigen ein anderes Bild.

    Mit dieser Erzählung wurde ich zum Beispiel politisch sozialisiert. Wenn niemand sonst sich in dieser Erzählung widerfindet, ich finde meine politische Sozialisation darin wider.

    Und mein Eindruck ist: sämtliche Texte, die in der DDR zum Thema verfasst wurden, sind nach diesem Muster gestrickt.


    Gruß Wal

    Teja Tscharntke über die Ursachen des Insektensterbens:

    FAZ: Und warum genau sind die Ackerflächen so artenarm geworden?

    Es gibt eigentlich 270 Ackerpflanzenarten bei uns, faktisch findet man nur noch ein Dutzend auf einem Acker. Darunter sind viele, die resistent sind gegen Herbizide, etwa der Ackerfuchsschwanz. Die Überdüngung mit Stickstoff führt zu einer Verringerung der Pflanzenvielfalt. Es setzen sich wenige, besonders konkurrenzfähige Arten durch, was vor allem auf den stark überdüngten Wiesen und Weiden auffällt. Sie bestehen nur noch aus 10 bis 15 Pflanzenarten pro Hektar, dabei könnten es Dutzende sein. Die Überdüngung hat dramatische Folgen für Böden, Luft, Wasser – auf 70 bis 320 Milliarden Euro im Jahr schätzt die EU die Folgekosten der Stickstoffverluste in Europa.

    FAZ: Steht Glyphosat auch im Zusammenhang mit dem Insektensterben?

    Dieses Herbizid wird in großem Stil eingesetzt und trägt zu dem starken Rückgang von Pflanzenarten bei. Da der Insektenreichtum auf eine vielfältige Pflanzenwelt angewiesen ist, trägt Glyphosat auch zum Rückgang der Insekten bei.


    FAZ: Und die Neonikotinoide?

    Ja. Sie töten Insekten sehr effektiv, verändern aber auch deren Verhalten. Es gibt viele Beispiele: Die Bestäubungsleistung der Bienen geht zurück, Honigbienen finden ihre Völker nicht mehr, Hummeln zeugen weniger Königinnen für das kommende Jahr, Blattkäfer finden keine Partner mehr.

    Manche Leute erzählen die Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland als Roman einer missglückten Kindererziehung.

    In ihrer Erzählung stand das Arbeiterkind zunächst ganz in der Obhut seiner Mutter namens Revolution, während der böse sozialdemokratische Vater der Revolutions-Mutter ständig in die Erziehung hineinpfuschte, das gemeinsame Kind mit Bonbons seiner Mutter entfremdete, es schließlich entführte und der Mutter ganz wegnahm. Die Mutter zog sich in den Osten zurück, während der böse Vater im Westen weiter dafür sorgte, dass die Mutter von ihren eigenen Kindern verlassen schließlich einsam im Jahr 1989 starb.

    Die politischen Programme, die hier im Forum gesammelt sind, zeigen ein anderes Bild.

    Beginnend mit den Arbeiterforderungen von 1848, dem Revolutionsaufruf der Münchner Räterepublik von 1918 bis zum „Anti-Hitler-Programm“ der „Sozialistischen Aktion“ von 1943 zieht sich ein dicker roter, sozialdemokratischer Faden durch die Geschichte der Arbeiterbewegung, der mit dem folgenden Buchenwald-Manifest von 1945 weitergesponnen wurde:





    Manifest von Buchenwald

    Kommentar

    Als „Vertreter des demokratischen Sozialismus ... halten wir uns ... für berechtigt und verpflichtet, dem deutschen Volke zu sagen, welche Maßnahmen notwendig sind, um Deutschland aus diesem ... Zusammenbruch zu retten und ihm wieder Achtung und Vertrauen im Rate der Nationen zu verschaffen.“

    Diese Leute, eben erst aus KZ-Haft befreit, beanspruchten sofort einen Führungsanspruch gegenüber dem „deutschen Volke“. Nicht um die Menschen in Deutschland und Europa sind sie besorgt, sondern um den deutschen Staat und dessen Ansehen in der Welt. Ihr Ziel ist es „Deutschland zu retten“.

    Wer waren diese „Vertreter des demokratischen Sozialismus“?

    Heinz Baumeister, gelernter Drogist, trat 1920 mit 18 Jahren der SPD bei. Er stieg zum bezahlten „SPD-Gausekretär des Reichsbanner“ in Westfalen auf.

    1933 wurde er sofort verhaftet und fand anschließend keine Anstellung mehr. Er beteiligte sich am Widerstand, wurde 1937 wieder festgenommen und bis 1945 in Buchenwald inhaftiert.

    Gottlieb Branz, kaufm. Angestellter, seit 1912 in der SPD. Nach 1918 hatte er einen Parteiposten in der Münchner Gewerkschaftsbibliothek. 1933 verhaftet, blieb er arbeitslos und beteiligte sich am illegalen Widerstand mit regelmäßigem Kontakt zur SPD-Exilführung in Prag. 1939 festgenommen und bis 1945 in Buchenwald inhaftiert.

     

    Dr. Hermann Brill, der Initiator des Buchenwald-Manifests, war Volksschullehrer und trat 1918 in die USPD ein und wurde zum Landtagsabgeordneten in Sachsen-Gotha gewählt. 1922 wechselte er von der USPD zur SPD und wurde mit Posten im Thüringischen Innenministerium belohnt. Er ließ sich beurlauben und machte den Doktor in Jura. Ab 1932 war er auch Mitglied des Reichstags. Im Mai 1933 trat er enttäuscht über die Nachgiebigkeit der SPD gegenüber den Nazis aus der Partei aus. Er gründete in Berlin eine eigene Widerstandsgruppe, zur der auch Ernst Thape gehörte. Brill wurde mehrfach von der Gestapo verhaftet und schließlich wegen Hochverrats zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach vier Jahren Zuchthaus wurde 1943 er ins KZ Buchenwald eingeliefert. Dort gründete er im Juli 1944 das geheime Widerstandskomitee der SPD. Ein KPD-Komitee gab es im KZ schon.

     

    Benedikt Kautsky, der Sohn des marxistischen Parteitheoretikers Karl Kautsky, war von 1921 bis 1938 Sekretär der Wiener Arbeiterkammer. 1938 verhaftet war er bis 1945 in Dachau, Buchenwald und Auschwitz interniert.

     

    Karl Mantler trat 1906 der Fleischergewerkschaft bei und amtierte ab 1913 als Gewerkschaftssekretär. 1935 wurde er Vorsitzender der illegalen „Freien Gewerkschaft“ in Wien. 1936 festgenommen, wurde erst in Wöllersdorf, dann in Buchenwald interniert.

     

    Erich Schilling, gelernter Bauschlosser, trat 1906 der SPD bei. Aber 1913 war er Geschäftsführer des Metallarbeiterverbandes in Leipzig und blieb Gewerkschaftsvorsitzender bis 1933. 1939 wegen Hochverrats verurteilt, wurde er nach Buchenwald verbracht.

     

    Ernst Thape, Maschinenschlosser, SPD-Mitglied seit 1910. Emigrierte 1913 in die Schweiz und kehrte 1921 zurück. 1924 wurde er hauptamtlicher Redakteur einer SPD-Zeitung. 1933 verhaftet und gefoltert, blieb er lange arbeitslos und gehörte zur Widerstandsgruppe von Dr. Brill. 1939 verhaftet, war er bis 1945 in Buchenwald interniert.

     

    All diese Leute entstammten der Arbeiterklasse und waren langjährige Mitglieder der SPD. Sie stiegen im SPD-Apparat auf, übernahmen Beamtenfunktionen in der Partei, der Gewerkschaft und im Staatsapparat und „emanzipierten“ sich so von ihrer Lohnarbeit. Wenn irgendwo die Bezeichnung „Arbeiteraristokratie“ zutrifft, dann auf diese Leute.

    1. Vernichtung des Faschismus

     

    Alle Gesetze, Erlasse, Verordnungen Verfügungen, Urteile, Bescheide und sonstigen Rechtsvorschriften, die zur Begründung, Förderung und Behauptung der Diktatur gedient haben, sind aufzuheben.

    Nicht alle Nazi-Bestimmungen, sondern nur die, „die zur Begründung, Förderung und Behauptung der Diktatur gedient haben“ sollen annulliert werden. Wer soll da durchblicken?


    Es bleibt offen, welcher Personenkreis und welche Staatsmacht diese Annullierung übernehmen soll. Die alliierten Siegermächte werden in dem Manifest nicht erwähnt.

    Die NSDAP mit allen Gliederungen und angeschlossenen Verbänden ist zu verbieten und aufzulösen.

    Haben die Alliierten erledigt.

    Ebenso ist die hitlerische Wehrmacht mit allen ihren Institutionen aufzulösen.

    Haben die Alliierten erledigt.

    Alle Beamte, die als Träger der Diktatur tätig gewesen sind, müssen unverzüglich den öffentlichen Dienst verlassen.

    Wieder so eine Gummi-Bestimmung. Welche Beamte des Dritten Reiches waren denn nicht „als Träger der Diktatur tätig“?

    Kriegsverbrecher und Kriegsverlängerer sind nach den Geboten des internationalen Rechtes von deutschen Gerichten zu bestrafen.

    Was ist denn ein „Kriegsverlängerer“? Ein 14jähriger, der zum Volkssturm eingezogen wurde?


    Insgesamt wurden von Gerichten der Siegermächte in Deutschland und anderen Ländern wegen NS-Verbrechen etwa 50.000 bis 60.000 Personen verurteilt.


    In den drei Westzonen hatten die Siegermächte für 806 Nazis Todesurteile ausgesprochen, von denen 486 vollstreckt wurden.

    2. Aufbau der Volksrepublik

     

    „...erstreben wir einen neuen Typ der Demokratie, die ... den breiten Massen in Stadt und Land eine effektive Betätigung in Politik und Verwaltung ermöglicht.

    Die „breiten Massen“ sind Menschen ohne Gesicht, ohne eigenen Verstand und ohne eigenen Willen

    Die „breiten Massen“ sind Menschen zweiter Klasse, denen eine Elite sagen muss, was sie zu machen haben.

    Zuerst sind in allen Orten antifaschistische Volksausschüsse zu bilden...

    Diese lokalen Ausschüsse werden „gebildet“, nicht gewählt.

    Aus diesen Volksausschüssen ist für das ganze Reich ein Deutscher Volkskongress zu berufen, der eine Volksregierung einzusetzen und eine Volksvertretung zu wählen hat.

    Die nichtgewählten Ausschüsse „berufen“ einen „Volkskongress“, der die „Volksregierung“ einsetzt und eine „Volksvertretung zu wählen hat“. Da ist ständig vom Volk die Rede, das aber nichts, gar nichts, zu bestimmen hat. Nicht einmal die „Volksvertretung“ darf es wählen.

    Dieses Konstrukt ist zutiefst undemokratisch und von Misstrauen gegen alle Lohnabhängigen in Deutschland beseelt.

    Die bürgerlichen Freiheiten der Person, des Glaubens, des Denkens, der Rede und Schrift, der Freizügigkeiten des Koalitionsrechtes sind sofort wieder herzustellen.

    Hier erfahren die Lohnabhängigen zum ersten Mal eine gewisse Verbesserung ihrer Lebensumstände.


    Gleich stehen aber die Interessen des Staatsapparates wieder im Vordergrund:

    Das privilegierte Berufsbeamtentum ist abzuschaffen und durch ein hochqualifiziertes, sauberes, sozial modernes Volksbeamtentum zu ersetzen.

    „Volksbeamtentum“ ist ein vegetarischer Wolf.

    3. Befreiung der Arbeit

     

    Aufbau und Führung der Volksrepublik sind nur möglich, wenn die Massen der Werktätigen in Stadt und Land in ihr ihren Staat sehen, ihn bejahen und immer bereit sind, für diesen Staat einzustehen.

    Werktätige sind Untertanen und sollen das gerne sein. Wo ist der Unterschied zur Nazi-Devise „Kraft durch Freude“?

    Sie werden das nur tun, wenn die Volksrepublik die Arbeit ... befreit und ein menschenwürdiges Dasein aller Arbeitenden schafft und garantiert.

    Alle Arbeitenden sollen „menschenwürdig“ ausgebeutet werden – noch ein vegetarisches Raubtier.

    Deshalb sind die Sozialpolitik und die Sozialversicherung den Bedürfnissen der Arbeiterschaft entsprechend zu gestalten.

    Die Staatsbürokratie bestimmt, aber sie bestimmt „entsprechend den Bedürfnissen der Arbeiterschaft“ – das legt den Grund für das gute Gewissen aller Sozialbürokraten in Ost und West. Sie handeln nur „im Interesse der Arbeiterschaft“.

    Der Achtstundentag ist sofort wieder einzuführen und eine weitere Verkürzung der Arbeitszeit vorzubereiten.

    Erst im Juni 1956 erreichte die Metallgewerkschaft in Bremen eine Arbeitszeitverkürzung von 48 Stunden auf 45 Stunden die Woche.

    Schlichtung von Arbeitsstreitigkeit und die Arbeitsgerichtsbarkeit haben Gesetz und Recht im Arbeitsleben zu gewährleisten.

    Interessenkonflikte zwischen Lohnarbeit und Kapital sind Machtfragen, keine Rechtsfragen.

    Mit „Gesetz und Recht“ wird nur garantiert, dass die Kapitalisten die Ruder fest in Händen halten.

    4. Sozialisierung der Wirtschaft

     

    ... fordern wir, dass den Gesellschaftskrisen durch eine sozialistische Wirtschaft ein absolutes Ende gesetzt wird.

    Nicht Kapitalismus und Lohnarbeit sollen „absolut beseitigt“ werden, sondern die kapitalistischen Krisen. Eigentlich easy – oder nicht? Und selbst daran ist die Sozialdemokratie immer wieder gescheitert.

    Wir erklären feierlich, dass niemand von uns an eine Enteignung des bäuerlichen Besitzes denkt. Er soll im Gegenteil garantiert und vermehrt, zur Höchstleistung geführt .... werden.

    So wenig verstehen diese Sozialdemokraten von kapitalistischer Wirtschaft. Für die Enteignung des bäuerlichen Besitzes sorgt schon die kapitalistische Konkurrenz. 1950 waren noch 22 % aller Erwerbstätigen in Deutschland in der Landwirtschaft beschäftigt, 2016 waren es noch 1,4 %.

    Eine neue Währung, ein von den Lasten der Diktatur bereinigter Haushalt und eine Sozialisierung der Banken ....

    Dass der Staatshaushalt von allen Schulden befreit wird, ist ihnen wichtig, auf wessen Kosten dieser Staatsbankrott gehen soll, sagen sie nicht.

    Zur Befriedigung des dringenden Massenbedarfs sind alle Verbrauchsgüterindustrien staatlich zu lenken. ... Ein Planwirtschaftsamt hat den sozialistischen Wiederaufbau zu leiten.

    Das „staatliche Lenken“ kennen wir aus dem Sowjetsystem.

    5. Frieden und Recht

     

    Wir bekennen uns vor der Welt aus tiefster, ehrlicher Überzeugung zu der schuldrechtlichen Verpflichtung der Wiedergutmachung der Schäden, die das deutsche Volk durch den Hitlerismus angerichtet hat.

    Erst ist viel von der Diktatur die Rede, die „vernichtet“ werden muss. Hier wird „das deutsche Volk“ für die Verbrechen der Nationalsozialisten verantwortlich gemacht.

    Nur die Unterzeichner, „WIR“, sind offenbar schuldlos.

    ...werden wir nicht auf eine eigene sozialistische Außenpolitik verzichten...

    Das schwülstige WIR-Gerede geht weit an den Realitäten der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands vorbei.

    6. Neue Humanität

     

    Dazu brauchen wir einen neuen Geist. Er soll verkörpert werden durch den neuen Typ des deutschen Europäers.

    Noch mehr WIR-Schwulst.

    ... wollen wir das humanistische Gymnasium modernisieren, den Typ eines deutschen Gymnasiums neu schaffen....

    ... wollen WIR dem konservativen Bürgertum in den fetten Hintern kriechen.

    7. Sozialistische Einheit

    Begründet auf die Gedanken des Klassenkampfes und der Internationalität und auf das Bewusstsein, dass die Verwirklichung des Sozialismus nicht eine Frage des Zukunftsstaates, sondern die unmittelbare Gegenwartsaufgabe ist...


    Es lebe...!

    Es lebe...!

    Es lebe...!

    Es lebe...!

    Eben war es nur Schwulst. Hier ist es linker Schwulst.

    Das Komitee

    Das Komitee, das sich selbst ernannt und selbst ermächtigt hat, und das besser als alle „breiten Massen“ weiß, was alle nun zu tun haben.

    Wir haben‘s gesagt, nun packt ihr mal an!

    Was ist aus dem Buchenwalder Manifest geworden? Aus späterer Sicht hat es - zu unserem Glück -keine Rolle gespielt.

    Die alliierten Truppen übten die gesamte Staatsmacht im Nachkriegsdeutschland aus. Die deutschen Staatsbehörden versuchten sie mehr schlecht als recht zu „entnazifizieren“. Für die Lohnabhängigen galten jedoch alle unterdrückerischen arbeitsrechtlichen Bedingungen, die Lohnhöhe, das Streikverbot, die Bezahlung mit Lebensmittelmarken usw. weiter, die die Nazis zur Ruhigstellung der Lohnabhängigen eingeführt hatten. Die von den Nazis eingefrorenen Stundenlöhne wurden erstmals nach drei Jahren, 1948, etwas erhöht.


    Aufschlussreich ist jedoch, was mit den Erstunterzeichnern des Buchenwald-Manifests geschehen ist:

    Heinz Baumeister

    wurde Präsident der Thüringer Handwerkskammer und ab 1946 auch Mitglied des Thüringer Landtags und Mitglied der SED. 1948 verließ der die Sowjetische Besatzungszone und gründete im Ruhrgebiet eine Speditionsfirma.

    Gottlieb Branz

    war von 1945 bis 1948 Stadtrat in München. Von 1950 bis 1962 war er gutbezahlter Direktor der Münchner Stadtbüchereien.

    Dr. Hermann Brill

    wurde 1945 in Thüringen zunächst Regierungspräsident und von den Sowjets abgesetzt. Er floh nach Hessen und war 1946 bis 1949 Chef der Hessischen Staatskanzlei. 1948 arbeitete er in Herrenchiemsee am Entwurf des deutschen Grundgesetzes mit. 1949 bis 1953 Mitglied des deutschen Bundestags. Dann Professor an der Uni Frankfurt im Fach Staatslehre.

    Benedikt Kautsky

    Lebte 1945 bis 1950 als Schriftsteller in Zürich. 1958 stellvertretender Generaldirektor des Creditanstalt-Bankvereins. Er wirkte 1958 am Parteiprogramm der SPÖ und 1959 am Godesberger Programm der SPD.

    Karl Mantler

    1945 bis 1949 Mitglied des österreichischen Bundesrates, dann Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Präsident der Arbeiterkammer Wien.

    Erich Schilling

    Wurde Mitglied der SED und übernahm verschiedene Ämter, nach einer Verhaftung floh er 1949 nach Westberlin und wurde dort Ortssekretär des Internationalen Freien Gewerkschaftsbundes.

    Ernst Thape

    Nach 1945 war Thape SPD-Vorsitzender in Magdeburg und wurde Minister in der Sächsischen Regierung. 1948 floh er in den Westen und arbeitete von 1949 bis 1957 in der Pressestelle der Niedersächsischen Landesregierung.

    Für ihren Widerstand gegen den Faschismus in Deutschland verdienen alle diese Leute unseren größten Respekt. Aber nach der Niederlage des Hitlerfaschismus haben sie (mit Ausnahme von H. Baumeister) nahtlos dort weitergemacht, wo sie von Hitler verjagt worden waren: in bequemen Partei- und Staatsämtern. Partei und Staat waren ihr Ein und Alles, von Antikapitalismus keine Spur.

    (Quellen für die Personendaten: Wikipedia und Friedrich-Ebert-Stiftung. Alle Angaben ohne Gewähr!)


    Wal Buchenberg, 5. November 2017

    Wie man mit einem "gottverdammten Nazi" umgehen sollte:


    Blogthema:

    Sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt

    Dazu ein Paule (ironisch): „Liegt bestimmt an der sexistischen Geisteshaltung und der inhärenten Gewalt der deutschen Männer und garantiert nicht an mittelalterlichen Verhältnissen im Nahen Osten und deren Import.

    Und jetzt nenn mich einen gottverdammten Nazi.“

    Die Dame von Welt dazu: „Warum sollte ich Sie denn einen „gottverdammten Nazi“ nennen?

    Ich finde eigentlich, bemerkenswert unfreundlich, schlecht informiert und rassistisch/sexistisch reicht auch.“


    Eine großartige Antwort :thumbsup:

    Zwei amerikanische Historiker, Peter Leeson und Jacob Russ, sammelten die Daten von 43.000 europäischen Hexenprozessen aus frühkapitalistischer Zeit. 60 Prozent dieser Prozesse konzentrierten sich auf die 70 Jahre zwischen 1560 und 1630 – eine Zeit der politischen, sozialen und ideologischen Unsicherheit.

    Aber die Hauptmasse der Hexenprozesse lässt sich nicht nur einer chaotischen Umbruchszeit zuordnen, auch die lokale Zuordnung der Hexenverfolgungen zeigt ein gemeinsames Muster: Hexenprozesse waren dort selten, wo eine Reliigionsrichtung unangefochten dominierte - in Italien, Spanien, Frankreich oder England. Hexenprozesse waren viel häufiger dort, wo beide sich bekämpfenden Glaubensrichtungen mehr oder minder gleich stark waren und gegeneinander um Anhänger warben - besonders in der Schweiz, aber auch in Deutschland.

    Offenbar waren die Hexenprozesse ein Mittel, um Emotionen der eigenen Anhänger zu wecken und zu schüren, und gleichzeitig religiöse und politische Konkurrenten einzuschüchtern.

    Das ist die Parallele für moderne Hexenjagden – egal ob sie sich gegen Juden, Muslime, Ausländer oder Schwule richtet, oder auch gegen AfD-Wähler und Neonazis.

    Indem Andersdenkende und Andersseiende verteufelt werden, werden bei den eigenen Anhängern Schein-Identitäten aufgebaut und verstärkt (Nation, Rasse, Geschlecht), während man Sündenböcke ausgeguckt, denen man die Ursache für die eigene Existenzunsicherheit in die Schuhe schiebt.


    Man kann auch kürzer sagen: Krisen machen Angst, Verbrechen verbinden.


    Gruß Wal

    Hallo Jens,

    "europäisches Denken" ist hier die Kurzform für das "im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts vorherrschende Denken".

    Im übrigen glaube ich nicht, dass Denken eine "individuelle Angelegenheit" ist. Ich glaube, Denken ist immer eine Gemeinschaftsleistung, so wie Sprache notwendig eine Gemeinschaftsleistung ist. Falls es wirkliche "individuelles Denken" gäbe, wäre dieses Denken für andere Menschen unverständlich.


    Zu "Theorie" heißt es im Duden:

    1.a)System wissenschaftlich begründeter Aussagen zur Erklärung bestimmter Tatsachen oder Erscheinungen und der ihnen zugrunde liegenden Gesetzlichkeiten

    1.b) Lehre über die allgemeinen Begriffe, Gesetze, Prinzipien eines bestimmten Bereichs der Wissenschaft, Kunst, Technik

    2.a) rein begriffliche, abstrakte [nicht praxisorientierte oder -bezogene] Betrachtung[sweise], Erfassung von etwas

    2.b) wirklichkeitsfremde Vorstellung; bloße Vermutung


    Es gibt also im Deutschen einen 1. positiven (schriftsprachlich-gehobenen) Begriff und einen 2. eher negativen (umgangssprachlichen) Begriff von Theorie. So habe ich "Theorie" oben verwendet. Im Deutschen überwiegt die erste Bedeutung, im Chinesischen die zweite.


    Im übrigen: Ich versuche grundsätzlich in meinen Texten die deutsche Allgemeinsprache zu verwenden, wie sie u.a. im Duden aufgezeichnet und protokolliert wird.


    Gruß Wal


    (Wenn du ein längeres Zitate mehrfach kommentieren willst, musst du im Menü deiner Antwort links oben auf den HTML-Knopf drücken. Dann kannst du die Codierung für Zitatanfang <woltlab-quote data-link= .... data-author="...">

    und Zitatende  </woltlab-quote> an beliebige Stellen hinkopieren und dazwischen deinen Kommentar schreiben. )

    Update von 1. November 2017:

    Wer sich Hoffnungen gemacht hatte, dass die katalanische Unabhängigkeitsbewegung mit der Machtübernahme Madrids in einen „katalanischen Widerstand“ hineinwachsen werde, sieht sich – bisher – getäuscht. Was immer das Kalkül der Puigdemont-Regierung war, es ist nicht aufgegangen. Politische Beobachter in- und außerhalb der Mainstreams rätseln nun, was Puigdemont und seine Mitstreiter nun planen und vorhaben. Der Eindruck verstärkt sich, dass sie das selber nicht wissen.

    Fest steht jedoch: Wer die von Madrid angesetzten Wahlen am 21. Dezember akzeptiert, akzeptiert damit die Annullierung des Unabhängigkeitsreferendums vom 1. Oktober. Umgekehrt: Wer an dem Votum vom 1. Oktober festhält, muss eine Beteiligung an der Wahl im Dezember ablehnen.

    Beide Entscheidungen bedeuten jedoch, dass die die eigenständige Staatsgründung Kataloniens in weite Ferne gerückt ist.

    Für die Teilnehmer an der Dezemberwahl ist die Staatsgründung in weite Ferne gerückt, weil sie akzeptieren, dass ihre "Unabhängigkeit" auf Legalität und damit auf die Zustimmung Madrids angewiesen sind.

    Für die Boykottierer der Dezemberwahl ist ein „unabhängiges Katalonien“ in weite Ferne gerückt, weil sie akzeptieren müssen, dass eine katalonische Staatsgründung mit ungesetzlichen oder gar gewalttätigen Methoden gegen den Willen der Zentralregierung nicht so leicht und nicht so schnell zu verwirklichen ist, wie sich das Puigdemont und seine Mitstreiter wohl gedacht hatten.

    Karl Marx hatte den Aufsatz „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ mit 26 Jahren geschrieben.

    Im Jahr zuvor hatte er geheiratet, aber auch seinen Broterwerb als Zeitungsjournalist verloren, weil die „Rheinische Zeitung“ von der preußischen Zensur verboten wurde. Er gründete deshalb mit dem älteren und bekannteren Privatdozenten Ruge eine eigene Zeitschrift, die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“. In der ersten Ausgabe von 1844 veröffentlichte Marx diesen Aufsatz. Das war für Karl Marx ein „Startup“. Und aus diesem ersten öffentlichen Text von Karl Marx werden heute noch mehr Passagen zitiert als aus Martin Luthers 95 Thesen.

    Der Text beginnt mit dem Satz: „Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt, ...“ (S. 378)

    Solche Sätze schreiben Leute, die den großen Überblick haben oder anderen sagen wollen, was sie zu tun haben. Der Satz richtete sich auch nicht an religiöse Menschen, sondern an die Religionskritiker. Das war nicht Hegel, der war schon 13 Jahre tot, aber Hegel hatte viele philosophische Anhänger oder Jünger und viele von ihnen befassten sich damals mit Religionskritik.

    Obwohl Marx sagt, dass die Religionskritik im wesentlichen beendet sei, trägt er dann doch noch einmal seine Kritik an der Religion vor. Der Grundgedanke seiner Kritik an der Religion ist doppelt: Einerseits sagt er: „Der Mensch macht die Religion,...“, (S. 378) andererseits ist Religion eine menschliche Reaktion auf unmenschliche Verhältnisse: „Das religiöse Elend ist einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in einem Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ... ist das Opium des Volkes.“ (S. 378)

    „Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.“ (S. 379)

    „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist, ...“ (S. 385)

    Marx gibt sich und seinen zeitgenössischen Philosophen damit ein Programm vor: Reden wir nicht mehr über Religion! Reden wir über Politik. Reden wir nicht mehr über den Himmel, reden wir über Deutschland! Über Deutschland gab es nichts Gutes zu sagen.

    „Krieg den deutschen Zuständen!“ (S. 380) ruft Marx. Er findet in Deutschland nichts als „brutale Mittelmäßigkeit“ (S. 381) und Rückständigkeit gegenüber England und Frankreich.

    Statt Religionskritik soll in Deutschland Philosophiekritik betrieben werden. Und wer sollte das tun? Die rebellischen, demokratischen Kräfte seiner Zeit, die „praktische politische Partei in Deutschland“, wie sie Marx nennt, befasste sich nicht mehr mit Philosophie, sie hat „der Philosophie den Rücken“ gekehrt. Die demokratischen Intellektuellen oder wie Marx sie nennt, die „theoretische ... politische Partei“ befasste sich mit Hegels Philosophie, aber nicht kritisch genug. „Eine näher eingehende Schilderung dieser Partei behalten wir uns vor.“

    Nachdem Marx in höchst abfälligen Worten Politik und Wirtschaft im damaligen Deutschland gestreift hatte, kam er auch endlich auf sein angesagtes Thema: die Rechtsphilosophie von Hegel. Die Philosophie von Hegel sei das einzig Fortgeschrittene in Deutschland, das einzige Gebiet, auf dem Deutschland auf der Höhe seiner großen Nachbarländer war. Während in Deutschland die praktischen Verhältnisse rückständig waren und die Bürger rückständig denken, so ist es „der Philosoph, in dessen Hirn die Revolution beginnt“. (S. 385) „Der Philosoph“ steht hier in der Einzahl. Damit verweist der 26jährige Karl vor allem auf sich selbst. Marx sieht sich in direkter Folge zu Luther, wenn er sagt: „Deutschlands revolutionäre Vergangenheit ... ist die Reformation. Wie damals der Mönch, so ist es jetzt der Philosoph, in dessen Hirn die Revolution beginnt.“ (S. 385)

    Einen „modernen Luther“ in Gestalt des jungen Marx gibt es, der das Werk Luthers vollendet.

    Aber noch existierten ein paar Hindernisse auf dem Weg zu Revolution in Deutschland. Zitat: „Die Revolutionen bedürfen nämlich eines passiven Elements, einer materiellen Grundlage. Die Theorie wird in einem Volke immer nur so weit verwirklicht, als sie die Verwirklichung seiner Bedürfnisse ist. ... Es genügt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muss sich selbst zum Gedanken drängen.“ (S. 386).

    Marx stellt fest, dass die Mittelklasse in Deutschland, die Bourgeoisie, sich „nicht zum Gedanken drängt“. Er setzt darauf, dass die leidenden Menschen „sich zum Gedanken der Revolution“ drängen, und zwar diejenigen, die nicht an „naturwüchsig entstandene Armut“, sondern an „künstlich produzierter Armut“ (S. 390) leiden. Diese leidende Klasse, die an der Gesellschaft selbst leidet, nennt Marx „Proletariat“. Noch ist dieses Proletariat ein „naiver Volksboden“, aber irgendwann schlägt „der Blitz des Gedankens“ in diesen naiven Boden ein, dann werden sich die Deutschen „zu Menschen“ emanzipieren. (S. 391)

    „Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie“... man könnte auch sagen, der Kopf ist der einzelne Philosoph in Gestalt von Karl Marx.

    Dieser Text von Marx ähnelt dem Thesenanschlag von Luther und übertrifft ihn noch. Luther hatte mit seinen Thesen auf Lateinisch geschriebenen 95 Thesen der katholischen Kirche auf einem theologischen Teilgebiet – der Sündenvergebung - seinen Fehdehandschuh hingeworfen.

    Karl Marx erklärt allen deutschen Verhältnissen insgesamt den Krieg.

    Die Rezeptionsgeschichte der Lutherthesen unterschied sich jedoch sehr von der Wirkung dieses Textes. Die 95 Thesen von Luther haben die katholische Welt aus den Angeln gehoben. Die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“ mit der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ brachten es 1844 nur zu einer einzigen Ausgabe. Man weiß nicht einmal, ob mehr als eine Handvoll Exemplare dieser Ausgabe es an der preußischen Zensur vorbei von Paris nach Deutschland geschafft haben.

    In der deutschen Revolution von 1848 spielte weder Karl Marx noch das Proletariat eine wichtige Rolle. Erst gegen Ende seines Lebens – nach der Pariser Kommune von 1871 - näherte sich Karl Marx ein bisschen der Bedeutung, die er als 26jähriger für sich erträumt hatte.


    (Alle Zitate aus: Marx-Engels-Werke Bd. 1)

    Anders als viele Linke nehmen bürgerliche Politiker die gesamte Lohnarbeiterklasse in den Blick. Sie suchen nach Gegnern und Befürwortern des Kapitalismus und nach möglichen Spaltungslinien innerhalb der Lohnabhängigen.

    Die folgende Grafik zeigt die Meinungsvielfalt und die Trennlinien der britischen Lohnarbeiterklasse von 2017 – analysiert vom Legatum Institute.


    (Alle folgenden Aussagen beziehen sich auf eine Tendenz bzw. auf eine Mehrheit, nicht auf jedes einzelne Individuum einer Gruppe).




    Wir können diese Daten nicht direkt auf die Lohnarbeiter in Deutschland übertragen, aber wir können damit unseren Blick auf die Gesamtheit üben und schärfen.


    1) Die Linke (Chancenlose 7 %, weltoffene Linke 16 %) stellen weniger als ein Viertel der Lohnabhängigen und weniger als jeder andere politische Cluster für sich allein.

    Dazu kommt noch die Spaltung der Linken in Antiautoritäre und in Staatsinterventionisten. Ablehnend gegenüber dem Kapitalismus, aber positiv gegenüber der Staatsmacht ist vor allem das Prekariat in seiner aussichtslosen und chancenlosen Lage eingestellt. Da rächt sich die langjährige Vernachlässigung des Prekariats durch die Gewerkschaftsbewegung.



    2) Prokapitalistische Einstellung findet sich bei einer knappen Mehrheit (54%)

    Der Economist äußert sich besorgt über dieses Ergebnis: "Die Finanzkrise hat das Vertrauen der Leute in die Fähigkeit des Kapitalismus, Reichtum zu schaffen, und in die Fähigkeit der politischen Elite, Krisen zu meistern, schwer erschüttert."


    2.1) Rechtskonservative (25%) finden sich vor allem in den britischen Stammbelegschaften. Sie sind überwiegend sexistisch, nationalistisch und Immigrationsfeindlich.



    2.2) Die erfolgreichen und höher qualifizierten Lohnarbeiter (29%) setzen mehr auf "private Initiative" als auf staatliche Lösungen. Sie gelten insgesamt als "modern" und „fortschrittlich“, sehen den Kapitalismus aber optimistisch. Um ihre Zustimmung buhlen bürgerliche Parteien, Politiker und Medien.



    3) Resignierte (23%) sind überwiegend weiblich und älter als der Durchschnitt. Sie orientieren sich auf das Privatleben und wünschen sich auch staatliches Eingreifen vor allem gegen Kriminelle und Immigranten, von denen sie sich persönlich bedroht fühlen.


    4) Der Blick aufs Ganze

    Eine Linke, die sich nur mit sich selbst beschäftigt, bleibt in ihrem engen Ghetto gefangen. Das ist vielleicht das größte Problem der Linken. Soweit ich es überblicke verfügt keine einzige linke Strömung über ein attraktives "Angebot" für die gesamte Lohnarbeitsklasse.

    Ein attraktives Angebot, wie ich es sehe, wäre die Abschaffung der Lohnarbeit ("Befreiung der Arbeit"), radikale Verkürzung der Normalarbeitszeit (4-Std-Tag) und Selbstverwaltung von Wirtschaft und Gesellschaft in einem Netz selbständiger Kommunen (alle entscheiden über alles).

    Ziel ist ein freies, selbstbestimmtes Leben in bewusster Kooperation unter Schonung der menschlichen wie der außermenschlichen Natur.


    Siehe auch politische Cluster in Deutschland:




    Sinusstudie 2016 über Jugendliche in Deutschland:




    Vergleiche auch:


    Wer ist heute links?



    Sinus-Studie: Wie ticken Jugendliche 2016?

    Die Zuspitzung des Konflikts zwischen der katalanischen Regionalregierung und der Zentralregierung in Madrid finde ich bedauerlich. Das sind zwei Schritte in die falsche Richtung.

    Ich bin gegen Einsatz des § 155 und gegen alle Repressionsmaßnahmen der Regierung Rajoy, aber ich denke, Puigdemont und seine Regierung haben keine Gelegenheit ausgelassen, den Konflikt zu eskalieren.

    An der spanischen Demokratie gibt es – wie an allen bürgerlichen Demokratien – sehr viel auszusetzen. Reaktionäre Gesetze und Institutionen richten sich aber gegen alle Bürger Spaniens, nicht besonders gegen Katalanen. Wer mit Aussicht auf Erfolg solche undemokratischen Institutionen und Gesetze abschaffen will, muss das in ganz Spanien tun, nicht bloß in einer Region.

    Die einzige „Unterdrückung“, die insbesondere die Katalanen trifft, ist das katalanische Steueraufkommen, das zum Großteil in ärmere Regionen des spanischen Südens wandert. Der egoistische Wunsch, über die „eigenen" Steuergelder zu verfügen, ist der wahre Kern der katalonischen Unabhängigkeit.

    Die Linke in Spanien und in ganz Europa wird nichts gewinnen, wenn sie diesen unsozialen Wunsch unterstützt.

    Sorry für meine pessimistische Einschätzung! :(

    Im europäischen Denken hat der Begriff “Theorie” einen hohen Stellenwert und steht für “Wissenschaft”, während „jemandes Gedanken“ oder „jemandes Denken“ eher dem subjektiven Bereich zugeordnet wird und keine Allgemeingültigkeit aufweist.

    Die entsprechenden chinesischen Begriffe haben eine andere Wertigkeit.


    1) Die Theorien von Karl Marx sind im Chinesischen kein „Lilun“ (Theorie), sondern eine abgeschlossene Lehre oder Doktrin, „ein Ismus“ (Zhuyi). Übrigens tritt Marx in China nie ohne seinen „russischen Zwillingsbruder“ in der Verbindung „Marxismus-Leninismus“ auf. Wo in China von „Marxismus“ die Rede ist, ist diese Alleinstellung schon als Abweichung und als (europäische) Irrlehre gekennzeichnet.



    2) Lilun (Theorie) wird im chinesischem Sprachgebrauch gering eingestuft, so wie im Deutschen „eine abstrakte (also weltfremde) Theorie“. Auch im Deutschen ist es kein Kompliment, wenn jemand als „Theoretiker“ bezeichnet wird.



    3) Sixiang (Denken, Idee) verbindet im Chinesischen das Abstrakte mit dem Konkreten und steht daher über dem Begriff Lilun. Mit Sixiang werden im Chinesischen alle politisch relevanten Begriffe zur Gedankenarbeit gebildet: „ideologische Arbeit“ (Sixiang gongzuo), Denker (sixiang jia), ideologische Erziehung (sixiang jiaoyu), Weltanschauung (sixiang yishi), Aufklärung (sixiang jiefang), Ideengeschichte (sixiang shi), ideologischer Kamf (sixiang douzheng) usw.


    4) Von den „Ideen“ (sixiang) von Mao Zedong wird gerühmt wird, dass er die marxistisch-leninistische Theorie „mit der konkreten Praxis der chinesischen Revolution verbunden“ habe. In der Genealogie der chinesischen KP steht also Mao Zedong höher als Marx und höher als Lenin. Mao gilt als ihr Erbe und Fortsetzer.

    Deng Xiaoping, zeitlebens teils Mitarbeiter und Untergebener von Mao, teils sein Korrektiv und Gegner, hat zur Parteiideologie nur geringer eingestufte Theorien (lilun) beigetragen. Von Deng ist ja die praxisorientierte Maxime überliefert: Egal ob schwarze oder weiße Katze – Hauptsache, sie fängt Mäuse!

    Wenn nun die chinesische KP dem Xi Jinping wie Mao ein „sixiang“ (Ideen) zuschreibt, dann wird Xi Jinping zum Richter in ideologischen Streitfragen gemacht.


    5) All diese feinen Unterscheidungen erscheinen den politisch ungeschulten Chinesen nicht weniger haarspalterisch als uns hier. Nicht umsonst spricht man im Deutschen von "Parteichinesisch".

    Von den Marxschen „Gründergedanken des Kommunismus“ aus betrachtet, ist die chinesische Parteiideologie eine Alternativmedizin, die ebenso entfernt vom allgemeinen Menschenverstand wie von Wissenschaftlichkeit die Marxsche Theorie in immer verdünnterer Form, in homöopathischen Dosen verabreicht, bis in der Lösung nur noch wenige oder gar keine „Marx-Atome“ enthalten sind.

    Die homöopathischen Lösungen der KP erhöhen jedoch die Gefahr, dass sich jeder sein eigenes Rezept zusammenbraut und damit die „Einheit des Parteidenkens“ verloren geht. Daher muss es für die Parteiideologie einen Papst oder Ajatollah geben, der allein befugt ist, gegenüber den widerstreitenden Gedanken seiner Jünger festzulegen, was wahres und richtiges Denken und was ein Irrglaube ist. Das ist Xi Jinping.


    In der Praxis heißt das aber nicht, dass der Parteichef die Reden seiner Parteimitglieder liest und zensiert. In der Parteipraxis heißt das, dass die „Worte des Großen Vorsitzenden“ dutzende Mal zitiert werden müssen, um die Übereinstimmung mit dessen Sixiang zu demonstrieren.

    Aus der Zeit der Kulturrevolution wird von einem Zitierrekord berichtet, wo ein Parteigenosse in einem einzigen Aufsatz 423 mal das damalige Modewort „Klassenkampf“ benutzt hatte.

    Quote

    Ich frage mich wie du Durchsichtigkeit verstehst.

    „Stellen wir uns ... einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben. ...

    Das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt. Ein Teil dieses Produkts dient wieder als Produktionsmittel. Es bleibt gesellschaftlich. Aber ein anderer Teil wird als Lebensmittel von den Vereinsgliedern verzehrt. Er muss daher unter sie verteilt werden. Die Art dieser Verteilung wird wechseln mit der besonderen Art des gesellschaftlichen Produktionsorganismus selbst und der entsprechenden geschicht­lichen Entwicklungshöhe der Produzenten. (...)

    Die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten bleiben hier durchsichtig einfach in der Produktion sowohl als in der Distribution.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, S. 92f.


    (Hervorhebung von w.b.)

    Hallo Wal,

    wenn die Produktionsbedingungen weltweit annähernd gleich sind, hätten Länder wie China, Indien einen Vorteil, auf Grund der höheren Lohnarbeiterzahl. So weit die Theorie. Jetzt kommt es aber m.M. darauf an, ob der Markt den größeren Warenberg aufnehmen kann. Anders gesagt, wahrscheinlich sind die produktiven Möglichkeiten größer als der Markt.

    Gruß Jens

    Hallo Jens,

    nein, nicht China, sondern die kapitalistischen Kernländer leiden an Überkapazitäten. In einer theoretischen und "idealen" Wirtschaftswelt produziert jedes Land mehr oder minder für seinen eigenen Bedarf. Dahin geht auch der aktuelle globale Trend in dem Dreieck China-Europa-USA. (In der realen kapitalistischen Welt entscheiden Macht- und Konkurrenzverhältnisse, wessen Kapazitäten "überflüssig" sind.)

    Die Zusammensetzung des jeweiligen konstanten Kapitals und die Enge des eigenen Marktes sprechen eher dafür, dass die Überkapazitäten vor allem in den Kernländern auftreten und dort abgebaut werden müssen.

    Das ist Teil der Krise, unter der diese Kernländer jetzt schon leiden. Dieser Leidensdruck wird zunehmen.

    In China gab es einen Parteitag. Dass die chinesische Presse daraus einen Event macht, wundert nicht, aber warum macht die deutsche Presse einen Hype um den Parteivorsitzenden? Er bekomme „mehr Macht“. Sein Name stehe jetzt im Statut der Partei. Er habe keinen Nachfolger. Er sei der „neue Mao“. Spricht daraus etwa Neid? Auch in vielen westlichen Ländern reagierte die herrschende Klasse auf die chronische Krise mit einem Schwenk vom "Demokratismus" zum Autoritarismus.


    Die Epochen Chinas wurden früher nach Kaiserdynastien gezählt, die letzten beiden heißen „Ming“ (bis 1644) und „Qing“ (bis 1911). Die Epochen des modernen Chinas werden jetzt nach Parteiführern gezählt:

    Mao Zedong ziert als Gründervater den Kaiserpalast in Beijing und die Geldscheine.

    Deng Xiaoping rettete China aus der Wirtschaftskrise in Folge der Kulturrevolution und der Führungskrise in Folge des Zusammenbruchs der Sowjetunion.

    Xi Jinping führt China nun in eine „neue Ära“ mit Weltgeltung.


    Wie viel Macht und Einfluss hat dieser Xi Jinping? Kein Mensch in China oder anderswo hält Xi Jinping für einen „Diktator“. Kein Mensch denkt, dass dieser Mann alle wirtschaftlichen und politischen Fäden in Händen hält.

    Xi Jinping repräsentiert die Angst der KP Chinas vor dem Verlust ihrer Macht.

    Xi Jinping ist das Versprechen der KP: „Alles wird gut! Ihr Chinesen werdet alle zufrieden und glücklich sein!“

    Xi Jinping verkörpert als Vaterfigur das paternalistische System in China.


    Paternalistisch ist dieses System, weil von der Regierung behauptet wird: „Wir tun alles für das Volk! Wir schaffen Wohlstand! Wir schaffen Glück! Wir schaffen internationales Ansehen!“

    Stückweise war die KP Chinas mit ihrem Paternalismus auch erfolgreich. Dieser Erfolg war aber mehr den historischen und objektiven Bedingungen geschuldet als subjektiver Einsicht und persönlichem Einsatz ihrer Führungselite. Fähigkeiten und persönliche Leistung der chinesischen Führungselite liegen vor allem darin, dass sie ihre historischen Chancen und Möglichkeiten erkannt, ergriffen und genutzt haben. Das ist allerdings kein geringes Verdienst. Die sowjetischen KP-Führer nach Stalin hatten diese Fähigkeiten nicht. Schuld daran hat Stalin. Anders als Mao Zedong hatte Stalin die fähigen Leute in der Partei als mögliche Konkurrenten und Rivalen umbringen lassen.


    Ein paar Worte zu den objektiven Bedingungen und Umständen für den Aufstieg Chinas:

    In der vorindustriellen, also agrarischen und handwerklichen Welt, war China immer eine Weltmacht. Unter den damaligen Verhältnissen waren die Produktionsbedingungen überall ähnlich oder gleich. Größere Produktionsleistung hing allein ab von einer größeren Einwohnerzahl. Die Länder mit höheren Einwohnerzahlen hatten höheres Gewicht in der Welt.

    Im ersten Jahrhundert nach Christus lebten 70% der Weltbevölkerung in Asien. Deshalb erbrachte Asien auch 70% der weltweiten Wirtschaftsleistung. Siehe die folgende Grafik:





    Mit der Herausbildung des Kapitalismus in Europa stieg dort die Arbeitsproduktivität, so dass Europa mit geringer Bevölkerungszahl eine viel höhere Produktionsleistung hervorbrachte als alle nichtkapitalistischen Länder. Im Jahr 1900 lebten rund ein Drittel der Weltbevölkerung in Europa und Nordamerika, aber diese Kernzone des Kapitalismus erbrachte drei Viertel der globalen Wirtschaftsleistung (BSP). Auf diesem Vorsprung an Arbeitsproduktivität beruhte die Vormachtstellung Europas im 20. Jahrhundert.

    Aber in dem Maße, wie andere Länder die kapitalistischen Produktionsmethoden übernehmen konnten, holten sie den Entwicklungsvorsprung Europas auf. Das schaffte Japan, das schaffte die Sowjetunion, das schaffte China und einige andere Staaten.


    In einer "idealen" Welt mit gleichen Arbeitsbedingungen hängt die Produktionskapazität wieder allein von der Arbeiterzahl ab. In einer idealen Welt mit gleichen Arbeitsbedingungen ist China - neben Indien - wieder die "Weltmacht Nr. 1".

    Diese Entwicklung - Angleichung der Produktionsmethoden und damit der Arbeitsproduktivität in der Welt - ist ganz unabhängig von einzelnen Parteien und einzelnen Staatsführern. Die chinesische Führungselite kann auf dieser Entwicklungswelle „reiten“ wie ein Surfer auf einer Wasserwelle.







    Siehe zu China auch:

    Aufstieg und Niedergang des (europäischen) Kapitalismus


    Konfliktzone Südchinesisches Meer


    Verlierer Europa - Gewinner China


    Der Niedergang der klassisch-imperialen Mächte


    Der Asiate kann sich selbst nicht leiden


    Globale Verteilung des kapitalistischen Reichtums

    Hallo Uwe, hallo Mario,

    zur Dunbar-Zahl will ich auch meinen Senf dazugeben - es mag sie geben oder nicht. Falls sie es gibt, ist sie wohl genetisch verankert, aber alles Genetische ist durch Evolution und Gesellschaft erworben und das Erworbene wird irgendwann auch vererbt.*

    Dass die Dunbar-Zahl in Zusammenhang mit linken Gesellschaftsentwürfen gebracht wird, finde ich seltsam. Ich denke, alles Gesellschaftliche ist längst den engen Verhältnissen einer Sippe oder einer Großverwandtschaft entwachsen. Das ist vor allem der Erfolg der warenproduzierenden Gesellschaften, dass sie Sachzusammenhänge an die Stelle von familiärer oder freundschaftlicher Verbundenheit gesetzt haben. Wenn wir eine Ware im Internet bestellen, kennen wir weder die Produzenten, noch die Lieferanten, aber wir haben das Vertrauen, dass das jeweilige Interesse am Äquivalententausch stark genug ist, damit sich beide Seiten an die Regeln halten. Da gehen zwei Seiten vertragliche Bindungen ein, die sich nicht kennen.

    Auch wenn wir an einer dunklen Straßenecke überfallen werden und um Hilfe rufen, geschieht das in dem Glauben, dass Kriminelle eine Minderheit sind, und dass die Mehrheitsmenschen uns helfen werden. Bei einem Verkehrsunfall gilt es als Skandal, wenn andere Autofahrer nicht anhalten und helfen.

    All das geschieht nicht aus Empathie - Empathie ist nur ein neues Wort für "Mitleid"-, sondern aus dem Bewusstsein gemeinsamer Interessen: Ich helfe in einer Situation und erwarte in einer anderen Situation, dass andere mir helfen.

    Die Basis der nachkapitalistischen Gesellschaft ist nicht Empathie oder Sympathie, sondern das Bewusstsein gemeinsamer Interessen. Grundlage dieses Bewusstseins ist die Erfahrung mit der gemeinsamen Produktion von Bedarfsgütern und Dienstleistungen. Dazu trägt jeder nach seinen Fähigkeiten bei und nimmt sich nach seinen Bedürfnissen. Dieses Nehmen ist nur begrenzt durch Menge und Qualität des gemeinsamen Arbeitsprodukts. Diese Verhältnisse sind für alle durchsichtig: Jeder sieht, was jeder andere zum gemeinsamen Arbeitsprodukt beiträgt. Jeder sieht, was jeder Andere vom gemeinsamen Arbeitsprodukt verzehrt.

    Die gesellschaftliche Durchsichtigkeit bedingt natürlich auch eine gewisse lokale und regionale Nähe, eine Nähe, die auch aus ökologischen Gründen sinnvoll ist.

    250 Leutchen reichen aber hinten und vorne nicht für halbwegs umfassende Produktionsbedingungen. Ich rechne mit Größeneinheiten von 50.000 bis 100.000 Menschen. Mit beiden Größen gibt es praktische Erfahrungen beim Militär. 50.000 Leute ist die Größe einer Armee. 100.000 ist die Größe einer Heeresgruppe. Beide Größenordnungen sind erfahrungsgemäß mit modernen Informationsmitteln noch überschaubar. Bessere Kommunikationsmittel (Internet etc.) machen auch noch größere Gesellschaften überschaubar. Mit solchen Größenordnungen sind wir aber weit, weit entfernt von der "Dunbar-Hürde".

    Gruß Wal

    * "Indem die moderne Naturwissenschaft die Vererbung erworbener Eigenschaften anerkennt, erweitert sie das Subjekt der Erfahrung vom Individuum auf die Gattung; es ist nicht mehr notwendig das einzelne Individuum, das erfahren haben muss. Seine Einzelerfahrung kann bis auf einen gewissen Grad ersetzt werden durch die Resultate der Erfahrungen einer Reihe seiner Vorfahren. Wenn bei uns z. B. die mathematischen Axiome jedem Kind von acht Jahren als selbstverständlich, keines Erfahrungsbeweises bedürftig erscheinen, so ist das lediglich Resultat ‚gehäufter Vererbung‘.“ F. Engels, Naturdialektik, MEW 20, 529.

    Hallo Uwe,

    Wo immer du "bohrende Fragen" stellst, trittst du als Staatsanwalt auf, der einen Angeklagten in die Mangel nimmt. Nicht umsonst nennst du Marios Antwort "Verteidigung".

    Das ist kein respektvoller Umgang und erst recht keine herrschaftsfreie Diskussion.

    Im Marx-Forum werden die kapitalistischen Verhältnisse angeklagt, nicht Personen.

    Wo wir meinen, dass eine Person falsch liegt (und jeder von uns liegt irgendwo falsch), befinden wir uns nicht in der Rolle des Anklägers, sondern in der Rolle eines Arztes, der einem Patienten erklärt, wo er ein Problem hat - nach dem Motto: "Nicht den Patienten, sondern die Krankheit bekämpfen!"


    Gruß Wal

    Hallo Basal,

    Ich gebe dir recht, dass die "europäische Ordnung" zusammenbricht. Aber ich sehe auch die große Gefahr, dass sich die Linke in die wachsende nationale Konkurrenz hineinziehen und dadurch noch mehr marginalisieren lässt.

    Die Rechte hat in der jetzigen Krise ein Konzept, das sie verfolgt: Zurück zum Nationalstaat! Stärkung der nationalen Eliten!

    Die Linke hat kein Konzept, das auf die aktuelle Krise passt.

    Die Staatslinke sagt: Zurück zum Sozialstaat! Dafür fehlen die wirtschaftlichen Mittel.

    Ein großer Teil der sonstigen Linken sucht sich eine eigene "Klientel": Flüchtlinge, Prekariat, Arbeitslose oder sonstige Minderheiten und marginalisierte Völker (Kurden, Indigene usw.). Wo soll das hinführen?


    Gruß Wal

    Hallo Mario,

    wie die Diskussion in der Linken und in diesem Forum zeigt, haben wir Mühe, die Sachlage zu verstehen. Da helfen hypothetische Annahmen wirklich nicht weiter.


    basal :

    In meiner Jugendzeit habe ich die damaligen nationalistischen Bewegungen mit Begeisterung unterstützt und unter anderem auch Geld für Druckmaschinen, aber auch für Waffen gesammelt. Das war die hohe Zeit des Antikolonialismus. Damals war "Gut" und "Böse" ziemlich deutlich getrennt. Deshalb bereue ich meine damalige Haltung nicht.

    Heute haben wir hundert Schattierungen von Grau, aber Schwarz und Weiß nicht klar geschieden. Was in China, Vietnam oder in Afrika früher einmal richtig war, trifft auf heute nicht mehr zu - vom Irland des 19. Jahrhunderts nicht zu reden.

    Und dass - gerade für F. Engels - sozialistisch nicht gleich nationalistisch ist, kannst du folgender Briefstelle entnehmen:

    „Wir alle haben ja ursprünglich, soweit wir erst durch Liberalismus oder Radikalismus durchgegangen sind, diese Sympathien für alle ‚unterdrückten‘ Nationalitäten mit herübergenommen, und ich weiß, wie viel Zeit und Studium es mich gekostet hat, sie, dann aber auch gründlich, loszuwerden. ...

    Wir haben an der Befreiung des westeuropäischen Proletariats mitzuarbeiten und diesem Ziel alles andere unterzuordnen. Und wären die Balkanslawen etc. noch so interessant, sobald ihr Befreiungsdrang mit dem Interesse des Proletariats kollidiert, so können sie mir gestohlen werden.

    Die Elsässer sind auch unterdrückt (von Bismarck-Deutschland), und es soll mich freuen, wenn wir sie wieder los sind. Wenn sie aber am Vorabend einer sichtbar heranziehenden Revolution einen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland provozieren, diese beiden Völker wieder verhetzen und die Revolution dadurch vertagen wollten, so sage ich: Halt da! Ihr könnt ebenso viel Geduld haben wie das europäische Proletariat. ...

    Ebenso mit den (Balkan-)Slawen... F. Engels, Brief an Bernstein (1882), MEW 35, 278ff.


    Und heute, rund 150 Jahre nach diesen Gedanken von F. Engels, müssen wir feststellen, dass (fast) alle unterdrückten Nationen (mit und ohne Gänsefüßchen) - von Irland über den Balkan, von Afrika bis Asien ihren eigenen Staat haben, was uns aber keinen Flohsprung der Emanzipation der Lohnarbeiter von kapitalistischer Ausbeutung und Unterdrückung näher gebracht hat.

    Im Jahr 1900 gab es 22 Staaten auf der Erde, heute sind es 192. Es könnten noch einmal gut 150 Staaten dazu kommen. Aber auch das bringt uns der Beseitigung von Lohnarbeit und Kapitalismus nicht näher.

    Es ist also Zeitverschwendung, wenn sich Sozialisten mit Staatsgründungen befassen.


    Gruß Wal

    Hallo Mario,

    in der Linken ist es üblich, Propaganda und Kampfbegriffe zu benutzen, wo erst einmal analytische Begriffe sinnvoll wären. Wer die spanische Regierung als faschistisch oder "postfaschistisch" bezeichnet, dem geht es nicht um Analyse.

    Die Sezession in der Ostukraine hat (mit Unterstützung hiesiger Linken) ebenfalls die ukrainische Regierung als "faschistisch" bezeichnet.

    Wem die Parteinahme wichtiger ist als die Erkenntnis der Situation, der findet immer Gründe, die ihm gefallen.

    Wie Hegel sagte: "Gründe wachsen wie Brombeeren".

    Mein Anspruch ist aber, dass erstens die Erkenntnis der Lage und die Analyse der Situation vor jeder Parteinahme kommt. Und dass zweitens Bewegungen (wie Individuen) nach ihren Taten und Resultaten beurteilt werden müssen.

    Die Volksabstimmung gegen den Willen der Zentralmacht war tatsächlich eine revolutionäre Tat.

    Nun ruft sowohl die Zentralregierung wie die katalanische Regierung jeweils zu politischem Ungehorsam auf. Das hat zwar einen gewissen Charme, aber beiden Konkurrenz-Regierungen geht es jetzt darum, "ihre" Untertanen zu sammeln und für Loyalität hinter ihren jeweiligen Fahnen zu sorgen. Wenn da keine Seite nachgibt, führt das notwendig in einen Bürgerkrieg. Wenn - wie gemunkelt wird - die katalanische Regierung am Donnerstag die "Unabhängigkeit" ausruft, führt das zum Bürgerkrieg.

    Eine eigene Fahne, eigene Regierungsposten und ein eigener Steuertopf sind aber keinesfalls einen Bürgerkrieg mit Toten auf beiden Seiten wert.

    Hallo Mario,

    dein Beitrag zur Kommunalverfassung, den ich insgesamt richtig finde (über einzelne schiefe Formulierungen will ich nicht streiten), geht weit über den einleitenden Beitrag von Karl-Martin Hentschel über eine mögliche Kommunalverfassung in der BRD hinaus. Deshalb habe ich aus deiner Überschrift die "Demokratie" gestrichen. "Demokratie" für sich ist ja kein soziales und kein antikapitalistisches Ziel.

    Ich hoffe, dass Uwe und andere, die vielleicht antworten, sich dann weniger von dem ablenken lassen, worum es in diesem Thema geht, nämlich um ein regionales, landesweites oder gar europaweites Netz selbstverwalteter Kommunen als "die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte.“ Karl Marx, Bürgerkrieg in Frankreich, MEW 17, 342.


    Gruß Wal

    Auch das ist treffend:

    "Zugegeben, der civic nationalism der Katalanen hat, wie jener der Schotten, seinen Charme. Er entbehrt der Fremdenfeindlichkeit, gibt sich integrativ, urban, linksliberal bis sozialdemokratisch, schreibt sich geschickt in die historische Genealogie des Widerstands des republikanischen Barcelona gegen Francos Spanien ein, fordert die denkbar fortschrittlichste Flüchtlingspolitik und ist gegen den Stierkampf. Eine linke Wellnessoase innerhalb eines retardierten Staats mit seiner neoliberalen, auf den Sezessionsversuch autoritär reagierenden Regierung, die zudem nach wie vor der Modergeruch des Klerikalfaschismus umweht."

    Richard Schuberth in Jungle World

    400.000 demonstrierten gestern in Barcelona gegen die spanische Regierung, eine beeindruckende Zahl.

    Der Eindruck wurde geschwächt, als man sah, dass in der ersten Reihe der Demo Minister und ein Regierungschef standen. Die 400.000 demonstrierten FÜR die eine Regierung und GEGEN die andere Regierung.

    Ziel der Demo war: Libertat! Libertat! - eine Freiheit, die sich darin verwirklicht, dass jedermanns vertragliche Bestimmungen zum - durch Besitzlosigkeit erzwungenen - Verkauf seiner Arbeitskraft in katalanischer Sprache geschrieben ist, statt auf Spanisch.

    Hallo Uwe,

    Mario sammelt alles, was sich irgendwie in Richtung kommunale Selbstverwaltung bewegt, mit oder ohne kapitalistisches Gepäck. :thumbup:

    Das ist ganz okay. Letztlich kommt es bei menschlichem Handeln auf die Resultate an, nicht auf Absichten und Motive.


    Gruß Wal

    1) Nationalistische Bewegungen versuchen eine Solidarisierung entlang aller „Mitglieder einer Nation“ zu erreichen. Der angestrebte Zweck und die notwendige Folge ist ein Machtzuwachs der jeweiligen nationalen Führungselite, die sich möglichst als Staatsmacht etabliert.

    Rechte Nationalisten definieren die Zugehörigkeit zu einer Nation über rassistische Kriterien. Linke Nationalisten betonen mehr kulturelle und historische Gemeinsamkeiten. Für beide Nationalismen gilt: Sie erwarten und fördern die Loyalität und Unterwerfung „ihrer Volksgenossen“ gegenüber der jeweiligen nationalen Elite. Das macht jeden Nationalismus zu einem Herrschaftsinstrument.


    Noch schlimmer ist: Kein Nationalismus kommt ohne Abgrenzung und Ausgrenzung gegenüber anderen Nationen aus. Jeder einzelne Nationalismus schürt also den Nationalismus in den angrenzenden Regionen und Staaten. Der katalanische Nationalismus fördert den spanischen Nationalismus und umgekehrt. Der kurdische oder palästinensische Nationalismus schürt den türkischen bzw. israelischen Nationalismus und umgekehrt. Damit schürt jeder Nationalismus den Hass zwischen den Ethnien, Völkern und Nationalitäten und vertieft die bestehenden Unterschiede und Differenzen.


    2) Der Kapitalismus ist in unserer modernen Welt längst zum alles bestimmenden alles dominierenden Basissystem geworden. Der Kapitalismus ist das Meer, in dem sich alle offiziellen politischen Strömungen ihren Weg und ihre Richtung suchen. Längst sind die verschiedenen Nationalismen zu Instrumenten der kapitalistischen Konkurrenz geworden. Ein „antikapitalistischer Nationalismus“ kommt nirgends vor und kann nirgends vorkommen. Antikapitalistische Bewegungen müssen notwendig die Interessen der „eigenen“ Machthaber und Kapitalisten unterminieren. Antikapitalistische Bewegungen sind notwendig antinational. Jede nationalistische Strömung muss daher antikapitalistische Bewegungen im eigenen Land schwächen und bekämpfen. Soziale Emanzipation und Nationalismus sind unvereinbar.


    3) Dass zur Zeit in Europa und in den USA nationalistische Strömungen an Einfluss gewinnen, ist der chronischen Krise des Kapitalismus in den Kernzonen geschuldet.

    Die aktuellen Nationalismen gewinnen Anhänger und Einfluss in den Wohlstandsinseln des Kapitalismus: In den USA, in Großbritannien, in Nordspanien, Norditalien, Schottland, Wallonien oder Flandern. Diese Wohlstandsinseln wollen sich abgrenzen von den Armen – von den Armen im eigenen Land und den Armen der kapitalistischen Peripherie. Überall werden neue Grenzen errichtet. Die US-Grenze zu Mexiko, die Grenzziehung zwischen Großbritannien und der EU, die neue Grenze zwischen Katalonien und Restspanien und die neuen Grenzzäune im Süden Ungarns und den Balkanländern verbindet ein gemeinsames Ziel: Die herrschenden Eliten sehen ihren Einfluss und ihre Macht bedroht, sobald ihnen die Mittel ausgehen, um ihre lohnabhängigen Untertanen ruhig zu halten. Die zunehmende Staatsverschuldung und niedrige Wachstumsraten machen Transfer- und Steuergeschenke immer schwieriger. Also wird zunehmend ein reaktionärer Kurs gefahren, der den „eigenen Leuten“ verspricht: „Euch geschieht nichts! Wir sparen bei den Anderen, wir bekämpfen die Fremden“!

    Europa spielt – unabsichtlich und ungewollt - eine fördernde Rolle in den aktuellen Separationsbewegungen. Die Katalanen, die Schotten, die Flamen und Norditaliener verstehen sich alle als „gute Europäer“. Ihr „linker Nationalismus“ gibt sich international und proeuropäisch, anders als die Brexit-Anhänger und die rechten Nationalisten. Die wirtschaftlichen Unterschiede und Differenzen zwischen einzelnen Regionen in Europa sind durch die Krise gewachsen.

    Aber: „Wer in Europa kein Mitgliedsstaat ist, ist ein Nobody“, meinte der katalanische Minister und Nationalist Huguet i Biosca. Steigt eine Region zum EU-Mitglied auf, vervielfältigt sich automatisch ihr politischer und wirtschaftlicher Einfluss.

    Auf der anderen Seite reduzierte die EU die wirtschaftlichen und politischen Risiken einer Sezession: Die neue Regierung benötigt keine neue Währung. Kleine wie große Mitgliedsstaaten gehören alle zu einer großen gemeinsamen Währungs- und Wirtschaftsregion. In dieser Wirtschaftsregion ist die gewohnte kapitalistische Staatenkonkurrenz so weit gedämpft und reglementiert, dass ein kleiner Staat keine Militärintervention seiner großen Nachbarn zu fürchten hat.

    Die bloße Existenz der EU hat die Risiken und Kosten einer neuen Staatsgründung gesenkt, und die politischen Überlebenschancen der Kleinstaaten gestärkt. (Umgekehrt erhöhten sich gleichzeitig die Risiken und Kosten eines Austritts aus der Eurozone oder der EU.)

    Es gibt für neue Kleinsstaaten in der EU zu gesenkten Kosten und Risiken mehr zu gewinnen als vor der Existenz der EU.

    Die Europäische Union wird an den erstarkenden Nationalismen keineswegs zerbrechen. Ganz im Gegenteil: Die EU wird immer deutlicher, was sie immer schon war: Eine Wohlstandsburg, in der sich krisenbedrohte Kapitalnationen verbünden, um in der globalen Konkurrenz stärker auftreten zu können.


    4) Emanzipatorische Strömungen können in diesem kapitalistischen Hauen und Stechen nur verlieren. Was die linken Nationalisten in Katalonien hinzugewinnen, verlieren sie dreifach und vierfach in Restspanien.

    Früher sagten wir: Arbeiter haben kein Vaterland! Diese Meinung wurde auf tragische Weise von Links (Sozialdemokraten, Bolschewiki) wie von Rechts (Faschisten) seit dem 1. Weltkrieg widerlegt.

    Der richtige Kern dieser Meinung gilt jedoch immer noch.

    Der richtige Kern heißt: Soziale Emanzipation, die Beseitigung von Ausbeutung und Unterdrückung, kennt keine Grenzen und keine verschiedenen Identitäten. Soziale Emanzipation zielt auf alle Menschen und auf alle Regionen der Welt, vor allem aber auf die breite Masse der Notleidenden und Unterdrückten -egal welcher Hautfarbe, Herkunft oder Geschlecht. Soziale Emanzipation ist unvereinbar mit allen identitären und exklusiven Strömungen, die Schutzmauern um Reichtum und kapitalistisches Eigentum ziehen wollen.

    Soziale Emanzipation kann zwar an allen Orten lokal und regional beginnen, sie wird aber nur Wurzeln schlagen, wenn sie andere Menschen, andere Ethnien, das andere Geschlecht etc. nicht ausgrenzt und ausschließt.


    Wal Buchenberg, 20. Oktober 2017


    Siehe auch:

    Zur Vorgeschichte des katalanischen Nationalismus

    Ein Rückgang der Vögel in Deutschland ist schon festgestellt. In den letzten 12 Jahren sind über 10 Millionen Brutpaare weniger gezählt worden. Besonders betroffen sind „Allerweltsvögel“ wie Stare, Spatzen und Buchfinken. Alle betroffenen Vogelarten füttern ihre Jungen mit Insekten.

    Zwischen 1980 und 2010 war die Zahl der Vogelbrutpaare um 300 Millionen zurückgegangen, ein Minus von 57 Prozent.

    Der Naturschutzbund NABU macht die kapitalistische Landwirtschaft mit Monokultur und flächendeckenden Pestiziden für das Artensterben verantwortlich.