Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie

  • Karl Marx hatte den Aufsatz „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ mit 26 Jahren geschrieben.

    Im Jahr zuvor hatte er geheiratet, aber auch seinen Broterwerb als Zeitungsjournalist verloren, weil die „Rheinische Zeitung“ von der preußischen Zensur verboten wurde. Er gründete deshalb mit dem älteren und bekannteren Privatdozenten Ruge eine eigene Zeitschrift, die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“. In der ersten Ausgabe von 1844 veröffentlichte Marx diesen Aufsatz. Das war für Karl Marx ein „Startup“. Und aus diesem ersten öffentlichen Text von Karl Marx werden heute noch mehr Passagen zitiert als aus Martin Luthers 95 Thesen.

    Der Text beginnt mit dem Satz: „Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt, ...“ (S. 378)

    Solche Sätze schreiben Leute, die den großen Überblick haben oder anderen sagen wollen, was sie zu tun haben. Der Satz richtete sich auch nicht an religiöse Menschen, sondern an die Religionskritiker. Das war nicht Hegel, der war schon 13 Jahre tot, aber Hegel hatte viele philosophische Anhänger oder Jünger und viele von ihnen befassten sich damals mit Religionskritik.

    Obwohl Marx sagt, dass die Religionskritik im wesentlichen beendet sei, trägt er dann doch noch einmal seine Kritik an der Religion vor. Der Grundgedanke seiner Kritik an der Religion ist doppelt: Einerseits sagt er: „Der Mensch macht die Religion,...“, (S. 378) andererseits ist Religion eine menschliche Reaktion auf unmenschliche Verhältnisse: „Das religiöse Elend ist einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in einem Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ... ist das Opium des Volkes.“ (S. 378)

    „Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.“ (S. 379)

    „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist, ...“ (S. 385)

    Marx gibt sich und seinen zeitgenössischen Philosophen damit ein Programm vor: Reden wir nicht mehr über Religion! Reden wir über Politik. Reden wir nicht mehr über den Himmel, reden wir über Deutschland! Über Deutschland gab es nichts Gutes zu sagen.

    „Krieg den deutschen Zuständen!“ (S. 380) ruft Marx. Er findet in Deutschland nichts als „brutale Mittelmäßigkeit“ (S. 381) und Rückständigkeit gegenüber England und Frankreich.

    Statt Religionskritik soll in Deutschland Philosophiekritik betrieben werden. Und wer sollte das tun? Die rebellischen, demokratischen Kräfte seiner Zeit, die „praktische politische Partei in Deutschland“, wie sie Marx nennt, befasste sich nicht mehr mit Philosophie, sie hat „der Philosophie den Rücken“ gekehrt. Die demokratischen Intellektuellen oder wie Marx sie nennt, die „theoretische ... politische Partei“ befasste sich mit Hegels Philosophie, aber nicht kritisch genug. „Eine näher eingehende Schilderung dieser Partei behalten wir uns vor.“

    Nachdem Marx in höchst abfälligen Worten Politik und Wirtschaft im damaligen Deutschland gestreift hatte, kam er auch endlich auf sein angesagtes Thema: die Rechtsphilosophie von Hegel. Die Philosophie von Hegel sei das einzig Fortgeschrittene in Deutschland, das einzige Gebiet, auf dem Deutschland auf der Höhe seiner großen Nachbarländer war. Während in Deutschland die praktischen Verhältnisse rückständig waren und die Bürger rückständig denken, so ist es „der Philosoph, in dessen Hirn die Revolution beginnt“. (S. 385) „Der Philosoph“ steht hier in der Einzahl. Damit verweist der 26jährige Karl vor allem auf sich selbst. Marx sieht sich in direkter Folge zu Luther, wenn er sagt: „Deutschlands revolutionäre Vergangenheit ... ist die Reformation. Wie damals der Mönch, so ist es jetzt der Philosoph, in dessen Hirn die Revolution beginnt.“ (S. 385)

    Einen „modernen Luther“ in Gestalt des jungen Marx gibt es, der das Werk Luthers vollendet.

    Aber noch existierten ein paar Hindernisse auf dem Weg zu Revolution in Deutschland. Zitat: „Die Revolutionen bedürfen nämlich eines passiven Elements, einer materiellen Grundlage. Die Theorie wird in einem Volke immer nur so weit verwirklicht, als sie die Verwirklichung seiner Bedürfnisse ist. ... Es genügt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muss sich selbst zum Gedanken drängen.“ (S. 386).

    Marx stellt fest, dass die Mittelklasse in Deutschland, die Bourgeoisie, sich „nicht zum Gedanken drängt“. Er setzt darauf, dass die leidenden Menschen „sich zum Gedanken der Revolution“ drängen, und zwar diejenigen, die nicht an „naturwüchsig entstandene Armut“, sondern an „künstlich produzierter Armut“ (S. 390) leiden. Diese leidende Klasse, die an der Gesellschaft selbst leidet, nennt Marx „Proletariat“. Noch ist dieses Proletariat ein „naiver Volksboden“, aber irgendwann schlägt „der Blitz des Gedankens“ in diesen naiven Boden ein, dann werden sich die Deutschen „zu Menschen“ emanzipieren. (S. 391)

    „Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie“... man könnte auch sagen, der Kopf ist der einzelne Philosoph in Gestalt von Karl Marx.

    Dieser Text von Marx ähnelt dem Thesenanschlag von Luther und übertrifft ihn noch. Luther hatte mit seinen Thesen auf Lateinisch geschriebenen 95 Thesen der katholischen Kirche auf einem theologischen Teilgebiet – der Sündenvergebung - seinen Fehdehandschuh hingeworfen.

    Karl Marx erklärt allen deutschen Verhältnissen insgesamt den Krieg.

    Die Rezeptionsgeschichte der Lutherthesen unterschied sich jedoch sehr von der Wirkung dieses Textes. Die 95 Thesen von Luther haben die katholische Welt aus den Angeln gehoben. Die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“ mit der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ brachten es 1844 nur zu einer einzigen Ausgabe. Man weiß nicht einmal, ob mehr als eine Handvoll Exemplare dieser Ausgabe es an der preußischen Zensur vorbei von Paris nach Deutschland geschafft haben.

    In der deutschen Revolution von 1848 spielte weder Karl Marx noch das Proletariat eine wichtige Rolle. Erst gegen Ende seines Lebens – nach der Pariser Kommune von 1871 - näherte sich Karl Marx ein bisschen der Bedeutung, die er als 26jähriger für sich erträumt hatte.


    (Alle Zitate aus: Marx-Engels-Werke Bd. 1)

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