Zum Ökosozialismus

  • Kapitalistische Firmen stellen Produkte her, die ihnen Profit bringen. Das „schafft Arbeitsplätze“ sagen die Verehrer des Kapitals. In Deutschland z.B. sind viele Leute stolz auf die florierende Autoindustrie. Eine Folge davon sind zunehmende Entfernungen von Wohnung und Arbeitsplatz und der wachsende Überlandverkehr per LKWs. Inzwischen ersticken Städte und Autobahnen an der Masse des rollenden Verkehrs. Was ist die kapitalistische „Lösung“? Mautgebühren für Autobahnen und Innenstädte.

    Mautgebühren für Autobahnen existieren in vielen europäischen Ländern. Mautgebühren für die Innenstadt verlangen zum Beispiel die Städte London und Singapur.


    Die kapitalistische Industrie produziert Treibhausgase in Masse, die das Weltklima aufheizen und zu Wetterkatastrophen vermehren. Was ist die kapitalistische „Lösung“? Treibhausgase werden „bepreist“, um sie rarer zu machen. Funktioniert hat das nicht.


    Einerseits wächst die Zahl der Elektrogeräte ins Unermessliche, andererseits zwingen die Regierungen in der EU die Verbraucher, „Strom zu sparen“. Wie? Durch Verbote und Preiserhöhungen.

    Verbote in der EU gibt es für Staubsauger ab 1600 Watt, für Kaffeemaschinen, die sich nach Gebrauch nicht selbsttätig abschalten, für Glühlampen, für Kühl- und Gefrierschränke. Preiserhöhungen sollen Waren und Dienstleistungen künstlich verknappen. In jedem einzelnen Fall führt das zu vermehrten Anschaffungskosten für die Verbraucher.


    Insgesamt führt dieser Öko-Trend der ungebremsten Produktion und des gebremsten Verbrauchs dahin, dass die Nachteile des Kapitalismus (Ruinierung der Gesundheit der Lohnabhängigen – ob sie im Job sind oder nicht -, Zerstörung unserer Umwelt, Vergiftung von Erde, Wasser und Luft) (fast) alle Lohnabhängige treffen, während sich die Reichen und Wohlhabenden alle Vorteile des Kapitalismus leisten und den Übeln des Kapitalismus ausweichen können.

    Die Reichen und Wohlhabenden können sich gesündere Wohnlagen draußen vor der Stadt plus klimatisierten Groß-PKW leisten, Flugreisen in Regionen mit noch unzerstörter Natur, alle möglichen Elektrogeräte vom Auto über Smartfon bis zur Klimaanlage, die alle Strom in Menge verbrauchen. Sie können sich bessere Ärzte und Medikamente, teure Therapeuten und gesunde Bio-Lebensmittel leisten.


    Der Kapitalismus produziert Reichtum und Lebensfreude für eine Minderheit und Armut und Elend für die Mehrheit.

    Karl Marx kam zu dem Schluss: „Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter. K. Marx, Kapital I, MEW 23, 529f.


    Dass die Traditionssozialisten und „Nachfolger von Marx“ die Kapitalismuskritik von Marx dahingehend verkürzten, dass die „soziale Frage“ nur eine Frage der Einkommensverteilung sei, dafür konnte Marx nichts. Wenn sich die Linken von der "sozialen Frage" verabschieden haben und eine verkürzte Kapitalismuskritik in Mode ist, war das nicht der Fehler von Karl Marx.


    Heutige „Ökosozialisten“ glauben, „die Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen“ sei wichtiger als die herkömmliche „soziale Frage“.

    Richtig am Ökosozialismus ist, dass der Kapitalismus (auch) Natur und Umwelt zerstört.

    Positiv an diesen Ökosozialisten ist, dass sie für „die Überwindung des kapitalistischen Produktionsverhältnisses eintreten“.


    Aber ich denke, diese Ökosozialisten sehen nur einige Symptome und Auswirkungen des kapitalistischen Profitviruses.

    Wie und warum Kapitalismus funktioniert, haben die Ökosozialisten nicht wirklich verstanden, sonst würden sie zum Beispiel nicht verlangen und erwarten, dass „die Versorgung der Gesellschaft mit Geld, Finanz- und Versicherungswesen etc. nicht mehr der Logik der privaten Profiterwirtschaftung gehorchen, sondern vergesellschaftet sind.“

    Geld, Finanz- und Versicherungswesen sind Schmiermittel der kapitalistischen Produktionsmaschine. Treibkraft dieser Produktionsmaschine ist aber die Auspressung von Lohnarbeit.


    In einer Gesellschaft, die gemeinschaftlich ihre Produktion und Reproduktion regelt, machen Geld, Finanz- und Versicherungswesen gar keinen Sinn und der Kapitalismus kann nie beseitigt werden, wenn wir nicht mit dem Geld und der Warenproduktion auch jede Form der Lohnarbeit beseitigen.


    Dieser Ökosozialismus ist gut gemeint, aber mit guten Absichten allein lässt sich unsere kapitalistische Welt nicht wirklich ändern.


    Gruß Wal Buchenberg, 25.08.2018

  • Dieser Ökosozialismus ist gut gemeint, aber mit guten Absichten allein lässt sich unsere kapitalistische Welt nicht wirklich ändern.

    In der Tat, der hier geschilderte Ökosozialismus weist eine gewisse Ähnlichkeit zum Frühsozialismus auf. Beide Strömungen haben gemeinsam, dass sie den Sozialismus "aus der Idee" ableiten und aufbauen möchten. Zu Zeiten von Owen oder Fourier war so eine Position verständlich und vertretbar, aber heute macht das natürlich keinen Sinn mehr.

  • Ökosozialismus , der den Sozialismus "aus der Idee" ableiten und aufbauen möchte..

    Hallo Nikotin,

    ich kann bei diesem Ökosozialismus keine "Idee" entdecken.

    Ich habe den Eindruck, dass sie weniger einer Idee als vielmehr dem Trend folgen. Kapitalismuskritik liegt wieder im Trend, Sozialismus- und Heilsversprechen liegen wieder im Trend ... (Dieser Trend is our friend!:thumbsup: ) ... Öko und Bio liegen im Trend und vor allem liegen Sammlungsbewegungen im Trend ("gewinne neue Anhänger, vor es die anderen tun!") .


    Hast du denn das Öko-Sammlungsdokument gelesen? Vor kurzem hattest du noch ganz ähnliche Thesen hier vertreten wie z.B:

    Quote

    Wohlstandsversprechen, ... die letztlich parasitär waren und auf der Ausplünderung anderer Länder und der Übernutzung natürlicher Ressourcen beruhten,

  • Hallo Wal,

    du beziehst dich wohl auf den Punkt Nr. 7 aus dem Dokument. Genau so ist es und ich stimme auch mit diesem Punkt vollkommen überein.

    Ich erkenne da keinen Widerspruch mit dem Marxismus, im Gegenteil. Der Marxismus vereint nach meiner Auffassung automatisch die unterschiedlichsten

    sozialen Bewegungen, wie z.B. Anti-Faschismus, Anti-Imperialismus, Feminismus und auch den sog. Ökosozialismus in einer einzigen Theorie.


    Die Ökosozialisten sprechen da ganz eindeutig vom westlichen Imperialismus. Sie bennen ihn vielleicht nicht als solchen, weil sie ihre Theorie nicht konsequent auf den Marxismus aufbauen.

  • Bei den Ökosozialisten, von denen ich bisher in Kenntnis bin, ist mir ebenso das große Problem aufgefallen, das sich mit einer falschen Kapitalismuskritik umschreiben lässt. Wie kommt man überhaupt auf die Idee, ausgerechnet die kapitalistischen Institutionen von Ware, Geld, Gewinn, Kredit usw. - welche man in Das Kapital wirklich erklärt und kritisiert findet - für taugliche Hilfsmittel einer bedarfsbasierten Planwirtschaft zu halten? Es müssen lauter falsche Erklärungen dieser Gegenstände vorliegen, die sich von den alten Sozialdemokraten über den realen ML-Sozialismus bis ins 21. Jahrhundert hinübergerettet haben. Am Staatssozialismus des 20. Jahrhunderts kann man die Gegensätze analysieren, die die ML-Parteien mit einem absichtlich zusätzlich eingerichteten Tauschwert in ihrer Kommandoplanung der Gebrauchsgüter veranstaltet haben. Wo man den Unsinn bei Marx nachlesen oder schlussfolgern könnte, soll mir jemand einmal verklickern. Die Ökosozialisten müssten mit ihrer Realisierung eben dieselben Widersprüchen produzieren, und sind mit ihrer mangelhaften Herrschaftskritik auch auf genau der richtigen Bahn - soweit mir bekannt. wollen sie nicht den Staat abschaffen, trotz aller bürgerlichen Ideale einer "echten, partizipatorischen Demokratie"; bürgerlich, weil ihnen die echte Demokratie wohl nicht solidarisch genug ist, aber als ein guter Anfang erscheint.

    Eine korrekte Kritik an einer "Hebelwirtschaft" wie sie im Staatssozialismus zu finden war, ist hier zu entdecken:

    Oktoberrevolution 1917 - Marxistische Gruppe - 1987 (Vortrag auf Youtube, leider etwas stimmenverzehrt)

    Mit Hebeln geplant (Artikel der MSZ)

    Und auch in Wals Buch "Was Marx am Sowjetsystem kritisiert hätte" finden sich ein paar korrekte Kritikpunkte an der Sowjetökonomie.

  • @Wal und pfeilregen .


    Eine Fundamentalkritik an der Vorstellung, man könne die Warenproduktion bzw. Märkte für eine nachkapitalistische Ökonomie nutzen, mag zwar vor dem Hintergrund einer hypothetisch funktionsfähigen Planwirtschaft, die ohne Geld und Tausch auskommt, sinnvoll erscheinen, beantwortet aber keineswegs die Frage ob eine nachkapitalistische Ökonomie auch in der Realität ohne Märkte auskommen kann bzw. das Verschwinden von Märkten in einer komplexen und dynamischen Gesellschaft überhaupt wünschenswert ist.


    Denn bisher liegt noch kein Planwirtschaftskonzept vor das, nach meiner Beobachtung jedenfalls, individuelle Wahlfreiheit des Konsums einerseits und brauchbare Vermittlung von Bedürfnis und Angebot ohne Zentralismus und überbordende Bürokratie garantiert. Die Wünschbarkeit einer Gesellschaft die keine Warenproduktion mehr kennt und deren logische Ableitung sagt noch nichts über deren Machbarkeit aus.


    Ich halte es deshalb für verständlich, dass die meisten Überlegungen zu einer nachkapitalistischen Ökonomie nicht ein abstraktes gänzlich Anderes fordern, sondern von den bestehenden Verhältnissen ausgehen, da sich Alternativen, davon ist jedenfalls auszugehen, nur allmählich aus dem Bestehenden herausschälen können. Inwieweit sie daraus folgend in allen gesellschaftlichen Bereichen den vollen Kommunismus herausgestalten können, ist vollkommen ungewiss und lässt sich nur durch praktisches Experimentieren herausfinden.


    Jede moderne, gesellschaftlich komplexe Ökonomie wird nicht umhin kommen eine allgemeine Quantifizierung ihrer Kosten zu benötigen. Planung in Naturalgrößen wird hierbei nicht ausreichen, vor allem wenn die Vorstellung einer Gesellschaft, die keine Konsumrationierung mehr vornehmen muss, vor dem Hintergrund begrenzter Ressourcen und der sich zuspitzenden ökologischen Krise eher als mythisch denn realistisch zu beschreiben ist.


    Die einzige, (mir) bisher bekannte, halbwegs denkbare Quantifizierung aller Güter und Dienstleistungen ist eben der Marktwert (ebenfalls bekannterweise, das muss eingeräumt werden, mit den dazugehörigen Problematiken). Es ist unwahrscheinlich, dass ein anderer Wert helfen kann, da es eben nicht um eine objektive Berechnung, sondern um jene der Nachfrage geht. Sogar Güter, die nicht direkt über den Markt gehandelt werden müssen in ihrem Wert über den Marktwert bestimmt werden, wenn eine klare Kosten-Nutzen-Berechnung überhaupt machbar sein soll.


    Die bekannten negativen Nebeneffekte der Marktallokation könnten durchaus per ergänzende Indikatoren und Rechenwerte ergänzt werden (siehe z.B. die Vorschläge zu einer Gemeinwohl- bzw. Nachhaltigkeitsbilanz), aber solange keine Ökonomie bekannt ist die nicht nur im überschaubar-gemeinschaftlichen, sondern im größeren und gesellschaftlich relevanten Stil ohne Märkte auskommt, ist unklar ob eine marktlose Ökonomie in dieser Größenordnung überhaupt denkbar und - aus emanzipatorischer Sicht - wünschenswert ist.


    Da bereits vorkapitalistische Gesellschaften Märkte kannten, diese aber keineswegs eine zwanghafte Eigendynamik gen Kapitalismus hervorbrachten, sondern es hierfür spezielle Bedingungen im England des 17./18. Jahrhunderts bedurfte, müssen Marktbeziehungen, sofern sie sozial eingebettet stattfinden, womöglich nicht gleich auf eine volle kapitalistische Produktionsweise hinauslaufen. Inwiefern "sozialisierte Märkte" (Diane Elson) praktikabel sind ließe sich ebenfalls nur durch praktische Versuche herausfinden.


    Die Sache ist, wir müssen eben stets mit den Mitteln auskommen, die uns heute zur Verfügung stehen und unter verlässlichen Umständen angewendet werden können. Die Revolution schafft nicht von selbst neue Verhältnisse. Diese entstehen durch schrittweisen sozialen Wandel sowie die Ausbreitung und Entfaltung neuer Arten des praktischen Handelns, die wiederum nur dann planvoll und wie gewünscht eingeführt werden können, wenn sie klar umschrieben werden können. Insgesamt müssen wir die nachkapitalistisch-herrschaftsfreie Gesellschaft mit den Mitteln der alten errichten, da wir keine anderen Mittel zu handhaben wissen. Wenn wir mit den alten Mitteln jedoch neue Ergebnisse erzielen wollen, kommt es darauf an, die Kombinationen und Umstände zu verändern, unter denen sie angewandt werden.

  • Eine Fundamentalkritik ... beantwortet aber keineswegs die Frage ob eine nachkapitalistische Ökonomie auch in der Realität ohne Märkte auskommen kann bzw. das Verschwinden von Märkten in einer komplexen und dynamischen Gesellschaft überhaupt wünschenswert ist....

    Hallo Marihuana,

    jemand der die Realität einer nachkapitalistischen Ökonomie zu kennen glaubt, und der das Verschwinden von Märkten überhaupt nicht für wünschenswert hält, dessen Mitarbeit im Marx-Forum halte ich nicht länger für wünschenswert.


    Such dir bitte einen anderen Ort für deinen Marktradikalismus!


    Gruß Wal