Wie denken Nazis?

  • Ernst Kaltenbrunner und die Hitler-Attentäter


    Der studierte Jurist und langjährige Nazi-Funktionär Ernst Kaltenbrunner (1903-1946) war seit Januar 1943 oberster Chef der Gestapo und der NS-Sicherheitsdienste, die für eine Million Morde im Rücken der Ostfront verantwortlich gemacht werden. Als Leiter des Reichssicherheitshauptamtes war er persönlich verantwortlich für die Aufklärung des Hitlerattentats vom 20. Juli 1944 und für die Festnahme und die Verhöre der Verschwörer. Mehr als 200 Verschwörer wurden wegen des Attentats hingerichtet. Im Nürnberger Prozess wurde Kaltenbrunner als einer von 24 Hauptkriegsverbrechern verurteilt und im Oktober 1946 gehenkt.

    Schon einen Tag nach dem missglückten Attentat auf Hitler sandte Kaltenbrunner bis zum 15. Dezember 1944 fast täglich Berichte über seine Ermittlungen gegen die Verschwörer direkt an Bormann und Hitler.

    Diese „Kaltenbrunner-Berichte“ sind erhalten und werfen ein unverstelltes, ehrliches Licht auf die Denkweise dieses Mannes und wohl auf das Denken der gesamten Nazi-Riege.




    Alle folgenden Zitate aus:

    Spiegelbild einer Verschwörung. Die Kaltenbrunner-Berichte an Bormann und Hitler über das Attentat vom 20. Juli 1944. Geheime Dokumente aus dem ehemaligen Reichssicherheitshauptamt. Herausgegeben vom Archiv Peter für historische und zeitgeschichtliche Dokumentation. Stuttgart 1961.


    Text und Kommentar von Wal Buchenberg in roter Schrift.


    Zu den Motiven der Verschwörer:

    „Bei den Untersuchungen zum 20. Juli 1944 hat sich ergeben, dass sich die Beweggründe der Mittäter und Mitwisser nicht voll auf einen Nenner bringen lassen. Sie gehen von der offenen Gegnerschaft der alten Reaktionäre und ehemaligen Gewerkschaftsfunktionäre und gewisser Bürgergenerale bis zum falsch verstandenen Treue- und Kameradschaftsbegriff bei sonst ordentlichen Soldaten.“ (325)


    1. Ziviler Widerstand gegen den Nationalsozialismus

    „Die Auslassungen der zivilen Verschwörerclique weisen den gleichen Fehler auf, der im November 1918 wesentlich zum Dolchstoß aus der Heimat gegen die Front geführt hat ... eine falsche Objektivität, die blind ist für den Vernichtungswillen der Feindmächte und die den Bestrebungen und Plänen der Feindmächte ohne weiteres edle und uneigennützige Motive zuerkennt, dafür aber in ständiger Kritik am eigenen Volk und der eigenen Führung nur das Negative sieht ...

    Sie bestätigen in allen Einzelheiten die Propagandathesen unserer Feinde. Für die bis zum Exzess betriebene Selbstaufgabe des deutschen Standpunktes lassen sich folgende Beispiele anführen:

    ... Deutschland kämpfe nicht etwa in einem ihm aufgezwungenen Krieg zur Erhaltung und Verteidigung seiner Existenz und zur Sicherung seines Lebensraumes, sondern für ‚phantastische Pläne grenzenloser Eroberung‘. Es beabsichtigt die ‚Versklavung anderer Völker‘, es unterdrückt die besiegten Völker und beutet sie aus. ... Die Sprache, die hier Deutsche gegenüber Deutschen verwenden, kann in den hetzerischen Äußerungen der feindlichen Propaganda kaum überboten werden. ... Nicht etwa England hat durch den Luftterror und andere Maßnahmen das Völkerrecht gebrochen, sondern Deutsche sollen als Kriegsverbrecher zur Rechenschaft gezogen werden. ...

    Von den Völkerrechtsbrüchen der Anglo-Amerikaner, der Behandlung der Kriegsgefangenen durch die Sowjetunion usw. ist mit keinem Wort die Rede. ...

    Nicht etwa durch den Willen des Volkes nach den Prinzipien des demokratischen Wahlrechtes, sondern ‚durch Intrigen schlimmster Art, durch dämonische Künste und Lügen‘ sei Hitler an die Macht gekommen. ...

    Alles, was die feindliche Agitation über Deutschland und seine inneren Verhältnisse in den letzten Jahren böswillig ausstreute, wird von den Verschwörern als absolut wahr und zutreffend hingenommen.“ (227-230).

    „Die ganze innere Fremdheit, die die Männer des reaktionären Verschwörerkreises gegenüber den Ideen des Nationalsozialismus kennzeichnete, kommt vor allem in der Stellung zur Judenfrage zum Ausdruck. Die Erlebnisse der Jahre (vor) 1933 und die auf ein breites Tatsachenmaterial gestützte unermüdliche Aufklärungsarbeit der NSDAP über die Judenfrage ist an diesem Kreis von Personen spurlos vorübergegangen.“ Sie „stehen stur auf dem Standpunkt des liberalen Denkens, das den Juden grundsätzlich die gleiche Stellung zuerkennen will wie jedem Deutschen.“ (471)


    2. Militärischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus

    „Für den Entschluss der am Attentat beteiligten Generalstabsoffiziere, eine gewaltsame Änderung in der Führung durchzusetzen, sollen nach ihrer Angabe vornehme militärische Gesichtspunkte im Vordergrund gestanden haben.“ (291)

    „Man habe gewusst, dass die Entwicklung auf einen neuen Weltkrieg hinausläuft. Noch bevor er ausbrach, sei man der Meinung gewesen, dass wir ihn nicht durchstehen würden, da Deutschland sich einer Übermacht von Feinden gegenübersehen würde.“ (430)


    „Insbesondere sind es die Ereignisse von Stalingrad, die Aufgabe von Afrika, die Räumung der Krim und die Zurücknahme der Heeresgruppe Nord, die immer wieder besprochen und die von den Generalstabsoffizieren als Beweis für die Richtigkeit ihrer Kritik angeführt wurden. Es sei, so heißt es in einzelnen Vernehmungen, sehr einfach, den Befehl zu geben, dass jeder Fußbreit Boden verteidigt werden müsse. Dies verzehre aber die Kraft der Truppe und führe zu verlustreichem Rückzügen. Zweckmäßiger sei es, die Front rechtzeitig in vorbereitete und geeignete Verteidigungsstellungen zurückzugewinnen.“ (294)


    „a) Hitler hat die Macht der Sowjetunion von Anfang an nicht richtig erkannt. ...

    b) Das Ausbleiben des erwarteten schnellen Erfolges über Russland und dann die in ihren Folgen sich steigernden deutschen Niederlagen brachten den alliierten Gegnern so viel Zeit, dass neben dem Luftkrieg auf Deutschland nunmehr die zweite Front in Frankreich und Italien in Wirkung ist. Damit hat Hitler Deutschland in einen Zweifrontenkrieg gebracht, der das Reich unausweichlich zur endgültigen Niederlage führen muss.

    c) ... Erfahrene und verdiente Generale, die diese fehlerhaften und wenig anpassungsfähigen Methoden der Führung mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnten, wurden nach Hause geschickt. ...

    So steht heute Deutschland durch die politische und militärische Führung Adolf Hitlers und seiner nächsten Gefolgschaft voll Entsetzen unmittelbar am Rande des Abgrundes. Sie haben dem deutschen Volke immer wieder den sicheren Sieg versprochen. Sie betrügen das deutsche Volk, indem sie ihm Wahrheiten und Wirklichkeiten, die sie selbst zur Verschleierung ihrer Verbrechen und Fehler nicht zugeben können, vorenthalten.“ (184-186)


    3. Persönlichkeit der Verschwörer

    „Bei einem beträchtlichen Teil der Verschwörer des 20.7.1944 hat ein übersteigerter persönlicher Ehrgeiz als Beweggrund zum Handeln eine beträchtliche Rolle gespielt. Da man von vorneherein davon ausging, dass die führenden Nationalsozialisten auf sämtlichen Gebieten der Staatsführung und Staatsverwaltung im Reich und in den Gauen beseitigt werden sollten, war der Weg zu den höchsten Staatsämtern frei, und die Beteiligten waren in ihren Ansprüchen nicht gerade bescheiden. Bei den Treffs, die im kleinen Kreis um Goerdeler, Beck, Schulenburg, Stauffenberg, Leuschner usw. abgehalten wurden, wurden die Minister-, Staatssekretär- und Botschafterposten mehr als freigebig verteilt.“ (477)

    Gegenüber der Vorstellung, die Verschwörer hätten aus persönlichen Ehrgeiz gehandelt, steht ganz unvermittelt die Vorstellung, sie hätten aus persönlicher Schwäche gehandelt:

    „Aus den Untersuchungen zum 20. Juli 1944 ergibt sich, dass die Anforderungen und Belastungen, die der Krieg für jeden einzelnen mit sich bringt, für viele an der Verschwörung beteiligte Personen ausschlaggebend gewesen sind. Insbesondere Vertreter der älteren Generation haben sich der Härte der gegenwärtigen Auseinandersetzung des Reiches mit seinen Feinden nicht gewachsen gezeigt. Bombenschäden und der Verlust von Angehörigen an der Front haben dazu geführt, dass im Zuge der sich zuspitzenden militärischen Entwicklung immer stärker mit dem Gedanken gespielt worden ist, einen Vergleich mit den Feindmächten zu suchen.“ (488)


    4. Mein Resümee:

    Kaltenbrunner dachte nicht in den Kategorien „Richtig oder Falsch“. Ein Denken, das an „Richtig oder Falsch“ orientiert ist, kann man „rationales Denken“ nennen. Rationales Denken prüft, ob ein Ziel richtig oder falsch ist, und rationales Denken prüft, ob die für ein Ziel eingesetzte Mittel richtig oder falsch sind.

    Ernst Kaltenbrunner kritisierte dieses Denken ausdrücklich als „falsche Objektivität“. Die Hitlerattentäter waren rational denkende Menschen, Kaltenbrunner und die Nazis waren das nicht.

    Kaltenbrunner dachte in dem Gegensatzpaar: „Für uns oder gegen uns?“

    Sein Denken war bestimmt von dem Freund-Feind-Schema: Was der Feind sagt, lehne ich grundsätzlich ab - ohne Prüfung der sachlichen Richtigkeit. Was der „Freund“, die eigene Partei sagt, unterstütze ich ohne Prüfung der sachlichen Richtigkeit.

    Grundlage dieses Freund-Feind-Denkens ist die konsequente Anwendung der kapitalistischen Konkurrenz auf Gesellschaft und Politik: Das Leben ist ständiger Kampf, ein unaufhörlicher Krieg aller gegen Alle. Wer die Macht hat, ist auch im Recht. In der Formulierung von Thomas Hobbes: „Autorität, nicht Wahrheit schafft das Recht.“

    „Wir“ sind die Guten, wer gegen uns ist, ist der „Feind“. Jede Vernunft ist subjektiv. Menschen (und Menschenrassen) sind grundsätzlich verschieden. Eine Vernunft, die Freund und Feind übergreift, ist daher unmöglich.

    Carl Schmitt, der nationalsozialistische Verfassungsdenker, brachte das auf die Formel: „Diktatur ist der Gegensatz zu Diskussion“.

    Es geht nie um Richtig oder Falsch, es geht nur um „Sieg oder Untergang“. In diesem Denken ist ein Innehalten oder eine Umkehr vor dem Untergang nur persönliche Schwäche.

    Das sind Bahnen, in denen das Denken von Ernst Kaltenbrunner und wohl auch das Denken der nationalsozialistischen Führungsschicht funktionierte.


    Wal Buchenberg, 6. Januar 2018

  • Newly created posts will remain inaccessible for others until approved by a moderator.