Gruppe Wertkritik

  • Die Gruppe Wertkritik (Krisis/Exit) wurde in dem Blog OXI so charakterisiert:


    „Wertkritik übernimmt von Marx die Kritik am Warenfetischismus von Ware, Wert und Geld, kritisiert aber dessen Klassentheorie und Geschichtsphilosophie. Wertkritik sieht die Arbeiterklasse als Teil des kapitalistischen Systems und spricht ihr darum ab, die Rolle als revolutionäres Subjekt zu übernehmen.“


    Auch mit dieser Selbstbeschränkung können durchaus nützliche Analysen und Kommentare entstehen, wie der folgende Text von Thomasz Konicz: Die Mythen der Krise zeigt.

  • Thomasz Konicz hat auf Telepolis einen programmatischen Text zum 200. Geburtstag veröffentlicht, der alle wesentlichen Elemente der Philosophie der Wertkritik-Gruppe enthält.


    Konicz meint, die Marxsche Theorie vom Klassenwiderspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital und damit „von der anachronistischen Schlacke“ befreien zu können.

    Laut Konicz macht nicht die wissenschaftliche Erklärung des Elends der Lohnarbeit wie der Macht des Kapitals (eine Macht, die sich sogar einen Rechtsstaat leisten kann und sich einen Sozialstaat leisten muss) Marx zum „Klassiker“, sondern „die Bestimmung der abstrakten Lohnarbeit als der Substanz des Werts, als des Inhalts der Wertform, sowie der durchschnittlichen gesellschaftlichen Arbeitszeit als der eigentlichen Wertgröße einer Ware“.

    Laut Konicz gibt es zwar wertschaffende (Lohn)Arbeit, aber keine Lohnarbeiterklasse: „es gibt schlicht keine 'revolutionäre Klasse'".

    Konicz meint sogar, die konkrete Lohnabhängigkeit würde zunehmend aus dem Kapitalismus verschwinden: „Das Ergebnis dieses gegenwärtigen Krisenprozesses ist somit nicht die Proletarisierung der Bevölkerung - auf die Marx noch im 19. Jahrhundert hoffen (??sic!) konnte -, sondern in der globalen Tendenz die Entstehung einer überflüssigen Menschheit.“

    Das widersinnige Ergebnis wäre ein Kapitalismus ohne Lohnarbeit. Wie weit kann man sich noch von Marx entfernen und gleichzeitig sich auf Marx berufen wollen?


    Statt sich an die „nicht vorhandene“ Lohnarbeiterklasse zu wenden, setzen Wertkritiker ihre Hoffnung auf „die Menschen“:

    „Letztendlich muss der kapitalistische Fetischismus aufgebrochen werden, müssen die Menschen tatsächlich zu einer bewussten Gestaltung ihres gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses übergehen, der derzeit unbewusst kapitalgetrieben "hinter dem Rücken" (Marx) der Marktsubjekte von statten geht.“

    Dass „DIE MENSCHEN“ schaffen können, was uns Lohnabhängigen angeblich nicht gelingen kann, das halte ich nun doch für eine sehr sehr nebulöse Hoffnung, die wenig mit der Kapitalismuskritik von Karl Marx zu tun hat.


    Wal Buchenberg, 14. Mai 2018

  • Hallo Wal,


    auf dieser Seite wird ja hin und wieder die Linke gegeißelt, und dabei insbesondere deren Art und Weise miteinander umzugehen, wenn sie unterschiedliche Ansichten über einen politischen Gegenstand vertreten. Es liegt wohl hier wie dort daran, dass der jeweilige Verstand im Sinne des schon eingenommenen Standpunktes eingesetzt wird, einer zweckfreien Analyse zur Erklärung des Gegenstandes somit jede Chance genommen ist. Dabei ginge es lediglich darum, (zweckfrei) Argumente über den Gegenstand auszutauschen, um ihn richtig analysieren und erklären zu können, und zwar solange bis ein Ergebnis vorliegt.


    Deine Kritik an Thomas Konicz wertkritischer Argumentation ist nun, um mit Max Weber zu sprechen, ein idealtypisches Beispiel dafür, wie die Diskussion unter Linken verläuft: Der eine, Thomas Konicz, bescheinigt Marx, prinzipiell das politisch-ökonomische System richtig begriffen zu haben, aber in philosophischer, insbesondere in historischer, Hinsicht den Gedanken seiner Zeit verhaftet gewesen, mit denen heute aber nichts mehr anzufangen sei. So habe dieser die Fortschrittsrolle des Proletariats falsch eingeschätzt, weshalb Konicz bei der Betrachtung der Wirklichkeit dem Gedanken verfällt, es könne heute überhaupt kein Proletariat mehr geben. Der andere, Wal, behauptet nun auf dogmatische Weise glatt das Gegenteil, indem er ohne Begründung die Marx'sche Kapitalismuskritik auch in dieser Hinsicht als absolut gültig hinstellt und im Kontext mit einem trotzigen "uns Lohnabhängigen" den Nachweis der Existenz des Proletariats geliefert zu haben glaubt. Und für die Leser? Sie haben mal wieder nichts gelernt, und sind entweder darauf angewiesen, irgend einem von Beiden mehr Glauben zu schenken als dem andern (oder sie müssen selbst ihren Verstand anstrengen, wenn sie sich ein richtiges Urteil bilden wollen).


    Eine gute, wissenschaftliche Kritik indessen wäre gewesen erst einmal den Gegenstand zu definieren und anhand seiner Kriterien zu überprüfen, ob die Definition noch zutrifft. Definiert frau das Proletariat nun folgendermaßen: es



    -verfügt über keine eigenen Produktionsmittel, um sich reproduzieren zu können,


    - kann frei über seine Arbeitskraft verfügen,


    -muss seine Arbeitskraft verkaufen, um sich reproduzieren zu können,


    -lebt vom Lohn, der seinen Reproduktionskosten entspricht,


    -bildet als solches eine Klasse, die durch den Entzug der Produktionsmittel, bzw. der politisch-rechtlichen Institution des Eigentums, der Herrschaft der Bourgeoisie unterworfen ist,



    dann wäre, falls die Kriterien der Definition allgemein zutreffen, zu untersuchen, ob sie auch heute noch zutreffen. Eigenartigerweise versucht nun keiner von beiden in dieser wissenschaftlichen Weise den konkret praktischen und geistigen Zustand des modernen Proletariats zu bestimmen. Stattdessen stellt sich der eine auf seinen wertkritischen Standpunkt, von dem aus es qua Fetischisierung dieses (heute) gar nicht geben könne und lediglich als eine schöne Wunschvorstellung in den Köpfen der Linken herumgeistere. Nur ist mit Fetischisierung ausgedrückt, was jeder weiß, der Marx einigermaßen verstanden hat, dass der Begriff zur Beschreibung der gesellschaftlichen Beziehungen zwischen der Menschen taugt. Aber er ist kein Kriterium mit dem der allgemeine Zustand des Proletariats konkret bestimmt werden kann. Der andere hingegen weist gleich ganz ohne Begründung dem Proeltariat seine Rolle und damit andauernde Existenz zu.


    Angemessen wäre es gewesen, sowohl den konkreten Zustand des Proletariats ( u.a. die Reichweite vom Spitzenverdiener bis zum Lumpenproletariat, proletarisches Eigentum, die Möglichkeiten der Reproduktion ohne Verkauf der Arbeitskraft, Durchlässigkeit des Abstiegs aus und Aufstiegs in die Kleinbougeoisie) als auch den diesen Bedingungen entspringenden geistigen Zustand (bürgerlich, demokratisch, nationalistisch/faschistisch, antikommunistisch, marktwirtschaftlich, konkurrierend etc. und in ihren jeweils individuellen spezifischen Mischungen) zu kritisieren und zu analysieren, statt seinen eigenen Standpunkt - Fetischisierung und dessen krisenhaft bedingtes Aufbrechen einerseits / Idealisierung des Proletariats als emanzipativ wirkendes Fortschrittssubjekt und dogmatischer Marxismus andererseits - als das jeweils richtige Glaubensgebot untermauern zu wollen.


    Nicht das ewige Genörgel am sittlichen Umgang der Linken untereinander wäre angebracht, sondern der zweckfreie Gebrauch des Verstandes bei der Verständigung untereinander ist gefordert. Darin nämlich liegt eine der wesentlichen Stärken linker/kommunistischer Politik, weil sie sich vor der (politischen) Wahrheit nicht zu fürchten braucht und deshalb die bürgerliche Politik und Ökonomie radikal und richtig kritisieren und die Wirklichkeit richtig beschreiben kann. Und dazu braucht es nur einen Standpunkt: Lebensbedingungen, die allen Menschen in quasi jeder Hinsicht ein angenehmes Leben bescheren, zumindest wesentlich bessere als die derzeit gegebenen. Das aber ist der Linken nicht (mehr) bewusst. Und solange das so bleibt, solange Linke ihre Standpunkte als Wertkritiker, Antideutsche, MLer, Trotzkisten, Anarchisten usw. einnehmen und verteidigen, werden sie schwach und quasi ungehört bleiben.


    Beste Grüße

    ricardo

  • Hallo Ricardo,

    in der Sache gebe ich dir ganz recht, fühle mich aber von der formellen Seite deiner Kritik ("monologischer Umgang unter Linken") dennoch falsch getroffen.

    Du weißt sehr wohl, dass ich die inhaltlichen Punkte, die du einforderst und selbst ansprichst: Was ist heute Proletariat? Worin besteht unser Elend als Lohnabhängige? etc. ständig und immer wieder hier im Forum zum Thema mache.


    Was du nicht wissen kannst: Ich hatte mich mit Tomasz Konicz kürzlich in Hannover getroffen, und hoffte anschließend auf einen fortgesetzten Meinungsaustausch mit ihm. Mein obiges Statement hatte ich per Mail an Tomasz geschickt und auf eine Antwort gehofft, die bisher leider noch nicht gekommen ist. Meine sehr sehr kurze Kritik an dem programmatischen Text soll keine Pauschalverurteilung sein, sondern für Thomasz eine Einladung zur Diskussion.


    Gruß Wal

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