Wissenschaft und Technologie im Kapitalismus

  • Naturwissenschaft und Technik


    Die Naturwissenschaft erforscht die Natur, ihr Gegenstand ist die Erklärung von Naturgesetzen und -zusammenhängen. Die Kenntnis der Naturgesetze wird besonders deshalb betrieben, da sie das Potenzial birgt, aus ihr Methoden zur Beherrschung der Natur für die Zwecke des Menschen herzuleiten. Die Technologie ist die Wissenschaft, die mithilfe dieser Kenntnisse die Natur nach Maßgabe der Bedürfnisse der Menschen manipuliert. Die Disziplinen der Naturwissenschaft sind nach der vorhandenen natürlichen Wirklichkeit systematisiert, ihr Objekt ist unabhängig von der menschlichen Gesellschaft und mithin ahistorisch (1). Die Technologie hingegen besteht aus Fachrichtungen, die vom Stand der Kultur abhängig sind und im Besonderen die Stufe des Produktionsniveaus erfasst, dessen Entwicklung sie erzeugt hat. Die Technologie stellt sich als eine Forschung eigener Art dar, sie beschäftigt sich mit Erfindungen zur Beeinflussung der Natur und verbindet verschiedene Fachgebiete der Naturwissenschaft.


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    „Die Natur baut keine Maschinen, keine Lokomotiven, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, selfacting mules etc. Sie sind Produkte der menschlichen Industrie; natürliches Material, verwandelt in Organe des menschlichen Willens über die Natur oder seiner Betätigung in der Natur. Sie sind von der menschlichen Hand geschaffene Organe des menschlichen Hirns; vergegenständliche Wissenskraft. Die Entwicklung des fixen Kapitals [Technologie, Maschinerie, Gebäude etc.] zeigt an, bis zu welchem Grad das allgemeine gesellschaftliche Wissen zur unmittelbaren Produktivkraft geworden ist und daher die Bedingungen des gesellschaftlichen Lebensprozesses selbst unter die Kontrolle des allgemeinen Verstandes gekommen und ihm gemäß umgeschaffen sind.“ (MEW 42, 602)


    Wie Wissenschaft unter der Obhut vom Staat und seiner Marktwirtschaft stattfindet


    Der bürgerliche Staat übernimmt in seinem Interesse die naturwissenschaftliche Forschung, dies aus verschiedenen Gründen. Sie würde für den einzelnen Kapitalisten zu hohe Kosten verursachen, da die bloße Kenntnis naturwissenschaftlicher Zusammenhänge kein unmittelbares Anliegen der Unternehmen ist. Denn mit dem basalen Wissen wie bspw. das Gravitationsgesetz oder dem Gen als Bestandteil aller Zellen lässt sich kein Profitchen gewinnen.

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    „Einmal entdeckt, kostet das Gesetz über die Abweichung der Magnetnadel im Wirkungskreise eines elektrischen Stroms oder über die Erzeugung von Magnetismus im Eisen, um das ein elektrischer Strom kreist, keinen Deut.“ (MEW 23, 407)


    Ob sich aus dem erweiterten Wissen etwa „Innovationen“ (Produktinnovation – neuartige, marktfähige Produkte; Prozessinnovation – Entwicklung von rentableren Produktionsverfahren) entwickeln lassen, aus denen ein rentables Geschäft gemacht werden kann, ist stets ungewiss. Insbesondere die Grundlagenforschung birgt also das Problem, dass grundlegendes naturwissenschaftliches Wissen schwerlich privatisiert werden kann, um als Konkurrenzvorteil einzelner Unternehmen zu dienen. Naturgesetze sind keine Ware. Hier bricht sich der Widerspruch Bahn, Wissen als gesellschaftlicher Gegenstand in Form von „geistigem Eigentum“ für private Zwecke zu verhüllen und geheim anzuwenden. Somit besteht zum einen das hohe Risiko, falls das Unternehmen für seinen Wettbewerbsvorteil forschen lässt, dass die Forschung aus dem Zufall der Erkenntnis überhaupt erst keine Innovationen produziert, die die Kosten der Forschung gar wettmachen würden. Und zum anderen würden die allgemeinen Naturkenntnisse gleich verbreitet werden, sodass sie nicht mehr einzelnen Wettbewerbsvorsprung darstellen.


    Der Staat will durch die „Freiheit der Wissenschaft“ zum einen die Objektivität derselben gewährleisten, statt dass private Interessen wissenschaftliche Ergebnisse zu deren momentanen Vorteil verfälschen. Zum anderen erlaubt die Staatsgewalt damit die freie Ausweitung der Fachgebiete, um möglichst große Potenziale auszuschöpfen. Dies kann für den gesamten nationalen Wirtschaftsstandort nützlich sein, insbesondere wenn er gegen andere Staaten und ihre Ökonomien auf dem Weltmarkt antreten muss. Die Freiheit dient also dieser gesellschaftlichen Produktion, die auf Naturbeherrschung angewiesen ist.


    Wissen wird dabei zu einer selbständigen Produktionspotenz und seine Schöpfung ist gleich nur bestimmten Berufsständen vorbehalten, in der kapitalistischen Klassengesellschaft mit starrer Arbeitsteilung. Damit wälzt der Staat die Kosten der Wissenschaft auf die ganze Gesellschaft ab, um das Kapitalwachstum, dessen Zwang eine funktionierende Marktwirtschaft unterliegt, auf seinem Binnenmarkt zu gewährleisten. Vor allem müssen naturwissenschaftliches Grundlagenwissen und gefundene Naturgesetze öffentlich und frei zugänglich werden, damit die entsprechende Ausbildung der Fachkräfte gelingt und auch nötige Forschungsarbeit. Demgegenüber steht am offensichtlichsten die Technologie im Dienst der Kapitalisten, da ihr Wissen unmittelbar eigenständige Produktionspotenz ist für die private Kapitalvermehrung, die damit insgesamt auch Staatsinteresse ist und sich somit ausschließlich unter die Kriterien der ökonomischen Akteure beugen muss – dies impliziert die Notwendigkeit der einkalkulierten Schäden an Verbraucher, Arbeiter und Umwelt, wenn einzig hohe Rentabilität den Zweck der technischen Anwendung darstellt. Der bürgerliche Staat als „ideeller Gesamtkapitalist“ will „Wachstum“ in seiner Nationalökonomie produziert sehen, der Herrschaftsapparat will so möglichst viel Reichtum aus seinem Volk abschöpfen, um seine Macht zu speisen.


    Das Ingenieurwesen selbst ist vorwiegend dazu berufen, durch Prozessinnovation die Produktivität zu steigern, was zur Konsequenz hat, dass man weniger Arbeitszeit für dasselbe Ergebnis an produzierten Waren benötigt. Die technische Steigerung der Produktivkraft der Arbeit aber führt in dieser Gesellschaft nicht zur Aufteilung der geringeren Arbeitszeit unter der Belegschaft, sondern zur Entlassung eines Teils in die Arbeitslosigkeit und die Entledigung ihres Lebensunterhalts, und umgekehrt zur gleich langen und intensiven Ausbeutung der übrigen Arbeiter. Die Produktivität wird also nicht zum Wohle der Arbeitenden entwickelt, damit diese weniger arbeiten müssen für dieselbe Masse an Produkt, sondern um die Kapitalproduktivität zu steigern – kurz: um die Lohnkosten zu senken, indem weniger Arbeitskraft angestellt und entlohnt werden muss.

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    „Wahrhaft reich eine Nation, wenn statt 12 Stunden 6 gearbeitet werden. Reichtum ist nicht Kommando von Surplusarbeitszeit (2)“ (realer Reichtum), „sondern verfügbare Zeit außer der in der unmittelbaren Produktion gebrauchten für jedes Individuum und die ganze Gesellschaft.“ („The source and remedy of the national difficulties...“, London 1821, p.6 nach MEW 42, 602)


    Die Produktpreise wiederum senkt ein Unternehmen jedoch nicht im Interesse der Kunden, sondern um deren Kaufkraft mit billigeren Preisen auf sich zu locken und gleichzeitig die Konkurrenz auf dem Markt auszustechen.


    Jede neue Erfindung und technische Entwicklung muss sich letztlich an der geldwirtschaftlichen Verwertbarkeit der Anwendung bewähren und damit dem Interesse von Unternehmen und dem bürgerlichen Staat - der wohl auch die gesellschaftlichen Bedingungen ("Infrastruktur") für das nationale Wachstum bereitstellt ohne darin nur total den Standpunkt Rentabilität gelten zu lassen. Die staatlich organisierte technologische Forschung geschieht in Zusammenarbeit mit den Unternehmen, mittels Auftragsforschung wollen sie Recht auf Patente erlangen und mit diesen ein Geschäft machen. Zum Beispiel haben Unternehmen wie erwähnt einen Konkurrenzvorteil durch Steigerung der Produktivität mit verbesserten Produktionsverfahren, erzielen Einnahmen durch die Lizenzvergabe der entwickelten Verfahren an andere Unternehmen, indem sie das Monopol an diesen weiterhin behalten. Ebenso können sie durch Weiterentwicklung der Produkte die Konkurrenz ausspielen oder gar durch neuartige Artikel Marktnischen erschließen. Hier kommt wieder der Widerspruch von „geistigem Eigentum“ zum Ausdruck, weshalb Industriespionage und Wirtschaftsspionage im Kapitalismus auftritt, wobei letzte im Auftrag eines Staates gegenüber anderen Nationen organisiert wird und in seinem Interesse steht, dem nationalen Wirtschaftsstandort.


    Es soll noch einmal der Unsinn betont werden, statt allen Wissenschaftlern die Entwicklung von Produkten und Prozessen zu ermöglichen, damit sie organisiert gemeinsam die bestmöglichen Fortschritte machen, um die Arbeit zu erleichtern, Material einzusparen, schöne neue Erfindungen zu entwickeln usw. usf. – stattdessen konkurrieren einzelne Unternehmen mit diesem Wissen, für das sie privat ein Monopol für sich veranschlagen und in eigener Initiative ein paar Forschungen nach ihren kapitalistischen Gesichtspunkten beauftragen.

     

    Naturwissenschaft und Technik neben den bürgerlichen Sozialwissenschaften


    Naturwissenschaft und Technologie („MINT“-Disziplinen) in der bürgerlichen Gesellschaft unterscheiden sich von den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften dadurch, dass Erste korrektes Wissen ermitteln, wohingegen die bürgerlichen Sozialwissenschaften dieses Ziel ausdrücklich nicht verfolgen oder gar erreichen. Letzte sind zur Produktion von Ideologie zuständig, zur Rechtfertigung der Ausbeutergesellschaft, und ihr ohnehin plurales Wissen dient den Mächtigen vorwiegend zur moralischen Apologie (3). Da der Staat mit dem Zweck Wachstum auf seinem Wirtschaftsstandort auf tatsächliche Naturerkenntnisse angewiesen ist und ebenso die Industrie wesentlich keinen Nutzen aus falschen Erkenntnissen zieht, deshalb strebt diese Wissenschaft in der bürgerlichen Gesellschaft nach Richtigkeit ihrer Kenntnisse und Erklärungen. Jedoch bestehen Ausnahmen wegen der gesellschaftlichen Ordnung: Unternehmen können für Werbezwecke oder die Umgehung rechtlicher Beschränkungen usw. Interesse an verfälschten wissenschaftlichen Ergebnissen hegen. Und auch wird so mancher Forscher rechtlich belangt, weil er, um seinen Lebensunterhalt in seinem Beruf bzw. seiner Karriere zu bewahren, für ihn günstige Studienergebnisse zurechtgedreht hat und aufgeflogen ist. Daneben tauchen insbesondere in der Technologie sog. empirische Formeln auf, sprich für die praktische Anwendung nützliche Gesetze oder Annäherungen, die jedoch theoretisch nicht gerechtfertigt bzw. erklärt werden können – was oft auch gar nicht notwendig ist, solange man mit den Formeln die entsprechenden Apparate funktionstüchtig bauen kann.  


    Ursache der Schäden: Nicht Wissen (Mittel), sondern nur ein entsprechendes Interesse (Zweck), das Wissen entsprechend anwendet (!), kann schädlich sein

    Die kapitalistische Anwendung von Naturerkenntnissen erzeugt notwendig so allerlei Schäden für Arbeiter, Umwelt und Verbraucher. Die höchste Gewalt setzt diesen Standpunkt des wirtschaftlichen Kapitalwachstums gesellschaftlich durch und ernennt ihn zu ihrem Zweck, damit zum Zweck aller Untertanen, aller Bürger, die sich in dieser freien Konkurrenz ums Eigentum bewähren müssen. Dabei tauchen verschiedene falsche Vorstellungen der Bürger unter der Pauschalisierung namens „Fortschritt“, „die Technik“, „die Industrie“, „technisch-rationales Denken“ oder gar „die Zivilisation“ usw. auf. Ist „Fortschritt“ Fluch oder Segen? Die besagten Schäden sind jedoch notwendiges Ergebnis der kapitalistischen Verwertungslogik, die ein bürgerlicher Staat als festen Rahmen seiner Wirtschaft mit der Institution des Privateigentums herrschaftlich durchsetzt, schützt und fördert. Die Wissenschaft der Natur, bloße Naturerkenntnisse, bedingt jedoch mitnichten eine zwangsläufige Anwendung, die als Schaden und Gefahr des menschlichen Lebens betrachtet werden kann. Es ist ein Zweck und ein entsprechender Wille nötig – und die Unterordnung gegenüber diesen –, der gefundenes Wissen zu einer bestimmten Anwendung bringt, denn korrektes Wissen über die Welt kann nur ein Mittel sein. Wissen über brennbare Stoffe und Ballistik oder Radioaktivität und Atomtheorie lässt noch lange nicht den einzigen Schluss zu, Kriegs- und Atomwaffen sowie AKW zu konstruieren. Dazu sind etwa Staatsgewalten nötig, die ihre internationale politische Machtstellung beweisen wollen und mit diesem Interesse die Forscher beauftragen, die das naturwissenschaftliche Wissen für die ingenieurstechnische Planung von Kriegsgerät einsetzen und dieses durch entsprechend organisierte Produktionen herstellen lassen. Ebenso sind die sog. „Maschinenstürmer“ im 18. und 19. Jahrhundert teilweise dem Irrtum verfallen, die technische Entwicklung an sich würde Folgen höherer Arbeitslosenzahlen zeitigen – wobei im Kapitalismus Erwerbslosigkeit mit Mittellosigkeit gleich noch einhergeht solange man zur besitzlosen, unterdrückten Klasse gehört –, oder einseitige, unangenehme und schädliche Arbeit bedeuten – wie sie in der kapitalistischen Klassengesellschaft in starre Hierarchien unter dem Kommando des Kapitals und der Staatsgewalt organisiert ist usw.


    Fußnoten:


    1 Natürlich ist der Gegenstand der Naturwissenschaft im weiteren Sinne in Teilen historisch, da die Biologie nur betrieben werden kann, solange Lebewesen existieren, wohingegen jedoch Wissenschaft per se ein selbstbewusstes intellektuelles Lebewesen wie den Menschen voraussetzt. Und ganz konkret verändert sich der biologische Sachgegenstand wegen der Evolution, Lebewesen sterben aus, werden verändert von der Natur oder gar durch den bewussten Eingriff von Menschen. Die Welt der Lebewesen oder Arten ist in historischen Momenten eine verschiedene, wobei mögliche Fossilien nur eingeschränktes wissenschaftliches Objekt darstellen. Jedoch lassen sich trotz dessen allgemeine Gesetze der Evolution aufstellen oder der Biologie der Lebewesen prinzipiell.


    2 Mehrarbeitszeit, Überschussarbeitszeit über das technisch und sozial Notwendige; also jede Arbeitszeit über solche hinaus, die die Reproduktion der Gesellschaft betreffen, d. i. Lebensunterhalt des Arbeiters, Produktionskosten, notwendige gesellschaftliche Aufgaben usw.


    3 Um diese Kritik an den bürgerlichen Sozialwissenschaften von dem Phänomen, das man als Verschwörungstheorie bezeichnen könnte, abzugrenzen, soll erwähnt sein, dass nicht die empirische Sachlage bestritten werden soll, auf die auch die Gesellschaftswissenschaft zurückgreifen mag. Staaten führten und führen Kriege dann und dort, so viele Leute sind dabei umgekommen, diese und jene Gesetze existieren in einem Staat, so und so hart darf ein Straffälliger demnach bestraft werden usw. usf. Die Verschwörungstheorie will die Informationen über eine Sachlage bestreiten, die demokratische Sozialwissenschaft und demokratische Öffentlichkeit usw. verbreiten. Hier soll jedoch um die Erklärung dieser empirischen Wirklichkeit gestritten werden, um die Gesellschaftstheorie.


    Literaturverzeichnis:


    „Der bürgerliche Staat“, K. Held (Hrsg.), 1980, Resultate Verlag, §5 b)


    „Die Leistungen der Naturwissenschaft (2. Teil)“ in Marxistische Streit- und Zeitschrift Heft 87/02

    (Beides zu finden unter http://www.dearchiv.de; „zum Archiv“, „Archiv Marxistische Gruppe“)


    Wichtiger umfassender Vortrag zum Thema: „Hochschule+Wissenschaft für Kapital+Nation - Peter Decker – 2004“

    https://www.youtube.com/watch?v=IfhPkFe7FMU

  • Hallo Pfeilregen,

    dein Text zur Wissenschaftskritik ist gut gemeint, trifft die Sache aber nur im Ungefähren und Abstrakten.


    1) Zu deiner Betrachtungsweise:

    Du sprichst über „die Naturwissenschaft“ und über „den bürgerlichen Staat“, aber der Leser weiß nicht, von welchem Staat und welcher Zeitepoche eigentlich die Rede ist. Ist von Deutschland die Rede und von unserer heutigen Zeit? Das bleibt ganz unbestimmt. Einen „bürgerlichen Staat“ gibt es in Deutschland mindestens seit 1871. Aber der Staat in Deutschland und die Organisation der Wissenschaft ist keineswegs unverändert geblieben. Und es gibt auch etliche Unterschiede des Wissenschaftsbetriebs hier und anderswo. Bezüge zur historischen und zur heutigen Wirklichkeit fehlen bei dir völlig. Deine Aussagen kommen daher nicht wie eine Beschreibung der Wirklichkeit daher, sondern wie abstrakte Definitionen von Begrifflichkeiten:

    Quote

    „Der bürgerliche Staat übernimmt ....“,

    „Die Verschwörungstheorie will...“,

    „Die Naturwissenschaft erforscht ...“

    „Das Ingenieurwese selbst...“

    Zwar räumst du in einer Fußnote ein: „Natürlich ist der Gegenstand der Naturwissenschaft im weiteren Sinne in Teilen historisch...“- aber du selbst gehst an deinen Gegenstand ahistorisch und überzeitlich heran.


    2) Zu deinen Inhalten:

    2.1. Du machst die grobe Unterteilung: Wissenschaft sei staatlich, Technologie (angewandte Wissenschaft) sei privatkapitalistisch.

    Du schreibst:

    Quote

    „Der bürgerliche Staat übernimmt in seinem Interesse die naturwissenschaftliche Forschung, dies aus verschiedenen Gründen. Sie würde für den einzelnen Kapitalisten zu hohe Kosten verursachen,...“

    „Der Staat will durch die „Freiheit der Wissenschaft“ zum einen die Objektivität derselben gewährleisten, statt dass private Interessen wissenschaftliche Ergebnisse zu deren momentanen Vorteil verfälschen.“


    „Demgegenüber steht am offensichtlichsten die Technologie im Dienst der Kapitalisten,...“

    Diese Unterteilung entspricht meines Erachtens mehr dem Vorurteil des Hochschulpersonals als der Wirklichkeit.

    Die gesamte "Auftragsforschung" an den Hochschulen ist eben nicht staatlich geplant und organisiert, sondern wird direkt von den Unternehmen gesteuert. Der Staat subventioniert diese privat organisierte Forschung, indem er staatliches Personal und Einrichtungen dafür zur Verfügung stellt.

    Darüber hinaus sind tatsächlich mehr Wissenschaftler in Deutschland direkt in Unternehmen beschäftigt, als an den deutschen Hochschulen. (Und von der Anzahl der Hochschulwissenschaftler müsste man noch die Arbeitszeit abrechnen, die sie für Lehre aufwenden).

    „Deutsche Unternehmen bringen mehr als zwei Drittel der Mittel auf, die in Deutschland insgesamt in FuE investiert werden. Und sie beschäftigen die meisten Forscher: Mehr als 416.000 Menschen arbeiten in den Unternehmen für Forschung und Entwicklung – vor allem in den großen Branchen Kraftfahrzeugbau, Maschinenbau, Elektrotechnik, Chemie und Pharmazie, immer häufiger aber auch in den Dienstleistungssektoren.“

    Quelle

    Die Zahl 416.000 mag "großzügig" berechnet sein, aber zum Vergleich:

    Das Statistische Bundesamt vermeldet in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften an deutschen Hochschulen für das Jahr 2016 gerade mal 722 Professoren plus 5454 Assistenten und wissenschaftliche Mitarbeiter, macht knapp 6.200 Personen. Dass Naturwissenschaft in Deutschland überwiegend oder gar völlig staatlich organisiert sei, geben diese Zahlen nicht her.


    Wie viel Forschung wird zum Beispiel aktuell für Künstliche Intelligenz (AI) an Hochschulen und wie viel in Unternehmen betrieben? Ich denke, wer Wissenschaftskritik auf seine Fahnen schreibt, müsste solche Fragen beantworten können.


    Frage nebenbei: Wie viele der Wissenschaftler, nach denen unsere Unis heute benannt sind, betrieben denn ihre Studien an einer Hochschule? - Leibnitz? Humboldt? Darwin? Einstein? Heisenberg? Wer?


    2.2. Deine Vorstellung von der heutigen (Natur)Wissenschaft ist ziemlich unkritisch, wenn du schreibst:

    Quote

    „Naturwissenschaft und Technologie („MINT“-Disziplinen) .... unterscheiden sich von den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften dadurch, dass Erste korrektes Wissen ermitteln...“

    Ich bezweifle, dass man die pauschale Aussage machen kann, dass „Naturwissenschaft ... korrektes Wissen ermittelt“. Ich selbst bin zwar Historiker und kein Naturwissenschaftler, aber trotzdem bekomme ich ziemlich viel Schrott mit, der von Naturwissenschaftlern verbreitet wird. Angefangen damit, dass die Naturtheorie von Einstein bis Stephen Hawking nicht ohne Gott auskommt, - über die von Wissenschaftlern betriebene Kontaktsuche mit „Außerirdischen“ - bis hin zu „christlichen“ Naturwissenschaftlern und Kreationisten.


    Und es gibt unzählige Berichte darüber, wie sehr im Alltag der Wissenschaft geschoben, geschummelt und getrickst wird. Wie häufig Wissenschaftler ihre Ergebnisse Fälschungen verdanken, darüber wird überall diskutiert, nur nicht von dir.

    „Die akademische Forschung ist uneffektiv und teuer. Sie ist ein Salat aus Planwirtschaft, Oligarchie, Anarchie, mittelalterlicher Organisationsform und frühkapitalistischer Ausbeutung ... Der deutsche Forscher wird nicht für wissenschaftlichen Erfolg belohnt, sondern für Rang, Dienstalter, Herkunft, Treue zu Vorgesetzten, unauffälliges Benehmen und politische Begabung.“ LitDokAB 1993/94 a-2428.


    All das wird in deiner Wissenschaftskritik ausgeblendet. Was übrig bleibt, ist der Glaube an die Unfehlbarkeit und Unersetzlichkeit der bürgerlichen Wissenschaft.


    "Ein Töpfer, der weder Griechisch, noch Lateinisch verstand, war der erste, der gegen das Ende des 16. Jahrhunderts wagte, allen Doktoren in Paris öffentlich unter die Augen zu sagen, die gegrabenen Schalengehäuse wären die Wohnungen wirklicher Schalentiere, welche das Meer ehemals an den Stellen, wo sie jetzt liegen, abgesetzt hätte; und verschiedene Tiere, besonders Fische, hätten allen den figurierten Steinen ihre mancherlei Gestalten mitgeteilet usw. Er forderte die ganze aristotelische Schule (die Universitätsgelehrten, w.b.) auf, seine Beweisgründe, wenn sie könnten, zu entkräften. So vielen Mut hatte Bernhard Palissy aus Saintonge ..."

    aus: Georges-Louis Leclerc de Buffon: Allgemeine Naturgeschichte. Berlin 1771. Nachdruck 2001, S.178f.


    Weil aber die Wissenschaftler diesem Töpfer nicht glaubten, geriet seine Theorie in Vergessenheit und wurde erst 100 Jahre später wieder aufgegriffen. Soviel zur Überlegenheit der bürgerlichen Wissenschaft.


    Gruß Wal


    Siehe auch:


    Know-How im Kapitalismus


    Karl Marx über Wissenschaft

  • Hallo Wal,

    viel Dank für deinen längeren Kommentar.


    Quote

    ... dein Text zur Wissenschaftskritik ist gut gemeint, trifft die Sache aber nur im Ungefähren und Abstrakten.

    Das hast du nun wirklich nicht mit deiner Kritik nachgewiesen, die zwei, drei Gedanken, die du aus meinem Text herausnimmst, sind ja nun nicht alles gewesen, was ich mitzuteilen hatte.


    1)


    Quote

    Zwar räumst du in einer Fußnote ein: „Natürlich ist der Gegenstand der Naturwissenschaft im weiteren Sinne in Teilen historisch...“- aber du selbst gehst an deinen Gegenstand ahistorisch und überzeitlich heran.


    Deine Kritik daran, wie ich Naturwissenschaft per se behandle, leuchtet mir nicht ein. Du zeigst gar nicht auf, worin mein Urteil über sie falsch sein soll?


    Quote

    Deine Aussagen kommen daher nicht wie eine Beschreibung der Wirklichkeit daher, sondern wie abstrakte Definitionen von Begrifflichkeiten

    Wenn die Begriffe die wirkliche Sache treffen, dann wäre deine Unterscheidung von Begriff und Beschreibung auch überflüssig. Und zudem, ob Erklärungen abstrakt allgemein oder sehr konkret sind, sagt nichts über deren Richtigkeit aus.

    Mit dem (bürgerlichen/kapitalistischen) Staat bezeichne ich wohl entwickelte, funktionstüchtige Staaten, eben mit einer ziemlich vollständigen kapitalistischen Wirtschaft. Ich denke, das ergibt sich schon aus der Erklärung, was der Begriff bezeichnen soll (etwa allgemeine Schulbildung als mehr oder minder verwirklichte Grundlage von halbwegs funktionierenden und entwickelten kapitalistischen Herrschaftsapparaten usw.). Dass ich auch falsch liegen kann, mag sein, dann korrigiere ich Fehlurteile.


    2) 2.1

    Also naturwissenschaftliche Grundlagenforschung findet nun wirklich nicht in der Hand privater Unternehmen statt, das leitet der Staat. Ich habe auch erklärt warum Naturgesetze und grundlegendes naturwissenschaftliches Wissen weder Patent verliehen bekommt noch im Auftrag von privaten Unternehmen erforscht werden. In deinem Link steht noch selbst Wissenschaftler in Unternehmen "forschen für die Praxis und können die Umsetzung Ihrer Ideen verfolgen." - ob neue Kenntnisse über den Aufbau von Hefezellen zu brauchbarer kapitalistischer Innovation führt, das ist weitaus ungewisser als Anwendung neuer EDV-Technik für eine "moralisch verschließene" Fabrik, die auf Vollautomatisation umstellen will.

    Quote

    Das Statistische Bundesamt vermeldet in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften an deutschen Hochschulen für das Jahr 2016 gerade mal 722 Professoren plus 5454 Assistenten und wissenschaftliche Mitarbeiter, macht knapp 6.200 Personen. Dass Naturwissenschaft in Deutschland überwiegend oder gar völlig staatlich organisiert sei, geben diese Zahlen nicht her.


    Wal, du hast hier die Daten von S. 8 gewählt, dort ist klar angegeben, dass 1. nur Baden-Württemberg erfasst wurde und 2. nur Universitäten. Daneben hast du nur hauptberufliches Personen einbezogen - was du auch selbst angibst. Auf S. 92 kann man entnehmen, dass allein im Bereich "Mathematik, Naturwissenschaft" an Universitäten das "Haupt- und nebenberufliche wissenschaftliche (und künstlerische) Personal" bei 53.000 liegt (die mittlere Zeile), auf S. 98 an Hochschulen insgesamt 56.000 - und jeweils "Verwaltungs-, technisches und sonstiges Personal" nicht zugeordnet. Das macht insgesamt knapp 110.000 Berufstätige allein in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften an deutschen Hochschulen für das Jahr 2016, darunter 24.000 nebenberufliche. Laut meiner bescheidenen Interpretation der Daten. Ingenieurwissenschaft (wären noch einmal etwa 117.000), Medizin, Ökotrophologie usw. sogar ausgelassen.

    Bei der Angabe 416.000 müsste man ohnehin schauen, wer überhaupt darunter gezählt wurde.

    Und ja wahrlich, darunter fällt wohl ein größerer Teil der Lehrtätigkeit zu. Während die Wissenschaftler im Betrieb wohl auch ein bisschen Unternehmerisches tun müssen.

    Ich könnte jetzt deine Tour auffahren und behaupten, deine Aussage sei entweder sehr unaufmerksam oder "böswillige Verleumdung". (Wal, ich mache hier nur einen Scherz, keine Aufregung :D )

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    Wie viel Forschung wird zum Beispiel aktuell für Künstliche Intelligenz (AI) an Hochschulen und wie viel in Unternehmen betrieben? Ich denke, wer Wissenschaftskritik auf seine Fahnen schreibt, müsste solche Fragen beantworten können.


    Das würde gar nicht gegen, sondern für meine Behauptung sprechen. Als ob Künstliche Intelligenz unter naturwissenschaftlicher Grundlagenforschung fiele.

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    Frage nebenbei: Wie viele der Wissenschaftler, nach denen unsere Unis heute benannt sind, betrieben denn ihre Studien an einer Hochschule? - Leibnitz? Humboldt? Darwin? Einstein? Heisenberg? Wer?


    Allesamt haben ein entsprechendes Studium an einer Hochschule genossen, das die nötige Basis ihrer forscherlichen Studien bilden musste. Es tut auch nichts zur Sache, ob manche großen Entdeckungen außerhalb von Universitäten gemacht wurden.

    In meinem ursprünglichen Artikel bin ich auf andere Punkte noch näher eingegangen, besonders auf die Bildungsinstitutionen. Wollte aber den Post hier nicht überladen mit Inhalt.


    2.2

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    Ich bezweifle, dass man die pauschale Aussage machen kann, dass „Naturwissenschaft ... korrektes Wissen ermittelt“. Ich selbst bin zwar Historiker und kein Naturwissenschaftler, aber trotzdem bekomme ich ziemlich viel Schrott mit, der von Naturwissenschaftlern verbreitet wird. Angefangen damit, dass die Naturtheorie von Einstein bis Stephen Hawking nicht ohne Gott auskommt, - über die von Wissenschaftlern betriebene Kontaktsuche mit „Außerirdischen“ - bis hin zu „christlichen“ Naturwissenschaftlern und Kreationisten.


    Da liegst du wirklich falsch Wal. Ich befinde mich gerade in einem solchen naturwissenschaftlich-technischen Studium und kann dir versichern, dass ich weder etwas mit Gott noch mit Außerirdischen zu tun bekomme, sondern mir lauter Materialismus und korrekte Erklärungen begegnen. Wenn Wissenschaftler etwas öffentlich verbreiten, das theologisch und Schrott ist, dann wissen sie ganz genau, dass sie das neben ihrer Berufstätigkeit tun müssen. Aber auszuschließen ist nicht, dass in Fächern wie Astronomie oder Quantenmechanik auch Unsinn untergeschoben wird. Nicht zuletzt hat sich ja der Unsinn des Positivismus - der nichts an der nicht-positivistischen Wissenschaft und ihren korrekten Urteilen ändert - vor allem in den Vorworten der Lehrbücher verbreitet. Daneben ist kapitalistische Ideologie dort auch verbreitet, Warenfetisch und erfundene Zusammenhänge von Gebrauchs- und Tauschwerte - die in der Wirtschaft ohnehin niemanden interessieren - findet man zuhauf. Du kannst doch nicht ernsthaft bestreiten, dass in den Naturwissenschaften überwiegend korrekter Wissen fabriziert wird, dagegen spricht schon allein die Technik des Kapitalismus - obwohl ich nichts vom Positivismus halte, du wahrscheinlich jedoch schon, wenn ich mal vermuten würde.


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    Und es gibt unzählige Berichte darüber, wie sehr im Alltag der Wissenschaft geschoben, geschummelt und getrickst wird. Wie häufig Wissenschaftler ihre Ergebnisse Fälschungen verdanken, darüber wird überall diskutiert, nur nicht von dir.

    Ja Wal, das kommt davon, wenn man mal wieder nur die Hälfte des Posts liest - bei meinem Ökobeitrag hast du es dort jedenfalls angemerkt. Ich wiederhole, also "auch von mir": "Jedoch bestehen Ausnahmen wegen der gesellschaftlichen Ordnung: Unternehmen können für Werbezwecke oder die Umgehung rechtlicher Beschränkungen usw. Interesse an verfälschten wissenschaftlichen Ergebnissen hegen. Und auch wird so mancher Forscher rechtlich belangt, weil er, um seinen Lebensunterhalt in seinem Beruf bzw. seiner Karriere zu bewahren, für ihn günstige Studienergebnisse zurechtgedreht hat und aufgeflogen ist."

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    All das wird in deiner Wissenschaftskritik ausgeblendet. Was übrig bleibt, ist der Glaube an die Unfehlbarkeit und Unersetzlichkeit der bürgerlichen Wissenschaft.

    Weiter unten, wenn man es gelesen hätte, habe ich daneben auch noch ein Urteil über die Sozialwissenschaften gefällt. Deine Kritik ist ziemlich verfehlt. Es geht sowieso in keiner Weise aus meinem Post hervor, dass ich den "Glauben an die Unfehlbarkeit und Unersetzlichkeit der bürgerlichen Wissenschaft" propagieren würde. Warum sollte ich als Kommunist überhaupt die "Unersetzlichkeit der bürgerlichen Wissenschaft" behaupten?


    Danke für die Links, werde sie mir noch einmal durchlesen oder vielleicht Gedanken noch einmal einbauen in meinen kleinen Artikel.

    Gruß

  • Hallo Pfeilregen,

    die Korrektur von 53.000 statt 6.200 aktiven Naturwissenschaftlern an deutschen Universitäten übernehme ich gerne. Ich hatte meine falsche Zahl etwas unter Zeitdruck heute morgen herausgehauen. Dafür muss ich mich entschuldigen, und mich bei dir bedanken für die Mühe, die du dir bei der Nachprüfung dieser Zahl gemacht hast.

    An meiner Einschätzung ändert die Zahl 53.000 nichts. Du Vergleichszahl von 416.000 Naturwissenschaftlern in direkten kapitalistischen Diensten habe ich nicht überprüft, aber ich weiß aus anderen Quellen, dass mehr Wissenschaftler direkt für Unternehmen arbeiten als an den Hochschulen beschäftigt sind.


    Ansonsten sehe ich keinen Anlass, irgend etwas an meiner Kritik zu ändern. Ich überlasse es unseren Lesern, darüber ein Urteil zu fällen.


    Gruß Wal

  • Wal, die Überprüfung der Daten ist ja auch für mich interessant, deshalb nichts zu danken. ;D

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    An meiner Einschätzung ändert die Zahl 53.000 nichts. Du Vergleichszahl von 416.000 Naturwissenschaftlern in direkten kapitalistischen Diensten ...

    Hier irrst du wieder. In dem Link wird nicht nur von Naturwissenschaftlern, sondern auch Ingenieuren usw. gesprochen ("für Forschung und Entwicklung"). Das Verhältnis von Forschern im Staatsdienst und im Kapitaldienst mag trotzdessen geringer sein, aber statt 1:4000 eher 1:5 oder ähnlicher Größenordnung.

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