Eure Meinung zu Third-Worldism / Dritteweltismus

  • Es gibt eine recht unbekannte marxistische Strömung, welche sich als "Dritteweltismus" bzw. Third-worldism bezeichnet.

    Selbstverständlich gibt es viele unterschiedliche Auslegungen dieser Theorie, doch der Kerngedanke lässt sich folgendermaßen reduzieren:


    In den sog. Industrienationen gibt es keine Arbeiterklasse mehr, sondern lediglich eine Arbeiteraristokratie. Es gibt keinerlei revolutionäres Potenzial

    in der ersten Welt, es ist sogar eher wahrscheinlich, dass sich die Arbeiteraristokratie dem Faschismus hinzuwendet. (Somit lässt sich auch das gegenwärtige

    Aufstreben diverser rechtsextremer Parteien erklären.) Die Arbeiter der dritten Welt hingegen haben im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu verlieren, weil sie absolut gar nichts haben,

    während hier sogar ein Hartz4-Empfänger ein recht spießbürgerliches Leben führen kann. Wir sind lediglich die Handlanger der Kapitalisten und die wirklich revolutionäre Kraft befindet sich in der dritten Welt.


    Was denkt ihr darüber?

  • Hallo Nikotin,

    ich halte nichts von dieser Theorie. Wo befindet sich denn diese "dritte" Welt? Was soll diese "dritte" Welt sein?


    Ich kenne Länder und Regionen mit entwickeltem, reifem Kapitalismus - die kapitalistische Kernzone, und ich kenne Länder und Regionen mit unentwickeltem, rückständigem Kapitalismus - die kapitalistische Peripherie.

    Eine "dritte" Welt sehe ich nirgends.


    Gruß Wal

  • Hallo Wal,


    danke für deine Antwort. Ich bin kein Experte, deswegen habe ich wohl die falschen Begriffe gewählt. Doch ich denke, du weißt was ich meine, wenn ich von der "ersten" bzw. der "dritten Welt" spreche. Aber wo genau siehst du das Problem mit dieser Theorie? Wen würdest du denn konkret als Arbeiteraristokratie bezeichnen?


    Mit besten Grüßen,


    Michael

  • Hallo Michael,

    ich denke, wir leben in EINER WELT. Und diese eine Welt ist kapitalistisch. Wo der Kapitalismus boomt, dort gibt es reichlich Arbeitsplätze und guten Lohn, wo die Profitmacherei schwächelt, dort macht sich Elend breit. Es gibt fast in jeder Stadt eine "dritte Welt". Und viele Regionen in Deutschland sehen nicht besser aus, als Länder der Dritten Welt.

    Dass die Bevölkerung in der Dritten Welt stärker aufbegehrt als die Leute bei uns, das stimmt gar nicht. Afrika und Nahost gehören auch zur Dritten Welt, aber die Leute begehren nicht (mehr) auf, sondern fliehen massenhaft nach Europa.

    Sie fliehen vor einem rückständigen Kapitalismus in den entwickelten Kapitalismus, weil hier die Lohnarbeiter besser gestellt sind und weil das Leben hier einfacher ist.

    Über den rückständigen Kapitalismus (das ist die "dritte Welt") schrieb Karl Marx:

    Im rückständigen Kapitalismus "quält uns ... nicht nur die Entwicklung der kapitalistischen Produktion, sondern auch der Mangel ihrer Entwicklung. Neben den modernen Notständen drückt uns eine ganze Reihe vererbter Notstände, entspringend aus der Fortvegetation altertümlicher, überlebter Produktionsweisen, mit ihrem Gefolg von zeitwidrigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Wir leiden nicht nur von den Lebenden, sondern auch von den Toten. 'Die Toten umklammern und Lebende!'" (Karl Marx, Vorwort zum Kapital I, MEW 23,12f.)


    Den Menschen in der dritten Welt geht es schlechter als uns, das ist ganz richtig. Aber diese Menschen haben auch mit einer Vielzahl von überholten Problemen zu tun, für die es keine schnellen Lösungen gibt. In der Dritten Welt werden die Lebenden von den Toten umklammert.


    Wer glaubt, ein Lohnarbeiterleben in Deutschland sei ein Zuckerschlecken oder ein "Aristokratenleben", der hat von Lohnarbeit keine Ahnung.


    WIRTSCHAFTSBEREICH und Brutto-MONATSGEHALT IN EURO

    (Davon bleiben nur rund 50% als Netto in der Tasche)

    Produzierendes Gewerbe und Dienstleistungsbereich 3.779

    Produzierendes Gewerbe 3.918

    Bergbau und Gewinnung von Steinen und Erden 4.088

    Verarbeitendes Gewerbe 4.044

    Energieversorgung 4.882

    Wasserversorgung 3.365

    Baugewerbe 3.288

    Dienstleistungsbereich 3.701

    Sonstige Dienstleistungen 3.577

    Handel 3.472

    Verkehr und Lagerei 3.020

    Gastgewerbe 2.297

    Information und Kommunikation 4.905

    Finanz- und Versicherungsdienstleistungen 5.120

    Grundstücke- und Wohnungswesen 3.954

    Freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen 4.582

    Sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen 2.534

    Öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Sozialversicherung 3.787

    Erziehung und Unterricht 4.234

    Gesundheits- und Sozialwesen 3.767

    Kunst, Unterhaltung und Erholung 3.768

    Quelle: statista.de (2018)


    "Arbeiteraristokraten" sind tatsächlich die Betriebsratsfürsten und Gewerkschaftsbosse. Sie sind unkündbar, haben einflussreiche Posten und kriegen ihre Bezahlung ganz unabhängig von ihrer Arbeitsleistung.

    Das ist die "Erste Welt" für Kapitaldiener.

    Die "Erste Welt" für normale Lohnarbeiter ist ganz anders: Unter dem direkten Kommando und für den Reichtum seiner Chefs malochen, bis es kracht.

    Jeder Lohnarbeiter in der "ersten Welt" mit gut bezahltem Arbeitsplatz, mit Auto und mit Eigenheim (weit draußen!), kann aber sehr schnell in die "dritte Welt" abstürzen, wenn er krank wird und seinen Arbeitsplatz verliert, wenn seine Partnerschaft scheitert, wenn er in Rente geht.

    Die "Dritte Welt" ist nicht weit weg von uns.


    Gruß Wal

  • Hallo Nikotin,


    ich schließe mich Wal an, dass Reichtum und Armut nach Ländern, Regionen oder Kontinenten zu staffeln nicht viel erklärt, zudem in dem Eingangspost der Eindruck entstehen könnte die Arbeiterklasse wäre in allen Bereichen privilegiert. Zumindest ist das ein herrschendes Argument bzw. ein Argument der Herrschenden, dass die Arbeiter in den entwickelten Staaten schon mit einem niedrigen Lohn den Lebensstandard der hochbezahlten Arbeiter der kapitalistischen Peripherie besitzen. Es klingt vielleicht paradox, doch in den Industriestaaten, in den entwickelteren Regionen wird man stärker ausgebeutet als in der Peripherie, arbeitet also länger für sich und schafft weniger Mehrwert, während in der kapitalistischen Peripherie mehr Mehrwert geschaffen wird, weil der Tag den man für sich arbeitet verhältnismäßig länger ist. Diese sogenannte Arbeiteraristokratie gibt es auch noch, ist jedoch sehr vereinzelt und sehr klein, so z. B. bei großen Mineralölkonzernen in Nigeria, wo die sehr gut und qualifizierten Arbeiter (selbst nur ein kleiner Teil der gesamt angewendeten Arbeitskraft) auch schon 5-stellige Monatslöhne bekommen.


    Ich bin auch kein Fan die Kampflosigkeit der Arbeiter damit zu erklären, dass sie zu hohe Löhne haben. In Frankreich ist der Lohn höher dotiert wie in Deutschland, aber die Arbeiter sind kämpferischer, während der Organisationsgrad der Arbeiter in Deutschland höher wie der in Frankreich ist (etwa doppelt so hoch), aber nicht zu mehr Streiks führt (in D kamen zwischen 2006-2015 zu 7 ausgefallenen Tagen durch Streik auf 1.000 Beschäftigte, in F waren es im gleichen Zeitraum 123).


    Die Frage stellt sich mit der historischen Situation im Hinblick auf deren Entfaltungsmöglichkeiten. In Frankreich gab es keine deutsche Revolution und damit auch keine Betriebsratsbewegung (die bürgerliche Revolution war bereits abgeschlossen und die Bevölkerung bald kampfesmüde), die im Zuge der sich zuspitzenden Situation mit dem Ende des Weltkrieges entstand und mit Zuckerbrot und Peitsche endete, d. h. es gab ein paar Zugständnisse an die Bewegung, aber nur indem die Betriebsräte gleichzeitig Fesseln bekamen und u. a. auf wirtschaftliche Fragen beschränkt blieben. Das war 1920. Die Etablierung der Sozialpartnerschaft wirkten sich auf das politische Bewusstsein aus, so wie auch viele begangene Fehler innerhalb der sozialistischen Bewegung. Und um 1952 (Betriebsverfassungsgesetz) war man sich dann endgültig einig darin, die Arbeiter nach Kriegsende besser kontrollieren können zu müssen, indem z. B. über Gesetze (Arbeitsgerichte entscheiden über die Verhältnismäßigkeit von Streiks) Arbeitskämpfe "sozialverträglich" gestaltet werden müssen, es wurden die Schlichtungskammern wieder eingeführt, Betriebsräte galten ab sofort nur noch als Anhängsel des Managements, die, wenn sich dann einmal linksradikale BR´s durchsetzten, viel Druck gemacht und an "Betriebsfrieden" und Tarifverfassungsgesetz erinnert wird. Davon abgesehen wurde der gewerkschaftliche Aufbau nicht wie in Weimarer Zeit (Zeit der meisten Streiks) in den Betrieben, sondern von oben, nach Orten organisiert (der Angst vor zunehmendem Einfluss der Kommunisten war real: im Ruhrgebiet waren 38% aller Betriebsräte Kommunisten). Am Ende des Krieges hatten die Arbeiter die richtigen Schlussfolgerungen gezogen. Sie wussten wer für Krieg und Zerstörung verantwortlich war und die Herrschenden zogen den Schluss einer politischen Krise daraus, die das System ernsthaft gefährden könnten.

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