Theorie? Brauchen wir Theorie?

  • Hallo Wal,


    ich denke, dass eine Klärung, was wir als Linke, Kommunisten, Kommunalisten etc. unter Theorie verstehen, keine Privatangelegenheit sein sollte. Linke etc. und vielleicht auch jens, verstehen unter Theorie oft so etwas wie abgehobene Gedankengebilde oder gar Geschwätz von Leuten, die sich intellektuell hervortun wollen, deren Gerede mit der Wirklichkeit aber nichts gemein hat. (Gemeinschaftlich erarbeitete) Theorie ist aber bitter notwendig, wenn die Linke etc. aus ihrem Jammertal herauskommen will.


    Für Materialisten, Marxisten, Kommunisten etc. ist Theorie ein Mittel, durch Nachdenken Wege und Methoden zu finden, um die offenen Fragen über das Unverstandene in der Wirklichkeit - zumindest teilweise - beantworten zu können. Hierfür sind wissenschaftliche Begriffsbildung, Systematisierung, Analyse, logisch konsistente Begründung und/oder empirischer Beweis notwendig und (vorläufig) hinreichend. Dann erst lassen sich Verallgemeinerungen ableiten, die in Form von Gesetzmäßigkeiten zu Prognosen führen können. Eine so gebildete Theorie muss aber sich schließlich in der Kritik und/oder an der Wirklichkeit (vorläufig) bewähren.


    Daneben gibt es noch zwei andere Arten von Theorien. Die einen sind solche, die ich als positive Theorien bezeichnen würde, welche auf der Grundlage der kapitalistischen Klassengesellschaft anhand der anschau- und überprüfbaren Gegenstände und durch Fakten- und Informationssammlung und Herstellung von Zusammenhängen gesellschaftliche Phänomene beschreiben. Hieraus ergeben sich dann, je aus Sichtweise, unterschiedliche Befunde, wodurch es dann zu einer Theorienkonkurrenz kommt, die in der Gesellschaftswissenschaft als Pluralismus beschrieben wird. So kommt es dann z. B. zu unterschiedlichen Demokratietheorien, deren Schlussfolgerungen, je nach Sichtweise (sozialdemokratisch, christlich, faschistsisch usw.), unterschiedlich ausfallen. Und jede/r kann sich dann aussuchen, was ihrem/seinem Weltbild am meisten entgegenkommt.


    Die andere Art sind die normativen Theorien, die systematisch und logisch entweder zu den Letztbegründungen des Seins (Ontologie) vordringen wollen, um hieraus Sinn und Zweck der realen ethischen Prinzipien abzuleiten, nach denen sich die Menschen zu richten haben (Methaphysik). Oder sie befassen sich, insbesondere auf der Grundlage moralischer und ethischer Prinzipien, mit aus der Gegenwart abgeleiteten Sollzuständen, entwerfen entsprechende (Gesellschafts)Systeme und begründen diese logisch konsistent. Auch hier kann sich dann jede/r aussuchen, was ihrem/seinem Weltbild am meisten entspricht, um sich dann mit Leidenschaft für diese oder jene Richtung einzusetzen.


    Letzteres meinen viele Linke etc. meistens, wenn sie generell die Theorie verurteilen und daraus den fatalen Schluss ziehen, dass Theorie Quatsch sei, weil frau sich in der Zielsetzung eh einig sei. Nur fällt diese Zielsetzung im Detail dann doch ganz unterschiedlich aus, was erst zur Zersplitterung und dann in der Praxis zu einem erbitterten (Macht)Kampf zwischen den zersplitterten Gruppierungen führt. Aber wenn frau sich zuvor theoretisch geeinigt hat, ergeben sich Zielsetzung und praktisches Handeln von alleine. Ob theoretische Einigung hinreichend für die Bestätigung der Theorie ist, ist eine anders zu diskutierende Frage, aber notwendig ist sie auf jeden Fall.


    Beste Grüße

    ricardo

  • Hallo Ricardo,

    du unterscheidest drei Arten von Theorien, zwei "schlechte" und eine "gute" Theorie.

    Die zwei schlechten Theorien sind "positive" oder "empiristische" Theorie, die nicht über den Kapitalismus hinausdenkt, und die "normative" Theorie, eine Dogmatik.

    Leider hast du deine "Großtheorie" nicht näher charakterisiert, sondern nur einen Anspruch, ein Bedürfnis danach formuliert.

    Bleiben wir mal bei der "Groß- oder Universaltheorie" wie ich das nennen möchte.


    Wir können ja feststellen, dass an linken theoretischen Zeitschriften kein Mangel herrscht. Die politischen Zeitschriften und Zeitungen, die zum Tagesgeschehen Stellung nehmen, sind fast alle verschwunden. Die "junge Welt" gibt es zwar noch, aber das ist nur ein Krüppel von politischer Zeitung, weil sie fast nur am Staatsgeschehen interessiert ist, und soziale Bewegungen und ihre Probleme nur ausnahmsweise aufgegriffen werden.

    Wer in die linksradikalen (Internet)Zeitschriften guckt, findet wenig Stellungnahmen zu aktuellen Themen (Streiks, Syriza, Katalonien, Kohleausstieg etc.), und wenn, dann nur mit großem Zeitverzug. Eine politische Rolle spielen diese (Internet)Zeitschriften nicht. Was bleibt, ist Theorie, Theorie, Theorie - oft mit hoher Abstraktion und in einer akademischen Sprache, die nur Eingeweihte verstehen. Als Beispiele dafür seien genannt: arranca, express, Prokla, Gegenstandpunkt. (Ich spare mir die Links).

    Kurz: Wer die Publikationen der (radikalen) Linken betrachtet, findet nicht ein Defizit, sondern ein Überangebot an Theorie.

    Du forderst nun:

    Quote

    Für Materialisten, Marxisten, Kommunisten etc. ist Theorie ein Mittel, durch Nachdenken Wege und Methoden zu finden, um die offenen Fragen über das Unverstandene in der Wirklichkeit - zumindest teilweise - beantworten zu können.

    Eigentlich scheint das eine Selbstverständlichkeit zu sein, und auch das Marx-Forum versteht sich ja als Plattform, um "offene Fragen über das Unverstandene in der Wirklichkeit - zumindest teilweise - beantworten zu können".

    Trotzdem funktioniert das nicht - zumindest nicht auf Dauer.

    Warum ziehst du dich zum Beispiel immer wieder von der Diskussion im Marx-Forum zurück? Der Nick "ricardo" ist deine dritte Identität, mit der du dich hier zu Wort meldest.
    Warum lässt Robert Schlosser, der das Marx-Forum zeitweilig sogar verantwortlich geführt hatte, seine theoretischen Texte heute lieber in privater Abgeschiedenheit stehen als sie im Marx-Forum zur Diskussion zu stellen?
    Warum gibt es nirgends Ansätze zu einer strömungsübergreifenden theoretischen Debatte?

    Nur am "bösen Wal Buchenberg", der angeblich nicht sich selbst, aber anderen Leuten personenbezogene Polemik verbietet, kann das nicht liegen. In anderen linken/kommunistischen Foren und Blogs ist die Diskussionsbereitschaft keineswegs größer als im Marx-Forum.


    Fakt ist: Wir haben an linken Theoretikern kein Mangel. Es mangelt allerdings an theoretischer Kooperation.

    Ich denke, es liegt nicht an den Besonderheiten der linken Theorie, sondern an den Besonderheiten der linken Theoretiker. Wer immer sich einen Namen machen will als linker Theoretiker, der muss eine "Marke" kreieren, der muss ein "Stand-alone-product" liefern. Der mühselige und beschwerliche Weg zum linken Theoretiker geht durch so viele Buchtitel und Buchseiten hindurch, dass ein Theoretiker in spe hofft, dass er am Ende mindestens mit einem Lorbeerkranz belohnt wird. Er hofft, sich "einen Namen zu machen". Kooperation? Diskussion? Da könnte ja mein Ruf als großer Geist Schaden nehmen!
    Alle Karrieren als Berufsrevolutionär sind längst tot. Die Karrieren als linker Berufspolitiker sind in schlechten Ruf geraten. Eine Karriere als linker Theoretiker ist die letzte Chance, entweder sein politisches Engagement zum Beruf zu machen oder mindestens seinem politischen Engagement Glanz zu verleihen.

    Die Eitelkeiten und Empfindlichkeiten der linken Theoretiker sind stärker als der Wunsch nach Kooperation. Das Resultat ist: Wir haben an linken Theoretikern kein Mangel. Es mangelt allerdings an theoretischer Kooperation.

    Wer meine Erklärung für überzeichnet findet, der soll mir bitteschön eine plausiblere Erklärung für die Unfähigkeit des Theoretikers zur Kooperation bringen.


    Aber beginnen wir noch einmal ganz zu Beginn. Von Karl Marx wird behauptet, er habe eine Art von Groß- oder Universaltheorie geschaffen, die mehr oder minder alles abdeckt, womit soziale Bewegungen zu tun haben. Ich halte diese Behauptung für verfehlt.

    Was einer linken Universaltheorie noch am nächsten kommt, ist das "Manifest der Kommunistischen Partei". So einen Universaltext, der historische, politische, wirtschaftliche und ideologische Aspekte umfasst, hatte Karl Marx nur einmal in jungen Jahren geschrieben. Er hat nie wieder versucht, auf diesem Text aufzubauen und eine umfassende Einzeldarstellung sowohl der politischen Ökonomie, wie der Klassenkämpfe und deren ideologische Widerspiegelungen seiner Zeit zu verfassen.


    Zwei politisch-historische Texte von Marx kommen dem Kommunistischen Manifest noch am nächsten.

    Das ist einmal der 18. Brumaire des Louis Napoleon über die Niederlage der ersten Arbeiterrevolution in Paris und dann der Bürgerkrieg in Frankreich über die Kommune von Paris.
    Daneben und darüber steht das Haupt- und Mammutwerk von Marx, seine "Kritik der Politischen Ökonomie", die drei Bände des Kapital.


    Also: Es gibt (im Kommunistischen Manifest) einen frühen Entwurf einer kommunistischen Universaltheorie. Dann hat sich Karl Marx nicht mehr mit Universaltheorie befasst. Wir können nun darüber spekulieren, ob Marx keine Universaltheorie wollte oder ob er die Universaltheorie nicht konnte.

    Fakt ist, dass der Versuch von Lenin, Trotzki und Stalin aus dem Lebenswerk von Marx eine Universaltheorie zu machen, katastrophal gescheitert ist. Ich glaube, dass nach dem katastrophalen Scheitern des Marxismus-Leninismus, den Faschismus in Europa zu verhindern, dann aber auch mit dem Versuch eine nachkapitalistische Gesellschaft aufzubauen, dass dieses doppelte Scheitern bei einigen Linken einen Theorie-Phantomschmerz hinterlassen hat.

    Statt sich von einer bleiernen Theorielast befreit zu fühlen, trauern die Theorielinken der verlorenen Universaltheorie hinterher.


    Ich sehe keinen Grund für Trauer.

    Was gegenwärtig stattfindet, sind verstreute und zersplitterte Kämpfe gegen Staat und Kapital. Es sind Kämpfe zur Verteidigung des Werts der Arbeitskraft. Es sind Kämpfe gegen die Verelendung der Armen. Es sind Kämpfe gegen Naturzerstörung (Atomkraft, Kohleenergie. Klima, Landwirtschaft etc.). Es sind Kämpfe gegen die besondere Unterdrückung der Frauen. Es sind Kämpfe gegen die besondere Entrechtung von Minderheiten (Ausländer, ethnische Minderheiten, Muslime etc.) Es sind Kämpfe für mehr Selbstbestimmung und "mehr Demokratie" für Alle.

    Wer in sich die Berufung zu theoretischer Arbeit spürt, hat überall ein weites Feld.


    Verlangen die in diese Einzelkämpfe verstrickten Menschen nach einer Universaltheorie? Ja, es gibt fast in jeder dieser Bewegungen solche Bestrebungen. Ich denke da vor allem an die Anti-Armutsbewegung ("Bedingungsloses Grundeinkommen") und an den Feminismus ("Patriarchat"), die beide eine Art Universaltheorie entwickelt haben. Aber außerhalb ihrer Bewegungen haben diese Theorien keinen Einfluss, weil sie ziemlich "luftige Gebilde" sind. Ganz im Gegenteil: Die Attraktivität dieser Einzelbewegungen hat durch ihre jeweilige Universaltheorie eher abgenommen. Es entstand und entsteht dadurch der Eindruck einer Sekte.

    Meine Schlussfolgerung: Wir kommen gut (besser?) ohne eine linke Universaltheorie aus.

    Es genügt der "kategorische Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist, ...“ (Karl Marx)

    Es genügt, wenn wir in jeder Bewegung und an jedem Konfliktpunkt gewissenhaft prüfen: Ganz allgemein: Cui bono (Wem nützt es?). Und konkret: Wo und warum nützt es uns? Wo und warum schadet es uns?


    Gruß Wal

  • Dass es keiner universellen Welterklärungstheorie bedarf mag hinhauen. Andererseits frage ich mich ob es nicht zumindest einer gemeinsamen Strategie bedarf. Dazu müsste aber klar sein wo der Hebel anzusetzen ist. Und insofern steht damit wieder die Frage im Raum ob es nicht in den linken Gruppen erst einer theoretischen Hegemonie bedarf was unter Staat, Kapital etc. zu verstehen ist um zu wissen wie sinnig mit diesen zu verfahren sei.


    Dieser Ansatz dürfte aber illusorisch sein, da eine Einheit des Denkens vermutlich weder machbar noch wünschenswert ist. Wir drehen uns im Kreis. Ich bin hier ratlos.


    Allerdings war das Bochumer Programm ein Versuch eines Minimalprogramms, auch wenn es noch keine Strategie darstellte, bzw. nur teilsweise, wie es umzusetzen sei. Es wäre also die Frage wie Mehrheiten für ein Minimalprogramm, beispielsweise dem Bochumer, das ja weiterhin aktuell ist, zu gewinnen sind.

  • Wenn von Theorie die Rede ist, ist von Theorie die Rede.

    Die Begründung, dass eine "Universaltheorie" nicht nötig sei, hat erstens mit einer "Nichtuniversal" - Theorie, also Theorie, wenig zu tun.

    Zweitens würden die Argumente, die geltend gemacht wurden, kaum reichen, die m.E. präzise kurze Definition von Theorie aufzuheben, wie sie ricardo formuliert:


    Für Materialisten,Marxisten, Kommunisten etc. ist Theorie ein Mittel, durch NachdenkenWege und Methoden zu finden, um die offenen Fragen über dasUnverstandene in der Wirklichkeit - zumindest teilweise - beantworten zu können.

  • Mario Ahner - Mehrheiten gewinnen für (z.B.) Bochumer Programm?

    Für den Anfang wäre schon mal ganz gut, wenn dieses weiter Diskussions- und Beratungsstoff bliebe.

    Das war ja nicht so gedacht, daß die Buchstaben des Programms in Stein gemeißelt sind. Es war (und ist) der Vorschlag eines Versuchs, einen Minimalkonsens zu formulieren.

  • Wenn von Theorie die Rede ist, ist von Theorie die Rede.

    Die Begründung, dass eine "Universaltheorie" nicht nötig sei, hat erstens mit einer "Nichtuniversal" - Theorie, also Theorie, wenig zu tun.

    Zweitens würden die Argumente, die geltend gemacht wurden, kaum reichen, die m.E. präzise kurze Definition von Theorie aufzuheben, wie sie ricardo formuliert:


    Für Materialisten, Marxisten, Kommunisten etc. ist Theorie ein Mittel, durch Nachdenken Wege und Methoden zu finden, um die offenen Fragen über das Unverstandene in der Wirklichkeit - zumindest teilweise - beantworten zu können.

    Hallo basal,

    in deiner Antwort finde ich mich und meine Thesen nicht wieder.

    Dem Zitat von ricardo über den Zweck von Theorie habe ich gar nicht widersprochen. Ganz im Gegenteil, ich habe gesagt, dass wir genau das im Marx-Forum versuchen.

    Ich meinte, an Theorien gebe es keinen Mangel und an Theoretikern gebe es keinen Mangel - mit Ausnahme vielleicht einer Universaltheorie, deren Verlust nicht zu bedauern sei.

    Woran es allerdings mangelt, ist das gemeinsame, kooperative Nachdenken:

    Quote

    Fakt ist: Wir haben an linken Theoretikern kein Mangel. Es mangelt allerdings an theoretischer Kooperation.

    Für diesen Mangel an theoretischer Kooperation habe ich meine Erklärung vorgebracht.


    Gruß Wal

  • Materialismus, Theorie und Kommunismus


    Ich würde nicht von “Großtheorie” sprechen wollen, sondern ich würde sagen, dass es seit der Moderne (Ablösung von Glaube und Religion durch Wissen) zwei Denkansätze gibt, den idealistischen und den materialistischen. Letzterer setzt jedem auf die Erkenntnis der Wirklichkeit gerichteteten Interesse die Ablehnung von Autorität (außer der durch Wissen erlangte), von Ethik (aus Glaube, Religion und Philosophie abgeleitete gesellschaftliche Axiome, Vorschriften und Bräuche) und Moral (ideologische Zweck- und Letztbegründung) voraus, sowie die Infragestellung alles Unverstandenen und dessen radikaler Kritik. Auf dieser Grundlage dienen der Erforschung der Wirklichkeit Theorien, bzw. Begriffssysteme der Art, wie ich sie in meinem vorgehenden Beitrag beschrieben habe. Daraus folgt aber auch, dass konsequente Materialisten/innen unwillkürlich zu Kommunist/innnen (I. w. S. politische Vertreterin einer freien Assoziation, in der Bedürfnis und Reproduktion eine Einheit bilden) werden. Ansonsten werden sie zu (moralisierenden, tautologisierenden) Bürger/innen oder Faschist/innen.


    Wären von dieser Einsicht ausgehend möglichst viele Menschen Materialisten, bräuchten Linke etc. mit ihren verkehrten Theorien, Strategien oder politischen Kämpfen nicht vergeblich darauf hoffen, dass sich doch die Lohnarbeiter zahlreich ihrer antikapitalistischen Politik anschließen mögen. Dann bräuchten sich die Lohnarbeiter nur noch organisieren und mit dem kapitalistischen Spuk wäre es schnell vorbei. Weil aber der Erfolg ihrer Theorien, Strategien etc. ausbleibt, den sie aber erwarten, meinen die wenigen Materialisten, die Theorien, Strategien etc. der andern wären schuld und kommen sich darüber in die Haare, statt sich durch fruchtbaren Diskurs zu einigen und ihre Kräfte zu bündeln, damit sie wirklich effektiv radikale Kritik üben, um die bestehenden Ideologien auseinander nehmen und bloßstellen zu können. Insofern halte ich eine verzerrte Darstellung von linker Theorie als einer Spielwiese von eitlen Politikversagern nicht nur für gewagt, sondern der Sache des Kommunismus äußerst schädlich.


    Unter diesem Gesichtspunkt ist auch eine Theorie als gewagt zu beurteilen, die Kämpfe für mehr Selbstbestimmung und Demokratie per se als ein Element des Fortschritts zur sozialen Emanzipation eingeordnet. Schon alleine die in der Realität zunehmenden Kämpfe der modernen nationalistischen und neofaschistischen Lohnarbeiter für mehr direkte Demokratie, welche schnurstracks in die faschistiche Volksgemeinschaft führen, lassen an dieser Theorie zweifeln. Aber auch die mit diesen konkurrierenden Kämpfe für die bürgerliche Demokratie sind ja nichts anderes als der Einsatz für ein politisches und ökonomisches (Herrschafts) System, unter dem Krieg und Armut zur Normalität gehört. Kämpfe ohne durch Theorie und materialistische Erkenntnis gewonnene Orientierung laufen also entweder in die bürgerliche oder in die faschistische Richtung aber nicht in die der sozialen Emanzipation als Vorbedingung des Kommunismus. Und das wird vorerst so bleiben, solange die theoretisch entwaffnete Linke dem nichts entgegen zu setzen weiß oder wenn, nur so minimal, dass es unerhört bleibt.


    ricardo

  • Hallo Ricardo,

    du hast dir mit deiner Antwort Zeit gelassen.

    Wie du vielleicht weißt, ist Geschichte nicht nur Teil meiner theoretischen Ausbildung, sondern stand auch immer im Zentrum meines persönlichen Interesses. Nun ist mir allerdings kein einziger Fall bekannt, wo durch theoretisch "Erforschung der Wirklichkeit" Menschen massenhaft und "unwillkürlich zu Kommunistinnen" geworden wären.

    Wie oben schon gesagt, will ich die "Erforschung der Wirklichkeit durch Theorie" nicht schlecht reden. Ich hatte aber schon darauf hingewiesen, dass viele heutige Linke tatsächlich nichts anderes tun, ohne dass das viel gebracht hätte.

    Kurz: Ich teile deinen Optimismus nicht, dass Theoriearbeit der alles entscheidende Punkt sei, um die schlechten Verhältnisse zu ändern. Ich denke, die "Erforschung der Wirklichkeit" geschieht nicht minder durch soziale, wirtschaftliche und politische Praxis.

    Da sehe ich mich ganz in der Tradition des "Materialismus", auf den du dich ebenfalls berufst:


    Ideen können nie über einen alten Weltzustand, sondern immer nur über die Ideen des alten Weltzustandes hinausführen. Ideen können überhaupt nichts ausführen. Zum Ausführen der Ideen bedarf es der Menschen, welche eine praktische Gewalt aufbieten.“ K. Marx, Hl. Familie, MEW 2, 126.

     

    „... Man sieht, wie die Lösung der theoretischen Gegensätze selbst nur auf eine praktische Art, nur durch die praktische Energie der Menschen möglich ist und ihre Lösung daher keineswegs nur eine Aufgabe der Erkenntnis, sondern eine wirkliche Lebensaufgabe ist, welche die Philosophie nicht lösen konnte, eben weil sie dieselbe als nur theoretische Aufgabe fasste.“ K. Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW 40, 542.

     

    „Es ist die alte Illusion, dass es nur vom guten Willen der Leute abhängt, die bestehenden Verhältnisse zu ändern ... Diese ideelle Erhebung über die Welt ist der ideologische Ausdruck der Ohnmacht der Philosophen gegenüber der Welt. Ihre ideologischen Prahlereien werden jeden Tag durch die Praxis Lügen gestraft.“ K. Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 363.


    „Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung.“ K. Marx, Kommunistisches Manifest, MEW 4, 474f.


    Für dich sind die stattfindenden Bewegungen nichts wert. Ich sehe daher meinen Schwerpunkt an anderer Stelle als du, und ich sehe keinen prinzipiellen Gegensatz zwischen der praktischen und der theoretischen "Erforschung der Wirklichkeit".

    Aber niemand kann mir nachsagen, dass ich Theoriearbeit zur "Erforschung der Wirklichkeit" vernachlässigen oder gar behindern würde. Mir ist also nicht klar geworden, was du von mir und dem Marx-Forum erwartest, was hier nicht schon längst getan und versucht wird.

    Wenn deine Theoriearbeit mehr bedeutet als nur die Verunglimpfung praktischer Bewegungen, ist sie hier im Marx-Forum auch willkommen.


    Gruß Wal

  • Hallo Wal,


    Wal: “wo durch theoretisch "Erforschung der Wirklichkeit" Menschen massenhaft und "unwillkürlich zu Kommunistinnen" geworden wären.“


    Das habe ich nicht gesagt, sondern ich habe von konsequenten Materialist/innen gesprochen. Die beobachten die Wirklichkeit, stoßen auf Widersprüche, erforschen, analysieren sie, wie auch immer, um sie zu verstehen, um die Phänomene, die zu ihnen führen, auf der Grundlage zu kritisieren, wie ich sie beschrieben habe, statt sich auf unfruchtbare ethisch-moralische und/oder epistomologische etc. Streitereien. einzulassen. Wer diesen Weg beschreitet kann nur Kommunist/in sein oder werden, denn was anderes als den Kommunismus soll es denn nach dem kritisierten und aufzugebendem Sein denn geben? Dass dies massenhaft geschieht habe ich auch nicht behauptet, bzw. nur im Konjunktiv, aber es geschieht und ein paar mehr haben mit einem Bein diese Richtung eingeschlagen.


    Ferner habe ich auch keinen Widerspruch zwischen Theorie und Praxis aufgemacht, sondern schon in der Auseinandsetzung mit Jens darauf hingewiesen, dass ich beide als Einheit in dem Sinne verstehe, dass sich jede Theorie in der Praxis bewähren muss. Theorie übernimmt dabei die Rolle in der Praxis Orientierung beim Beurteilen, Entscheiden und Handeln zu geben. Diese Orientierung gilt es gerade auch bei Kämpfen zu geben. Die hierfür notwendige theoretische Überzeugungs- und Schlagkraft ist bei der Linken wegen ihrerer Zerstrittenheit derzeit aber nicht vorhanden. Demnach verlaufen die aktuellen Kämpfe so, wie ich es zuvor beschrieben habe. Was ich, übrigens, nicht für eine Verunglimpfung halte, weil ich versucht habe, dies (sachlich) zu begründen. Erst wenn die Linke, nicht nur in theoretischer Hinsicht, wieder genug Energie und Kraft gesammelt haben wird und mit der entsprechenden Überzeugungs- und Schlagkraft auftreten kann, wird sie Erfolge in Kämpfen erzielen, die in Richtung soziale Emanzipation gehen. Und das ich nicht optimistisch gemeint, sondern sehe ich als einzige Möglichkeit zur Erreichung einer wirklich durchschlagenden Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen.


    Beste Grüße

    ricardo