Posts by Wal Buchenberg

    Endlich unterstützen radikale Linke auch mal die Interessen von Lohnabhängigen und demonstrieren gemeinsam in einer DGB-Aktion mit. Viel ist das nicht, aber ich denke, es ist ein Schritt in die richtige Richtung!:


    "Bei Siemens drohen weltweit aktuell 7000 Entlassungen, davon allein 960 in Görlitz, denn dort soll gleich das ganze Werk geschlossen werden. Bei Siemens sollen daneben in Görlitz bis zu 800 weitere Jobs auf der Abschussliste stehen. Ebenso wie die Lokalföderation des Bündnisses „…ums Ganze!“, „critique’n’act“ und andere laden wir euch ein die Demonstration der Kolleg_innen am

    19. Januar, 13 Uhr Obermarkt zu unterstützen.

    Zugtreff in Dresden 10:15 Uhr Bhf Neustadt

    Wir wünschen uns, neben der rein quantitativen Verstärkung der Aktion auch mit Kolleg_innen über Kampfformen, transnationale Solidarität und den Selbstschutz gegen rechte Trittbrettfahrer_innen ins Gespräch zu kommen."


    http://critiquenact.blogsport.…-und-siemens-in-goerlitz/

    Hallo grov,

    Du suchst nach Alternativen zum Kapitalismus.

    Je mehr Menschen das tun, desto besser!


    Du willst das Geld abschaffen.

    Auch hier bin ich auf deiner Seite.

    Aber du willst nicht jedes Geld abschaffen, sondern nur das heutige Geld. Du suchst „ein neues Finanzsystem“. Du suchst nach einem anderen, „besseren“ Geld.


    Auf der Suche nach einem „besseren“ Geld fängst du beim Austausch an zu denken: „Der Tausch von Ressourcen und Gütern als auch Erzeugnisse sind unabdingbar für uns Menschen.“

    Ab hier gehe ich deinen Weg nicht mehr mit.


    Bevor Menschen etwas austauschen können, müssen sie erst gearbeitet und produziert haben. Wo nichts produziert und erarbeitet ist, kann nichts getauscht und verteilt werden. Wer über eine bessere Gesellschaft nachdenkt, und mit der Verbesserung der Verteilung beginnt, der zäumt das Pferd vom Schwanz auf. Das kann nichts werden.

    Karl Marx schrieb dazu:

    „Die jedesmalige Verteilung der Konsumtionsmittel ist nur Folge der Verteilung der Produktionsbedingungen selbst; letztere Verteilung aber ist ein Charakter der Produktionsweise selbst. Die kapitalistische Produktionsweise z. B. beruht darauf, dass die sachlichen Produktionsbedingungen Nichtarbeitern zugeteilt sind unter der Form von Kapitaleigentum und Grundeigentum, während die Masse nur Eigentümer der persönlichen Produktionsbedingung, der Arbeitskraft, ist. Sind die Elemente der Produktion derart verteilt, so ergibt sich von selbst die heutige Verteilung der Konsumtionsmittel.

    Sind die sachlichen Produktionsbedingungen genossenschaftliches Eigentum der Arbeiter selbst, so ergibt sich ebenso eine von der heutigen verschiedene Verteilung der Konsumtionsmittel.

    Der Vulgärsozialismus (und von ihm wieder ein Teil der Demokratie) hat es von den bürgerlichen Ökonomen übernommen, die Distribution als von der Produktionsweise unabhängig zu betrachten und zu behandeln, daher den Sozialismus hauptsächlich als um die Verteilung sich drehend dazustellen. Nachdem das wirkliche Verhältnis längst klargelegt, warum wieder rückwärtsgehen?“ K. Marx, Kritik des Gothaer Programms, MEW 19, 22.


    Von der Theorie des Karl Marx hast du allerdings nicht das Geringste verstanden. Du schreibst: „Es macht .... einfach keinen Sinn mehr, Ressourcen jeglicher Art mit Geld wie Euro, Dollar, Yen, Rubel... zu bewerten. ... Es macht keinen Sinn, ein Holzbrett mit Geldscheinen zu messen und dann zu sagen, mein Holzbrett ist 650 Euro lang und 100 Euro breit. ... Durch Kursschwankungen sinken oder steigen die Messwerte des Brettes, obwohl dieses exakt die selbe Länge hat wie zuvor.“

    Du kritisierst hier den Kapitalismus ganz oberflächlich und kindisch, als würden Kapitalisten die Größe von Holzbrettern mit Geld messen. Tatsächlich messen (besser: schätzen) sie die Menge der (durchschnittlichen) Arbeit, die in den Holzbrettern steckt. In einer Warengesellschaft kann eine bestimme Menge Holzbretter mittels Geld mit einer bestimmtem Menge Kartoffeln ausgetauscht werden, weil und wenn in beidem die gleiche Menge durchschnittliche Arbeit steckt. Das Geld ist hier nur Vermittler zwischen zwei (Arbeits)Werten.


    Trotz deiner Unkenntnis des Kapitalismus traust du dir zu, eine bessere, nachkapitalistische Gesellschaft begründen zu können? Das ist reichlich arrogant.


    Dein Vorschlag sind „Handlungsmeter“. Und hier wird deine Rede dunkel. Du sprichst dann ganz unpersönlich, die Menschen bekämen „ja Handlungsmeter gut gemessen“.

    Welche Menschen anderen Menschen ihre „Handlungsmeter“ zumessen, das verschweigst du. Denn hier zeigt sich der dicke Pferdefuß deines „Verbesserungsvorschlages“: Ohne eine mächtige, zentrale Behörde, die deine „Handlungsmeter“ mehr oder minder willkürlich bemisst und an uns alle verteilt, sind deine „Handlungsmeter“ nicht vergleichbar und nicht tauschbar.

    „Erzeugnisse und Güter, die es nicht im Überfluss gibt, werden versteigert“. Du verwendest hier das Passiv ("Güter werden versteigert"), um nicht Ross und Reiter nennen zu müssen. Auch hier verrätst du uns nicht, wer das organisiert. Wer eine Sache versteigern kann, der hat die tatsächliche Gewalt über diese Sache. Er kann sie diesem oder jenem zuteilen oder auch niemandem. Deine „Versteigerer“ sind also die wirklichen Eigentümer aller Güter, „die es nicht im Überfluss gibt.“

    In deiner „besseren Gesellschaft“ haben wir eine (verborgene) kleine Klasse von "grov-Menschen", die alles Wichtige besitzen und die die Macht haben, zu verteilen, und die große Mehrheit von uns, die wir nichts besitzen, und die darauf hoffen müssen, dass wir von den „Versteigerern“ genug abbekommen.

    Ich möchte nicht in deiner „Versteigerungsgesellschaft“ leben!


    Was du versuchst, ist ein möglichst vollkommenes Gesellschaftssystem für Millionen Menschen in deinem kleinen, beschränkten Kopf zu verfertigen. Das kann nicht funktionieren.

    F. Engels schrieb: Aufgabe von Karl Marx war es „nicht mehr, ein möglichst vollkommenes System der Gesellschaft zu verfertigen, sondern den geschichtlichen ökonomischen Verlauf zu untersuchen, dem diese Klassen und ihr Widerstreit mit Notwendigkeit entsprungen sind, und in der dadurch geschaffenen ökonomischen Lage die Mittel zur Lösung des Konflikts zu entdecken“. F. Engels, Entwicklung des Sozialismus, MEW 19, 208.


    Ich sehe hier und heute für uns keine andere Aufgabe.

    Gruß Wal

    Ob in Diktaturen oder in Demokratien, Nachrichten sind Regierungssache. Nachrichten berichten von der Regierung und über die Regierung und sie berichten höchst selten Negatives über die eigene Regierung. Nachrichtensprecher und Regierungssprecher blasen jeden Tag ins selbe Horn.

    Das enge Zusammenspiel von Nachrichtenmedien und ihren Regierungen zeigen auch folgende Daten einer Umfrage in 38 Ländern der Welt aus dem Jahr 2017:




    Wer Vertrauen in Nachrichtensendungen hat, hat auch Vertrauen in die eigene Regierung. Umgekehrt: Wer kein Vertrauen in die eigene Regierung hat, hat auch kein Vertrauen in die Nachrichtenmedien.

    Nehmen wir Deutschland als Beispiel (gelber Kreis mit den gelben Strichlinien): gut 70% der Befragten sagten: „Ich habe großes/ziemliches Vertrauen in unsere Nachrichten“ (linke Skala). Gleichzeitig äußerten auch knapp 70% „großes/ziemliches Vertrauen“ in die Bundesregierung.


    Das Misstrauen gegenüber Presse ist in der Regel gepaart mit einem Misstrauen gegenüber der Regierung.

    In den USA und in Australien, sind zum Beispiel 50% der Leute ebenso skeptisch gegenüber der Presse wie gegenüber der Regierung.


    Dann gibt es noch eine Gruppe von Ländern, in denen das Misstrauen gegenüber der Regierung noch deutlich höher ist als gegenüber den Presseorganen (Venezuela, Frankreich, Brasilien, Spanien, Italien, Argentinien, Chile).


    Wal Buchenberg, 17. Januar 2018

    Die eigenen Eltern sind für heutige Jugendliche mehr als früher die wichtigsten Ansprechpartner, noch vor Freundinnen und Freunden. Mit den eigenen Eltern verbringen die Jugendlichen heute mehr Freizeit als mit Freundinnen und Freunden.

    In Südeuropa liegt der tägliche Fernsehkonsum zwar höher als in Nordeuropa. Aber auch in Deutschland sitzen 60% der 15jährigen Mädchen und 66% der 15jährigen Jungen täglich 2 Stunden vor der Glotze. An die Stelle des TV-Konsums tritt jedoch zunehmend das Internet-Surfen und digitale Spiele. Mit schulischen Hausaufgaben beschäftigen sich 15jährige rund 1 Stunde am Tag.


    Die eigene Schule wird vor allem von Jugendlichen in Südeuropa gehasst, Jugendliche in Nordeuropa – Deutschland eingeschlossen - haben ein positiveres Bild der Schule. 60% der 11jährigen Mädchen in Deutschland lieben ihre Schule, und immerhin noch 51% der 11jährigen Jungen. Vier Jahre später wendet sich das Bild: Nur noch 18% der 15jährigen Mädchen und 19% der Jungen lieben ihre Schule. Unter Schulstress leiden in Deutschland 24% der 11jährigen Mädchen und 26% der Jungen dieses Alters. Dieser Prozentsatz nimmt nur unwesentlich zu. Bei den 15jährigen leiden 35% der Mädchen und 27% der Jungen unter Schulstress. Die eigenen Klassenkameraden werden aber sehr positiv eingeschätzt – von 87% der 11jährigen Mädchen und von 80% der Jungen. Diese positive Einschätzung sinkt in den folgenden vier Jahren um rund 10%.

    Insgesamt sind 87% der 11jährigen Jungen und Mädchen in Deutschland mit ihrem Leben sehr zufrieden. Die Jungen behalten diese Zufriedenheit auch in den folgenden Jahren bei, während die Zufriedenheit der Mädchen auf 74% sinkt.

    Der Kapitalismus wird von Jugendlichen möglichst ferngehalten. Auch die Zahl der Jugendlichen mit Ferienjobs oder Nebenverdiensten sinkt. Selbst in Familien, in denen Armut herrscht, erscheint nur „das Amt“ als direkter Gegner und ein Job als Rettung vor dem Elend.


    Heutige 15jährige rauchen weniger, trinken weniger Alkohol und haben weniger Sex als vor 15 Jahren.

    Jugendliche sind heute gesundheitsbewusster und angepasster als früher.




    Ich fürchte, diese Kombination aus kindlichem Anpassungsbemühen und zunehmendem Konsum digitaler Spiel- und Phantasiewelten wird in der künftigen Lohnarbeitswelt nicht funktionieren. Das Frustpotiential wächst.


    Wal Buchenberg, 16.01.2018



    Hauptquelle: http://www.euro.who.int/__data…p-unequal-Full-Report.pdf

    Die Daten, die K. Müller und C. Schwarz von der Universität Warwick gesammelt haben, legen einen Zusammenhang zwischen Hass-Postings gegen Migranten auf den Facbook-Seiten der AfD und tätlichen Angriffen gegen Flüchtlinge und Flüchtlingseinrichtungen in Deutschland nahe:

    Auf jeweils vier zusätzliche Hass-Postings auf der AfD-Facebookseite folgte in den Jahren 2015 und 2016 ein weiterer Angriff auf Flüchtlinge oder Flüchtlingseinrichtungen.




    “Our findings suggest that social media has not only become a fertile soil for the spread of hateful ideas but also motivates real-life action.”



    Übrigens haben Müller/Schwarz vergleichbare Daten auch in den USA erhoben. Die führten zu einem vergleichbaren Ergebnis.


    https://warwick.ac.uk/fac/soc/…z/fanning-flames-hate.pdf

    Hallo Dornwood,

    so ganz verstehe ich dein LOL nicht.

    Wenn ein Kapitalist pleite geht, gewinnen die anderen Kapitalisten dieser Branche neue Kunden.

    Wenn Industriearbeitsplätze nach Asien verlagert werden, legen hier Arbeitslosigkeit und Billigarbeitsplätze zu, in Asien steigt die Nachfrage nach Arbeitskraft. Darüber freuen sich die Lohnabhängigen dort.

    Dass ein und dieselbe Sache (Kapitalexport = Arbeitsplatzexport) in Europa anders gesehen wird als in Asien, ist daher kein Wunder.

    Gruß Wal

    Als Punkt 3) oben ergänzt:

    3. Roughly simplified, the upper (blue) line shows all incomes of the capitalist class, the lower (red) line all incomes of the non-capitalist classes (civil servants, active and non-active wage laborers, petty bourgeoisie). The more the two lines diverge, the bigger the gap between rich and poor. Only during the "Golden Age" between 1950 and 1975 had social inequality diminished and the standard of living of the non-capitalist classes improved markedly.

    The peak of the red line before the Second World War, on the other hand, shows only a sharp increase in government consumption, mainly due to spending on armaments.


    3. Grob vereinfacht zeigt die obere (blaue) Linie alle Einkommen der Kapitalistenklasse, die untere (rote) Linie alle Einkommen der nichtkapitalistischen Klassen (Staatsdiener, aktive Lohnarbeiter, nichtaktive Lohnabhängige, Kleinbürger). Je mehr beide Linien auseinanderklaffen, desto größer die Schere zwischen Arm und Reich. Nur während des "Goldenen Zeitalters" zwischen 1950 und 1975 hatte die soziale Ungleichheit abgenommen und sich der Lebensstandard der nichtkapitalistischen Klassen deutlich verbessert.

    Der Spitzenwert der roten Linie vor dem Zweiten Weltkrieg zeigt dagegen nur einen starken Anstieg des Staatsverbrauchs, vor allem durch Ausgaben für Rüstung.



    Michael Roberts hat auf facebook diese Daten (und meine Grafik) kritisch kommentiert:

    https://www.facebook.com/Micha…2m4hR41xeJYyexTGc&fref=nf

    Die Daten der folgenden Grafik wurden über Jahre hinweg von Ökonomen der Bundesbank und in deutschen und US-amerikanischen Universitäten gesammelt. Dabei wurde die inflationsbereinigte Gewinnrate (blaue Linie) und die reale Wirtschaftswachstumsrate (rote Linie) aus 16 kapitalistischen Ländern gesammelt und zu einer kombinierten Entwicklungslinie so verschmolzen, dass Länder mit einer doppelt so großen Wirtschaft auch doppelt in diese Daten eingegangen sind (gewichteter Durchschnitt).





    1. Das erste, was mir an diesen Daten auffällt, ist die Krisenhaftigkeit sowohl der kombinierten Profitrate wie der gemeinsamen Wachstumsrate. Wo immer mehrere Volkswirtschaften in einen gemeinsamen Topf geworfen werden, sollte man erwarten, dass die Spitzenwerte nach oben und nach unten abgestumpft und „harmonisiert“ werden. Harmonisch sieht weder die eine, noch die andere Entwicklungslinie dieser Grafik aus.


    2. Die Daten geben dem französischen Ökonomen Piketty recht, der darauf hinwies, dass der Kapitalismus sich auf größere Ungleichheit hinentwickelt. Abzulesen ist das daran, dass die Profitrate auf alle Formen des Kapitaleigentums seit 1870 im Durchschnitt rund 6% im Jahr erreichte, während die durchschnittliche Wachstumsrate der Gesamtwirtschaft in diesem Zeitraum nur rund 3% betrug. Piketty brachte das auf die Formel r (Profit) > g (Wirtschaftswachstum).


    3. Grob vereinfacht zeigt die obere (blaue) Linie alle Einkommen der Kapitalistenklasse, die untere (rote) Linie alle Einkommen der nichtkapitalistischen Klassen (Staatsdiener, aktive Lohnarbeiter, nichtaktive Lohnabhängige, Kleinbürger). Je mehr beide Linien auseinanderklaffen, desto größer die Schere zwischen Arm und Reich. Nur während des "Goldenen Zeitalters" zwischen 1950 und 1975 hatte die soziale Ungleichheit abgenommen und sich der Lebensstandard der nichtkapitalistischen Klassen deutlich verbessert.

    Der Spitzenwert der roten Linie vor dem Zweiten Weltkrieg zeigt dagegen nur einen starken Anstieg des Staatsverbrauchs, vor allem durch Ausgaben für Rüstung.


    4. Auch wenn der Economist in seinem Kommentar zu diesen Daten behauptet: „Karl Marx once reasoned that as capitalists piled up wealth, their investments would suffer diminishing returns ... That seems not to be true.” (Economist, 2018.01.06, p 55). Die Kurve der Profitrate zeigt jedoch einen deutlich sinkenden Trend. Im Spitzenwert sinkt die Profitrate von 10% (1875) über 8,5% (1925) und 7,6% (1958) auf gut 7% in den 1990er und deutlich tiefer in den Jahren seit 2000.


    5. Die letzte kapitalistische Krise im Jahr 2008 brachte einen ähnlich tiefen Einbruch in die Gesamtwirtschaft wie die Krise von 1929. Es ist aber weit und breit keine kräftige Erholung zu sehen, wie sie 1935 einsetzte. Übrigens beweist der starke und gemeinsame Anstieg des Wirtschaftswachstums der 16 Kapital-Nationen ab 1935, dass den deutschen Nazis weder das Copyright noch die Meriten für diese wirtschaftliche Erholung gebührt.


    6. Die Gesamtentwicklung der kapitalistischen Kernzone gibt zur Zeit keinen Anlass für Optimismus. Die Vorstellung vieler Lohnabhängigen, dass die „guten Zeiten“ für uns als Lohnabhängige, aber auch für unsere natürliche Umwelt vorbei seien, und es nur noch schlimmer kommen könne, werden durch diese Daten unterstützt.

    Andererseits geben diese Daten auch keinen Anlass, von einer „finalen Krise“ des Kapitalismus zu phantasieren.


    W. Buchenberg, 9. Januar 2018

    Ernst Kaltenbrunner und die Hitler-Attentäter


    Der studierte Jurist und langjährige Nazi-Funktionär Ernst Kaltenbrunner (1903-1946) war seit Januar 1943 oberster Chef der Gestapo und der NS-Sicherheitsdienste, die für eine Million Morde im Rücken der Ostfront verantwortlich gemacht werden. Als Leiter des Reichssicherheitshauptamtes war er persönlich verantwortlich für die Aufklärung des Hitlerattentats vom 20. Juli 1944 und für die Festnahme und die Verhöre der Verschwörer. Mehr als 200 Verschwörer wurden wegen des Attentats hingerichtet. Im Nürnberger Prozess wurde Kaltenbrunner als einer von 24 Hauptkriegsverbrechern verurteilt und im Oktober 1946 gehenkt.

    Schon einen Tag nach dem missglückten Attentat auf Hitler sandte Kaltenbrunner bis zum 15. Dezember 1944 fast täglich Berichte über seine Ermittlungen gegen die Verschwörer direkt an Bormann und Hitler.

    Diese „Kaltenbrunner-Berichte“ sind erhalten und werfen ein unverstelltes, ehrliches Licht auf die Denkweise dieses Mannes und wohl auf das Denken der gesamten Nazi-Riege.




    Alle folgenden Zitate aus:

    Spiegelbild einer Verschwörung. Die Kaltenbrunner-Berichte an Bormann und Hitler über das Attentat vom 20. Juli 1944. Geheime Dokumente aus dem ehemaligen Reichssicherheitshauptamt. Herausgegeben vom Archiv Peter für historische und zeitgeschichtliche Dokumentation. Stuttgart 1961.


    Text und Kommentar von Wal Buchenberg in roter Schrift.


    Zu den Motiven der Verschwörer:

    „Bei den Untersuchungen zum 20. Juli 1944 hat sich ergeben, dass sich die Beweggründe der Mittäter und Mitwisser nicht voll auf einen Nenner bringen lassen. Sie gehen von der offenen Gegnerschaft der alten Reaktionäre und ehemaligen Gewerkschaftsfunktionäre und gewisser Bürgergenerale bis zum falsch verstandenen Treue- und Kameradschaftsbegriff bei sonst ordentlichen Soldaten.“ (325)


    1. Ziviler Widerstand gegen den Nationalsozialismus

    „Die Auslassungen der zivilen Verschwörerclique weisen den gleichen Fehler auf, der im November 1918 wesentlich zum Dolchstoß aus der Heimat gegen die Front geführt hat ... eine falsche Objektivität, die blind ist für den Vernichtungswillen der Feindmächte und die den Bestrebungen und Plänen der Feindmächte ohne weiteres edle und uneigennützige Motive zuerkennt, dafür aber in ständiger Kritik am eigenen Volk und der eigenen Führung nur das Negative sieht ...

    Sie bestätigen in allen Einzelheiten die Propagandathesen unserer Feinde. Für die bis zum Exzess betriebene Selbstaufgabe des deutschen Standpunktes lassen sich folgende Beispiele anführen:

    ... Deutschland kämpfe nicht etwa in einem ihm aufgezwungenen Krieg zur Erhaltung und Verteidigung seiner Existenz und zur Sicherung seines Lebensraumes, sondern für ‚phantastische Pläne grenzenloser Eroberung‘. Es beabsichtigt die ‚Versklavung anderer Völker‘, es unterdrückt die besiegten Völker und beutet sie aus. ... Die Sprache, die hier Deutsche gegenüber Deutschen verwenden, kann in den hetzerischen Äußerungen der feindlichen Propaganda kaum überboten werden. ... Nicht etwa England hat durch den Luftterror und andere Maßnahmen das Völkerrecht gebrochen, sondern Deutsche sollen als Kriegsverbrecher zur Rechenschaft gezogen werden. ...

    Von den Völkerrechtsbrüchen der Anglo-Amerikaner, der Behandlung der Kriegsgefangenen durch die Sowjetunion usw. ist mit keinem Wort die Rede. ...

    Nicht etwa durch den Willen des Volkes nach den Prinzipien des demokratischen Wahlrechtes, sondern ‚durch Intrigen schlimmster Art, durch dämonische Künste und Lügen‘ sei Hitler an die Macht gekommen. ...

    Alles, was die feindliche Agitation über Deutschland und seine inneren Verhältnisse in den letzten Jahren böswillig ausstreute, wird von den Verschwörern als absolut wahr und zutreffend hingenommen.“ (227-230).

    „Die ganze innere Fremdheit, die die Männer des reaktionären Verschwörerkreises gegenüber den Ideen des Nationalsozialismus kennzeichnete, kommt vor allem in der Stellung zur Judenfrage zum Ausdruck. Die Erlebnisse der Jahre (vor) 1933 und die auf ein breites Tatsachenmaterial gestützte unermüdliche Aufklärungsarbeit der NSDAP über die Judenfrage ist an diesem Kreis von Personen spurlos vorübergegangen.“ Sie „stehen stur auf dem Standpunkt des liberalen Denkens, das den Juden grundsätzlich die gleiche Stellung zuerkennen will wie jedem Deutschen.“ (471)


    2. Militärischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus

    „Für den Entschluss der am Attentat beteiligten Generalstabsoffiziere, eine gewaltsame Änderung in der Führung durchzusetzen, sollen nach ihrer Angabe vornehme militärische Gesichtspunkte im Vordergrund gestanden haben.“ (291)

    „Man habe gewusst, dass die Entwicklung auf einen neuen Weltkrieg hinausläuft. Noch bevor er ausbrach, sei man der Meinung gewesen, dass wir ihn nicht durchstehen würden, da Deutschland sich einer Übermacht von Feinden gegenübersehen würde.“ (430)


    „Insbesondere sind es die Ereignisse von Stalingrad, die Aufgabe von Afrika, die Räumung der Krim und die Zurücknahme der Heeresgruppe Nord, die immer wieder besprochen und die von den Generalstabsoffizieren als Beweis für die Richtigkeit ihrer Kritik angeführt wurden. Es sei, so heißt es in einzelnen Vernehmungen, sehr einfach, den Befehl zu geben, dass jeder Fußbreit Boden verteidigt werden müsse. Dies verzehre aber die Kraft der Truppe und führe zu verlustreichem Rückzügen. Zweckmäßiger sei es, die Front rechtzeitig in vorbereitete und geeignete Verteidigungsstellungen zurückzugewinnen.“ (294)


    „a) Hitler hat die Macht der Sowjetunion von Anfang an nicht richtig erkannt. ...

    b) Das Ausbleiben des erwarteten schnellen Erfolges über Russland und dann die in ihren Folgen sich steigernden deutschen Niederlagen brachten den alliierten Gegnern so viel Zeit, dass neben dem Luftkrieg auf Deutschland nunmehr die zweite Front in Frankreich und Italien in Wirkung ist. Damit hat Hitler Deutschland in einen Zweifrontenkrieg gebracht, der das Reich unausweichlich zur endgültigen Niederlage führen muss.

    c) ... Erfahrene und verdiente Generale, die diese fehlerhaften und wenig anpassungsfähigen Methoden der Führung mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnten, wurden nach Hause geschickt. ...

    So steht heute Deutschland durch die politische und militärische Führung Adolf Hitlers und seiner nächsten Gefolgschaft voll Entsetzen unmittelbar am Rande des Abgrundes. Sie haben dem deutschen Volke immer wieder den sicheren Sieg versprochen. Sie betrügen das deutsche Volk, indem sie ihm Wahrheiten und Wirklichkeiten, die sie selbst zur Verschleierung ihrer Verbrechen und Fehler nicht zugeben können, vorenthalten.“ (184-186)


    3. Persönlichkeit der Verschwörer

    „Bei einem beträchtlichen Teil der Verschwörer des 20.7.1944 hat ein übersteigerter persönlicher Ehrgeiz als Beweggrund zum Handeln eine beträchtliche Rolle gespielt. Da man von vorneherein davon ausging, dass die führenden Nationalsozialisten auf sämtlichen Gebieten der Staatsführung und Staatsverwaltung im Reich und in den Gauen beseitigt werden sollten, war der Weg zu den höchsten Staatsämtern frei, und die Beteiligten waren in ihren Ansprüchen nicht gerade bescheiden. Bei den Treffs, die im kleinen Kreis um Goerdeler, Beck, Schulenburg, Stauffenberg, Leuschner usw. abgehalten wurden, wurden die Minister-, Staatssekretär- und Botschafterposten mehr als freigebig verteilt.“ (477)

    Gegenüber der Vorstellung, die Verschwörer hätten aus persönlichen Ehrgeiz gehandelt, steht ganz unvermittelt die Vorstellung, sie hätten aus persönlicher Schwäche gehandelt:

    „Aus den Untersuchungen zum 20. Juli 1944 ergibt sich, dass die Anforderungen und Belastungen, die der Krieg für jeden einzelnen mit sich bringt, für viele an der Verschwörung beteiligte Personen ausschlaggebend gewesen sind. Insbesondere Vertreter der älteren Generation haben sich der Härte der gegenwärtigen Auseinandersetzung des Reiches mit seinen Feinden nicht gewachsen gezeigt. Bombenschäden und der Verlust von Angehörigen an der Front haben dazu geführt, dass im Zuge der sich zuspitzenden militärischen Entwicklung immer stärker mit dem Gedanken gespielt worden ist, einen Vergleich mit den Feindmächten zu suchen.“ (488)


    4. Mein Resümee:

    Kaltenbrunner dachte nicht in den Kategorien „Richtig oder Falsch“. Ein Denken, das an „Richtig oder Falsch“ orientiert ist, kann man „rationales Denken“ nennen. Rationales Denken prüft, ob ein Ziel richtig oder falsch ist, und rationales Denken prüft, ob die für ein Ziel eingesetzte Mittel richtig oder falsch sind.

    Ernst Kaltenbrunner kritisierte dieses Denken ausdrücklich als „falsche Objektivität“. Die Hitlerattentäter waren rational denkende Menschen, Kaltenbrunner und die Nazis waren das nicht.

    Kaltenbrunner dachte in dem Gegensatzpaar: „Für uns oder gegen uns?“

    Sein Denken war bestimmt von dem Freund-Feind-Schema: Was der Feind sagt, lehne ich grundsätzlich ab - ohne Prüfung der sachlichen Richtigkeit. Was der „Freund“, die eigene Partei sagt, unterstütze ich ohne Prüfung der sachlichen Richtigkeit.

    Grundlage dieses Freund-Feind-Denkens ist die konsequente Anwendung der kapitalistischen Konkurrenz auf Gesellschaft und Politik: Das Leben ist ständiger Kampf, ein unaufhörlicher Krieg aller gegen Alle. Wer die Macht hat, ist auch im Recht. In der Formulierung von Thomas Hobbes: „Autorität, nicht Wahrheit schafft das Recht.“

    „Wir“ sind die Guten, wer gegen uns ist, ist der „Feind“. Jede Vernunft ist subjektiv. Menschen (und Menschenrassen) sind grundsätzlich verschieden. Eine Vernunft, die Freund und Feind übergreift, ist daher unmöglich.

    Carl Schmitt, der nationalsozialistische Verfassungsdenker, brachte das auf die Formel: „Diktatur ist der Gegensatz zu Diskussion“.

    Es geht nie um Richtig oder Falsch, es geht nur um „Sieg oder Untergang“. In diesem Denken ist ein Innehalten oder eine Umkehr vor dem Untergang nur persönliche Schwäche.

    Das sind Bahnen, in denen das Denken von Ernst Kaltenbrunner und wohl auch das Denken der nationalsozialistischen Führungsschicht funktionierte.


    Wal Buchenberg, 6. Januar 2018



    Die Protestbewegung begann kurz vor der Jahreswende 2017/18 im Nordwesten des Iran bei Mashad und verbreitete sich vor allem unter Jugendlichen der ländlichen Gebiete. Es hat mindestens 12 Tote unter den Demonstranten gegeben.


    Jeder Wichtigtuer – ob „Staatsmann“ oder Meinungsmacher – weiß etwas zu diesen Protesten im Iran zu sagen.

    Einerseits zeigen unsere "Staatsmänner" und Meinungsmacher Verständnis für die Protestierenden, weil es ja gegen ein fernes und ungeliebtes Regime geht, das im Nahen Osten seinen Einfluss auf Kosten des westlichen Traditionsmächte ständig erhöht, andererseits darf das Verständnis für Protest nicht so weit gehen, dass die Proteststimmung in Deutschland und Europa angefeuert wird. Schon gar nicht darf man irgendwelche Verbindungen zu den kürzlichen G20-Protesten in Hamburg oder zur verbreiteten Aggression gegen Polizei in der Silvesternacht ziehen.

    Also werden kräftig die Eigenheiten betont, warum Protest gerade jetzt und gerade im Iran und eigentlich nur dort angesagt ist. Je mehr iranische Eigenheiten und Besonderheiten einer beibringt, desto höher sein Status als „Experte“ (Spezialist, Sachkundiger), und desto vernebelter seine Information,


    meint Wal

    Der Niedergang der SPD wird gerne einzelnen unsympathischen Figuren zugeschrieben: einem Schröder, der uns die Hartz-Gesetze beschert hat, oder einem Schulz, das unbeschriebene Blatt, das leer und unleserlich blieb.

    Der Niedergang der Sozialdemokratie ist aber keine deutsche Besonderheit, sondern ein europäischer Trend. Seit dem Jahr 2000 haben die sozialdemokratischen Parteien in Europa ein Drittel ihrer Wählerschaft verloren und sind im Durchschnitt von 30% auf 20% gesunken. Nur zwei sozialdemokratischen Parteien – in Norwegen plus 3% und in Bulgarien plus 10% – haben Wählerstimmen hinzugewonnen. Die Labourparty in England hat ihren Stimmenanteil von 40% halten können.




    Der Niedergang ist diesen sozialdemokratischen Parteien gemeinsam. Sie unterscheiden sich nur durch das Datum, an dem sich das Abrutschen in der Wählergunst beschleunigt.

    In Spanien beschleunigte sich der Absturz mit dem Beginn der Großen Krise im Jahr 2008.

    In anderen Ländern stürzen die Sozialdemokraten erst ab 2012 in die Bedeutungslosigkeit, als deutlich wurde, dass die Wirtschaftskrise in Europa nicht mehr verschwinden wird.

    Nur die deutsche SPD hatte ihren Absturz schon vor der Krise und konnte in der Krise sogar ihre Sympathiewerte leicht verbessern.

    Die zeitlichen Verschiebungen des Absturzes lassen sich mit landesspezifischen Besonderheiten erklären. Im reichen Deutschland wurden die Krisenfolgen durch verlängerte Kurzarbeit und Abwrackprämien abgefedert.

    Die Daten zeigen auch: Es gibt keinen Boden, auf dem der sozialdemokratische Niedergang enden könnte. Die einen beginnen mit 40% und stürzen ab auf 20%. Die anderen beginnen mit 15% und stürzen auf 5,7%.


    Die Sozialdemokratie galt überall als die Partei der „lohnabhängigen kleinen Leute“.

    Wer heute im Godesberger Programm von 1959 nachliest, findet dort rosarote Sätze wie: „Gesellschaftliche Zustände, die zu individuellen und sozialen Notständen führen, dürfen nicht als unvermeidlich und unabänderlich hingenommen werden.“

    Oder: „Ziel sozialdemokratischer Wirtschaftspolitik ist stetig wachsender Wohlstand und eine gerechte Beteiligung aller am Ertrag der Volkswirtschaft, ein Leben in Freiheit ohne unwürdige Abhängigkeit und ohne Ausbeutung.“


    Das Godesberger Programm wurde damals von den Linken als sozialdemokratische Versöhnung mit dem Kapitalismus geschmäht. Das Godesberger Programm enthielt aber mehr als nur resignierte Akzeptanz des Kapitalismus. Das Godesberger Programm etablierte auch die politische Hoffnung auf einen „sozialen und friedlichen Kapitalismus“. Diese Hoffnung brachte der SPD ihren Wiederaufstieg nach 1945.


    Diese Hoffnung wurde durch die kapitalistische Entwicklung selbst zerstört. Der wirtschaftliche Niedergang und die chronische Stagnation in der Kernzone des Kapitalismus hat den sozialdemokratischen Hoffnungen und Illusionen über einen „humanen Kapitalismus“ den Boden entzogen.


    Wal Buchenberg, 28.12. 2017



    Nationalismus betont die Gemeinsamkeit und Identität jenseits von Arm und Reich und jenseits der sozialen Klassen. „Nation“ ist eine erfundene, fiktive Gemeinschaft zwischen Leuten, die sich noch nie getroffen haben, die nie miteinander sprechen, aber angeblich „dazu gehören“.

    Ziel einer nationalen Gemeinschaft ist die Bündelung aller Kräfte für eine eigene, starke Staatsmacht, die in der Konkurrenz mit anderen Staaten sich durchsetzen kann.

    Der Nationalismus entwickelte sich im 19. Jahrhundert innerhalb von gerade mal 50 Staaten in der Welt. Nationalstaat war damals identisch mit Weltgeltung und mit kapitalistischer Überlegenheit über eine Masse von rückständigen, unfreien Völkern und Regionen. Die eigene Nation verkörperte den Übermensch, alle anderen waren zweitrangig oder gar Untermenschen.

    Die Identität der eigenen Nation definiert sich notwendig und immer über das Anderssein gegenüber den Fremden, den Barbaren, den Armen. „Jeder Nationalismus beginnt mit Volksmusik und endet mit Stacheldraht“ (Simon Winder). Kein Nationalist kommt ohne Feindbild aus. Ohne Krieg ist kaum ein Staat und kein Nationalismus entstanden.

    Der Nationalismus des 19. Jahrhunderts führte in die Schlachtfelder des Ersten und Zweiten Weltkrieges.


    Seit 1945 nahm der Nationalismus eine linke Wendung. Die unfreien Kolonialvölker übernahmen die Grundsätze des Nationalismus, um ihre staatliche Unabhängigkeit von den Kolonialherren zu erkämpfen. Der Nationalismus der „kleinen Nationen“ wurde schick, selbst dort, wo dahinter schon Hegemoniebestrebungen über die Nachbarstaaten sichtbar wurden. Nationalismus verband sich mit "Befreiung" und "Selbstbestimmung". Die Zahl der selbständigen Staaten hat sich nach 1945 dadurch mehr als verdoppelt. Der linke Nationalismus ist stolz auf die „Vereinten Nationen“, wo jeder Staat eine Stimme hat, auch wenn er nichts zu melden hat.

    Dieser linke Nationalismus gibt sich mit hohlen Phrasen zufrieden und einer papierenen Gleichberechtigung von schwachen und mächtigen Nationen, die ebenso fiktiv ist, wie die Identität zwischen Arm und Reich innerhalb jeder Nation.

    Es gibt auch fehlgeschlagene Versuche eines „fortschrittlichen“ Nationalismus: Der Panslawismus in Osteuropa, der Panarabismus in Nahost, die Negritude in Afrika. Auch die jüngsten Staatsbildungen von Al Kaida und des Islamischen Staates basierten auf einer fiktiven nationalistischen Gemeinschaft der sunnitischen Moslems.

    Die Europäische Union überwindet auch nur scheinbar den Nationalismus. Der Versuch ein „europäisches Wirgefühl“, also einen Europa-Nationalismus, zu schaffen, ist hochkant gescheitert. Die EU war ein illegitimes Kind des Kalten Krieges. Eingeklemmt zwischen die Supermächte USA und Sowjetunion suchten die europäischen Klein- und Mittelmächte eine kapitalistische Kopie der Sowjetunion zu schaffen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schaffte die EU zwar noch die „Osterweiterung“, aber damit waren die europäischen Gemeinsamkeiten aufgebraucht. Der Brexit und das Erstarken nationalistischer Bewegungen in ganz Europa beweisen, dass die Zeiten des „europäischen Zusammenwachsens“ vorbei sind.


    Eine zweite Triebfeder des heutigen Nationalismus ist das Auseinandertriften von Arm und Reich in Europa und Nordamerika. Die Reichen kennen die Quellen ihres Reichtums und denken international und global. Der Nationalismus der Armen ist ein halb hilfloser und halb trotziger Appell an ihre Oberschicht, sie nicht zu kurz kommen zu lassen. Das greift der heutige Nationalismus von AfD bis ÖVP auf. Dieser "populistische" Nationalismus möchte nicht, dass es den armen Landsleuten besser geht - etwa durch Erhöhung von Mindestlohn und Mindestrente - nein, der populistische Nationalismus zielt darauf ab, das Leben der Flüchtlinge und anderer Ausländer möglichst unerträglich zu machen. Diese Politik hilft nicht den "eigenen" Leuten, schadet aber den anderen. Die "eigenen" Leute sollen sich damit zufrieden geben, wenn es anderen noch schlechter geht als ihnen.


    Auf diesen Konkurrenten-Nationalismus passt die Parabel von Wowa:

    Wowa geht es schlecht, so bittet er Gott um Hilfe. Gott erbarmt sich seiner und sagt zu ihm: Ich gebe dir einen Wunsch frei! Wowa ist glücklich, aber bevor er seinen Wunsch aussprechen kann, sagt Gott zu ihm: Es gibt aber etwas, was du wissen musst. Was immer du dir wünschst, dein Nachbar bekommt davon die doppelte Menge! Oh, sagt Wowa, dann wünsche ich mir, dass du mir ein Auge wegnimmst!


    Wal Buchenberg, 26.12.2017

    Wer ein bisschen Englisch kann und sich Kapitalismuskritik interessiert, dem sei der Blog von Michael Roberts empfohlen.


    Über seine Top-Postings im Jahr 2017 schreibt Michael:


    "In sum, my top ten most read posts in 2017 argued that Marx’s Capital still provides us with the clearest and most compelling analysis of the nature of the capitalist mode of production; and show why capitalism is transient and cannot last forever, contrary to what the apologists for capital claim."


    https://thenextrecession.wordp…ezuela-capital-and-class/

    Mein obiger Kommentar über den Status von Jerusalem sah in der Entscheidung Trumps keinen Wechsel in der (westlichen) Politik, sondern nur einen Wechsel in der (westlichen) Rhetorik – also kein Grund zu großer Aufregung.

    Auch die Reaktionen in Palästina und der arabischen Welt waren vergleichsweise gering. Papierene Proteste von arabischen Regierungen und ein paar tausend protestierende Jugendliche auf den Straßen von Israel. Dass dabei sechs Menschen ihr Leben ließen, ist um so bedauernswerter. Die Palästinenser haben (nach eigenem Gutdünken) mehr und wichtigere Probleme als den künftigen Ort ihrer künftigen Regierung.




    Was die Zukunft Palästinas angeht, haben die Palästinenser keinen gemeinsamen Plan. In einer Umfrage von August 2017 sprachen sich 43 % für eine Zwei-Staatenlösung aus, ein Drittel war für einen multiethnischen Staat Palästina (unter palästinensischer Führung) und ein weiteres Drittel war für einen palästinensischen Apartheitsstaat, der Juden und alle Nichtpalästinenser verjagt. Solche Leute sind unfähig für Frieden.

    Detlev Peukert: Leistungen und Grenzen des kommunistischen Widerstands im 3. Reich.

    (Auszüge aus dem Schlusskapitel von Detlev Peukert, Die KPD im Widerstand. Verfolgung und Untergrundarbeit an Rhein und Ruhr 1933 bis 1945, Wuppertal 1980, 420-429.


    „Aus den wenigen Wochen, die die Kommunisten Hitler 1933 eingeräumt hatten, wurden zwölf Jahre. Deutschland lag 1945 in Trümmern, viele Genossen waren ermordet, durch Haft geschwächt oder in alle Welt zerstreut. Die Hoffnungen auf ‚Rätedeutschland‘ und später auf die ‚Volksdemokratie‘, die den Widerstandskampf beflügelt hatten, verblassten in den grauen Jahren der Isolierung und des täglichen Ringens ums Überleben. Auch in den Tagen der Befreiung 1945 ließen sie sich nur schwer mit den unmittelbar andrängenden Problemen der Lebensmittelversorgung, Trümmerbeseitigung und organisatorischen Sammlung der Überlebenden vermitteln.

    Dennoch gingen die Mitglieder der antifaschistischen Ausschüsse in Betrieben und Wohngebieten, der neukonstituierten Partei- und Gewerkschaftsgruppen mit einem ansteckenden Optimismus an die Arbeit. Es waren nur wenige übriggeblieben, aber sie setzten fort, was der Terrorfeldzug des Nationalsozialismus seit 1933 für immer hatte auslöschen wollen: die Traditionen der Arbeiterbewegung, ihre Eintreten für materielle Besserstellung, demokratische Rechte und die soziale Emanzipation. Diese Kontinuität trotzte der doppelten Niederlage, der von 1933, als sich die nationalsozialistische Machtergreifung ohne nennenswerte Gegenwehr vollzog, und der von 1945, als man die Befreiung aus den Händen und zu den Konditionen der Alliierten entgegennehmen musste. (...)

    Die Ablehnung des Nationalsozialismus hatte nach Herkunft, Ideologie und Erfahrungshorizont der Hitlergegner ganz unterschiedliche Dimensionen angenommen. Gemeinsam war allen aber der Wille, sich den leichten Verlockungen des Mitläufertums und der Anpassung zu entziehen. Gemeinsam war ihnen die Hoffnung auf ein besseres Morgen und die Bereitschaft, sich im Rahmen der je spezifischen Eignung und Auffassung dafür einzusetzen. Aus den vielfältigen Linien von Lebensläufen Illegaler, Verfolgter und Exilierter, aus den verschiedensten Protestformen, Akten humaner Solidarität und nonkonformistischer Verweigerung, .... ist der Beitrag der deutschen Kommunisten nicht wegzudenken. Sie waren ihren eigenen Weg, auch manchen Irrweg gegangen, sie hatten späterhin die Zusammenarbeit mit andersdenkenden Antifaschisten gesucht, ohne bei sich selbst immer alles Hindernde auszuräumen. ... Aber sie gehörten dazu, und ihr Anteil am deutschen Widerstand ist unübersehbar. (...)

    ... Die Stellen dieser politischen Bilanz werden nicht durch Parteikarrieren, Wahlerfolgen oder taktische Manöver ausgefüllt, sondern durch individuelle Schicksale, durch Geschichten von Mut, Verzweiflung, Opfergang und seltenen glücklichem Gelingen. Dahinter steht eine Erschütterung der politischen Gesellschaftsverfassung, die eine ganze Generation aus ihrer Bahn geworfen hat. (...)

    Die KPD vertrat eine Gesamtalternative gegen die nationalsozialistische Herrschaft und wollte ihr zum Durchbruch verhelfen. (...) Die KPD verstand sich seit ihrer Gründung als Alternative zum wachsenden Chaos und zur Zersetzung der überlebten bürgerlichen Gesellschaft. Dieses avantgardistische Selbstverständnis, das in der Separierung des Parteilagers gründete und sie zugleich vorantrieb, prägte das antifaschistische Konzept der KPD. Trotz der Niederlage von 1933 stand daher die Kontinuität der traditionellen Organisationsform und Ideologie und der Wille zum kompromisslosen Kampf gegen alle Erscheinungen der bürgerlichen Gesellschaft, seien sie nun liberal wie in der Weimarer Republik, oder faschistisch wie im Dritten Reich, am Anfang des Widerstands der KPD.

    Diese Grundhaltung war Stärke und Schwäche des deutschen Kommunismus zugleich. Sie erlaubte es ihm, 1933 ungebrochen fortzufahren, wo andere irritiert, resigniert oder kritisch vor dem Scheitern ihrer Strategien standen ... Gleichzeitig blieb die KPD aber blind gegenüber der Natur der nationalsozialistischen Herrschaftsordnung, die ihre Dynamik aus der Kombination einer unlimitierten Staatsgewalt mit einer fanatisierten Massenbewegung gewann. Der gleiche Impuls, der die kämpferische Massenillegalität der kommunistischen Partei ermöglichte, führte sie auch zum Scheitern, zum Ausbluten der Kader unter den wiederholten Schlägen der Polizei, zur Isolierung des Parteilagers von der ‚Volksopposition‘ der einfachen Arbeiter ... Die Unterschätzung des Faschismus hatte zur Überschätzung des kommunistischen Handlungsspielraums im Dritten Reich und zur Überforderung der Parteimitglieder bis an den Rand der Erschöpfung geführt.

    Doch neben dem falschen taktischen Kalkül stand ein weiterer, tieferer Beweggrund für das kommunistische Widerstandsverhalten von 1933 bis 1935 und teilweise wieder während des Krieges. Geschult durch das bolschewistische Parteiverständnis, das alles von der Organisation und ihrer Führung erwartete ... kam es maßgeblichen Kommunisten zunächst gar nicht in den Kopf, angesichts der Verfolgungen der Gestapo die formelle Parteiorganisation aufzulösen und mit anderen, weniger zentralistischen Handlungsmustern die Zeit zu überbrücken, bis eine innere Krise oder ein Umsturz der Arbeiterbewegung neue Spielräume öffnen würde. Man wollte die Revolution machen, nicht sie spontan ausbrechen lassen, wie 1918, und dazu brauchte man das intakte Instrument der Partei. Man misstraute im Innersten der Spontaneität der Massen und unterschätzte die Gesinnungstreue und Handlungsbereitschaft der eigenen Mitglieder ... Erst recht ließ das avantgardistische Selbstverständnis der KPD und ihre vereinfachende dichotomische Gesellschaftsanalyse keinen Raum dafür, mit dem Umsturzpotential anderer, nichtkommunistischer Kräfte, beispielsweise im Militär zu kalkulieren. (...)

    Der Grundzug der kommunistischen Untergrundarbeit bestand also darin, die Präsenz der Partei und ihren Führungsanspruch zu sichern, nach innen gegenüber den eigenen Anhängern, wie nach außen, gegenüber den ‚Massen‘ und zeitweiligen Verbündeten. Gemessen an diesem Anspruch waren alle Anstrengungen und Opfer der Kommunisten vergeblich. Die Partei zerfiel, die Militärs handelten autonom und die Nachkriegs-KPD/SED empfing ihre Vollmachten aus der Hand der sowjetischen Sieger. (...)

    In seiner ersten Phase zielte der kommunistische Massenwiderstand auf den schnellen Sturz des Faschismus. Damit verbanden sich dauernd Versuche, die durch das nationalsozialistische Terrorsystem gesetzten Grenzen zu überschreiten. Man überschätzte die eigenen Möglichkeiten und unterschätzte den Faschismus und verachtete daher die drohenden Gefahren im Untergrundkampf. Erst langsam und unter schweren Opfern verschwand dieses Politikverständnis, das eher den Handlungsbedingungen in parlamentarisch-demokratischen Staaten oder in autoritären Systemen traditionellen Zuschnitts entsprochen hätte. (...)

    Aber wenn die KPD auch nicht zu den Protagonisten der Volksfront gehört hatte, sondern nach 1933/34 vor allem das Musterbeispiel für das Scheitern der alten Konzeption abgab, so traten doch in ihr Kräfte hervor, die es nicht bei einem bloßen Parolenwechsel belassen wollten. Im Widerstand und in den internationalen Diskussionen des Exils profilierten sich kommunistische Politiker, die den kurzzeitig vorhandenen Diskussionsspielraum zu einer gründlichen Neubesinnung nutzen wollten. Einige von ihnen, wie etwa Wehner, Knöchel, Wiatrek und Kowalski, profilierten sich als Mitglieder und Kandidaten des 1935 gewählten Zentralkomitees, mussten jedoch bald erkennen, dass die im Zentrum der Macht, in Moskau, den alten Parteikadern um Ulbricht, Pieck, Merker und Dahlem unterlegen blieben. (...)

    In Westdeutschland trat seit 1934/35 zudem eine Gruppe von Funktionären auf, die ebenfalls durch die Erlebnisse des Widerstands und die Erfahrungen internationaler Diskussionen, den neuen (Volksfront)Kurs engagiert verfochten. (...)

    Die Veränderungen des Widerstandsbegriffs, die aus der Anpassung der Parteiarbeit an die Bedingungen des NS-Staates resultierten, wurden ... aber nicht systematisch in Auseinandersetzung mit der bisherigen bolschewistischen Doktrin entwickelt. In der Praxis aber stellte sich die KPD in Westdeutschland ab 1936 auf ein gänzlich neues Organisationsmodell um, das aus drei unterschiedlichen Geflechten illegaler Verbindungen bestand: einem relativ dünnen Netz von Instrukteur- und Kurierkontakten zwischen den Amsterdamer und Brüsseler Abschnittsleitungen und Vertrauensleuten in rheinischen und westfälischen Städten; kleinen Diskussions- und Lesegruppen, die sich um die örtlichen Vertrauensleute bildeten, ... und nicht zuletzt der durch informellen Zusammenhalt locker strukturierten Subkultur, in der sich die Tradition der Partei und die Gesinnung ihrer Mitglieder gegen allen Anpassungsdruck behaupten konnten. Die KPD hatte damit praktisch zu dem gleichen Konzept gefunden, das die Sozialdemokratie 1933/34 entwickelt hatte. Ihr Schwerpunkt lag damit nicht mehr auf der Bekundung formeller Organisationszugehörigkeit durch Kassierung und Leitungstätigkeit ..., sondern darin eine deutliche Gegenidentität zur geforderten nationalsozialistischen Volksgemeinschaft zu bewahren und aus ihr heraus im Falle geänderter Kampfbedingungen wieder offensiv hervortreten zu können. (...)

    Dem neuen Widerstandskonzept, das die Lockerung der illegalen Verbindungen und das ‚legale‘ Eingreifen in die Konflikte des nationalsozialistischen Alltags propagierte, lag, wiederum unausgesprochen, ein differenziertes Bild des Dritten Reiches zugrunde. Man unterschätzte nicht mehr die Stärke, Dauer und Massenverankerung des Faschismus, sondern richtete sich auf längere Zeitspannen ein...

    Das Umdenken in der KPD war jedoch nicht von langer Dauer. Die jungen Wortführer des neuen Kurses wurden von den Nazis ermordet oder von den Stalinisten kaltgestellt. (...) Nicht zuletzt erwies sich der internationale Rahmen, in den die partielle Öffnung der Partei gestellt war, als instabil und den wechselnden außenpolitischen Interessen der Sowjetunion unterworfen, so dass der neue Kurs von 1934/35 schon 1939 anlässlich des Hitler-Stalin-Paktes zum ersten Mal und 1948 mit dem Ausbruch des Kalten Krieges erneut zurückgenommen wurde. (...)

    Die opferreiche Leistung des kommunistischen Massenwiderstands der frühen Jahre blieb ohne Resultat, seine Organisationen zerfielen. Die in den dreißiger Jahren angebahnten Lernprozesse blieben Episode. Am Ende lief die langfristige Traditionslinie, die sich in der KPD durchsetzte, quer zur den zaghaften Innovationsversuchen der Widerstandsjahre. (...) Trotz aller Bedenken bleibt ... der Versuch der KPD, solange die Kräfte reichten, eine potentielle Alternative zum NS-Regime im Untergrund zu organisieren, eine bedeutende Leistung. (...)

    Die KPD entstammte der sozialistischen Tradition der 1933 gerade siebzigjährigen deutschen Arbeiterbewegung. Als mit der Novemberrevolution 1918 deren demokratische Ziele erfüllt, die sozialistischen Hoffnungen aber verschoben oder gar begraben schienen, glaubten die Kommunisten, sich von der Demokratie trennen zu müssen, um den Sozialismus verwirklichen zu können. Sie beschritten den Weg Sowjetrusslands und bekämpften die Weimarer Republik und ihre sozialdemokratischen Gründer. (...)

    Die deutschen Kommunisten besitzen einen dreifachen Anspruch darauf, dass ihr Beitrag zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewürdigt wird. Sie legitimierten sich durch die Zahl ihrer Opfer und die Beispiele mutigen und selbstlosen Einsatzes, ... durch ihre unermüdlichen Versuche, ... eine organisierte Alternative zum nationalsozialistischen System bereitzustellen, oder zumindest durch die Leistung, im dichten informellen Netz ihrer Gegengesellschaft die sozialistischen Traditionen vor dem Anpassungsdruck des Regimes bewahrt zu haben. Nicht zuletzt stellte sich die kritische Besinnung der besten Köpfe im kommunistischen Widerstand in die Kontinuität der demokratischen und sozialen Emanzipationsbewegung in Deutschland.“


    (Text gekürzt, eine Jahreszahl und einmal das Wort „Volksfront“ als Verständnishilfe eingefügt von Wal Buchenberg)

    Die Rekord-Wahlbeteiligung von 82 Prozent erreichte ein „amerikanisches Ergebnis“ wie Trump versus Clinton: Die eine Seite gewann die „popular vote“, die Mehrheit der abgegebenen Stimmen, die andere Seite gewann die Mehrheit der Abgeordneten.

    Für die drei separatistischen Parteien stimmten 47,5 Prozent der Wähler, für die vier "Unions"-Parteien stimmten 52,5%. Da das katalanische Wahlrecht bevölkerungsarme Regionen auf dem Land bevorzugt, erhielten die Separatisten mit 34+32+4 = 70 von 135 Sitzen eine deutliche Mehrheit im katalanischen Regionalparlament. Die Unionisten kommen auf 37+17+8+3 = 65 Sitze. In Barcelona stimmten rund 60 Prozent der Wähler gegen die Separatisten.


    Ich denke, das ist ein gutes Ergebnis: Sowohl die einseitige Abtrennung von Spanien wie auch das autoritäre Durchregieren von Madrid wird mit diesem Ergebnis ausgebremst.

    Ich hoffe darauf, dass die fortschrittlichen Elemente in der Unabhängigkeitsbewegung verstärkt als Katalysator für Veränderungen in ganz Spanien wirken können. Wir leben in interessanten Zeiten.

    Gruß Wal

    Dass mit den "großen Fragen der Politik" (heißt auf Deutsch: mit und in der Konkurrenz der (Groß)Mächte) die Emanzipationsbewegungen keinen Blumentopf gewinnen können, zeigt sich auch in dieser "Jerusalem-Frage". Da wurde jetzt die Zwickmühle aufgemacht: Bist du für Trump oder für Erdogan?


    Genauso spaltend und vernebelnd wirkt auch die "Katalonien-Frage": Bist du für Rajoy oder für Puigdemont? Die Liste lässt sich beliebig verlängern: Bist du für eine Ukraine plus EU oder eine Ukraine als "Tochter Russlands"? Bist du für CDU oder SPD? Mit diesen und anderen "Entweder-Oder-Fallen" fangen die Herrschenden das Volk ein.

    Die Wirtschaftsdaten aus Amerika sind gut wie lange nicht mehr. Im letzten Quartal 2016 wuchs die US-Gesamtwirtschaft um 3 Prozent.

    Wer Wirtschaftszahlen entweder nicht versteht oder ihnen nicht vertraut, der kann den Abstieg Amerikas an der Filmindustrie ablesen: Der letzte Kassenschlager von Hollywood war ein Remake von „The Beauty and the Beast“, das vor Weihnachten noch von der x-ten Folge Star Wars abgelöst werden wird: „The Last Jedi“. Remakes und Fortsetzungsfilme stellten alle Top-Ten der Hollywood-Kassenschlager 2017. Es heißt, weiter 100 Remakes sind in Hollywood für 2018 in der Mache. Zum Beispiel die „Phantastische Reise“, „Taxi Driver“, „Sleepless in Seattle“ und „Psycho“.

    Jerusalem ist ein Stück Erde mit Bebauung. Sollte man um ein Stück Erde Krieg führen? Sollte man um ein Stück Erde fremdes oder eigenes Blut vergießen? Ich denke nicht.

    In Jerusalem ist den einen wie den anderen einmal Unrecht geschehen. Das eine ist ebenso Vergangenheit wie das andere. Warum sollten wir uns in einen Streit einmischen, wo die einen an „heilige Mauern“ und die andere an „heiligen Boden“ glauben? Die Vermischung von Glaube mit Politik führt nie und nirgends zu einem guten Ergebnis.


    Und Hauptstadt? "Hauptstadt" ist eine Ämteradresse. Hauptstädte kann man verlegen. Die Westdeutschen haben ihre Hauptstadt innerhalb eines Menschenlebens zweimal verlegt. Wer hat sich darüber aufgeregt? Ein paar privilegierte Beamte mit Eigenheim.


    Jerusalem ist längst von (fast) allen Regierungen der Welt als Hauptstadt Israels anerkannt. Bei jedem ausländischen Staatsbesuch, den die israelische Regierung in Jerusalem empfängt, wird die Stadt als Regierungssitz Israels anerkannt. In der israelischen wie in der ausländischen Praxis ist Jerusalem die Hauptstadt des Staates Israel.


    Wer heute Jerusalem als Hauptstadt der Palästinenser fordert, der fordert erneuten Krieg und erneutes Blutvergießen - ohne Aussicht auf Erfolg.

    Wer jetzt gegen die „israelische Hauptstadt Jerusalem“ protestiert, kämpft gegen ein Faktum und für eine Fiktion. Das setzt die unselige Tradition einer panarabisch-nationalistischen Palästinenser-Bewegung fort, die seit 1945 alle geschaffenen Fakten und alle ihre Niederlagen ignoriert. Schon zweimal in der Vergangenheit hatte die palästinensische Bewegung einen Friedensschluss mit Israel abgelehnt, weil sie meinte, sie bekäme in der Zukunft einen besseren Deal. Je länger sie auf einen besseren Deal hoffen, desto mehr für sie unerfreuliche Fakten müssen sie akzeptieren.



    Siehe auch:

    http://www.marx-forum.de/geschichte/islam/israel.html

    1932

    In der Wirtschaftskrise 1929 hatte die KPD ihre Mitgliederzahl auf rund 300.000 verdreifacht. Diese neuen Mitglieder waren großenteils männlich, jung und arbeitslos. Die KPD sah in ihren Mitgliedern das „proletarische Lager“, nicht in der Gesamtheit der Lohnabhängigen. Die KPD machte keinen wesentlichen Unterschied zwischen einzelnen politischen Strömungen der Weimarer Republik. Der legale Rahmen der parlamentarischen Demokratie war für die KPD nicht verteidigungswert. Ihre Taktik zielte darauf, das eigene Lager auf Kosten anderer Strömungen wachsen zu lassen. Scheinbar war die KPD zwischen 1928 und 1933 damit erfolgreich. Auf den erst parteimäßig und dann auch staatlich organisierten Terror der Nationalsozialisten waren die KPD-Mitglieder weder theoretisch noch praktisch vorbereitet. Die KPD sah nicht, dass es beim Kampf gegen den Faschismus nicht nur um Rechtsstaat und Parlament, sondern auch um alle Arbeiterrechte und nicht zuletzt um die Verhinderung eines erneuten Krieges in Europa ging. Der Holocaust war wohl nicht vorhersehbar. Den Massenmord an Juden hatten 1933 selbst die aristokratisch-antisemitischen späteren Attentäter des Juli 1944 nicht erwartet.


    1933

    Am 30. Januar 1933 rief die KPD ohne Absprache mit der SPD zum Generalstreik gegen die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler auf – so gut wie ohne Resonanz. Noch in der Nacht des Reichstagsbrand am 28. Februar wurden die ersten KPD- und SPD-Funktionäre verhaftet und in die Folterkeller der SA geschleppt. Im März 1933 wurden allein im Ruhgebiet 7.300 KP- und SPD-Funktionäre inhaftiert. Viele von ihnen wurden gefoltert, etliche umgebracht. Um ihre linke Anhängerschaft einzuschüchtern, wurden Folterungen und Morde nicht vertuscht, sondern die Opfer öffentlich präsentiert. „Wir haben nicht eher Ruhe, bis die letzte Zeitung vernichtet ist, die letzte Organisation erledigt ist, die letzte Bildungsstätte beseitigt ist und der letzte Marxist bekehrt oder ausgerottet ist.“ Adolf Hitler, zit. n. Broszat, M.: Anatomie des SS-Staates, Bd. 2: 16.

    In dieser ersten Verfolgungswelle konnte die KPD einige führende Kader retten. Ihr Ziel war, eine geheime Kommandostruktur von oben nach unten aufzubauen. Im Ruhrgebiet war die Zahl der Mitglieder von Februar = 26.000 auf 1.000 im März 1933 geschrumpft. Alle Aktivitäten der KPD

    waren auf eine nur kurze Dauer der Nazi-Herrschaft berechnet. Die KP-Führung forderte von ihren Anhängern „Massendemonstrationen“ und „Massenstreiks“. Deren Aussichts- und Erfolglosigkeit verstärkte die allgemeine Resignation unter den Nazi-Gegnern.


    1934

    Die KP-Führung erkannte immer noch nicht die Schwere der linken Niederlage und glaubte immer noch an einen baldigen „revolutionären Aufschwung“. Es gab vielleicht noch 30.000 illegale Beitragszahler der KPD in Deutschland. Die KPD blieb eine Funktionärspartei und die Parteibasis blieb bis zuletzt Adressat und Empfänger von Direktiven von Oben. Aber die dorfähnliche Enge der Arbeiterwohngebiete erschwerte mehr noch als staatliche Überwachung und Verfolgung das illegale Überleben der Kommunisten in Nazideutschland. Darüber hinaus erleichterten sowohl die überoptimistische Lagebeurteilung und die zentralistische und der Gestapo bekannte Organisationsstruktur der KP die Entdeckung und Zerschlagung der illegalen Organisationen.


    1935

    Bis 1935 wurden über ein Million Menschen in SA-Folterkeller, KZs und Zuchthäuser eingesperrt, die große Mehrzahl davon sozialdemokratische und kommunistische Linke. Die KPD wurde von den Nazis nicht „zerschlagen“, sondern im Laufe von der Jahre Stadt für Stadt allmählich aufgerieben. Ab 1935 existierte die KPD nicht mehr als einheitliche Widerstandsorganisation. Was blieb, waren zersplitterte Widerstandsnester, die von der Führung in Moskau nicht mehr zusammengefügt werden konnten. Der Widerstand der KPD wurde bis 1945 weniger durch großflächige Kollektive, als durch Einzelpersonen und lokale Widerstandsgruppen bestimmt.




    Wal Buchenberg, 12.12.2017

    Inhalt

    0.Steueroasen

    1. Wirtschaftskriminalität

    1.1. Mitarbeiterkriminalität

    1.2. Unternehmenskriminalität

    2. Krimineller Handel

    2.1. Kriminelle Handelswege

    2.2. Handel mit verbotenen Produkten

    2.3. Handel mit gefälschten Produkten

    2.4. Handel mit fiktiven Produkten

    3. Betrug als kapitalistisches Kerngeschäft

    3.1. Schmiergelder und Korruption

    3.2. Finanzbetrug

    3.3. Produkt- und Dienstleistungsbetrug

    4. Sinkendes Ansehen der Unternehmer und ihrer Handlanger

    5. Gegenstrategien der Unternehmen

    5.1. Unternehmensethik

    5.2 Compliance




    O. Steueroasen

    Die Panama- und die Paradise Papers deckten den über 21 Länder verzweigten Dschungel von reichen Steuerbetrügern auf. Bei der Mehrzahl dieser Fälle handelt es sich um Geschäfte innerhalb oder am Rande der Legalität. Zweck dieser Steueroasen ist es, entweder Geldsummen vor dem heimischen Finanzamt zu sichern oder um über Dritte anonym Luxusgüter zu kaufen, die dann an den Nutzer der Briefkastenfirma billig „zurückverliehen“ oder geleast werden.

    Von dubiosen Tarn- und Briefkastenfirmen profitieren vor allem reiche Individuen ohne Sachkapital - wie Politiker, Schauspieler und Sportler. Wirkliche Kapitalisten haben mehr und bessere Möglichkeiten ihren Reichtum zu verstecken oder zu vermehren.

    Unter „Kapitalist“ verstehe ich hier im engeren Sinne die Eigentümer von Produktionsmitteln, die entweder ihre Firmen als Unternehmer selbst leiten oder als Großaktionäre die Unternehmensführung an angestellte Kapitalvertreter abgegeben haben. Was ihre wirtschaftliche Funktion angeht, können wir auch diese leitenden Manager zu den „Kapitalisten“ rechnen.


    1. Wirtschaftskriminalität - Mitarbeiter- und Unternehmenskriminalität

    1.1. Mitarbeiterkriminalität

    Wirtschaftskriminalität wird in der Regel einzelnen Tätern vorgeworfen, die sich auf Kosten ihres Unternehmens oder auf Kosten ihrer Kunden bereichern. Bei dieser Mitarbeiterkriminalität werden Straftaten „in einem wirtschaftlichen Kontext“ primär zum eigenen wirtschaftlichen Vorteil von Unternehmensmitarbeitern begangen.

    Diese individuelle Wirtschaftskriminalität macht nur einen Anteil von weniger als zwei Prozent an allen registrierten Straftaten in Deutschland aus. Allerdings beläuft sich der von ihnen verursachte Schaden auf fast 7 Milliarden Euro oder 50 Prozent aller registrierten Schäden.

    Man geht von einer hohen Dunkelziffer aus, denn die Hälfte der bekannt gewordenen Wirtschaftsstraftaten wird nicht durch kriminalistische Nachforschung, sondern nur durch Kommissar-Zufall oder Insiderhinweise entdeckt.

    Wer sind diese individuellen Wirtschaftskriminellen?

    Eine Studie der Hochschule St. Gallen untersuchte den Personenkreis von wirtschaftskriminellen Tätern und stellte fest:

    „Wer wirtschaftskriminelle Handlungen begehe, sei stark karriere- und erfolgsorientiert, entscheidungsfreudig und sozial hervorragend in das Unternehmen eingebettet. Überdies sei der typische Betrüger extrovertiert, unbescholten und überdurchschnittlich gebildet.“

    Auf welchen kapitalistischen Manager trifft das denn nicht zu?

    Merke: Jeder kapitalistische Manager verfügt über die persönlichen und sachlichen Voraussetzungen zum Wirtschaftskriminellen. Der Finanzanwalt Dietmar Kälberer meint, Deutschland sei „ein Paradies für windige Unternehmer und Betrüger“.


    1.2. Unternehmenskriminalität

    Weitgehend unbeachtet ist die eigentliche Unternehmenskriminalität. Hierunter fallen solche illegalen Tätigkeiten, die im wirtschaftlichen Interesse eines Unternehmens begangen werden. Jedes Unternehmen verfolgt seine „wirtschaftlichen Interessen“, um möglichst viel Profit zu machen. Unternehmenskriminalität ist deswegen besonders schwer aufzudecken und nachzuweisen.



    Genau genommen ist „Wirtschaftskriminalität“ in Deutschland gar nicht strafbar. Sie wird vom Strafgesetzbuch nicht erfasst. Das Bundeskriminalamt BKA behilft sich bei der Beschreibung von Wirtschaftskriminalität mit folgender Definition: Wirtschaftskriminalität sei "die vertrauensmissbrauchende Begehung von Straftaten im Rahmen einer tatsächlichen oder vorgetäuschten wirtschaftlichen Betätigung, die unter Gewinnstreben die Abläufe des Wirtschaftsleben ausnutzt und zu einer Vermögensgefährdung oder einem Vermögensverlust großen Ausmaßes führt oder eine Vielzahl von Personen oder die Allgemeinheit schädigt."

    Was sind nun wirtschaftliche Tätigkeiten, die „zu einer Vermögensgefährdung oder einem Vermögensverlust großen Ausmaßes führen oder eine Vielzahl von Personen oder die Allgemeinheit schädigen"?

    Wenn ein Unternehmen die Lohnarbeit „einer Vielzahl von Personen“ ausbeutet und ihre Gesundheit und Arbeitskraft dabei ruiniert, so ist das nach übereinstimmender Meinung der deutschen Gerichte keine „Schädigung der Allgemeinheit“, also auch keine Wirtschaftskriminalität.

    Wenn ein Unternehmen in seiner näheren und weiteren Umgebung Wasser, Boden und Luft verschmutzt und vergiftet, dann ist das nach übereinstimmender Meinung der deutschen Gerichte keine „Schädigung der Allgemeinheit“, also auch keine Wirtschaftskriminalität.

    Was bleibt da als Wirtschaftskriminalität noch übrig?


    2. Krimineller Handel

    Weniger leicht zu verbergen und zu vertuschen als Schmiergeldzahlungen sind die Warenwege, bei denen nicht nur Geld, sondern auch Produkte fließen. Kriminell ist der Handel mit verbotenen Produkten. Kriminell ist auch der Handel mit legalen Produkten, wenn sie an verbotene Empfängern geliefert werden.


    2.1. Kriminelle Handelswege

    Fast zehn Millionen Dollar Strafe musste die Expresstochter DHL der Deutschen Post an die US-Behörden zahlen, weil sie Sendungen aus den USA in den Iran, Sudan und nach Syrien transportiert hatte. Es geht dabei um 300 Lieferungen zwischen 2002 und 2007. In den Paketen waren keine Waffen oder High-Tech-Ausrüstungen, sondern bloß Textilien. Doch die US-Regierung hatte gegen die Empfängerländer Handelssanktionen verhängt, und dagegen hatte die DHL verstoßen.


    Im Jahr 2015 hatte ein russisches Unternehmen vier moderne Gasturbinen von Siemens gekauft, die dann – welch Überraschung! – auf der Krim auftauchten, die unter die EU-Sanktionen fällt. Einen Vorsatz konnte man jedoch dem Siemens-Management nicht nachweisen.

    Trotz des EU-Embargos gegen Russland wollen 80 Prozent der deutschen Konzerne an ihren Russland-Geschäften festhalten, wie die Wirtschaftswoche meldete. Wer bleibt, macht es wie Merck und startet oder weitet die Produktion vor Ort aus. Weitere Beispiele sind die Kältetechnik-Sparte des Technologieunternehmens GEA, der Pharmaanbieter Bionorica, Siemens oder der Mähdrescherhersteller Claas.


    2.2. Krimineller Handel mit verbotenen Produkten

    Komplett verboten ist der Handel mit Drogen, Wildtieren, Atomtechnologie, Menschen oder menschlichen Organen. Bei diesem Handel sind die Profite zwar besonders hoch, dennoch wird sich kein normaler (westlicher) Kapitalist damit abgeben. Solche risikohaften Geschäfte werden von Außenseitern oder von Pariah-Staaten betrieben. Das Hauptrisiko dieser Geschäfte liegt nicht einmal bei der Staatsgewalt, sondern bei skrupellosen Konkurrenten.


    2.3. Handel mit gefälschten Produkten

    Ein weiteres Feld kriminellen Wirtschaftens ist der Handel mit Produkten, an denen der Verkäufer keine Eigentumsrechte besitzt, allgemein bekannt als Produktpiraterie. Über Produktpiraterie wird in unseren Medien gerne berichtet, weil hier die Unternehmen der kapitalistischen Kernzone sich leicht als Opfer präsentieren können, denen Geschäft und Profit von den Fälschern weggenommen wird. Viel Aufhebens wird dabei auch vom „Verbraucherschutz“ gemacht, weil ja die echten Marken, angeblich viel sicherer, viel umweltfreundlicher und viel haltbarer sind. Der Kampf gegen Produktpiraterie erscheint so als ein Kampf für die Rechte der Verbraucher, nicht für den Profit der etablierten Unternehmen.


    2.4. Handel mit fiktiven Produkten

    Seit wir im Internet einkaufen können, gibt es auch den Handel mit nicht existierenden Produkten. Man bestellt und bezahlt, aber es wird nichts geliefert. Die Mutter aller Windverkäufe war die Firma Flowtex. Die Firma Flowtex in Ettlingen hatte vor einigen Jahren 3000 millionenteure Horizontalbohrgeräte für unterirdische Rohverlegungen verkauft, die meist nur auf dem Papier existierten.

    https://de.wikipedia.org/wiki/FlowTex

    Bis hierhin ist die kapitalistische Welt noch ganz in Ordnung:

    Steuerhinterzieher sind meist keine aktiven Kapitalisten, sondern private Individuen mit Geld, aber ohne Sachkapital und ohne Lohnarbeiter.

    Wer Schmiergelder zahlt, ist ein schwarzes Schaf, und hatte halt Pech, wenn er erwischt worden ist. Produktpiraten, das sind die bösen Konkurrenten aus China, die sich nicht an die hohen Moralstandards kapitalistischer Ehrenmänner in den Metropolen des Kapitalismus halten.

    Auch Handel mit heißer oder nicht vorhandener Ware ist nicht das Kerngeschäft der kapitalistischen Industrie.


    3. Betrug als kapitalistisches Kerngeschäft

    Handel ist nicht der Kernbereich der Kapitalisten Wirtschaft. Kernbereich des Kapitalismus ist die Produktion von Waren und Dienstleistungen, die als Ware verkauft werden. Der Betrug, der entlang dem Kerngeschäft eines Unternehmens verläuft, ist am schwersten zu entdecken und wird am seltensten bestraft. Viel häufiger und viel zentraler für die kapitalistische Profitmacherei ist es, wenn ein Unternehmen sein eigenes Produkt verfälscht.

    Das beginnt mit Pferdefleisch, das nicht deklariert wird, setzt sich fort mit Giften, die weggelogen werden, und führt zur sogenannten Obsoleszenz, bei der planvoll und absichtlich die Lebensdauer eines Produkts verkürzt wird.

    Es endet bei den großen deutschen Autofirmen, die über Jahre hinweg „Gammeldiesel“ als „Clean Diesel“ verkaufen.


    3.1. Schmiergelder und Korruption

    Industrielle Kapitalisten und ihre Manager haben ganz einfache, wenn auch illegale Methoden, um ihre Profite zu erhöhen. Der direkteste Weg ist, die Interessenvertreter von Kunden zu bestechen, damit sie überteuerte Produkte kaufen. Im erhöhten Kaufpreis fließen die Bestechungsmillionen wieder an den Ausgangspunkt zurück. Für diesen Zweck hatte der Siemenskonzern lange Jahre schwarze Kassen geführt. Auch Airbus soll schwarze Kassen genutzt haben, um in China, Indonesien und Kasachstan Aufträge an Land zu ziehen. Bauindustrielle stehen im Verdacht, staatliche Angestellte zu schmieren, um bei öffentlichen Aufträgen zum Zuge zu kommen.

    Schmiergeldzahlungen ähneln der üblichen kapitalistischen Geschäftspraxis, bei der Geld ausgegeben wird, um anschließend noch mehr Geld zu verdienen, wie ein Ei dem anderen.

    In aller Welt werden Statistiken und Listen geführt, die die Verbreitung und das Ausmaß der Korruption dokumentieren sollen. Man soll nicht annehmen, dass Deutschland da eine saubere Weste hat und einen Spitzenplatz einnimmt. Der aktuelle Korruptionsindex führt neun europäische Länder auf, in denen Korruption seltener ist als in Deutschland. Österreich nimmt nur den 17. Platz ein, einen Platz besser als die USA.


    3.2. Finanzbetrug

    Bevor Unternehmen ein Produkt auf den Markt bringen, haben sie mit Geld zu tun, mit viel Geld. Nichts ist leichter als aus viel Geld sehr viel Geld zu machen.

    Die größten Finanzbetrüger saßen in den Vorstandsetagen der amerikanischen Firma Enron.

    Enron ist in den USA zum Markennamen für Wirtschaftsbetrug geworden. Durch Bilanzbetrug wurden die Gläubiger um 40 Milliarden Dollar betrogen. Die Angestellten von Enron verloren nicht nur ihren Arbeitsplatz, sondern auch Rentenansprüche im Umfang von 800 Millionen Dollar.

    Und seit der Wirtschaftskrise von 2008 gelten auch in Deutschland Finanzleute und Banker als windige Gesellen. Aber Finanzbetrug ist keine Spezialität von Spekulanten und Banken, sondern kapitalistischer Alltag in jedem Unternehmen. Beim Finanzbetrug werden Kunden und/oder Gläubiger betrogen und bestohlen, indem Einnahmen eines Unternehmens vorgetäuscht, in der Höhe manipuliert oder beiseite geschafft werden.

    Der Drogeriehändler Anton Schlecker wurde wegen Finanzbetruges angeklagt und verurteilt, nicht wegen Lohndiebstahls an seinen Angestellten, andere Kapitalisten – seine Lieferanten und Gläubiger - fühlten sich von dem Kapitalist Schlecker übers Ohr gehauen, weil er angesichts seiner drohenden Pleite Millionen beiseite geschafft hat. Es ist die Rede von einem ungewollten Pleite-Schaden von insgesamt 1 Milliarde Euro und einem vermeidbaren Schaden von 16 Millionen, den Anton Schlecker anderen Kapitalisten zugefügt hat. Der Schaden, den Anton Schlecker für die 25.000 Entlassenen bereitet hat, zählt für das Gericht nicht.

    Finanzbetrug sollten eigentlich die Wirtschaftsprüfer verhindern. Deren Geschäft ist jedoch hoch monopolisiert. Gut zwei Drittel der weltweiten Wirtschaft werden von ganzen vier Unternehmen „geprüft“: Deloitte, Ernst & Young, PricewaterhouseCoopers (PwC) und KPMG. Alle vier hatten bis in die weltweite Finanzkrise hinein Schrottpapieren höchste Punktzahlen vergeben. Alle vier sind eng mit den Unternehmen verbandelt, die sie „unabhängig“ prüfen sollen. Schließlich werden sie von diesen Unternehmen bezahlt. Ihre Aufgabe ist weniger, Finanzbetrug zu verhindern, als vielmehr die Finanzmanipulationen so zu verschleiern, dass sie nicht entdeckt werden können.


    Bei der in Bundesbesitz befindlichen Bad Bank FMS Wertmanagement, die im Zuge der Finanzkrise von der Hypo Real Estate (HRE) ausgegliedert wurde, kam es in der Bilanz zum Rumpfgeschäftsjahr 2010 zu einem Buchungsfehler in Höhe von 55,5 Milliarden Euro. Die Wirtschaftsprüfer von PwC hatten der FMS-Wertmanagement aber eine einwandfreie Bilanz attestiert. Die Deutsche Bundesbank stellte im November 2011 allerdings eine Mitschuld von PwC am Bilanzfehler bei der FMS-Wertmanagement fest. Die Wirtschaftsprüfer „hätten nicht gründlich genug geprüft“.


    Im Luxemburg-Leaks-Skandal wurden im November 2014 von Whistleblowern 28 000 Seiten interne Dokumente veröffentlicht, die zeigten, dass PwC mit den luxemburgischen Steuerbehörden zwischen 2002 und 2010 548 verbindliche Vorbescheide (Advance Tax Rulings) abgeschlossen hatte. Die Vorbescheide sicherten 343 Großkonzernen, darunter Apple, Amazon, Heinz, Pepsi, Ikea und Deutsche Bank eine niedrige Besteuerung in ihren Heimatländern rechtlich „sauber“ und verbindlich zu. Wirtschaftsprüfer sind Komplizen, keine unabhängigen Prüfer.

    Finanzbetrug ist umso wichtiger geworden, seit die Notenbanken das Zinsniveau niedrig halten, und die Spekulationsgewinne weniger stark sprudeln.


    3.3. Produkt- und Dienstleistungsbetrug

    Wegen Verschwörung zum Betrug und Verstoß gegen Umweltgesetze sprach Richter Sean Cox am Mittwoch, 6.12. 2017, in Detroit eine siebenjährige Gefängnisstrafe gegen den langjährigen VW-Angestellten Oliver Schmidt aus. Zudem muss der Manager, der laut Anklage von Februar 2012 bis März 2015 in leitender Funktion für Umweltfragen in den USA zuständig war, eine Geldstrafe in Höhe von 400.000 Dollar zahlen.

    Anfang des Jahres 2017 war schon der deutsche VW-Ingenieur James Robert Liang in den USA zu drei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt wurde. Liang hatte sich dem Gericht als Kronzeuge zur Verfügung gestellt, um seine Strafe zu mindern. Er hat genau beschrieben, wie er und seine Kollegen ab 2006 versuchten, einen Dieselmotor zu entwickeln, der die neuen strengen Abgasauflagen der US-Regierung erfüllen sollte. Als sie merkten, dass dies das zu profitablen Bedingungen schafften, entwickelten sie eine Software, die immer dann und nur dann, wenn die Fahrzeuge auf dem Prüfstand standen, die schädlichen Emissionen des Wagens verminderte. Die Prüfsituation erkannte die Software unter anderem daran, dass Motor und Räder bewegt wurden, aber das Lenkrad nicht. Im normalen Gebrauch auf der Straße pusteten dann die Autos munter den Dreck zum Auspuff heraus.


    Über Jahre hinweg sollen die großen Autohersteller, der Stolz der deutschen Ingenieurkunst und Arbeitgeber für 800.000 Lohnarbeiter, diese „gemeinsame Strategien bei Dieselfahrzeugen“ ausgeklüngelt haben.

    Die Drahtzieher dieses Betrugs sitzen in Deutschland und ihnen drohen keine Haftstrafen.


    Statt dessen schießen sich die Zeitungen in Deutschland auf staatliche Stellen ein:

    „ In den Dieselskandal waren in Deutschland viele Behörden involviert: das Kraftfahrt-Bundesamt, das dem Verkehrsministerium unterstellt ist; das Wirtschaftsministerium, dem das Kartellamt untersteht; die Technischen Überwachungsvereine, das Umweltministerium sowie das Justizministerium, der Verkehrsausschuss, der parlamentarische Untersuchungsausschuss und schließlich das Umweltbundesamt. Sie alle wollen nichts gewusst und nichts gemerkt haben von den Manipulationen. Bis die amerikanische Umweltbehörde EPA vor zwei Jahren den entscheidenden Hinweis lieferte.“ Quelle.

    Ist denn der Sheriff schuld, wenn Gangster die Bank ausrauben?


    Natürlich drückt die deutsche Bürokratie alle Augen zu, wenn es um das Wohl und den Profit der Großunternehmen geht. Im Notfall lässt sich staatliches Weggucken immer auch mit dem „Schutz der Arbeitsplätze“ rechtfertigen.

    Aber dass erhebliche kriminelle Energie dazu gehört, eine Betrugssoftware zu entwickeln und millionenfach in neue Autos einzubauen, das traut sich unsere Presse nicht zu sagen. Und nie käme ein deutscher Journalist auf den Gedanken, die Ingenieure und Manager, die dabei zusammengewirkt haben, als „kriminelle Vereinigung“ zu bezeichnen!

    In der deutschen Kriminalstatistik werden mit „organisierter Kriminalität“ nicht betrügerische Unternehmen, sondern nur die Kooperation von kriminellen Einzelpersonen erfasst. Das betrifft Delikte wie Rauschgiftkriminalität, Einbruchdiebstahl oder Zigarettenschmuggel. Was die VW-Spitze getrieben hat, fällt also nicht unter „organisierte Kriminalität.


    Überall blättert der Lack am reifen Kapitalismus, selbst dort, wo die Geschäfte noch laufen. Der organisierte Betrug der deutschen Autoindustrie ist keineswegs ein Sonder- oder Einzelfall.


    Am 8. Oktober dieses Jahres musste der japanische Konzern Kobe Steel zugeben, dass er in großem Umfang die Qualitätsangaben seiner Alu- und Kupferproduktion gefälscht hatte. Rund 20.000 Tonnen von Hochleistungslegierungen wurden in Flugzeuge, Raketen, Autos, Züge und Atomkraftwerke eingebaut, ohne dass sie die geforderten und auch versprochenen Qualitätsmerkmale erfüllten.


    Am 23. November 2017 kam heraus, dass Mitsubishi Materials 270 Millionen minderwertige Teile und Halbzeuge mit gefälschten Qualitätsmerkmalen in den Handel gebracht hatte. Diese Teile wurden in Flugzeuge, Stromgeneratoren und Autos in aller Welt eingebaut.

    Der„Economist“ kommentierte diese Betrugsserie: „Viele Unternehmen hielten einen Vorsprung vor Konkurrenten, indem sie Produkte versprachen, die Mindeststandards und die normale Qualität der Nutzung weit übertreffen. Die Konflikte kommen notwendig dann, wenn dieser Qualitätsdruck dann auf die Produktion ausgeübt wird, wo diese Versprechen eingelöst werden sollen. Dann beginnt die Schummelei ... bis hin zu kriminellem Verhalten.“ Das Resümee des Economist: "Der Konflikt zwischen Qualitätsstandards und weiterer Kostensenkung wird sich mit Bestimmtheit zuspitzen." Das trifft nicht nur auf die japanische, sondern auch auf die gesamte deutsche Industrie zu.


    Als Produkt- bzw. Dienstleistungsfälschung lässt sich auch bezeichnen, was der AOK und anderen Krankenkassen vorgeworfen wird: Sie liefern an die Kassenärzte eine Schummelsoftware, die es den Ärzten möglich macht, bei ihren Patienten schwerere Krankheiten zu diagnostizieren, und so mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds zu beziehen. Ende September 2017 wurden in AOK-Niederlassungen in Hamburg und Düsseldorf polizeiliche Hausdurchsuchungen durchgeführt. Falls die Vorwürfe sich bestätigen, handelt es sich auch hier um Betrug der in und mit dem Kerngeschäft eines Unternehmens betrieben wird.


    Es spricht einiges dafür, dass die beiden deutschen Unternehmen Ferrostaal und Enersys-Hawker die (Mit)Schuld an dem Untergang des argentinischen U-Bootes tragen. Der Kapitän hatte in seiner letzten Funkverbindung von einem Schwelbrand im Batteriesystem berichtet. „Es besteht der Verdacht, dass die Batterien ... teilweise oder ganz nicht von der Qualität waren, die sie hätten haben sollen." Für den Auftrag an die beiden Unternehmen soll auch Schmiergeld geflossen sein. In dem havarierten U-Boot kamen 44 Menschen ums Leben.



    4. Sinkendes Ansehen der Unternehmer und ihrer Handlanger

    Nach dem Tief, das den deutschen Kapitalisten ihre Komplizenschaft mit den Nationalsozialisten einbrachte, stieg ihr Ansehen während der Wirtschaftswunderzeit wieder auf angenehme Höhen. 1953 stuften nur 40 Prozent der Deutschen die Unternehmer als „tüchtig“ ein. In den 1970er Jahren hatten mehr als drei Viertel aller Deutschen ein positives Bild vom Unternehmertum. Von diesem Höhenflug sind die Kapitalisten und ihre bezahlten Handlanger weit entfernt. Spätestens mit der Wirtschaftskrise von 2008 ist das Ansehen der Kapitalisten in Deutschland kräftig gesunken. Heute meinen noch 55 Prozent, dass Unternehmer „ein hohes Ansehen verdient“ hätten. Die leitenden Manager kommen in dieser Forsa-Umfrage nur auf 26 Prozentpunkte. Jeder Müllmann hat heute höheres Ansehen als die Kapitalisten und ihre Manager. Auch intern schneiden Manager immer schlechter ab. Laut einer aktuellen Internetbewertung für Führungskräfte ist jeder dritte Lohnarbeiter ist mit seinem Chef unzufrieden.




    5. Gegenstrategien der Unternehmen

    5.1. Unternehmensethik

    Der liberale Wirtschaftler Milton Friedman schrieb 1970, die einzige soziale Verantwortung eines Unternehmens sei es, „schwarze Zahlen“ zu schreiben. Heute fürchten Kapitalisten und ihr Anhang um den Verlust ihres Ansehens. Sie fürchten nicht gleich eine soziale Revolution, aber doch einen Geschäftseinbruch, wenn das Unternehmen in negative Schlagzeilen gerät. Das haben vor VW auch Nestle und vor Nestle Shell erfahren müssen. Immer mehr Unternehmen wollen nicht mehr nur als rationelle Geschäftemacher, sondern als „Unternehmen mit Herz“ verstanden werden und melden sich zum Beispiel auf Facebook an. In den USA positionieren sich Unternehmen gegen Trump oder gegen männlichen Chauvinismus, wenn sie glauben, damit Sympathiepunkte gewinnen zu können. In Deutschland besuchen führende Manager Ethikkurse, und der Bund Deutscher Arbeitgeber BDA befindet: „Um die eigene Zukunftsfähigkeit zu sichern, sind Unternehmen auf ethische Werte angewiesen. Denn Werte schaffen Vertrauen und wem kein Vertrauen entgegengebracht wird, der findet keine Kunden, keine Mitarbeiter und keine Geschäftspartner.“ Imagepflege ist alles.


    5.2. Compliance, Regelkonformität

    Im Frühkapitalismus gab es keine Industriestandards, keine DIN-Normen, keine Qualitätskontrollen und kein Urheberrecht. Das hat sich gründlich geändert. Immer mehr Industriestandards und DIN-Normen wurden von den Kapitalisten freiwillig eingeführt, um ihre Herstellungskosten zu senken und um die Zusammenarbeit mit Zulieferern zu vereinfachen. Anderseits sind Qualitätsstandards auch ein wichtiger Bestandteil der Wertbestimmung von Produkten und Dienstleistungen. Von außen sehen viele Produkte gleich aus. Deshalb lassen sich Firmen ihre höherwertige Qualität zertifizieren, um den höheren Preis durchsetzen und rechtfertigen zu können.

    Alle diese Standards und Regularien entwickeln sich direkt aus dem kapitalistischen Alltag, auch wenn sie schließlich staatlicherseits fixiert und durchgesetzt werden. Die EU-Gegner, die den Politikern in Brüssel „Überregulierung“ vorwerfen, haben vom kapitalistischen Alltag wenig Ahnung.

    Im Lauf der Zeit haben die gesetzlichen Bestimmungen und Vorschriften jedoch so sehr zugenommen, dass die Unternehmen eigene Abteilungen brauchen, um mit der Vielzahl der Vorschriften und ihren Veränderungen Schritt zu halten. Diese „Compliance-Abteilungen“ haben in Großunternehmen 20 oder mehr Mitarbeiter. Je mehr Regeln es gibt, desto häufiger und desto unvermeidlicher sind auch die Regelverstöße. Sind diese Regelverstöße beabsichtigt, fallen sie unter Wirtschaftskriminalität, sind die Regelverstöße unbeabsichtigt und kommen ans Tageslicht, machen sie schlechte Presse. Beabsichtigt oder nicht, dem Unternehmen drohen Schaden und Strafzahlungen, wenn sich herausstellt, dass es die Regeln und Standards nicht einhält.

    Das ist ein Teufelskreis ohne Ende, der erst aufgebrochen werden kann, wenn alle Unternehmen in aller Öffentlichkeit wirtschaften, produzieren und ihre Bücher führen – ohne jedes „Geschäftsgeheimnis“ und ohne alle Geheimnistuerei. Das ist allerdings erst jenseits des kapitalistischen Privateigentums herstellbar.


    Wal Buchenberg, 9.12.2017


    Zu Trump, Jamaika & Co.

    Deutschlandsfunks Stephan Detjen meint, es gäbe im Westen eine „neue Generation von Politikern, die disruptive Geschäftsmodelle in die Politik transferieren“.

    Das allenfalls eine Beschreibung, aber keine Erklärung für eine Lage, in der es den politische Eliten zunehmend schwerer fällt, an einem Strang zu ziehen.

    Ich denke, Hauptaufgabe unserer Politiker ist es, für Kapitalinteressen zu sorgen und das als Politik „im Interesse der Wähler“ auszugeben.

    Das fällt leicht, wenn die kapitalistische Wirtschaft sprudelt, es fällt schwer, wenn die Profitquellen schmaler fließen. Die Polarisierung der politischen Oberfläche entsteht durch die Klassenpolarisierung im Untergrund.


    Der „Wirtschaft“ fehlt das Wachstum, deshalb schwimmen den „Volksparteien“ die Felle weg und es entstehen ihnen neue Konkurrenten: auf der einen Seite der autoritäre Führungsstil eines Erdogan oder Urban, auf der anderen Seite eine reaktionäre „Volkstümlichkeit“, die mit scheinbar einfachen staatlichen Lösungen hausieren geht und das mit noch dreisteren Lügen verziert.


    Wal Buchenberg



    Die OECD hat einen Rentenbericht vorgelegt, in dem Deutschland vor allem bei Frauen und Niedrigverdienern schlecht abschneidet:

    „Die enge Verbindung von Einkommen und Rentenansprüchen sowie das Fehlen von Grund- oder Mindestrenten bedeuten, dass Niedrigverdiener und solche mit geringen Beitragszeiten von Altersarmut bedroht sind“, sagt die Leiterin der Abteilung Sozialpolitik bei der OECD, Monika Queisser.


    Zum OECD-Bericht: http://www.oecd.org/berlin/pub…/pensions-at-a-glance.htm


    Ergebnisse für Deutschland: http://www.oecd.org/berlin/PaG…ernotiz%20Deutschland.pdf


    Laut Spiegel suchte die Polizei "Drahtzieher". Es geht dabei um eine von der Polizei zerschlagene Anti-G20-Demo mit rund 200 Beteiligten. Wie viele "Drahtzieher" sind wohl nötig, um 200 Demonstranten auf die Straße zu schicken? Der Staat schafft sich seine Gegner selbst.


    Sachlicher urteilt die FAZ: "Bei den Durchsuchungen am Dienstag aber ging es auch um mehr: Die Polizei sucht Beweise für noch anstehende Anklagen."


    Kommentar von Siempre Antifa Frankfurt:

    http://siempreffm.blogsport.de…dialektik-der-repression/


    Zum gleichen Thema auf Indymedia Deutschland:

    https://de.indymedia.org/node/15784



    Mein Senf zu Ganzen:

    Liebe Leute vom "Schwarzen Block", liebe G20-Gegner!

    Zum Protest gegen den G20-Gipfel gab es nicht viel zu sagen. Guckst du.

    Es ist aber für mich schwer zu verstehen, wenn die radikale Linke nur auf die Straße geht, wenn sich Regierungschefs oder AfD-Politiker treffen, die nicht viel mehr als Ver- und Missachtung verdient hätten.

    Ich wünschte mir, dass auch mal ein "Schwarzer Block" auftaucht, um eine Demo der Siemens-Arbeiter zu begleiten oder einen Streik bei Amazon zu unterstützen.

    Mediale Aufmerksamkeit garantiert das bestimmt, und der Staatsmacht fällt es weniger leicht, solchen Protest zu kriminalisieren.

    Grüße von Wal Buchenberg

    Die Credit Suisse stellt jährlich einen „Global Wealth Report“ zusammen, um herauszufinden, wo man den Leuten Geld aus der Tasche ziehen kann. Sie zählt dabei zusammen, wie viele „Assets“ (Wertgegenstände wie Häuser, Autos, Möbel etc.), aber auch Geld und Wertpapiere die Leute haben, und zieht von diesem Vermögen die Schulden der Leute ab.


    Die zusammengestellten Daten ergeben aus Sicht der Credit Suisse eine stabile und harmonische Pyramide: Unten sind viele Leute wenig Reichtum, oben sind wenig Leute mit mehr Reichtum.




    Füttert man die Daten der Credit Suisse in eine skalengerechte Grafik, wird die tatsächliche Verteilung von Armut und Reichtum in der Welt erst sichtbar. In der Breite der Balken ist die Menge der Erwachsenen aufgetragen, die zu der jeweiligen Einkommensklasse gehören. Die Höhe der Balken zeigt die Menge des Reichtums an, über den die jeweilige Einkommensklasse verfügt.

    Die Verteilung des Reichtums in der Welt entspricht keineswegs einer Pyramide, sondern viel eher einem Sendemast mit einem breiten, aber dünnen Fundament. Das sind die ganz Armen. Darauf erhebt sich ein kleiner Sockel. Das ist die „globale Mittelklasse“.

    Dann kommt ein schmalen Turm mit den Reichen der Welt und darüber erhebt sich eine lange, dünne Stange: das sind die 36 Millionen Superreichen, denen fast 50 Prozent des Reichtums in der Welt gehört.


    Wal Buchenberg, 04.12.2017


    Siehe auch:



    Weihnachtslieder sind ein lukratives Geschäft. Der Song „All I Want for Christmas Is You“ von Mariah Carey wurde seit 1994 210millionenmal gespielt und brachte der Sängerin 60 Millionen Dollar ein. Es wäre kein Geschäft, wenn es kein Bedürfnis nach weihnachtlicher Musik gäbe.

    Weihnachtsmusik berieselt uns bald dichter als Schneeflocken – ob wir wollen oder nicht. Aber auch dort, wo Leute – wie bei Spotify - ihre Wunschmusik hören, steht zum Jahresende Weihnachtsmusik oben an.




    Die Schweden und Norweger streamen die meiste Weihnachtsmusik. Auch Deutschland nimmt eine Spitzenposition ein. Das geringste Interesse an Weihnachtslieder zeigen Brasilianer.

    Das Interesse an Weihnachtsmusik steigt nicht mit der Zahl der praktizierenden Christen.

    Die statistische Analyse der Musik-Streamingdaten von 2016 in 35 Ländern zeigt: Weihnachtslieder werden vermehrt in Ländern und Regionen gehört, die im Dezember die wenigsten Tageslichtstunden und das schlechteste Wetter haben. Jede zusätzliche Stunde Dunkelheit vermehrt den Konsum von Weihnachtsmusik um 3 Prozent. Wenn es an einem Tag noch regnete, stieg der Konsum um ein weiteres halbes Prozent. Weihnachtsmusik ist ein Happymaker.


    Und warum berichte ich darüber?

    1. zeigen die Daten, Weihnachtsmusik (und Religion überhaupt) ist eine wirksame Droge.

    2. nicht nur das gesellschaftliche Sein, auch das äußere, von der Natur bestimmte Sein (Tageslicht, Wetter, Temperatur) bestimmt unser Bewusstsein und unser Verhalten.


    Wal Buchenberg, 4.12.2017


    P.S. mein liebstes Weihnachtslied: Little Drummer Boy

    Was mir in beiden Texten – sowohl bei Schlosser wie bei Schaumberg - fehlt, ist ein empirischer Bezug auf die veränderten Bedingungen der Lohnarbeit in Deutschland gegenüber den 1970er Jahren.

    Veränderte Bedingungen der Lohnarbeit heißt unter anderem Deindustrialisierung, Aufspaltung der Großbetriebe, zunehmende Prekarisierung der Lohnarbeit bei gleichzeitigem Festklammern an gutbezahlten, wenn auch schrumpfenden, Stammbelegschaften, die gegenüber den jüngeren, ärmeren und weiblichen Teilen der Lohnarbeiterklasse zunehmend „privilegiert“ und anachronistisch wirken. Die langjährigen VW-Arbeiter trennen Welten von halblegalen bulgarischen Saisonarbeitern in Deutschland und diese Zerklüftung der Lohnarbeit öffnet sich noch weiter mit der massenhaften Einbeziehung arabischer und afrikanischer Flüchtlinge in die Lohnarbeit.


    Für die Stammbelegschaften gibt es keine sicherere Alternative, als weiter auf das sozialdemokratische Co-Management zu bauen. Ihm verdanken sie ihre halbwegs gesicherte Stellung. Das kann keine Kritik an den sozialdemokratischen Gewerkschaften wegdiskutieren. Alle einigermaßen abgesicherte Lohnarbeiter sind anfällig für Gruppenegoismus, der im Wohlstandschauvinismus Verbündete findet. Und der Wohlstandschauvinismus ist in allen bürgerlichen Parteien beheimatet, nicht nur in der AfD.

    Andererseits kann die Situation des Prekariats durch noch so gute Gewerkschaftsarbeit nicht wirklich verbessert werden. Zu kurzlebig sind die Unternehmen, zu kurzzeitig sind die Arbeitsverträge, zu unsicher ist das wirtschaftliche Auf und Ab der Kleinbetriebe.

    Die Zerklüftung der Arbeiterklasse, aber auch ihre Existenznot, wird weiter zunehmen.


    Aber unsere Kapitalisten sind selten so ungeschickt wie ein Anton Schlecker und lassen eine gesamte Belegschaft oder eine gesamte Branche verelenden. Ohne Belohnung und Privilegierung gewisser Teile der Lohnarbeiter verlöre der Kapitalismus rasch seine politische Stabilität. Zuckerbrot und Peitsche - vornehm formuliert: „Fördern und Fordern“ – bleiben wesentliche Machtinstrumente des Kapitalismus. Lebensverhältnisse der Lohnarbeit, die in den kapitalistischen Metropolen relativ homogen waren, driften auseinander und gewinnen immer mehr Ähnlichkeit mit dem Proletariat im Weltmaßstab.


    Daher sind alle Alternativen – Großbetrieb oder Kleinbetrieb, Stammbelegschaft oder Prekariat, Industrie oder Dienstleistungsbranche usw. - jede für sich eine Sackgasse, die niemandem weiterhilft.


    Die Lohnarbeiterbewegung wird nur dort und nur soweit etwas erreichen, wo die verschiedenen Teile und Strömungen trotz unterschiedlicher Lebensverhältnisse auf einander zugehen und sich gegenseitig unterstützen.

    Und die Linken werden nur dort und nur soweit etwas erreichen, wo sie mindestens theoretisch, möglichst aber auch in ihrer Praxis die unterschiedlichen Lebensverhältnisse und Interessen der Lohnabhängigen vereinheitlichen und überwinden können.


    Gruß Wal


















    Wolfgang Schaumberg fordert in seinem Beitrag »die Linke« dazu auf, ihre politische Arbeit auf die Großbetriebe auszurichten. (S. express, Nr. 9-10/2017)

    Das erinnert mich sehr an die frühen 1970er Jahre, als wir – in diesem Fall die Mitglieder der K-Gruppen, zu denen damals auch ich gehörte – unsere antikapitalistische politische Arbeit darauf ausrichteten und eine Minderheit auch in die Großbetriebe ging. Die Ergebnisse, die wir heute begutachten können, sind ernüchternd. Die Ursachen für das Scheitern sind schnell (und unsystematisch) – aufgezählt:

    • Die Haupttendenz in der Welt war nicht – wie angenommen – Revolution.
    • In den hochentwickelten kapitalistischen Ländern hatten sich nach dem 2. Weltkrieg die sozialen Verhältnisse für die LohnarbeiterInnen soweit verbessert, dass die Begründungen von und Aufrufe zu revolutionärem Aufbruch kaum Gehör fanden.
    • Die bolschewistischen Organisations- und Politikvorstellungen, der gepriesene Sozialismus in Stalins UdSSR und Maos China waren aus gutem Grund wenig überzeugend.
    • Die Sekten bekämpften sich auch damals schon untereinander bis aufs Messer und trugen das auch vor den Großbetrieben in ihren Flugblättern und Betriebszeitungen aus.

    Und heute?

    Was sollte gewonnen werden, wenn »die Linke« – die heute noch weit buntscheckiger ist – ihre politische Arbeit auf die Großbetriebe ausrichtet, wenn all die Richtungen, die da so unterwegs sind, vor den Werks­toren der Großbetriebe ihre Blättchen mit ihren speziellen Positionen verteilen?

    Auch in den 1970er Jahren zeigte die Agita­tion vor den Werkstoren nur dort kleine Wirkung, wo es Leute in den Betrieben gab, die entsprechend auftraten und der Kritik ein Gesicht gaben. Nicht selten waren das Leute, die bewusst, aus politischer Überzeugung, in die Betriebe gingen. Meistens allerdings hielten sie nicht sehr lange durch, wurden entweder »gefeuert« oder gingen, weil sie das Scheitern ihrer oft zweifelhaften Bemühungen erkannten. Heute ist es – selbst wenn gewollt – nicht so einfach, überhaupt in einen Großbetrieb zu kommen. Ohne solche AktivistInnen in den Betrieben – ob KollegInnen, die sich radikalisiert haben, oder Radikale, die in den Betrieb gegangen sind – ist das Verteilen der Flugblätter von Sekten vor den Werkstoren wie das Rufen des Einsamen im dunklen Wald. (Es gäbe noch einige Einwände mehr – die veränderten Klassenverhältnisse betreffend –, die ich hier nicht entwickeln will.) Es gilt, sich der Realität zu stellen – der der Verhältnisse und der »der Linken«. Ich gehe davon aus, dass die Mehrheit der antikapitalistischen AktivistInnen – sofern es sich dabei um LohnarbeiterInnen handelt – in Klein- und Mittelbetrieben arbeitet, die oft keine »klassischen« Industriebetriebe sind. Und dort, wo sie arbeiten, sollten sie auch praktisch-klassenkämpferische Aktivität entwickeln. Weil die Fluktuation in den Betrieben allgemein heute sehr hoch ist – Pleiten, »Restrukturierungen« des Kapitals etc. –, ist es besonders wichtig, sich überbetrieblich zu vernetzen und zu organisieren. »Verankerung« in den einzelnen Betrieben verheißt wenig Perspektive – weder inhaltlich noch organisatorisch. Inhaltlich deshalb nicht, weil dabei allemal betriebliche Fragen im Vordergrund stehen und nicht Fragen, die mehr oder weniger alle LohnarbeiterInnen betreffen. Organisatorisch nicht, weil die Existenz einzelner Betriebe ziemlich vergänglich geworden ist. Das gilt heute selbst für solche Großbetriebe wie Opel in Bochum.

    Wenn es heute in den Großbetrieben zu Widerstand kommt, dann will der vor allem verteidigen, was ist. Wenn es heute in Klein- und Mittelbetrieben zu Widerstand kommt, dann wollen die Belegschaften entweder das gleiche oder sie wollen soziale Standards durchsetzen, wie sie in vielen Großbetrieben selbstverständlich sind. (In den Klein- und Mittelbetrieben ist dabei die Frage der Wahl eines Betriebsrats häufig von großer Bedeutung.) Das ist die Realität und darin ist von einem Streben nach sozialer Emanzipation im Sinne einer Überwindung des Kapitalismus wenig zu spüren, weder in Groß- noch in Klein- und Mittelbetrieben.

    Wolfgang Schaumberg will nicht nur die Aufmerksamkeit auf die industriellen Großbetriebe lenken, sondern hebt auch die notwendige Kritik an der Gewerkschaftspolitik hervor. Auch dieser Aspekt wird aus meiner Sicht überbewertet. In zahlreichen Betrieben und an anderen Orten, wo Lohnarbeit Anwendung findet, sind die Gewerkschaften kaum oder gar nicht präsent und aktiv. Doch auch hier dominiert das »reine Stellvertreterdenken«. Dies kennzeichnet nämlich den allgemeinen politischen Konsens in der »repräsentativen Demokratie«. Wäre das nicht so, gäbe es ständig Auseinandersetzungen um die und in der angeblichen »Selbstverwaltung der Kommunen« oder der angeblichen »Selbstverwaltung der Sozialversicherungen«. Durch Konzentration auf die Kritik an der Gewerkschaftspolitik kann man an diesem allgemeinen Bewusstsein auch nichts ändern. Die Sozialdemokratie als Partei und als beherrschende politische Kraft in den Gewerkschaften hat sicher einen wesentlichen Anteil an der Verbreitung und Dominanz des »Stellvertreterdenkens« unter LohnarbeiterInnen. Das ist jedoch mehr Geschichte als Gegenwart. Dieses Denken ist heute so allgemein und selbstverständlich, dass es dazu keiner besonderen Partei mehr bedarf, die speziell unter LohnarbeiterInnen dafür wirbt. Wie wenig es noch einer Sozial­demokratie bedarf, kann man an ihrem Niedergang ablesen.

    Auch oppositionelle, klassenkämpferische Betriebsratsarbeit, die sich um Durchbrechung der »reinen Stellvertreterpolitik« müht, vermag nur wenig an der Dominanz dieses Denkens zu ändern. Auf lange Frist wird solche Aktivität regelmäßig vielmehr selbst durch dieses politische »Stellvertreterdenken« gebrochen; streiten muss man daher für ein allgemeines politisches Bewusstsein, dass wieder Selbstorganisation von LohnarbeiterInnen als Klasse ermöglicht – unabhängig davon, ob sie in Groß- oder Kleinbetrieben arbeiten, in der Industrie oder dem öffentlichen Dienst etc.

    Die Frage, die sich den antikapitalistischen Kräften für eine klassenkämpferische Praxis stellt, ist ganz einfach die, ob sie sich auf den »Kleinkrieg« mit dem Kapital einlassen wollen – wo immer sie für Lohn arbeiten – und mit welchen inhaltlichen Positionen sie die herrschende bornierte Praxis durchbrechen wollen. Die Entscheidung darüber ist letztlich eine theoretische Frage bzw. hängt von theoretischen Positionen ab. (Das betrifft die Kritik am Kapital und die Ziele, die man verfolgt.)

    Ich halte diesen »Kleinkrieg« und wie er inhaltlich und organisatorisch zu führen ist, für unverzichtbar! Diese Kleinarbeit gehört zu den praktischen Grundlagen der Überwindung dieses elenden Sektierertums speziell in Deutschland. Eine Diskussion darüber, welche Bedeutung die »linke« Aktivität an und in industriellen Großbetrieben hat, lenkt eher ab von den Problemen, vor denen »die Linke« heute aus meiner Sicht steht. Sie gibt allenfalls Anlass dazu, sich die wirklichen Probleme vor Augen zu führen.

    Robert Schlosser


    Quelle: http://www.labournet.de/politi…-von-wolfgang-schaumberg/

    Die Erwerbstätigenrate oder Beschäftigungsquote zeigt den Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung – oder wie in der folgenden Grafik der Anteil der Erwerbstätigen an einer bestimmten Altersgruppe (hier: 25-54jährige).




    Die Kapitalisten wünschen sich einen möglichst hohe Rate. Je mehr Menschen einer Lohnarbeit nachgehen, desto größer ist die Masse des Mehrwerts, den die Kapitalistenklasse einheimst.

    Zur Erwerbstätigkeit zählt natürlich auch die Tätigkeit der kleinen und großen Kapitalisten. Die machen aber nur rund 5% der Erwerbstätigen aus. Zu 95% zeigt die Beschäftigungsquote den Umfang, den die Lohnarbeit in der jeweiligen Altersgruppe erreicht.

    Natürlich werden Tätigkeiten, die nicht entlohnt werden, wie Ehrenamt, Hausarbeit etc. nicht zur Erwerbstätigenquote gezählt. Diese Tätigkeiten „erwerben“ nicht und bringen den Kapitalisten auch keinen Profit.

    Die Frauenerwerbsquote liegt (nicht nur in den USA) deutlich unter der Männererwerbsquote. Hier sehen Kapitalisten „Verbesserungsbedarf“.

    Wenn die Erwerbstätigenrate – wie in den USA – fällt, dann ist das in der Regel ein Resultat der Deindustrialisierung. In den kapitalistischen Kernzonen ist die Arbeitsproduktivität so hoch entwickelt, dass immer mehr Arbeitskraft überflüssig wird.


    Siehe auch:



    Anton Schlecker hat in seinen Drogeriemärkten durch die Ausbeutung seiner 25.000 LohnarbeiterInnen Millionen Gewinne gemacht und es zu großem Reichtum gebracht. Als sein Geschäft nicht mehr gut lief, drückte er die Löhne seiner Angestellten. Als auch das nicht mehr half, schloss er seine Geschäfte und schickte 25.000 Angestellte in die Arbeitslosigkeit. Wird er deshalb vor Gericht angeklagt? Keineswegs!

    Angeklagt ist er nicht wegen Betruges an seinen Lohnarbeitern, sondern wegen Insolvenzbetrug an seinen noch reichen Geldgebern und Lieferanten. Andere Kapitalisten fühlen sich von dem Kapitalist Schlecker übers Ohr gehauen, weil er angesichts seiner drohenden Pleite Millionen beiseite geschafft hat. Es ist die Rede von einem ungewollten Pleite-Schaden von insgesamt 1 Milliarde Euro und einem vermeidbaren Schaden von 16 Millionen, den Anton Schlecker anderen Kapitalisten zugefügt hat.

    Der Schaden, den Anton Schlecker für die 25.000 Entlassenen bereitet hat, zählt für das Gericht nicht.

    Sexuelle Belästigung ist umkämpftes Terrain.




    Mir fällt auf, dass die Antworten aus Deutschland generell unsensibler ausfallen als Antworten aus Frankreich und den USA und dass die Unterschiede zwischen Frauen und Männern oft weniger ausgeprägt sind als die Unterschiede zwischen den Altersgruppen.

    Vielleicht spiegelt diese Umfrage von YouGov von November 2017 schon Auswirkungen der #metoo-Welle wieder.


    Quelle: https://www.economist.com/blog…il/2017/11/daily-chart-14

    Von Ferne sieht Neuseeland aus wie unberührte Natur.

    Eine Wasseruntersuchung hat jetzt gezeigt: In 60 Prozent aller Gewässer des Landes ist das Baden ungesund. Schuld an der Verschmutzung ist die intensive Landwirtschaft von 6,6 Millionen Kühen in einem Land mit 4,7 Millionen Einwohnern. Der Urin der Kühe plus der Dünger auf den Kuhweiden ergibt eine nitratverseuchte Giftbrühe. Hinzu kommen Myriaden von Coli-Bakterien der Kuhscheiße. Bewohner von Neuseeland erkranken dreimal so oft wie Australier oder Kanadier an Campylobacter-Durchfall.


    (Daten aus:The Economist)

    Wir sind ohne (gewählte) Regierung. Anderswo – in den Niederlanden, in Belgien, in Nordirland oder im Libanon ist das ganz normal. In Deutschland haben wir nun Gelegenheit zu beobachten, ob und wo uns die Regierung wirklich fehlt.

    Wenn die Chefs nicht in der Firma sind, stellen sich die Kolleginnen und Kollegen auch diese Frage: Wofür brauchen wir diese Chefs überhaupt?

    Jedenfalls wird unser Leben viel stärker durch unsere unmittelbaren Chefs bestimmt als von einer Bundesregierung. Der Zar ist für jeden von uns weit weg. Äußere Verhältnisse bestimmen unser Leben stärker als ein Zar oder eine Merkel:

    - ob wir in einem armen Haushalt aufwachsen oder nicht;

    - ob wir Lehrer haben, die uns respektieren oder nicht;

    - ob wir Arbeit finden oder nicht;

    - ob wir Chefs haben, die uns respektieren oder nicht;

    - ob wir Arbeit in einem Großbetrieb finden oder in einer Klitsche;

    - ob wir in einer Wachstumsbranche arbeiten oder in einer Krisenbranche;

    Auf all das hat die Regierung keinen Einfluss.

    Welchen Einfluss eine Regierung hat, lässt sich auch in Prozenten ausdrücken. 2017 verfügte die Bundesregierung über Einnahmen von 330 Milliarden Euro. Für 2018 soll es einen Überschuss von 30 Milliarden geben. Diese 30 Milliarden Euro waren der Spielraum, über den in „Jamaika“ – vergeblich - verhandelt wurde. Über 90 Prozent des Bundeshaushaltes sind langfristig festgelegt. Der Gestaltungsraum der Regierung beträgt bestenfalls 10 Prozent.

    Siemens ist ein Promi unter den deutschen Firmen. Jeder von uns hat schon mal ein Gerät von Siemens benutzt. Siemens ist in Deutschland in 125 Orten mit Niederlassungen und Standorten vertreten. Siemens zählt zu den ältesten und den größten Unternehmen in der ganzen Welt.

    Vor dem ersten Weltkrieg war der Siemens-Konzern nicht nur am wirtschaftlichen Aufstieg des deutschen Kaiserreiches mit Produktionsstätten in England, Russland, Österreich, Frankreich, Belgien und Spanien beteiligt, Siemens war auch in der Aufrüstung des Deutschen Heeres engagiert. Nach der deutschen Niederlage gehörte Siemens schon 1920 wieder zu den fünf größten Elektrokonzernen der Welt.

    Die Kriegsrüstung der Nationalsozialisten sorgte dafür, dass Siemens mit knapp 190.000 Beschäftigten größter Elektrokonzern der Welt wurde. Filialen und Produktionsstätten von Siemens folgten der Expansion der deutschen Wehrmacht. Da die Produktionsstätten voll ausgelastet waren, wurden in großem Umfang KZ-Häftlinge, Zwangs- und Fremdarbeiter eingesetzt.

    Schon 1950 erreichte Siemens wieder 90 Prozent der Produktion von 1936, obwohl die Betriebe in der Ostzone verloren gegangen waren. 1962 arbeiteten 240.000 Lohnarbeiter für den Konzern. Seit Mitte der 70er Jahre sanken die Beschäftigungszahlen in Deutschland, während die Auslandsbeschäftigung weiter anstieg. Seit den 1980er Jahren übertrifft den Auslandsumsatz den in Deutschland erwirtschaften Umsatz. 1991 übernahm Siemens frühere DDR-Unternehmen.

    Seit Beginn dieses Jahrhunderts geriet Siemens immer mehr in negative Schlagzeilen. Beim Verkauf der Handysparten BenQ gingen 2005 tausende Arbeitsstellen verloren. Zwischen 2006 und 2008 stand Siemens im Mittelpunkt einer riesigen Korruptions- und Schmiergeld-Affäre. 2007 wurde der Konzern wegen illegaler Preisabsprachen von der EU zu einer Millionengeldstrafe verurteilt. Dann kam heraus, dass die Konzernführung eine kapitalfreundliche „Gewerkschaft“, die AUB, finanziert und gesteuert hatte.

    2015 vernichtete der Konzern weitere 3300 Stellen in Deutschland.


    Heute arbeiten weltweit gut 370.000 Lohnarbeiter für Siemens, davon ein Drittel in Deutschland. Aber nur 13% des Umsatzes wird in Deutschland erwirtschaftet. Pro Kopf erwirtschaftete jeder Siemenskollege im Ausland rund 275.000 Euro, jeder Inlandskollege nur rund 100.000 Euro.

    Daran kann man ablesen, wohin die Reise bei Siemens geht: Kapital wandert dorthin, wo höherer Profit winkt.




    Schon seit Jahren hat Siemens Arbeitsplätze in Deutschland abgebaut. Warum jetzt die besondere Aufregung? Ich glaube, die Aufregung kommt daher, dass vor allem Standorte im Osten Deutschlands betroffen sind, wo erst kürzlich die AfD viele Wählerstimmen gewonnen hat.

    Das Zentralorgan des deutschen Kapitals, die FAZ, fragt sich daher, ob Siemens nicht „den Extremismus“ stärkt. Das ist nicht ausgeschlossen, aber hängt auch davon ab, wie andere gesellschaftliche Kräfte auf die Situation reagieren.

    Die IGM verkündet lautstark: „Wir werden kämpfen“ und hat schon einige Warnstreiks und Demonstrationen veranstaltet. Aber die IGM verschweigt, wofür sie „kämpfen“ will. In der Vergangenheit hat sie noch jeden Stellenabbau abgesegnet.

    Die Gewerkschaftslinken tönen: „Man muss hier um jeden Arbeitsplatz kämpfen!“ Auch das ist die linke Begleitmusik zu jeder Massenentlassung der letzten 50 Jahre.

    Die Landesvorsitzende der Linkspartei, Katina Schubert, mahnt, dass man vom ‚Turbokapitalismus‘ zur ‚sozialen Marktwirtschaft‘ zurückkehren müsse.


    Alle diese Stellungnahmen machen mir wenig Hoffnung, dass damit Arbeitsplätze gerettet und „der Extremismus“ geschwächt werde.

    Alle diese Stellungnahmen beschönigen den Kapitalismus, indem sie die Ursachen der Misere beim „unfähigen Management“ sehen, und indem sie unterstellen, ein kapitalistisches Unternehmen könne sein Kapital nach humanitären Gesichtspunkten einsetzen. Falls es das täte, würde es über kurz oder lang von Konkurrenten vom Markt verdrängt.

    Der jetzige Stellenabbau bei Siemens ist eine Folge der weltweiten Konkurrenz auf dem Energiesektor, was die Unternehmen zwingt, ihr Kapital dort anzulegen, wo es den höchsten Profit bringt. Den höchsten Profit erwirtschaftet der Siemenskonzern im Ausland, in der kapitalistischen Peripherie. Weltweit liegen die Fertigungskapazitäten bei 400 Großturbinen im Jahr. Im letzten Jahr wurden aber nur gut 100 verkauft. Das heißt, es gibt auf der Welt Produktionskapital im Überschuss. Irgendwo muss überschüssiges Kapital abgebaut und vernichtet werden.

    In den kapitalistischen Metropolen ist das Kapital längst so hoch konzentriert, dass die Profitrate stagniert oder fällt. Die globale kapitalistische Konkurrenz führt zu der Deindustrialisierung, die andere europäische Länder schon stärker erfasst hat als Deutschland. Deutschlands folgt nun auch diesem „Entwicklungspfad“. Siemens ist ein Beispiel dafür, dass der Kapitalismus zerstörerisch (geworden) ist.


    Wal Buchenberg, 18.11.2017

    Hallo Ricardo,

    du hast dir mit deiner Antwort Zeit gelassen.

    Wie du vielleicht weißt, ist Geschichte nicht nur Teil meiner theoretischen Ausbildung, sondern stand auch immer im Zentrum meines persönlichen Interesses. Nun ist mir allerdings kein einziger Fall bekannt, wo durch theoretisch "Erforschung der Wirklichkeit" Menschen massenhaft und "unwillkürlich zu Kommunistinnen" geworden wären.

    Wie oben schon gesagt, will ich die "Erforschung der Wirklichkeit durch Theorie" nicht schlecht reden. Ich hatte aber schon darauf hingewiesen, dass viele heutige Linke tatsächlich nichts anderes tun, ohne dass das viel gebracht hätte.

    Kurz: Ich teile deinen Optimismus nicht, dass Theoriearbeit der alles entscheidende Punkt sei, um die schlechten Verhältnisse zu ändern. Ich denke, die "Erforschung der Wirklichkeit" geschieht nicht minder durch soziale, wirtschaftliche und politische Praxis.

    Da sehe ich mich ganz in der Tradition des "Materialismus", auf den du dich ebenfalls berufst:


    Ideen können nie über einen alten Weltzustand, sondern immer nur über die Ideen des alten Weltzustandes hinausführen. Ideen können überhaupt nichts ausführen. Zum Ausführen der Ideen bedarf es der Menschen, welche eine praktische Gewalt aufbieten.“ K. Marx, Hl. Familie, MEW 2, 126.

     

    „... Man sieht, wie die Lösung der theoretischen Gegensätze selbst nur auf eine praktische Art, nur durch die praktische Energie der Menschen möglich ist und ihre Lösung daher keineswegs nur eine Aufgabe der Erkenntnis, sondern eine wirkliche Lebensaufgabe ist, welche die Philosophie nicht lösen konnte, eben weil sie dieselbe als nur theoretische Aufgabe fasste.“ K. Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW 40, 542.

     

    „Es ist die alte Illusion, dass es nur vom guten Willen der Leute abhängt, die bestehenden Verhältnisse zu ändern ... Diese ideelle Erhebung über die Welt ist der ideologische Ausdruck der Ohnmacht der Philosophen gegenüber der Welt. Ihre ideologischen Prahlereien werden jeden Tag durch die Praxis Lügen gestraft.“ K. Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 363.


    „Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung.“ K. Marx, Kommunistisches Manifest, MEW 4, 474f.


    Für dich sind die stattfindenden Bewegungen nichts wert. Ich sehe daher meinen Schwerpunkt an anderer Stelle als du, und ich sehe keinen prinzipiellen Gegensatz zwischen der praktischen und der theoretischen "Erforschung der Wirklichkeit".

    Aber niemand kann mir nachsagen, dass ich Theoriearbeit zur "Erforschung der Wirklichkeit" vernachlässigen oder gar behindern würde. Mir ist also nicht klar geworden, was du von mir und dem Marx-Forum erwartest, was hier nicht schon längst getan und versucht wird.

    Wenn deine Theoriearbeit mehr bedeutet als nur die Verunglimpfung praktischer Bewegungen, ist sie hier im Marx-Forum auch willkommen.


    Gruß Wal

    Wenn von Theorie die Rede ist, ist von Theorie die Rede.

    Die Begründung, dass eine "Universaltheorie" nicht nötig sei, hat erstens mit einer "Nichtuniversal" - Theorie, also Theorie, wenig zu tun.

    Zweitens würden die Argumente, die geltend gemacht wurden, kaum reichen, die m.E. präzise kurze Definition von Theorie aufzuheben, wie sie ricardo formuliert:


    Für Materialisten, Marxisten, Kommunisten etc. ist Theorie ein Mittel, durch Nachdenken Wege und Methoden zu finden, um die offenen Fragen über das Unverstandene in der Wirklichkeit - zumindest teilweise - beantworten zu können.

    Hallo basal,

    in deiner Antwort finde ich mich und meine Thesen nicht wieder.

    Dem Zitat von ricardo über den Zweck von Theorie habe ich gar nicht widersprochen. Ganz im Gegenteil, ich habe gesagt, dass wir genau das im Marx-Forum versuchen.

    Ich meinte, an Theorien gebe es keinen Mangel und an Theoretikern gebe es keinen Mangel - mit Ausnahme vielleicht einer Universaltheorie, deren Verlust nicht zu bedauern sei.

    Woran es allerdings mangelt, ist das gemeinsame, kooperative Nachdenken:

    Quote

    Fakt ist: Wir haben an linken Theoretikern kein Mangel. Es mangelt allerdings an theoretischer Kooperation.

    Für diesen Mangel an theoretischer Kooperation habe ich meine Erklärung vorgebracht.


    Gruß Wal

    Hallo Mario,

    für das von mir aufgezeigte Szenario gibt es keine "bisherige Erfahrung".

    Mein obiger Vorschlag ist eine Kritik am linken Dogmatismus, der Regierungsbeteiligungen unter allen Umständen ablehnt und ebenso ist es eine Kritik an den Staatslinken, die die Interessen der Bewegung für ein Linsengericht verkaufen.


    Ich sehe hier nicht zwei, sondern viele Wege, die immer dann begehbar werden, wenn man keine Illusionen weckt, und klare Ecksteine hat.

    Bevor Heinrich IV. König von Frankreich werden konnte, musste er zum Katholizismus übertreten. Friedrich Engels hat das mit dem Satz gutgeheißen: "Paris ist eine Messe wert."

    Für "Paris" stehen oben die möglichen Eckpunkte. Die Teilnahme an der Messe steht für die Teilnahme an der Regierung.


    Die Linkspartei existiert, von Kommunalisten ist in Deutschland noch nichts zu sehen. Sobald sie hier als Bewegung auftauchen, kann ich das auch kommentieren.


    Was sich in Spanien/Katalonien als "Kommunalistische Bewegung" (CUP) tummelt ist ein Angriff auf jeden (linken) Menschenverstand: Sezession und Staatsgründung als Hebel der kommunalen Selbstverwaltung!?

    Und je weiter die PYD in Syrien über das Gebiet hinausgreift, das mehrheitlich von Kurden bewohnt ist, desto deutlicher wird, dass ihre "kommunale Selbstverwaltung" nur Maskerade ist für militärische Expansion.

    Von der CUP in Katalonien wie von der PYD in Syrien wird behauptet, ihr Aufbau eines nationalistischen Machtapparates diene als "Mittel" zu einer Kommunalisierung der Gesellschaft. Das glaube, wer will.


    Gruß Wal

    Die kommunistische Staatskritik macht geltend, dass der bestehende Staat ein Staat der Reichen sei, in dem sich die Interessen des Kapitals direkt durch Lobbyarbeit und Bestechung und indirekt durch den Zwang zu kapitalistischer Akkumulation ("Wachstum") durchsetzen. Die Armen und die lohnabhängige "Mittelschicht" sind von politischen Entscheidungen ausgeschlossen und können ihre Interessen nur durchsetzen, wenn sie den Staat zerbrechen und die Beteiligung Aller an allen Entscheidungen ermöglichen.

    Die nationalistische Staatskritik verweist darauf, dass in einem ungerechten Staat "jede der Nationalitäten sich als ein unterdrückten Volk und eine potentielle Nation fühlt, welche ... um ihre nationalen Ansprüche sowie um die Möglichkeit eines wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstiegs geprellt wurde..." (Hannah Arendt, Totale Herrschaft, 115). Die nationalistische Lösung heißt Sezession und Gründung eines gerechteren Staates.


    Alle Versuche, einer nationalistischen Staatsgründung ein antikapitalistisches Mäntelchen umzuhängen, wurden von der Geschichte der Staaten als Illusion und Lüge entlarvt.