Einkommensverteilung in Deutschland 1871-2013

  • Charlotte Bartels vom regierungsnahen Deutschen Institut für Wirtschaft schreibt im DIW-Wochenbericht 3-2018: „Erstmals in Deutschland wird die Einkommensverteilung über einen Zeitraum von rund 140 Jahren präsentiert. ... Die Untersuchung der langfristigen Entwicklung der Ungleichheit anhand deutscher Einkommenssteuerdaten hat eine lange Tradition. ... Einkommenssteuerdaten aus Deutschland bieten also die einzigartige Möglichkeit, die Entwicklung der Ungleichheit in einem der reichsten Länder der Welt schon von der Industrialisierungsphase bis heute zu untersuchen. Die hier dargestellte Zeitreihe basiert auf der Verteilung von Einkommen vor Steuern und Transfers, die den Einkommenssteuerstatistiken entnommen werden kann.“ (DIW 3,51)


    Es handelt sich also nur um die laufenden Geldeinkommen, die beim Finanzamt versteuert werden. Der Wertzuwachs von Industriekapital und Grundbesitz, sowie die Millionen, die Reiche vor dem Finanzamt verstecken und verschieben, sind in diesen Daten nicht enthalten. Sei’s drum. Die Daten sind dennoch von Interesse.

    Nicht zu vergessen ist: Nicht die Höhe der Einkommen trennt die Klassen. Es gibt ziemlich reiche Lohnarbeiter und ziemlich arme Kapitalisten. Was die gesellschaftlichen Klassen wirklich trennt, sind die jeweiligen Quellen, aus denen ihr Lebensunterhalt stammt:

    - Ausbeutung fremder Arbeit durch Kapitaleigentum (Kapitalistenklasse),

    - Kapitaleigentum mit wesentlicher eigener Arbeit (Selbständige, Bauern, Kleinbürgertum),

    - eigene Arbeit ohne Kapital (Lohnarbeiterklasse).


    Ich habe im Folgenden alle Daten unverändert vom DIW übernommen, aber zur besseren Übersicht die verschiedenen Grafiken des DIW in eine einzige Grafik komprimiert.




    1. Farben und Felder:

    Das rote obere Feld zeigt den Einkommensanteil des reichsten 1-Prozent der deutschen Bevölkerung am gesamten Volkseinkommen des jeweiligen Jahres.

    Das grüne untere Feld zeigt den Anteil der restlichen 99% der Bevölkerung am Volkseinkommen. (Das Volkseinkommen ist jedes Jahr auf 100% gesetzt.)

    Ab 1960 sind die Einkommensanteile genauer aufgesplittet:

    - das reichste 1 % Einkommensbezieher - oranges Feld

    - die obersten 10 % Einkommensbezieher - oranges+gelbes Feld

    -die mittleren 40% Einkommensbezieher - grünes Feld

    - die untere Hälfte (50%) aller Einkommen - blaues Feld


    2. Was änderte sich von 1871 bis heute?

    1871:

    Die Kapitaleigentümer (oberste 1%) strichen 16% des Volkseinkommens ein. Konkret gesprochen: Das oberste eine Prozent der Einkommensbezieher hatte ein Einkommen, das 16mal so hoch war wie das Durchschnittseinkommen aller anderen 99%. Diese restlichen 99% der Bevölkerung erhielten die verbliebenen 84% des Nationaleinkommens.


    1871- 1914: Kaiserreich, imperialistische Epoche:

    Der Einkommensanteil der Kapitaleigentümer steigt an (rotes Feld wächst nach unten), besonders rasch vor und während des 1. Weltkrieges.


    1918:

    Die sozialdemokratische Revolution stürzte die Monarchie in Deutschland. „Der gewachsene Einfluss der Gewerkschaften und die Einführung kollektiver Lohnverhandlungen trugen zu beträchtlichen Lohnerhöhungen bei...“ (DIW 3, 54). Der Einkommensanteil der Nichtkapitalisten stieg von bisher 77% auf knapp 90% des Volkseinkommens. Die Weltwirtschaftskrise von 1929ff brachte für die Lohnabhängigen keinen so starken Rückgang der Einkommen wie während des 1. Weltkriegs. Und: „Die Weltwirtschaftskrise ab 1930 hatte erstaunlicherweise keine weitere Reduktion der Spitzeneinkommen zur Folge.“ (DIW 3,54).


    1933-1945: Nationalsozialismus

    Nach Niederschlagung der Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung durch die Nazis brachen wieder goldene Zeiten für Kapitalisten an. Ihr Anteil am Volkseinkommen stieg. Der Einkommensanteil aller anderen fiel zurück.

    „Der Anteil des obersten Perzentils wuchs von elf Prozent im Jahr 1933 auf 17 Prozent im Jahr 1938... Die Gewinne der Industrieunternehmen stiegen zwischen 1933 und 1939 rasch an.“ (DIW 3, 54).

    Für die folgenden Jahre bis 1949 fehlen die Einkommensdaten.


    1950: Bundesrepublik:

    „Eine Aussage über die Einkommensanteile der unteren 50% ist ... erst ab der Nachkriegszeit möglich.“ (DIW 3,53)


    1960:

    Die untere Hälfte der Lohnabhängigen erhielt in den 60er Jahren rund ein Drittel des monatlichen oder jährlichen Volkseinkommens. Ein weiteres Drittel ging an die hoch- und gutqualifizierten Lohnarbeiter (mittlere 40% der Einkommensbezieher). Die gesamten lohnabhängigen 90 Prozent der Bevölkerung kamen 1960 auf insgesamt knapp 70% des Nationaleinkommens.

    Die oberen 10 Prozent (Kapitalisten, Kleinbürger und ihr Anhang) kamen 1960 ebenfalls auf 30 Prozent.


    Seit der Krise 1967 ging es rapide abwärts mit der unteren Hälfte der Einkommensbezieher. Sie verloren rund die Hälfte ihres Einkommensanteils und erreichten 2013 gerade mal noch einen Einkommensanteil von 16%.

    Zu diesem Absturz des Großteils der lohnabhängigen Bevölkerung hat das Zusammenwirken von kapitalistischem Konkurrenzdruck, staatlicher "Sozialpolitik" und gewerkschaftlicher Interessenvertretung beigetragen.

    Kapitalexport und technischer Wandel haben einfach qualifizierte Lohnarbeit zunehmen überflüssig gemacht und entwertet. Die staatliche "Sozialpolitik" hat durch HartzIV den Druck auf das Prekariat ungeheuer verschärft und außerdem Minijobs, Zeitarbeit und Leiharbeit sanktioniert. Die Gewerkschaften haben mit ihren Prozent-Lohnforderungen zur Spaltung der Lohnabhängigen beigetragen und verzichteten auf eine Anhebung der unteren Lohngruppen.


    Auf Kosten der unteren Hälfte erhöhte sich der Einkommensanteil der mittleren 40% Einkommensbezieher (von 35% auf 43% des Volkseinkommens) und noch mehr der Anteil der obersten 10% (von 30% auf 40% Einkommensanteile).

    DIW: „Die Top-Zehn-Prozent steigerten ihren Einkommensanteil ziemlich kontinuierlich von der Nachkriegszeit bis heute. Hochqualifizierte Antestellte wie Manager, aber auch Selbständige wie Anwälte und Ärzte profitierten von hohen Einkommenszuwächsen.... Die wirklich hohen Spitzeneinkommen bleiben allerdings bis heute den Unternehmenseignern vorbehalten...“ (DIW, 3,56)

    „Gesamtwirtschaftlich haben die Unternehmens- und Vermögenseinkommen in Deutschland seit den 1970ern deutlich an Bedeutung gegenüber den Lohneinkommen gewonnen.“ (DIW, 3,56)

    Zwischen 1983 und 2013 stieg der Einkommensanteil der reichen 10-Prozent „um gut ein Drittel, während der Anteil der unteren 90 Prozent um zehn Prozent zurückging.“ (DIW 3, 56)


    Quelle: Einkommen_DIW.pdf


    Siehe auch: Karl Marx über Verelendung


    Wal Buchenberg, 19. Januar 2018

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