Kapitalisten als Kriminelle

  • Inhalt

    0.Steueroasen

    1. Wirtschaftskriminalität

    1.1. Mitarbeiterkriminalität

    1.2. Unternehmenskriminalität

    2. Krimineller Handel

    2.1. Kriminelle Handelswege

    2.2. Handel mit verbotenen Produkten

    2.3. Handel mit gefälschten Produkten

    2.4. Handel mit fiktiven Produkten

    3. Betrug als kapitalistisches Kerngeschäft

    3.1. Schmiergelder und Korruption

    3.2. Finanzbetrug

    3.3. Produkt- und Dienstleistungsbetrug

    4. Sinkendes Ansehen der Unternehmer und ihrer Handlanger

    5. Gegenstrategien der Unternehmen

    5.1. Unternehmensethik

    5.2 Compliance




    O. Steueroasen

    Die Panama- und die Paradise Papers deckten den über 21 Länder verzweigten Dschungel von reichen Steuerbetrügern auf. Bei der Mehrzahl dieser Fälle handelt es sich um Geschäfte innerhalb oder am Rande der Legalität. Zweck dieser Steueroasen ist es, entweder Geldsummen vor dem heimischen Finanzamt zu sichern oder um über Dritte anonym Luxusgüter zu kaufen, die dann an den Nutzer der Briefkastenfirma billig „zurückverliehen“ oder geleast werden.

    Von dubiosen Tarn- und Briefkastenfirmen profitieren vor allem reiche Individuen ohne Sachkapital - wie Politiker, Schauspieler und Sportler. Wirkliche Kapitalisten haben mehr und bessere Möglichkeiten ihren Reichtum zu verstecken oder zu vermehren.

    Unter „Kapitalist“ verstehe ich hier im engeren Sinne die Eigentümer von Produktionsmitteln, die entweder ihre Firmen als Unternehmer selbst leiten oder als Großaktionäre die Unternehmensführung an angestellte Kapitalvertreter abgegeben haben. Was ihre wirtschaftliche Funktion angeht, können wir auch diese leitenden Manager zu den „Kapitalisten“ rechnen.


    1. Wirtschaftskriminalität - Mitarbeiter- und Unternehmenskriminalität

    1.1. Mitarbeiterkriminalität

    Wirtschaftskriminalität wird in der Regel einzelnen Tätern vorgeworfen, die sich auf Kosten ihres Unternehmens oder auf Kosten ihrer Kunden bereichern. Bei dieser Mitarbeiterkriminalität werden Straftaten „in einem wirtschaftlichen Kontext“ primär zum eigenen wirtschaftlichen Vorteil von Unternehmensmitarbeitern begangen.

    Diese individuelle Wirtschaftskriminalität macht nur einen Anteil von weniger als zwei Prozent an allen registrierten Straftaten in Deutschland aus. Allerdings beläuft sich der von ihnen verursachte Schaden auf fast 7 Milliarden Euro oder 50 Prozent aller registrierten Schäden.

    Man geht von einer hohen Dunkelziffer aus, denn die Hälfte der bekannt gewordenen Wirtschaftsstraftaten wird nicht durch kriminalistische Nachforschung, sondern nur durch Kommissar-Zufall oder Insiderhinweise entdeckt.

    Wer sind diese individuellen Wirtschaftskriminellen?

    Eine Studie der Hochschule St. Gallen untersuchte den Personenkreis von wirtschaftskriminellen Tätern und stellte fest:

    „Wer wirtschaftskriminelle Handlungen begehe, sei stark karriere- und erfolgsorientiert, entscheidungsfreudig und sozial hervorragend in das Unternehmen eingebettet. Überdies sei der typische Betrüger extrovertiert, unbescholten und überdurchschnittlich gebildet.“

    Auf welchen kapitalistischen Manager trifft das denn nicht zu?

    Merke: Jeder kapitalistische Manager verfügt über die persönlichen und sachlichen Voraussetzungen zum Wirtschaftskriminellen. Der Finanzanwalt Dietmar Kälberer meint, Deutschland sei „ein Paradies für windige Unternehmer und Betrüger“.


    1.2. Unternehmenskriminalität

    Weitgehend unbeachtet ist die eigentliche Unternehmenskriminalität. Hierunter fallen solche illegalen Tätigkeiten, die im wirtschaftlichen Interesse eines Unternehmens begangen werden. Jedes Unternehmen verfolgt seine „wirtschaftlichen Interessen“, um möglichst viel Profit zu machen. Unternehmenskriminalität ist deswegen besonders schwer aufzudecken und nachzuweisen.



    Genau genommen ist „Wirtschaftskriminalität“ in Deutschland gar nicht strafbar. Sie wird vom Strafgesetzbuch nicht erfasst. Das Bundeskriminalamt BKA behilft sich bei der Beschreibung von Wirtschaftskriminalität mit folgender Definition: Wirtschaftskriminalität sei "die vertrauensmissbrauchende Begehung von Straftaten im Rahmen einer tatsächlichen oder vorgetäuschten wirtschaftlichen Betätigung, die unter Gewinnstreben die Abläufe des Wirtschaftsleben ausnutzt und zu einer Vermögensgefährdung oder einem Vermögensverlust großen Ausmaßes führt oder eine Vielzahl von Personen oder die Allgemeinheit schädigt."

    Was sind nun wirtschaftliche Tätigkeiten, die „zu einer Vermögensgefährdung oder einem Vermögensverlust großen Ausmaßes führen oder eine Vielzahl von Personen oder die Allgemeinheit schädigen"?

    Wenn ein Unternehmen die Lohnarbeit „einer Vielzahl von Personen“ ausbeutet und ihre Gesundheit und Arbeitskraft dabei ruiniert, so ist das nach übereinstimmender Meinung der deutschen Gerichte keine „Schädigung der Allgemeinheit“, also auch keine Wirtschaftskriminalität.

    Wenn ein Unternehmen in seiner näheren und weiteren Umgebung Wasser, Boden und Luft verschmutzt und vergiftet, dann ist das nach übereinstimmender Meinung der deutschen Gerichte keine „Schädigung der Allgemeinheit“, also auch keine Wirtschaftskriminalität.

    Was bleibt da als Wirtschaftskriminalität noch übrig?


    2. Krimineller Handel

    Weniger leicht zu verbergen und zu vertuschen als Schmiergeldzahlungen sind die Warenwege, bei denen nicht nur Geld, sondern auch Produkte fließen. Kriminell ist der Handel mit verbotenen Produkten. Kriminell ist auch der Handel mit legalen Produkten, wenn sie an verbotene Empfängern geliefert werden.


    2.1. Kriminelle Handelswege

    Fast zehn Millionen Dollar Strafe musste die Expresstochter DHL der Deutschen Post an die US-Behörden zahlen, weil sie Sendungen aus den USA in den Iran, Sudan und nach Syrien transportiert hatte. Es geht dabei um 300 Lieferungen zwischen 2002 und 2007. In den Paketen waren keine Waffen oder High-Tech-Ausrüstungen, sondern bloß Textilien. Doch die US-Regierung hatte gegen die Empfängerländer Handelssanktionen verhängt, und dagegen hatte die DHL verstoßen.


    Im Jahr 2015 hatte ein russisches Unternehmen vier moderne Gasturbinen von Siemens gekauft, die dann – welch Überraschung! – auf der Krim auftauchten, die unter die EU-Sanktionen fällt. Einen Vorsatz konnte man jedoch dem Siemens-Management nicht nachweisen.

    Trotz des EU-Embargos gegen Russland wollen 80 Prozent der deutschen Konzerne an ihren Russland-Geschäften festhalten, wie die Wirtschaftswoche meldete. Wer bleibt, macht es wie Merck und startet oder weitet die Produktion vor Ort aus. Weitere Beispiele sind die Kältetechnik-Sparte des Technologieunternehmens GEA, der Pharmaanbieter Bionorica, Siemens oder der Mähdrescherhersteller Claas.


    2.2. Krimineller Handel mit verbotenen Produkten

    Komplett verboten ist der Handel mit Drogen, Wildtieren, Atomtechnologie, Menschen oder menschlichen Organen. Bei diesem Handel sind die Profite zwar besonders hoch, dennoch wird sich kein normaler (westlicher) Kapitalist damit abgeben. Solche risikohaften Geschäfte werden von Außenseitern oder von Pariah-Staaten betrieben. Das Hauptrisiko dieser Geschäfte liegt nicht einmal bei der Staatsgewalt, sondern bei skrupellosen Konkurrenten.


    2.3. Handel mit gefälschten Produkten

    Ein weiteres Feld kriminellen Wirtschaftens ist der Handel mit Produkten, an denen der Verkäufer keine Eigentumsrechte besitzt, allgemein bekannt als Produktpiraterie. Über Produktpiraterie wird in unseren Medien gerne berichtet, weil hier die Unternehmen der kapitalistischen Kernzone sich leicht als Opfer präsentieren können, denen Geschäft und Profit von den Fälschern weggenommen wird. Viel Aufhebens wird dabei auch vom „Verbraucherschutz“ gemacht, weil ja die echten Marken, angeblich viel sicherer, viel umweltfreundlicher und viel haltbarer sind. Der Kampf gegen Produktpiraterie erscheint so als ein Kampf für die Rechte der Verbraucher, nicht für den Profit der etablierten Unternehmen.


    2.4. Handel mit fiktiven Produkten

    Seit wir im Internet einkaufen können, gibt es auch den Handel mit nicht existierenden Produkten. Man bestellt und bezahlt, aber es wird nichts geliefert. Die Mutter aller Windverkäufe war die Firma Flowtex. Die Firma Flowtex in Ettlingen hatte vor einigen Jahren 3000 millionenteure Horizontalbohrgeräte für unterirdische Rohverlegungen verkauft, die meist nur auf dem Papier existierten.

    https://de.wikipedia.org/wiki/FlowTex

    Bis hierhin ist die kapitalistische Welt noch ganz in Ordnung:

    Steuerhinterzieher sind meist keine aktiven Kapitalisten, sondern private Individuen mit Geld, aber ohne Sachkapital und ohne Lohnarbeiter.

    Wer Schmiergelder zahlt, ist ein schwarzes Schaf, und hatte halt Pech, wenn er erwischt worden ist. Produktpiraten, das sind die bösen Konkurrenten aus China, die sich nicht an die hohen Moralstandards kapitalistischer Ehrenmänner in den Metropolen des Kapitalismus halten.

    Auch Handel mit heißer oder nicht vorhandener Ware ist nicht das Kerngeschäft der kapitalistischen Industrie.


    3. Betrug als kapitalistisches Kerngeschäft

    Handel ist nicht der Kernbereich der Kapitalisten Wirtschaft. Kernbereich des Kapitalismus ist die Produktion von Waren und Dienstleistungen, die als Ware verkauft werden. Der Betrug, der entlang dem Kerngeschäft eines Unternehmens verläuft, ist am schwersten zu entdecken und wird am seltensten bestraft. Viel häufiger und viel zentraler für die kapitalistische Profitmacherei ist es, wenn ein Unternehmen sein eigenes Produkt verfälscht.

    Das beginnt mit Pferdefleisch, das nicht deklariert wird, setzt sich fort mit Giften, die weggelogen werden, und führt zur sogenannten Obsoleszenz, bei der planvoll und absichtlich die Lebensdauer eines Produkts verkürzt wird.

    Es endet bei den großen deutschen Autofirmen, die über Jahre hinweg „Gammeldiesel“ als „Clean Diesel“ verkaufen.


    3.1. Schmiergelder und Korruption

    Industrielle Kapitalisten und ihre Manager haben ganz einfache, wenn auch illegale Methoden, um ihre Profite zu erhöhen. Der direkteste Weg ist, die Interessenvertreter von Kunden zu bestechen, damit sie überteuerte Produkte kaufen. Im erhöhten Kaufpreis fließen die Bestechungsmillionen wieder an den Ausgangspunkt zurück. Für diesen Zweck hatte der Siemenskonzern lange Jahre schwarze Kassen geführt. Auch Airbus soll schwarze Kassen genutzt haben, um in China, Indonesien und Kasachstan Aufträge an Land zu ziehen. Bauindustrielle stehen im Verdacht, staatliche Angestellte zu schmieren, um bei öffentlichen Aufträgen zum Zuge zu kommen.

    Schmiergeldzahlungen ähneln der üblichen kapitalistischen Geschäftspraxis, bei der Geld ausgegeben wird, um anschließend noch mehr Geld zu verdienen, wie ein Ei dem anderen.

    In aller Welt werden Statistiken und Listen geführt, die die Verbreitung und das Ausmaß der Korruption dokumentieren sollen. Man soll nicht annehmen, dass Deutschland da eine saubere Weste hat und einen Spitzenplatz einnimmt. Der aktuelle Korruptionsindex führt neun europäische Länder auf, in denen Korruption seltener ist als in Deutschland. Österreich nimmt nur den 17. Platz ein, einen Platz besser als die USA.


    3.2. Finanzbetrug

    Bevor Unternehmen ein Produkt auf den Markt bringen, haben sie mit Geld zu tun, mit viel Geld. Nichts ist leichter als aus viel Geld sehr viel Geld zu machen.

    Die größten Finanzbetrüger saßen in den Vorstandsetagen der amerikanischen Firma Enron.

    Enron ist in den USA zum Markennamen für Wirtschaftsbetrug geworden. Durch Bilanzbetrug wurden die Gläubiger um 40 Milliarden Dollar betrogen. Die Angestellten von Enron verloren nicht nur ihren Arbeitsplatz, sondern auch Rentenansprüche im Umfang von 800 Millionen Dollar.

    Und seit der Wirtschaftskrise von 2008 gelten auch in Deutschland Finanzleute und Banker als windige Gesellen. Aber Finanzbetrug ist keine Spezialität von Spekulanten und Banken, sondern kapitalistischer Alltag in jedem Unternehmen. Beim Finanzbetrug werden Kunden und/oder Gläubiger betrogen und bestohlen, indem Einnahmen eines Unternehmens vorgetäuscht, in der Höhe manipuliert oder beiseite geschafft werden.

    Der Drogeriehändler Anton Schlecker wurde wegen Finanzbetruges angeklagt und verurteilt, nicht wegen Lohndiebstahls an seinen Angestellten, andere Kapitalisten – seine Lieferanten und Gläubiger - fühlten sich von dem Kapitalist Schlecker übers Ohr gehauen, weil er angesichts seiner drohenden Pleite Millionen beiseite geschafft hat. Es ist die Rede von einem ungewollten Pleite-Schaden von insgesamt 1 Milliarde Euro und einem vermeidbaren Schaden von 16 Millionen, den Anton Schlecker anderen Kapitalisten zugefügt hat. Der Schaden, den Anton Schlecker für die 25.000 Entlassenen bereitet hat, zählt für das Gericht nicht.

    Finanzbetrug sollten eigentlich die Wirtschaftsprüfer verhindern. Deren Geschäft ist jedoch hoch monopolisiert. Gut zwei Drittel der weltweiten Wirtschaft werden von ganzen vier Unternehmen „geprüft“: Deloitte, Ernst & Young, PricewaterhouseCoopers (PwC) und KPMG. Alle vier hatten bis in die weltweite Finanzkrise hinein Schrottpapieren höchste Punktzahlen vergeben. Alle vier sind eng mit den Unternehmen verbandelt, die sie „unabhängig“ prüfen sollen. Schließlich werden sie von diesen Unternehmen bezahlt. Ihre Aufgabe ist weniger, Finanzbetrug zu verhindern, als vielmehr die Finanzmanipulationen so zu verschleiern, dass sie nicht entdeckt werden können.


    Bei der in Bundesbesitz befindlichen Bad Bank FMS Wertmanagement, die im Zuge der Finanzkrise von der Hypo Real Estate (HRE) ausgegliedert wurde, kam es in der Bilanz zum Rumpfgeschäftsjahr 2010 zu einem Buchungsfehler in Höhe von 55,5 Milliarden Euro. Die Wirtschaftsprüfer von PwC hatten der FMS-Wertmanagement aber eine einwandfreie Bilanz attestiert. Die Deutsche Bundesbank stellte im November 2011 allerdings eine Mitschuld von PwC am Bilanzfehler bei der FMS-Wertmanagement fest. Die Wirtschaftsprüfer „hätten nicht gründlich genug geprüft“.


    Im Luxemburg-Leaks-Skandal wurden im November 2014 von Whistleblowern 28 000 Seiten interne Dokumente veröffentlicht, die zeigten, dass PwC mit den luxemburgischen Steuerbehörden zwischen 2002 und 2010 548 verbindliche Vorbescheide (Advance Tax Rulings) abgeschlossen hatte. Die Vorbescheide sicherten 343 Großkonzernen, darunter Apple, Amazon, Heinz, Pepsi, Ikea und Deutsche Bank eine niedrige Besteuerung in ihren Heimatländern rechtlich „sauber“ und verbindlich zu. Wirtschaftsprüfer sind Komplizen, keine unabhängigen Prüfer.

    Finanzbetrug ist umso wichtiger geworden, seit die Notenbanken das Zinsniveau niedrig halten, und die Spekulationsgewinne weniger stark sprudeln.


    3.3. Produkt- und Dienstleistungsbetrug

    Wegen Verschwörung zum Betrug und Verstoß gegen Umweltgesetze sprach Richter Sean Cox am Mittwoch, 6.12. 2017, in Detroit eine siebenjährige Gefängnisstrafe gegen den langjährigen VW-Angestellten Oliver Schmidt aus. Zudem muss der Manager, der laut Anklage von Februar 2012 bis März 2015 in leitender Funktion für Umweltfragen in den USA zuständig war, eine Geldstrafe in Höhe von 400.000 Dollar zahlen.

    Anfang des Jahres 2017 war schon der deutsche VW-Ingenieur James Robert Liang in den USA zu drei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt wurde. Liang hatte sich dem Gericht als Kronzeuge zur Verfügung gestellt, um seine Strafe zu mindern. Er hat genau beschrieben, wie er und seine Kollegen ab 2006 versuchten, einen Dieselmotor zu entwickeln, der die neuen strengen Abgasauflagen der US-Regierung erfüllen sollte. Als sie merkten, dass dies das zu profitablen Bedingungen schafften, entwickelten sie eine Software, die immer dann und nur dann, wenn die Fahrzeuge auf dem Prüfstand standen, die schädlichen Emissionen des Wagens verminderte. Die Prüfsituation erkannte die Software unter anderem daran, dass Motor und Räder bewegt wurden, aber das Lenkrad nicht. Im normalen Gebrauch auf der Straße pusteten dann die Autos munter den Dreck zum Auspuff heraus.


    Über Jahre hinweg sollen die großen Autohersteller, der Stolz der deutschen Ingenieurkunst und Arbeitgeber für 800.000 Lohnarbeiter, diese „gemeinsame Strategien bei Dieselfahrzeugen“ ausgeklüngelt haben.

    Die Drahtzieher dieses Betrugs sitzen in Deutschland und ihnen drohen keine Haftstrafen.


    Statt dessen schießen sich die Zeitungen in Deutschland auf staatliche Stellen ein:

    „ In den Dieselskandal waren in Deutschland viele Behörden involviert: das Kraftfahrt-Bundesamt, das dem Verkehrsministerium unterstellt ist; das Wirtschaftsministerium, dem das Kartellamt untersteht; die Technischen Überwachungsvereine, das Umweltministerium sowie das Justizministerium, der Verkehrsausschuss, der parlamentarische Untersuchungsausschuss und schließlich das Umweltbundesamt. Sie alle wollen nichts gewusst und nichts gemerkt haben von den Manipulationen. Bis die amerikanische Umweltbehörde EPA vor zwei Jahren den entscheidenden Hinweis lieferte.“ Quelle.

    Ist denn der Sheriff schuld, wenn Gangster die Bank ausrauben?


    Natürlich drückt die deutsche Bürokratie alle Augen zu, wenn es um das Wohl und den Profit der Großunternehmen geht. Im Notfall lässt sich staatliches Weggucken immer auch mit dem „Schutz der Arbeitsplätze“ rechtfertigen.

    Aber dass erhebliche kriminelle Energie dazu gehört, eine Betrugssoftware zu entwickeln und millionenfach in neue Autos einzubauen, das traut sich unsere Presse nicht zu sagen. Und nie käme ein deutscher Journalist auf den Gedanken, die Ingenieure und Manager, die dabei zusammengewirkt haben, als „kriminelle Vereinigung“ zu bezeichnen!

    In der deutschen Kriminalstatistik werden mit „organisierter Kriminalität“ nicht betrügerische Unternehmen, sondern nur die Kooperation von kriminellen Einzelpersonen erfasst. Das betrifft Delikte wie Rauschgiftkriminalität, Einbruchdiebstahl oder Zigarettenschmuggel. Was die VW-Spitze getrieben hat, fällt also nicht unter „organisierte Kriminalität.


    Überall blättert der Lack am reifen Kapitalismus, selbst dort, wo die Geschäfte noch laufen. Der organisierte Betrug der deutschen Autoindustrie ist keineswegs ein Sonder- oder Einzelfall.


    Am 8. Oktober dieses Jahres musste der japanische Konzern Kobe Steel zugeben, dass er in großem Umfang die Qualitätsangaben seiner Alu- und Kupferproduktion gefälscht hatte. Rund 20.000 Tonnen von Hochleistungslegierungen wurden in Flugzeuge, Raketen, Autos, Züge und Atomkraftwerke eingebaut, ohne dass sie die geforderten und auch versprochenen Qualitätsmerkmale erfüllten.


    Am 23. November 2017 kam heraus, dass Mitsubishi Materials 270 Millionen minderwertige Teile und Halbzeuge mit gefälschten Qualitätsmerkmalen in den Handel gebracht hatte. Diese Teile wurden in Flugzeuge, Stromgeneratoren und Autos in aller Welt eingebaut.

    Der„Economist“ kommentierte diese Betrugsserie: „Viele Unternehmen hielten einen Vorsprung vor Konkurrenten, indem sie Produkte versprachen, die Mindeststandards und die normale Qualität der Nutzung weit übertreffen. Die Konflikte kommen notwendig dann, wenn dieser Qualitätsdruck dann auf die Produktion ausgeübt wird, wo diese Versprechen eingelöst werden sollen. Dann beginnt die Schummelei ... bis hin zu kriminellem Verhalten.“ Das Resümee des Economist: "Der Konflikt zwischen Qualitätsstandards und weiterer Kostensenkung wird sich mit Bestimmtheit zuspitzen." Das trifft nicht nur auf die japanische, sondern auch auf die gesamte deutsche Industrie zu.


    Als Produkt- bzw. Dienstleistungsfälschung lässt sich auch bezeichnen, was der AOK und anderen Krankenkassen vorgeworfen wird: Sie liefern an die Kassenärzte eine Schummelsoftware, die es den Ärzten möglich macht, bei ihren Patienten schwerere Krankheiten zu diagnostizieren, und so mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds zu beziehen. Ende September 2017 wurden in AOK-Niederlassungen in Hamburg und Düsseldorf polizeiliche Hausdurchsuchungen durchgeführt. Falls die Vorwürfe sich bestätigen, handelt es sich auch hier um Betrug der in und mit dem Kerngeschäft eines Unternehmens betrieben wird.


    Es spricht einiges dafür, dass die beiden deutschen Unternehmen Ferrostaal und Enersys-Hawker die (Mit)Schuld an dem Untergang des argentinischen U-Bootes tragen. Der Kapitän hatte in seiner letzten Funkverbindung von einem Schwelbrand im Batteriesystem berichtet. „Es besteht der Verdacht, dass die Batterien ... teilweise oder ganz nicht von der Qualität waren, die sie hätten haben sollen." Für den Auftrag an die beiden Unternehmen soll auch Schmiergeld geflossen sein. In dem havarierten U-Boot kamen 44 Menschen ums Leben.



    4. Sinkendes Ansehen der Unternehmer und ihrer Handlanger

    Nach dem Tief, das den deutschen Kapitalisten ihre Komplizenschaft mit den Nationalsozialisten einbrachte, stieg ihr Ansehen während der Wirtschaftswunderzeit wieder auf angenehme Höhen. 1953 stuften nur 40 Prozent der Deutschen die Unternehmer als „tüchtig“ ein. In den 1970er Jahren hatten mehr als drei Viertel aller Deutschen ein positives Bild vom Unternehmertum. Von diesem Höhenflug sind die Kapitalisten und ihre bezahlten Handlanger weit entfernt. Spätestens mit der Wirtschaftskrise von 2008 ist das Ansehen der Kapitalisten in Deutschland kräftig gesunken. Heute meinen noch 55 Prozent, dass Unternehmer „ein hohes Ansehen verdient“ hätten. Die leitenden Manager kommen in dieser Forsa-Umfrage nur auf 26 Prozentpunkte. Jeder Müllmann hat heute höheres Ansehen als die Kapitalisten und ihre Manager. Auch intern schneiden Manager immer schlechter ab. Laut einer aktuellen Internetbewertung für Führungskräfte ist jeder dritte Lohnarbeiter ist mit seinem Chef unzufrieden.




    5. Gegenstrategien der Unternehmen

    5.1. Unternehmensethik

    Der liberale Wirtschaftler Milton Friedman schrieb 1970, die einzige soziale Verantwortung eines Unternehmens sei es, „schwarze Zahlen“ zu schreiben. Heute fürchten Kapitalisten und ihr Anhang um den Verlust ihres Ansehens. Sie fürchten nicht gleich eine soziale Revolution, aber doch einen Geschäftseinbruch, wenn das Unternehmen in negative Schlagzeilen gerät. Das haben vor VW auch Nestle und vor Nestle Shell erfahren müssen. Immer mehr Unternehmen wollen nicht mehr nur als rationelle Geschäftemacher, sondern als „Unternehmen mit Herz“ verstanden werden und melden sich zum Beispiel auf Facebook an. In den USA positionieren sich Unternehmen gegen Trump oder gegen männlichen Chauvinismus, wenn sie glauben, damit Sympathiepunkte gewinnen zu können. In Deutschland besuchen führende Manager Ethikkurse, und der Bund Deutscher Arbeitgeber BDA befindet: „Um die eigene Zukunftsfähigkeit zu sichern, sind Unternehmen auf ethische Werte angewiesen. Denn Werte schaffen Vertrauen und wem kein Vertrauen entgegengebracht wird, der findet keine Kunden, keine Mitarbeiter und keine Geschäftspartner.“ Imagepflege ist alles.


    5.2. Compliance, Regelkonformität

    Im Frühkapitalismus gab es keine Industriestandards, keine DIN-Normen, keine Qualitätskontrollen und kein Urheberrecht. Das hat sich gründlich geändert. Immer mehr Industriestandards und DIN-Normen wurden von den Kapitalisten freiwillig eingeführt, um ihre Herstellungskosten zu senken und um die Zusammenarbeit mit Zulieferern zu vereinfachen. Anderseits sind Qualitätsstandards auch ein wichtiger Bestandteil der Wertbestimmung von Produkten und Dienstleistungen. Von außen sehen viele Produkte gleich aus. Deshalb lassen sich Firmen ihre höherwertige Qualität zertifizieren, um den höheren Preis durchsetzen und rechtfertigen zu können.

    Alle diese Standards und Regularien entwickeln sich direkt aus dem kapitalistischen Alltag, auch wenn sie schließlich staatlicherseits fixiert und durchgesetzt werden. Die EU-Gegner, die den Politikern in Brüssel „Überregulierung“ vorwerfen, haben vom kapitalistischen Alltag wenig Ahnung.

    Im Lauf der Zeit haben die gesetzlichen Bestimmungen und Vorschriften jedoch so sehr zugenommen, dass die Unternehmen eigene Abteilungen brauchen, um mit der Vielzahl der Vorschriften und ihren Veränderungen Schritt zu halten. Diese „Compliance-Abteilungen“ haben in Großunternehmen 20 oder mehr Mitarbeiter. Je mehr Regeln es gibt, desto häufiger und desto unvermeidlicher sind auch die Regelverstöße. Sind diese Regelverstöße beabsichtigt, fallen sie unter Wirtschaftskriminalität, sind die Regelverstöße unbeabsichtigt und kommen ans Tageslicht, machen sie schlechte Presse. Beabsichtigt oder nicht, dem Unternehmen drohen Schaden und Strafzahlungen, wenn sich herausstellt, dass es die Regeln und Standards nicht einhält.

    Das ist ein Teufelskreis ohne Ende, der erst aufgebrochen werden kann, wenn alle Unternehmen in aller Öffentlichkeit wirtschaften, produzieren und ihre Bücher führen – ohne jedes „Geschäftsgeheimnis“ und ohne alle Geheimnistuerei. Das ist allerdings erst jenseits des kapitalistischen Privateigentums herstellbar.


    Wal Buchenberg, 9.12.2017


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