Wie bürgerliche Gesellschaftskritiker mit Randbemerkungen den Kapitalismus alternativlos machen

  • Wenn man sich kritische Sachbücher und Populärliteratur durchliest, die auf soziale Missstände stoßen, deren Ursache sogar einmal auf die hiesige Wirtschaftsweise zurückgeführt wird, dann fällt den besorgten Autoren auf, dass daraus der logische Schluss folgt, erst durch die Abschaffung dieser gesellschaftlichen Verhältnisse ist die Behebung des festgestellten Missstands möglich. Dieser Schluss wird aber nicht gemacht, sondern weil er gegen die Parteilichkeit bürgerlicher Heuchler verstößt, werden sich immer gleiche Argumente ausgedacht, die mit der Sache gar nichts zu tun haben, aber dafür um so mehr die Alternativlosigkeit des Kapitalismus sekundieren sollen. Im Folgenden exemplarisch zwei Auszüge derart geistreicher Verteidigung.


    Kommunismus tot…

    Nachdem der Autor Hariri in „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ die üblichen Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaft beklagt, Armut vor lauter Überfluss usw., fallen ihm diese schlagkräftigen Argumente für den Erhalt einer solch schädlichen Ordnung ein:


    „Auf diese Kritik hat der Kapitalismus zwei Antworten. Erstens hat der Kapitalismus eine Welt geschaffen, die nur noch von Kapitalisten beherrscht werden kann.“ (S. 406, „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, Y. N. Hariri, 2013, Pantheon)


    Eine schöne Tautologie, wenn überall Kapitalismus herrscht, dann ist es eine Welt, in der die Kapitalisten herrschen. Zudem erfindet der Autor ein Subjekt, denn „der Kapitalismus“ ist kein Verein, sondern bezeichnet ein Wirtschaftssystem, in dem so manche Akteure agieren – vor allen Dingen eine der zwei Klassen, die die kapitalistische Produktionsweise erzeugt hat.


    „Der einzige ernstzunehmende Versuch, die Welt anders zu organisieren – der Kommunismus –, war in fast jeder Hinsicht so viel schlechter, dass kaum jemand ein Interesse daran hat, ihm eine zweite Chance zu geben.“ (ebd.)


    Worin „der Kommunismus“ des 19. Jahrhunderts bestand, ist Hariri da völlig gleichgültig. Ob das nur ein Versuch war, dem Volk eine kommandierte Gewinnwirtschaft zum Erfolg der Staatsmacht zu verordnen, an der diese Kommunisten Maßstäbe gesetzt haben, die dummerweise von der Geldwirtschaft im Westen abgeschaut wurden, davon abstrahiert der Autor, um dadurch gleich jede Planwirtschaft abzutun. Worin seine „Hinsichten“ bestehen, die den Geldsozialismus „so viel schlechter“ aussehen lassen, kann man sich schnell erschließen. Für nötig befindet er es nicht, diese zur Debatte zu stellen – denn „kaum jemand hat ja Interesse daran“. Wahrscheinlich sind diese Maßstäbe wohl unbrauchbar, vom Warenfetisch befangen und durchdrungen von bourgeoiser Voreingenommenheit, die gar nichts mit den Bedürfnissen des arbeitenden Fußvolks am Hut haben.

    Mit der Behauptung, einer anderen Gesellschaftsordnung keine zweite Chance mehr zu geben, ist eine gedankliche Dummheit vollzogen worden. Wer so unüberlegt vorgeht, der lässt ernsthaft gesellschaftliche Ordnungen als praktische Versuche laufen, um zu schauen wie sie sich so in der Realität machen. Anstatt die aktuellen Verhältnisse zu studieren, um die Gewissheit zu haben, die Widersprüche und Ursachen der gesellschaftlichen Schäden erkannt zu haben, damit sie mit deren Erkenntnis bewusst durch eine gesellschaftliche Veränderung beseitigt werden.


    „Vor 12000 Jahren konnte man bittere Tränen über die landwirtschaftliche Revolution vergießen, doch es war zu spät, um das Ruder noch einmal herumzureißen. Genauso verhält es sich mit dem Kapitalismus: Wir mögen ihn noch so sehr hassen, aber wir können nicht mehr ohne ihn leben.“ (ebd.)


    Noch besser, den Kapitalismus einfach als Naturgesetz behaupten.


    … und die sozialen Ideale leben!

    Eine zweite Expertin, die ganz viel Elend im Kapitalismus feststellen will, aber sich trotz allem so ziemlich ohne irgendein Argument für den Fortgang ausspricht, findet sich in dem Buch „Die Einkaufsrevolution – Konsumenten entdecken ihre Macht“ von Busse.


    „Vielleicht sollte man die Beantwortung der Grundsatzfrage, die sich ohnehin niemand mehr ernsthaft stellt, vertagen und dafür sofort mit den kleinen Schritten beginnen, ganz systemimmanent, und statt sich vergeblich ums Ganze zu kümmern, lieber erfolgreich die Details verändern.“ (S. 31, „Die Einkaufsrevolution – Konsumenten entdecken ihre Macht“, T. Busse, 2006, Blessing)


    Wenn sich „niemand mehr“ die „Grundsatzfrage“ stellt, dann ist das für die Autorin Busse ein ausreichender Grund, es gleich bleiben zu lassen – zu tun und zu denken, was andere für richtig halten, das dürfte einer hervorragend ausgebildeten Journalistin ohnehin vertraut sein.

    Die raffinierte Philosophin will „die Grundsatzfrage“ „vertagen“ – ziemlich merkwürdig, nachdem sie in ihrem schönen Buch lauter Elend, Hungertod, Krieg und sonstige Schönheiten der modernen Welt anprangert. Mit diesen Argumenten ist gar nicht erst die Erklärung dieser gesellschaftlichen Schäden angesprochen worden. Doch wenn die Analyse dieser Übel ergeben würde, dass das kapitalistische System Ursache ist, kann man sich wieder auf seine unbegründete Ablehnung einer gesellschaftlichen Systemalternative berufen, die man in zwei Sätzen locker hinklatschen kann. Dann natürlich bleiben leider nur noch die „kleinen Schritte“. Das passt Busse so richtig in den Kram, erst einmal die Analyse der kapitalistischen Gesellschaft beiseiteschieben, und dann überall erfundene Ideale entgegenhalten, wo etwas „falsch läuft“. Es sind wunderlicherweise die immer gleichen systematischen Schäden und Gegensätze, die nie den philiströsen Idealen von Sozialromantikern Platz machen wollen. Bloße „Details erfolgreich zu verändern“ bedeutet übersetzt in ihrer Sprache gar nichts bewirken zu wollen.

    Die parteiliche Position a priori für die kapitalistische Weltherrschaft und ihre erfolgreiche Durchsetzung muss hingegen notwendig zur falschen Erklärung derselben führen, ansonsten bräuchte man gar nicht vor einer Analyse extra die Alternative zum Kapitalismus ausschließen. Aber das hat die Autorin schon ganz richtig von ihrer Herrschaft gelernt, denn nicht umsonst gilt hierzulande: „Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue (!) zur Verfassung.“ (GG, Art. 5, Abs. 3) Argumentieren und kritisch sein braucht man gegen diese kapitalistische Ordnung nicht, der hat man unbegründet und kritiklos zu dienen.

    Unter demokratisch verbildeten Untertanen gilt dann wohl eine Gesellschaftsanalyse für ertragreich und lesenswert, die bereits in der Einleitung erklärt, „die Beantwortung der Grundsatzfrage zu vertagen“. Solch einen Blödsinn sollte sich einmal ein Naturwissenschaftler erlauben…

    Das Buch stellt eine ordentliche und bunte Ansammlung von den Widerlichkeiten dar, die man in der kapitalistischen Welt nicht dreimal suchen muss. Aber das liefert für überzeugte Untertanen noch lange keine hinreichenden Gründe, die kapitalistische Wirtschaft abzulehnen, geschweige denn sich einer eingehenden Analyse dessen zu verschreiben, was einen so sehr stört. Das Buch erscheint als einzige Klageschrift einer Idealistin, die allenthalben feststellen will, was „eigentlich“ getan werden sollte, müsste, hätte usw. Solche Moralisten verstehen es, die wirkliche Welt einfach nicht zu untersuchen und stets ihr Ideal auf eine Realität zu stülpen, in der nirgends dieses Ideal herrscht oder gar von den maßgeblichen gesellschaftlichen Instanzen vertreten würde. Eine negative Feststellung der Wirklichkeit, ihre Moral, weigert sich jedweder Erklärung derselben. Anstatt zu betrachten, was die handelnden Agenten tun, und was sie nicht selten auch sagen, findet die Moralistin Busse überall den Verstoß gegen ihre erfundenen Maßstäbe wie „Gerechtigkeit“, „unternehmerische Verantwortung“, „Selbstverständlichkeiten“ usw.

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