Kleine Klarstellung zum Positivismus

  • Der Positivismus behauptet, der Erfolg eines verwirklichten Experiments sei der Beweis der zu prüfenden Theorie. Aus der empirischen Wirklichkeit der Natur etwa ergeben sich jedoch nicht von selbst ihre Gesetzmäßigkeiten und Zusammenhänge, man muss sie schon richtig deuten. Denn „[alle] Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen.“ (MEW 25, 825)


    „Die Empirie der Beobachtung allein kann nie die Notwendigkeit genügend beweisen. Post hoc |nach diesem|, aber nicht propter hoc |wegen diesem|. Dies ist so sehr richtig, daß aus dem steten Aufgehn der Sonne des Morgens nicht folgt, sie werde morgen wieder aufgehn, und in der Tat wissen wir jetzt, daß ein Moment kommen wird, wo die Sonne eines Morgens nicht aufgeht.“ (MEW 20, 497)


    Die Feststellung von Phänomenen, ihrer objektiven Korrelation, ist also keine Erklärung von Ursachen und Zusammenhängen.

    Ein Experiment ist, wenn auch eine gemachte, „Erscheinung“ und gilt richtig interpretiert zu werden. Sowohl ein verfehltes als auch ein erfolgreiches Experiment kann Schlüsse über die Gesetze der Natur zulassen, und doch kann man auch jedes Experiment falsch deuten. Man muss ohnehin überprüfen, ob die jeweilige Überlegung stimmig ist, die die Theorie mit einem erfolgreichen Experiment bewiesen wissen will. In der Industrie war und ist es immer wieder der Fall, dass die vollständige Funktion der Technik, die Erklärung der darin enthaltenen Naturgesetze, gar nicht bekannt sein müssen und trotzdessen der Apparat "erfolgreich" angewendet wird. Bsp. war Jahrtausende lang den Matellarbeitern die Chemie der Metalle unbekannt oder besser noch sie vertraten falsche Theorien, die so dann auch erfolgreich schienen.
    Aber ohne Frage, mit Experimenten lassen sich wohl auch neue Erkenntnisse gewinnen und bisherige naturwissenschaftliche Fragen beantworten – mit Experimenten, die nach dem Stand von Wissenschaft und Technik bis dato unmöglich waren oder nicht gefördert wurden. Experimente präzisieren und erweitern die Erfahrung, indem etwa der Zusammenhang zwischen konkreten Größen separat in vitro variiert und untersucht wird.

    Marx schreibt im Kapital:


    „Bei der Analyse der ökonomischen Formen kann außerdem weder das Mikroskop dienen noch chemische Reagenzien. Die Abstraktionskraft muss beide ersetzen.“ (MEW 23, 12)


    Als wäre nicht „Abstraktionskraft“ nötig, um die Forschung mit dem Mikroskop und Reagenzien zur Theorie zu bringen, denn immerhin „wäre alle Wissenschaft überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen.“ Hier widerspricht sich Marx, denn die Beobachtung isolierter und beeinflusster Natur enthält in keiner Weise an sich die richtige Theorie, weil es ihr nur um die Erscheinung zu tun ist.

    Man muss hier anmerken, ausgerechnet so manch ein Marxist will die Gewissheit propagieren, die mit dem Experiment geliefert werden soll. Doch im Kapital ist nichts von einem Experiment zu lesen, die Erkenntnis, dass Kapitalismus Ausbeutung ist, wurde nicht experimentell bewiesen. Wer nun vermeldet, in den Gesellschaftswissenschaften sei das so auch gar nicht möglich, der muss entweder Wissen über Gesellschaft leugnen oder kann auch einfach die Verherrlichung des Positivismus per se unterlassen.

  • Hallo pfeilregen,

    Als wäre nicht „Abstraktionskraft“ nötig, um die Forschung mit dem Mikroskop und Reagenzien zur Theorie zu bringen, denn immerhin „wäre alle Wissenschaft überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen.“ Hier widerspricht sich Marx, denn die Beobachtung isolierter und beeinflusster Natur enthält in keiner Weise an sich die richtige Theorie, weil es ihr nur um die Erscheinung zu tun ist.

    Für mich ist diese Argumentation gut nachvollziehbar.


    Anders verhält es sich mit Deiner Behauptung:


    Man muss hier anmerken, ausgerechnet Marxisten wollen die Gewissheit propagieren, die mit dem Experiment geliefert werden soll

    Ich denke dagegen:

    Es mag einzelne Marxistinnen oder Marxisten geben, die in diesem Maße "Experimentorientiert" sind.

    Für "ausgerechnet Marxisten" als allgemeiner Kategorie kann ich dies aber nicht sehen.

    VG, basal

  • basal

    Ich kann dir nur zustimmen, hatte vergessen das zu ändern. Der Text ist eigentlich ein veränderter Textausschnitt aus einer Kritik, deshalb hat es dort Sinn ergeben. Aber klar, nur einige Marxisten vertreten einen solchen Standpunkt. ;)

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