Tomasz Konics: Systemfrage als Überlebensfrage

  • Auf Telepolis hat Tomasz Konics einen bedenkenswerten Text zur rasch anwachsenden Kriegsgefahr veröffentlicht.

    Der Artikel enthält viele kluge und wichtige Gedanken, stark verkürzt läuft er jedoch darauf hinaus, dass der Kapitalismus beseitigt werden müsse, um den Weltfrieden zu erhalten.

    Ich habe erhebliche Bedenken, ob das so funktionieren kann und ob das eine zielführende Argumentation ist.

    Meine Bedenken kommen einmal von historischen Erfahrungen und zum zweiten aus der Analyse des Kapitalismus.


    Die historischen Erfahrungen zeigen, dass die Forderung nach Friedenserhalt immer und überall populär ist, dass aber noch nie eine Friedensbewegung irgendeinen konkreten Krieg jemals verhindert hätte. Warum das so ist, darüber ließe sich streiten, aber ein Grund ist sicherlich, dass die Kräfteverhältnisse zwischen einer zivilen Friedensbewegung einerseits und den Kriegsverantwortlichen andererseits sehr sehr unterschiedlich sind. Die Entscheidung über Krieg und Frieden ist für den Erhalt der Macht der herrschenden Klasse so eminent wichtig, dass jede herrschende Klasse genaue Abmachungen getroffen und Regeln eingerichtet hat, wer auf welchem Weg mit welchen Methoden einen Krieg beginnen kann. Während der Kubakrise zum Beispiel saß der Kreis der Leute, die über den Start eines großen Krieges entscheiden konnten, ständig in einem Raum zusammen, und zwischen ihrer Entscheidung und dem ersten Schuss wären nur wenige Stunden verstrichen.

    In so kurzer Zeit kann keine Friedensbewegung irgendjemanden mobilisieren und irgendetwas verhindern.


    Zum zweiten habe ich Zweifel, ob die Motivation, einen Krieg zu verhindern, überhaupt die „Systemfrage“ – also die Beseitigung des Kapitalismus - wirklich berührt und berühren kann.

    Ja, es gibt einen inneren Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Krieg, auf den auch im Marx-Forum wiederholt hingewiesen worden ist. Dieser Zusammenhang liegt aber nicht an der Oberfläche und Kriege sind nicht erst durch den Kapitalismus in die Welt gekommen. Sie haben durch den Kapitalismus nur ihre Ziele und Methoden verändert.


    Die Popularität der Friedensfrage liegt ja gerade darin, dass sie nicht direkt mit der Systemfrage verbunden ist. Wer die Systemfrage zum notwendigen Bestandteil der Friedensbewegung machen will, der vermindert die Anzahl der Leute, die sich so ansprechen und überzeugen lassen, deutlich.

    Letztendlich werden dann kommunistische Überzeugungen zur Voraussetzung für die Teilnahme an der Friedensbewegung gemacht und die Friedensbewegung wäre identisch mit der kommunistischen Bewegung.

    Das macht nach keiner Seite hin die Erfolgsaussichten besser.

    Ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass die Leute den Kapitalismus um des lieben Friedens willen beseitigen, so wie sie den Kapitalismus nicht allein wegen der Krisenhaftigkeit, wegen der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich oder wegen der Umweltzerstörung beseitigen wollen. Jedes dieser kapitalistischen Übel erwachst mehr oder minder direkt aus der kapitalistischen Profitmacherei, aber keines dieser Übel weist von sich aus über den Kapitalismus hinaus.

    Die Kernfrage des Kapitalismus ist nicht der Krieg, nicht die Krisenhaftigkeit, nicht die Armut, nicht die Umwelt. Die Kernfrage des Kapitalismus ist die fremdbestimmte Organisierung der Arbeit, die Trennung der Lohnarbeiter von ihren Arbeits- und Lebensmitteln.

    Der Kapitalismus kann nur beseitigt werden, wenn diese Trennung erkannt und überwunden wir, wenn also die Leute verstehen, wie sie gemeinsam und selbstbestimmt ihre Arbeit und ihr soziales Leben organisieren können.


    Wal Buchenberg, 22.04.2018


    Siehe auch:


    Die Nordkorea-Drohung


    Afrin und der Syrienkrieg


    Kapitalismus ist ein Flug mit GermanWings


    Waffenhandel - Geschäft mit dem Tod


    Bürgerkrieg und bewaffneter Kampf 1946 - 2012

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